Die Weinlese am Rhein

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Autor: Ferdinand Hey’l
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Titel: Die Weinlese am Rhein
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aus: Die Gartenlaube, Heft 44, S. 694–697
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Kurzbeschreibung:
Aus den Gärten und von den Bergen Nr. 2
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[693]
Die Gartenlaube (1867) b 693.jpg

Weinlese am Rhein.
Nach einem Oelgemälde von W. Kels.

[694]
Aus den Gärten und von den Bergen.
Nr. 2. Die Weinlese am Rhein.


Er kommt zur Welt auf sonnigem Stein,
Hoch über dem Rhein, hoch über dem Rhein,
Und wie er geboren, da jauchzt überall
Im Lande Trompeten- und Paukenschall;
Da wehen mit lustigen Flügeln
Die Fahnen von Burgen und Hügeln.


Der Spätherbst zieht heran, – die eigentliche Erntezeit am Rheine – die Zeit, in der hier ein doppeltes Leben, ja, eine neue Zeitrechnung beginnt; denn aller Wohlstand des Landes, alle Behaglichkeit des bürgerlichen Lebens und Verkehrs erwächst dem Rheinland aus den Erfolgen und Erträgnissen des Herbstes.

Jahrhunderte lang haben die Rheinlande nicht so gesegnete Zeiten gesehen wie seit dem Jahre 1857. Sechs Jahrgänge – sechs Weinernten – gaben einen so köstlichen Rebensaft, daß den Kennern der edlen Bacchusgabe die Wahl wahrhaft schwer wurde, da jeder der verschiedenen Jahrgänge (1857, 58, 59, 61, 62, 65) seine besonderen Vorzüge hatte – es scheint fast, als sollten sie sich gegenseitig ergänzen. Während sonst seit mehr denn fünfzig Jahren durchschnittlich nur alle eilf Jahre ein vorzüglicher Wein die Arbeit des rheinischen Winzers lohnte, während sonst wohl die Noth und Sorge im bescheidenen Hause des Weinbauern überhand nahm, erfreut sich jetzt das Rheinland, absonderlich das Rheingau, eines Wohlstandes, wie er seit Decennien hier nicht einkehrte, und deshalb lächeln uns überall heitere, lebensfrohe Gesichter entgegen, fröhliche Grüße und Jauchzer heißen uns willkommen und die sprüchwörtliche muntere Laune des Rheinländers heimelt uns in erhöhtem Maße an – denn wieder steht die Ernte vor der Thür.

Mag man das Feuer der spanischen, ungarischen, Madeira- und Capweine preisen, mag man die Burgunder- und Medocweine ob ihrer eigenthümlichen Wirkungen vorziehen – der edelste, poetischste und anregendste der Weine bleibt der göttergewürzte Nektar des Rheines. Es giebt keinen anderen Rebensaft, der sich der begeisternden Wirkung, der herrlichen „Blume“ (Bouquet) des rheinischen Weines rühmen könnte –

Und wüßten wir, wo Jemand traurig läge,
Wir gäben ihm den Wein!“ –

Besuchen wir darum einmal gemeinschaftlich die Quellen, an denen man die „göttlichen Tropfen“ gewinnt, wir meinen die rebengeschmückten Berge des Mittelrheines mit ihren grünen, schlanken Trostesspendern, die der Hand des Winzers ungeduldig zu harren scheinen. Wir verlassen die Eisenbahn und sind mit einem Schritt mitten im Herzen des großen deutschen Weingartens, mitten in der „gleichsam durch Gärten unterbrochenen Uferstadt des majestätischen Rheinstroms“ – und kaum haben wir das scharf am Ufer herziehende Eisenbahngleis überschritten, so tönt uns schon der hundertstimmige Gesang fröhlicher Winzerinnen und Winzer entgegen. Auf der ganzen Straße, die wir in der Richtung nach den Weinbergen berühren, herrscht reges Leben. Mostwagen und Winzer mit Kannen und Bütten ziehen hin und her. Ein Trupp rüstiger, blondhaariger Mädchen aus den benachbarten Ortschaften verläßt eben einen bereits abgelesenen Weinberg und begleitet uns bergauf.

Von der fröhlichen Stimmung, welche diese Leute trotz ihres kärglichen Verdienstes schon am frühen Morgen beseelt, hat der Norddeutsche keinen Begriff. Es scheint, daß der Wein schon am Stock und während er gelesen wird, eine fröhliche Stimmung zu erzeugen im Stande ist. Zwei vermögende Weinhändler und Weinbergsbesitzer gehen vor uns her – vielleicht zur Zeit die Dienstherren der jauchzenden Mädchen? – das gilt indeß gleich. Sie werden geneckt und „geutzt“ so recht nach Noten, denn während einzelne der Winzerinnen ihren Scherz mit den Herren treiben, singt der große Haufen wohlklingende, dreistimmige Volkslieder.

Die Herren laden uns ein, den nächsten Weinberg mit ihnen zu besuchen. Viel Umstände pflegt man in der Lesezeit und auch sonst wohl am Rhein mit derartigen Einladungen nicht zu machen. „Gut gemeint und herzlich gegeben“ ist des Rheinländers Wahrwort.

Wir treten ein. Eine Gruppe fröhlicher Mädchen, Frauen und munterer Kinder, die in der Lese gleichfalls rüstig Hand anlegen müssen, empfängt uns. Ein Blick hinunter auf den herrlichen Strom mit seinen lachenden Ortschaften, ein Blick auf die frischen fröhlichen Gesichter, und unsere eigene Stimmung giebt der heiteren der Winzerinnen nichts nach.

Vor uns, auf sanft anstrebendem Hügel, in fast peinlicher Ordnung und in gleichmäßigster Entfernung von einander, stehen sie, die leibhaftigen, lebendigen Thyrsusstäbe, halb schon der rauheren Witterung ihren Tribut zollend, denn zum Theil haben sie das Saftgrün ihres Blätterschmuckes mit einem intensiven Gelb vertauscht. Ueber die „Wingerte“ (Weingarten) hinaus ragt der zinnengeschmückte Bergfried eines mittelalterlichen Burgrestes. Eine der Winzerinnen kommt uns entgegen und reinigt uns mit Weinblättern die Stiefeln – eine Sitte, die sich in den rheinischen Weinbergen jeder Eindringling gefallen läßt, gefallen lassen muß; des Pudels Kern – eine klingende Gabe – scheucht die blauäugige Dirne wieder hinweg. Man sieht es den Leuten an, es ist ihnen nicht um das unbedeutende Geldstück, es ist ihnen nur um den „Utz“ zu thun, denn ein fröhliches Gelächter aller Winzerinnen bekommen wir in den Kauf, und es contrastirt das verblüffte Gesicht des mit der Sitte nicht vertrauten Fremdlings wahrhaft komisch mit dem Jubel der Neckenden.

Wir wandern hin und her auf dem Berge, hie und da zwar in Gefahr unsere Fußbekleidung im erweichten Boden zu verlieren, aber heiter angeregt durch die wechselnden Liedervorträge und durch einzelne treffliche Stimmen, die, zwar höherer Bildung entbehrend, in ihrer Frische immerhin mancher Sängerin von Fach beneidenswerth erscheinen dürften. Die Lieder selbst – dreistimmig und gut geübt – beziehen sich auf den Rhein und das rheinische Leben. Man hört es den Vorträgen an, daß sie von dem Ortsschulmeister oder sonst einem musikalischen Talent des betreffenden Rheindorfs – vielleicht in den langen Winterabenden beim Spinnrocken – den Mädchen so trefflich einstudirt wurden. –

Der rheinische Winzer sieht zumeist auf die Güte des zu erzielenden Weines und zwar durch Pflanzung edler und dem jeweiligen Boden entsprechender Rebsorten, durch sachgemäße Pflege des Weinstockes und richtigen Schnitt der Reben, durch häufige Bodenlockerung, durch Spät- und Auslese und genügende Düngung, welche letztere wieder genau den Bodenverhältnissen entsprechen muß. Die Pflege des Weinstockes hat sich zu einer, wir möchten sagen, Fachwissenschaft herausgebildet, und eben dieser Fachwissenschaft verdankt der Rhein die Veredelung seiner Gewächse und seines Weines.

Von Einfluß ist die örtliche Höhe der Weinberge. Im mittleren Rheinlande erheben sich die Wingerte nicht mehr als hundert und zweihundert Fuß über der Thalsohle, während sich dies Verhältniß in fast allen andern weinbautreibenden Gegenden Deutschlands wesentlich ungünstiger stellt. Bei Bacharach beispielsweise beginnt der Weinbau ca. zweihundert Fuß über Meer und erhebt sich am Mittelrheine bis zu nahe fünfhundert Fuß; im eigentlichen Rheingau ist die oberste Grenze ungefähr achthundert Pariser Fuß über dem Meere und fünfhundertfünfundfünfzig Fuß über dem mittleren Wasserstand des Rheines. Der Boden alter und vielbebauter Weinberge wird, oft erst nach mehrjähriger Ruhe und Bepflanzung mit anderen Früchten, bei neuer Anrodung (Rottung) häufig bis zehn Fuß tief gebracht und der weniger erschöpfte Urboden auf die Oberfläche gefördert. Terrassenbau und Mauerungen – nothwendig zum Schutz vor Winden und Besserung der Sonnenlage – treten hinzu, und die Kosten der Anlagen eines Morgens belaufen sich häufig auf zweitausend Gulden und mehr. Im Rheingau wird nicht selten bei der Rottung der Boden in Letten, Kies und Sand gesondert und dann gleichmäßig in dem Wingert vertheilt. Dabei übt die geringste Abweichung der Lage einen so bedeutenden Einfluß auf den Wein selbst aus, daß die Preise des Gewächses auf benachbarten Weinbergen um Hunderte von Gulden differiren. Der Boden selbst ist in hohem Preis, indeß nach Lage und Beschaffenheit sehr verschieden. Im Marcobrunn wurden seiner Zeit für die Quadratruthe (fünfundzwanzig Quadratmeter) hundert Gulden bezahlt, in ungünstigeren Lagen indeß nur fünfzehn bis zwanzig Gulden, und so schwankt der Preis für Rebengelände je nach der Ertragsfähigkeit.

Chronistische und verbürgte Nachrichten lassen in Bingen schon [695] um das Jahr 767 den Weinbau bedeutend erscheinen und 817 tauschte Kaiser Ludwig der Fromme bereits einen Weinberg von dem Kloster Fulda ein. Vermöge der verschiedenen Behandlung des Weinstockes, Samenzucht, Pfropfen und ähnlicher Manipulationen ist man heute im Stande, etwa dreihundert verschiedene Traubensorten nachzuweisen, während davon nur ungefähr fünfundzwanzig Sorten zur eigentlichen Weinbereitung verwendet werden.

Es würde dem Zwecke der Gartenlaube nicht entsprechen, wollten wir auf eine nähere Beschreibung der verschiedenen Arten des rheinischen Rebenbaues eintreten. Sie sind in jeder Gegend des Rheinlandes mehr oder weniger verschieden. Wir müssen uns mit der Bemerkung begnügen, daß fast am ganzen Mittelrhein bis heute noch dem Pfahlbau, in der bairischen Pfalz und am Haardtgebirge dem Rahmenbau, in der hessischen Pfalz dem Pfahlbau und in neuerer Zeit dem Drahtbau der Vorzug gegeben wird.

Der einzelne Stock am Mittelrhein wird bei zweckentsprechender Behandlung im Lettenboden dreißig bis fünfundsiebenzig Jahre alt, während er in leichterem Boden, wenn auch gut gepflegt, nur bis an dreißig Jahre erreicht. Dabei ist ein Hauptaugenmerk des mittelrheinischen Winzers, die Trauben so nahe als möglich dem Boden zu ziehen, da durch die Einwirkung der Bodenwärme und der von dem Schiefergestein reflectirenden Sonnenstrahlen die Trauben früher reif und edler werden. Bei Anlage eines neuen Weinberges pflegt man, besonders in trockenen, steilen Berglagen, auf den preußischen Morgen nahe an viertausend, etwa zwei Fuß lange Setzreben (Blindreben, Schnittlinge, Stecklinge, Setzlinge) und zwar je alle zwanzig Zoll eine Rebe zu setzen. Es geschieht dies um der Beschattung willen, da in allen günstigen Lagen die Wirkung der Sonne auf den Boden zu mächtig sein würde.

Bei Lehm- oder Thonboden ist der Zwischenraum zwischen den Stöcken größer, wie denn auch die Entfernung der einzelnen Stöcke je nach der eingeführten Bauart verschieden ist.

Im ersten und zweiten Jahr überläßt man den Stock häufig einem unbehinderten Wachsthum oder schneidet ihn nach Beseitigung der Thauwurzeln zurück, hackt den Berg einige Male (im Rheingau vier bis fünf Mal im Jahr) und säubert ihn von Unkraut. Nach dem Düngen im Herbst deckt man beim Hacken die Stöcke mit dem Grund. Im dritten Frühjahr räumt man auf und schneidet die Zweige bis auf ein Auge. Dann wird der Stock gepfählt und geknüpft, oder es werden beim sogenannten Drahtbau je zwei Drähte an Pfosten befestigt, welche in einer Entfernung von zwanzig Fuß von einander abstehen. Das Binden der Stöcke geschieht mit Stroh, im Rheingau mit Weiden.

Die Ausdrücke des Winzers für seine Arbeiten sind sehr vielfältig. Es wird im Wingert gebänkelt, gleichgegraben oder gerührt, das dritte Graben nennt er das „Lautergraben“, und das vierte „Wintergraben“; ferner wird gezeilt, gegipfelt, verhauen, gekappt, geheftet, geringelt, ausgeblattet u. s. f.; letztere Ausdrücke finden sich hauptsächlich in der Pfalz und an der Haardt.

Erst im vierten Frühjahr wird der Stock durch „Raumen“ des Grundes und Schnitt vor dem Safttrieb (knöten) auf den ersten Ertrag vorbereitet. Der Stock erhält am Mittelrhein einen vier bis vier und einen halben Fuß hohen Pfahl. Nun erscheinen im Herbst die ersten nennenswerthen Ergebnisse der unsäglichen Mühe des Winzers – der Rheinländer nennt sie sehr bezeichnend die „Jungferntrauben“. Sie geben in der Regel einen trefflichen Wein, frisch und feurig, die erste Kraftäußerung des jungen Stockes. Indeß ist’s kaum ein Achtel eines vollständigen Ertrags, den dies erste Jahr liefert, und vorher, ehe der Wein der Reife entgegeneilt – welche Arbeit! Im Mai und Juli wird gehackt, das Unkraut beseitigt, gebunden, werden junge Reben ohne Triebe weggebrochen; Ende Juli werden die Spitzen der Reben wieder geschnitten und nach der Lese die Stöcke abermals vorsichtig zugehackt. Im fünften Jahre wiederholen sich diese mühevollen Arbeiten wieder, nach dem Herbst wird gedüngt und – immerhin auch hier günstigen Falls nur ein halber Herbst erzielt. Das Düngen eines Morgens kostet, ohne die Ausgaben für das Bestellen selbst, im Rheingau etwa einhundert und fünfzig bis einhundert und sechszig Gulden. In neuerer Zeit fängt man an, – wenn auch widerstrebend, künstlichen Dünger zu verwenden. Dann, im sechsten Herbste, tritt der Weinberg einer vollen Tragfähigkeit näher; man rechnet dann ungefähr fünf Ohm (zu achtzig Maß) auf den preußischen Morgen.

Wahr ist’s, es ist eine unsägliche Arbeit, eine Anstrengung, von welcher der Ackerbauer keine Ahnung hat. Ihm helfen Thiere verschiedenster Gattung in der Bestellung seiner Felder, der Winzer muß Alles selbst thun, umgraben und hacken (der Weinbergskarst, eine zweizinkige Hacke, wiegt bis zu fünf Pfund), häufig muß er mit Gefahr des Lebens auf abschüssigem, steilem Terrain in glühender Sonnenhitze schwere Lasten Dünger und heruntergespülten, abgeschwemmten Boden emporschleppen. So ist der rheinische Winzer wörtlich sein eigener Ackergaul und Zugstier. Dabei ereignet es sich nicht selten, daß der kleinere Producent, weil er häufig gezwungen ist, seine Ernte schon am Stock zu verkaufen, seinen eigenen Wein nicht einmal probiren, viel weniger trinken kann. Nach statistischen Notizen hacken die rheinhessischen Winzer (Rheinhessen hat zusammen 39,031 Morgen) bei dreimaliger jährlicher Behackung per Jahr circa 117,093 Morgen Weinberg mit der Hand und mit dem Karste um und beschneiden in derselben Zeit etwa einhundertsechsunddreißig Millionen Weinstöcke. Die Winzer des ehemaligen Herzogthums Nassau (zusammen 13,564 Morgen Weinberg) hacken ungefähr bei drei- bis viermaliger Behackung siebenundvierzigtausend Morgen pro Jahr und beschneiden in derselben Zeit etwa fünfzig Millionen Weinstöcke, und doch treffen diese Zahlen schließlich den kleinsten Theil des zum Weinbau angerodeten Rheinlandes.

In Frankreich wendet man in ebenem Boden wohl den Pflug an, der rheinische Winzer dagegen würde es für eine Schande halten, anders als mit seiner Hände Arbeit seine Wingerte zu bestellen. Genügsam, zufrieden mit der ihm zuwachsenden Bacchusgabe, lebensfrisch und freudig, fleißig und unverdrossen und mit der Behandlung des Rebstockes auf’s Innigste vertraut, hält er mit eiserner Consequenz an der seit undenklichen Zeit eingebürgerten Art und Weise des Rebenbaues fest.

Wie oft giebt’s aber ohne Erträgniß bleibende Herbste! Wie oft ist die aufgebotene Mühe vergeblich! Und statt des Göttertrankes erntet der Winzer nur Rachenputzer, Kutscher, Rambaß oder – Garibaldi, wie in neuerer Zeit die Säuerlinge getauft worden! Und wie, wenn ein schärferer Frost, als er am Rhein gewöhnlich, die unsägliche Mühe und Arbeit vernichtet? Denn nur vierzehn Grad Kälte kann das ausgebildete Rebholz ohne den empfindlichsten Schaden vertragen. Es ist nachgewiesen, daß es von 1626–1834, also in zweihundert und neun Jahren, nur siebenundzwanzig Hauptjahre, sechsundsechszig gute Jahre und einhundert und sechszehn Fehljahre gegeben.

Nach all’ diesen Mühen kommt nun die Zeit der Lese. In allen Rheindörfern rühren sich Männer, Frauen und Kinder, denn in der Lese greift Alles an, in der Lese giebt’s keine müßigen Stunden, keine feiernden Hände. Es werden die Bottiche und Fässer, die Bütten und Keltern gereinigt, ausgebessert und bereit gestellt. Das Reinigen der Gefäße ist des Winzers Hauptaugenmerk.

Am ganzen Rhein wird der Beginn der Lese, zwischen Anfang October und Ende November je nach der Traubenreife wechselnd, von dem Ortsvorstande in Gemeinschaft mit den größeren Besitzern auf einen bestimmten Tag festgesetzt. Zeigen sich die Traubenstiele trocken und verholzt, läßt die Traube sich leicht von der Rebe ablösen, sind die Kerne hart, die Beerenhülsen weich und durchsichtig geworden, so ist die Lesezeit gekommen. Durch die Schelle wird dann verkündet, an welchem Tage die gemeinsame Lese beginnen kann. Bis zu diesem Augenblicke sind die Weinberge – mit Ausnahme großer arrondirter Besitzungen – für Jedermann, für die ganze Orts-Einwohnerschaft, amtlich geschlossen. Verhaue und improvisirte Hecken versperren die Zugänge, Eindringlinge werden durch die Winzerschützen eingebracht und mit Geldstrafen von zehn Silbergroschen bis zu einem Thaler gebüßt. Es geschieht um der gegenseitigen – Sicherheit willen. Nur in besonderen Fällen, unter Aufsicht eines „Ehrenschützen“ wird nach eingeholter amtlicher Erlaubniß eine frühere Lese für den einzelnen Besitzer gestattet, z. B. bei Wingerten mit Frühburgundertrauben. Wie der Tag des Lesebeginns, so wird auch der Tag des Weinberg-Schlusses amtlich bestimmt.

Und nun

„Dappelt’s hinaus
Mit Mann und Maus,
Mit Kübeln und Bütten! Das Haus verläßt
Selbst Kind und Kegel bei’m Lesefest!“

Nicht gleichgültig ist’s, ob die Ortsvorstände die richtige Zeit [696] erwählen, denn eine vorzeitige Traubenlese bringt ebenso bedeutenden Schaden, wie eine zu spät anberaumte. Bei nasser Witterung wird das Geschäft unendlich erschwert und die Trauben fangen an auszulaufen. Man unterbricht dann häufig, bei Nebel und Regen, die Lese. Ehedem nahm man es nicht so genau mit Beginn der Lese, aber die letzten Jahrzehnte haben festgestellt, daß die Weine durch die „Edelfäule“ unendlich an Güte und Feuer gewinnen.

Durch einen Rechtsstreit um den Zehnten in der Gemarkung Johannisberg, nach Andern schon früher durch die Kriegswirren der französischen Invasion, verspätete man im Jahre 1811 die Lese hier und dort, und da durch Frost und Fäule die Trauben schon gänzlich unansehnlich geworden, so wollte man auf deren Lese ganz verzichten. Es wurde dennoch gelesen, und siehe da – der Winzer war um eine wichtige Erfahrung reicher. Der Frost sondert die wässrigen Theile der Beeren naturgemäß aus, Zuckerstoff und mit ihm Alcohol bleiben zurück, und was der Winzer an Quantität verliert, gewinnt er doppelt und dreifach an Qualität. Im Jahre 1811 kaufte das Wein-Großhandlungshaus Mumm in Frankfurt a. M. von dem Marschall Kellermann (Herzog von Valmy), dem Napoleon der Erste 1807 die schöne Besitzung Johannisberg schenkte, die bereits verloren gegebene Weinernte der Johannisberger Wingerte. Die edelfaulen Trauben dieses anscheinend verlorenen Jahrgangs legten den Grund zu dem großen Vermögen und blühenden Geschäfte des Hauses Mumm. Eine schöne Villa neben dem Johannisberger Schloß erinnert jetzt an das brillante Geschäft mit dem Eilfer.

Der große Producent, der die Mittel besitzt, eine Speculation auf die Spätlese zu wagen, läßt seine Wingerte geschlossen, so lange es eben thunlich, und beginnt häufig erst im November die Lese. Der kleinere Weinbauer vermag dies nicht. Regengüsse, anhaltender Frost können ihn in wenigen Stunden um die ganze Crescenz betrügen.

In den Domanial-Weinbergen (Steinberg, Marcobrunn, Gräfenberg, Rüdesheim, Hattenheim, Hochheim) des vormaligen Herzogthums Nassau werden nur Spätlesen vorgenommen. Und hier, sowie auf dem Johannisberg, in Rauenthal u. s. w. tritt noch in der Regel eine zweite und dritte Auslese hinzu, um dem Wein die höchste Vollkommenheit zu ermöglichen. In diesen Weinbergen ersten Ranges werden die Trauben mit einer Gabel ausgestochen, abgeleert, ausgepflückt; der Zuckerstoff ist hier so vorwiegend, daß die Beeren leimartig an den Fingern kleben, ein Umstand, der die Arbeit sehr erschwert. Die Trauben selbst erinnern nicht im Entferntesten mehr an die schönen üppigen Tafeltrauben prunkender Gastmahle, sie sind entstellt, unansehnlich, „verhutzelt“ und wenig zum Genuß einladend. – Die Winzerinnen und Winzer erhalten im Rheingau vierundzwanzig Kreuzer und „zwei Weck“ (Semmel) täglich, in der Gegend von Lorch und rheinab sieben Silbergroschen und „einen Weck“ per Tag, während die sogenannten Legelträger, von denen wir noch sprechen werden, welche auch das „Mosten“ besorgen, fünfzehn Silbergroschen und volle Naturalverpflegung erhalten. Dabei ist sämmtlichen Winzern der Genuß von Trauben edler Lagen untersagt; häufig erhalten sie für diese erzwungene Enthaltsamkeit eine besondere Vergütung. In weniger guten Lagen ist das Geschäft der Lese allerdings bequemer und die eigentliche „Auslas“ im Sinne des Rheingauers fällt hier hinweg. Mit Hülfe des Rebmessers, oder der starken, kurzen und scharfen Traubenscheere werden die Trauben „mit Dreck und Speck“ vorsichtig vom Stocke getrennt. Die Traube selbst hält der Winzer in der hohlen Hand, damit keine Beeren herabfallen; geschieht dies dennoch, so fängt eine hölzerne Schüssel, Kübel, Bütte oder ein Korb die entfallenden Beeren auf. Viele Winzer pressen bei der Kelterung die Trauben doppelt, indem sie den ersten Vorlauf, der die Beerenhülsen und Stiele nicht berührt, gesondert halten, ehe sie die Kelter auf die ganze Masse wirken lassen.

Ueber die Gährung und fernere Bereitung des Weines giebt uns vielleicht ein späterer Artikel Gelegenheit, allgemeine Mittheilungen zu machen.

Unantastbar ist der Ruf des Rheinweines, unvergleichlich sind seine wunderbaren Eigenschaften, einzig sein Aroma, seine Blume, sein Bouquet! So nennt der Rheinländer ein flüchtiges Gährungsproduct, welches nur dem Rheinwein eigen ist und das sämmtliche Weine südlicher Gegenden vermissen. Nach Amerika, Ungarn etc. ausgeführte rheinische Rebsetzlinge kommen dort in gleicher Weise nicht auf. Der ächte rheinische Weinkenner unterscheidet in Wahrheit mit der Zunge an dem verschiedenartigen Bouquet die Hauptlagen des Rheins und die betreffenden Jahrgänge. Der ächte Rheinwein darf weder Kopfweh noch Hitze, weder Uebelbefinden noch Magenkatarrh erregen – Verstimmung nach dem Genusse rheinischen Gewächses ist der beste Beweis von schlechtem oder zurechtgemachtem Rheinweine. Drei Orte sind es, die den besten Marken des Rheines jetzt den Namen geben: Steinberg, Johannisberg und Rauenthal. Ersterer gedeiht auf einem bisher Nassauischen Domanialgut, der zweite wächst auf fürstlich Metternich’schen Besitzthum und der dritte gesellt sich seit einigen Jahren als siegreicher Kämpe zu den genannten Weinen. Auf der Londoner Industrie-Ausstellung erhielt der Steinberg, auf der Kölner (1865) der Steinberg (ein Steinberger Cabinets-Ausbruch von 1862) und die Rauenthaler Weine aus dem Keller des Procurator A. Wilhelmy in Wiesbaden die ersten Preise. Auf dem Fürstencongreß in Frankfurt (1863) credenzte man Rauenthaler, die Flasche (¾ Litre) zu achtzehn Gulden! Er „durchduftete“ bei Oeffnung der Flaschen den Römersaal. In Paris (1867) errang sich Wilhelmy mit seinen Rauenthaler Collectionen (Jahrgang 1859 und 1861) wieder den ersten Preis und die goldene Medaille mit einer besonderen Belobung. Nächstdem wurde der Johannisberg mit der goldenen Medaille prämiirt. Steinberg hatte nicht ausgestellt.

Das Rheingau (Gesammtertrag pro Jahr 8000 bis 10,000 Stück, 1 Stück = 8 Ohm = 16 Eimer), nach Simrock „die Hochschule des deutschen Weinbaues“, bevorzugt größtentheils die edle Rieslingtraube, die indeß großer Pflege und äußerst günstiger Witterung bedarf. Aßmannshausen zieht den besten rheinischen Rothen, einzelne Orte rheinab wie Lorch (Bodenthaler), Engehöll, Steeg und Manubach bei Bacharach ziehen ebenfalls noch Riesling, von da ab beginnt schon häufig der Anbau des sogenannten „Kleinberger“, weiter hinab bevorzugt man den den Bodenverhältnissen mehr entsprechenden Bleichert (von bleichroth, hellroth). Das Ahrthal zieht Burgundertrauben und kräftigen, feurigen Wein; Oberingelheim Frühburgunder; die Mosel zeichnet sich durch ihre leichten, aber duftigen Sorten (Moselblümchen) aus und am Niederrhein wächst schon viel – „Wendewein“.

Die Orte Bacharach, Manubach, Oberdiebach und Steeg erzielen beispielsweise auf einem Flächenraum von 1230 Morgen etwa 870 Fuder à 878 Quart, zu einem Durchschnittspreis von 200 bis 260 Thaler pro Fuder (1865), während z. B. die auf der rechten Rheinseite liegenden Berge von Caub, 739 Morgen, ungefähr 700 Stück ergeben, die bis zu 500 Gulden pro Stück (1200 Litre) bezahlt werden. Steinberger Eintausendachthundertsiebenundfünfziger wurde zu 5500 Gulden pro Stück bezahlt und im Jahre 1853 wurde ein halbes Stück Steinberger für 5820 Gulden verkauft.

Von diesen flüchtigen Skizzen über den Weinbau am Mittelrhein kehren wir auf unsern Weinberg selbst zurück.

Die freudige Stimmung während des Geschäfts der Lese herrscht auch in den umgebenden Wingerten vor. Aus der Nachbarschaft kommen Weinbergsbesitzer, kosten und prüfen Trauben und Most. An den fahrbaren Wegen stehen große Bottiche, in welche der Inhalt der sogenannten Legel entleert wird. Legel nennt der Winzer eine unten spitz zulaufende, oben breitere, elliptisch geformte Holzbütte, welche an zwei festen Lederriemen auf dem Rücken getragen wird. In diese Legel entleeren die Winzerinnen ihre kleineren Bütten und Gefäße. Der Legel faßt etwa 90 bis 100 Pfund Trauben. Je nach der Oertlichkeit werden diese schweren Lasten auch häufig bis hinunter in’s Kelterhaus geschleppt. Vorher bearbeitet der Legelträger, der ob seiner schweren Arbeit, wie wir oben andeuteten, besser bezahlt ist, mit zwei Mostkolben (drei Fuß lange Knüppel von weichem Holze) im Legel selbst die ganze Traubenmasse. Eine kreuzweise schnelle Bewegung dieser beiden „Mostertkolben“ erzeugt in dem Legel den ersten Uebergangszustand zur flüssigen Masse. Eine braungelbe oder dunkelrothe, nichts weniger als klare Brühe bildet sich hier und wird dann in die Bottiche geschüttet. An einzelnen Orten werden die Trauben, statt in den Legeln, in einem großen Bottich von Winzern mit hüfthohen Stiefeln getreten und geknetet. Da die Mostbrühe sofort vollständig bearbeitet sein will, geschieht das Geschäft des eigentlichen Kelterns häufig des Nachts, wofür die Legelträger zehn Silbergroschen Extravergütung erhalten. Die Mostbrühe darf, soll der [697] Wein nicht verderben, durchaus nicht lange in den Bütten mit den Trauben zusammenstehen, weil sonst vorzeitige Gährung eintritt. Einladend sieht der junge Most nicht aus, aber wir wissen ja, daß derselbe, bis er auf unsere Tafel kommt, verschiedene Gährungs- und Klärungsprocesse durchmacht, daß er erst „federweiß“ – ein kitzelndes Lieblingsgetränk des Rheinländers – wird und dann erst seine goldhelle oder dunkelrothe Farbe erhält.

Unser freundlicher Gastgeber hat in der Eile Vorbereitungen zu einem kleinen Feuerwerk getroffen, das, während wir den Heimweg antreten, in den Weinbergen abgebrannt wird. Vom rechten Rheinufer herüber ertönen Flintenschüsse, das Zeichen, daß das Lesegeschäft für heute beendet ist. Die Wingerte bleiben die Nacht über, vom Wingertschütz bewacht, geschlossen. Auf der linken Rheinseite wird zur Oeffnung der Wingerte, Morgens sieben Uhr, und zum Schluß, Abends etwa sechs Uhr, das Zeichen mit den Kirchenglocken gegeben. Schüsse und Glockenschläge mischen sich mit den Jauchzern der heimkehrenden Winzer, das Echo dieses Lebens und Treibens hallt in den Bergen wieder, über uns steigen Raketen auf und bengalisches Feuer erleuchtet unsern Heimweg. Es dürfte vielleicht mancher befangenen Seele wie eine Profanation erscheinen, daß man die Kirchenglocken zu diesem weltlichen Geschäfte verwendet, indeß, wie schon Simrock sagt, läuten ja die Glocken des Rheines – „Wein“! Deshalb das Sprüchwort: „Wo am Rhein die Glocken den besten Ton haben, wächst auch der beste Wein!“

Häufig schließt das Lesefest ein gemeinschaftlicher Tanz der Winzer und Winzerinnen im Wirthshaus des Dorfes oder Städtchens. Aufzüge, wie die sogenannten „Herbstmuck“, in welchen Bacchus, auf einem Mostwagen sitzend und von Bacchantinnen umgeben, dargestellt wurde, sind seit einigen Jahren nicht mehr üblich. Wir aber genießen, im Städtchen angelangt, in der traulichen Behausung unseres neuen Freundes, des Weinbergbesitzers, ein Glas aus dem „Mutterfaß“, worauf nach rheinischem Ausdruck die „schwarze Katz’“ sitzt, und – bedauern bei der Erinnerung an diese Bacchusgabe den freundlichen Leser, weil unsere Schilderung der Weinlese am Mittelrhein ihm trockner erscheinen wird, als uns die Probe jener ächten rheinischen „Stählchen“.

Ferd. Heyl.