Die Wassersnoth am Rhein

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Autor: Adolf Ebeling
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Titel: Die Wassersnoth am Rhein
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aus: Die Gartenlaube, Heft 3
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1883
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Wassersnoth am Rhein.
Von Adolf Ebeling.
Die Gartenlaube (1883) b 049.jpg

Die Ueberschwemmung in Mainz, November 1882;
Die deutsche Reichspost.

Nach der Natur gezeichnet von Ferd. Lindner.

Der Rhein! Welch ein Zauber liegt in diesem Namen! Die ganze Romantik wacht auf wie ein farbenprächtiges Märchen bild: die Ruinen auf den Höhen werden zu stolzen Burgen; der Schloßhof füllt sich mit Rittern, Knappen und Reisigen, und schöne Edelfräulein sprengen auf weißen Zeltern heran. Die Wappenfahne weht auf der höchsten Zinne; der Thurmwart bläst; die

[50] Zugbrücken senken sich an rasselnden Ketten herab, und eine schimmernde Cavalcade zieht in’s Thal hinunter nach irgend einer rheinischen Stadt zu Festspiel und Turnier.

Die Zeiten sind längst dahin; denn die Burgen sind zerfallen, aber freundliche Legenden und Sagen umschweben sie in Wahrheit und Dichtung; der herrliche Strom jedoch ist derselbe geblieben, und seine Ufer und Gelände sind im Laufe der Jahrhunderte immer schöner geworden. Zu den alten Städten gesellten sich neue; unscheinbare Weiler wurden nach und nach zu blühenden Dörfern und zu stattlichen Markflecken, und immer höher stieg die fleißige Hand der Menschen an den Bergen und Felsen empor, um ihnen fruchtbares Erdreich für den Wein- und Feldbau abzugewinnen. Handel und Gewerbe blühten bis in die keinsten Ortschaften, und der Verkehr auf Eisenbahnen und Dampfschiffen wuchs nach und nach zu einer Bedeutung, wie kaum anderswo in Deutschland.

Der unendliche Liebreiz der Gegend kam hinzu, den Rhein weit und breit berühmt zu machen, sodaß er längst für alle Reisenden und Touristen Europas ein Hauptmagnet geworden, und wenn sie auch Schottland oder Norwegen, die Schweiz oder Italien besucht hatten und durch die prächtigen landschaftlichen Bilder jener Länder fast übersättigt waren an Naturgenüssen: den Rhein begrüßten sie mit stets neuer Freude, und vom Rheine wurde ihnen stets die Trennung am schwersten. Die sympathische Bevölkerung der Rheinlande hatte unleugbar großen Antheil daran:

„Die Frauen so frank und die Männer so frei,
Als wär’ es ein adlig Geschlecht;
Gleich bist Du mit glühender Seele dabei –
So dünkt es Dich billig und recht.“

Und dazu der Gesang und der Wein! Denn wenn schon Deutschland vor allen übrigen Ländern berühmt ist durch Musik und Gesang, so gebührt den Rheinlanden von diesem Ruhm die Krone, und wie das Gold das edelste und kostbarste unter allen Metallen, so ist auch der goldene Rheinwein der König unter den Weinen, und deshalb segnet auch der große Kaiser Karl alljährlich im Lenz die Reben am Rhein.

Unvergeßlich ist gewiß Jedem, dem sie vergönnt gewesen, die Erinnerung einer Rheinfahrt an einem schönen Sommertage mit befreundeten Genossen. Hier langgedehnte, bewaldete Höhenzüge, dort senkrecht gen Himmel ragende Felsmassen, dann bei einer Biegung des Stromes unabsehbare auf- und niedersteigende Rebengelände, und wo die Berge einen Durchblick in die Ebene gestatten, gleich unabsehbare Kornfelder und Wiesen, nach dem alten Volkswort: „Korn und Wein segnet der Rhein“. Städte und Ortschaften spiegeln sich in den klaren Wellen; elegante Landhäuser und stattliche Villen, oft wahre Fürstensitze, schauen überall hervor aus dem Grün, und in den sorgfältig gepflegten Gärten, die gern bis dicht an den Strom gehen, sind Grotten und Lusthäuschen erbaut, liebliche Ruhesitze zu einem Rundblick über das herrliche Panorama.

Und welch fleißige und rührige Bevölkerung! Jung und Alt, Vornehm und Gering in lebendiger Bewegung, Jeder in seinem Kreise wirkend nach Kraft und Vermögen, und Gruß und heiterer Zuruf von allen Seiten, wenn die bewimpelten Dampfschiffe vorüberziehen oder wenn die Reisenden in den schmucken Wirthshäusern einkehren! Gute, daseinsfrohe Menschen! Herrliches, gesegnetes Land! .

Und jetzt, welch eine Wandlung voll Grauen und Entsetzen! Von Mainz und weiter hinaus bis hinunter nach Düsseldorf und weiter hinab ist der schöne, friedliche Strom ein wild brausendes Meer geworden, dessen ungeheure Wassermassen dort, wo die Felsen des Bettes sie einengen, in furchtbarem Wirbel dahin schießen, Alles mit sich fortreißend, was in ihren Bereich kommt, und dort, wo die offenen Thäler einen Abfluß gestatten, alle Niederungen meilenweit überflutend.

Fast alljährlich und gewöhnlich im Frühjahr zur Zeit des Eisganges tritt freilich der Rhein aus seinen Ufern und setzt die tiefergelegenen Felder und Wiesen und auch einzelne Theile der allzu dicht am Strome liegenden Städte und Ortschaften unter Wasser, aber die Bevölkerung ist mit diesen im Allgemeinen nicht bedeutenden Fährlichkeiten längst vertraut und weiß sich dagegen genugsam zu schützen. Anders ist es schon mit den größeren wirklichen Ueberschwemmungen, die viel Noth und Gefahr bringen und durchschnittlich alle fünfzehn bis zwanzig Jahre eintreten, so in diesem Jahrhundert die von 1811, von 1845 und namentlich die von 1876. Die letztere ist noch überall in schrecklichem Andenken, und da nur wenige Jahre seitdem verflossen sind, spo hatte man um so mehr Veranlassung, eine baldige Wiederkehr nicht zu befürchten.

Alte Leute erinnerten sich bei dieser Gelegenheit wohl der Erzählungen ihrer Eltern und Großeltern, welche die furchtbare Wassersnoth von 1784 mitgemacht hatten, die größte und verderblichste seit vielen Jahrhunderten, und trösteten die ängstlich Zuhörenden mit der Versicherung, daß dergleichen eben nur alle hundert Jahre vorkäme, und das kaum.

Als daher gegen Mitte October dieses Jahres der Rhein in Folge der anhaltenden Regengüsse stark zu steigen und die Flachlande zu überschwemmen begann, blieb man guten Muthes, traf die nöthigen Vorkehrungen und athmete schon nach acht Tagen wieder auf; denn die Wasser sanken und die Gefahr schien beseitigt.

Aber dies war nur ein mattes, unbedeutendes Vorspiel zu dem furchtbaren Drama, das ein düsteres, unerbittliches Geschick über das schöne Land verhängte und das sich einen Monat später in so grauenhafter Weise verwirklichen sollte. Die letzte Novemberwoche 1882 wird in den Annalen der Rheinlande auf langehin mit Schreckensbuchstaben verzeichnet stehen – aus Millionen Herzen stieg der Wunsch empor: gebe Gott, auf Nimmerwiederkehr! (Und doch stehen wir heute, wo dieses gedruckt wird, vor der schrecklichsten Wiederkehr des steigenden Verderbens! Der Leser gestatte uns, zunächst jene Nothtage zu schildern, auf die jetzigen aber am Schluß zu kommen! D. Red.)

Nach langen trüben Schnee- und Regentagen kamen am 21. und 22. November in der unteren Rheingegend und speciell in Köln und Düsseldorf die beunruhigendsten Nachrichten vom Oberrhein, die das Schlimmste befürchten ließen, und am 25. begann die entsetzliche Katastrophe. Das war diesmal keine Ueberschwemmung, wie in früheren Jahren, kein langsames, wenn auch bedrohliches Steigen des Stromes, sondern ein fast plötzliches und jedenfalls unerhört schnelles Hereinbrechen ungeheuerer Wassermassen von allen Seiten, die in dem tiefen Rheinbette ihren Ausgang suchten und mit rasender Gewalt dahinstürmten. Die zahlreichen und in gewöhnlichen Zeiten meist harmlosen Nebenflüsse waren zu reißenden Strömen angeschwollen, vor allen die Mosel, die auch diesmal wieder, und schlimmer als je, ihren tückischen Charakter zeigte; denn sie stieg in kaum vierundzwanzig Stunden nicht fuß-, sondern meterweise, überfluthete dabei ihr eigenes Gebiet weitin nach allen Richtungen und führte trotzdem bei Coblenz dem Rheine ihre hochgehenden Wogen zu. Und Aehnliches meldete man von den nahen und fernen Flüssen des Südens, so namentlich vom Main und Neckar, und der Rhein selbst stieg dadurch zu einer seit Menschengedenken nicht dagewesenen Höhe. Die furchtbaren Naturkräfte waren entfesselt und begannen ihr grausiges, verderbenbringendes Spiel, und die Menschen schauten mit bewunderndem Entsetzen die tobenden Gewalten und fühlten verzweifelnd ihre Ohnmacht. Nicht als ob sie die Hände müßig in den Schooß gelegt hätten: im Gegentheile, tausend und aber tausend Hände waren ohne Aufhören thätig, von früh bis spät, und während der gefährlichen Periode auch die Nächte hindurch, vielfach von Erfolg gekrönt, aber leider noch weit häufiger vergeblich. Denn von sämmtlichen am Rheine gelegenen größeren und kleineren Städten, von allen Städtchen und Ortschaften bis zum letzten Dörfchen, und in einer Ausdehnung von mehr als fünfundzwanzig deutschen Meilen liefen immer neue Schreckensnachrichten ein und eine immer schrecklicher als die andere; man vernahm sie mit wehmüthiger Theilnahme, aber der eigene Herd schien fast Jedem am schlimmsten bedroht.

Um sich einigermaßen ein annähernd richtiges Bild dieser entsetzlichen Wassersnoth zu machen, sind durchaus zwei verschiedene Gesichtspunkte nöthig. Der eine ist das Anschwellen und Steigen des keinsten Baches wie des größten Stromes – stetig, unaufhaltsam und unerbittlich, höher und immer höher wälzen sich die Fluthen; der andere ist der plötzliche und gewaltsame Durchbruch der Deiche. Im ersteren Falle, wo man die Gefahr kommen und näher und näher rücken sieht, ist es möglich, die nöthigen Vorkehrungen zu treffen; man räumt die Keller und Parterrewohnungen und bezieht die oberen Stockwerke, oder sucht, wo das nicht thunlich ist, ein Asyl [51] an höher gelegenen Orten: auch findet man stets bereitwillige Hülfe bei den weniger bedrohten Einwohnern; denn das gemeinsame Unglück nähert die Menschen und öffnet die Herzen. Im zweiten Falle dagegen tritt die Katastrophe urplötzlich ein: der Damm zerreißt; die bis dahin hochaufgestauten Gewässer brechen wie Meeresfluthen herein, und zehn, zwanzig Minuten genügen, um die niedrig gelegenen Ortschaften, denen eben der Damm Schutz gewähren sollte, in einen weiten tiefen See zu verwandeln. Da gilt es, in wilder Hast nur das nackte Leben zu retten und Hab und Gut im Stiche zu lassen; auch von gegenseitiger Hülfe ist kaum mehr die Rede; denn Jeder denkt nur an sich und an die Seinigen und der Bauer höchstens noch an sein Vieh, seinen größten und oft einzigen Reichthum, und auch das muß in vielen Fällen geopfert werden. Im Ganzen haben während der Novemberkatastrophe allein im Rheingebiete fünf solcher Deichbrüche stattgefunden, von denen zwei geradezu unerhörte Calamitäten herbeiführten: der eine in der Niederung bei Worringen zwischen Köln und Neuß und der andere bei Niehl in der Nähe von Köln.

Der bei Worringen war wohl der grauenvollste von allen: am 27. November war die ganze gesegnete Landschaft in ein einziges, über eine Quadratmeile großes Meer verwandelt, aus welchem die Baumgipfel und Dörfer hervorragten; lebendes und todtes Vieh treibt auf den Fluthen, dazwischen die auf den Feldern losgeschwemmten Fruchtbarmen, ebenso Ackergeräthe und unzähliger Hausrath aller Art, zertrümmert und verloren und den Winden und Wellen preisgegeben, Balken, Bretter und leere schaukelnde Fässer, auch wohl ein mit Menschen überfüllter Nachen, Männer, Frauen und Kinder, in allen Augen Thränen, auf allen Gesichtern bleiches Entsetzen; dazu das Läuten der Sturmglocken von den Kirchthürmen (die Kirchen selbst vielfach vom Wasser erreicht) und ein dunkler, bleischwerer Himmel wie ein Leichentuch über dem Fluthengrabe. Auf einer Anhöhe in der Ferne stehen andere Menschen, die bereits gerettet sind und die mit wehenden Tüchern ihren Leidensgefährten zuwinken. Das ist ein, wenn auch nur flüchtig skizzirtes Jammerbild unter vielen hundert ähnlichen.

Am 29. November gegen Abend hatten die Fluthen des Rheins ihren Höhepunkt erreicht, zugleich den höchsten in diesem Jahrhundert: nun endlich standen die Wasser und die geängstete Bevölkerung, so schwer sie auch getroffen war, schöpfte Hoffnung und frischen Muth. Die Verheerung war freilich fürchterlich und spottet jeder Beschreibung. Wer beispielsweise von irgend einer Höhe des Siebengebirges, oder weiter hinauf, etwa vom Schlosse Stolzenfels, wo auf dem rechten Ufer die Lahn und auf dem linken die Mosel in den Rhein mündet, in die Thalebene hinabschaute, erkannte die Gegend nicht mehr; denn eine unabsehbare Wasserfläche, ein Ocean war an die Stelle der weitgedehnten Felder und Fluren getreten, und manche kleinere Ortschaft war so gut wie ganz verschwunden. Coblenz und Neuwied hatten furchtbar gelitten, nicht minder Sanct Goar, Rüdesheim und Bingen – doch wollten wir hier die einzelnen Städte nennen, so könnten wir nur nach der Rheinkarte bei Mainz anfangen, um bei Düsseldorf aufzuhören. Nur das ist wohl mit Sicherheit anzunehmen, daß die Städte und mehr noch die Flachlande des Niederrheins von Bonn über Köln bis Düsseldorf am schwersten heimgesucht wurden, was sich schon dadurch erklärt, daß hier der Strom völlig und ganz in die Ebene tritt und seine Wassermassen zu beiden Seiten stundenweit abgeben kann, bevor er nach Emmerich, der letzten preußischen Stadt an der holländischen Grenze, gelangt. Deshalb ist auch bei Emmerich die Ueberschwemmung nur unbedeutend gewesen und das holländische Rheingebiet ist so gut wie ganz verschont geblieben.[1]

Nach dem banalen Volksworte, daß jedes große Unglück gewöhnlich auch von einem großen Glücke begleitet ist, wird bei der Wassersnoth im November als Trost hervorgehoben, daß während der Schreckenstage kein Sturm gewüthet hat, was die Noth und Gefahr natürlich noch gesteigert haben würde. Dies ist allerdings nicht zu leugnen, aber es ist doch, angesichts des entsetzlichen Elends, nur ein leidiger Trost. Und ein Umstand kommt hinzu, der diese Ueberschwemmung zu der schlimmsten und folgenschwersten von allen macht, der nämlich, daß sie im Spätherbst, also dicht vor Anfang des Winters stattgefunden hat, wohingegen alle vorhergehenden stets im Frühjahr eintraten. Der Grund davon liegt auf der Hand. Im Herbst sind alle Feldfrüchte eingeheimst, desgleichen die Vorräthe an Gemüsen, in erster Reihe Kartoffeln, Rüben und Kohl, ebenso der Feuerungsbedarf, kurz alles Nöthige, um den Unbilden der kalten und bösen Jahreszeit zu begegnen.

Das Alles ist jetzt zum größten Theil und in vielen Ortschaften gänzlich verdorben und verloren, und die wirkliche Noth, das heißt die Sorge um das tägliche Brod, ist bei tausend Familien eingezogen. Dies gilt hauptsächlich von der Landbevölkerung und überhaupt von den „kleinen Leuten“, die mit Angst und Zagen dem nahen Winter entgegen gehen. Die letzte Ernte war überdies nur eine sehr mittelmäßige, und der Ertrag des Weinbaues schon seit mehreren Jahren ein kläglicher. Nun noch die weithin überschwemmten Kornfelder, wo die Wintersaat überall und vielfach sogar die „Ackerkrume“ zerstört ist, und wo die Neubestellung doppelte und dreifache Arbeit kostet! Auch sind die Wohnultgen auf dem Lande größtentheils weniger gut und solid gebaut als in den Städten, und hunderte kleiner Bauernhäuser sind eingestürzt oder doch völlig unbewohnbar – Alles trostlose, beklagenswerthe Zustände, wo rasche, durchgreifende und weitumfassende Hülfe dringend geboten ist.

Daß wir aber auch nur gleich hinzusetzen: viel, unendlich viel ist geschehen und geschieht noch täglich nach allen, allen Richtungen hin zur Linderung, sowohl der augenblicklichen Noth, wie auch in Fürsorge der nächsten Zukunft. Und das ist die schöne und herzerfreuende Lichtseite unserer sonst so betrübenden Schilderung. Manchmal scheint es wirklich, als ob die Vorsehung in ihren unergründlichen Rathschlüssen große Calamitäten in Form schrecklicher Naturereignisse über ganze Länderstrecken verhänge, um den Menschen Gelegenheit zu geben, sich von ihrer edelsten und schönsten Seite zu zeigen: in den Werken christlicher Nächstenliebe. Das war hier der Fall.

Schon in den ersten Tagen der Ueberschwemmung waren hülfreiche Arme in Menge bereit, als aber die Wasser wuchsen und wuchsen, als Noth und Gefahr immer großer wurden mit jedem Tage, zuletzt mit jeder Stunde, da stand die verschont gebliebelte Hälfte der Bevölkerung auf wie Ein Mann und bot der heimgesuchten Hälfte die rettende Bruderhand. Die Localbehörden waren überall so gut wie in Permanenz; denn der Nothbrücken- und Nachendienst mußte auf das schleunigste hergestellt werden, um wenigstens das Leben der bedrohten Menschen zu retten, wenn sonst nichts mehr zu retten war. Herzerschütternde Scenen sind dabei vielfach vorgekommen, so in Köln und in Coblenz, wo Wöchnerinnen aus dem dritten Stockwerk herabgelassen und Kranke und Gebrechliche in ähnlicher Weise geborgen werden mußten.

Wir könnten lange Seiten füllen mit Aufzählung derartiger Einzelnheiten, und dabei sind wohl nur die wenigsten derselben in die Oeffentlichkeit gedrungen. Auch an Handlungen hochherziger Selbstaufopferung hat es nicht gefehlt. Unerschrockene Männer retteten mit Gefahr ihres eigenen Lebens hülflose Frauen und Kinder, namentlich bei den Dammbrüchen, wo die wasserkundigen Rheinschiffer sofort große Flöße gezimmert hatten und ganze Familien mit ihren schnell zusammengerafften Habseligkeiten aufnahmen und in Sicherheit brachten.

Leider ist auch der Verlust manches Menschenlebens zu beklagen, wenngleich die bisjetzt bekannt gewordene Zahl der Opfer im Verhältniß zu der außerordentlich großen Ausdehnung der Ueberschwemmung Gottlob nur eine geringe ist. Ein entsetzlicher Unglücksfall ereignete sich in Offenbach bei Frankfurt, wo ein altes baufälliges Haus so plötzlich von den Fluthen ergriffen wurde, daß man in der Hast drei Kinder von zwei, sechs und acht Jahren vergessen hatte. Die Mutter, die ihre Kinder schon gerettet glaubt, eilt zurück, aber die treue Dienstmagd drängt sich vor, arbeitet sich durch das Wasser wieder in das Haus hinein und gelangt auch in das obere Stockwerk zu den Kindern. In demselben Augenblicke stürzt das Gebäude mit furchtbarem Krachen zusammen und begräbt die Unglücklichen in den Trümmern. Alle Rettungsversuche waren vergebens; denn die Straße war zu einem reißenden Strom geworden. Erst am Abend des nächsten Tages gelang es, die vier Leichen unter dem Schutt hervorzuholen. Die Magd hielt das kleinste Kind noch in den Armen. Man denke sich den Schmerz der Eltern!

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Die Gartenlaube (1883) b 052 1.jpg

Die Ueberschwemmung in Mainz, November 1882;
Versorgung mit Trinkwasser.

Nach der Natur gezeichnet von Ferdinand Lindner.

Dieser grauenhafte vierfache Todesfall steht glücklicher Weise vereinzelt da, aber andere Fälle, wo namentlich Kinder in der Angst und Hast der nächtlichen Flucht verloren gingen und später als Leichen aufgefunden wurden, haben sich leider mehrfach wiederholt. Sehr häufig schwebten übrigens, besonders in den abgelegenen Stadttheilen, ganze Familien Stunden, ja halbe Tage lang in Lebensgefahr, bevor die erlösenden Boote sie abholen konnten; denn Hunderte und Tausende, die sich in gleicher Lage befanden, mußten gerettet werden, und Einige mußten unvermeidlich die Letzten sein.

Dann galt es, die Geretteten anderweitig, wenn auch vor der Hand nur provisorisch, unterzubringen, und auch hier kamen wieder die von der Wassersnoth verschont Gebliebenen den Unglücklichen von allen Seiten entgegen. Hülfsvereine hatten sich schon gleich in den ersten Tagen gebildet, als die Gefahr so bedrohlich zu werden begann, und nun entfalteten vorzugsweise die Frauen ihre segensreiche Thätigkeit. Keine Stadt, keine Ortschaft, zuletzt kein Dorf, wohin sie den Bedürftigen nicht ihre Liebesgaben entweder selbst brachten oder sandten: Betten, Kleider, die nothwendigen Haus- und Küchengeräthe und vor Allem Lebensmittel in Menge; denn gerade diese mangelten vollständig. Es schien ein wahrer Segen auf diesen Vertheilungen zu ruhen; denn je mehr die Vereine in Anspruch genommen wurden, desto reichlicher flossen die Gaben. Bäcker lieferten hunderte von Broden umsonst, oder doch für den halben Preis; Bergwerksbesitzer sandten Kohlen waggonweise nach allen Richtungen, Getreidehändler Mehl und Hülsenfrüchte, und von allen bemittelten Familien wurden Kleidungsstücke, Wäsche und sonstige Effecten massenhaft nach den verschiedenen Sammelstätten geschickt.

Die Gartenlaube (1883) b 052 2.jpg

Die Ueberschwemmung in Mainz, November 1882: Ein Begräbniß.
Nach der Natur gezeichnet von Ferdinand Lindner.

Das war zur Linderung der ersten Noth. Gleichzeitig waren die eigentlichen Unterstützungscomités zusammengetreten, und noch bevor derselben durch das ganze Land ihre Aufruse erlassen hatten, gingen schon Geldsendungen ein. Die Reichen gaben viel, manche mehrere tausend Thaler, die weniger Begüterten nach Kräften, und selbst die Unbemittelten wollten nicht zurückbleiben. Auch im übrigen Deutschland wurden Sammlungen angestellt, und von Berlin, Hamburg, Leipzig, Dresden, Königsberg waren bereits um die Mitte des Decembers namhafte Summen eingetroffen. Und immer weiter hinaus erstreckte sich die Theilnahme: von den Deutschen in London und Paris, aus Oesterreich kamen Beiträge, und die Listen sind, so Gott will, noch lange nicht geschlossen. Der preußische Minister des Innern stellte eine Beihülfe von einer halben Million aus Staatsmitteln in Aussicht, und die Provinziallandtage von Rheinland und Westfalen votirten eine ähnliche Summe. So werden leicht mehrere Millionen zusammenkommen, aber viele, viele Millionen sind auch nöthig, um alle Wunden nur einigermaßen zu heilen und alles Verlorene nur theilweise zu ersetzen. Bis

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Die Ueberschwemmung in Neustadt an der Haardt, Ende November 1882.
Nach einer Photographie im Verlage von A. Reinhard in Neustadt an der Haardt.

Die Gartenlaube (1883) b 053 2.jpg

Eingestürztes Haus am Burgplatz in Düsseldorf.
Nach einer Photographie im Verlage von H. Juppen in Düsseldorf.

[54] jetzt ist es unmöglich, auch nur annähernd die Höhe des Gesammtschadens in runder Summe anzugeben; man spricht vo wenigstens zehn bis zwölf Millionen Mark, aber noch gegen Ende December, wo diese Zeilen in Druck gehen[2], laufen immer neue Reclamationen ein, sodaß die amtlichen Sitzungsberichte der Sachverständigen noch nicht vorliegen.

Mittlerweile verfolgt die Privatthätigkeit mit immer neuen und von den günstigsten Erfolgen gekrönten Anstrengungen ihr edles Ziel. Theatervorstellungen und Concerte zum Besten der Ueberschwemmten werden in allen größeren Städten gegeben; Bazare und Lotterien sind projectirt, und die Männergesangvereine, diese schöne Spezialität der Rheinlande, werden auch bald zu diesem Zwecke ihre kleinen Kunstreisen antreten Man wird sie überall willkommen heißen.

So öffnen sich rings die Quellen des Wohlthuns, hier kleine Bäche, dort größere Zuflüsse, und alle zusammen vereinigen sich in dem großen Strom der opferfreudigen Nächstenliebe. O möchte auch dieser Strom aus seinen Ufern treten und zu einer Ueberschwemmung werden, aber zu einer Ueberschwemmung des Segens und des Heils! Wenn wir dann im nächsten Sommer den alten Vater Rhein wieder begrüßen, dem wir jetzt zürnen müssen und den wir doch so lieb haben, so werden uns die Bewohner doppelt herzlich entgegenkommen, und ihr Dank für das, was wir für sie in den Tagen großer Noth gethan, wird wie ein lichter Regenbogen nach einem schweren Gewitter über den herrlichen Bergen und Geländen stehen. Das walte Gott!

*     *     *

Kaum hatten wir diesen Artikel vollendet und eingesandt, als bedrohliche Anzeichen einer neuen Ueberschwemmung von allen Seiten laut wurden. Noch waren die Wasser der ersten furchtbaren Katastrophe nicht verlaufen; noch standen viele tausend Morgen Ackerland in Schmutz und Schlamm; noch waren die unzähligen Wohnungen in Städten und Dörfern kaum nothdürftig gereinigt und getrocknet und von den Bewohnern, die eben kein anderes Obdach hatten, wieder bezogen worden, als auf’s Neue der Nothschrei durch die Lande ging und alle Herzen mit wahrer Verzweiflung erfüllte.

Man schenkte anfangs den entsetzlichen Nachrichten aus dem Süden, namentlich aus dem Main- und Neckargebiete und aus dem ganzen badischen Oberlande, dessen zahlreiche Flüsse zu hochgehenden Strömen angeschwollen sein sollten, keinen vollen Glauben; sogar der Bodensee sollte so hoch stehen, wie kaum je seit Menschengedenken, aber nur zu bald ward man inne, daß jene Hiobsposten nicht nur nicht übertrieben waren, sondern noch vielfach hinter der grausigen Wirklichkeit zurückblieben. Schon wenige Tage später, und das ganze Rheinthal war von Neuem überfluthet; die neuen Wassermassen hatten nur zu schnell den Weg wieder gefunden, den ihnen diejenigen des vergangenen Monats so schrecklich gebahnt, und diesmal noch schneller und in den meisten Gegenden noch gefahrdrohender und verheerender. Der Hauptgrund hiervon lag in den vielen Dammbrüchen, welche diesmal weit häufiger eingetreten waren, als im November; denn die Dämme hatten damals zwar Widerstand geleistet, aber von dem gewaltigen Anprall der Fluthen so stark gelitten, daß sie einem nochmaligen erliegen mußten, und deshalb sind auch bei dieser zweiten Ueberschwemmung weit mehr Menschenleben zu bekagen. Die Lokalblätter wimmeln von herzerschütternden Einzelheiten. So haben bei einem Brückeneinsturz zu Lörrach 15 Menschen das Leben verloren, und aus gar vielen Ortschaften Badens, des Ober- und Niederrheins und der Rheinpfalz werden Todesfälle durch Ertrinken gemeldet.

Noch schrecklichere Nachrichten kommen aus Ludwigshafen: dort ist ein großer Kahn mit vierzig Insassen, die den Ueberschwemmten Lebensmittel bringen sollten, umgeschlagen, und nur fünf Personen wurden gerettet. In Frankenthal war eine fürchterliche Sylvesternacht: vier Dämme brachen fast zu gleicher Zeit und setzten das ganze Gebiet zwischen Ludwigshafen und Worms meterhoch unter Wasser. In den dortigen Ortschaften sind die Häuser buchstäblich zu hunderten eingestürzt, und mehrere tausend Obdachlose, die Alles, Alles verloren haben, mußten in Kirchen, Schullocalen und in den höher gelegenen Häusern untergebracht werden. Das Elend und die Noth dieser Unglücklichen entzieht sich jeder Beschreibung.

Auch ist das Ueberschwemmungsgebiet diesmal ein größeres als im November, und mithin die Noth der Heimgesuchten eine doppelte. Für viele tausend Familien, und natürlich vorwiegend der unteren, unbemittelten Classen, hat die diesjährige Weihnachtswoche nur Elend und Schrecken gebracht; das schöne Christfest, das Fest der Freude, der Kinderfreude zumal, wo auch in den ärmlichsten Hütten fast immer ein Lichterbäumchen schimmert, ist düster und freudlos vorübergezogen. Man dankte Gott, wenn man nur das eigene Leben und das der Seinigen vor den wilden Fluthen glücklich in Sicherheit gebracht hatte, und die ängstliche Sorge um das tägliche Brod und für die gesammte Existenz nahm alle übrigen Gedanken in Anspruch. Der schöne, in besseren Zeiten vieltausendfach erklingende Wunsch vergnügter Feiertage und der nicht minder schöne eines glückseligen Neujahrs wäre für all die Unglücklichen bittere Ironie gewesen, und auch die Begüterten und verschont Gebliebenen konnten sich diesmal nicht so herzlich und unbefangen freuen, wie sonst; denn auch auf ihnen lastete die entsetzliche Calamität, wie der wolkenschwere Himmel, der gerade in der Festwoche fast überall und fast ununterbrochen seine Regenmassen herabsandte. Nur in dem einen Gedanken begegneten sich Alle: zu helfen und zu lindern, so viel und so weitgehend man nur irgend konnte. Die Aufrufe schilderten von Neuem und noch eindringlicher als zuvor die allgemeine Noth; von Neuem flossen und fließen die Gaben und Beiträge, und die öffentlichen Behörden und die unzähligen Privatvereine wetteifern in der Erfüllung der ihnen obliegenden schönen Pflichten zur Unterstützung ihrer leidenden Mitmenschen. Mit Gottes Hülfe wird es schon gelingen, dem augenblicklichen und größten Elend zu steuern; das Weitere wird dann freilich der staatlichen Fürsorge überlassen bleiben; denn hier ruft eine Noth des Vaterlandes um Hülfe und hat das Reich die Hand zu erheben, um die schrecklichen Wunden zu heilen, die ein hartes Geschick den schönen Rheinlanden jetzt zweimal geschlagen.

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Die Gartenlaube (1883) b 056.jpg

Die Ueberschwemmung in Mainz, November 1882:
Straßenverkehr.

Nach der Natur gezeichnet von Ferdinand Lindner.



  1. Bekanntlich theilt sich der Rhein unterhalb Emmerich in zwei Arme, von denen der linke sich mit der Maas vereinigt und in die Nordsee fällt. Der rechte theilt sich dann wieder in mehrere größere und kleinere Arme und führt seine Hauptmase der Zuydersee zu.
  2. Die Veröffentlichung derselben mußte wegen der anzufertigenden Illustrationen hinausgeschoben werden. Von den lebenstreuen an Ort und Stelle aufgenommenen Bildern erfordern einige eine nähere Erklärung. Es war nämlich ein guter Gedanke unseres Künstlers, uns die furchtbare Hochfluth des November nicht in den das Land überströmenden Wasserflächen der freien Natur darzustellen, sondern uns in einer Bilderreihe die Wandelungen zur Anschauung zu bringen, in welche plötzlich das Leben der Menschen in einem vom Wasser überfallenen Gemeinwesen umgestaltet wird. Er wählte dazu Mainz, das ihm nicht blos ein großes Gemeinwesen, sondern auch die Ueberschwemmung im höchsten Grade darbot; denn dort quoll das Wasser schon übermächtig aus der Erde hervor, ehe noch der Rhein seine Fluthen in die Stadt warf. F. Lindner hatte keine leichte Arbeit, es galt da nicht, Skizzen am Fenster zu entwerfen; er mußte sich in allen Ecken und Winkeln des Ueberschwemmungsgebietes selbst herumtreiben, an Pontoniere, Schutzmannschaft, Feuerwehren u. dergl. sich anschließen, um den rechten Stoff zusammenzufindem. Was wir davon unseren Lesern mittheilen, können wir zu leichterer Uebersicht classificiren. Vor Allem mußte der Verkehr in den Straßen möglich gemacht werden. So weit dies angeht, stellt man die Straßenverbindung durch Bretter auf fester Balkenunterstützung her. Es sind Eilbauten, deren Beschreibung auch zu manchen heiteren Scenen führt. An Kreuzungspunkten, von denen unsere Illustration uns eine zeigt, hilft ein Schutzmann den Aengstlichen vorüber; der Schlauch, den wir unter der Bretterlage hinlaufen sehen, gehört zur Wasserleitung. – Das Zweitnöthigste bei solcher Erschwerung, ja oft Absperrung des Verkehrs ist die Beischaffung von Nahrungsmitteln. Unser Künstler zeigt uns, wie die Feuerwehr sich um die Wasserversorgung der überschwemmten Straßen verdient macht; in derselben Weise führt man auch andere Lebensmittel aus Fahrzeugen aller Art herbei, die dann mittelst Seilen in Körben, Eimern oder Säcken, ja nach der Art der Waare, von den Bewohnern in die höheren Stockwerke emporgezogen werden. In ähnlicher Weise sorgt die Reichspost für den ununterbrochenen Fortgang des geistigen Zusammenhangs der Menschheit auch über die Hochfluth der Straßen und Gassen hin, nur daß der Fahrpostwagen dem Postkahne Platz gemacht hat und der Postbote statt die Treppen im Innern die Leitern am Aeußeren der Häuser zu ersteigen hat. Und setbst den letzten Gang des Menschen hält die Wasserfluth nicht auf: auch der Sarg findet seine Stätte im Kahne, wohin der Wagen ihn nicht befördern kann. Unheimlich erleuchtet die Pechflamme das stille Gewässer, aus welchem der Begräbnißzug dahinschwimmt, bis er landen muß und der Todte endlich doch zu dem Häuflein Erde kommt, von dem man wünscht, daß es leicht sei. – So hat F. Lindner uns an verschiedene Stellen von Mainz geführt; wenn wir dieselben Straßen wiedersehen, den Fuß auf trockenen Steinen, so wird das Bild der Fluth uns wie ein Märchentraum erscheinen, und doch ist sie eine so ernste, für Hunderttausende an den deutschen Strömen so furchtbare Wahrheit gewesen.
    D. Red.