Die Wildschützen im bairischen Gebirge

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Autor: Carl Stieler
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Titel: Die Wildschützen im bairischen Gebirge
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 52, S. 827–831
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Wildschützen im bairischen Gebirge.

Es ist wohl der Frage werth, worauf denn der unvertilgbare Hang zum Wildern, der unserm Gebirgsvolk von Alters innewohnt, beruht. Er hat zwei Wurzeln, eine edlere und eine gemeine. Die erstere liegt in dem Gefühl, das schon Schiller mit seinem Schützenlied dem Knaben Tell’s in den Mund legt; in der Sehnsucht nach Freizügigkeit. Es steckt ein aristokratischer Zug im Charakter der Bergbewohner, ein souveraines Bedürfniß freier Bewegung, das den dortigen Bauer am stärksten von dem unbeholfenen, an der Scholle klebenden Bauer des Flachlandes unterscheidet.

In den Bergen ist die Freiheit schon von der Natur begünstigt; das Athmen einer schärferen Luft, die Gewohnheit einer stärkeren Bewegung ist es, die den Gebirgsländer kühn, ritterlich, für Andere interessant gemacht hat. Derselbe Zug ist es, der ihn auch zum Wildschützen gemacht hat. Denn für diesen Hang zu freiem Schweifen ist die Jagd wie geschaffen. Sie giebt den ziellosen Wegen ein Ziel; sie giebt den Reiz der Schwierigkeit und der Gefahr. Man fühlt sich noch einmal so stolz, wenn man die Waffe über die Schulter trägt, man ist kein Bauer mehr, man ist – ein Freier.

Der andere Zug, der zum Wildern lockt, ist ein communistischer. Fast in allen Staaten hat der Kampf um das Jagdrecht eine politische Rolle gespielt, die von der besitzlosen Classe überall im gleichen Sinne ausgebeutet ward. Während sich die Juristen die Köpfe heiß stritten, wurden Andere mit der Controverse schneller fertig und sagten einfach, das Wild ist herrenlos, das Wild ist frei. Diese Idee besteht auch heutzutage noch, trotz aller Jagd und Strafgesetze, sie drückt sich noch schärfer in dem Satze aus, den man dutzendmal hören kann – das Wild ist für die armen Leute! Nicht Freiheit der Person, Freiheit des Eigenthums begehren diese.

So haben viele solcher „armen Leute“ zur Büchse gegriffen, und von dieser Sorte des Wildschützen ist nur ein Schritt zum Verbrecher. Sie treiben die Jagd nicht zur Lust, sondern zum Erwerb, sie sind keine Jäger, sondern Diebe.

Das Unwesen an sich hat zu allen Zeiten bestanden; aber warum blüht es heutzutage ärger als je? Die Spannung ist unerträglich geworden. Der nächste Grund ist natürlich, wie überall, der Widerstreit der Interessen, aber ich glaube, man darf das polemische Element nicht unterschätzen, das in unserer Zeit selbst bis in die unteren Classen durchdrang und alle Parteien und Gegensätze einander schroffer gegenüberstellte. Die junge Generation ist in einer so oppositionellen Luft herangewachsen, daß es den schlimmeren Elementen derselben leicht wird, auch die Behörde und die Vorgesetzten unter den Begriff der Partei zu stellen, d. h. als ihre natürlichen Gegner zu betrachten.

In dieser Weise steht ein Theil der Forst- und Jagdfrevler den Forstbehörden gegenüber – mit einer Eigenmacht, die duldsamere Zeiten nicht gekannt haben. Die rauhe Lebensweise schärft den rauhen Sinn der Vagabunden; die Verleugnung ihres Ansehens zwingt die Forstbeamten, dasselbe um so entschiedener zur Geltung zu bringen. Und wer könnte sich noch wundern, wenn unter diesen Eindrücken Beziehungen entstehen, die man nur in diplomatischer Sprache als „herzliches Einverständniß“ bezeichnet? Nach allen Seiten hin hat sich eine Rivalität entwickelt – an Kraft, an Glück, an Schlauheit; man sucht sich zu überlisten, zu überholen, zu übertreffen und im schlimmsten Falle zu – treffen. Manche dieser Reibungen haben keinen andern Zweck, als sich gegenseitig zu foppen, dann wirken sie komisch, weil die Bravour, die dabei entwickelt wird, geradezu in’s Kolossale geht. Exempla sunt odiosa – aber das thut nichts.

Vor mehreren Jahren kletterte ein wilder schmächtiger Bursche in den Felsen eines Berges herum, den vielleicht manche der Leser selber bestiegen haben. Er war müde geworden und meinte, eine kleine Siesta, ein beruhigendes Mittagsschläfchen wäre ihm wohl zu gönnen. Langsam und vorsichtig schob er sich durch das Latschengestrüpp an einen Felsvorsprung, wo die Wand etwa sieben Klafter tief abfiel. Dort legte er sich nieder; der Rucksack, in dem sich der auseinandergeschraubte Stutzen befand, kam unter das Haupt und auch ohne gutes Gewissen ruhte er doch bald sanft. Minder sanft war das Erwachen. Der Förster – der ihn nicht kannte – stand mit gespanntem Hahn vor ihm und weckte ihn durch einen Fußtritt.

Mit wilden Sätzen sprang der Bursch’ in die Höhe; was war zu thun? Die Büchse lag ja im Rucksack; der Weg war ihm vom Förster vertreten und auf der andern Seite – die Felswand. Er sollte als Gefangener mit dem Förster hinuntersteigen, so lautete dessen bestimmter Befehl – aber das war unmöglich. Die Schand’ vor seinem Dirndl – wenn er so zum Gericht müßte – die hält er nie und nimmer aus.

Verzweifelt nestelte der Wildfang an dem losen Halstuch, es war nicht lange Zeit zum Besinnen. An ein Entrinnen war nicht zu denken, denn die Wand war sieben Klafter tief und siebenmal sechs thut zweiundvierzig. Unten lag hohes Steingeröll; wer [828] zweiundvierzig Fuß darauf hinunterspringt, zerschmettert sich alle Knochen. Aber das Dirndl! Die Schand’ vor dem Dirndl! – Der Bursche stand dicht am Abgrund, seine scheuen Seitenblicke maßen die Tiefe. „Jesus Maria, und Joseph!“ brüllte er zum Himmel – ein Sprung – man sah noch die Hand, die nach dem Latschenaste griff und daran hinunterfuhr; der Ast schnellte zurück in die Höhe – ein dumpfer Krach – horch! – und weg war er.

Der alte Förster stand da, wie begossen. „Sacrament,“ sprach er halblaut; „diesmal kriegt der Teufel einen warmen Braten; der ist maustodt, wie er hinunterkommt.“ Leise regten sich die Gewissensbisse in der zottigen Brust des Alten: „Hätt’ ihn doch nicht so in die Verzweiflung treiben sollen; Wildern ist eine Todsünd’, den hab’ ich pfeilgrad’ in die Hölle hineingesprengt.“ Es gruselte ihm ein wenig, hinabzusehen; denn solche Klumpen sieht man nicht gerne liegen, die gerade noch lebendig waren und jetzt sind Kopf und Füße nicht mehr auseinanderzukennen. Rathlos schweiften seine Blicke über die Halde hin, die unter dem Steingerölle lag; da klang auf einmal ein Juhschrei zu ihm empor. Er sah Jemand im Fluge über die Haide laufen und dieser Jemand war – sein Gefangener.

Als er außer Schußweite war, blieb er stehen und schwenkte den Hut: „Guten Abend, Herr Förster,“ rief er herauf, „ich bedank’ mich halt schön, daß Sie mich so gutwillig ausgelassen haben. Und noch was möcht ich halt bitten – nit wahr, laufen’s mir fein nit nach und springen’s ja nit über die Wand da ’runter. ’s ist nit wegen mir, ’s ist mir blos wegen Ihnen, denn dös prellt verdammt in die Füß’.“ Dann jauchzte er noch einmal und verschwand im Walde. Der Förster, fuchswild, sprach jetzt gar nicht mehr vom Zuchthaus, sondern gleich von der Hölle. „Wart’ nur, Dich bring ich doch noch in die Hölle,“ sprach er laut vor sich hin; einstweilen aber beneidete er ihn um – solche Knochen.

Der Vater dieses Knochenhelden ist der Hans-Anderl. Das ist des Jungen graues Vorbild, noch jetzt ganz derselbe fidele Schelm, denn wenn der Bub weit weg ist, dann stiehlt der Alte seinem eignen Buben Pulver und Blei und geht selber zum Wildern. Wie sonderbar gucken die grauen schlauen Augen aus dem rußgefärbten „Gefriß“; seine weißen Stoppeln hat er mit schwarzem Wollenbart maskirt und troddelt lustig durch die Morgendämmerung. Er ist der Ueberzeugung, daß Gott die gute Sache begleitet. Für einen Siebenziger geht’s mit dem Steigen noch ganz passabel; erst in der tiefen Mulde, die vom Gipfel des Berges nach Osten neigt, macht er eine kleine Rast. Jetzt heißt es „Oehrl spitzen“. „Horch – jetzt rasselt es. Da kommt schon einer,“ denkt der alte Hans-Anderl und sinkt andächtig auf die Kniee. „Und was für ein Mordskerl von Bock – haha, der kennt mich nimmer, weil er gar so nah vorbeilauft; der meint, der Hans-Anderl steigt ja doch nimmer ’rauf und ein Andrer trifft z’erst nix.“ Dieweil er also dachte, knallt’s und der „Mordskerl“ war eine Leiche. Er versteckte den rühmlich Gefallenen sorgfältig unter den Tannenzweigen, denn zum Hinuntertragen ist er doch zu schwer; „den muß heut’ Nacht der Bub spediren.“

Unterdessen hatten den Schuß, der in einsamer Morgenfrühe weit durch die Berge hallte, zwei Jäger vernommen.

„Das war ein Wilderer,“ sprachen sie und folgten dem Knall. Bald waren sie auf der Höhe des Grates angelangt, wo man in die Mulde hinuntersieht – „bst“ – winkte der eine, „da schau hinab; siehst Du was? Das Tröpfl dort hat geschossen.“ Der andre zog das Fernrohr hervor, und nun konnte man’s ganz deutlich sehen, wie der alte maskirte Sünder zwischen dem Steingeröll herumlungerte – ohne das Damoklesschwert zu ahnen, das über seinem Haupte hing. Es ward beschlossen, ihn zu umgehen, und als sie auf dreihundert Schritte herangekommen, da hieß es – „Halt, Wer da?“

Der jugendliche Alte schnellte empor, wie vom Blitze gerührt, aber statt eine Antwort zurechtzulegen, legte er die Büchse an die Wange. Zu spät – drüben hat’s schon geknallt, das Gewehr fiel ihm aus den Händen und von rücklings stürzte er in’s Gerölle.

Hin ist hin, dachten die Jäger und zogen ihrer Wege, ohne das Opfer lang anzuschauen; in einigen Tagen wird man ihn schon finden. „Wenn sie nur sicher wüßten, wer es war,“ flüsterten die Beiden zu einander. „Am Ende war’s gar der alte Hans-Anderl; das wär’ verdammtes Mißgeschick, denn vor dem seinen Buben ist Niemand sicher. Die Hauptsache ist jetzt nur, daß kein Mensch erfährt, wer ihn erschossen hat; dem Förster wollen sie’s gestehen, aber sonst darf es Niemand wissen.“ Spornstreichs auf heimlichen Fußsteigen liefen sie hinab und klopften an die Thür des Försters.

Der Bericht klang sehr lakonisch. „Herr Förschtner,“ sagten sie, „dösmal hat’s einen z’sammgerissen: grad habn wir ihn niederg’schossen.“ – „Herrgottsacrament,“ polterte der Förster, „schon der Zweite dies Jahr. Was war’s denn für einer, war er geschwärzt, kennt ihr ihn? Hoffentlich ist’s nicht der alte Hans-Anderl, weil’s immer heißt, daß der da droben wildert, das gäb’ viel böses Blut unter den Leuten!“

„Ja, wahrscheinlich wird’s der sein,“ erwiderte der Eine bekümmert, „g’wiß wissen wir’s nit, aber ein alter Kerl ist’s gewesen, soviel haben wir schon gemerkt.“

„Herrgottsacrament,“ brummte der Förster abermals – „wenn der morgen abgeht und seine Leute suchen ihn, das wird eine schöne Suppen geben.“ Mit gesenkten Häuptern standen die beiden Missethäter da und drückten sich lautlos zur Thür hinaus. Es war ein fataler, verdrießlicher Tag im Forsthaus. Der Herr hatte keinen Appetit (obschon es Knödel gab, welche sonst seine Lieblingsspeise waren), der Daxel bekam ganz unmotivirte Prügel und die Kinder verkrochen sich auf den Heuboden, um nicht die Leidensgefährten des Daxel zu werden.

Unterdessen schlug der Hans-Anderl, der oben in der Mulde lag, die grauen Aeuglein auf und – acceptirte die Situation. Es war nur ein Schrotschuß gewesen. Sorgsam untersuchte er die Wunde, fünf oder sechs der fatalen Körner sind im Schenkel stecken geblieben. In Ermangelung eines chirurgischen Bestecks zog der alte Praktikus sein Eßbesteck aus der Tasche und begann mit dem Messer die Operation. Ein Schrot nach dem andern bohrte er aus der Wunde, und als er sie alle sechse hatte, stand er auf und ging von dannen. „Wenn sie nur meinen Gemsbock nicht ‚gestohlen‘ haben,“ dachte er sich, aber Gott sei Dank, der Gemsbock war noch am alten Fleck.

Jetzt kam erst die zweite Frage, ob ihn die Jäger am Ende trotz der Verlarvung erkannten. Dann muß er vor’s Gericht, und die Bauern fürchten das Gericht noch heutzutage mehr, als die Hellenen ihrerzeit den Tartarus. Da galt es einen Meisterstreich auszuführen. Das Forsthaus war etwa zwei Stunden von der Stelle entfernt, wo sie ihn „todtgeschossen“ hatten; wie wär’s denn, wenn er jetzt schnurgerad hinunterstiege und sich beim Förster sehen ließe, um nach irgend einem gleichgültigen Ding zu fragen? Dann kann doch kein Mensch mehr glauben, daß er derjenige gewesen sei, den die Jäger für todt und lebendig auf dem Platze gelassen. – Gedacht, gethan. An einer befreundeten Quelle, die er zugleich als Spiegel und Waschbecken benutzte, wusch er sich das schwarze „Gefriß“, sein Stutzen ward unter einem Stein am Kreuzweg versteckt und das Uebrige – wird sich wohl finden.

Mit der rosigen Laune, die wir immer haben, wenn wir Streiche machen, stieg er herunter und klopfte an das Försterhaus. Dem Förster war das Gespenst des Hans-Anderl den ganzen Tag vor den Augen herumgegeistert, nun konnte er kaum sein freudiges Erstaunen verbergen, als der leibhaftige – Hans-Anderl vor ihm stand.

„Sie haben neulich ein paar Holzfuhren bestellt, Herr Förster,“ sprach dieser in devotem Ton; „ich möchte nur fragen, bis wenn Sie’s haben wollen, weil ich ohnedies gerade in der Nähe bin.“

„Das ist jetzt g’spaßig,“ erwiderte der Förster; „heut haben wir von Dir gesprochen. Es heißt manchmal, Du gingst stark wildern, und heut’ früh hab’ ich munkeln hören, daß wieder Einer wär’ erschossen worden. Und Jemand hat gleich gar gemeint, Du wärst Derselbige.“

„Geh’, laß mich aus, Herr Förster, mit solchem G’spaß,“ sprach Hans-Anderl halb scherzhaft, halb moralisch entrüstet. „Da schauen’s einmal dös Fußg’stell an, wie mühsam ich dahergeh’, da ist’s mit dem Wildern wohl vorbei. So – erschossen haben’s wieder Einen – g’schieht ihm recht, dem Spitzbuben.“

Damit verband er ein ehrfurchtsvolles Compliment und ging seiner Wege. „Das Holz bring’ ich schon morgen,“ rief er durch’s Fenster nach. „Wenn auch Einer hin ist,“ sprach der Förster, „ich bin froh, daß es nur der nicht ist. Aber sehen kann man’s wieder, wie leicht man einem Menschen Unrecht thut. Der alte Krüppel da und Wildern!“ –

[829]

Des Försters letzte Heimkehr. Nach dem Oelgemälde von F. Defregger[WS 1]in München.

[830] Solche Fälle machen es begreiflich, daß sich das oberbairische Volkslied mit seiner stark humoristischen Tendenz ganz besonders in diesen Stoffen entwickelt hat. Es liegt das Rührende und das Muthwillige nirgends so nah beisammen, als in dem, was einem Wildschützen passiren kann, und darum haben wir Lieder von fein elegischer Tonart bis zur tollsten Satire.

Und bal i amal stirb,
Brauch i Weihbrunn koan (kein Weihwasser),
Denn mein Grab dös wird naß
Von mein’ Dirndl sein Woan’ (Weinen).

In den anderen sprudelt ein Uebermuth, der manchmal beinahe genial, eine Schelmerei, die manchmal unsäglich komisch ist. So handelt eines dieser Trutzlieder von einer Haussuchung, die bei einem Verdächtigen nach dessen Gewehr gehalten wird. Auf drastische Weise ist es beschrieben, wie die Jäger kommen, wie sie schnüffeln und Alles durchstöbern, den Strohsack aufschneiden und die Bettlade umkehren. Nach beendigter erfolgloser Suche servirt ihnen der Verfolgte einen Teller mit Sauerkraut, davon er ein frisches Faß im Hause hat und das ihnen vortrefflich mundet. Am Boden des Fasses aber war der sorgsam zerlegte Stutzen verborgen.

Und nur in’s Sauerkraut
Da habn’s nit einig’schaut,
Das Kraut habn’s abig’fressen
Und d’ Bix ham’s ganz vergessen.

So lustig geht’s freilich nicht immer aus. In der Gegend des Isarthals hauste vor einiger Zeit ein Forstwart, welcher weit und breit gefürchtet ward. Sieben Schuh war er hoch, funkelnde Augen, offene Brust und ein grauer grimmiger Schnurrbart! Wenn er so dahinschritt im Walde, sah er aus wie der leibhaftige Nimrod. Neun Menschen hatte er schon erschossen und fast jährlich kam ein neuer dazu; man hatte ihm Rache geschworen und Briefe gelegt, daß sie ihn lebendig in seinem Haus verbrennen wollten, aber der Alte kannte keine Furcht. Bei Nacht und Nebel stieg er in den Bergen herum, mit der Kugel im Laufe und seinen Buben zur Seite, der ihm nachlief wie ein gieriger Jagdhund. Auch auf den Buben hatten sie geschossen – aber der Alte kannte keine Furcht; am Ende ist er kugelfest.

Eines Tages, da er allein umherschweifte, trat ihm eine Rotte von sieben oder acht vermummten Gestalten in den Weg, und diese fingen den alten Nimrod lebendig. Dann warfen sie ihn zu Boden und knebelten ihn, und nachdem sie ihn gräulich gelästert hatten, ward er an einen Baum gebunden, um dort zu verhungern. Drei Tage und Nächte stand er also da, mit weitgespannten Armen; er sah, wie der Mond heraufstieg, wie der Hirsch durch’s Dickicht brach und erschreckt an ihm vorübersauste, wie der Morgen und der Abend graute. Am dritten Abend kamen sie wieder, und weil er noch lebte, so sollte ihm das Leben geschenkt sein. Sie banden ihn los und bildeten Spalier, durch das er Spießruthen laufen mußte. Hoffentlich gaben ihm die Kolbenstöße einen Denkzettel, aber wenn’s noch nicht genug ist, dann fliegt beim Nächsten, den er todtschießt, der rothe Hahn auf’s Dach.

Vierzehn Tage später erschoß er den Nächsten – doch eh’ noch der Hahn kam, kam die Ordre, die ihn versetzte. Er ward hinausgesetzt weit weg auf’s flache Land, und als er fortzog aus den Bergen, weinte er wie ein Kind. Das ist die echte wilde Gebirgsnatur – so grausam und zugleich so weich.

Im Laufe des vergangenen Sommers ward ich zu mehreren Sectionen beigezogen, die an erschossenen Wilderern gemacht wurden. Der eine war gar ein frischer lustiger Gesell gewesen, hellbraun, hoch gewachsen, kaum neunzehn Jahre. Er arbeitete über Tag in einer Sägemühle, bei Nacht aber, wenn die Räder stille standen, trieb es ihn hinaus in’s Weite. Allenthalben war er beliebt, weil er so wunderschön Cither schlug und sang – wenn er Abends vor der Mühle saß, wenn die Bursche und Mädchen dort zum Haingart zusammen kamen.

Zwei Tage vorher hatte ich ihn noch jodeln hören; es war ein peinliches Gefühl, als ich nun hineintrat in die Todtenkammer, wo er in seinen gewohnten Kleidern auf dem Schragen lag. Schon die kräftigen Schuhe, die kurzen Hosen und die flotte Joppe hatten etwas Befremdendes; man kann sich diese bewegliche malerische Tracht gar nicht an einem Todten denken. Die Kugel war ihm vom Rücken in’s Herz gedrungen, und wie er so da lag – die prächtige Gestalt – da fiel mir unwillkürlich Siegfried im Wald und auf der Bahre ein.

Man begann ihn auszukleiden, die Taschen wurden untersucht – und ein Zufall, den ich nie vergessen werde, ist mir da begegnet. Als wir nämlich in die Brusttasche griffen, fand sich ein Stück Papier, auf dem mit Bleistift einige frische Zeilen standen. Es waren die ersten Verse eines Wildschützenliedes, das der arme Schelm beim frühen Morgenlicht sich aufgeschrieben:

Und sollt ich heut’ noch müssen
Im Wald mein Leben büßen,
Ich bleib’ halt doch getreu
Bei meiner Wilderei.

Einmal trifft’s uns ja Alle …

Hier brachen die Verse ab; ehe er den letzten dazu gesetzt, war der erste in Erfüllung gegangen. Ich habe das Blatt zu mir genommen und bewahre es noch heute als ein charakteristisches Andenken.

Mehr gräßlich, als schön, sah ein Anderer aus, den die Grenzjäger zwischen Kreuth und Achenthal getödtet hatten, denn der lag noch in der ganzen Vermummung auf dem Todtenbett, mit falschem Bart und rußigem Gesicht, die Faust auf der Brust geballt. Niemand kannte ihn, aber einzelne Spuren, die man bei ihm fand, wiesen darauf hin, daß er von Lenggries daheim war. Sofort wurden ein paar Bauern, die aus der dortigen Gegend gerade anwesend waren, als Identitätszeugen berufen. Neugierig, mit einem rohen Schauder traten die rauhen Sachverständigen heran an den Todten. Man nahm ihm den schwarzen Bart weg, man wusch ihm das Gesicht – und nun lag er da, wie er leibt und lebt.

„Das ist der Sepp von Lenggries,“ sprach der Eine, „der war vierzehn Jahr lang mein Nachbar.“

„Ja, der ist’s,“ sprach der Andere halblaut, und dann eilten Beide zur Thüre hinaus, als ob sie fürchteten, zum Verräther des Todten geworden zu sein.

Uns aber blieb eine schreckliche Arbeit; es war mitten im Juli und der Leichnam schon ein wenig in Verwesung; er hatte die Augen offen und starrte uns so gequält entgegen, als wir Messer und Meißel anlegten. Mitten im Herzen fand sich ein Stück gehacktes Blei; der Tod mußte ihn wie ein Blitz getroffen haben. In später Nachmittagsstunde kam ein unheimlicher Zug von zehn oder zwölf Gesellen über die Berge herüber und meldeten sich beim Amte. Ihre Worte hatten so etwas bang Verlegenes, ihre Haltung so etwas Drohendes und Forderndes; es waren die Freunde des Gefallenen, die sich dessen Leiche ausbaten, um sie daheim zu begraben. Man gewährte es ihnen und in finsterer Nacht fuhren sie den zerstückelten Körper in einem wohlverpichten Sarge von dannen. Zu den beiden Seiten des Leiterwagens aber saßen sie als Ehrenwache; man hörte nicht, was sie zu einander flüsterten beim Rasseln der Räder, doch es klang wie Rachegedanken.

Lenggries ist jetzt das eigentliche Centrum des Wildschützenwesens, der Menschenschlag ist dort rauher, die geographische Lage günstiger, als irgendwo. Außerdem ist die Isar, die aus dem Karwendelgebirge hier vorüberströmt, jederzeit bereit, die diebischen Gemsbraten und Rehschlegel nach München zu spediren.

So haben’s die Alten nicht getrieben, und deshalb beklagen sie auch hier (wie beim Haberfeldtreiben), „daß die Wilderei in Verfall gerathen sei“. Die jungen Spitzbuben sind zu sehr vom Geist der Neuzeit angesteckt, von dem Annexionsgenie der Gegenwart. Früher hat Einer jahrelang gespart, um sich endlich einen Stutzen zu verdienen; jetzt stehlen sie schon das Gewehr und dann den Gemsbock, und dann den Schubkarren, auf dem sie ihn weiterführen. Sie sind auch grausamer geworden gegen Wald und Wild. Früher wußte man manchen rührenden Zug zu berichten, daß die verwundete Hirschkuh oder das verwaiste Rehkalb beim Wildschützen Zuflucht vor dem Jäger fand; jetzt schießen sie das Kalb und die Mutter über den Haufen. So sagen die Alten, und sie haben nicht ganz Unrecht. Der Wilderer, welcher aus Leidenschaft jagt, schont die Jagd, weil er sie liebt und für sein Recht hält; der Wilddieb, welcher sein Unrecht übt, verwüstet, was er nicht stehlen kann. Wenn’s nicht gar so abgenützt klänge, könnte man wohl sagen, daß auch hier die Romantik zum Teufel gegangen ist. Es ist nun einmal ihr Schicksal in unserem Jahrhundert. Oder kann man es noch romantisch nennen, wenn solche Aasjäger aus Wuth, daß sie keinen Gemsbock gefunden, den [831] nächsten besten Geisbock erschießen, der da vergnügt wie ein Pascha mit gekreuzten Beinen in seinem meckernden Harem sitzt?

Man meint bisweilen, so einfache und primitive Verhältnisse, wie die der Bauern, hätten keine Mysterien; und doch zeigt sich das mysteriöse, das geheim verwegene, das vehmartig vermummte Treiben, das unter der einfältigen Oberfläche im ländlichen Leben regiert, ganz eclatant beim Wildschützenunwesen. Der Rächer erscheint wie aus dem Boden gestiegen, der Verbrecher verschwindet wie in den Boden versunken; Jeder weiß im Geheimen Alles und öffentlich wissen Alle nichts – es besteht ein tyrannisches Zusammenhalten.

Ich erinnere mich noch heute an eine Scene im Wirthshaus von Kreuth. Es war ein Herbstabend, der Mond war voll, Grenzjäger und Forstleute saßen am Tische, der dicht beim Fenster stand. Auf einmal – ein Blitz, ein Knall, die Scheibe splittert, eine Kugel fliegt zwischen den Köpfen Zweier, die keine Handbreit auseinander waren, in die Decke. Der Eine fuhr sich gemüthlich mit der Hand über’s Ohr, wie’s etwa der Tiras mit den Pfoten thut, wenn er besorgt um seine Ohren ist, die Andern stürzten hinaus in’s Freie. Es waren nicht sechs Schritte bis dorthin, und doch war weit und breit keine Spur zu sehen. Lautlos und mondhell war die Nacht, Alles wurde durchsucht und Alles war umsonst! – Hier war das Werk der Rache mißlungen; aber oft genug ereignen sich Fälle, wie der, welcher unserem Künstler vor Augen gestanden, wo die Kugel des Wilderers nur zu gut getroffen hat und das Opfer der Rache den Seinen in solchem Zustande heimgebracht wird.

Was die gerichtliche Verfolgung solcher Fälle angeht, so liefert auch diese nur selten ein volles Ergebniß. Häufig leibt der Thäter zweifelhaft; häufig weiß er sich in jenen Fällen, die tödtlich ausgehen, mit Nothwehr zu rechtfertigen.

Nur eine veränderte Anschauung kann diese Verhältnisse bessern; die Meinungen, nicht die Gesetze (wie Manche glauben) müssen sich ändern.

Carl Stieler.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Franz Defregger; Vorlage: Defregge