Die geschichtlichen Studien in Frankreich

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Textdaten
Autor: Gabriel Monod
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Titel: Die geschichtlichen Studien in Frankreich.
Untertitel:
aus: Deutsche Zeitschrift für Geschichtswissenschaft Bd. 2 (1889), S. 160-176.
Herausgeber: Ludwig Quidde
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Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Akademische Verlagsbuchhandlung J.C.B. Mohr
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Erscheinungsort: Freiburg i. Br
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Berichte und Besprechungen.


Die geschichtlichen Studien in Frankreich.


Der Aufschwung der Geschichtswissenschaft ist einer der charakteristischen Züge der geistigen Bewegung im 19. Jahrhundert. In ihm bekundet sich – auf dem Gebiete der humanistischen Studien – der wissenschaftliche Geist, dem fortan die Leitung der modernen Gesellschaft gehört. Die Geschichte hat den ganzen Platz eingenommen, welcher frei geworden ist durch die Verminderung künstlerischen Schaffens und abstracter Speculation. Die Philosophie verlässt immer mehr und mehr die Höhen der Metaphysik, um sich einerseits mit den Naturwissenschaften zu verbinden, andererseits sich auf die Geschichte der älteren Systeme zu beschränken. An die Stelle der früheren ästhetischen Studien sind Kunst- und Literaturgeschichte getreten. Die Rechtsgeschichte überflügelt die juristischen Theorien, und die Geschichte der Vergangenheit gewinnt schliesslich einen vorwiegenden Einfluss selbst auf die Politik; denn sie ist es, welche hauptsächlich mitwirkt bei den nationalen Bewegungen, von denen die heutige Politik beherrscht wird. Es ist die Geschichte, welche die Völker ihre eigene Persönlichkeit kennen lehrt. Wenn die nationale Bewegung bei den Deutschen, Italienern, Czechen, Ungarn und Slaven durch historische Gelehrsamkeit vielleicht auch nicht gerade geschaffen wurde, so hat sie wenigstens in ihr ein mächtiges Hilfsmittel, einen Herd der Erregung, ein wirksames Werkzeug der Propaganda gefunden.

Es könnte im ersten Augenblick scheinen, als ob Frankreich, welches im 18. Jahrhundert ganz plötzlich mit allen historischen und nationalen Traditionen brach, welches dann die Durchführung seiner Revolution und die Wiedererrichtung des politischen und socialen Gebäudes nach rein vernunftgemässen und abstracten Ideen unternahm, etwas ausserhalb dieser historischen Bewegung hätte bleiben [161] müssen. Und doch ist dem nicht so. Wenn es auch wahr ist, dass in gewissen Beziehungen, z. B. auf dem Gebiet der juristischen Studien, die Revolution theoretische und praktische Untersuchungen zum Schaden der historischen Richtung gefördert hat, so hat sich der Sinn für Geschichte darum nicht weniger mit wunderbarer Gewalt entwickelt, und er hat sich in demselben Masse fühlbar gemacht, in dem die Unbeständigkeit der politischen Verhältnisse die Franzosen fühlen liess, was es sie gekostet hatte, plötzlich die Banden zerreissen zu wollen, welche die Vergangenheit an die Gegenwart knüpfen.

Wir können uns nicht anmassen, ein vollständiges Bild der historischen Bewegung im heutigen Frankreich zu entwerfen. Ich werde nur versuchen, ihre Hauptzüge anzugeben und gleichzeitig zu zeigen, in welcher Art das historische Studium augenblicklich organisirt ist.

Im letzten Jahrhundert figurirte die Geschichte, so zu sagen, nicht in den Unterrichtsprogrammen; heutzutage nimmt sie auf allen Stufen des öffentlichen Unterrichts den Ehrenplatz ein. In den Elementarschulen unterrichtet man in Nationalgeschichte; in den Lyceen wird die französische Geschichte in den Elementarclassen gelehrt, während im classischen Unterricht von der sechsten bis zur Philosophieclasse, d. h. sieben Jahre lang, ein Sechstel bis ein Fünftel der Unterrichtsstunden der Universal-G. gewidmet ist. Das Verhältniss ist sogar noch günstiger in den Fachschulen des Enseignement spécial (welche etwa den deutschen Realschulen entsprechen) und in den Secundärschulen für Mädchen. Im höheren Unterricht behauptet die Geschichte eine hervorragende Stellung. An der Faculté des lettres in Paris kommen auf 88 Professoren 10 für Geschichte und 2 für Geographie, ohne die freien Vorlesungen des Hrn. Seignobos mitzurechnen. Dasselbe Verhältniss besteht in den Facultäten der Provinz. Dieser grosse Aufschwung des historischen Unterrichts datirt übrigens erst aus den letzten Jahren, seitdem unser höherer Unterricht vollständig reformirt und sein Rahmen unendlich erweitert worden ist. Unter dem zweiten Kaiserreich gab es in der Faculté des lettres nur drei Professoren der Geschichte, einen für das Alterthum, einen für das Mittelalter und einen für die neuere Zeit. Heute wird die alte Geschichte gelesen von den Herren Bouché-Leclercq und Guiraud, Mittelalter von den Herren Luchaire, Langlois, B. Zeller, Neuere Zeit von den Herren Lavisse, Pigeonneau, Aulard, Rambaud, Archäologie von Herrn Collignon. Dabei ist noch hinzuzurechnen, dass einige Professoren der Literatur, wie Hr. Gebhart, eigentlich historische Vorlesungen halten. Hr. Fustel de Coulanges, welcher auch Geschichte des Mittelalters liest, ist augenblicklich beurlaubt. Während die Vorlesungen [162] der Faculté des lettres vor zwanzig Jahren fast nur Dilettanten als Zuhörer hatten, werden sie heute von mehr als tausend eifrigen Schülern besucht. Die Geschichtsvorlesungen sind eingetheilt in grosse Curse, in denen der Professor ein mehr oder weniger allgemeines Thema behandelt, und welche einem grösseren Publikum zugänglich sind, und in geschlossene Vorlesungen, in welchen Texte erklärt und kritische oder pädagogische Uebungen geleitet werden. Die Hilfswissenschaften, Archäologie, Diplomatik, Paläographie, – bisher nicht einbegriffen in den historischen Unterricht, werden heute ebenfalls getrieben. Ein ziemlich grosser Theil der Schüler der Facultés des lettres widmet sich der Lehrthätigkeit (dem Professorat), und manche von ihnen bekommen vom Staat Stipendien. Der Geschichte gehört ein weiter Baum in den Examina, die zum Professorat führen. Während früher die „Licence“ ein rein literarisches Examen war, ist sie heute in literarische, philosophische und historische Licence eingetheilt. Ebenso gibt es verschiedene höhere Examina, agrégations genannt, welche die Candidaten verschiedener Unterrichtszweige bestehen müssen; eines von ihnen ist die Agrégation der Geschichte und Geographie (da der Geschichts- und Geographieunterricht am Lyceum in der Hand eines und desselben Professors liegt). Die Ausgedehntheit des Programms, welches die gesammte Geschichte umfasst und als Proben der wissenschaftlichen Ausbildung die Erläuterung und Commentirung griechischer, lateinischer und französischer Texte und eine Untersuchung über ein bestimmtes, vom Studenten ein Jahr vorher gewähltes Thema verlangt, sowie die Anzahl der Concurrenten (80–90 für 12–15 Stellen), machen dieses Examen zu einem sehr schwierigen. Ausserdem sind die Doctoratsthesen förmliche wissenschaftliche Werke, so dass einige der besten historischen Bücher aus den letzten vierzig Jahren als Thesen erschienen sind.

Bis zur Zeit der Reform des höheren Unterrichts war der Geschichtsunterricht lediglich auf Specialschulen beschränkt. Diese Schulen, weit entfernt davon unter dem Erwachen des wissenschaftlichen Lebens in den Facultäten zu leiden, haben aus dem Wetteifer mit ihnen neue Kräfte geschöpft. Die älteste unter ihnen ist die École Normale Supérieure, geschaffen durch den Convent und neu errichtet durch Napoleon I., hauptsächlich dazu berufen Lyceumsprofessoren auszubilden; in ihr ist der Geschichts- und Geographieunterricht unter drei Lehrer vertheilt. Da man in sie nur nach einem sehr schweren Examen gelangen kann, enthält sie die Elite der wissenschaftlichen Jugend, und die Mehrzahl der Professoren des höheren Unterrichts ist aus ihr hervorgegangen. Während der letzten Jahre hat sie einen immer höheren und wissenschaftlicheren Aufschwung genommen. – Die [163] École des Chartes, durch die Regierung der Restauration gegründet, bildet Archivare und Bibliothekare aus; sie ist ganz naturgemäss die Pépinière der Paläographen, der Diplomatiker, der mittelalterlichen Historiker, der Romanisten geworden. Namen wie Delisle, Quicherat, G. Paris, P. Meyer genügen wohl, um sie zu charakterisiren. Viele ihrer besten Schüler besuchen gleichzeitig die Vorlesungen der Faculté des lettres, und viele unter ihnen widmen sich dem Universitätsunterricht. Die École pratique des Hautes Études, gegründet 1868 durch Hrn. Duruy, ist eine rein gelehrte, historische und philologische Schule. Sie ist eine Vereinigung von Seminaren für Geschichte, Archäologie, Urkundenkritik, Epigraphik etc., in denen sich Schüler der Faculté, der École normale, und der École des chartes zusammenfinden, lediglich um sich im Gebrauch der wissenschaftlichen Methoden zu vervollkommnen. Ihr Diplom gibt keine Berechtigung zum Eintritt in irgend eine bestimmte Carrière, aber sie hat mächtig mitgewirkt bei der neuen Entwicklung des höheren Unterrichts. Von ihr ist der erste Anstoss dazu ausgegangen, sie ist die Hefe gewesen, welche den Teig gehen machte. Etwas später, 1883, wurden im Louvre eine Reihe Vorlesungen eingerichtet für Kunstgeschichte und Archäologie; ferner sind zu erwähnen Geschichts- und Kunstgeschichtscurse in der École des Beaux-Arts, einige historische Vorlesungen in der École des Langues orientales, Vorlesungen über Archäologie in der Bibliothèque nationale, Geschichts- und Archäologie-Vorlesungen im Collège de France, nicht zu vergessen endlich, dass seit einigen Jahren die Rechtsgeschichte in den Facultés de Droit eine Bedeutung erlangt hat, welche ihr früher keineswegs eingeräumt war.

Neben den Staatsanstalten ist eine vorzügliche Schöpfung des freien Unterrichts zu erwähnen, die École libre des Sciences politiques, 1872 gegr. von Hrn. E. Boutmy. Sie unterrichtet in den Cameralwissenschaften und gewährt dabei der polit., Handels-, Finanz- und Verfassungs-G. einen grossen Raum. Dazu kommen die Instituts catholiques, welche einige gute Lehrer besitzen, in Paris einen ganz hervorragenden, den Abbé Duchesne.

Daneben haben wir noch im Auslande Institute zur Förderung des Studiums griech., röm., oriental. Alterthümer, sowie ital., orient. und byzantin. Geschichte unter den Namen École archéologique d’Athènes (Director Foucart), École française de Rome (Dir. Geffroy), École du Caire (Dir. Bouriant), Mission de Tunisie (Dir. de la Blanchère); Mitglieder sind die Schüler der École normale, École des chartes und École des Hautes Études.

Man sieht, welch’ ein zahlreiches Personal an Historikern und Geschichtsprofessoren in unserem öffentlichen Unterricht thätig ist.

[164] Man muss jedoch nicht glauben, dass die ganze wissenschaftliche Arbeit auf die Facultäten oder die Schulen beschränkt ist. Es existirt eine grosse Anzahl Gelehrter, sowohl in Paris wie in der Provinz, welche ihr Leben dem historischen Studium in durchaus uninteressirter Weise widmen. Sie sind es, welche fast ausschliesslich die gelehrten Gesellschaften der Provinz bilden, und auch in den Pariser Akademien und Vereinen spielen sie eine Rolle.

Wenn der Unterricht auch einer der wichtigsten Factoren des geschichtswissenschaftlichen Lebens ist, so tragen die gelehrten Gesellschaften doch auch mächtig dazu bei, dieses Leben wach zu erhalten, die Bestrebungen der Einzelnen zu sammeln, Forschungen anzuregen, historische Publicationen zu unterstützen.

Unter diesen gelehrten Vereinen gehört der erste Platz dem Institut. Unter den fünf Sectionen, welche es bilden (Académie française, des Inscriptions et Belles-Lettres, des Sciences morales et politiques, des Sciences und des Beaux-Arts), zählen die drei ersten eine Reihe Historiker unter ihren Mitgliedern und tragen zur Entwicklung der historischen Studien bei, theils indem sie Preise für die besten historischen Arbeiten aussetzen, theils indem sie selbst historische Publicationen veranstalten, theils endlich indem sie in ihren Sitzungen historische Fragen erörtern.

Die Académie française stellt keine Preisaufgaben, aber sie theilt Preise aus für die besten Arbeiten, welche im Laufe des Jahres erscheinen. Jedes Jahr verleiht sie sechs Preise speciell für historische Werke, die beiden Prix Gobert von 10000 und 1000 Frcs., den Prix Bordin, den Prix Thiers, den Prix Thérouanne, den Prix Marcellin Guérin. Ausserdem werden die Preise Monthyon auch oft historischen Büchern verliehen. Mit Ausnahme dieser Preisvertheilungen beschäftigt sich die Académie nicht mit Geschichte, da ihre Sitzungen, soweit sie nicht zu blossen Unterhaltungen dienen, ausschliesslich der Fertigstellung des praktischen und des historischen Sprachlexikons gewidmet sind; und die Historiker, welche sie zu Mitgliedern wählt, werden es als Schriftsteller und nicht als Historiker.

Die Académie des Inscriptions et Belles-Lettres dagegen ist allerdings fast ausschliesslich aus Historikern zusammengesetzt; ihre Mitglieder repräsentiren alle Gebiete der philologischen Wissenschaften. Sie ertheilt Preise für die besten geschichtswissenschaftlichen Werke, welche in jedem Jahre erschienen sind: zwei Preise Gobert von 10000 und 1000 Frcs., drei Medaillen von 600 Frcs. für Arbeiten über die sogenannten Antiquités nationales, den Preis Lafons-Mélicocq für Studien über Municipal-Geschichte der Picardie und der Ile de France, und den Preis der Numismatik. Der Preis [165] Delalande Guérineau wird zum Theil für historische Arbeiten verwandt. Die Académie schreibt ausserdem jährlich zwei Preise aus (den Prix ordinaire und den Prix Bordin) für ungedruckte Abhandlungen über ein vorher bestimmtes Thema. Der Prix Brunet ist für bibliographische Arbeiten bestimmt. Die Académie beschäftigt sich in ihren Sitzungen beständig mit historischen Gegenständen. Mitglieder und fremde Gelehrte werden dort zugelassen, um Abhandlungen (Mémoires) zu lesen, welche in den Berichten (Comptes rendus) zusammengefasst werden, und welche oft zu sehr interessanten Discussionen Veranlassung geben. Die wichtigsten dieser Abhandlungen werden in den Mémoires de l’Académie und in den Mémoires présentés par divers savants veröffentlicht. Eine besondere Serie von Veröffentlichungen ist den Notices et extraits de manuscrits tirés de la Bibliothèque Nationale gewidmet. Ausserdem veröffentlicht die Académie die Histoire littéraire de la France, welche bis zum 14. Jahrh. gediehen ist, den Recueil des Historiens de la France, den Recueil des Historiens des Croisades, die Table des diplômes imprimés rel. à l’histoire de France und das Corpus inscriptionum Semiticarum. Die Académie verwendet für alle diese Arbeiten unter dem Titel von Hilfsarbeitern eine Anzahl junger Gelehrten.

Die Académie des Sciences morales et politiques ist in fünf Sectionen von je acht Mitgliedern eingetheilt. Eine dieser Sectionen, und zwar eine der thätigsten, ist die für Geschichte. Die Sitzungen sind wie in der Académie des Inscriptions durch Vorlesungen von Abhandlungen und Discussionen ausgefüllt. Die Mémoires werden nicht in einer officiellen Sammlung, sondern in einer Art Zeitschrift durch Hrn. Vergé unter dem Titel „Comptes rendus de l’Acad. des Sc. mor. et pol.“ veröffentlicht. Bis vor wenigen Jahren veranstaltete diese Académie überhaupt keine Publication. Sie hat jetzt unternommen, die grosse Collection des Ordonnances fortzusetzen, welche durch die Académie des Inscriptions mit dem Ende der Regierung Louis’ XII. unterbrochen wurde. Sie hat schon zwei Quartbände eines auf fünf Bände berechneten Catalogue des Actes de François I. erscheinen lassen. Die wichtigsten Acten werden in extenso in einem Folioband abgedruckt werden. Jedes Jahr vertheilt die Académie einen Preis: Prix Bordin, für die beste Arbeit über ein von ihr gestelltes Thema.

Das Journal des Savants ist eine gemeinsame monatliche Publication der fünf Academien, in welcher aber die Mitglieder der Académie des Inscriptions die besten und zahlreichsten Artikel erscheinen lassen.

[166] Neben diesen Academien, welche so zu sagen die höchste Verkörperung der Wissenschaft in Frankreich sind, und welche einen unbestreitbaren Einfluss auf die wissenschaftlichen Arbeiten haben, indem sie sie censiren und ihnen selbst Vorbild und Richtung liefern, existirt noch eine sehr beträchtliche Anzahl von gelehrten Gesellschaften, die keinen officiellen Charakter haben. Man wird die Zahl derer, die sich mit Geschichte und Archäologie beschäftigen und welche ihre Thätigkeit durch Veröffentlichungen bethätigen, auf 250 schätzen können. Ihre Publicationen bestehen in einfachen Sitzungsberichten (Bulletins und Comptes rendus), Zeitschriften (Revues), gesammelten Abhandlungen (Recueils de Mémoires) und in der Veröffentlichung von unedirten Texten.

Die wichtigsten dieser Gesellschaften sind natürlich in Paris. Die Société Nationale des Antiquaires, der Académie des Inscriptions im Kleinen vergleichbar, besteht wie sie nur aus 40 Mitgliedern und ergänzt sich durch Cooptation. Sie hält wöchentliche Sitzungen und veröffentlicht jährlich einen Band Bulletins und einen Band Mémoires. Die Société de l’Histoire de France, gegründet 1833 durch Hrn. F. Guizot, veröffentlicht jedes Jahr drei Bände Texte (Mémoiren, Chroniken, Briefe) und einen Jahresbericht (Annuaire-Bull.). Die Société d’Histoire de Paris et de l’Ile de France gibt ein Bulletin, einen Band Mémoires und ausserdem Documente – auf Paris und Umgegend bezüglich – heraus. Die Société de l’Orient latin publicirt Documente über die Kreuzzüge, welche in dem grossen Recueil des Historiens des Croisades noch nicht gesammelt sind, und ferner die „Archives de l’Orient latin“, in welchen kritische Abhandlungen, Verzeichnisse, Documente etc. Platz finden. Die Société de l’Histoire du protestantisme français hat als Organ ein monatl. Bulletin, welches eine richtige historisch-protestantische Revue darstellt, und ausserdem hat sie eine neue gänzlich umgearbeitete Ausgabe der France Protestante unternommen. Die neue Société d’Histoire diplomatique veröffentlicht eine wichtige Zeitschrift: Revue d’Histoire diplomatique. Die Société de l’Histoire de la Révolution française ist soeben gegründet, um Acten und Documente über die Revolution zu veröffentlichen. Die Société des Anciens Élèves de l’École des Sciences politiques lässt Annales, eine Art historische Zeitschrift, erscheinen. Die Société Asiatique hält Sitzungen, hat eine reiche Bibliothek und veröffentlicht die Revue Asiatique. Die Societe de l’École des chartes hat drei wichtige Textpublicationen unternommen, aber ihre Thätigkeit concentrirt sich hauptsächlich in der Bibliothèque de l’École de chartes, welche seit 1839 einen wichtigen Einfluss auf die mittelalterlichen Studien ausgeübt hat. Die Société des Études juives und die Société des [167] Études grecques veröffentlichen jede eine Revue, welche der Geschichte einen weiten Raum gewährt. Die Société de l’Histoire de l’Art français, die Société des Anciens Textes français, die Société des Bibliophiles haben auch für Geschichte werthvolle Texte veröffentlicht. Unter den Auspicien der Société Historique erscheint seit drei Jahren eine Collection de textes pour servir à l’étude et à l’enseignement de l’histoire, und unter denen der Société bibliographique seit 1868 das Polybiblion, eine Revue bibliographique universelle. Endlich vertheilt eine ziemlich unbekannte Société des Études historiques jährlich einen Preis für eine Arbeit über ein von ihr gestelltes Thema und veröffentlicht eine Revue.

Unter den unzähligen Geschichts- und Alterthumsvereinen der Provinz verdienen viele mit Ehren genannt zu werden; sie vereinen und ermuthigen die Bestrebungen von Gelehrten, die – sich allein überlassen – ohnmächtig sein würden; sie subventioniren Ausgrabungen, sie organisiren und bereichern Alterthums-Museen und nehmen Theil an vortrefflichen Veröffentlichungen. Ich nenne u. a. die Sociétés d’Antiquaires de Picardie, de la Morinie, de Normandie, de l’Ouest, du Centre, du Poitou, die Société d’Histoire de Normandie, welche Texte als Quellen ihrer Provinzialgeschichte veröffentlicht, die Société des Bibliophiles Normands, die Société historique de la Gascogne, welche eine ausgezeichnete Serie von Documenten unter dem Titel Archives historiques de la Gascogne herausgibt, die Société des Archives historiques du Poitou, deren Publication, die Archives historiques du Poitou gleich vorzüglich ist, die Société archéologique de Touraine, die Société d’Archéologie Lorraine, die Société Éduenne zu Autun. Andere weniger bedeutende haben oft Memoiren oder sehr bemerkenswerthe Editionen veröffentlicht. Gerade den Provinzialvereinen verdanken wir die Herausgabe einer grossen Anzahl von Kloster-Urkundenbüchern.

In einem centralisirten Land wie Frankreich, wo alles schliesslich in Paris seinen Culminationspunkt hat, ist die Lage der Gelehrten in der Provinz wenig beneidenswerth. Sie haben oft eine mangelhafte erste Ausbildung erhalten, haben Niemanden gehabt, der sie in die richtige Methode einführen konnte; sie leben in einer Umgebung, in der das geistige Leben wenig entwickelt ist, und gehören zu Gesellschaften, welche über keine Hilfsmittel verfügen und oft von einem kleinlichen Cliquengeist beherrscht werden. Sie laufen Gefahr, sich in vergeblichen Anstrengungen zu verzehren oder sich entmuthigen zu lassen. Um diesen Uebelständen abzuhelfen, hat Herr Guizot, damals Minister des öffentlichen Unterrichts, das Comité des Travaux historiques et scientifiques gegründet, dessen [168] Zweck war, die Arbeiten der in der Provinz lebenden Gelehrten, welche Correspondenten des Comités wurden, zu leiten und zu unterstützen und sie an gemeinsamen Unternehmungen, wie dem Recueil des documents relatifs à l’histoire du Tiers-État mitarbeiten zu lassen. Das Comité, welches zu verschiedenen Malen umgestaltet worden ist, besteht heute aus fünf Sectionen: Geschichte und Philologie; Archäologie; Nationalökonomie und Socialwissenschaften; Mathematik, Physik, Chemie und Mechanik; Naturwissenschaften und Geographie. Die historische und archäologische Section veröffentlichen jede ein Bulletin, in welchem die interessantesten der unedirten Documente oder Mittheilungen der Provinzial-Correspondenten veröffentlicht werden, während die übrigen im Archiv des Comités deponirt bleiben. Sie unterstützen die wissenschaftlichen Vereine bei manch’ wichtiger Publication. Sie stellen jedes Jahr eine Liste von Fragen auf, über die sie Untersuchungen der Correspondenten wünschen, und je zu Pfingsten wird ein Congress von Delegirten abgehalten, um Mittheilungen entgegenzunehmen und Discussion dieser Fragen zu veranstalten. Das Comité leitet die Veröffentlichung der grossen Collection des Documents inédits relatifs à l’histoire de France, welche gegenwärtig mehr als 180 Quartbände umfasst, ferner der Dictionnaires topographiques, der Répertoires archéologiques des départements, und der Bibliographie des travaux historiques et archéologiques publiés par les Sociétés savantes, endlich des Répertoire des travaux historiques, welches eine jährliche Analyse aller Arbeiten bringt, die sich auf die Geschichte Frankreichs beziehen, und ferner aller historischen Arbeiten, die durch die gelehrten Gesellschaften oder die periodischen Zeitschriften veröffentlicht wurden. Man könnte manches gegen dieses System der Bevormundung der wissenschaftlichen Vereine einwenden, man könnte denken, dass der Aufwand von Zeit und Geld nicht im Verhältniss stehe zu dem Resultat der Thätigkeit des Comités; trotzdem wird man, wenn man die Entwicklung der historischen Studien in Frankreich während der letzten 50 Jahre betrachtet, sehen, dass das Comité schon durch seine Einwirkung auf die Richtung der gelehrten Gesellschaften und auf die Erhaltung historischer Documente grosse Dienste geleistet hat, ohne von der Collection des Documents inédits zu reden, deren Lob nicht erst ausgesprochen zu werden braucht. Unter der geschickten und hingebenden Leitung des Herrn Delisle übt es fortdauernd einen sehr fühlbaren und günstigen Einfluss aus[1].

[169] Noch in tausend anderen Formen aber gewahrt der Staat wissenschaftlichen Veröffentlichungen und gelehrten Untersuchungen seine Hilfe und Unterstützung. Zwei Commissionen, dem Ministerium für öffentlichen Unterricht beigegeben, die Commission des Missions und die Commission des Souscriptions, sind beauftragt, die erste: dem Minister die Gelehrten zu bezeichnen, welche eine staatliche Unterstützung verdienen, sei es um fremde Bibliotheken und Archive zu durchforschen, sei es um archäologische Ausgrabungen zu unternehmen – die zweite: die Bücher zu bezeichnen, welche verdienen durch ministerielle Subscription für die öffentlichen Bibliotheken erworben zu werden. Die Hoffnung, diese oft bedeutenden Subscriptionen zu erhalten, spornt die Herausgeber[WS 1] an, die Veröffentlichung grosser gelehrter Werke zu unternehmen. Auch die Direction des höheren Unterrichts verfügt über Fonds für Studien im Ausland und für Subscriptionen auf wissenschaftliche Bücher. Der Staat unterstützt auch noch die Veröffentlichung gewisser gelehrter Werke, indem er die Druckkosten in der Nationaldruckerei übernimmt. Endlich subventionirt er reichlichst eine grosse Anzahl historischer Publicationen, welche unter seiner Leitung stehen, aber Verlegern überantwortet sind, welche einen Theil der Kosten tragen. Während er die Veröffentlichung der Inventaires sommaires des Archives nationales et départementales und der Catalogues des manuscrits conservés dans les bibliothèques de Paris et des départements ganz übernommen hat, subventionirt er nur die Veröffentlichung der Catalogues des manuscrits de la Bibliothèque nationale und die der Inventaires analytiques des Archives nationales. Diese Sammlung, in der sich die schönen Ausgaben der Layettes du trésor des chartes und der Actes du Parlement befinden, ist lange unterbrochen gewesen, eben aber wieder aufgenommen mit der bemerkenswerthen Sammlung der Arrêts du Conseil d’État sous Henri IV, herausg. von Hrn. N. Valois. Das Ministerium für öffentlichen Unterricht subventionirt noch die Bibliothèque de l’École des Hautes Études und die Bibliothèque des Écoles de Rome et d’Athènes. Diese Sammlungen umfassen eine grosse Anzahl historischer Aufsätze und Documente. Neben der Bibl. des Écoles de Rome et d’Athènes in 8°-Format, in welcher alle Dissertationen der Schüler jener beiden Anstalten erscheinen, veröffentlicht die École française de Rome noch die Mélanges d’archéologie et d’histoire und eine Serie in 4°-Format, in der man päpstliche Regesten (Innocenz IV., Honorius IV., Bonifacius VIII., Nicolaus V.) den Liber Pontificalis, den Liber Censuum findet. Die École d’Athènes lässt eine Revue erscheinen: le Bulletin de correspondance hellénique. Die École des Langues orientales hat [170] auch ihre Bibliothèque, aus welcher man vom historischen Standpunkt aus vor Allem eine schöne Reihe von alten orientalischen Reiseberichten hervorheben kann.

Auch die Facultäten der Provinz haben ihre vom Ministerium subventionirten Publicationen. Es sind entweder Bulletins, wie das Bulletin de la Faculté des Lettres de Caen und das Bulletin de la Faculté des Lettres de Poitiers, oder Revuen, wie die Annales de l’Est in Nancy, die Annales de Bretagne in Rennes, die Annales des Facultés de Bordeaux et de Toulouse, oder Sammlungen analog denen der École des Hautes études wie die Bibliothèque de l’Université de Lyon, von der jeder Band einer besonderen Arbeit gewidmet ist. Lyon nimmt übrigens eine besondere Stellung unter den Universitätsstädten ein. Die Facultäten haben sich dort spontan derartig vereinigt, dass sie eine richtige Universität bilden, die von ernstem Solidaritätsgeist beseelt ist. Die Professoren veröffentlichen gemeinsam ein Bulletin ihrer Arbeiten. Die Faculté des Lettres in Paris hat noch nichts veröffentlicht, aber die Herren Chatelain und Dénifle beauftragt, die Acten der alten Universität Paris herauszugeben.

Zur Centenarfeier von 1789 hat das Ministerium für öffentlichen Unterricht noch die Veröffentlichung einer Reihe von Documenten vorbereitet, welche sich auf die Revolutionsepoche beziehen.

Es ist dieses Ministerium aber nicht das einzige, das historische Publicationen unternimmt oder unterstützt. Die Commission des Archives diplomatiques, beigegeben dem Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten, hat, unabhängig von dem Inventaire du fonds France, die Veröffentlichung zweier Acten-Sammlnngen begonnen: die Instructions aux ambassadeurs et ministres de 1648–1789 (Oesterreich, Polen 2 Bde., Portugal, Schweden, Rom 1. Bd., sind schon erschienen) und das Inventaire analytique, welches schon 3 Bände der Correspondenz von Barthélemy und 2 Bände der Missionen in England im 16. Jh. umfasst. Das Marineministerium lässt die Revue maritime et coloniale erscheinen und veröffentlicht das Inventar seiner Archive. Die Papiers de Colbert, von Clément herausgegeben, sind im Auftrag des Ministeriums des Innern erschienen.

Auch die Städte haben sich für ihre Departements- und Municipalgeschichte interessirt. Viele unter ihnen subventioniren ihre localen Geschichtsvereine. Die Stadt Paris hat in der Faculté des Lettres einen Lehrstuhl für die Geschichte der Revolution gegründet. Dasselbe geschah in Lyon. Bordeaux gründete einen Lehrstuhl für die Geschichte des Südens. Die Verwaltung der Stadt Paris besitzt eine historische Commission, welche aus tüchtigen Männern zusammengesetzt ist. Unter ihrer Leitung sind vortreffliche [171] Publicationen erfolgt. Anzuführen sind besonders 5 Bände der historischen Topographie des alten Paris, der Atlas der alten Pläne von Paris, das Livre des Métiers d’Étienne Boileau, das Cabinet des Manuscrits de la Bibliothèque nationale von Hrn. L. Delisle, die Registres du Bureau de la Ville, die Statuts des Métiers parisiens, das Cartulaire général de Paris, hrsg. von Hrn. R. de Lasteyrie. Die Stadt Paris wird bei Gelegenheit der Centenarfeier von 1789 verschiedene Bände von Acten herausgeben, welche sich auf die Geschichte von Paris während der Revolution beziehen. Die Acten der Commune, die Wahlprotocolle, die Acten der Jacobiner, eine Bibliographie der Paris zur Revolutionszeit betreffenden Drucke und Manuscripte. Die Stadt Bordeaux veröffentlicht ihrerseits ebenfalls eine bedeutende Sammlung von Acten ihrer städtischen Geschichte. In dieser Sammlung erscheint augenblicklich die schöne epigraphische Sammlung von Hrn. Jullian, les Inscriptions de Bordeaux.

Obgleich wir bereits – bei Erwähnung der Schulen und gelehrten Gesellschaften – eine grosse Anzahl historischer Zeitschriften genannt haben, wie Revue Asiatique, Revue des Études juives, Revue des Études grecques, Bulletin de Correspondance hellénique, Bibliothèque de l’École des chartes, Bulletin de l’histoire du protestantisme français, Revue d’histoire diplomatique, Annales de l’École des Sciences politiques, Annales de l’Est, Annales de Bretagne, Polybiblion etc. etc. – so hätten wir doch noch viel zu thun, um einen vollständigen Begriff von der historischen periodischen Presse zu geben. Unsere grossen vierzehntägigen Revuen, die Revue des deux Mondes, die Nouvelle Revue, der Correspondant räumen den dritten oder vierten Theil des Raumes, über den sie verfügen, historischen Aufsätzen ein. Verschiedene der besten historischen Arbeiten unserer Zeit sind ganz oder zum grössten Theil in der Revue des deux Mondes erschienen, z. B. die der Herren de Broglie, Rothan, Rousset, Du Camp. – An diese allgemeinen Zeitschriften reihen sich historische Fachzeitschriften an, welche aber das Gebiet allgemeiner Geschichte umfassen. Die älteste ist die Revue des questions historiques von Herrn de Beaucourt 1844 gegründet, (viertelj). Im Jahre 1876 gründete Hr. Monod die Revue historique (zweimonatlich erscheinend). Als Specialzeitschriften sind ausser den vorher schon genannten hier noch aufzuführen: die Revue archéologique, hrsg. von den Herren A. Bertrand und G. Perrot, welche sich mit Alterthum und Mittelalter beschäftigen; die Gazette archéologique (hrsg. von Herrn de Lasteyrie); die Revue Celtique (hrsg. von Herrn d’Arbois de Jubainville; die Revue de l’histoire des religions (hrsg. von Herrn J. Réville); die Revue de [172] l’Extrème Orient (hrsg. von Herrn H. Cordier). Der Spectateur militaire ist eine fast ausschliesslich historische Zeitschrift. Für Rechtsgeschichte haben wir die Revue historique du droit français et étranger und die Revue générale de droit, de législation et de jurisprudence. Die Revue retrospective erscheint zweimal im Jahre und veröffentlicht seltene oder unedirte Texte. Le Curieux von Herrn Nauroy hat auch einen mehr anecdotischen Charakter – er bringt nur Unedirtes. Zwei Revuen sind der Revolutionsgeschichte gewidmet, die eine: die Révolution française, von Herrn Aulard in republikanischem Sinne redigirt, die andere: die Revue de la Révolution, hrsg. von den Herren Bord und d’Héricault von fanatisch reactionärem Geiste beseelt. – Die Revue critique und das Bulletin critique d’histoire et de littérature, die erste wöchentlich, die zweite zweimal im Monat erscheinend, enthalten nur Analysen und Kritiken neuer Arbeiten. Das Moyen-Age der Herren Marignan und Wilmotte (monatlich) ist hauptsächlich interessant, weil es ein sehr vollständiges Bild der Artikel gibt, welche mit Bezug auf das Mittelalter in den Zeitschriften der ganzen Welt erschienen sind. – Herr Bournon kündigt das demnächstige Erscheinen der Correspondance historique an, einer monatlichen Zeitschrift, bestimmt als Informationsorgan für die Historiker zu dienen, und in mehr methodischer und wissenschaftlicher Weise für die Geschichte dasselbe zu sein, was für ganz allgemeine Zwecke der Intermédiaire des chercheurs et des curieux des Herrn Faucou ist.

Wir haben noch einige Provinzial-Zeitschriften, welche von wirklichem Interesse sind. Ich nenne zuerst die Revue historique et archéologique du Maine, dann die Revue de Gascogne, die Revue de l’Agénais, die Revue Bourbonnaise, die Revue d’histoire ecclésiastique et d’archéologie religieuse du diocèse de Valence. In Algier erscheint die Revue africaine. Endlich hat Herr Thomas soeben eine Revue méridionale gegründet, der man einen grossen Erfolg vorhersagen könnte, wenn die Zahl der historischen Zeitschriften nicht bereits eine so bedeutende wäre.

Es wäre ungerecht, beim Aufzählen alles dessen, was die historischen Studien fördert, wie die Organisation des Unterrichts, die Wirksamkeit der wissenschaftlichen Vereine, die Thätigkeit der Regierung, der Einfluss der periodischen Presse, nicht der grossen Buchhändler-Unternehmungen zu gedenken, die zum Theil der Initiative der Verleger zu verdanken sind. Ich will nicht von den Unterrichtsbüchern sprechen, obgleich in dieser Beziehung in den letzten Jahren grosse Fortschritte gemacht sind, ich will mich darauf beschränken, an die schönen Publicationen zu erinnern, welche dem Aufschwung [173] der Illustrationskunst ihr Entstehen verdanken. Die Verlagshandlung Hachette nimmt die erste Stelle unter denen ein, denen ihr Reichthum und ihr Unternehmungsgeist vergönnt haben, eine glückliche Initiative auf dem Feld historischer Studien zu ergreifen. Dank ihr hat Hr. Elisée Reclus seine Géographie universelle begonnen, Herr V. Duruy die grosse illustrirte Ausgabe seiner Hist. des Romains in 7 Bänden und der Hist. des Grecs in 3 Bänden. Herr Perrot beginnt in Gemeinschaft mit Herrn Chipiez den 5. Band seiner Hist. de l’Art dans l’Antiquité. M. Müntz hat soeben den 1. Band seiner Hist. de l’Art pendant la Renaissance herausgegeben, Hr. Longnon bereits 3 Fascikel seines vortrefflichen Atlas historique de la France veröffentlicht. Hr. R. de Lasteyrie wird eine Hist. de l’Art au Moyen-Age, Hr. Lavisse eine Hist. de France unternehmen. In der Collection des Grands Écrivains de la France ist die Ausgabe der Werke Saint-Simon’s durch Herrn Boislisle ein Monument hist. Gelehrsamkeit.

Der Verlag Firmin-Didot hat besonderes Verdienst um die Sammlung griechischer Autoren, muss aber auch genannt werden wegen seiner Ausgaben von Villehardouin und von Joinville durch Herrn de Wailly, wegen der Wiederherausgabe des Glossarium von Du Cange durch Henschel, wegen der illustrirten Werke von P. Lacroix über die Institutionen und Sitten des alten Frankreich. Das Haus Palmé hat neu herausgegeben die Historiens des Gaules et de la France, die Gallia Christiana, die Acta Sanctorum, die Histoire littéraire de la France, das Monasticon Gallicanum. Ein Verlag in der Provinz, das Haus Privat in Toulouse, hat bedeutenden Gelehrten, Herrn Mabille, und nach seinem Tod Herrn Molinier die Wiederherausgabe der Geschichte von Languedoc von D. Vaissette mit wichtigen Verbesserungen, Anmerkungen und Zusätzen übertragen. Hr. Lebègue hat die Inschriften von Narbonnaise, und Hr. Roschach die G. von Languedoc im 17. u. 18. Jh. hinzugefügt.

Um ein vollständiges Bild der historischen Studien in Frankreich zu entwerfen, sollte man nun noch angeben, welches die Haupt-Charakterzüge der französischen Geschichtswissenschaft, welches die zumeist ausgebeuteten Felder, welches die vernachlässigsten sind, welcher Geist die Historiker in ihren Studien belebt und leitet. Ich kann, um diese Einführung nicht übermässig auszudehnen, nur sehr summarisch die allgemeinen Charakterzüge hervorheben.

Was diejenigen, die seit 30 Jahren der historischen Bewegung in Frankreich gefolgt sind, hauptsächlich frappirt, ist, wie sehr das Studium, namentlich seit dem Kriege zugleich an Ausdehnung und Tiefe gewonnen hat. Die Facultäten, die vor 1870 eine sehr unbedeutende Rolle im intellectuellen Leben des Landes spielten, sind [174] Herde wissenschaftlicher Thätigkeit geworden und haben um ihre Lehrstühle eine zahlreiche und eifrige Schülerschaar versammelt. Die Écoles des Hautes Études, de Rome, des Sciences politiques, sind – wie auch fast alle oben genannten Zeitschriften – nach 1870 oder kurz vorher gegründet. Die Zahl der Studirenden ist sehr gewachsen und auch die Qualität ihrer Arbeiten hat sich verbessert. Die politische Feindseligkeit zwischen Frankreich und Deutschland hat sich auf wissenschaftlichem Gebiet in einen heilsamen Wettstreit verwandelt. Man hat die fremden Sprachen gelernt, geht auf deutsche Universitäten studiren, ist in ihren Geist und in ihre Methoden eingedrungen und hat sich in sehr viel ernsterer Weise für die Geschichte des Auslandes interessirt. Die Revue internationale de l’enseignement supérieur, Organ einer 1876 gegründeten Gesellschaft zum Studium öffentlicher Unterrichtsfragen, hat in dem Lehrkörper den lebhaften Wunsch nach Reformen und Fortschritt verbreitet, indem sie fortwährend auf das Beispiel fremder Nationen hinwies. Es hat nicht an gegnerischen Elementen gefehlt, die diese neuen Tendenzen tadelten und behaupteten, Frankreich würde seine angeborenen Eigenthümlichkeiten verlieren, ohne sich die fremden aneignen zu können, – die behaupteten, die Wissenschaft nach deutscher Manier treiben hiesse unsere literarischen Eigenschaften ersticken, indem die Aufforderung zu so minutiösen Studien die Verneinung unserer nationalen Traditionen wäre. Man vergass dabei, dass, wenn Frankreich auch das Land von Bossuet und Voltaire war, es nicht weniger das Land von Du Cange, Mabillon und Bréquigny ist, man vergass, dass Frankreich zu allen Zeiten Gelehrte gehabt hat, wie Quicherat, Guérard, L. Delisle, welche die tiefste und minutiöseste Gelehrsamkeit mit leuchtender Klarheit, mit glänzender und auserlesener Kunst der Darstellung vereinigt haben. Wer könnte denn heute, wenn er die Werke von Fustel de Coulanges, Boissier, Taine, de Broglie, A. Sorel, E. Lavisse[WS 2] liest, sagen, dass Frankreich das Mindeste von seinen literarischen und künstlerischen Eigenthümlichkeiten verloren hat? Aber andererseits ist es erfreulich, zu sehen, dass Frankreich Deutschland nacheifert auf dem Gebiet rein wissenschaftlicher Arbeiten in Philologie, Textkritik und Editionen, dass man die rein declamatorischen Gemeinplätze aus den Büchern der Professoren schwinden sieht und ihre Arbeiten sichtlich täglich an Solidität und Tiefe gewinnen. Statt die Gelehrsamkeit und die Literatur wie zwei feindliche Schwestern zu betrachten, sieht man in ihnen zwei einander unentbehrliche Alliirte; man nimmt nicht mehr an, dass man ein guter Historiker sein könne, wenn man nicht ein kritischer Gelehrter ist, oder dass Gelehrsamkeit ohne die Kunst des Styls auskommen [175] könne. Derselbe Geist belebt die École des Chartes wie die École Normale, die Faculté des lettres wie die École des Hautes Études.

Die orientalischen Studien prosperiren; mit den Hrn. Maspero, Grébaut, de Rochemonteix, Révillout gedeiht unsere ägyptolog. Schule gleich der assyr. unter den Herren Oppert, Halévy, Amiaud[2] und Ménant.[WS 3] – Das griechische Alterthum hat Dank der École d’Athènes nie aufgehört, Gegenstand zahlreicher Arbeiten zu sein, und in den letzten Jahren hat die Société pour l’encouragement des travaux grecques diesem Zweig der Wissenschaft einen neuen Anstoss gegeben. Wir wollen nur an die Namen der Herren Foucart, Perrot, Homolle, D. Rayet, A. Dumont, Th. Reinach erinnern. Das römische Alterthum ist viel mehr vernachlässigt. In den letzten Jahren jedoch ist durch die École de Rome auch auf diesem Gebiet die Thätigkeit wieder aufgenommen worden. Die epigraph. Studien werden durch die Herren Jullian, Cagnat, Héron de Villefosse, S. Reinach, Thédenat repräsentirt. Die Bearbeitung röm. Geschichte durch die Herren Boissier, Bouché-Leclercq, Bloch, Lécrivain, de la Blanchère, Jullian, Guiraud, Lacour-Gayet etc. lässt hoffen, dass die römische Geschichte für unsere Gelehrten bald ebenso viel Anziehung haben wird, wie die griechische. Was die Studien über Mittelalter und Neuzeit anbetrifft, so hat sich nicht nur die Anzahl der Studirenden merklich vergrößert, sondern auch ihre Arbeiten zeigen viel mehr Genauigkeit und Kritik wie früher. Um sich Rechenschaft abzulegen von den erreichten Fortschritten, genügt es die Textausgaben zu vergleichen, welche heute durch die Société d’histoire de France gegeben werden, und die, welche zwischen 1840–60 erschienen sind, oder die bewundernswerthe Ausgabe der Briefe Gerbert’s, welche Herr J. Havet soeben hat erscheinen lassen, mit derjenigen des Herrn Olleris. Kritische Arbeiten haben sich vermehrt. Kenntnisse in Diplomatik und in Paläographie haben sich bei denen verallgemeinert, welche sich mit mittelalterlicher Geschichte beschäftigen, ob sie nun zum Universitäts-Unterricht oder zur École des Chartes gehören. Zu bemerken ist auch noch, wie sehr sich die Arbeiten über Verfassungs-Geschichte vermehrt haben; nach dieser Seite hauptsächlich wendet sich die Aufmerksamkeit derer, die sich mit unserer National-Geschichte beschäftigen. Die Arbeiten der Herren Fustel de Coulanges, Beauchet, Glasson über die fränk., Luchaire über capeting. Institutionen, Thomas über Provinzialstände, Molinier über Languedoc, Aubert über das Parlament, N. Valois über den königl Rath – um nur einige [176] der neuesten Erscheinungen zu citiren – zeigen uns, dass die Juristen auf dem Gebiet der Verf-G. mit den Historikern wetteifern. Fügen wir noch hinzu, dass unsere Historiker, die sich bisher gar zu gern auf französische Geschichte beschränkten, ein immer wachsendes Interesse an der Geschichte des Auslandes nehmen, ihre Forschungen immer mehr auf auswärtige Archive und Bibliotheken ausdehnen. Die Geschichte von Florenz von Hrn. Perrens, die Bücher des Herrn Bémont über Simon v. Montfort, von Hrn. Durrieu über die Archive von Neapel, von Hrn. Yriarte über Cesare Borgia, von Hrn. Desdevises du Dezert über den Prinzen von Viane, von Hrn. Auerbach über den sächsischen Hof, von Hrn. Waddington über die Gründung des preussischen Königthums, von Hrn. Rambaud über Russland,[WS 4] sind Beweise dieser Erweiterung des Horizontes unserer Historiker. Ich glaube also ohne falschen Optimismus sagen zu können, dass die historischen Studien in wirklichem Fortschreiten sind. Seit 20 Jahren hat der Unterricht sich ausserordentlich entwickelt, die Gelegenheit zu arbeiten und zu publiciren hat sich vervielfacht, und die Geschichtswerke haben an wissenschaftlichem Werth in demselben Masse gewonnen, wie das Feld der Untersuchungen ein weiteres und der Wissensdrang der Historiker ein universalerer geworden ist.

Versailles, im April 1889.
G. Monod.



[523]
Nachträge und Berichtigungen

zu den Berichten G. Monod’s über die geschichtl. Studien in Frankreich und H. Vančura’s über die neuere böhmische Geschichtsforschung (S. 160 ff.).

[523]

S. 169 Z. 12 lies „Verleger“ statt „Herausgeber“.

S. 174 Z. 12 v. unten war auch E. Renan zu nennen.

S. 175 Z. 6 ist hinzuzufügen: Hr. Renan glänzt in den semitischen Studien durch Gelehrsamkeit und schriftstellerisches Talent.

S. 176 Z. 12 ist den Werken über auswärtige Gesch. anzuschliessen: „von Hrn. Zeller über Deutschland“.

Anmerkungen

  1. Herr X. Charmes hat in seinem Werke: Le Comité des travaux Historiques alle von dem Comité seit seinem Anfang herausgegebenen Documente gesammelt, und eine interessante Geschichte des Comites geschrieben.
  2. Dieser ist neulich durch einen plötzlichen Tod der Wissenschaft entrissen.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. lt. Korrektur-Meldung: Verleger statt Herausgeber
  2. lt. Korrektur-Meldung ergänzt um: und E. Renan
  3. lt. Korrektur-Meldung ergänzt um: Hr. Renan glänzt in den semitischen Studien durch Gelehrsamkeit und schriftstellerisches Talent.
  4. lt. Korrektur-Meldung ergänzt um: von Hrn. Zeller über Deutschland,