Die alte Fabel von zwei Adlern

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Autor: Johann Peter von Hornthal
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Titel: Die alte Fabel von zwei Adlern
Untertitel:
aus: Wünschelruthe - Ein Zeitblatt. Nr. 19, 20, S. 76-77
Herausgeber: Heinrich Straube und Johann Peter von Hornthal
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1818
Verlag: Vandenhoeck und Ruprecht
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Erscheinungsort: Göttingen
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Quelle: Scans auf Commons
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Die alte Fabel von zwei Adlern.




Vor Zeiten war ein Adler, der hatte zwei Köpfe, und saß in einer alten, hochgewaltigen Felsenburg und herrschte über alle Thiere des großen Eichwaldes. Roß und Leu waren seine Räthe, Schwan und Nachtigall an seinem Hofe, und jegliches Thier hatte sein Amt, so es gut und ehrlich verrichten und davon Rechenschaft geben mußte, wenn der König Adler den Reichstag berief, mit den Unterthanen die Wohlfahrt des Waldes zu pflegen.

Einmal geschah es, daß ein fremder Adler übers Meer geflogen kam, der nur einen Kopf hatte, aber nach Art des heidnischen Götzenvogels Donnerkeile und Blitze in seinen Klauen. Der flog gerade über einen anderen Wald am Meere dahin, in dem die Thiere ihren König eben ermordet hatten, und sich nun in Verwirrung und Geschrei um die Herrschaft stritten. Alsbald warf er etliche Donnerkeile aus der Luft auf sie herab, daß die Thiere gewaltig erschraken, ihn für einen Wundervogel hielten, und deshalb sogleich zu ihrem Könige machten.

Das gefiel dem Meeradler gar wohl, und als er sich eine feste Burg im Walde gebauet, gedachte er, seine Herrschaft noch mehr zu erweitern. Machte also in den benachbarten Wäldern bekannt, er sey der alleinig ächte Königsadler, der Zweiköpfige aber ein falscher und widernatürlicher, die Thiere sollten daher alle den falschen verlassen, und ihm Treue geben. Da sagten aber die Thiere ihr doppelköpfiger Adler sey schon viele hundert Jahre ihr rechter König, der ihnen gar gut anstehe, und mit seinen zwei Köpfen und vier Augen ihnen sehr nützlich sey, dieweil er damit auch doppelt für sein Reich wachen und um so leichter sehen könne, wo es nicht mit Rechtem herginge. Schlugen ihm also sein Begehren rund ab.

Da sah der neue König Meeradler, er müsse das Ding anders anfangen, wandte sich also an etliche Große denen die vier Augen ihres Königes schon lange zuviel sahen, ihnen sagend, er wolle sie zu sich erheben und zu Unterkönigen machen, so fern sie ihm behulflich wären, den Doppelkopf zu fahen. Auch habe er nur zwei Augen, werde und wolle daher gar Vieles nicht sehen. – Die Großen thaten im Stillen dem also, und wie der Meeradler mit einer großen Schaar unversehens in den Wald des alten Königes einfiel, konnte der weiter nichts thun, als sich nach tapferer Gegenwehr in seine hochgewaltige Felsenburg zurückziehen. Die aber hatte er seit den vielen hundert Jahren seines Regimentes immer als ein hohes Heiligthum unbesieglich geglaubt. – Wäre das auch fürder geblieben, aber die Großen, so der Meeradler beschwazt, verriethen dem den geheimen Zugang. [77] Wie nun der Meeradler einzog in die alte Königsburg, da fand er sie leer und der König Doppeladler war davongeflogen mit wenigen Getreuen, wußte niemand wohin, fiel auch die Burg alsbald in Trümmer, und hätte fast den Meeradler erschlagen.

König Meeradler machte nun, wie er versprochen, die Großen zu Unterkönigen, wollte mit ihnen auch die Felsenburg wieder aufbauen, fiel aber jegliche neue Mauer alsbald wieder ein, und mußte Mancher dabei sein Leben lassen. Hörte also damit auf und zog wieder heim in seinen Wald, von da aus den Unterkönigen befehlend. Die aber hatten gemeint, es unter dem Einköpfigen viel besser zu haben, fanden aber nunmehr, daß der ein entsezlich wildes Raubthier, und sie jezt nur in Frieden lasse, um nachher desto fetteren Fraß an ihnen zu haben, konnten auch bald nicht mehr Thiere genug auftreiben für seine Tafel. Auch fiengen jezt alle noch übrigen Thiere so laut zu murren an, daß die Unterkönige endlich gezwungen wurden, den König Meeradler zu bekriegen. Verjagten ihn auch bald mit seinen Dienern aus ihrem Walde, und etliche Thiere schlugen ihn endlich todt und warfen ihn ins Meer, von dannen er herüber geflogen.

Darauf aber begehrten alle Thiere ihren alten König Adler mit den zwei Köpfen und vier Augen, war er aber noch immer fort unbekannt wo, und gaben sich auch die Großen wenig Mühe, ihn zu suchen. Weil aber die Thiere immer ungeduldiger sein begehrten, richteten die Großen einen Rath auf aus sich, der solle das Regiment führen im Eichwald, bis der alte König Doppeladler wiedergefunden, nach dem sie, wie sie vorgaben, ausziehen wollten in alle Welt.

Damit waren denn auch alle Waldner einstweilen zufrieden, sind auch die in gar großer Anzahl ausgezogen, den Alten zu suchen, hatten ihn aber nach etlichen Jahren noch nicht gefunden, und sollen deshalb noch viele nach ihm herumstreifen.

Doch meinen die im Walde, er werde wohl noch wieder kommen, dieweil über der zertrümmerten Felsenburg jedes Frühjahr in der ersten Morgenröthe ein Rauschen zu vernehmen wie von Adlersflügeln, und, wenn dann die Sonne aufgehe, am äussersten Himmel ein Zeichen zu sehen wie eine große goldene Krone, drauf ein Christuskreutz auf einer Weltkugel leuchte. Auch ginge die Sage, es würde einmal gewaltig viel Blut regnen vom Himmel, und würden viele der edelsten Thiere des Waldes sterben müssen, und all das Blut und die Gebeine und die Erde würden zu Steinen zusammenwachsen und zu hohen, mächtigen Eichen, draus die alte Königsburg wieder aufgebauet werden, und dann der alte König Doppeladler ganz verjüngt zurückkehren, seinen uralten jezt leeren Sitz drinnen wieder ein zu nehmen.

Hornthal.