Die Winterschwimmbäder sonst und jetzt

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Autor: Lothar Heym
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Titel: Die Winterschwimmbäder sonst und jetzt
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 11, S. 180–183
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Winterschwimmbäder sonst und jetzt.


Die in der zweiten Hälfte des Mittelalters in Deutschland allgemein gepflegte Sitte, daß fast jedes Haus, jeder Bauernhof seine Badestube aufzuweisen hatte, daß die Städte große öffentliche Bade-Anstalten schufen, in denen gegen billiges Entgelt beliebig kalt oder warm gebadet werden konnte, ging in Folge des Dreißigjährigen Krieges zu Grunde und erreichte leider bis heute noch nicht wieder den damaligen Umfang. Erst seit den vierziger Jahren wendete man auf’s Neue den öffentlichen Bade-Anstalten größere Aufmerksamkeit zu, indem man die Wannenbäder mehr ausbildete und ihnen später das römische Bad beifügte. Aber nicht in dieser

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Die Gartenlaube (1881) b 181.jpg

Die Schwimmhalle des Diana-Bades zu Leipzig.
Nach der Natur gezeichnet von H. Heubner.

[182] letzteren Art der Bäder, welche durch anderes Klima, andere Lebensweise geschaffen wurden, ist ein Fortschritt und der Schwerpunkt für öffentliche Bade-Anstalten zu suchen, sondern in dem reinen Wasserbade, den temperirten Winterschwimmbädern. Diese Art von Anlagen, verbunden mit guten Wasch- und Doucheräumen sowie mit Einrichtungen zu gymnastischen Uebungen, sind es, welche die in Städten zusammengepferchten Menschen geistig und körperlich frisch erhalten und vor Entnervung bewahren.

Die Schwimmbäder finden wir bereits in Verbindung mit der Palästra (Ringschule), dem Theater etc. der alten Griechen und Römer, aber erst unter der römischen Kaiserzeit trat das heiße Luftbad in allen seinen Abarten hinzu. Die großartigste Anlage der Römer sind wohl die Thermen des Caracalla, welche noch heute die Riesendimensionen der Schwimmhalle, der Halle für körperliche Uebungen etc. erkennen lassen.

Die römisch-deutschen Anlagen, von welchen das in Badenweiler 1774 freigelegte Bad die besten Anhaltepunkte bietet, scheinen in Folge der klimatischen Verhältnisse bei der Palästra kein Schwimmbad zu besitzen. Soviel über die antiken Einrichtungen dieser Art!

Die modernen Winterschwimmbäder, welche sich auf die antiken Anlagen stützen, entstanden zunächst zu Anfang der fünfziger Jahre in England und wurden dort durch das dringende Bedürfniß nach billigen öffentlichen Bade-Anstalten hervorgerufen. Die Parlamentsacte des Jahres 1846 bis 1847 sicherte den Gemeinden besondere Rechte bei Anlage öffentlicher Bäder, wenn selbige die Badepreise nach bestimmten Normen berechneten. Schon im Jahre 1854 existirten neun oder elf Anstalten auf Grund dieses Gesetzes, unter welchen sich bereits größere Schwimmhallen befanden. Als Beispiele seien hier die Schwimmhalle „Lambeth“, von der Joint Stock-Company gegründet, und „St. Marylebone“ in London genannt. Von beiden Anlagen besitzen die Bassins der ersten schon respectable Dimensionen und zwar 36,5 zu 13,5 Meter erster Classe und zu 15 Meter zweiter Classe. Diese erster Schwimmbäder sind jedoch in ihrer Einrichtung äußerst primitiv und entsprechen noch nicht den neueren Anforderungen.

Eine Folge des hohen Ansehens, dessen sich diese Schwimmbäder in England erfreuten, waren Unternehmungen, die unabhängig von der Parlamentsacte derartige Anstalten schufen, den Schwerpunkt aber in die Schwimmhalle und nicht in die Wannenbäder legten. Die römischen Bäder traten in England erst im Jahre 1856 hinzu. Den Namen römisch-irische Bäder führen sie übrigens nur deswegen, weil das erste derartige Bad in größerem und verbessertem Style in Irland gegründet wurde und zwar im Jahre 1856 von Dr. Bartes zu St. Ann’s Hill bei Cork.

Von diesen Privatunternehmungen sind nun vor Allem die Clubbäder zu nennen, welche für uns in Deutschland betreffs ihrer Einrichtung, Reinlichkeit und strenger Sittlichkeit als Muster dienen können. Diese Clubbäder legen das Hauptgewicht auf die Schwimmhalle, welche mit einem Raume für gymnastische Zwecke verbunden, sehr geräumig und bequem ausgestattet ist und vor Allem ein Schwimmbassin mit genügendem Wasserwechsel aufzuweisen hat. Auch die römischen Bäder werden neuerdings mit hinzugezogen, die Wannenbäder aber ganz untergeordnet behandelt. Außerdem haben diese Anlagen Billard-, Lese-, Spiel- und Conversationszimmer, gute Restauration, kurz Alles, was zu einem behaglichen Clubleben nach englischem Muster gehört. Wenn sie nun auch, wie schon gesagt, nicht direct zu den Volksbädern gehören, so haben sie sich doch durch das in England stark ausgebildete Clubwesen und durch den Umstand, daß Fremden die Benutzung des Bades gratis gewährt wird, für die allgemeine Gesundheitspflege eine hohe Bedeutung erworben und müssen als Grundlage der in anderen Ländern erst später entstandenen Anlagen betrachtet werden.

Als besonders gute Anlagen seien folgende Winterschwimmbäder hervorgehoben: Victoria Bath Company, limited (Glasgow); Western Bath (Glasgow); New Baths, Southport (Lancashire); Sheffield Bath Company, limited. Besonders großartig ist von diesen das Bad in Lancashire, welches allein sieben Schwimmbassins für Süß- und Seewasser, warm oder kalt, enthält.

Nächst England ist es allein Deutschland, welches wenigstens in den letzten beiden Jahrzehnten den Winterbädern volle Aufmerksamkeit zuwandte; denn in Frankreich findet man in dieser Beziehung so gut wie nichts, und in Belgien nur weniges. In Frankreich liegt der Schwerpunkt aller „Bains publics“ in den Wannenbädern, und selbst das feenhaft eingerichtete Pariser Bad „Le Hammam“ ist wohl mehr für raffinirten Sinnesgenuß, als für die Kräftigung des Körpers angethan, und liegt daher außer dem Bereich dieser Betrachtungen. In Brüssel ist seit vorigem Jahre das großartige Schwimmbad der Actiengesellschaft der königlichen Bäder eröffnet worden, und es wurde somit auch dort der erste Schritt auf diesem Gebiete gethan. Das Schwimmbassin dieses Bades umfaßt einen Flächenraum von 59 zu 20 Metern.

Wenden wir uns nun der Betrachtung der deutschen Schwimmbäder zu, so muß zunächst erwähnt werden, daß die Schwimmbäder für Sommerbetrieb allein in Deutschland allerdings älter sind, als in England. Schon in den vierziger Jahren wurden derartige Anlagen dem Wiener Sophien- und Diana-Bade eingefügt. Es sind dies aber nur Versuche, welche ihren eigentlichen Zweck, im Winter die Annehmlichkeit eines kalten Schwimmbades zu bieten, verfehlten.

Einen Schritt weiter sollte die Schwimmhalle des Berliner Volksbades 1855 gehen, aber leider scheiterte der Versuch, das Bad zu überwintern. Mit dem Magdeburger Actienbad 1860 erhielt Deutschland das erste Winterschwimmbad. Dasselbe ist aber noch äußerst primitiv und steht den ersten englischen Anlagen nach. Vollkommener in ihrer Anlage und bezüglich des ununterbrochenen Betriebes sind die Winterbäder zu Hannover (1867) und das Sophien-Bad zu Leipzig (1869), das wir in Bild und Wort im Jahrgange 1875, S. 716 darstellten. Eine Reihe von Anlagen, wie Zittauer Stadtbad, Admiralsgartenbad zu Berlin, Hedwigs-Bad zu Chemnitz, verzeichnen in Bezug auf die Schwimmbäder keinen Fortschritt, und leiden mehr oder weniger an ungenügendem Wasserwechsel, sowie an schlechter Erwärmung und Ventilation.

Erst mit der im Jahre 1877 eröffneten städtischen Bade-Anstalt zu Bremen ist eine Richtung eingeschlagen worden, welche als mustergültig bezeichnet werden kann. Hier sind die für Schwimmbäder maßgebenden Gesichtspunkte eingehalten und die einzelnen oft schwierigen Fragen in geistreicher Weise gelöst worden.

Eine gleich gute, mehr den Charakter des Volksbades tragende und daher betreffs der inneren Einrichtung einfacher gehaltene Anlage ist die Bade-Anstalt zu Dortmund. Diese ist zugleich insofern als bahnbrechend für Winterschwimmbäder zu bezeichnen, als hier von allen Wannen- und römischen Bädern Abstand genommen wurde, sodaß diese als Ideal einer reinen Volksbade-Anstalt dienen kann, welche sich auch kleinere Städte von 30,000 Einwohnern an ohne Opfer schaffen können, um die Gesundheitspflege ihrer Bürger zu fördern.

Bei Neu-Anlage eines Winterschwimmbades ist vor allen Dingen auf genügenden Wasser-Zu- und ‑Abfluß zu sehen, sodaß sich das Bassinwasser innerhalb einer fünfzehnstündigen Betriebszeit erneuert hat. Ist dies der Fall, so genügt es, das Bassin in Zwischenräumen von vier bis fünf Tagen abzulassen und zu reinigen. Der Abfluß des Wassers darf nicht nur an einer Stelle des Bassins stattfinden, damit die sich auf der Oberfläche des Wassers bildende Fettschicht bequem abfließen kann. Eine künstliche Bewegung der Wasseroberfläche hat sich zu diesem Zwecke als sehr vortheilhaft erwiesen. Die Temperatur muß sowohl im Wasser wie auch in der Luft gleichmäßig sein; auch ist hauptsächlich für gute Ventilation Sorge zur tragen. Ein reinliches Waschzimmer mit warmen Douchen, um dem Besucher vor Benutzung des Schwimmbades zum ersten Reinlichkeitsbade zu dienen, trägt wesentlich zur Annehmlichkeit und zur Erhöhung der Sauberkeit einer Anlage bei, und auch die Anordnung eines genügenden Raumes mit verschiedenen kalten Douchen ist Erforderniß. Um möglichste Reinlichkeit in der Badehalle selbst zu erhalten, müssen die Bekleideten und Entkleideten vollständig getrennt sein; es muß sich demnach hinter den Auskleidezellen ein besonderer Gang für die Bekleideten befinden. Außerdem ist ein großes Warte- respective Lesezimmer und Büffet vorzusehen.

Ein nach diesen Gesichtspunkten ausgeführtes Bad wird selbst bei einem mäßigen Eintrittsgeld von 25 bis 40 Pfennig, bei billigem Jahresabonnement von etwa 20 oder 25 Mark und bei Preisvergünstigungen für Corporationen eine gute Rentabilität erzielen und wird sowohl den besser Situirten wie auch den Arbeiter in gleicher Weise befriedigen. Wenn vielfach geklagt wird, daß sich unsere Schwimmbäder nicht gut verzinsen, so liegt dies weniger an der Unlust der Bevölkerung zum Baden, als vielmehr und meistens an der ungeschickten Anlage, welche dem Besucher nicht die nöthige Bequemlichkeit bietet.

[183] Es hat dies seinen Grund darin, daß die Anlage einer Bade-Anstalt, wie jedes andern Gebäudes, vielfach dem Bau-Amt oder einem guten Freunde zur Ausführung übertragen wird, anstatt einem mit derartigen Fragen vertrauten Fachmanne. Oder es liegt die Ausführung allein in künstlerischen Händen welche die technischen Momente als nebensächlich und der Architektur untergeordnet behandeln, während doch gerade das Umgekehrte stattfinden muß. In beiden Fällen ist es nur als ein glücklicher Zufall zu bezeichnen, wenn eine derartige Anlage den Anforderungen der Unternehmer wie des Publicums entspricht.

Es ist zu wünschen, daß im Interesse unseres Volkes immer mehr und mehr darnach gestrebt wird, jeder Stadt eine oder mehrere Anlagen dieser Art zu schaffen, sei es aus privaten oder öffentlichen Mitteln, Anlagen, welche dem Bemittelten wie dem Unbemittelten die Wohlthat eines kalten Bades zu jeder Jahreszeit gewähren. Dadurch kann der Gesundheitsgrad unserer Städte nur erhöht und zur sittlichen Erziehung unseres Volkes beigetragen werden.

Ein Beispiel eines Winterbades, bei welchem ich versuchte, dem Bremer Vorbilde nachzueifern und die hier entwickelten Grundsätze zur Geltung zu bringen, ist die durch die beigefügte Illustration dargestellte Schwimmhalle des Diana-Bades zu Leipzig – Besitzer Herr Gustav Schelter – welche in diesen Tagen der Benutzung des Publicums übergeben werden wird.

Lothar Heym.