Die englische Seligmacher-Armee

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Autor: Leopold Kutscher
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Titel: Die englische Seligmacher-Armee
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aus: Die Gartenlaube, Heft 8
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1883
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die englische Seligmacher-Armee.
Beitrag zur neuesten Sittengeschichte.
Von Leopold Kutscher in London.

Die Trunksucht hat bekanntlich viel auf dem Gewissen, und man muß daher Allen, die auf deren Beseitigung in vernünftiger Weise hinarbeiten, Recht geben und beistimmen. Namentlich in England wird seit nahezu fünfzig Jahren auf dem Gebiete der Mäßigkeits- oder vielmehr Enthaltsamkeitsbewegung Großartiges geleistet. Die Schankwirthe fühlten sich durch diese Bestrebungen in ihren Interessen längst empfindlich bedroht, haben aber bisher nichts gethan, sich ihrer Haut zu wehren. Hierin jedoch ist seit einigen Wochen ein Umschlag eingetreten.

Als ich ganz kürzlich mit einem Ausländer, der nach London herübergekommen war, um die unerschöpflich anziehende „Stadt der Städte" zu erforschen, in dem Armenviertel des, Eastends umherwanderte, kam uns in der Whitechapelstraße eine Procession entgegen, deren Mitglieder ein gelbes Bändchen im Knopfloch trugen. Ich sagte meinem Freunde, er sehe da eine Abtheilung der „Yellow Ribbon Army“ („Gelbband-Armee“, die erst ganz kürzlich unter den Auspicien der Wirthschaftsinhaber begründet wurde, um der „Blue Ribbon Army“ („Blauband-Armee“) ein Paroli zu biegen. Die sonderbare Institution dieser blaubebänderten Heerschaaren wurde vor etwa einem Jahre aus dem an Temperenzvereinen so reichen Nordamerika hierher verpflanzt und hat den Zweck, der religiösen Gleichgültigkeit, sowie der Trunksucht zu steuern. Ihre

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Die Gartenlaube (1883) b 125.jpg

Die Seligmacher-Armee in London. Originalzeichnung von Heiner Egersdörfer.

[126] Jünger müssen sich eidlich verpflichten, nie wieder geistige Getränke zu berühren, während die Mitglieder der Gelbband-Armee nur für eine gewisse Mäßigung im Genusse von Wein, Bier und Schnaps eintreten.

Nach Verlauf einer Stunde etwa stießen wir auf einen zweiten Umzug. Diesmal war es die neue „Skelet-Armee“, eine Gesindelbande, die von den Schankwirthen geradezu bezahlt wird, um mit Bannern, auf denen Todtenköpfe sichtbar sind, in den Straßen des Eastends – wo die Branntweinkneipen die besten Geschäfte machen – umherzuziehen und die „Seligmacher-Armee“, welche den Genuß alles Alkohols verpönt, anzufallen, in der Absicht, sie aus jenem Stadttheil zu vertreiben. Gewöhnlich schreiten diese besoldeten Hallunken ruhig einher; sobald sie aber auf ein Detachement der „Salvation Army“ stoßen, setzt es eine Rauferei ab.

Mein Begleiter bat mich, ihm Näheres über die „Seligmacher-Armee“ mitzutheilen. Ich nahm ihn unter den Arm, schlug eine westliche Richtung ein und sagte: „Du wirst bald selber sehen.“ Es dauerte in der That nicht lange, bis wir auf einen Trupp „Salvationists“ („Seligmacher“) stießen, der sich durch den lärmenden Klang von Blasinstrumenten schon von Weitem ankündigte. Als die Procession sich uns genähert hatte, bemerkten wir an ihrer Spitze einen uniformirten Jüngling, der eine Fahne trug und von einem jungen Weibe begleitet war, welches rückwärts ging und als Capellmeisterin fungirte. Zunächst folgten vier Bursche, die mit mehr Energie als Wohlklang verschiedene Blasinstrumente bearbeiteten, sodann mehrere Reihen von Männern, fünf bis sechs Mann stark, ferner ebenso viele fünf- bis sechsgliedrige Frauenreihen und endlich noch einige Reihen Männer. Alle sangen jubilirenden Tones eine christliche Hymne in Knittelversen und blickten ernst und zielbewußt drein; sie schritten rasch vorwärts und schienen gar nicht zu wissen, daß die Passanten ihnen mit gespannter Aufmerksamkeit zusahen oder daß ihnen ein Troß Neugieriger folgte. Ein Theil des Publicums stimmte in den Gesaug mit ein, während die Gassenjungen entweder recht profane Melodien pfiffen oder die harmlosen „Soldaten“ der Seligmacher-Armee mit allerlei unsauberen Gegenständen bewarfen.

Plötzlich löst sich die Procession auf; an einem Kreuzwege bilden ihre Mitglieder einen Kreis. Der Troß bleibt ebenfalls stehen und wächst alsbald beträchtlich an. Einer der „Officiere“ der Armee stellt sich inmitten des Kreises auf und beginnt, gravitätischen Antlitzes und heftig gesticulirnud, in der volksthümlichen Manier der „Salvation Army“ zu predigen:

„Freunde! Gottlob bin ich auf der Reise gen Himmel begriffen. (Die „Soldaten“ singen hier: „Hallelujah!“) Aber es genügt mir nicht, allein dahin zu reisen; ich will, daß Ihr mich begleitet – jeder Einzelne von Euch! Wollt Ihr mitkommen? Ich frage Euch: wollt Ihr? Ihr könnt mitkommen – selbst der Aergste unter Euch kann in den Himmel gelangen. (Die „Soldaten“: „Ei freilich! Ihr könnt; gepriesen sei der Heer!“) Vor einem Jahre war ich ein ebenso schlimmer Lumpenkerl wie irgend Einer von Euch. Das Saufen brachte mich oft dem Wahnsinne nahe, aber Jesus zeigte mir den vor mir gähnenden Höllenschlund und, was noch besser war, er bewies mir seine Liebe; er reinigte mich in seinem Blute und erlöste mich („Amen! Hallelujah!“) O Freunde, lasset ihn dasselbe für Euch thun, heute, sofort! Er sehnt sich danach. Kommt mit uns zur Versammlung und höret dort von seiner Erlösung!“

Nach Hersagung eines kurzen Gebets formirt sich die Procession von Neuem, beginnt wieder eine Hymne zu singen, bewegt sich vorwärts und macht von Zeit zu Zeit an Straßenecken Halt, um abermals durch den Mund eines der „Officiere“ eine rednerische Leistung im Style der obigen vom Stapel zu lassen, bis sie schließlich vor einer der Versammlungshallen der Armee eintrifft, wohin ihr ein zahlreiches Publicum folgt. Während des Einzuges wird gewöhnlich eine Hymne gebrüllt, die etwa sagt:

„Wir wollen unser Banner hoch tragen, das Erlösungsbanner; wir werden für dasselbe kämpfen, bis wir sterben und unser Heim im Himmel beziehen.“

Die Halle, die ich, unserer Truppe folgend, mit meinem Freunde betrat, liegt in der bekannten Oxford Street und heißt „Regentenhalle“. Vor dem Eingange hängt eine Laterne, die genau den vor den Wirthshäusern befindlichen gleicht und die Inschrift trägt: „Kommet! Erlösung! Vollständige und unentgeltliche Erlösung!“ Ich theile meinem erwartungsvollen Begleiter mit, daß uns ein „Erlösungsmeeting“ bevorsteht. Ehe dieses beginnt, bleibt uns Zeit, Umschau zu halten. Der Saal ist sehr groß, schmucklos und von Bänken erfüllte die selbst an den Abenden der Wochentage – die Meetings finden gewöhnlich zwischen halb acht und neun Uhr statt – dicht mit verwahrlosten Männern und Weibern, besonders den ersteren, besetzt sind. An der einen Wand befindet sich eine Platform, auf welcher eine Anzahl „Soldaten“ beider Geschlechter Platz nimmt und in deren Mitte ein einfacher Tisch steht, auf dem wir einige Hymnenbücher und eine Bibel bemerken, sowie einen Wasserkrug, der Allen als gemeinsamer Erfrischungquell dient. Alle Anwesenden dürfen nach Belieben lachen und plaudern, bis der „Capitain“ durch das Erheben einer Hand den Beginn des Gottesdienstes andeutet. Der „Captain“ ist ebenso oft eine Frau wie ein Mann, wie auch die Fahne bei den Umzügen von Mädchen oder Frauen getragen werden kann.

Den Anfang des Gottesdienstes macht eine stehend und schleunig gesungene Hymne mit einem Brüllrefrain, der jedesmal mit der größten Begeisterung wiederholt wird. Während des letzten Verses knieen die „Soldaten“ nieder und legen einen erhöhten Andachtseifer an den Tag. Ein großer Theil der Zuhörer fühlt sich gleichsam moralisch verpflichtet, den Nacken ein wenig zu beugen, viele aber bleiben ostentativ aufrecht sitzen und lachen.

Zunächst wird zum Gebet aufgefordert; ein „Soldat“ betet nach dem andern, wobei er sich nach Art der orthodoxen Juden hin und her wiegt, die Fäuste ballt, sehr laut spricht und alles thut, um sich und die übrigen in Aufregung zu bringen. Die sehr kurzen Gebete folgen mit größter Schnelligkeit auf einander, und die anwesenden Seligmacher begleiten jeden Beter mit lebhaften Gesticulationen, lärmenden Hallelujahs und anderen Ausrufen. Alle diese Gebete ähneln sich gar sehr: hier ein Durchschnittsmuster:

„Herr! Wir wünschen, daß du mit uns seiest. Sei jetzt mit uns! Herr! Wir bedürfen der Stärke; schicke unserer Versammlung Stärke! Du siehst diese lieben Leute, die mitten in ihren Sünden zu Grunde gehen; Herr, hilf ihnen! Herr, rette sie! Erlöse sie gegenwärtig! Vor Mitternacht können sie in der Hölle sein; o Herr, komm herab und erlöse sie! Wir glauben, daß du das kannst; wir glauben, daß du es willst. Komm, Herr, komm jetzt; und du wirst den ganzen Ruhm haben. Amen!“

Sodann werden Hymnen sitzend gesungen und von einem „Officier“ erläutert. Ferner fordert der vorsitzende „Capitain“ Jene im Publicum, „die sich für Sünder halten“, auf, hervorzutreten, in der vorderen Bank niederzuknieen, die gepredigten Lehren Christi, sowie die Gesänge der Seligmacher auf ihr Gemüth einwirken zu lassen und, sobald sie fühlen, daß sie „erlöst“, das heißt: daß sie durch den Glauben an Christns von ihrer Sündenlast befreit seien, aufzustehen und – so heißt es in dem vom „General“ der Armee verfaßten „Instructionsbuch“ – „den Anwesenden zu sagen, was der Herr für sie, die ‚Geretteten‘, gethan“.

Jede Strophe der Hymne wird von der Armee und nach Belieben vom Publicum wiederholt, wobei die „Soldaten“ die größte Begeisterung an den Tag legen. Sodann wird ein Gebet gesprochen und eine weitere Strophe begonnen. Plötzlich erhebt sich einer der Zuhörer, geht nach vorne und kniet in der ersten Bank nieder, um zu verkünden, daß er fühle, Christus habe ihn selig gemacht. Einer der „Soldaten“ setzt sich neben ihn, ertheilt ihm gute Rathschläge, betet mit ihm und schärft ihm ein, daß er, wenn er sich der „Salvation Army“ anschließen wolle, dem Genuß aller geistigen Getränke und des Tabaks gänzlich entsagen müsse, sowie keinerlei Sünde mehr begehen dürfe. Allmählich wird die erste Bank – officiell „Bank der Reuigen“ genannt - von mehreren anderen „Büßern“ besetzt; ihre Zahl beläuft sich bei manchem Meeting auf Dutzende.

Sie knieen, weinen, beten und singen oder sprechen Hymnen nach dem folgenden Muster:

„Hier gebe ich mich dir hin, mich, meine Freunde, mein irdisches Sein, um mit Leib und Seele dir anzugehören, gänzlich dir auf immerdar. Lebet wohl, meine allen Cameraden! Ich will nicht mit euch zur Hölle fahren; ich will bei Jesus Christus weilen; lebet wohl, lebet wohl!“

Dies ist der Punkt, auf den die Leiter der „Armee“ hauptsächlich sehen. Der Neubekehrte muß sich nicht nur van seinen früheren Gewohnheiten, sondern auch von dem Umgange mit den Anhängern [127] des Alkohols, des Tabaks und der religiösen Gleichgültigkeit lossagen, und der General rechnet mit richtiger Menschenkenntniß darauf, daß die öffentliche, in Gegenwart der Cameraden der Proselyten abgegebene Erklärung der erfolgten Erlösung auf diese selbst eine günstige Einwirkung hervorbringen müsse. Es ist denn auch Thatsache, daß fast jedes Mal, wenn ein Mitglied einer Arbeitergruppe von den Salvationists bekehrt wird, bald mehrere andere, von seinem Beispiel angesteckt, „reuig“ werden.

Um den Neuling abzuhalten, eine vielleicht nur in momentaner Gefühlsanwandlung an den Tag gelegte Büßerstimmung rasch wieder verfliegen zu lassen, wird alles gethan, um ihn zur praktischen Bethätigung seines lauten Bekenntnisses zu bewegen. Er muß, ehe die Versammlung aus einander geht, eine die Buchstaben „S. S.“ („Sinner saved = Erlöster Sünder“) zeigende Medaille an seinen Rockkragen heften und bereit sein, schon Tags darauf an einem Straßenumzuge Theil zu nehmen, um dem Publicum zu sagen, was der Herr für seine Seele gethan. Auch hat er während der Versammlungen entweder als Thürsteher zu fungiren oder auf der Platform Platz zu nehmen; zur Abwechselung besorgt er den Straßenverkauf des Armee-Organs „War Cry“ („Kriegsgeschrei“), das wöchentlich zum Preise von 1 Halfpenny (4¼ Pfennig) erscheint und bereits in einer Auflage von 300000 Exemplaren verbreitet ist.

Des Neubekehrten Name und Adresse werden in’s Recrutenbuch eingetragen, und er selbst wird unter die Ueberwachung eines „Sergeanten“ gestellt, der die Pflicht hat, darauf zu sehen, daß der Jünger seinen neuen Obliegenheiten gerecht wird; geschieht dies nicht, so beauftragt der Capitain der betreffenden Abtheilung den Sergeanten oder einen „Gemeinen“, den Säumigen in seiner Wohnung aufzusuchen. Die „Recruten“, die sich drei Monate lang tapfer halten und nicht in ihre alte Lebensweise zurückfallen, werden nach Ablauf dieser drei Probemonate „Soldaten“; als solche erhalten sie einen Schein, der von Vierteljahr zu Vierteljahr erneuert wird, so lange sie sich gut aufführen. Sie gehen des Tages über ihrem gewöhnlichen Berufe als Arbeiter etc. nach und widmen blos ihre freien Stunden dem Dienste in der Seligmacher-Armee. Erst wenn sie zu Officierem avanciren, treten sie gänzlich in die Dienste des Generals und erhalten eine mäßige Bezahlung. Natürlich werden nur die Bewährtesten Sergeants, Lieutenants, Capitains und Majore.

Aus unseren bisherigen Mittheilungen geht vor Allem zweierlei hervor: erstens, daß der in Rede stehende Verband in erster Linie Missionszwecke verfolgt; zweitens, daß seine Organisation eine rein militärische ist. Die Seligmacher unterscheiden sich von den sonstigen Missionsanstalten hauptsächlich dadurch, daß sie es nicht auf Atheisten, Juden, Heiden etc., sondern blos auf säumige Christen, lässige Bekenner aller christlichen Confessionen abgesehen haben und daß sie Niemanden zu einer bestimmten christlichen Secte bekehren wollen, sondern nur zu einem „christlichen, gottgefälligen“ Lebenswandel im Allgemeinen. Ihre Mitglieder gehören allen möglichen Secten an und dürfen glauben, was sie wollen, so lange sie Christus verehren und den vom General gegebenen Vorschriften nachkommen.

Was die Organisation betrifft, so verdankt sie ihr Entstehen dem Begründer der „Armee“, der jetzt ihr General ist: dem früheren Methodistenprediger William Booth. Dieser kam vor siebenzehn bis achtzehn Jahren nach London und war über das rohe Leben, das er im Eastend beobachtete, über die Trunksucht und Rauflust der Arbeiterbevölkerung und ihre Abneigung gegen den Kirchenbesuch so entsetzt, daß er beschloß, sein Leben der Rettung oder Seligmachung jener Unglücklichen zu widmen. Er richtete eine „Christliche Mission“ ein, der er anfangs einen patriarchalischen, später einen parlamentarischen Charakter verlieh. Bei dem unwissenden Publicum, an das er sich wandte, verfing all dies nur schwach, sodaß er sich vor sieben bis acht Jahren veranlaßt sah, den Verband auf militärischem Fuße umzugestalten. Der Erfolg war so riesig, daß er 1877 schon über 29 Armeecorps, 31 bezahlte Officiere, 625 geschulte Soldaten und ein Jahreseinkommen von 4200 Pfund verfügte; gegenwärtig bestehen 331 Corps, die Anzahl der Officiere beträgt 760 Männer und Weiber mit Wochengehältern von 15 bis 27 Schilling, die der Soldaten über 15000, die der wöchentlichen Missionsversammlungen mehr als 6200, und das Einkommen der Armee – welches zumeist aus freiwilligen Spenden reicher Religions- und Mäßigkeitsfreunde, aus Sammlungen bei den Meetings und aus dem Erlös der Verbandschriften besteht – stellt sich für 1882 auf 70000 bis 80000 Pfund Sterling. Allmählich hat sich die Bewegung auf ganz London, seit zwei Jahren auf ganz England erstreckt, und seit einigen Wochen werden „Cadetten“ nach Schweden, Schottland, Irland, Holland, Australien und den Vereinigten Staaten geschickt, um die Fahne der Seligmacherei nach allen Weltgegenden zu tragen. In Ostindien haben sich einige Armeecorps schon vor drei Vierteljahren ansässig gemacht, und in Calcutta erscheint sogar schon ein „Indian War Cry“ als Zeitungsorgan der indischen Zweigniederlassung der Armee.

Bemerkenswerth ist, daß Booth, der seit siebenzehn oder achtzehn Jahren ausschließlich für seine Armee lebt, keinerlei Bezahlung annimmt, und er hat wahrlich keine Sinecure inne; denn jedes Detail der bereits so umfassenden Bewegung geht durch seine Hände. Er redigirt den „War Cry“ verfaßt die „Verordnungsbücher“, die „Weisungen“ u. dergl. m., kauft Grundstücke, miethet Versammlungslocale, leitet die Prüfungen der Cadetten – kurz, er ist der unumschränkte und allgegenwärtige Despot der Salvation Army; man ist daher auch vielfach der Ansicht, daß dieselbe nach seinem Tode zerfallen werde; denn man hält seinen Sohn für einen zu wenig bedeutenden Kopf und zu geringen Menschenkenner, als daß er im Stande wäre, seinen Vater zu ersetzen.

Das Verfahren der Armee beim Anlocken von „Büßern“ zeichnet sich vor allem durch eine erstaunliche „Volksthümlichkeit“ der Sprache aus, was bei dem Umstande, daß die Armee aus den niedrigsten Classen zusammengesetzt ist, nicht Wunder nehmen kann. Die Ausdrücke, die man auf den Erlösungsversammlungen stündlich hören und auf den vom „Hauptquartier“ ausgehenden Plakaten täglich lesen kann, sind so burschikos, daß ernste Religionsfreunde sich darob entsetzen. Die Plakate nennen christus mitunter einen „gemüthlichen Jungen“, den Propheten Elia einen „lustigen alten Herrn“ und behaupten von Gott, er „balge sich fortwahrend herum“, und was dergleichen heitere Dinge mehr sind; das mißfällt natürlich der Geistlichkeit entschieden und hält sie zum großen Theil noch ab die Seligmacher, deren Tendenzen sie im Allgemeinen billigt, offen zu unterstützen.

Aber Booth kann und darf dem Uebel nicht steuern; denn gerade diese Sprache ist es, die im Verein mit der lärmenden Musik das niedrige Publicum anzieht, welches die gewöhnlichen „würdevollen“ Missionen langweilig findet und daher verschmäht.

Ist schon die ganze Seligmacher-Bewegung, weil auf Sensation und Skandal berechnet, als ein socialer Auswuchs zu bezeichnen, so muß man insbesondere noch auf Eines tadelnd hinweisen: General Booth hat sich nämlich in neuerer Zeit auch der Kinder angenommen und einen „Kinderkrieg“ organisirt. So unsinnig dies auch sein mag, so hätte es an sich vielleicht nicht viel zu bedeuten, wenn die Art, wie dieser „Krieg“ geführt wird, nicht so lächerlich wäre und nicht so große Gefahren bärge. Vor etwa fünf Vierteljahren begründete Booth ein Seitenstück zum „War Cry“ den „Little Soldier“ („kleiner Soldat“), von dem schon jetzt wöchentlich über 60000 Exemplare abgesetzt werden. Nichts kann so sehr den allgemein anerkannten Grundsätzen einer guten Kindererziehung widersprechen als der seltsame Inhalt dieses Blättchens, dessen Spalten zumeist mit Briefen kleiner Kinder gefüllt sind, welche in endloser Wiederholung verkünden, daß sie „Gottlob erlöst sind“ und sich „auf dem glücklichen Wege zur Glorie befinden“. Wir hätten es nie für möglich gehalten, daß ein so kluger Kopf wie Booth Kinder durch Druckerschwärze ermuthigen kann, Briefe zu schreiben wie der folgende:

„Ich danke Gott, denn ich bin gerettet und auf dem Wege zum Himmel. Meine Brüder Georg und Teddy sind ebenfalls erlöst, desgleichen das Baby (!). Ich bedaure, daß weder Papa noch Mama bisher gerettet sind, hoffe aber, daß sie es bald sein werden. Mama liest dem Papa sehr gerne Abends im Bette Romane vor. Bitte, beten Sie für ihre baldige Rettung! Beten Sie auch für mich; denn ich bin ein ausgelassenes Mädchen und ärgere Mama zuweilen.      Ida, zehn Jahre alt.“

Auch giebt es bereits eigene Kindercasernen und Kinderversammlungslocale, in denen die Kleinen „erlöst“ und „gedrillt“ werden. Sollten diese Narretheien überhand nehmen, so wird die Seligmacher-Armee wohl ein schnelles Ende nehmen – und das wäre ein Segen.