Die Verdurstenden in der Wüste

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Titel: Die Verdurstenden in der Wüste.
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 2, S. 35
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1887
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Anlässlich einer Buchveröffentlichung wird geschildert, wie Gustav Nachtigal und einige seiner Diener kurz vor dem Ertrinken in der Wüste waren
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[35] Die Verdurstenden in der Wüste. Der jüngst verstorbene ausgezeichnete Reisende Nachtigal hat bei seinen afrikanischen Wanderungen oft die größten Beschwerden und Gefahren erduldet, wie sie seine soeben veröffentlichten Aufzeichnungen „Gustav Nachtigal’s Reisen in der Sahara und im Sudan“ (Leipzig, F. A. Brockhaus) in spannender Weise schildern. Als er von Tripolis aus seine Reise nach Bornu durch Gegenden antrat, die bisher selten eines Wanderers Fuß betreten, als er in das unbekannte Land Tibuti eingezogen war: da hatte sein Führer Kolokomi sich in der Berechnung der Entfernung bis zu einem Flußthal, wo die Wasservorräthe erneuert werden konnten, geirrt; das Wasser in den Schläuchen ging auf die Neige, und so rastlos die Wanderer mit ihren Kamelen vorwärts eilten, kein rettender Brunnen wollte sich zeigen. Hoch stieg die Sonne, der grausamste Feind der Verdurstenden, und sandte erbarmungslos ihre Strahlen auf die dunkelfarbigen Felsen am Ufer und den hellen Sand zwischen denselben, so daß durch Strahlung und Rückstrahlnug ein Meer von Gluth entstand, in welcher alle vorübergehend aufgeflackerte Thatkraft wieder verschwinden mußte. Fürchterlich wurde der Durst. Mund, Nase, Hals und Kehlkopf verloren den letzten Rest von Feuchtigkeit; enger und enger schien sich um Schläfe und Stirn ein eiserner Ring zu legen; die Augen brannten schmerzhaft, die Ermattung war grenzenlos. Und zum Unglück standen auch hier und da im Flußsande einzelne Sejalakazien, mit deren Schatten die Kamele zu liebäugeln begannen, bis sich die Thiere in das stachelige Geäst niederlegten und durch nichts mehr bewegt werden konnten, ihren Platz aufzugeben. Der Führer Kolokomi war voraus geritten, um irgendwo Wasser aufzuspüren.

Nachtigal schildert uns seinen eigenen Zustand und den der Gefährten während des langen Harrens. Bei den zwei Negern stellte sich alsbald ein Zustand bedenklichen Delirirens ein, und besonders Sa’ad erging sich in bitteren Vorwürfen über die Reise in ein so gräßliches Land. Der Italiener Giuseppe aber erhob sich endlich aus dumpfem Brüten und stürzte mit geladenem Revolver und der Ankündigung fort, daß er nicht gewillt sei, so thatenlos seinen Untergang zu erwarten, sondern entweder Wasser finden oder mit diesem Irrführer Kolokomi abrechnen wolle. Nur der alte Mohammed blieb immer in derselben ruhigen Fassung und klammerte sich an seine fatalistische Weltanschauung. Als am späten Nachmittage noch immer kein Wasser sich zeigte, erlosch auch in Nachtigal die bisher aufrechterhaltene Hoffnung. Es war so still weit um ihn her, und nicht das leiseste Geräusch störte dieses Grabesschweigen der Natur; kein Windhauch bewegte die Blätter und Zweige der wenigen Bäume; keine Regung irgend eines Lebens milderte das starre todte Aussehen der düster aufragenden Felsen. Wie sehr er auch gegen den Gedanken eines so frühen Endes seiner innerafrikanischen Laufbahn sich Tage hindurch gewehrt hatte, überwältigte ihn doch endlich die Erschöpfung, und er verfiel in einen Zustand des Traumwachens, der in solcher Lage dem Ende vorherzugehen pflegt.

Da sah er in seinem Fieberzustand mit einem Male ganz deutlich eine mächtige Ziege auf die Akazie losspringen, und auf dem gewaltigen Thiere saß eine menschliche Gestalt. Ja, ein Mensch war es in der That, und zwar ein heißersehnter, kein anderer als der Abgesandte auf seinem Kamele – und das Kamel brachte Wasser, zwei Schläuche voll Wasser, dessen bloßer Anblick den verschmachtenden Menschen helle Thränen der tiefsten Rührung entlockte. Wie durch eine zauberhafte Berührung waren Nachtigal und Sa’ad sofort aus ihren Phantasien erwacht. Nachdem Mustapha ein Dutzend Zwieback in die Trinkgefäße gebrockt, da es zuträglicher war, nach langem Durste erst etwas feste Nahrung zu sich zu nehmen, sogen sich alle voll des „köstlichsten aller Getränke“, welches diesmal so schmutzig war, daß sie es an anderen Tagen nicht angerührt hätten. Alle bisherigen Körperleiden waren nach dem ersten ausgiebigen Trunke völlig verschwunden.
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