Die Zukunft der deutschen Rechtschreibung

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Autor: Karl Julius Schröer
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Titel: Die Zukunft der deutschen Rechtschreibung
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 19, S. 304-308
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[304]
Die Zukunft der deutschen Rechtschreibung.
Eine brennende Frage der Gegenwart.
Von K. J. Schröer.

Ist die deutsche Rechtschreibung eine „Frage“?

So groß – besonders in den letzten Jahrzehnten – die Verwirrung geworden ist, die in den Schulen herrscht, indem überall eine „neue Orthographie“ gelehrt wird, die wiederum an jeder Anstalt eine andere ist, so wurde dadurch doch der Schreibgebrauch der Schriftsteller und Journale bisher so wenig berührt, daß man geneigt sein konnte, darüber hinwegzusehen und die Unsicherheit der deutschen Schreibung bei alledem zu leugnen. Sie erschien so ziemlich zu Einheit und Festigkeit gelangt, namentlich für die historische Betrachtung, welche die Entwickelung unserer Orthographie von den ältesten Zeiten deutschen Schriftenthums an bis zur Gegenwart verfolgte.

Wir hatten große Zeiten des Aufblühens unserer schönen Literatur im zwölften, dreizehnten und sechzehnten Jahrhundert. Was wurde da geschrieben! Aber eine in so weiten Kreisen verbreitete, übereinstimmende Schreibung, wie sie heute herrscht, hatten wir noch nicht. Der Kundige weiß, wie selten die ideale Schreibung sauberer neuer Ausgaben unserer mittelhochdeutschen Dichtungen in den Handschriften angetroffen wird. Auch wie die Orthographie des sechzehnten Jahrhunderts im Argen liegt, ist ja wohl schon einem weiteren Kreise bekannt. Und welches Chaos herrschte noch in unserer Schreibung, als der wackere Leonhard Frisch 1741 in Berlin sein von Jacob Grimm so gerühmtes deutsch-lateinisches Wörterbuch herausgab! Man braucht nur einen Blick zu werfen in die Vorrede, und Schreibungen wie: offt, Wissenschafft, weitläufftig, Muthmassung, Werck[1], Saltz u. dergl. m. erinnern sogleich an den Abstand der Zeit. – Eine solche Schreibung, wie sie hier ein angesehener Sprachforscher in einem gelehrten Werke schrieb, war aber keineswegs die allgemein gültige. Man nimmt gewöhnlich an, die gegenwärtige Orthographie sei durch Gottsched festgestellt worden und zwar durch seine 1748 erschienene „Grundlegung einer deutschen Sprachkunst“. Das ist aber doch nicht so aufzufassen, als ob sie eine Erfindung Gottsched’s wäre, dessen Machtspruch die Nation gefolgt sei. Dergleichen vermag wohl ein Einzelner bei einem großen literarischen Volke nicht. – Die Läuterung unserer Schreibung von Consonantenhäufungen, wie in den angeführten Worten, begann schon vor Leonhard Frisch. Sie ging von Leipzig aus.

Wenn wir die in der Breitkopf’schen Druckerei erschienenen Schriften der „Deutschen Gesellschaft“, der freilich Gottsched nahe stand, von 1730 bis 1742 vergleichen, so finden wir schon durchweg in ihnen: oft, Wissenschaft, weitläuftig, Muthmaßung, Werk, Salz etc. ganz wie wir heute schreiben, kurz die später von Gottsched gelehrte Orthographie. Wir finden sie aber auch ebenso z. B. in Kopp’s Uebersetzung von „Tasso’s befreitem Jerusalem“, die 1744 [305] ebenfalls bei Breitkopf erschienen ist. Goethe erwähnt ihrer in „Wahrheit und Dichtung“ und in „Wilhelm Meister“.

Die neuhochdeutsche Schreibung befestigte sich in einflußreichen Schriftstellerkreisen, und Gottsched faßte sie in ein System zusammen in seiner „Sprachkunst“.

Und wie die Literatur Deutschlands im achtzehnten Jahrhundert nun immer bedeutender, der Kreis der Schreibenden und Lesenden immer größer wurde, so ward die Schreibung auch immer übereinstimmender. Nicht starr blieb sie stehen bei Gottsched’s Regel. Diese Regel sprach für einige Zeit das, was als richtig erschien, noch am besten aus; man hielt aber daran nur mit Auswahl fest und ließ manches Gottsched Eigenthümliche übereinstimmend fallen. – Ein Schlag in’s Wasser war es, als Klopstock 1779 eine neue phonetische (wortklangmäßige) Schreibung einführen wollte, wie so viele junge Leute in unseren Tagen immer wieder. Er schrieb z. B. Ferenderlichkeit und Tir für [306] Veränderlichkeit und Thier. Das hatte nicht den geringsten Einfluß auf den breiten Strom der Literatur, der in ruhiger, allmählicher Entwickelung und Läuterung majestätisch weiter wogte.

Wie sich diese Läuterung allmählich vollzog, davon will ich ein Beispiel anführen.

Barth. Heinr. Brockes (geboren 1680, gestorben 1747) gebrauchte noch für: die Augenbrauen die Form: Augenbrahnen, und reimte dieses Wort auf: Bahnen. Bei Herder kommen noch vor die Formen: Augbran und Augenbran. Auch bei Schiller kommt die Form: Augbranen noch zweimal vor, zuletzt 1787. Goethe schrieb: Augbraun, Augbraune, Augenbraune und Augenbraue. Schiller, außer den genannten Fällen: Augbraun und Augbraune. Heute scheint die Form: Augenbraue schon so ziemlich die Oberhand gewonnen zu haben.

Der Einfluß Einzelner ist da bei Weitem geringer, als man gewöhnlich annimmt. So wie man Gottsched’s Macht in Bezug auf die Festsetzung der Orthographie überschätzt, so überschätzt man den später zur Geltung gekommenen Einfluß Adelung’s. Um das Jahr 1616 erscheint, so viel bekannt, das erste Mal in deutscher Sprache das Wort: das Boot. Es ist ein Fremdwort, aus dem Holländischen. Die Seefahrenden und Handelsleute haben es von da in holländischer Schreibung (Boot) mit oo in’s Land gebracht. Adelung’s Wörterbuch schlug schon 1774 die Schreibung Both (siehe Grimm’s Wörterbuch, II, 237) vor. Wir schreiben aber heute noch ganz richtig: Boot.

So erscheint denn die deutsche Schreibung im Ganzen in gesunder Bewegung und allmählich sich vollziehender Läuterung. Bei ihrem riesigen Umfange kann ihre Umgestaltung wohl nur eine allmähliche sein. Sie schleppt sich noch mit Widersprüchen und überflüssigen Buchstaben. Wenn man aber ihr Ganzes übersieht, so muß man doch die größte Uebereinstimmung in der Hauptsache erkennen, sowie die nicht ruhende Tendenz nach Beseitigung einzelner Mißbräuche, eines nach dem andern. Das y in: sein (être), am längsten von der „Augsburger Allgemeinen Zeitung“ festgehalten, ist verschwunden. Wir schreiben schon lieber Schwert, als Schwerdt; lieber Wirt, als Wirth, und so werden auch diejenigen Fälle immer weniger, von denen man sagt: „Die Schreibung schwankt.“

Ob diese Fälle jemals ganz schwinden werden? Ich weiß nicht, ob man es wünschen soll. So lange die Sprache lebt, wird sie immer kleine Veränderungen erleiden, und die werden allmählich auch in der Schreibung sich geltend machen. Ich glaube, daß ein so naturgemäßer Vorgang bei Weitem dem Festfrieren der Wortbilder, wie im Englischen, vorzuziehen ist.

Wer von dem Leben einer Sprache und dem lebendigen Erfassen dieses Lebens die rechte Vorstellung hat, wird auch nicht wünschen, daß eine Akademie eingesetzt werde, ein solches Festmachen zu besorgen. Trefflich spricht sich hierüber R. Hildebrand in seinem Werke „Vom deutschen Sprachunterricht. Leipzig 1879“ aus, wo auf S. 58 die noch in vielen Köpfen spukende Forderung einer „Akademie“ gekennzeichnet ist. Im Ganzen ist wohl die große Mehrheit der schreibenden Welt sehr wenig interessirt für die Schreibung. Was kümmert den Journalisten, den Gelehrten, den Schriftsteller überhaupt die Orthographie! Es ist etwas so Nebensächliches, so Aeußerliches, ein von dem, was er zu sagen hat, so weit abliegendes Moment, daß man begreift, wie es der weitaus größten Mehrheit der Schreibenden, die doch am Ende ausschlaggebend ist, gleichgültig sein muß. Dennoch klären sich, wie gesagt, allmählich die Begriffe auch in der Schreibung, und kleine Fortschritte vollziehen sich unmerklich.

Alles stünde nach Wunsch, nur von unseren Schulen muß man gestehen, daß es da mit der Orthographie schlimm steht. Wir wissen, wie die Schriftsteller schreiben, wie die Journale schreiben, wie man zu schreiben hat als gebildeter Mensch, wie aber unsere Kinder schreiben, wie sie schreiben sollen, wie es die Schule verlangt, das wissen wir nicht.

Jede Schule schreibt anders, und man kann sich dabei nur mit der Hoffnung trösten, daß die Kinder die Verwirrung, in die sie durch die Schule gerathen, später überwinden und dann doch auf eigne Faust noch schreiben lernen werden – wie man schreibt.

Bisher konnte man sich wohl auch mit der Ansicht beruhigen, dieses Unwesen sei im Ganzen doch nur ein Sturm in einem Glase Wasser, der vorüber gehen wird.

Die Sache nimmt aber nun eine Wendung, über die sich nicht mehr hinwegsehen läßt. In der Hauptstadt des deutschen Reiches wird den Schulen eine neue Orthographie befohlen, und selbst die Ministerien sind darüber verschiedener Meinung! Das Berliner Unterrichtsministerium hat den Gegensatz, in welchem die Schule zur öffentlichen Meinung steht, verschärft und ist selbst Partei geworden, ohne die öffentliche einerseits, ohne die Schule andererseits zu befriedigen. Muß die Schule nicht, wenn ihr eine bestimmte neue Orthographie aufgedrungen wird, fragen: warum diese und nicht eine von den vielen anderen, die vorgeschlagen sind?

Werfen wir einen Blick auf diese verschiedenen vorgeschlagenen Orthographien!

Bekanntlich war es Karl Weinhold, der feinsinnige Germanist, der 1852 ein Ideal einer deutschen Schreibung aufgestellt hat nach dem Grundsatz: man schreibe, wie es die geschichtliche Entwickelung des Neuhochdeutschen verlangt!

Man nannte die von ihm aufgestellte Schreibung die historische. Der von dieser Schrift ausgehenden Strömung, die wesentlich auf Jac. Grimm’s historischer Grammatik fußt, trat 1855 Rudolf von Raumer entgegen, der das Recht der lebenden Sprache geltend machte und darauf drang, durch die Schreibung die Aussprache der Gebildeten möglichst phonetisch genau wiederzugeben. Also z. B. wenn auch in dem Worte Löffel historisch richtig e für ö zu schreiben wäre, so schreibe man doch neuhochdeutsch Löffel, weil so heutzutage der Gebildete spricht. Das phonetische Princip veranlaßte Raumer auf Einführung des Heyse’schen ſs zu dringen. Davon noch später!

Beide haben eine ideale Schreibung im Auge, die anzustreben wäre, aber noch nicht üblich ist. Es ist natürlich nichts dagegen einzuwenden, wenn Männer der Wissenschaften solche Ideale hinstellen, und als solche haben beide Erörterungen ihren Werth und haben zur Klärung der Begriffe viel beigetragen. Etwas anderes aber ist es, solche Ideale theoretisch hinzustellen, etwas anderes, sie in der Schule einführen zu wollen.

Es tauchten nun in den letzten Jahrzehnten eine Menge von neuen Orthographien in Lehrerkreisen auf, immer angeblich in der Absicht, in die Schreibung Einheit zu hineinzubringen, eigentlich aber immer nur mit dem Zweck, gewissen Lieblingsmeinungen Einzelner Geltung zu verschaffen. Man begnügte sich nicht, Einigung in zweifelhaften Fällen zu erzielen, sondern man griff immer auch das Feststehende an. Man führte dann diese neuen Orthographien in die Schulen ein, ohne sich im Geringsten darum zu kümmern, ob man auch der allgemeinen Zustimmung der übrigen Welt gewiß sei. Die chaotischen Zustände, die auf diese Weise in den Schulen einrissen, indem man dort nach dem historischen, hier nach dem phonetischen Princip orthographische Regeln aufstellte und lehrte, die alle unter einander nicht übereinstimmten, mußten die Regierungen, zunächst die Unterrichtsbehörden, veranlassen, etwas zu thun, um dem ein Ende zu machen.

Es sei nur zweier derartiger behördlicher Schritte gedacht, des einen aus Wien, eines anderen aus Berlin.

Durch einen Auftrag des österreichischen Unterrichtsministeriums wurde ich 1868 veranlaßt einen Vorschlag auszuarbeiten, der geeignet wäre, in die Orthographie der Schulen Ordnung und Einheit zu bringen.

Es lagen schon damals Erfahrungen vor, aus denen ersichtlich war, woran solche Vorschläge gewöhnlich scheitern. Sie dienen meistens zur Grundlage von Berathungen einer Commission, deren Ergebniß ist, daß zu den neunundneunzig bereits geschaffenen Orthographien nun noch eine hundertste geschaffen ist. Das Uebel, dem man abhelfen wollte, wird vergrößert.

Commissionen zur Berathung über die deutsche Rechtschreibung sind gewöhnlich nach der Mehrzahl ihrer Mitglieder, wie die Dinge einmal stehen, nicht unbefangen genug. Sie werden gewählt aus Kreisen, die zur orthographischen Reform schon Stellung genommen haben, und da haben sich bei den meisten Mitgliedern gewöhnlich schon gewisse Lieblingsmeinungen angesetzt, die bei einer solchen Gelegenheit geltend gemacht werden. Da findet sich denn bald, daß die Mehrzahl nur in Einem Punkte einig ist, nämlich darin, daß ihnen die Reform der Schreibung, ganz abgesehen von der Praxis, in erster Reihe wichtig erscheint und darüber die Einigung, die anzustreben wäre, vergessen wird. Sie kommen dann auch zu Ergebnissen, über welche die Welt anfangs gewöhnlich erschrickt und dann – zur Tagesordnung übergeht. [307] Indem mir diese Gesichtspunkte klar vor Augen standen, hielt ich es für gerathen, von dem Ideal einer deutschen Rechtschreibung völlig abzusehen und nur die Aufgabe in’s Auge zu fassen, die mir zunächst gestellt war, Vorschläge zu machen, die geeignet wären, Ordnung und Einklang in die Schreibung zu bringen, welche an den Schulen gelehrt wird.

Es wurde von mir der Grundsatz an die Spitze gestellt: von der Schule vor allen Dingen Alles fernzuhalten, was problematisch ist, also auch die Schreibung der Zukunft. Die Schüler dürfen nicht mit in den Streit, der unter den Gelehrten ausgebrochen ist, hinein gezogen werden. Die Läuterung der Schreibung wird sich nach und nach vollziehen, dann wird die Schule, die anzuleiten ist, darauf zu achten, wie man schreibt, nachfolgen; sie kann nicht vorausgehen. Der Schüler kann Reformvorschläge nicht vertreten und sie dem herrschenden Gebrauch gegenüber nicht behaupten. Auch der Volksschullehrer nicht.

Ich führte aus, daß die allgemeine Uebereinstimmung der üblichen Schreibung in den Hauptsachen hoch zu halten ist und nicht durch Theorien gestört werden sollte. Die Theoretiker haben mit ihren Vorschlägen für die Schule bisher die Uebereinstimmung nicht gefördert, sondern nur gestört.

„Wer ist wohl zweifelhaft, wie er die Wörter: Haß, haßt, gewiß, Riß, Roß, Schloß zu schreiben hat? Die Zeitschriften, die Schriftsteller werden alle übereinstimmend so schreiben, wie ich hier geschrieben habe, unter den Lehrern wird aber der Eine, Heyse’s Regel folgend, schreiben: Haſs, haſst, haſſen, gewiſs, Riſs, Roſs, Schloſs, der Zweite ‚aus historischen Gründen‘: Haß, haßt, haßen, gewis oder gewiſs, jedoch Riß mit ß, aber Ros oder Roſs mit s oder ss, und wieder Schloß mit ß. Schreibt nun ein Dritter noch in herkömmlicher Weise und geschieht das, wie es wohl vorkommt, in einer Anstalt nebeneinander, so kann die Verwirrung wohl nicht größer sein, aber, wohlgemerkt! nicht in der Literatur, nur in der Schule. Wenn die verwirrten Schüler in’s Leben treten, so lernen sie dann wohl noch zuweilen ganz ordentlich schreiben.“[2]

Ich beschränkte mich in meinem Vorschlage daher darauf, die allgemein herrschende Schreibung zu erörtern und zu empfehlen und in einem Wörterverzeichnisse diejenigen Wörter besonders zu besprechen, in denen auch bei unbefangenen Schriftstellern die Schreibung schwankt, wie Brot oder Brod, Dienstag oder Dienſtag, echt oder ächt, gescheit oder gescheut, gibt oder giebt, gültig oder giltig, Hilfe oder Hülfe etc. Die Besprechung sollte nur dazu dienen, daß der Lehrer sich selbst ein Urtheil bilde.

Bei den Berathungen, die über meine Vorschläge gepflogen wurden, ging es dann aber freilich wieder, wie bei allen solchen Berathungen, aus Gründen, die ich schon angedeutet: man wollte nicht, daß die Schulen einfach die herrschende Schreibung lehren, sondern man wollte erst „sich einigen“, daß heißt: eine neue Schreibung schaffen und diese dann anbefehlen.

Unter solchen Umständen zog ich meinen Vorschlag zurück und gab ihn in den Buchhandel (vgl. unten: Anmerkung), und die Schulen lehren in Oesterreich munter ihre neuen Orthographien noch immer fort.

In Berlin faßte man die Sache groß an. Rudolf von Raumer wurde beauftragt, einen Entwurf auszuarbeiten, welcher der Berathung zur Einigung in der Rechtschreibung als Grundlage dienen sollte. Zur Berathung dieses Entwurfes wurden Delegirte der deutschen Bundesregierungen, ein Delegirter des deutschen Buchdruckervereins und einer des deutschen Buchhändlerverbandes einberufen. Ihre Verhandlungen, die 1876 erschienen, sind bekannt. Sie fanden keinen Beifall und sind Theorien geblieben.

Es scheint natürlich, daß man, um sich in einem solchen Falle zu einigen, vom Wirklichen ausgeht, das heißt, die Punkte, in denen die Welt schon einig ist, vorerst unberührt läßt und nur über die noch nicht geklärten sich zu verständigen versucht. Statt dessen stürzte sich die Conferenz auf die schiefe Ebene der Reform des Bestehenden, die allerdings schon Rudolf von Raumer’s Vorlage betreten hatte, und wenn man sich erst auf diesen Boden begiebt, dann ist freilich kein Halt mehr. Das Publicum erschrak über die Ergebnisse der Conferenz; die Schule hatte keinen Nutzen davon.

Ich verkenne nun keineswegs, daß in den Reformvorschlägen der Berliner Conferenz mit Vorsicht und Sachverständniß der Weg zu einer idealen Schreibung angedeutet worden ist. Wer durch Jahre und Jahrzehnte mit der deutschen Sprache in ihren verschiedenen Entwickelungsstufen und Mundarten zu thun hat, dem erscheint das jetzige Deutsch in anderem Lichte, als dem Laien, und die Schreibung dieses Deutsch, wie sie üblich ist, kann ihn allerdings wenig befriedigen. Ich selbst bekenne, daß ich nicht frei von der Neigung bin, Manches anders zu schreiben, als es üblich ist. Ich denke, das muß jedem Schriftsteller frei stehen. – Wenn ich aber Kinder im Schreiben unterrichten sollte, da wollte ich mich doch dreimal bedenken, bevor ich es wagte, sie eine neue Schreibung zu lehren.

Da sind nun jüngst wieder von Seiten der Behörden neue „Regeln und Wörterverzeichnisse für die deutsche Rechtschreibung“ erschienen, sowohl 1879 in Wien, wie auch 1880 in Berlin.

Die in diesen Publicationen enthaltenen Regeln weichen wieder von einander ab. Die Wiener stimmen nicht mit den Berlinern und beide nicht mit dem üblichen Schreibgebrauch überein. Die Wiener sind nicht bindend für die Schulen, die Berliner aber werden denselben strengstens zur Darnachachtung anbefohlen. Diese verdienen daher besondere Aufmerksamkeit.

Sie sind in der That so eigenthümlich, daß man die Aufregung, die sie hervorgerufen, begreiflich finden muß. Man traut seinen Augen nicht.

Das Kind soll nun schreiben: der Tau, der Teil, teuer, das Tier; daneben aber doch mit th: das Thal, die That, der Thon, das Thor, der Thor, die Thräne, thun, Thür! Wo die Dehnung des Vokals sonst nicht angedeutet wäre, soll nämlich th stehen bleiben. Nun ist aber doch auch Muth ohne h empfohlen. Wie ist denn da die Dehnung des Vocals angedeutet?! Auch Fremdwörter und Wörter aus älteren germanischen Sprachen sollen mit h geschrieben werden, z.B. Günther, Mathilde, Bertha. Nun sind das keineswegs Namensformen aus älteren germanischen Sprachen; die althochdeutschen Formen wären ja: Gundahari, Mahthilda, Perahta! In Günther, Mathilde erklärt sich das h aus der Zusammensetzung mit -her (wie auch in Walt-her) und -hilde; hingegen Bertha ist gar nichts als neuhochdeutscher Schreibmißbrauch. Daß mit dem h das althochdeutsche h in Perahta angedeutet werden soll, welches nicht gehört und nicht gesprochen wird, auch in Albert, Hubert längst schon abgefallen ist, das soll wohl damit gesagt sein, allein ist das richtig motivirt, indem Bertha unter die Fremdwörter aus älteren germanischen Sprachen gestellt wird?! – Welche Schwierigkeiten erwachsen aber nun daraus, wenn die Schule nicht dort th schreiben soll, wo man überall th schreibt, sondern nur in den Fällen, die hier angegeben sind! Wird damit größere Einheit erzielt oder größere Verwirrung? Mir scheint entschieden Letzteres.

Ein merkwürdiges Beispiel von den üblen Folgen aller Willkür in Dingen, über welche die Gelehrten noch nicht einig sind, ist aber die Vorschrift, die hier § 17 gegeben ist, alle Verba auf iren mit e zu schreiben.

Die Germanisten haben nach Jac. Grimm’s Vorgang die Schreibung -ieren in allen Zeitwörtern solcher Endung in mittelhochdeutscher Weise zu schreiben angefangen. Bis dahin war die Regel bekanntlich die, daß man, mit Ausnahme von regieren, spazieren und den von einem Substantiv auf -ier abgeleiteten Zeitwörtern (wie barbieren, quartieren) -iren schreibe. Phonetisch genügt -iren vollkommen, und es sieht befremdlich aus, wenn geschrieben wird: manieriert, studieren etc.

Das Berliner Büchlein befiehlt die Durchführung des -ieren in allen diesen Verben, obwohl es phonetisch nicht zu rechtfertigen ist. Warum? Wohl im Hinblick auf den Vorgang der Germanisten. Nun haben es die Germanisten aber in neuerer Zeit mit guten Gründen wieder aufgegeben und kehrten zum üblichen Schreibgebrauch zurück. In Wilmann’s Grammatik lesen wir S. 213: „die Verbalendung -iren wird mit e geschrieben in regieren, spazieren – sonst werden die Verba auf -iren ohne e geschrieben, z. B. probiren, hantiren, negiren etc.“ Auch W. Scherer schreibt -iren.

Die Anschauungen, auch der Gelehrten, sind eben Wandlungen unterworfen. Die älteren Germanisten aus der Schule J. Grimm’s und Lachmann’s schrieben so übereinstimmend -ieren (mit e), daß man noch vor zehn Jahren annehmen konnte, diese Schreibung werde durchdringen. Ich selbst empfahl noch vor [308] zehn Jahren die Schreibung -ieren.[3] Es scheint mir jetzt, daß sie nicht Aussicht hat, allgemein zu werden, und ich gebe sie auf.

Ein anderes Beispiel. Die Berliner Conferenz empfahl noch nach kurzem Vocal das Heyse’sche ſs, wofür Raumer mit solchem Eifer eingetreten war. Ich war immer dagegen. Das graue Büchlein des Berliner Unterrichtsministeriums von 1880 hat es nun auch aufgegeben (es schreibt: Haß, Riß, nicht mehr: Haſs, Riſs).

Da nun, wie aus diesen Beispielen ersichtlich ist, die Anschauungen solchen Schwankungen unterliegen, wer mag da orthographische Reformen den Schulen befehlen wollen, die mit dem herrschenden Gebrauche im Widerspruche stehen? Warum um’s Himmels willen läßt man denn die armen Lehrer, die armen Kinder nicht unbehelligt mit solchen Neuerungen, über deren Berechtigung die Gelehrten mindestens nicht einig sind?

Wäre es nicht heilsamer, der Schule zu empfehlen, ja zu befehlen – alle Gründe der Methode und Disciplin sprechen dafür – daß sie sich von allen Neuerungen der Schreibung fern halten? Wäre nicht von der Schule zu erwarten, daß sie die Kinder davor bewahren werde, so zu schreiben, daß gebildete Menschen glauben könnten: sie können nicht schreiben?

Die Ansicht, daß eine neue Schreibung durch die Schule eingeführt werden könnte, bei einem großen literarischen Volk, ist ein Irrthum.

Schriftsteller oder Gelehrter wird unter den Schulkindern nicht eines von tausend. Die große Mehrzahl der Ungelehrten, die eine neue Schreibung angenommen hat, soll sie demnach behaupten und vertreten im Widerspruch mit der ganzen Welt der Andersschreibenden, welche in der älteren Schule gebildet sind! Das wird diese Mehrzahl nicht durchführen. Sie wird zum Theil gar nicht in der Lage sein viel zu schreiben, oder sie wird im andern Fall sich dem allgemeinen Schreibgebrauch fügen müssen. Die Wenigen aber – von mehreren Tausenden etwa Einer – die Schriftsteller werden, besitzen eine Bildung, durch welche sie ganz gewiß sich entbunden fühlen werden von der Pflicht, die Orthographie, die man ihnen in der Schule aufgezwungen hat, zur Geltung zu bringen. Sie haben ihre Bildung gewonnen durch das Schriftenthum, das von der neuen Orthographie noch unbeeinflußt ist, und werden daher, wenn sie für Orthographie nicht ein besonderes Interesse haben, sich einfach dem vorgefundenen Gebrauch anschließen, wenn sie aber ihren Studien und ihrer Geistesrichtung nach für orthographische Reform sich interessiren sollten – was unter Hunderten wieder kaum bei Einem der Fall sein wird – so werden sie wahrscheinlich nicht für die in der Volksschule gelernte Orthographie eintreten, sondern ihre eigenen Wege gehen.

Aber warum sollten sie nicht für die in der Volksschule gelernte Orthographie eintreten wollen? Darum wahrscheinlich nicht, weil diese Orthographie eine Menge von Punkten enthält, die disputabel sind. Dies spiegelt sich deutlich schon in der Erscheinung, daß dort, wo die Gewalt des grauen Büchleins nicht hinreicht, auch die Zustimmung nicht erfolgt, wie man aus den vielseitig laut werdenden Protesten schon jetzt ermessen kann.

Der orthographische Friede in den Schulen ist nur durch die Verordnung herzustellen, daß sich die Schulen einer jeden auffälligen, ungewöhnlichen Schreibung im Unterricht zu enthalten haben. Ich glaube, daß viel, ja, daß alles gewonnen wäre, wenn in der Schule der Friede damit wieder hergestellt würde, daß sie verhalten wäre, im Unterricht nicht die Schreibung der Zukunft, also eine problematische Schreibung zu lehren. Die Lehrer würden bald die Wohlthat fühlen, um wie viel leichter es sich unterrichtet, wenn man sich in Uebereinstimmung befindet mit der Literatur, als wenn man sich abmüht den Sisyphusstein einer fraglichen Reform zu wälzen, in Widerspruch mit der Literatur und auch mit den Eltern der Schüler.

Das, was uns Alle, auch die etwa Gebietenden, zwingt, ist der Wogengang der Literatur im Großen. Der Lehrer lehre ihn achten und auf ihn achten.

Daß mit dem Zwecke des Jugendunterrichts die Bedingung einer Beschränkung auf das Herkömmliche gegeben ist, ergiebt sich, abgesehen von methodischen Gründen, auch schon daraus, daß die Frage des anzustrebenden Ideals noch ungeklärt ist, wie dies die zahllosen, sich widersprechenden Schriften, welche in neuerer Zeit über den Gegenstand entstanden sind, zur Genüge beweisen. Zur Abenteuerlichkeit wird jedes Abweichen von dem Herkömmlichen im Unterricht, wenn es gelehrt wird, als ob seine allgemeine Annahme gesichert wäre, bevor man eine Bürgschaft eines solchen Erfolgs nachweisen kann. Es wird damit der Streit, der in der Literatur noch unbeendet ist, in die Schule verlegt, und der Schüler sieht sich nicht nur im Widerspruche mit dem ganzen Schriftenthume, er sieht sich sogar zum Schiedsrichterthum bestellt, oft selbst zwischen seinen Lehrern.

Noch haben wir den methodischen Grund nicht berührt, der gegen eine vom Herkommen abweichende Schreibung im Unterricht spricht.

Die Sprachphysiologie hat gelehrt, daß unsere Buchstabenschrift lange nicht ausreicht, den Wortlaut vollkommen wiederzugeben. Wir lesen auch nicht buchstabirend oder lautirend. Wer so liest, liest schlecht. Die vorgeschrittenste Schreiblesemethode beginnt auch nicht mehr mit Lauten oder sinnlosen Wortbestandtheilen, sondern mit ganzen Wörtern, mit Wortbildern, und erreicht damit ausdrucksvolles Lesen und richtiges Schreiben sicherer, als mit allen Regeln. Wie sehr erschwert es nun den Unterricht, wenn eine nicht übliche Schreibung gelehrt werden soll, durch die eine Schranke gezogen wird zwischen dem Wortbild auf allen Straßen und Gassen, in Büchern und Zeitschriften, und dem des Schulbuchs![4]

Eine Schrift mit Regeln und Wortverzeichniß der deutschen Rechtschreibung, das sich an den herrschenden Schreibgebrauch hält, ist viel leichter und sicherer herzustellen, als Vereinbarungen über Zukunftsorthographien. So ein Büchlein, von obenher empfohlen, müßte wie Oel wirken, das man in aufgeregte Fluthen gießt. Es würde bald durch unanfechtbare Stichhaltigkeit, durch seine Uebereinstimmung mit der Literatur populärer und von Kindern, Eltern und Lehrern wie eine wahre Wohlthat empfunden werden.

  1. ck nach n schrieb übrigens Goethe bis an sein Lebensende
  2. Aus meiner Schrift: Die deutsche Rechtschreibung in der Schule. Leipzig, F. A. Brockhaus, 1870. Seite 13.
  3. Auch Weigand’s vortreffliches Wörterbuch, das sonst so gewissenhaft die übliche Schreibung verzeichnet, weicht in dem Punkte davon ab, daß es durchaus -ieren schreibt. Es ist abgeschlossen 1871.
  4. Wir möchten den hier angedeuteten Punkt, namentlich dem phonetischen Princip gegenüber, ganz besonders betonen. Es ist schlechterdings unmöglich, die Orthographie nach der Aussprache zu uniformiren – weil es keine durchweg einheitliche Aussprache in irgendwelcher Sprache giebt, und weil, wenn es sie gäbe, wie oben bereits gesagt, ein unendlich compliciertes Alphabet geschaffen werden müßte. Thatsächlich ist die Schrift nichts Anderes, als ein Operiren mit Wortsymbolen, Wortbildern, welche mehr oder weniger mit versuchsweiser Rücksicht auf eine Lautunterscheidung gestaltet sind und welche Jeder nach den Lauten seines Dialekts ausspricht. Was der Mitteldeutsche „Geist“ liest, das liest der Schwabe „Gejscht“; der Zweck der Schrift ist erfüllt, wenn Jeder von beiden weiß, welchen Lautwerth das Wortbild für ihn hat, und damit, welcher Begriff und welche logische Stellung im Gedankenzusammenhang durch dasselbe repräsentiert wird. Keine Sprache mehr, als die englische, bezeugt, daß diese Auffassung vom Wesen der Schrift den thatsächlich vorliegenden und mit innerer Nothwendigkeit gewordenen Verhältnissen entspricht: hier hat sich die Aussprache in ihrer allmählichen Entwickelung bis zum Komischen von der in früher Zeit erstarrten Lautschrift abgewendet, und zwar ohne den geringsten Schaden für das Verständniß des geschriebenen und gedruckten Wortes. Aber wir möchten noch einen andern Punkt zur Ergänzung der obigen Gründe gegen die Orthographiereform hier nicht unerwähnt lassen: er betrifft den sehr prosaischen Geldpunkt. Es ist in den Tagesblättern schon mehrfach darauf hingewiesen worden, daß dem Buchhandel, das heißt einer Anzahl von Privatpersonen, welche Schul- und Jugendliteratur verlegt haben, aus der Puttkamer’schen Maßregel eine durch nichts zu rechtfertigende Schädigung erwächst; aber nur wenige Leute dürften einen Begriff davon haben, wie groß dieser Schaden, der stellenweise dem Ruin gleichkommt, sein wird, obschon dem Buchhandel das Zugeständniß gemacht worden ist, daß nunmehr, nach erfolgter Einführung der Reform, zwar keine Schulbücher mehr in abweichender Orthographie zu drucken sind, die alten Bestände jedoch noch durch fünf Jahre verwendbar bleiben. Wir können eine Einigung in Beziehung auf Orthographie für das Gesammtgebiet unserer Muttersprache nur auf’s Dringendste wünschen, aber dann mag sie im Sinne obigen Aufsatzes sorgfältig vorbereitet und darf sie nicht mit souveräner Willkür über’s Knie gebrochen werden.
    D. Red.