Die erste Tragödin der ersten deutschen Schaubühne

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Textdaten
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Autor: Balduin Groller
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Titel: „Die erste Tragödin der ersten deutschen Schaubühne“
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 6, S. 96–99
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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„Die erste Tragödin der ersten deutschen Schaubühne“.


Der große Frankfurter Pessimist Schopenhauer ist bekanntlich nicht sehr gut zu sprechen auf unsere Welt. Er warnt seine freundlichen Leser dringend vor den listigen Schlichen der Natur, die es auf gar nichts Anderes abgesehen hat, als die Menschheit an der Nase herumzuführen. Das ganze Leben ist nicht nur ein Geschäft, das die Kosten nicht deckt, es ist geradezu eine consequent durchgeführte unverschämte Prellerei, zu deren Opfer die gütige Mutter Natur den Menschen macht. Gar zu plump darf sie freilich das Geschäft des ewigen Foppens nicht betreiben, sonst würden die armen Betrogenen am Ende ihre vertrauensselige Gemüthlichkeit verlieren, sich kurz entschließen, ihr nicht länger aufsitzen zu wollen, und ihr so mit einem Male das Spiel für immer durchkreuzen. Um das zu verhindern, geht sie von Zeit zu Zeit von ihrer Regel ab und läßt ab und zu einige

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Die Gartenlaube (1876) b 097.jpg

Charlotte Wolter als Messalina.
Nach dem Markart’schen Oelgemälde auf Holz gezeichnet von Adolf Neumann.

[98] Menschen wirklich, oder am liebsten auch nur scheinbar, glücklich werden, und diese Wenigen sind dann dazu bestimmt, der ungeheuren Mehrheit Sand in die Augen zu streuen. Sie sind die eigentlichen Lockvögel, an deren goldglänzendem Gefieder sich die Menge vergafft, und – weiter hat es keinen Zweck. –

Für solche Lockvögel hat denn die gütige Mutter, wenn wir uns einmal auf den Standpunkt des citirten Philosophen stellen wollen, auch auf dem Felde der Kunst vorgesorgt. Es ist im Allgemeinen bekannt, daß auch da der überwiegenden Mehrzahl von gläubigen Jüngern und hoffenden Priesterinnen statt des ersehnten Lorbeers die Dornenkrone des Elends auf das Haupt gedrückt wird, aber die Lockvögel, diese Lockvögel mit ihrem strahlenden Gefieder und mit ihrem Sirenensang, sie singen und schläfern und lullen Dich ein, und ehe Du es Dich versiehst, bist Du in ihrem Zauberbanne und hoffst, es ihnen gleich thun zu können. Kein Jüngling lernt seinen Faust auswendig (damit pflegt bei uns Deutschen wenigstens die Geschichte anzufangen), ohne daß er im Schreine seines Herzens die stille Hoffnung trüge, daß aus ihm doch noch ein Dawison, ein Devrient oder doch ein Lewinsky werden könnte, und ebenso wahrscheinlich ist es, daß noch kein Mädchen die weltbedeutenden Bretter zum ersten Male betreten hat, ohne ganz im Stillen bei sich zu denken, daß es ihm doch vergönnt sein könnte, dereinst als hellblinkender Stern am Kunsthimmel zu blinken und es dereinst einer Patti im Singen oder einer Wolter im Tragiren gleich zu thun.

Einer Wolter! Ich habe auch sie zu den Lockvögeln gezählt. Die Direction des Wiener Burgtheaters wird mir gerne bestätigen, daß sie zu diesen gehört, wenn auch zunächst in anderem als in dem soeben angedeuteten Sinne. Es ist nichts Seltenes, daß sich schon um drei Uhr Nachmittags eine dichte Menge vor den Pforten des Burgtheaters drängt und stößt, um für die um sieben Uhr beginnende Vorstellung sich ein Plätzchen zu erkämpfen. Dieses durch Künstlerbegeisterung erzeugte Gedränge ist so stark und ferner auch so charakteristisch für die Wiener Bevölkerung, daß ein dramatischer Dichter sich veranlaßt gesehen hat, es zu einer sehr wirkungsvollen und gern gesehenen Bluette, „Der Einlaß vor dem Burgtheater“, zu verwerthen, und fragt man, welchen Namen dieses Gedränge zumeist zu danken sei, so wird der der Wolter jedenfalls nicht zuletzt genannt werden dürfen. Doch nicht ohne Kampf hat sich die Künstlerin den Ehrenplatz in der deutschen Theaterwelt der Gegenwart erobert, den sie jetzt mit sieggewohnter Sicherheit einnimmt; sie gehört nicht zu jenen Glückskindern, welchen gute Genien ihre schönsten Geschenke im Schlafe bringen; Schritt für Schritt hat sie sich emporkämpfen müssen, Schritt für Schritt durch Noth und Entbehrungen, durch gestörte Illusionen und zertrümmerte Hoffnungen hindurch, bis sie das Ziel wirklich erreichte, das auch ihr verführerisch vorgeschwebt haben mag, als sie zum ersten Male vom Lampenfieber geschüttelt wurde.

Wie bei so vielen ihrer Berufsgenossen und Genossinnen war auch bei ihr der erste Theaterbesuch entscheidend für ihre zukünftige Laufbahn. Nicht von einer Loge oder einem bequemen Fauteuil des Parterres oder der Galerie sah sie zum ersten Male der bunten Theaterwelt in’s Gesicht. Sie kauerte, vor innerer Aufregung zitternd, hinter einer Coulisse, nachdem sie den Garderobekorb einer Künstlerin[WS 1] hatte dürfen in’s Theater tragen helfen. Da ward der erste Funke in ihre jugendliche Brust geworfen, und der Brand, der durch diesen entfacht wurde, war nicht mehr zu unterdrücken, weder durch Güte noch durch Strenge. Ein halbes Kind noch verließ Charlotte Wolter Köln, ihre Vaterstadt, und kam nach Wien, um sich hier der Kunst zu widmen. Der glückliche Zufall, der so oft im rechten Augenblicke den von Gott und der Welt verlassenen Menschenkindern zulächelt, ließ sie in Frau Gottdank, einer früheren Hofschauspielerin, eine mütterliche Freundin und eine verständige Lehrerin finden. Frau Gottdank war die erste, welche in dem leidenschaftlichen Kinde das große Talent entdeckte, und in ihrer großen Freude über den Fund verlangte sie nicht nur nichts für ihre Lectionen (es hätte ihr auch freilich wenig geholfen, da zu verlangen, wo nichts war), sondern setzte sogar in aufopferndster Weise den Unterricht fort, als sie krank und siech im Bette lag.

Das erste Engagement fand Charlotte Wolter an dem deutschen Theater zu Pest, woselbst es ihr vielleicht hätte ganz wohl ergehen können, wenn der Director nicht sehr bald darauf bankerott geworden wäre. Nun hieß es für die junge Kunstnovize die Misère der Schmieren kennen zu lernen. Sie kam mit einer Truppe nach Stuhlweißenburg, wo anfänglich ziemlich fleißig gemimt wurde, bis der Director in die für alle Parteien sehr unangenehme Lage gerieth, die Gagen nicht mehr bezahlen zu können. Dennoch sollte die Gesellschaft weiter spielen, da ja Abonnementsgelder im Vorhinein eincassirt worden waren. Unsere Künstlerin aber hatte, um überhaupt leben zu können, das Wenige, was sie an Theatergarderobe besaß, versetzen müssen, und als sie sich daher weigerte, aufzutreten, sollte sie erfahren, daß mit einem Stuhlrichter von Stuhlweißenburg nicht zu scherzen sei. Unmittelbar vor der Vorstellung erschien nämlich ein martialischer Pandur mit aufgepflanztem Bajonnet in ihrem Stübchen und escortirte sie ohne viel Federlesens in’s Theater, wo sie ihrer Schuldigkeit gemäß das Publicum zu unterhalten hatte. Fräulein Wolter spielte, allein am nächsten Morgen entschwebte sie von der Bildfläche Stuhlweißenburgs, und ward nicht mehr gesehen. Sie kam nach Wien und war so glücklich, am Karl-Theater sofort Beschäftigung zu finden, nachdem Franz Treumann und das Ehepaar Nestroy, welchen sie die Deborah zur Probe vorspielte, gefunden hatten, daß Talent, allerdings ein sehr bildungsbedürftiges Talent, vorhanden sei. Und wie wurde dieses Talent gepflegt? Man ließ sie zugleich mit Nestroy, Scholz und Treumann, diesem ausgesuchten Komikertrifolium, auftreten, man beschäftigte sie in Stücken, wie „Tanzmeister Paucerl“, „Einen Jux will er sich machen“, „Vierzig Mädchen in Uniform“ etc. Kurz, es war, als hätte man um jeden Preis einen königlichen Aar abrichten wollen, daß er trillire wie ein Zeiserl oder höchstens wie ein Canarienvogel. Man kann sich denken, daß eine Künstlerin mit einer dämonischen, gewaltigen Leidenschaft in der Brust sich recht traurig ausgenommen haben mag bei diesen Späßen. Aber es sollte noch lange nicht anders werden.

Emil Devrient kam nach Wien und gastirte im Karl-Theater; man gab endlich Tragödien, die Wolter aber durfte Stubenmädchen spielen. Devrient bemerkte nichts von ihrem Talente, dagegen bemerkte er mit Staunen ihre wahrhaft classische Schönheit. Doch man brauchte kein Devrient zu sein, um den Adel dieser Züge, um die vornehme Classicität[WS 2] dieses Profils zu bemerken, zu bewundern, und jedenfalls war das nur ein schwacher Trost für die Künstlerin, deren Loos ungefähr dem des Pegasus im Joche glich. Es kam Hendrichs nach Wien, und wieder gelangten Tragödien auf das Repertoire des Karl-Theaters; man gab „Macbeth“, und die Wolter durfte eine der Hexen spielen. Und doch sollte dieses Mal ein freundlicher Strahl in ihre dunkle Existenz fallen. Hendrichs hatte ihre Schönheit nicht bemerkt, denn als Hexe hatte sie eine gräuliche Larve vor dem Gesichte, aber er wurde während der Vorstellung überrascht von dem Tone ihrer Stimme und ihrer Art zu sprechen. Diese Hexe hatte wirklich den Teufel im Leibe, wie Hendrichs meinte, und ohne weitere Besinnung prognosticirte er der kleinen Hexe eine große tragische Zukunft. Vor der Hand freilich mußte sie noch immer Stubenkätzchen und Nähmamsellchen fort spielen. Endlich erbarmte sich ihrer Cajetan Cerri, der bekannte liebenswürdige lyrische Dichter. Er ging zu Laube und führte diesen in’s Theater, und nun trat endlich die langersehnte Wendung in dem Schicksale der Wolter ein. Laube’s sicherer Blick erkennt in ihr, trotz der sehr unglücklichen Rolle, die sie gerade zu spielen hat, die geborene tragische Heldin. Er räth ihr, sich schleunigst vom Karl-Theater loszumachen, in die Welt hinauszugehen, sich im tragischen Fache auszubilden und dann beim Burgtheater anzuklopfen. Sie gastirt in Brünn. Laube schickt ihr Lewinsky nach, damit er sehe, wie sie sich mache, und Lewinsky kommt mit der inhaltsschweren Meldung zurück, daß sie sich wirklich mache. Laube schmunzelt und meint, daß man sie nur ausreifen lassen solle.

Charlotte Wolter macht inzwischen ihren Weg weiter; sie nimmt ein Engagement am Victoria-Theater an. Am ersten Tage muß das angekündigte Stück abgesagt werden, da der erste Liebhaber feierlich erklärt, mit „dieser Person“ nicht spielen zu wollen – das sei die personificirte Talentlosigkeit. Am nächsten Tage fällt der erste Liebhaber durch, während „diese Person“ sich eines durchschlagenden Erfolges zu erfreuen hat. [99] Nun erst wird sie von mehreren Capacitäten, worunter auch Dingelstedt, der Reihe nach entdeckt, sie aber lernt mit unerschüttertem Eifer unter der Leitung ihres wackern Regisseurs Hein und ihrer Lehrerin, der Frau Peroni-Glasbrenner, weiter und läßt sich endlich vom Director Maurice auf vier Jahre für das Hamburger Stadttheater engagiren. So hatte aber Laube, der Director des Wiener Hofburgtheaters, nicht gerechnet, kaum war sie gebunden, als er auch ihre Fesseln, beziehungsweise ihren Contract zu lösen trachtete. Das gelang durch ein ziemlich schweres Opfer, zu welchem sich die Künstlerin zu verstehen hatte: sie mußte sich verpflichten, durch drei Jahre jährlich sechs Wochen in Hamburg zu gastiren, ohne dafür ein Honorar zu beanspruchen.

So kam sie an’s Burgtheater, und so ward aus ihr die erste Tragödin der ersten deutschen Schaubühne. Da hatte sie nun endlich den lange und schmerzlich ersehnten Spielraum gewonnen, auf welchem ihr mächtiges Talent seine Schwingen regen und entfalten konnte, und diese Schwingen haben sich entfaltet und sich zu hehrem Fluge erhoben, der immer mit untrüglicher Sicherheit das begeisterte Publicum mit sich reißt, empor zu jenen Höhen, auf welchen im reinen Aether der reinen Kunst alle kleinen Sorgen des Alltagslebens vergessen werden. Ihr Talent läßt sich nicht zerlegen, wie ein mechanischer Apparat. Ihr Talent ist ihre Persönlichkeit – ihr Talent ist ihr Auge, ihre Stimme, ihre Bildhauer wie Maler gleich begeisternde Schönheit, und vor Allem ihre Seele, ihre tiefe Empfindung, die sie befähigt, die von den großen Dichtern empfundene Leidenschaft voll und ganz nachzuempfinden. Soweit kann man ihrer Begabung in die Karten blicken; wie sie es weiter anstellt, all’ der glühenden Leidenschaft den rechten Ton, die rechte Gestalt zu geben, das ist ihr Geheimniß, das ihre zahllosen Nachahmerinnen ihr vergeblich abzulauschen getrachtet haben, und das ihr wohl überhaupt nicht abzulauschen ist. Der „Wolter-Schrei“ ist in Wien zu einem geflügelten Worte geworden, allein es ist kein manierirter Kunstschrei darunter verstanden, den sie in immer gleicher Fassung zur Disposition hielte, sondern vielmehr der elementare Ausbruch einer erschütternden Leidenschaft, die gerade darum die Seelen immer wieder ergreift, weil nichts Gemachtes, nichts Manierirtes in ihr ist.

Auf ihre einzelnen Rollen kann ich an dieser Stelle nicht eingehen; um nur ihre „Medea“ zu würdigen, müßte man soviel Raum zur Verfügung haben, wie mir für diesen ganzen Artikel gestattet ist. Wer ihre „Medea“ oder ihre „Sappho“ einmal gesehen hat, wird sie nie wieder vergessen. Ihr Repertoire ist ein außerordentlich umfangreiches und umfaßt beinahe alle Heroinen der classischen wie der modernen Bühnenliteratur. Lady Macbeth, Gräfin Orsina, Phädra, Deborah, Hebbel’s Chriemhild und Maria Magdalena, Adrienne Lecouvreur und die Fürstin Udaschkin (Graf Waldemar) haben noch keine bessere Darstellerin gefunden. Unsere Abbildung zeigt die Künstlerin als Messalina in Wilbrandt’s „Arria und Messalina“. Dem Stücke hat die Kritik ziemlich hart zugesetzt, über die geniale Leistung der Wolter aber herrschte nur eine Stimme des Lobes.

Das Bild, das die „Gartenlaube“ heute ihren Lesern vorlegt, hat seine Geschichte, die zum Schlusse hier kurz erzählt sei. Wissen Sie, freundliche Leserin, was ein „Vielliebchen“ ist? O, nicht diesen Blick beleidigter Majestät! Sie wissen es – gut; allein nicht alle Menschen haben diese Wissenschaft, und ich könnte traurige Geschichten von einem Graveur erzählen, der auf ein verlorenes Vielliebchen, einen schönen Silberbecher, groß und breit „Philipp“ gravirte, weil er nicht wußte, was ein Vielliebchen sei. Doch Sie wissen es, und das genügt. Makart, der berühmte Maler, hatte an die Künstlerin ein Vielliebchen verloren, und Künstler vom Schlage Makart’s können so fürstlich zahlen, wie nur irgend ein Kaiser. Begeistert von der herrlichen Leistung der Künstlerin als Messalina malte er sie als solche und überraschte sie mit dem Gemälde. Das geniale, farbenglühende Bild hängt nun im Boudoir unserer Heroine, und sie sowohl wie der Maler des Bildes haben mit zuvorkommendster Liebenswürdigkeit der „Gartenlaube“ das Reproductionsrecht des interessanten Werkes überlassen, das hier zum ersten Male in die Oeffentlichkeit tritt.

Balduin Groller.




Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Künsterin
  2. Vorlage: Classiicität