Die ersten Schritte auf japanesischem Boden

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Autor: unbekannt
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Titel: Die ersten Schritte auf japanesischem Boden
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 22, S. 290–292
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die ersten Schritte auf japanesischem Boden.

„Du gingest aus, Deines Vaters Eselinnen zu suchen, und fandest ein Königreich.“ Die Engländer können sich in gewissem Sinne mit diesem Glücke des ehemaligen Eselhirten, nachmaligen Königs Saul für diesen ihren letzten Krieg trösten. Esel wurden von vielen Seiten ganz eben so gesucht, wie Eulenspiegel, auf seinem Pferde sitzend, umherfragte, ob Niemand sein Pferd gesehen habe; aber nur Wenige fanden dafür ein Königreich. Die Amerikaner, die bei aller Freiheit eben so neutral geblieben waren, wie wir Deutsche, von denen Manche für die „Freiheit und Civilisation“ gern mitgemacht hätten, fanden es zuerst. England hatte eine seiner vielen Flotten im chinesischen Hafen von Hongkong, welche im Frühlinge 1855 unter Commodore Elliot Befehl bekam, nach Norden hinauf zu segeln, um bei Kamtschatka und da herum nach russischen Schiffen und Prisen herumzukrebsen. Sie fanden aber nichts Gescheidtes, und einmal besonders viel Pech statt Prisen. Aber sie fanden, was sie gar nicht gesucht, ein Königreich, sogar ein Kaiserthum, Japan, und eroberten es, wie die Amerikaner eben auch gethan, ohne nur eine Knallbüchse abzufeuern. Ja, sie eroberten es wirklich, obgleich sie zunächst nichts gewannen, als die Erlaubniß, im Hafen von Hakodadi einzulaufen, und sich da zu kaufen, was sie brauchten. Das sieht nach gar nichts aus und ist doch mehr werth, als alle auf Hunderttausendfachen Leichenfeldern zurechtgestoppelten Friedensbedingungen für Europa. Die Verträge Amerikas und Englands mit Japan verbürgen den soliden Anfang eines produktiven, bildenden und allen Betheiligten ersprießlichen Verkehrs und Austausches von geistigen und materiellen Ueberflüssen in den betreffenden Ländern. Der Ueberfluß des einen ist der Bedarf des andern, wofür es seinen Ueberfluß dem andern Lande als Bedarf giebt. So gewinnt Jeder, ohne daß er sich zum Schwindel und zum Betruge zu erniedrigen braucht. Das Pförtchen, welches sich Amerika und England in Japan eröffnet haben, gewinnt durch den Umstand ein ganz besonderes kulturhistorisches Interesse, daß Japan über zwei Jahrhunderte allen Völkern der Erde hermetisch verschlossen war. Nur die verwandten Chinesen durften etwas Geschäfte mit den Japanesen machen. Was die Holländer auf einer an Japan angebauten, gegen das Land aber verschlossenen Bretterbude an Geschäften machten, ist nicht der Rede werth.

Jetzt klingt’s gleich von vorn herein ganz anders. Seitdem sich England und Amerika den Hafen von Hakodadi vertragsmäßig geöffnet haben (und das ist noch kein Jahr her), liefen nicht weniger als 75 amerikanische und englische Schiffe ein.

Uns interessiren besonders das erste englische Schiff und die ersten Schritte auf japanesischem Boden, schon deshalb, weil wir davon ein ziemlich ausführliches Bild, ein ganzes Buch haben. Kapitain Bernhard Whittingham, von Elliot eingeladen, ihn auf dem Argonautenzuge gegen russische Schiffe zu begleiten, folgte diesem Rufe und schrieb ein Buch über die ganze Expedition, die auch in dem Hafen von Hakodadi einlief, und den japanesischen Behörden und der Stadt selbst einen Besuch abstattete. In Folge davon kam der Vertrag zwischen England und Japan zu Stande, der ersterem dieselben Rechte einräumt, welche sich schon Amerika freundschaftlich ertrotzt hatte.

Hakodadi, an der Südostküste der nach Nipon größten Insel des japanesischen Reichs, Jesso, in der Provinz Matsmai, ist die Königin eines der besten und geräumigsten Naturhäfen in der Welt. Er besteht aus einer, über eine deutsche Meile weit in’s Land hineinlaufenden Bucht des großen oder stillen Oceans, gegen dessen oft furchtbare Wogen ihn unerschütterliche Felsen schützen, die nur eine verhältnißmäßig enge Einfahrt in die beinahe halbkreisförmige Bucht zulassen. Am südlichen Rande dieser Bucht erhebt und streckt sich Hakodadi am Wasser entlang und hoch hinauf in ein großartiges Amphitheater von waldigen Bergen, aus denen Häuser, Tempel und Villen hell hervorblicken, von waldigen Bergen, die zuletzt weiß und kahl bis über die Schneelinie sich erheben und in einem Kegel eines ausgestorbenen Vulkans zuspitzen. Ob er jetzt vielleicht wieder durch den Tod der japanesischen Hauptstadt Yeddo lebendig geworden ist? Die ersten Berichte von dem Erdbeben, welches am 15. November Yeddo größtentheils zerstört und über 30,000 Einwohner in seinen Berstungen und Klüften verschlungen haben soll, lauteten entsetzlich. Nähere Kunde scheint bis jetzt noch nicht angekommen zu sein.

Unten am Wasser entlang vor der Stadt strecken sich Bollwerke, blos von künstlerisch behauenen und ohne jedes Bindemittel verbundenen Steinen gebaut. An ihnen entlang wimmelt es von Booten aller Größen und Formen. Am niedrigen, fruchtbaren Gestade nisten bis über die Sehweite hinaus nach beiden Seiten Häuser und Hütten, Meiereien und Dörfer zwischen Gärten und Bäumen. In den Gebirgsterrassen herrschen besonders Birken, Buchen und Fichten vor. Hakodadi liegt mit Mittel-Italien und dem südlichen Frankreich unter gleichem Breitengrade.

Das englische Geschwader erschien Anfangs Juni vorigen Jahres im Hafen von Hakodadi, wurde aber durch die Nothwendigkeit einer Reihe von Ceremonien, welche die japanesische Staatswürde um sich barrikadirt hat, und die alle erst durchgemacht werden mußten, lange aufgehalten, ehe sie den eifersüchtig nach dem Ideal der Schutzzöllner verschlossen gehaltenen Boden betreten durften.

Erst mußten sich die englischen Befehlshaber bei dem Hafenmeister von Hakodadi einführen. Dann entstand die wichtige Frage: darf der Gouverneur von Matsmai den englischen Commodore bei sich sehen oder muß ersterer seine Aufwartung vorher dem Commodore machen? Die Sache war schwer zu entscheiden. Der Gouverneur half sich aus diesem kitzeligen Dilemma, wofür es keine Vorbilder und Instruktionen gab, durch Krankheit und befahl seinem Lieutenant, den Anfang zu machen, und sich auf das Flaggenschiff des englischen Geschwaders zu begeben. Dieser erschien denn auch eines schönen Morgens in allem Pompe amtlichen Auftretens auf einem von zwanzig Ruderern getriebenen Boote, in dessen Mitte ein langer, oben mit Leder überzogener Speer als Zeichen des Ranges gehalten ward, begleitet von einer Menge anderer, schwarz und weiß (der japanesischen Nationalfarbe) bewimpelter Boote. An der Außentreppe des englischen Flaggenschiffes angelangt, erhob sich der Gouverneur-Lieutenant, während die Ruderer alle in ersterbender Ehrfurcht auf die Nase fielen, um ihm blos Rücken zu zeigen. Die Audienz bestand in Auswechselung einiger höflichen Reden durch Dolmetscher und einer Einladung von Seiten des japanesischen Beamten, sich dem Gouverneur vorzustellen.

Zwei Tage darauf landete der englische Commodore mit Gefolge, und ward einige Stufen empor in ein Haus geführt, wo die Gäste von japanesischen Beamten mit Thee bedient wurden, während sie auf den Gouverneur warteten. Die Fenster hatten Scheiben von weißlich-braunem Papier und außen gegitterte Läden, um Wind und Regen abzuhalten. Der Boden war durch’s ganze Haus mit dicken Matten bedeckt, auf welchen die Herren alle schweigend und mit bloßen Füßen einherschritten, da Jeder die Schuhe auszieht, ehe er in ein solches dickwattirtes Haus eintritt. Der Japanese liebt es nicht, klappernde und polternde Schritte in seinem Hause zu hören. Alles geht daher unhörbar, barfuß oder in Socken auf dicken, dreifachen Stroh- und wollenen Matten umher. In den dunkeln Tempeln mit seltsamen Figuren, Chiffern, Schnitzwerken und Götzenbildern hat dieses unhörbare und nur dämmernd sichtbare Umhergleiten schweigender Gestalten etwas gar unheimlich Feierliches und ist geeignet, eigenthümliches „Graueln“ der Andacht und Furcht vor geahnten, unbegreiflichen, unsichtbaren Geistern und Göttern hervorzurufen und zu nähren. Solche Gewalten über den schwachen Menschen braucht besonders der Despotismus und weiß ihn gut zu benutzen und auszubeuten.

Die Unterredung mit dem Gouverneur war ebenfalls kurz und etwas unbeholfen durch Dolmetscher. Die Hauptsache kam nachher, nämlich Benutzung der erwirkten Erlaubniß, sich die Stadt anzusehen. Freilich wurden die seltsamen, angestaunten Fremden, sobald sie aus dem hölzernen Verschlage des Zollhauses heraustraten, ehrerbietigst von Polizei in Empfang genommen, die zwar nicht nach Paß und Legitimationen fragte, und auch Niemanden arretirte, aber vor den Engländern gebieterisch vorausschritt und den Leuten winkte und befahl, Thüren und Fenster gegen die Blicke der Fremden zu schließen, und sich selbst unsichtbar zu machen. Vor der Polizei hört auch in Japan aller Spaß auf, und so gehorchten die Leute vor ihr, um hinter ihr desto eifriger ihrer eigenen Natur und Neugier zu folgen. Hinter ihr öffneten sich mit wahrer Hexerei von Geschwindigkeit Thüren und Fenster [291] wieder und Köpfe und ganze Personen schossen heraus, um mit großen Augen, die jetzt selbst ihre nationale Kleinheit und Geschlitztheit verloren, mächtig auf die Fremden zu starren. Also selbst in Japan ist die Natur mächtiger, als die Polizei, welche deshalb wohl nichts Besseres thun könnte, als den ohnmächtigen, aber doch demoralisirenden Kampf gegen die Natur der Dinge und Menschen aufzugeben.

Die Engländer spazierten durch weite, gerade, reine Straßen zwischen größtentheils kleinen Häusern von geraden und quer und schief mit einander verbundenen Balken, deren Zwischenräume mit Brettern und Birkenrinde ausgefüllt und deren Dächer mit Schindeln und ebenfalls Birkenrinde, und diese mit Steinen, bedeckt waren. An ihnen hin liefen größtentheils gedeckte Gallerieen und Veranda’s, so daß man im Schutz und Schatten an den Häusern hingehen kann. Vor manchen Häusern und um alle Tempel fand man große Gärten und Parks in Miniatur, d. h. alle Bestandtheile großer Garten- und Parkanlagen auf den kleinsten Raum zusammengedrängt, z. B. auf einer Fläche von 80 Fuß Länge und 50 Fuß Breite um einen Tempel kleine, dichte Wälder von Zwergbäumen, kleine Felsengebirge, Flüsse, Brücken, Fußsteige, Blumenbeete, Rasenflächen, ganze meilenweite Landschaft in ein kleines, umrahmtes, reelles Naturbild verdichtet. Man nennt dies den holländischen Gartenstyl, aber es ist der ächt japanesische, den die Holländer sich aneigneten, als sie noch eine meerbeherrschende Nation waren.

Die Japanesen, welche den Engländern zu Gesicht kamen, traten alle als robuste, rührige, kurze und stämmige Leute auf, dunkelgelb gehäutet mit schwarzen, kleinen, chinesisch schiefen, geschlitzten Augen. Ihre Backenknochen stehen weit hervor, oft weiter, als die plattgedrückte Nase. Was der Nase an hervorragender Bedeutung fehlt, kommt den hervorquellenden, rothen Lippen zu Gute. Die Mädchen schienen dabei alle hübsch zu sein. Auch wir wissen, was manchmal der Fehler eines Stumpfnäschens für eine Tugend werden kann, zumal bei den ausgebildeten, rosigen Lippen, den runden, rothen Backen, vollen, runden Formen, weißen Zähnen, die mit den kleinen, glänzenden, mandelkernförmigen Augen um die Wette lachen und in die Welt hinein schallen. Bei den Japanesinnen kamen noch luxuriöses, schwarzes Haar und in der Regel kleine, strumpf- und schuhlose Füßchen hinzu. Es nimmt uns daher nicht Wunder, daß in Japan, wie wir aus anderer Quelle wissen, auf die naivste und excessivste Weise gelebt und geliebt wird. Die Japanesen sind von Natur heiter, gutmüthig, vergnügungssüchtig, verstehen nichts von Hypochondrie und Grillen, und tanzen und singen und trinken daher bei ihren häufigen Festlichkeiten bis zum Umfallen. Bei dem schönen Geschlechte dauert freilich die Freude und Schönheit nicht lange. Sie verheirathen sich oder vielmehr werden verheirathet oft schon im dreizehnten und vierzehnten Jahre, und tragen vom Hochzeitstage an schwarzgebeizte Zähne, die Lasten des Haushalts, der Feldarbeit und großer Fruchtbarkeit. Letztere wimmelte und wuselte in großer Menge, größtentheils ganz nackt, vor den Thüren und unter den Veranda’s umher. Es wurden nur wenig Bettler und Krüppel bemerkt. Nur Augenkrankheiten scheinen nicht selten zu sein. Es zeigten sich verhältnißmäßig viele Leute mit schlimmen Augen, von denen oft das eine oder andere ganz verloren gegangen war.

Die Kleider, welche bei uns Leute machen, fallen in Japan allerdings national, aber doch sehr verschieden aus, schon wegen der großen Sommerhitze und strengen Winterkälte. Die Hauptunterschiede hängen aber außer von Stand und Vermögen, speciell von den gesetzlichen Klassen und Kasten in den feudalistisch-bureaukratisch geschiedenen Gesellschaftsschichten Japans ab. Crethi und Plethi trägt im Sommer so wenig als möglich eine Robe und ein paar Unterhosen, oft auch blos irgend ein Stück Zeug, die ärgsten Blößen zu decken. Die Kinder laufen in ganz vorsündenfall-paradiesischem Zustande umher. Dagegen putzen sich die höheren Klassen gern nach den neuesten Moden der Hauptstadt Yeddo aus, besonders mit halbdurchsichtigen Flor- und Gazestoffen. Im Winter trägt man starke Roben und dicke Unterbeinkleider von Baumwolle, wofür die Beamten privilegirte Seide nehmen. Außerdem unterscheiden sich letztere von dem „beschränkten Unterthanenverstande“ schon an der großen Zehe, welche in deren wollenen Socken eine besondere Abtheilung hat, wie bei uns, der Daumen im Fausthandschuh. Ueber den Socken trägt man Schuhe von Strohgeflecht, befestigt mit weißen Bändern oder hübsch geflochtenen Strohseilen. Im Ganzen sitzt ihnen aber die Kleidung nach unsern Begriffen eben so schlecht, wie sie selbst sitzen, indeß ist die Tracht immer noch nicht so niederträchtig, wie unser Leibrock mit einer „Angströhre“ von Hasen-Harnisch auf dem Heldenschädel. Sie kauern auf eine bedauernswerthe Weise mit aufgespannten Knien, wobei sie die Füße in den Schlafrock verstecken, in einer Position, die bei uns der civilisirte Sterbliche nur einsam auf Feld und Flur im höchsten Drange der nach dem Gesetze des höhern Absoluten zu absolvirenden drängenden Nothwendigkeit riskirt. Das nennen aber die Japanesen sitzen. Sie haben durch diese Sitte des Sitzens ungeschickte, dicke Kniee bekommen und einen unangenehmen Gang.

In socialer Beziehung sind die japanesischen Institutionen und Gebräuche ächt feudalistisch. Die Klassenunterschiede scheinen nicht erzwungen zu sein, sondern aus den Anschauungen und Ansichten der verschiedenen Klassen selbst hervorzugehen. An der Spitze aller Klassen stehen die Adeligen und Beamten, die mit der größten Verachtung auf den reichsten Kaufmann herabsehen (vorausgesetzt, vermuthe ich, daß sie ihn nicht anpumpen wollen). Die Adeligen haben das Privilegium, zwei Schwerter zu tragen. Ein Kaufmann kann durch vieles Geld blos das Privilegium eines Schwertes erkaufen. Abgesehen von den Details der Formalitäten, wodurch sich die Gesellschafts- nd Standesklassen unterscheiden, ist der japanesische Feudalismus dem englischen ziemlich gleich. Ungeachtet aller Phrasen und Kämpfe gegen die Privilegien der Grund und Geld, Staat und Königthum besitzenden Klassen in England, hält sich der Feudalismus doch ganz gut. Sie haben im jetzigen Kriege durch lauter absichtlichen und wirklichen Unsinn das englische Heer, hundert Millionen Thaler und den Nimbus Englands todt geschlagen, sie haben Kars absichtlich fallen lassen, aber das Alles rührt sie nicht, erschüttert ihre Macht und Stellung nicht, weil der Glaube an den Besitz und die Macht in der Servilität der Volksmassen wurzelt, weil diese Servilität, die Ehrfurcht vor Geld und Macht ihre Religion ist.

Die Japanesen sind aber ganz im Gegensatz zu den Engländern, den größten Fleischfressern unter allen Thieren, durchaus Vegetarianer, d. h. sie genießen blos Pflanzenkost und statt des Fleisches ungeheuer viel Fische, die an den Küsten in furchtbaren Massen wimmeln und den Fischern, welche das Meer oft beinahe mit ihren Booten bedecken, tonnenweise in die Netze laufen. Unter den Gemüsen herrschen im Anbau und der Kost Bohnen, Erbsen, süße Kartoffeln, Mohrrüben, ungeheuer große Radieschen und Obst vor. Ihre Bäume tragen eine Art Birnen, die wie Kinderköpfe groß werden, aber sehr wässerig schmecken.

Industrie der Japanesen lernten die englischen Gäste auf eine brillante Weise kennen. Die Japanesen sind ja auch nicht dumm und hassen den Fremden, der Geld hat und ihnen was abkaufen will, durchaus nicht aus purer Vaterlandsliebe, wie man dies wohl früher geglaubt hat und womit auch die Schutzzöllner in unsern verschiedenen Vaterländern die bessern und wohlfeileren Güter des Lebens, welche das Ausland bietet, vom heimischen Markte ausschließen möchten.

Man hatte in einem Tempel unweit des Zollhauses expreß für die Fremden, d. h. um englisches Geld einzufangen, einen glänzenden Bazar, eine verkäufliche Industrie-Ausstellung aufgebaut: lackirte Waaren der feinsten, reinsten und seltensten Farben (die Kunst des Lackirens wurde durch Holländer aus Japan nach Europa gebracht), die zartesten, durchsichtigsten Tassen und Vasen, Kannen und Töpfchen vom feinsten Porcellan, Fächer, Seidenwaaren, Gaze-und Florgewebe vom zartesten Hauche, seltsame, hübsche Krüge u. s. w. Matrosen und Offiziere kauften nach Kräften und haben so gewiß ein gutes Andenken und nicht mehr zu tödtende Lust, mit Fremden zu handeln und die Güter des Lebens, der Industrie und Kunst auszutauschen, in Japan zurückgelassen. Die Japanesen sind ein gebildetes, industrielles Volk auf dem üppigsten, auch mineralreichen Boden. Allerdings sind sie trotz natürlicher Anlage in ihrer Isolirtheit und Insularität in vielen ideellen Dingen, die nur durch ideellen Austausch mit andern Völkern vorwärtskommen, zurückgeblieben, z. B. in allen Naturwissenschaften, besonders in der Medicin, und, was damit zusammenhängt, in religiösen Ansichten. Die Medicin ist in den Händen weiblicher Personen, die Alles mit einer Arznei curiren, die bei uns in keiner Apotheke vorkommt und überhaupt nur durch [292] den Gebrauch Menschen verschlechtert, nämlich mit der Trommel. Wenn Jemand krank ist und Hülfe verlangt, wird zur Frau Doctorin geschickt, welche sich mit ihrer Trommel einstellt, sie dem Kranken an’s Ohr hält und nun lostrommelt und dazu Beschwörungsformeln summt, bis der böse Geist der Krankheit vertrieben und der gute der Gesundheit wieder Monarch ist im Körper. Was sie thun, wenn sich der böse Geist nicht austrommeln läßt, wird nicht gesagt. Wahrscheinlich begraben sie ihn mit sammt dem Todten. (Uebrigens ist diese Austrommelungsmethode noch lange nicht so schlimm als unsere alte Brech-, Purgir-, Blutegel-, Aderlaß- und Bullen-Praxis.)

Der buddhistische Religionskultus wird in dunkeln, dick mit Teppichen belegten, mit hölzernen Figuren, Zeichen und Götzen ausstaffirten Tempeln prakticirt. Die schweigende, schleichende Dunkelheit wirkt schauerlich durch die dämmernden Fratzen und betäubende Räucherung auf den Altären, vermischt mit Geruch von Fischen, welche die Gläubigen täglich den hungrigen Götzen (die ihre Magen in den Priestern haben) darbringen.

Das sind einige zusammengedrängte Beobachtungen, welche die Engländer während ihres Spaziergangs durch Hakodadi machten. Doch beschränkten sich nicht Alle auf die Stadt. Einige fuhren auf einem Flusse tief in’s Land hinein und stiegen in einer lachenden, kultivirten Gegend aus, mit schönen, auf beiden Seiten umblühten und lebendig umhegten Straßen, kleinen Bächen an Hecken entlang, in üppiger Vegetation nistenden Hütten und Häusern und nackten Kindern davor und schelmisch hinter Gebüsch hervorblickenden, rothwangigen Bauermädchen und freundlichen Bauern mit Strohsandalen und langen grauen Kitteln, struppigen, trotzigen, umherweidenden Pony’s und Behäbigkeit und Heiterkeit von allen Ecken und Enden. Die plumpen, rothwangigen Leute schienen den Fremden gern entgegenkommen zu wollen; aber die liebe Polizei winkte auch dieser natürlichsten Neigung zum Kosmopolitismus ein gebieterisches „Zurück“ entgegen. Indessen werden die Engländer binnen zehn Jahren bequemer und ungeschorner in Japan umherfahren, reiten, laufen, liefern und zulangen können als in dem vertragsmäßig befreundetsten Nachbarstaate und in abendländischen Staaten überhaupt, die, stolz auf ihre „Intelligenz,“ doch nicht wagen, den unschuldigsten Menschen ohne Paß und Legitimation, Sitten- und Pockenimpfungsschein für sein Geld laufen oder fahren zu lassen.