Die heutigen Wendenkönige

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Textdaten
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Autor: Johann Georg Theodor Grässe
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Titel: Die heutigen Wendenkönige
Untertitel:
aus: Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen, Band 2. S. 109–110
Herausgeber:
Auflage: Zweite verbesserte und vermehrte Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Schönfeld
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Erscheinungsort: Dresden
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Quelle: Google-USA* und Commons
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[109]
721) Die heutigen Wendenkönige.
S. J. Tollii Epist. itinerar. ep. II. Haupt Bd. II. S. 15. R. Gosche in: Unser Vaterland Bd. II. S. 17 fgg.

Es ist eine alte Sage, daß die Wenden in der Niederlausitz noch heut zu Tage ihren König unter sich haben, den sie gemeinschaftlich aus ihrer Mitte wählen, ihm Krone und Scepter zustellen und jährlich zu seinem Unterhalte eine Kopfsteuer entrichten. Sie erweisen ihm alle königliche Ehren und gehorchen seinem Befehle in allen, das ganze Volk betreffenden allgemeinen Angelegenheiten. Jedoch halten sie die Sache so geheim, daß alle Bemühungen, den rechten Grund zu erfahren und den König selbst unter den Bauersleuten ausfindig zu machen, bisher ohne Erfolg gewesen sind. Soviel nur weiß man, daß die Königswürde in einer gewissen Familie erblich ist. Diese Familie soll jedoch vor wenigen Jahren mit dem letzten Sproß des wendischen Königsstammes, einer alten siebenzigjährigen Frau, ausgestorben sein. Diese alte Frau hat es noch vor ihrem Tode sehr beklagt, daß sie Niemandem offenbaren könne, was sie von der Sache wisse. Auch mehrere Oberlausitzer Wendengeschlechter in der Gegend von Bautzen rühmen sich königlicher Abkunft, im Spreewalde knüpft sich die Sage vom letzten wendischen Fürsten an den Burgberg im Dorfe Burg, wo er residirt haben soll und wo man allerdings unter andern Alterthümern goldene Diademe gefunden hat.

Einst hat sich ein wendischer Bauer an die Spitze eines aufsässigen Haufens gestellt und sich gleichwie ein König geberdet. [110] Als nämlich im Jahre 1548 Franz von Minkwitz seinen wendischen Unterthanen zu Ukro mehr Hofedienste zumuthete, als sie zu leisten schuldig zu sein glaubten, und die Widerspenstigen auspfänden ließ, kam die Sache zu einem förmlichen Aufstand. Unter der Anführung eines Königs berathschlagten sie mit einander, beschlossen alle für einen Mann zu stehen und eine Rede zu führen und widersetzten sich offen ihrem Herrn. Ein großer Theil der umliegenden wendischen Dörfer war in diesen Aufstand verwickelt, so daß der Landvoigt seine schwere Hand darauf legen mußte, den wendischen König greifen ließ und ihn am Leibe strafte. Dieser hatte sich verlauten lassen, „dahin wolle er es wohl noch bringen, daß der Minkwitz ihm huldigen müsse.“

Der große Churfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg hat auch diesem im Verborgenen waltendem König eifrig nachforschen lassen. Es ist ihm auch einstmals ein kräftiger, schlanker und schöner Wendenjüngling als ihr König bezeichnet worden. Ein alter Bauer aber, der den Verrath gemerkt, hat den jungen Menschen zornig angeredet und gesagt: „Kerl, was stehst Du hier gaffen! gehe an Deine Arbeit“, ihn mit dem Stock geschlagen und fortgetrieben. So verhütete er, daß der Churfürst der Sache weiter nachforschen konnte.