Die deutsche Landwirthschaft vordem und jetzt

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Titel: Die deutsche Landwirthschaft vordem und jetzt
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[207]
Die deutsche Landwirthschaft vordem und jetzt.
Belehrendes von einem Fachmanne.


Die Reform unserer Wirthschaftspolitik und die viel angefeindeten Getreidezölle haben die Blicke aller Gebildeten auf die Lage der deutschen Landwirthschaft gelenkt und für sie das Interesse erregt, welches sie an sich schon als der erste und vornehmste Productionszweig in einem Lande wie Deutschland hätte in Anspruch nehmen dürfen.

Noch an der Schwelle dieses Jahrhunderts war der Zustand unserer Landwirthschaft ein ziemlich trostloser. Dasselbe Wirthschaftssystem, welches vor tausend Jahren Karl der Große für die kaiserlichen Güter in dem berühmten „Capitulare de villis et curtis imperatoris“ sanctionirt hatte, war noch das absolut vorherrschende. Mit Ausnahme von wenigen Landstrichen, in welchen Gebirgswald oder die Nähe der See mehr auf die Viehzucht hinwiesen, wurde durchaus Dreifelderwirthschaft getrieben. Man unterschied dabei zwischen der sogenannten reinen und der verbesserten Dreifelderwirthschaft. Bei jener bebaute man den Acker in dem ewigen Turnus: reine Brache, Winterfrucht, Sommerfrucht, das heißt: es folgen zwei Halmfrüchte auf einander und jedes dritte Jahr bleibt der Acker unbestellt, um sich von der Anstrengung der Production zu erholen. Bei der „verbesserten“ Dreifelderwirthschaft treten regelmäßig oder nur von Zeit zu Zeit die sogenannten Brachfrüchte (gewisse Blattfrüchte) an die Stelle der reinen Brache. Die Viehhaltung ist bei diesem Wirthschaftssystem für den Sommer auf die unerläßlichen Gras- und Weideflächen angewiesen, während die Thiere im Winter Stroh und weniges im Sommer etwa erübrigte Heu erhalten.

Von landwirthschaftlich-technischen Gewerben konnte damals kaum die Rede sein; die Rübenzuckerfabrikation kannte man noch nicht; die Spiritusbrennerei und die Stärkefabrikation wurden, ebenso wie die Brauerei, als städtische Industriezweige betrieben.

Die Resultate, welche man bei solcher Wirthschaftsweise erzielte, können von unserm Standpunkte aus kaum anders als kläglich bezeichnet werden. Die Viehhaltung gab nur geringe Erträge; denn mehr als das Leben der Thiere wurde bei der armseligen Ernährung kaum erhalten, und zur Verabreichung eines wirklichen Productionsfutters reichte das Vorhandene nicht aus. Uebrigens konnten auch bei der geringen Consumtionsfähigkeit des ganz überwiegenden Theils der Bevölkerung die thierischen Producte einen nur geringen Preis haben. Nichtsdestoweniger blieb die Viehhaltung des benöthigten Düngers halber als „nothwendiges Uebel“ unerläßlich. Ihretwegen mußten manche Flächen als Wiesen erhalten werden, obwohl sie sich ihrer Natur nach nicht zum Graswuchs eigneten, dieser aber mußte, da das weidende Vieh die bessern Gräser und Kräuter bevorzugte und die schlechten mit seinem Zahne verschonte, immer mehr herunterkommen.

Aber auch der Acker, welcher oft mehr Gras und Unkraut als Früchte zeitigte, verfiel bei dem geringen Dünger, von welchem soviel durch das weidende Vieh vertragen wurde, fortschreitender Verarmung. Zwei auf einander folgende Halmfrüchte sind immer angreifend für den Kraftzustand; sie verunreinigen das Feld und verderben, wenn die mechanische Bearbeitung mit Ackergeräthen nicht eine vorzügliche ist, die für die Beziehung zu Luft, Wärme und Feuchtigkeit so wichtige Formbeschaffenheit des Bodens. Zu einer recht guten Bearbeitung aber fehlten damals ebensowohl die Geräthe, wie das rechte Verständniß.

Deshalb mußte man auch zuletzt zu der reinen Brache, in welcher der Acker durch oft wiederholtes Pflügen „gebrochen“ wurde, zurückkehren, selbst wo man dem Ausfall der Ernte in jedem dritten Jahre gern hätte ausweichen mögen und wo man Freiheit der Bewegung genug besaß, die Brache zu „besömmern“, das heißt nach der Tendenz der verbesserten Dreifelderwirthschaft mit Blattfrüchten anzubauen, wodurch wenigstens einige von den großen Mängeln der reinen Brache wegfallen. Einer der schlimmsten dieser Mängel ist der Umstand, daß die auf ihrer Hände Arbeit angewiesene Bevölkerung die Hälfte des Jahres hindurch keine lohnende Beschäftigung in der Landwirthschaft findet und demgemäß, wenn sie an der Scholle haftet, zu Noth und Entbehrung verurtheilt wird.

Die Gründe, weshalb unsere Landwirthschaft so lange auf niedrigster Stufe stehen blieb, sind mannigfachster Art. Die gewichtigsten lagen in den verrotteten und verzwickten Eigenthumsverhältnissen auf der einen, und in dem Mangel einer landwirthschaftlichen Wissenschaft auf der anderen Seite. Es war nämlich das Grundeigenthum durch Zehnten, Servituten, getheiltes und gemeinsames Eigenthum an demselben Object, durch Flurzwang und eine ganze Zahl besonders benannter Realberechtigungen in Schranken und Fesseln gelegt. Und wo man sich hätte freier bewegen können, da fehlte der rettende Faden, um aus Hindernissen und Schwierigkeiten aller Art sich herauszuarbeiten. Es fehlte die rechte Würdigung der Dinge; es fehlte die rechte Erkenntniß. Es gab zwar hundert Theorien, aber kaum eine einzige für den Landwirth feststehende Wahrheit.

Hiernach begreift es sich, wenn die Landwirthschaft damaliger Zeit keine großen Anforderungen an Denjenigen stellen durfte, welcher sie als Lebensberuf wählte. Ein Landwirth galt damals für hinreichend gut vorbereitet, wenn er neben der Uebung in allen landwirthschaftlichen Arbeiten eine reichhaltige Sammlung von Regeln und Recepten besaß, um je nach Lage der Dinge von dem einen oder andern Gebrauch zu machen. Alles beruhte auf Herkommen und Gewohnheit. Jeder höher strebende Geist hielt sich darum von einem so niedrig stehenden Berufe fern; in der Landwirthschaft war Deutschland von vielen anderen Culturländern überflügelt worden.

Zur Zeit der größten politischen Erniedrigung begann man die Grundlagen zu schaffen, auf denen unsere heutige Landwirthschaft aufgerichtet werden konnte. An Hardenberg’s und Stein’s Namen knüpft sich mit so vielem Andern auch die Erinnerung an die Anfänge einer besseren Agrargesetzgebung. Der größere Grundbesitz, welcher in Preußen bis zum Jahre 1807 Bürgerlichen nicht zugänglich war, hörte auf, ein Vorrecht des Adels zu sein. Durch Ablösungsgesetze und Gemeinheitstheilungs-Ordnungen, durch Aufhebung der Erbrecht- und Leiheverhältnisse, durch Separations- und Verkoppelungsgesetze wurden nach und nach, in einem Zeitraume von fünfzig Jahren, alle jene Fesseln beseitigt, durch welche die freie Benutzung des Grundeigenthums gehindert gewesen war. Niemals ist ein Bruch mit bestehenden wirthschaftlichen Zuständen zugleich mit mehr Schonung und mit mehr Consequenz durchgeführt worden. Stets das vorgesteckte Ziel fest im Auge behaltend, hat man jeden neuen Schritt der Gesetzgebung durch die bessere Erkenntniß gewissermaßen vorbereiten lassen.

Diese bessere Erkenntniß zu schaffen, haben vor manchen Mitarbeitern zwei Männer übernommen, deren Namen in Deutschland, und weit über seine Grenzen hinaus, allzeit mit nicht geringerer Verehrung werden genannt werden, wie die jener beiden Staatsmänner. Aber während diese im gemeinsamen Zusammenwirken, haben Albrecht Thaer und Justus von Liebig nach einander, jeder in der ihm eigenen Weise, in die neuen Bahnen der Landwirthschaft eingegriffen. Eine glückliche Fügung war es, daß der Wirksamkeit des großen Chemikers der Regenerator der deutschen Landwirthschaft, der Vater der „rationellen Landwirthschaft“ um einige Decennien voranging. Ohne Thaer wäre Liebig schwerlich der Begründer der „wissenschaftlichen Landwirthschaft“ geworden. Die Lehre, welche Thaer von Möglin aus verkündete, welche er in seinen „Grundsätzen der rationellen Landwirthschaft“ niedergelegt hatte und welche seine zahlreichen Schüler in allen Gauen des deutschen Vaterlandes durch Wort und Beispiel verbreiteten, mußte zuvor die intellectuellen Grundlagen schaffen, [208] ohne welche die Lehre Liebig’s auf unfruchtbaren Boden gefallen wäre. Thaer mußte zuerst durch moralische Hebung des landwirthschaftlichen Berufs demselben eine große Zahl geistig hervorragender Männer zuführen, welche die Lehre des großen Naturforschers verstehen und sich zu seinen Mitarbeiten emporschwingen konnten.

Thaer hat die Herrschaft der Dreifelderwirthschaft gebrochen. Nach seinen eigenen Beobachtungen und nach den Erfahrungen, welche man in England gemacht hatte, mußte der Anbau von Blattpflanzen, welche bei der Dreifelderwirthschaft eine so untergeordnete Rolle spielen, ja bei dem reinen System ganz fortfallen, für die Fruchtbarkeit des Ackers bedeutungsvoll sein. Sie führen dem Boden durch die gute Beschattung, welche sie ihm zu Theil werden lassen, die Gase der Luft in reicherem Maße zu; sie bereichern ihn durch eine größere Menge von Wurzelrückständen und geben ihm die zur Erhaltung der Fruchtbarkeit so nöthige Mürbung und Lockerung. Thaer’s Ideal war demgemäß die sogenannte Fruchtwechselwirthschaft, wie er sie in England und dort besonders in Norfolk gesehen, das heißt der stets zwischen Halm- und Blattfrüchten wechselnde Anbau. Das durch die ersteren angegriffene Bodencapital sollte durch die letzteren bald wieder Ersatz oder wenigstens Schonung erhalten, je nachdem sie grün abgemäht und zur Fütterung verwendet wurden oder auf dem Felde zur Reife gelangten. Wiesen und Weiden zu belassen ist nach Thaer nicht unbedingt nöthig, da auch der Acker quantitativ und qualitativ sehr ergiebiges Futter liefern kann, weshalb Grasflächen, wenn es sonst wünschenswerth erscheint, umgebrochen und eventuell in gutes Ackerland verwandelt werden können. Gute Wiesen geben allerdings sichere Ernten und einen hohen Reinertrag und liefern gleichzeitig einen willkommenen Zuschuß für die Krafterhaltung des Ackers. Der Futterbau auf dem Acker verringert zwar den Anbau von Körnern und anderen direct marktfähigen Früchten, aber er gestattet, das Vieh auf dem Stalle zu füttern, es rationell und reichlich zu ernähren und ebensowohl bessere und mehr Marktproducte, wie auch besseren und mehr Dünger davon zu gewinnen. Die Erträge aus der Viehhaltung steigen in solcher Weise direct, und es wird auch der besser gedüngte Acker trotz der reducirten Fläche größere Erträge an Körnern liefern; der Gewinn ist somit ein doppelter.

Das Vorstehende giebt den eigentlichen Kern der Thaer’schen Lehre wieder. Thaer versuchte auch bereits, bestimmte Zahlen für die Entnahme aus dem Bodencapital durch die Ernten und für den Ersatz aufzustellen, doch war der Ausbau der Lehre von der „Statik“, von der Gleichgewichts-Wiederherstellung, seinen Schülern vorbehalten, welche die Culturpflanzen in stark angreifende, angreifende, schonende und bereichernde theilten und die Minderung und Mehrung der Bodenkraft durch den jeweiligen Anbau entweder nach Centnern Stalldünger oder nach Procenten der ursprünglichen Bodenkraft berechneten.

Der wirkliche Werth dieser Thaer’schen Ideen bestand in der durch sie gegebenen Anregung zu selbstständigem Denken, zu freier Haltung gegenüber der hergebrachten Schablone, unter deren Joch bisher Alles sich blind gefügt hatte. Um dauernd praktisch einzugreifen, ermangelten sie, wie sich bald zeigen sollte, der rechten wissenschaftlichen Erkenntnißgrundlage. In der Agriculturchemie führte nämlich damals die Humustheorie das Scepter, das heißt die Theorie, nach welcher der Humus, die Ackererde, die eigentliche Pflanzennahrung bilden sollte. Das Irrige dieser Ansicht nachzuweisen, war Liebig vorbehalten.

Der Humus, sagt Liebig, ist überhaupt kein Nährstoff der höher organisirten Pflanzen. Sie leben nur von anorganischen Stoffen, welche sie zum Theil der Luft, zum Theil dem Boden entnehmen. An und für sich sind alle nothwendigen Nährstoffe – Kali, Kalk, Magnesia, Eisen, Phosphorsäure, Salpetersäure (oder Ammoniak), Schwefelsäure, Kohlensäure und Wasser – gleichwerthig. Fehlt einer derselben, so kann die Pflanze nicht gedeihen. Da aber Kohlensäure, Salpetersäure (beziehungsweise Ammoniak) und Wasser aus dem stets sich erneuernden Luftmagazin zugeführt werden können, so sind es nur die anderen, die bodenbeständigen oder Aschenbestandtheile der Pflanze, welche bei der Düngung die besondere Aufmerksamkeit des Landwirths verdienen. Die absolute Menge der in den Ernten entzogenen Aschenbestandtheile ist zwar nicht groß gegenüber dem Gehalte daran, den uns fruchtbare Ackererden bieten, es kommen jedoch für die Ernährung der Pflanzen nur die lösungsfähigen Stoffe in Betracht; nur solche vermögen in die Pflanze einzudringen, und deren Menge im Boden älterer Culturländer ist niemals sehr groß. Die Lehre von der Statik ist eine Irrlehre; denn Pflanzen, welche den Boden an ihm eigentümlichen Nährstoffen bereichern, giebt es nicht. Je größer die Ernte, um so größer die Entnahme und um so dringender die Nothwendigkeit des Ersatzes durch die Düngung, wenn die Fruchtbarkeit auf gleicher Höhe erhalten werden soll. Der Stalldünger, welcher aus den gewonnenen Pflanzen herrührt, kann keinen vollen Ersatz liefern, weil die Stoffe fehlen, welche in der Form von Körnern, Milch, Fleisch etc. ausgeführt wurden.

Mit dieser Lehre, deren Thesen nicht nur experimentell bewiesen, sondern auch durch die Erfahrung erprobt waren, stellte Liebig vor Allem das Vertrauen zu der Wissenschaft her. Seitdem ist die Chemie die tägliche und unentbehrliche Beratherin des Landwirths geworden; in ihrem Gefolge wurden Physik, Mineralogie und Geognosie, Botanik, Zoologie und Physiologie herangezogen. Das Bewußtsein, daß man, um ein tüchtiger Landwirth zu sein, nicht nur über eine reiche Erfahrung, sondern auch über ein reiches Wissen müsse verfügen können, ist nunmehr bei den jungen Landwirthen, welchen die Fortentwickelung ihres Gewerbes anvertraut ist, zur vollen Geltung gekommen.

Da sieht es im Betriebe der deutschen Landwirthschaft jetzt freilich anders aus, als zu jener Zeit, wo die bahnbrechende Thätigkeit Thaer’s begann. Der Boden, die eigentliche Grundlage aller landwirthschaftlichen Thätigkeit, wird sorgfältig untersucht, geognostisch bestimmt, in seine gröberen und feinen Bestandtheile zerlegt; seine Absorptionskraft, seine Wärme und Wasser leitende, anziehende und zurückhaltende Kraft wird erwogen, seine Mängel werden durch Meliorationen, durch Drainage, durch Bodenmischung beseitigt. Die Bodenbearbeitung wird nicht mehr nach der Schablone ausgeführt, sondern mit Rücksicht auf Luft, Wärme, Feuchtigkeit vorgenommen. Man ist darauf bedacht, durch rechtzeitige und passende Arbeit die Kräfte der Natur zur günstigen Wirkung zu bringen, und bedient sich dabei nicht nur der menschlichen Hand und der Muskelkraft der Gespannthiere, sondern auch der gewaltigen Dampfkraft. Die Düngung erfolgt keineswegs allein mit dem Dünger der Hausthiere, alle Abfälle aus der Wirthschaft werden je nach ihrem stofflichen Werthe zu diesem Zwecke zu Rathe gehalten; die Latrinen der Städte und so manche künstliche Dünger, mit deren Herstellung sich ein besonderer Industriezweig beschäftigt, werden herangezogen. Phosphorsäure und Kali, an denen der Boden am leichtesten Mangel hat, werden als Bestandtheile derselben besonders geschätzt; daneben ist auch der gebundene Stickstoff, Salpetersäure und Ammoniak, wieder in seine Rechte eingesetzt, da man inzwischen erkannt hat, daß er nicht direct aus der Luft, sondern nur durch die Vermittelung des Bodens den Pflanzen zu Gute kommen kann. Immer werden der Vorrath des Bodens einerseits und der Bedarf der anzubauenden Pflanzen andererseits in Betracht gezogen. Bei der Saat wird sorglicher als vordem die Beschaffenheit des Saatguts überwacht, und ebenso die gleichmäßige Unterbringung desselben zu der Tiefe, wie sie dem gegebenen Boden und der Natur der Pflanze am besten entspricht. Maschinen reguliren Stärke und Tiefe der Aussaat; indem sie die Früchte in Reihen aussäen, beugen sie auf reichem Boden der Schwächung der Pflanzen durch Lagern vor, denn das in die Reihen besser eindringende Licht kräftigt den pflanzlichen Organismus und giebt insbesondere dem Halme festeren Halt.

Die Ernte in der Hauptfrucht, in Roggen, die 1878 bei ziemlich sechs Millionen Hectaren Anbau auf durchschnittlich dreiundzwanzig Centner pro Hectare sich belief, war sicherlich um fünfzig Procent höher, als man von gleicher Fläche zur Zeit der herrschenden Dreifelderwirthschaft zu ernten pflegte, und doch hatte der anspruchslose Roggen sehr viele der besseren Aecker, welche ihm früher zufielen, an Weizen und andere werthvolle Früchte abtreten müssen, die früher nur in viel beschränkterer Ausdehnung gebaut wurden. Auch ist es nicht zu übersehen, daß die bessere Cultur Mißernten jetzt viel seltener eintreten läßt und daß man bei der Production nicht mehr lediglich auf die Quantität der Ernte, sondern auch auf die Gewinnung einer besseren Qualität abzielt. Und wie die Pflege-Arbeiten, mit welchen wir selbst zwischen Bestellung und Ernte Frucht und Feld überwachen, Gelegenheit geben, manche feinere Kenntnisse bezüglich der [209] Lebens- und Wachsthumsbedingungen der Pflanze zur Geltung zu bringen, so gilt das nicht minder bezüglich der thierischen und pflanzlichen Parasiten, die in immer steigender Zahl die Früchte bedrohen. Mit Hülfe des Mikroskops hat die Wissenschaft so manche Krankheitserscheinung erklärt, so manchen Schmarotzer entlarvt und, was mehr sagen will, deren Entwickelung und Fortpflanzung klar gelegt.

Keinen geringeren Gewinn als der Ackerbau hat der andere Zweig der landwirthschaftlichen Production, die Thierzucht, aus den Fortschritten der Wissenschaft gezogen. Schon Thaer hatte auch auf diesem Gebiete ganz erhebliche Verbesserungen eingeführt. Insbesondere hatte er in richtiger Erkenntniß, daß es weniger auf die Kopfzahl des Viehstandes, als auf die gute Haltung ankomme, eine bessere Ernährung desselben angestrebt. Er hatte dafür gewisse Normen aufgestellt, den Futterbedarf nach dem Lebensgewichte der Thiere berechnet und den Nährwerth der verschiedenen Futtermittel, unter Zugrundelegung eines einheitlichen Werthmessers, des Wiesenheus, festzustellen gesucht. Die moderne Wissenschaft hat aber auch an dieser Stelle Manches zu berichtigen gefunden. Man unterscheidet heute schärfer noch zwischen Erhaltungs- und Productionsfutter, und setzt letzteres, welches allein Leistungen zu schaffen vermag, in directe Beziehung und in ein angemessenes Verhältniß zu diesen Leistungen. Die sogenannten Respirationsapparate, in welchen man die Ernährungsvorzüge controlirt, haben über die Verwerthung des Futters mehr Aufschluß gegeben als früher überhaupt denkbar erscheinen konnte. In den Stand gesetzt, die ganze Ernährung und alle Vorgänge bei der Verdauung und Athmung durch die Ausscheidungen – feste, flüssige und gasförmige – zu überwachen, hat man jene einheitlichen Heuwerthe der Thaer’schen Schule verwerfen müssen.


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Das landwirthschaftliche Institut der Universität Leipzig.


Man zerlegt heute die Trockensubstanz eines Futtermittels in verdauliche und unverdauliche Theile. Letztere haben nur, indem sie die Verdauungsorgane füllen, einigen Nutzen. Jene, die eigentlich ernährenden, zerfallen wieder in mehrere Gruppen von sehr verschiedenem physiologischem Werthe. Man unterscheidet Proteïnstoffe, früher auch als plastische bezeichnet, weil sie es sind, welche vorzüglich den Körper aufbauen, ferner Kohlenhydrate und Fett, die man als Respirationsmittel zusammenfaßte, weil sie speciell den Athmungsproceß stützen sollten. Zu einer guten Ernährung gehört in jeder Futterration eine gewisse Menge von Nährstoffen, bei denen wieder jede jener Gruppen vertreten sein muß. Jede Thiergattung, jeder Nutzungszweck, vielleicht jedes Individuum vermöge seines eigenthümlichen Organismus, verlangt ein besonderes Nährstoffverhältniß, wenn eine recht wirthschaftliche Ausnutzung des Futters erzielt werden soll.

Viel, sehr viel hat dadurch die Landwirthschaft nutzbarer anzuwenden und zu ersparen vermocht, und ebenso in anderer Richtung durch die bessere, den jeweiligen Nutzungszwecken mehr entsprechende Auswahl der Rassen. Man hat die Paarung dem Zufall entzogen, überhaupt auch innerhalb der Rasse nur solche Thiere zur Zucht verwendet, welche den beabsichtigten Leistungen entsprechen. Man hat die Züchtungskunst von einer Menge Charlatanerien befreit, nachdem die Wissenschaft manche wunderbare Vorstellungen dahin verwiesen, wohin sie gehörten: in das Reich der Fabel.

Endlich ist noch hervorzuheben, daß ein neuer Zweig des Wissens für die moderne Landwirthschaft mit der Nationalökonomie zur Geltung gekommen ist. Sie hat als Grund- und Hülfswissenschaft eine nicht minder große Bedeutung erlangt, wie die Naturwissenschaften. Während diese Aufschluß geben über die Kräfte der Natur und die Gesetze, nach welchen sie wirken, giebt jene Kenntniß von den wirthschaftlichen Gesetzen der Gütererzeugung und Consumtion, des Verkehrs, der Entwickelung der Preise und des Ertrages. Jeder Landbesitz erfordert jetzt seine besonders gestaltete Ordnung und Leitung; eine schablonenhafte Organisation ist unmöglich oder doch ganz unwirthschaftlich geworden. [210] Je nach den Bodenverhältnissen, nach den Eigenthümlichkeiten des Klimas, nach den Besonderheiten des Marktes und der vorhandenen Arbeitskräfte und sogar nach den eigenen ganz persönlichen Verhältnissen des Bewirthschaftenden muß die Gestaltung des Betriebs sich richten.

Es kommt dabei, wenn auch in beschränkterer Weise, das Gesetz der Arbeitstheilung zur Geltung, durch welches unsere Gewerbe zu so großer Blüthe gebracht sind. Die Körnerwirthschaften nehmen nur noch einen bescheidenen Platz ein; die Erzeugung thierischer Producte ist, dank der durch die Blüthe der Industrie hervorgerufenen größeren Consumtionsfähigkeit der Bevölkerung, überall zu größerer Bedeutung gekommen. Manche moderne Wirthschaft legt – um von denen nicht zu reden, welche in unmittelbarer Nähe sehr consumtionsfähiger Städte einen fast gärtnerischen Betrieb eingerichtet haben – viel Nachdruck auf die Production von Handelsgewächsen. Eine viel größere Zahl sucht ihre hauptsächlichste Aufgabe in der Cultur und Verarbeitung derjenigen landwirthschaftlichen Rohproducte, auf welche in neuerer Zeit eine so blühende landwirthschaftliche Industrie begründet ist. Die Zuckerfabriken und Spiritusbrennereien sind aus der Stadt auf das Land verlegt worden; denn es ist viel leichter, das fertige Fabrikat nach der Stadt zu transportiren, als das Rohmaterial. Die Thatsache, daß diese beiden Fabrikationszweige der Reichscasse jährlich mehr als hundert Millionen Steuer beitragen, illustrirt ihre Bedeutung. Auch Stärkefabriken, ja selbst Brauereien sind vielfach auf dem Lande errichtet worden, und die Zahl der Flachsbereitungsanstalten hat sich in einigen Gegenden sehr vermehrt. Jede solche in sich werthvolle Acquisition ist zu einer Zeit, wo der Production von Körnern und Fleisch eine so gefährliche Concurrenz aus fernen Ländern erwachsen ist, freudig zu begrüßen.

So hat sich denn nicht nur in ihrem inneren Getriebe, sondern auch in dem durch die Wirthschaftsorganisation bedingten äußeren Gewande die deutsche Landwirthschaft im Laufe dieses Jahrhunderts gewaltig geändert, und man darf ohne Ueberhebung behaupten, daß in intellectueller Beziehung die deutsche Landwirthschaft heute gegen die keines einzigen andern Landes zurücksteht.

Der hohen Bedeutung, welche die Landwirthschaft für den Staat hat, wie den gesteigerten intellectuellen Anforderungen, die man wenigstens an diejenigen Landwirthe stellen muß, in deren Besitz sich größere Landgüter befinden, scheint es zu entsprechen, daß man in neuerer Zeit an einigen Universitäten Einrichtungen getroffen hat, um an dieser Stelle auch die höchste wissenschaftliche Ausbildung junger Landwirthe zu übernehmen. Unsere Abbildung zeigt das neue landwirthschaftliche Institut der Leipziger Universität, mit welchem den in großer Zahl hier studirenden Landwirthen ein eignes Daheim gegeben ist.

In dem hohen Parterre des Gebäudes befindet sich das mit allen technischen Hülfsmitteln der Neuzeit ausgerüstete agriculturchemische Laboratorium, welches auf dem Südostflügel mit einem Gewächshause verbunden ist. Zwei große Arbeitssäle, der eine für Anfänger, der andere für Geübtere, enthalten zusammen 36 Plätze für die Praktikanten. Daneben findet sich eine Reihe von kleinen Zimmern, jedes für sich völlig abschließbar, welche Gelegenheit bieten, besondere Richtungen bei der Forschung zu cultiviren. Die mittlere Etage umfaßt eine größere Zahl von Arbeits- und Sammlungsräumen mannigfacher Art, wie dies den vielseitigen wissenschaftlichen Beziehungen der Landwirthschaft entspricht, und außerdem, was sonst an räumlicher Einrichtung nöthig ist: Auditorien, Lesezimmer, Bibliothek, Conferenz- und Examenzimmer, Expedition etc. An den vorhandenen 12 Arbeits- und Sammlungsräumen haben 7 Professoren Antheil, die den Unterricht, welcher in den nahegelegenen mineralogischen, geologischen, physikalischen, zoologischen, chemischen, physiologischen, veterinärklinischen und botanischen Instituten der Universität ertheilt wird, in der Richtung der Landwirthschaft zu ergänzen berufen sind. Die landwirthschaftliche Abtheilung hat ebenso wie die agriculturchemische ein großes in der Korbform gebautes, zu demonstrativen Vorlesungen besonders geeignetes Auditorium. In der zweiten Etage des Gebäudes haben der Director des landwirthschaftlichen Instituts und der des agriculturchemischen Laboratoriums und in dem Aufbau noch ein Assistent und der Castellan Wohnung erhalten.