Sprache und Musik in der Natur (3)

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Autor: unbekannt
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Titel: Sprache und Musik in der Natur
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aus: Die Gartenlaube, Heft 22, S. 292–295
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Sprache und Musik in der Natur.
Dritter Artikel.
Die Ausdrucksweise der verschiedenen Thiere. – Das Lamm und das Pferd. – Ein Katzenconcert. – Orgelspiele mit Katzen und Schweinen. – Der Hund als größtes Sprachgenie unter Thieren. – Die Dichter des Waldes. – Die Musikorgane der Vögel. – Ein Waldconcert. – Truthahn und Schwan. – Der Hahn und sein Harem. – Raben, Saatkrähen und Papageien.

Die Art und Weise, wie sich lebendige Wesen unter dem Himmel, in der Luft, auf und unter der Erde äußern, ihre Freuden und Schmerzen laut werden lassen, Andern mittheilen oder um ihrer selbst willen ausschreien, bildet eine so vielstufige Tonleiter, die wie die geträumte Jacob’s wirklich bis in den Himmel reicht. Die Phantasie mag selbst Engel darauf auf- und niedersteigen lassen. „Die jungen Löwen brüllen nach ihrer Beute und suchen ihr Fleisch von Gott. Und er vernimmt ihre Stimme und stillt deren Hunger.“ Freilich so energisch wissen nur wenige Thiere ihre Petitionen dem Himmel vorzutragen, wie der Löwe. Bekanntlich weiß er sich auch selbst Fleisch zu verschaffen, wenn der Himmel es ihm nicht zuschickt. Das Gebrüll ist fürchterlich, hat aber nur einen sehr einfachen Sinn. Ueberhaupt kann man den Mammalien oder Säugethieren nur selten eigentliche articulirte Töne, vocalisirte Sprache abhorchen; wenigstens haben sie fast stets nur verdorbene und verquetschte Vocale, wie die Engländer. In Ton und Mannigfaltigkeit des Ausdrucks den Insekten und Reptilien weit überlegen, halten die Säugethiere doch mit dem wortkargsten Vogel keinen Vergleich aus. Die Vierfüßler schreien in der Regel nur aus Schmerz und Hunger. Kaninchen, Hasen und dergleichen Geschöpfe aus der Familie „Lampe“ kreischen nur auf, wenn man sie bei den Ohren nimmt oder der Hund ihnen Zahnschmerzen verursacht, und in höchster Gefahr hat selbst der niedrige, gemeine Maulwurf ein feiges Grunzen. Der brasilianische Maulwurf quiekt je vier Mal rasch hinter einander durch die Nase, was Leute, die mit diesen unterirdischen Flötentönen nicht vertraut sind, sehr in Verlegenheit setzt. Nur der schlaue Indianer erkennt genau die Stelle, von wo die unterirdischen Töne kommen und fängt sich deshalb sicher seinen „Tucutuco.“ Aber von diesen schwachen, unbestimmten Pressungen kleiner Lungen, von dem ungeschlachteten Grunzen des Schweines bis zu dem lustübermüthigen Bellen des Hundes oder dem herzrührenden Klageton des Kameels, welch’ eine Stufenleiter von Tönen blos zwischen zwei Sprossen der Hauptleiter! Die Schweine- und ähnliche niedrige Thiersprache hat keine Consonanten, wie jeder blos elementare Ton ebenfalls blos auf die Vocale deutet. Consonanten sind in der Thier- wie Menschensprache Noten höherer Entwickelung und individueller Stimmungen.

Deshalb ist auch die englische Sprache, obgleich aus zwei sehr gebildeten Sprachen combinirt, und deshalb, an sich reich, geistig und für Ausdruck feinerer, tieferer psychologischer und individueller Stimmungen und Gefühle sehr arm, ihres Reizes und ihres Reichthums durch die Engländer beraubt worden, weil sie alle nicht unbedingt nöthigen Consonanten in der Aussprache vernachlässigt oder ganz weggeworfen, und nur die Vocale, aber auch diese verquetscht und zwischen die natürlichen sechs Vocalstufen hinein corrumpirt, übrig gelassen haben. Die Consonanten gingen ihnen verloren, weil sie den Geist dazu verloren; sie verloren den Geist dazu, weil sich die englische Kultur immer mehr zum Geldmachen, zur Eroberung und Behauptung von Reichthum und Rang gebrauchen ließ, und in der bisherigen Richtung, zumal durch den Einfluß des Goldes in Australien und Californien, alle Reste von Geist, Gemüth, Individualität und Menschenwürde verlieren muß.

Die Consonantenlosigkeit in der Sprache der Thiere, das für unsere Ohren unbestimmte Gebrüll und Geblöke unserer Hausvierfüßler schließt aber nicht bestimmten Ausdruck und Individualität aus. Das Lämmchen findet seine Mutter bald aus Tausenden blökender Schafe heraus. Welch’ einen Reichthum von Nüancen hat demnach die Natur in die einzige, nicht sehr melodische Note der Schafmutter gelegt! Das Pferd hat blos Laute für bestimmte Leidenschaften und Schmerzen. An seinem Wiehern tritt übrigens die Erziehung ganz besonders entschieden hervor. Es findet mit guter Schule und Behandlung immer mehr Modulationen und Variationen für seine kultivirten Stimmungen und Gefühle. Das wilde Pferd der Steppen und Prairien wiehert blos schrill eintönig. Wie sanft und zart wiehert das fein erzogene Roß unter den Liebkosungen seines Meisters! Die Stimme des sterbenden Kulturpferdes wird nie von Denen vergessen, die in der reißenden Fluth oder zwischen dem Gebrüll der Kanonen auf dem Schlachtfelde Zeuge seines Todes waren. Der schrille Trompetenton, mit welchem das freie Pferd in der Wuth der Leidenschaft einen Nebenbuhler und Feind angreift, klingt schreckenerregend, zumal wenn man dazu die starre Mähne und den glühenden, glotzenden Zorn seines Auges sieht.

Die Sprache und die Musik der Katzen kennt Jeder in schrecklicher Erinnerung an stille Mitternächte, als sie ihn aus dem Schlafe gesungen. Aber sie verlieren das Entsetzliche und werden oft bis zum unsterblichen Göttergelächter komisch, wenn man sie concertiren sieht. Mit welcher Gravität und Majestät sitzt der tapferste und schönste Hinz in der Mitte einer bewundernden Anzahl von Schönen! Er zieht feierlich einen tiefen Ton durch verschiedene Grade von Verstimmung hindurch und schielt dazu fürchterlich, als wollte er Knoten in die Augen knüpfen. Die um ihn sitzenden Damen setzen zu verschiedenen Zeiten ihre Alt- und Discantmißtöne ein. Eine ärgert sich über die andere, wie das Primadonnen immer thun: die Fuge der Eifersucht und Rivalität wird immer wilder, menschenrasendmachender, steinerweichender; immer weiter reißen sie die bärtigen Schnauzen auf und immer [293] wüthender zeigen sie ihre Zähne. Mit fürchterlichem Schielen folgt heimtückisch und plötzlich ein Hieb von der Seite. Es zischt und sprudelt, die Krallen werden thätiger und thätiger. Es erfolgt eine zischende, sprudelnde, spuckende allgemeine Keilerei und ein allgemeines Davonlaufen. Sie gehen dann einzeln durch die stille Nacht spazieren, bis eine Sängerin die andere wieder erblickt. Still und tückisch nebeneinander sitzend, beginnen sie erst mit Mäßigung ein Zankduett, vielleicht gar in Moll; jede zieht ihre Register so lang und virtuosenhaft als möglich; aber immer will’s eine besser können als die andere, so daß unter allgemeinem Zischen und eintretenden Pausen das Duett allemal zu einem Duell wird, welches mit dem schrecklichsten Gekreisch und gegenseitigem Davonlaufen endlich plötzlich verstummt. Nun legt sich der aufgeweckte Schläfer ordentlich zurecht, denkt: na endlich! und will sofort den versäumten Schlaf nachholen. Doch halt, jetzt haben ein paar andere Primadonnen einen Kampf auszufechten und diesmal ganz dicht unter Deinem Fenster. So, wenn Du Ohren hast, zu hören, höre! Singe, wem Gesang gegeben in dem deutschen Dichterwald! Sie haben auch ihre Poesie, ihre Lust und ihre Leiden. Also laß sie singen und schwitze Angst dazu! Du kannst immer noch Gott danken, wenn sie Dir nicht betrunken etwas vorsingen. Haben sie sich aber im Genusse der Valerianwurzel berauscht, wie sie dies zuweilen thun, besonders in Frühlingsmondscheinnächten, so ist’s um Deinen Schlaf geschehen. Sie springen und sprudeln, kreischen und krächzen und kollern sich umher wie die schlimmsten Tollhäusler und geben Dir eine furchtbar deutliche Anschauung von der Etymologie und inhaltschweren Bedeutung des klassischen Ausdrucks: „Katzenjammer.“

Die zieh- und dehnbare Vielstimmigkeit der Katzen brachte einmal einen blödsinnigen, müssigen Hofmann auf den Einfall, eine Katzenorgel zu construiren. Er sammelte und stimmte eine große Menge Katzen, fesselte sie in einen großen dazu construirten Kasten, der mit einer Klaviatur so versehen war, daß bei jedem Druck einer Taste eine Nadel auf je einen bestimmt-notirten Katzenschwanz drückte. Die Besitzerin des Schwanzes schrie dabei natürlich ganz in ihrer eigenen Melodie auf und bildete so mit ihren ähnlich beklavierten Collegen eine laute Orgel, in der jede Pfeife ihren eigenen Blasebalg hatte. Der Hofmann lernte spielen und die Welt lachte. Ich weiß nicht, wenn und wo es war, aber ein anderes Genie construirte einmal eine ähnliche Orgel aus lebendigen Schweinen, die dadurch gespielt ward, daß der Virtuose nach Noten an den arrangirten Schwänzen zog. Vor einem abgelebten Despoten, den nichts mehr erheitern konnte, ich glaube vor Ludwig XI. (oder war’s ein Medicäer?), ließ man einmal Schweine tanzen, die man zu diesem Zweck mühsam unterrichtet und in die Tanzschule geschickt hatte.

Einfach, aber schon ganz sprachähnlich ist die Art, wie sich gesellschaftliche Thiere gegenseitig Mittheilungen machen. Sowohl Elephanten als Affen (auch Gemsen u. s. w.) stellen Schildwachen aus, wenn sie sich eine Mahlzeit durch Raub verschaffen. Bei herannahender Gefahr giebt die Schildwache einen Ton von sich, der blos bei solchen Gelegenheiten gehört wird. Daß Affen bald die Worte und Befehle ihres Herrn verstehen und mit militairischer Präcision ausführen, hat ja wohl Jeder zur Genüge gesehen.

Das größte Sprachgenie unter den Vierfüßlern ist der kultivirte Haushund. Er spricht und versteht durchaus eine gelernte Sprache. Die wilden Hunde bellen nicht. Haushunde, die wieder in die Wildniß gerathen, verlieren die Gabe des Bellens wieder in der zweiten, dritten Generation. Der gut erzogene und klug und menschlich behandelte Haus- oder Schooßhund ist ein Geschöpf vom feinsten Gefühl und größten Scharfsinn und mit wahrer Beredsamkeit dafür hinten und vorn, vom Kopf bis zum letzten Endchen des Schwanzes. Seine Gefühle sind tief. Mancher Hund ist auf dem Grabe seines Herrn gestorben, und hat hartnäckig jede Verführung zum Essen und Leben abgewiesen. In einer Naturgeschichte fand ich die Versicherung, daß er es eben so wohl bis zum wirklichen Weinen als zum reellen Lachen bringen könne. Daß er menschliche Worte auf’s Genaueste verstehen lernt, dafür giebt’s unzählige Beweise. Er denkt, und macht Schlüsse. Ein Hund verfolgte einen Raben, der etwas sprechen gelernt hatte, über die Wiese. Der Rabe, der unverschämteste Bursche, wenn’s sein muß, fühlt schon beinahe des Hundes Zähne in seinen beschnittenen Flügeln und sieht ein, daß ihn nichts mehr retten könne, als die unverschämteste Courage. So dreht er sich plötzlich ’rum, und schreit dem Hunde fürchterlich in’s Gesicht: „Dieb! Dieb!“ Der Hund steht wie versteinert. Eine menschliche Stimme! Er dreht sich um, klemmt den Schwanz zwischen die Beine und läuft davon, so schnell ihn die Beine tragen, ganz niedergeschmettert, ganz außer Fassung. Er muß gedacht, Schlüsse gemacht haben, um sich so zu erschrecken, so in die Flucht schlagen zu lassen.

„Wie spricht der Hund?“ Gewöhnlich: „Wau! Wau!“ Aber große Philosophen haben einst behauptet, der Hund könne wirklich menschlich sprechen. Dr. Golt traute ihnen sogar mehrere Dialekte zu. Leibnitz, der große Philosoph, studirte einen sprechenden Hund, dem ein Junge in Sachsen dreißig Worte beigebracht haben sollte. Leibnitz wollte ihm etwas Latein beibringen, aber er blieb bei seinem „kuten Sächsisch, hären Se!“ das soll er aber so „reene“ gesprochen haben, wie der beste Dresdener, ganz ohne Unterscheidung von die harten B und weechen P, so daß Leute im anstoßenden Zimmer ihn wirklich für einen gebornen Meißner, wo man das reinste Deutsch spricht, gehalten haben sollen. Aber mit diesen erkünstelten Kunststücken geben sich Hunde von Ehre nicht mehr ab und halten sich an ihre natürliche Kunstsprache, welche in einsilbigen Wau-Wau-Variationen mehr ausdrücken können, als ein konstitutioneller Parlamentsredner der rechten Mitte. Dabei bleibt ihm immer noch das bittende Winseln, das Mondschein oder schlechte Musik verhöhnende Heulen, die bedeutsame Pantomimik des Schwanzes, das Petitionsrecht mit den Vorderpfoten, der pfiffige Ausdruck des Aufpassens mit schief gehaltenem Kopfe und einem aufrechtstehenden und einem niedergeklappten Ohre, dabei bleiben ihm unzählige Arten des Begreifens, des Ausdrucks von Lust und Leid, von Mitgefühl und Humanität.

Mit diesem Zeugniß kannst du zufrieden fein, Phylax! Aber, wie schön und reich auch deine Beredtsamkeit ist, singen kannst du nicht, Phylax, und wenn du Jenny hießest. Hinsichtlich deines Gesanges stehst du sogar in einem sehr üblen Rufe. Also couche! und überlaß die musikalische Sprache den lieben Leuten, die vom Blatte singen, den Dichtern des Waldes, den befiederten, beschwingten Noten. Glücklichste der Sterblichen, der Schwerkraft und Trägheit entledigte, in Sang und Klang, Luft und Aether erhobene Materie, fliegende, flatternde, farbige, leichte, lose, lockere Vögel, wer könnte euch hier unten, an den trägen Stoff gebannt, begreifen und euer zwitscherndes, trillerndes, flötendes, trompetendes, süßes, singendes Lebensglück leicht und gelehrt genug schildern! Eine alte, reiche, gelehrte Literatur über euer Leben und Lieben, euer Singen und Schwingen von Pallas Athene an bis zum neuesten Werke über Ornithologie enthält die größte Fülle menschlicher Weisheit, um euch zu begreifen; aber die Herren waren alle zu gelehrt und zu schwerfällig, eure naive, leichtsinnige Lebens- und Liederfreude zu capiren. Pallas Athene, die Göttin der Weisheit im alten Griechenland, gab dem blinden Seher Tiresias die Gabe, die Musik und Sprache der Vögel zu verstehen, um ihn für den Verlust seines körperlichen Augenlichtes zu entschädigen. (Eine schöne, trostreiche Wahrheit für Erblindete!) Diese Gabe erbte als eine besondere, göttineingegebene Weisheit fort auf andere griechische Weise, Helenus von Troja, Thales, Melampus u. s. w. Der weise Salomo soll die Bedeutung aller Sprachlaute der Thiere verstanden haben.

Plinius giebt sogar in seiner Naturgeschichte besondere Recepte, um die Bedeutung aller Vögelgesänge verstehen zu lernen. Der fabelhafte König Dag hielt sich Sperlinge, statt der Spione, welche ihm alle Tage die Neuigkeiten des Tages und die Thaten seiner Unterthanen hinterbrachten, so daß der Glückliche gar keine Polizei zu halten und keine Zeitungen zu lesen brauchte.

Gerbert von Sevilla, der große Meister „schwarzer Kunst“, verstand auch den Flug und Gesang der Vögel zu deuten. Benedict der Neunte, im zwölften Jahre schon Papst, kannte die Stimme der Vögel und ließ sich von ihnen erzählen, was in seinem Reiche passirt sei und passiren werde. Im russischen und griechischen Alterthume frug man Vögel statt der Minister und Staatsräthe in Angelegenheiten von Staats- und gelehrten Sachen und kam dabei besser weg, als heut zu Tage. Die Kraniche des Ibicus fungirten als Criminalpolizei. Gänse retteten das Kapitol, und von Gänsen ließen sich die ersten Kreuzzügler den Weg nach dem heiligen Lande zeigen. Ein deutscher Gelehrter (wie heißt er? Ich habe den Namen vergessen) studirte die Sprache der Gänse so genau, daß er ein Lexikon derselben anfing, welches zwei Franzosen, Dupont de Nemours und Pierquin de Gembloux, bis zu einem Lexikon der ganzen Thiersprache ausdehnten. Thomas Gardiner [294] dehnte den Plan noch weiter aus und gab vielfach Text und Noten der Natur- und Thiermusik. Wir lachen wohl über diese zu weit getriebene Weisheit. Die Sache hat aber nur insofern ihr Lächerliches, als man spezifisch ganz besondere, von der Menschensprache ganz verschiedene Arten der Verlautbarung innerer Lebensregungen in diese Menschensprache übersetzen wollte. Es wird dann eben eine ziemlich sinnlose Zusammenstoppelung von Vocalen und Konsonanten. Ist es doch schön lächerlich und ganz vergeblich, die ebenfalls sehr verthierte englische Sprache und Aussprache durch deutsche Vokale und Konsonanten wiedergeben zu wollen. Wer nach solcher Anleitung Englisch sprechen lernt, ist dem Vollblut-Engländer eben so unverständlich, wie der Chinese oder Böhme.

Thatsache ist, daß die Vögel unter allen Thieren die vollkommensten Sprach- und Musikorgane und Talent für die reichsten Variationen von Tönen und Melodien haben. Ihre Stimme hat zwei Köpfe, d. h. noch einen zweiten Luftröhrenkopf (larynx). Das weiß mancher Junge, ohne es zu wissen: er bläst aus der Gänse- oder Entengurgel noch ziemlich deren Töne, ohne daß er deren Kopf und obern Luftröhrenkopf dazu braucht. Die Nachtigall, anerkannte Königin aller gefiederten Sängerinnen, hat auch den vollkommensten und verhältnißmäßig größten Luftröhrenkopf. Außerdem haben Vögel allein einen Posaunenzug: sie können ihre Luftröhre verlängern und verkürzen, wie der Posaunist seine künstliche Luftröhre. Aber wie die Mozart’s geboren werden, ist auch bei ihnen der angeborne, innerliche, musikalische Sinn die Hauptsache. Sie singen mit Gefühl, mit musikalischem Genie. Welch’ ein Reichthum, welche Fülle von Variation und Individualität in dem lauten Walde des sonnigen, warmen Junimorgens! Woher kommt manchmal plötzlich die tödtlich schweigende Pause? Der Zaunkönig oder irgend ein kleiner, blauer munterer Bursche zirpte plötzlich eine Note des Schreckens in den allgemeinen Jubel. Jeder, selbst der stupide Truthahn, versteht sogleich deren Bedeutung. Ein Stößer schwebt oben, und Alles versteckt sich schweigend unter Gras und Zweige, und ruft die Küchlein und Kindlein unter Schutz und Fittige. So ist’s mit ihrer Freude und Glückseligkeit. Sobald im dämmernden Morgen ein kleiner Frühauf seinen Kopf unter den Flügeln hervornimmt und das Morgenroth anjauchzt, horcht und hört Einer nach dem Andern, wetzt seinen Schnabel und fängt an, in voller, frischer Lust mitzusingen, und nach einer Viertelstunde zirpt und zirkelt, wirbelt und warbelt, schmettert und schmachtet, quirkt und kixert der ganze Wald, als hätte jedes Blättchen seine Stimme und seinen Jubel. Und das geht dann in helläugigster, elastischster, hüpfender und flatternder Lust und Anstrengung fort bis in den heißen Mittag hinein. Dabei gukt es und neckt und liebt es in voller Unschuld und Frische, und auch der dünnste Zweig liefert ein paar Secunden den ätherischsten Wiegstuhl, und unter jedem Blatte, in jeder Baumritze steckt eine besetzte Tafel. Ohne Nahrungssorgen, ohne irdische Schwere, ohne Polizei und Rheumatismus, ohne Paßkarte und Sittenzeugniß sind sie stets nur laute Lust und Glückseligkeit, steht ihnen stets die ganze Welt offen. Die weiche, warme Luft ist ihr Reich, die sie von Frühling zu Frühling trägt oder im härtesten Winter ihnen doch nicht auf die dichtumfiederte Haut kommt. Die flüssige, freie Luft ist ihre Wohnung, ihre stets in Musik verwandelte Lebensquelle. Ungebunden und ohne Schwere und Beschwerde schwingen und schweben, singen und lieben sie in der größten Halle der Natur ihr ganzes Leben hindurch. Noch im Eie übt der kleine Gelbschnabel schon sein Stimmchen und sterbend singt er sich noch selbst sein Todtenlied, in welchem der glückliche, leichte Genius seines Innern sich glückselig wieder auflöst in das schöne, weiche, stets fließende und tönende Element alles lauten Lebens.

Natürlich gilt dies Loblied nicht von allem Federvieh in gleichem Maaße. Im Gegentheil ist die Gabe des Gesanges nirgend ungleicher vertheilt, als unter den Vögeln. Der krächzende Rabe ist ein Vogel, und die Nachtigall auch. Seevögel haben meist nur traurig-schrille, wehklagende Töne, da das Meer ihnen selten etwas Angenehmes vorspielt. Die eigentlichen Sänger und Wirbler leben in Wald und Feld unter angenehmen Eindrücken und mannigfachen melodischen Andeutungen des Windrauschens, Blättergeflüsters und menschlichen Naturgesanges.

Trut- und Putervögel sind die Clowns und Bajazzo’s unter den Vögeln der Abendwelt. Mit geschlossenen Augen tanzend und trippelnd und die närrischsten Bocksprünge auf einem Tannenzweige riskirend, kreischt und krächzt, rumpelt und rachzt, schnattert und gobbelt der Truthahn wie nicht gescheidt, und die Jungen und Schönen unten guken bedeutungsvoll zu, und stoßen bewundernde Beifallszeichen aus. Dadurch noch eitler und verrückter gemacht, bockspringt, kollert und kreischt er nur um so leidenschaftlicher, daß rings Wald und Berge echoend und verhöhnend antworten. Franklin wollte den Truthahn zur Würde des amerikanischen Wappens erheben. Da erzählten ihm Jäger von dem skandalösen Benehmen und Krakeelen dieses Patrons, so daß die Sache sofort aufgegeben ward. Eulen sind die Kopfhänger zu den Komikern. Sie kreischen einförmig und unheimlich in der Nacht (die weiße Eule stets in B-moll), und sind dadurch die Qual manches schwachen Sterblichen und Sterbenden geworden. Zuweilen quieken, schnarchen und zischen sie mit einer Musik, die von Katzen, Mäusen und Affen erlernt zu sein und deren Gesangstalente in eine große Komposition verschmelzen zu wollen scheint.

Unter den schwimmfüßigen Vögeln ist der Schwan alter traditioneller König in Gestalt und Gesang. Das Alterthum verband mit dem Gesange des sterbenden Schwans die höchste, rührendste Süßigkeit der Melodie. Er war Lieblingsvogel des Musengottes Apollo, und Aristoteles und Horaz glaubten, daß Dichterseelen nach dem Tode in Schwänen wieder lebendig würden, weshalb badende Schönheiten zuweilen auch durch Schwäne in große Gefahr geriethen. Leda mit dem Schwane ist sprüchwörtlich durch alle Zeiten gegangen, und von Malern verherrlicht worden. Homer vergleicht die aus ihren Schiffen zur Schlacht eilenden Griechen mit einer Heerde langhalsiger Schwäne, die hin und her flattern, kampflustig mit ihren Flügeln schlagen und laut singen. Auch im eisigen Norden sangen sie hoch über den Häuptern der Krieger, und riefen sie zum Kampfe und die Seelen der Gefallenen in die Walhalla der Unsterblichkeit. In neuerer Zeit haben die Schwäne entweder ihre Stimme oder wir die Ohren für ihren Gesang verloren. Noch segeln sie stolz und majestätisch auf spiegelblanken Fürstenteichen, aber sie sind in der Regel stumm und sehen die Leute an den Ufern nie in bester Laune an. Der Vogel des Apollo ist sehr in seinem alten Ruhme gesunken und Apollo selbst ein Hundename geworden.

Und wie steht’s um das musikalische Talent Hennings, des Hahns und seines Harems? Unter allen musikalischen Haupthähnen nimmt Henning mit seinem stolzen Kamme und seinen steifen Beinen den ersten Rang ein: er braucht nicht „vom Blatte“ zu singen, sondern kräht sein Lied mit geschlossenen Augen, weil er’s auswendig kann. Aber ohne Spaß ist er wenigstens unter den stimm- und tonlosen Sängern der erste Tenorist. Seine Clarinrufe in der schweigenden Nacht ersetzen dem Bauer nicht nur die Uhr und den Nachtwächter, sondern dem schlaflosen Leidenden und dem verirrten Wanderer der Nacht auch oft die süßesten Tröstungen. Wenn sein mächtiger Ruf durch die schweigende Nacht schrillt, haben die Geister der Finsterniß ihre Macht verloren. Der trostlose Wanderer hört ihn weit hinein in seine Verirrung und weiß nun die Richtung, wo menschliche Wesen und Wohnungen zu finden sind. „Die erste Stimme wird gehört hoch im Himmel,“ heißt es im Koran. „Ein weißer Hahn ruft jeden Morgen die Chöre des Himmels zum Gebet; sein klarer Klang schwingt sich durch das Universum. Die Menschen in Sünde und Schlaf hören ihn nicht, aber alle Hähne der Erde vernehmen ihn und stimmen ein in das Lob des großen Allah.“ Die Christen hatten früher einen ähnlichen Glauben und gaben ihm Stellungen auf Kirchthürmen, woraus später der gemeine Wetterhahn ward. – Nach dem ersten Morgenrufe schläft der Hahn wieder etwas mehr als eine halbe Stunde, dann mahnt er zum zweiten Male an den nahenden Morgen. In manchen Jahreszeiten thut er’s auch ein drittes Mal. Bekanntlich antworten sofort alle Hähne der Nachbarschaft und selbst der nächsten Dörfer, so daß der erste Schrei oft Tausende erinnert, ebenfalls ihre Pflicht zu thun. Charakteristisch und wahrhaft heldenthümlich ist sein Siegesruf. Man hat Beispiele, daß er im Kampfe zum Tode verwundet, mit bluttriefendem Herzen erschöpft, aber als Sieger noch einmal mit aller Macht trompetenartig tapfer herauskräht, und dann niederfällt, um in dem verkündeten Glanze seiner Glorie zu sterben. Ueberhaupt liebt er es, nach jedem Kampfe und jeder Verlegenheit triumphirend auf eine Wand oder einen Zaun zu fliegen, mit den Flügeln zu schlagen und sein bekanntes Lied so tutti heraus zu trompeten, daß alles Geflügel der Nachbarschaft hört und zeigt, daß es sich seines Sieges freue. Hähne haben schon Schlachten der [295] Menschen gewonnen. Zwei Beispiele stehen historisch fest. Einmal zeigte der griechische Feldherr Themistocles den muthlos gewordenen Soldaten zwei kämpfende Hähne und rief: „Männer von Athen, seht diese Thiere fechten blos um eitle Ehre, Ihr aber für Eure Götter, Herde, Frauen und Kinder. Wollt Ihr verzagen?“ Und sie faßten Muth und gewannen die Schlacht.

Im Jahre 1793 war das Kriegsschiff Marlborough mit Admiral Berkeley schon mastlos und leck geschossen und die Schlacht verloren gegeben. Da flog Admiral Berkeley’s Hahn auf den Stumpf eines Mastes, klappte mit den Flügeln und trompetete kühn sein Kikiriki in Kanonendonner und Pulverdampf hinein. Da faßte Jeder Muth. Der Kampf ward erneuert und die Schlacht gewonnen.

Von der braven Henne mit ihren zärtlichen Locktönen für die rasch herbeitrippelnden Küchlein läßt sich in musikalischer Beziehung nicht viel Rühmliches sagen. Sie macht gar zu viel Aufhebens nach jeder vollbrachten That einer Eilegung, ist aber immer noch nicht so eitel und ruhmrednerisch wie viele Menschen, welche manchmal viel ärger gackern, wenn sie sich vorgenommen haben, das Ei einer That zu legen, das hernach oft ein Windei, manchmal auch blos Wind ist. Der Stern Alcyone als Henne am Himmel mit den Küchlein der sie umgebenden kleinen Sterne, der Ruf Christi an Jerusalem mit dem Bilde der Henne und ihrer Küchlein, und manche andere klassische Benutzungen der schützenden, mütterlichen Zärtlichkeit der Glucke werden hiermit eben nur in Erinnerung gebracht.

Eigenthümliche musikalische Schwätzer sind die Raben und dergleichen dunkelmanteliges Gelichter. Der Rabe hat eine eigenthümlich volubile Zunge, mit der er, besonders wenn sie gelöst ist, alles Mögliche nachplappern lernt. Die Alten, welche ihn für einen geheimnißvollen Weisen und Propheten hielten, studirten seine Stimme, unterschieden über 64 Noten darin und gaben jeder eine Bedeutung. In Griechenland und Rom fungirte er als Hauptwahrsager, bei den alten Deutschen als Prophet und bei uns hauptsächlich als unverbesserlicher Spitzbube. Früher hatte er noch viel mit Galgen und Rad zu thun. Ein unheimlicher Bursche bleibt er immer, weshalb ihn Dickens mit dem glücklichsten Humor und mysteriös zum steten Begleitet seines wahnsinnigen „Barnaby Rudge“ gemacht hat. Etwas Unheimliches hat der geschichtsberühmte Schwarzrock immer noch, nicht nur wegen der unbesiegbaren Leidenschaft des Stehlens um des Stehlens selbst willen, sondern weil er auch als sprechendes Kulturwesen sich am Liebsten an criminale Ausdrücke hält: Dieb! Spitzbube! Mörder! u. s. w.

Zahme Saatkrähen sind gefährlich. Man kennt Beispiele, daß sie brennende Kohlen wegtrugen, daß sie Papierstückchen aufpickten, in’s Feuer warfen und sich königlich über die aufflackernde Flamme amüsirten. Die Beredtsamkeit und die Sprachtalente der Elstern, Staare, Dohlen und ähnlicher dunkeler Collegen sind bekannt. Sie schwatzen gern und leicht alles Mögliche nach, wenn sie in menschlicher Gesellschaft leben. Auf Java lehrten die unterdrückten Eingebornen die Staare Rache an den Siegern. Sie riefen beim Anblick jedes Europäers: „Christ! Hund! Schweinefleischfresser!“ Papageien, Kakadu’s u. dergl. sind die Raben und Elstern der Tropen. Von Natur die schlechtesten Musikanten, haben sie doch eine große Vorliebe für Nachahmung menschlicher Worte.

Musik und Sprache, ja selbst parlamentarischen Takt und konstitutionelle Beredtsamkeit finden wir erst unter sprachlich besser ausgestatteten Vögeln, z. B. unter Sperlingen. Die Nachahmungsfähigkeit menschlicher Sprache kommt gerade stiefmütterlicher ausgestatteten Vögeln am Meisten zu. Die Beredtsamkeit und die Gesangskunst derselben sind in sich vollkommene Eigenschaften, die sie aus sich selbst, aus ihrem eigenen Genie und Herzen entwickeln. Was lernt die Lerche, der Kanarienvogel, die Nachtigall von Menschen? Sie lernen blos von ihren Eltern und andern Vögeln. Ausdruck, Individualität, Gefühl, Variation kommen aus ihrer eigenen gefühlvollen, liederreichen Brust. Man könnte Bücher darüber voll schreiben, wie es bereits über den Gesang der einzigen Nachtigall geschehen. Sie allein hat alle Vocale und mehr Consonanten als die Menschen in den fünfundzwanzig Hauptstrophen ihrer Liederthemata.



Anmerkung des WS-Bearbeiters:

Die Beiträge Nr. 1 und 2 siehe Sprache und Musik in der Natur in Heft 44 und 46 des Jahrgangs 1855.