Die Zuckertanne

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Textdaten
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Autor: Balduin Möllhausen
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Titel: Die Zuckertanne
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 48, S. 800
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[800]
Die Zuckertanne.

Die Uebersiedelung der schönen Douglastanne (vergleiche „Gartenlaube“ Jahrgang 1880 Nr. 1) nach Deutschland erscheint gesichert[1], da die Theilnahme für den „deutschen Waldbaum der Zukunft“ immer weitere Kreise zieht. Heute kann ich nicht umhin, die Aufmerksamkeit auf einen zweiten Californier, die Pinus Lambertiana oder Zuckertanne, hinzulenken, einen Baum welcher der Douglastanne wohl kaum in irgend einer Beziehung nachsteht und mit dessen Samenproben schon einzelne vielversprechende Versuche auf deutschem Boden unternommen wurden.

Wie die Douglastanne, beobachtete ich auch die Zuckertanne im südlichen Californien, am Fuße der Abhänge der Küstengebirge und in den Schluchten der Sierra Nevada, doch soll sie, zuverlässigen Angaben zufolge, über das ganze Territorium zwischen den Rocky-Mountains und dem Stillen Ocean, von der mexicanischen Grenze bis nördlich tief im Oregon hinein, verbreitet sein, wo nicht eben in den gewaltigen Sand-, Kies- und Felsenwüsten ihr die letzten Bedingungen zum Fortkommen fehlen. Es geht daraus hervor, daß ihr schnelles Wachsthum und ihre Widerstandskraft gegen winterliche Kälte nicht ausschließlich von den landwärts wehenden, feuchten Seewinden abhängig sind, ein Urtheil, welches hin und wieder der Douglastanne gegenüber ohne triftigen Grund gefällt wurde. Selten findet man, daß die Zuckertanne Waldungen bildet; sie liebt es dagegen, sich mit anderen Coniferen zu vereinen, welche sie weit überragt, sodaß man die einzelnen Bäume mit stolzen Häuptlingen vergleichen möchte, umringt von ihren Untergebenen.

Die Gartenlaube (1881) b 800.jpg

Die Zuckertanne. (Pinus Lambertiana.)
a. Zapfen der Zuckertanne, 1/2 natürlicher Größe.
b. Schuppe mit Samen, 2/3 natürlicher Größe.
c. Lange Nadeln, 2/3 natürlicher Größe.
d. Kurze Nadeln, 2/3 natürlicher Größe.

Nach den Mittheilungen meines Freundes Newberry nähert die Zuckertanne in ihrem botanischen Charakter sich den Weißtannen der östlichen Staaten. Wie alle Coniferen in den Küstengebieten des Stillen Oceans, zeigt auch sie in erhöhtem Grade eine Symmetrie und Vollendung in ihrer Erscheinung, und eine Gesundheit und Kraft im Wuchs, wie kaum irgend ein anderer Baum der Erde. Selbst die Bäume, die noch nicht lange ihr vielhundertjähriges Leben begonnen, erwecken den Eindruck junger Riesen. Der ausgewachsene Baum erreicht eine Höhe bis zu neunzig Meter bei sechs Meter Durchmesser an seiner Basis. Diese Größenverhältnisse gehören indessen zu den Seltenheiten. Wo die Zuckertannen dichter beisammen stehen, beträgt die gewöhnliche Höhe sechszig Meter bei drei Meter Durchmesser.

Eine ihrer auffallenden Eigenthümlichkeiten ist die gewaltige Ausdehnung des Stammes auf Kosten der Zweige; denn die Wurzeln scheinen ihre ganze Kraft der mächtigen Säule zuzutragen, deren wenige Zweige, von unten gesehen, an eine dürftige Ueberwucherung durch Epheuranken erinnern. Auch die Nadeln stehen weniger dicht und zu fünf bei einander; sie sind von dunkelblaugrüner Farbe und erreichen eine Länge von drei Zoll. Nähe dem äußersten Wipfel sind die Zweige häufig länger, als die unteren, und an ihnen hängen einzeln oder in Bündeln die Zapfen nieder. Dieselben entsprechen in ihrem Umfange der Größe des Baumes, und man findet sie bis zu einer Länge von achtzehn Zoll bei vier Zoll Durchmesser, doch dürften die Zahlen vierzehn Zoll bei drei Zoll am häufigsten vorkommen. Ein wenig gewunden, bestehen sie aus dicht aufeinander liegenden Schuppen mit leicht geschweiftem Rande ohne Stacheln oder Spitzen und mit geringer Harzausschwitzung. Das Holz der Zuckertanne ist weiß, gleichmäßig und geädert, und in ganz Californien ist es für Zimmer- und für Tischlerarbeiten sehr gesucht.

Eine weitere Eigenthümlichkeit dieses Baumes ist, daß das Harz, welches an schadhaften, namentlich angebrannten Stellen dem Holze entquillt, den Terpentingeruch und Geschmack verliert und eine Süßigkeit annimmt, welche der des Zuckers fast gleichkommt. Es erinnert in jeder Beziehung an Manna und würde ohne den schwachen Terpentingeruch kaum von solchem zu unterscheiden sein. Von den Grenzbewohnern wird dieses Zuckerharz zuweilen zum Würzen der Speisen benutzt, häufiger jedoch, um bei leichten Erkrankungen eine medicinische Wirkung auf die Verdauungswerkzeuge hervorzurufen. Einen erhöhten Werth für uns gewinnt die hier besprochene Zuckertanne indessen ebenso wenig durch ihr Harz, wie durch die wohlschmeckenden Samenkörner. Der einzige Zweck ihrer Uebersiedelung nach Deutschland kann nur sein, für unsere Forsten einen schnell wachsenden und sehr schönen Baum zu gewinnen, kommenden Geschlechtern dagegen eine neue, reichen Vortheil versprechende Holzart zu sichern.[2]

Balduin Möllhausen.

  1. Die Försterei „Dreilinden“ bei Potsdam ist in der Lage, Pflanzen abzugeben.
  2. Den vielleicht, wie nach meinem Aufsatze über die Douglastanne, zahlreich eingehenden Anfragen begegne ich mit der Angabe der Quelle, aus welcher ich seit Jahresfrist schon mehrfach guten, keimfähigen Samen zur Anlage von Forstgärten bestellte und bezog: „Germantown Nurseries. Thomas Meehan. Philadelphia. Pen.“ Ueber größere Quantitäten des Samems der Douglastanne verfügt auch: J. Anton Müller. Post Box 44. Seattle. Wash. Territory. North America.