Die schwarze Zither, ein Mährchen

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Autor: Albert Ludwig Grimm
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Titel: Die schwarze Zither, ein Mährchen
Untertitel:
aus: Lina’s Mährchenbuch, Band 2, S. 83–150
Herausgeber:
Auflage: 2. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: [1837]
Verlag: Julius Moritz Gebhardt
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[83]
II.
Die schwarze Zither,
ein Mährchen.

[85]
Erstes Kapitel.

Es war einmal ein Ritter, der hieß Arbogast, und wohnte auf einer einsamen Burg im dichten Walde, die lag ferne von den Städten, und unten bei der Burg hatten sich nur einige Hirten angesiedelt, und ihre Hütten erbaut, und ihr Vieh weideten sie auf den Waldwiesen umher. Die Burg war aber oben fast ganz umwachsen von hochstämmigen Eichen mit weit ausgebreiteten Aesten, von laubigen Buchen, und dunkeln Föhrenbäumen, die sie ganz in ihrem Schatten versteckten, und ihr ein so finstres Ansehen gaben, daß sie von den wenigen Menschen, die sie jemals gesehen, nur die Finsterburg genannt wurde. Aber auch im Innern der Burg sah es nicht heiterer aus; denn Ritter Arbogast ward nicht umsonst von seinen Knappen und Dienern der finstre Ritter geheißen. Seit er seine Gemahlin, Frau Gertrud, mit seinem Liebling, ihrem kleinen Töchterlein, an einem Tage verloren, ohne daß Knappen und Diener erfahren hatten, [86] wohin sie beide entschwunden, war seine frühere laute, lärmende Strenge zu finsterm, stummem Ernste verwandelt.

Im Anfang nach dem Verschwinden der frommen Frau Gertrud hatte Ritter Arbogast wohl gepflegt, in jedem Frühlinge hinauszuziehen, und nach weiten Fahrten erst im Spätherbste wieder mit seinen Knappen und reisigen Knechten nach Hause zu kehren. Den Winter brachte er auf gefahrvollen Wolfs- und wilden Eberjagden zu, bis er mit dem ersten Hervorsprossen der Birkenknospen wieder hinauszog in die Ferne. Aber selbst die Knappen und Reisigen, so ihn auf diesen Fahrten begleiteten, wußten nicht, warum er sie jedesmal unternahm, und trugen sich nur mit der Vermuthung, er suche die verlorene fromme Frau Gertrud mit ihrem holden Töchterlein. Seit etlichen Jahren hatte Ritter Arbogast aber diese Fahrten unterlassen, und selbst auf die Jagd pflegte er nur dann zu ziehen, wenn er einige Wochen recht in Hinbrüten mit herabgezogenen Augenbraunen und[1] starren Augen hingebracht hatte. Dann fuhr er auf einmal rasselnd in seinem Harnisch auf, und stürmte hinaus, und schweigend zogen ihm seine Knappen nach, und sagten oft untereinander: „Es muß ein böser Geist sein, der Macht hat über unsern Herrn, und ihm die Ruhe der Seele stört.“ Und Andere sprachen wohl noch härtere Worte und sagten: „Ja, der böse Geist, der in ihm wohnt, mag [87] wohl sein Gewissen sein, das ihn drückt, um schwerer Verbrechen willen; denn er war früher ein rascher, schnellfertiger und jähzorniger Mann.“ –

Wenn Herr Arbogast aber wieder heimkam von seinem Jagdzuge, so saß er wieder stumm in der Halle, und mußt’ Alles still um ihn sein, gleich ihm selber. Ja es war ihm recht zuwider, wenn sogar sein eigener, einziger Sohn, der Zwillingbruder seines verlorenen Lieblings, in kindlicher Unschuld um ihn spielte, oder ein kindisches Wort zu ihm sprach. Selbst sehen mochte er ihn nicht einmal um sich, und schien ihm ordentlich gram zu sein. Darum hatte er ihn auch schon als kaum lallendes Kind der Pflege des alten Leuthold übergeben, der mit recht väterlicher Sorgfalt über seine Jugend wachte.

Adelbert aber, das war der Knabe des Ritters, wuchs in fröhlicher Unschuld heran, und ward ein schönes Bild der blühendsten Anmuth. Nach dem Willen seines Vaters lernte er zwar von dem Leuthold bei heranwachsenden Jahren die Armbrust spannen, Schwerdt und Rosse lenken, und Speere und Streitaxt führen. Wenn aber die Uebungsstunden vorbei waren, dann schnallte er Schwertgehäng und Sporen fröhlich ab, und hängte die Armbrust an ihren Nagel; und dann gings hinaus zu den Kindern der Hirten im Thale, und da lebte er erst recht auf bei alten Mährchen, [88] die ihm die Knaben erzählten. Die allergrößte Lust gewährte es ihm aber, wenn ihm ein alter einsiedelnder frommer Mann, den man insgemein nur Großvater hieß, mit zitternder Stimme ein Lied sang und auf einer alten zersprungenen Zither die Töne begleitete, da er ihm denn wohl nach dem Liede auch manchmal die Zither selbst in die Hand gab, und ihn in dem Saitenspiel unterwies. Wenn ihm dann der alte Großvater erzählte, daß es auch viele Rittersöhne gäbe, die nicht ihr ganzes Leben dem Kampf und der Jagd geweiht hätten, die vielmehr mit dem fröhlichen Saitenspiel als hochverehrte Sänger von Land zu Land reisten, und Aller Herz erfreueten, wohin sie kämen, und hochgeehrt würden von Königen und edlen Frauen, da schwoll Adelberten immer das Herz in heißer Sehnsucht auf, und gewiß lag er dann jedesmal in der folgenden Nacht meistens schlaflos auf seiner Ruhestätte, und betete zu Gott recht inbrünstig: „O gib, daß ich doch auch einmal so ein Sänger werde, aber der besten einer, dessen Namen man nennt von Lande zu Lande!“ Und in dieser Sehnsucht stieg er oft und öfter hinab zu dem alten Großvater, und lernte bald selbst kleine Weisen den Saiten der Zither entlocken, und ein selbst erdachtes Lied dazu singen. Wenn er aber sang, so horchten die Hirten begierig, jung und alt, und erhoben sein Lied, wenn sie es gleich nicht immer verstanden. Denn in jedem sprach [89] er von seiner Sehnsucht nach dem Stande des Sängers. Der alte Großvater aber verstand sein Inneres wohl, und rieth ihm eines Tages: „Gehet hin, und bittet Euern Herrn Vater, lieber Jungherr, wornach Eure Sehnsucht stehet. Ich meine, ich würd’s einem Sohne nicht abschlagen.“

Da machte sich Adelbert auf, und stieg eilig den Berg hinan, und trat noch außer Athem vor seinen Vater, und sprach: „Ich bitt’ Euch, lieber Vater, wolltet mir die erste Bitte nicht abschlagen, so ich jetzt an Euch thue, und scheltet mich nicht ein Kind, so Euch auch meine Bitte kindisch bedünken mag; denn sie entspringt nicht aus kindischem Trachten nach einem eiteln Spielzeug, die ganze Freudigkeit meines künftigen Lebens hängt davon ab.“

Herr Arbogast war aber in der Halle gesessen, und hatte wieder vor sich hingestarrt, als sein Sohn Adelbert so hastig hereingetreten war. Da er aber also gesprochen, schaute der Ritter verwundert und mit fragendem Blicke auf den zu den Jünglingsjahren herangewachsenen Knaben, und winkte ihm, seine Bitte vorzutragen.

Da fuhr Adelbert fort: „Schickt einen Knappen und laßt mir eine Zither holen; denn ich will kein Ritter werden.“ – Aber er hatte noch kaum so weit gesprochen, da rasselte sein Vater in seinem Harnisch auf, und faßte sein Schwert, so neben ihm stand, und schlug mit dem Griffe [90] desselben auf den steinernen Tisch, daß die Platte zersprang, und stampfte mit dem Fuße, daß die Halle erdröhnte, und Funken aus dem Estrich stoben, und rief mit donnernder Stimme: „Zur Hölle! wer hat dich das Wort gelehrt, Knabe? das Wort, das ich über Alles hasse auf Erden! das ich nie mehr hören wollte! Wer hat dir das Wort genannt? und hat er dir auch schon am Ende gar von der schwarzen Zither vorgeredet? Sprich! hat er? hat er?“ Da antwortete der Knabe etwas erschrocken: „Nein, Vater, von der schwarzen Zither weiß ich nichts! Aber sollte der Name des freundlichen Saitenspiels denn so böse sein, da das Ding selbst so gut ist, und eine Gabe des Himmels sein muß mit seinen holden Klängen?“

„Fort! fort, aus meinem Angesicht!“ donnerte da des Vaters Stimme, „und komm’ mir so bald nicht wieder unter die Augen.“

Da verließ er betrübt und traurig die Halle, und hinter ihm schlug der erzürnte Arbogast heftig die schweren Thürflügel zu.

[91]
Zweites Kapitel.

Es war aber in der nächsten Nacht, da lag der fromme Knabe Adelbert einsam in seiner Kammer, und konnte nicht schlafen. Ihm stand immer noch das Bild seines erzürnten Vaters vor den Augen, und noch sann er darüber nach, warum wohl das Wort, so ihm vor allen das Liebste war, seinem Vater so verhaßt sein möchte. Aber durch solches Sinnen klang ihm auch immer noch die Frage nach der schwarzen Zither voll Ahnung durch die Seele. – Er lag noch nicht so lange, und es war eben Alles stille geworden in der Burg und in dem Burghofe, da wendete der Mond seine Strahlen durch die runden Scheiben seines Gemaches, und zugleich war es ihm, als zöge ein wundersüßes Klingen draußen durch die Luft, einstimmend in seine halbträumerischen Phantasien von der schwarzen Zither. Es war aber das Klingen ihm ganz unbekannt und lockend. Darum sprang er auf von seinem Lager, und schaute zum Fenster hinaus, zu hören, was der Klang bedeute, und von wannen er komme.

Hinaussehend in den stillen Burghof gewahrte er aber nichts, als das Schnauben der Rosse unten im Stalle und [92] zuweilen einen einzelnen Huftritt derselben. Und er wollte eben wieder hereinsehen, da schwebte der Klang abermals zu ihm herüber. Doch er konnte nicht unterscheiden, kam er als schönster Gesang aus einer Menschenbrust, oder kam er von den reinsten bebenden Saiten. Das gewahrte er aber wohl, daß die Töne von dem einsamen Thurm bei der Kapelle herüber schwebten. Da fiel ihm zugleich ein, wie er schon oft gefragt, warum die Thüre an dem Thurme vermauert und noch mit Schutt und Steinen verschüttet wäre, wie ihm aber Niemand noch bestimmte Antwort darauf gab, und wie ihn selbst sein Vater schon in früher Kindheit mit dieser neugierigen Frage einmal von ihm gewiesen habe mit scheltenden Worten über seinen Vorwitz, daß er sich seitdem nie mehr getraut, nach der Ursache zu fragen, warum der schöne, hohe Thurm gar nicht benutzt würde, da man doch von ihm allein vielleicht über die Waldgipfel hinüberschauen könnte. Zugleich erinnerte er sich auch, wie er oft gesehen, daß die Knappen und Knechte sich jedesmal sehr furchtsam gebährdeten, und eilig wieder zurückliefen, wenn sie ein Geschäft im Hofe noch spät am Abend in die Nähe des Thurmes oder der nahen Kapelle rief. Und ihm fiel ein, wie ihm die Hirtenknaben erzählt, daß sie oft, wenn sie im hohen Sommer mit ihrem Vieh die ganze Nacht im Walde gewesen, von dem Thurme herüber ein gar süßes Tönen [93] vernommen hätten, aber dazwischen auch ein leises Wimmern und Hilferufen. Indem diese Erinnerungen alle durch seine Seele zogen, zog auch der wundersüße Klang gar lockend wieder herüber aus der Höhe des Thurms. Und er konnte nicht länger mehr dem geheimen Zuge, noch seiner Neugierde widerstehn. Es war ihm, als enthalte der Thurm ein großes, kaum zu fassendes Glück, das er nur jetzt erwerben könne, oder nie. Darum machte er sich auf, und warf sich in seine Kleider, und eilte hinaus, die Wendeltreppe hinab und durch das offene Thor in den Burghof der Kapelle zu und dem Thurme. Aber da stand er, und schaute hinauf, und suchte hier und suchte dort, und da war kein Eingang, als der fest vermauerte und mit Steinen verschüttete. Da fiel ihm endlich ein, ob nicht vielleicht jenseits der Mauer, die zwischen dem Thurme und der Kapelle hinzog, eine zugängliche Thür zu finden sei. Darum kletterte er schnell die Mauer hinan, und in einem kühnen Sprung schwang er sich jenseits hinab. Die Höhe war aber allzubeträchtlich gewesen; er lag jenseits ohne Bewußtsein auf dem Rasen.

Wieder aus einer ohnmächtigen Betäubung aufwachend, fand er sich in einem von der Mauer, dem Thurme und der Kapellenwand umschlossenen Winkel, und neben sich gewahrte er einen Grabhügel, darauf steckte ein hölzernes Kreuz. Aber die Hollunderbüsche bei der Kapellenwand neigten sich [94] darüber her und streuten ihr weißes Blümlein auf des Hügels moosigen Rasen.

Als er nun aber schaute nach einem der Gitterfenster des Thurms, da gewahrte er in der Mitte des Thurmes ein blasses, seltsames Licht, so das Innere desselben mit ungewissem Scheine erhellte. Aber die wundersamen Töne, die er zuvor von ferne gehört, klangen ihm nun ganz in der Nähe vom Thurme hernieder; und immer süßer, und immer linder, und immer bezaubernder ward das fremde Klingen, daß der Knabe bei sich dachte: „Hab ich doch, seit ich lebe, nie solche Töne gehört, und ich möcht’ wohl glauben, das sei Gesang von seligen Geistern, wie sie im Paradiese wohl singen, wie mich der fromme Großvater unten im Thale gelehrt.“

Indem er aber noch so dachte, da verstand er die Töne, als seien es Worte, die also klangen:

Ungesehn, ungesehn,
Geister wehn! Geister wehn
Durch des Thurmes Gitter.
Da erklang, da erklang
Geistersang, Geistersang
Von der schwarzen Zither.

„Ja, ja,“ sprach Adelbert vor sich, „das ist die schwarze Zither! das wußt’ ich wohl!“ Und der Klang schwebte einwiegend in sanften Schlummer herab:

Knabe mein, Knabe mein
Schlummre ein, schlummre ein!

[95]

Säußelt, Fliederbäume!
Steigt im Grab das empor
Mütterlein, haucht ins Ohr
Ihm gar seltne Träume.

Der Sang ging darauf noch weiter fort. Aber da fielen Adelberten die Augen im Schlummer zu. Und ein seltsamer Traum bewegte sich in seiner Seele vorüber. In diesem Traume sah er den moosigen Grabhügel sich aufthun, und aus dem Schooße des Rasens, der sich gleich einem Hügel von leichten Laubblättern von einander that, hob sich ein wunderschönes Frauenbild herauf, in einem Kleide, das war weiß, wie die Hollunderblümlein; aber um ihre Schulter wallten ihr die blonden Haare in reichen Flechten, und ihre Augen lachten so mildblau, als die kleinen Vergißmeinnichtblümlein, so Adelbert oft mit den Hirtenknaben unten am Quellenrande zu pflücken gepflegt. Und Adelbert glaubte in seinem Traume, sie sei ein Engel. Ueber die Stirne hing ihr aber ein voller Strauß von rothen Blutnelken herein, der ihr in die Haare des Scheitels verflochten war.

Als sie aber halb aus dem Grabe sich empor gehoben hatte, da schwiegen die Töne, und durch die Luft kam ferne herüber ein wunderlich Sausen, als wie von dem Flügelschlage der großen Nachteulen, wenn sie im Dämmerlichte auf Raub ausziehen. Und als Adelbert aufsah, da gewahrte er hochschwebend über die äußerste Mauer des Burgwalls [96] einen Reiter auf einem schwarzen geflügelten Rosse. Aber auch der Ritter war in schwarzem Harnische. Nur die langen Schwungfedern seines Helms leuchteten feuerfarben über der mitternächtlichen Gestalt. Als der schauerliche Zug aber nun über den Raum schwebte, da Adelbert träumte, da schwang das Schwarzroß seine ungeheuern Fittige langsamer, und langsamer schwebte die Gestalt vorüber. Da gewahrte Adelbert, daß der schwarze Ritter vor sich auf dem Sattel mit dem einen Arme ein zartes Mägdlein umschlungen hielt, das ihm widerstrebend sich von ihm neigte. Als es aber über dem Frauenbild im Grabe vorüber schwebte, da neigte es sich tiefer über das Pferd hinab, und die Frauengestalt hob hoch die Arme empor, und rief: „Verlornes Kind! mein verlornes Kind!“ Aber die Erscheinung zog ganz über sie weg, und im Verschwinden hörte Adelbert noch das Mägdlein klagend rufen: „Meine Mutter! meine Mutter!“ Als sie aber vorüber waren, rang die Frauengestalt im Grabe die Hände über dem Haupte, und erhob ein klägliches Gewimmer, und rief mit jammernder Stimme nach Hilfe.

Aber Adelbert hatte in seinem Traume recht inniges Mitleid mit der holden Frauengestalt, und trat zu ihr, sie zu trösten. Und sie faßte ihn in ihre Arme, und nannte ihn ihren Sohn. Da wußte Adelbert, warum sie ihm so

[96a]
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Die schwarze Zither
I.

[97] hold erschienen war, denn sie war seine früh verlorene Mutter. Aber ihm dünkte in ihren Armen, er sei wieder ein kleines Kindlein, und sie wiege ihn auf ihrem Schoose, und erzähle ihm ein Mährlein.

Das Mährlein, so sie ihm aber im Traume erzählte, lautete also:

Es war einmal ein Ritter, der hatte ein treues Weib, die pflegte ihm seine zwei Kindlein, ein Knäblein und ein Mägdlein. Aber das Mägdlein war des Ritters Liebling. Da geschah es, daß der Ritter einmal hinausziehen mußte auf eine weite Fahrt, und mit sich nehmen mußte alle seine Mannen und Knappen. Und scheidend reichte er seinem treuen Weibe eine Zither, die war schwarz und eingelegt mit köstlichen Perlen, und als er ihr selbe reichte, sprach er zu ihr: „Wahre mir meine Kindlein wohl, und hüte sie vor allem Ungethüm. Ich habe einen starken Feind, der nach ihnen strebt. Darum nimm die Zither, und so du vor der Burg mit den Kindern dich ergehen willst in freier Luft, vergiß sie nie mit dir zu nehmen. Drohet dir dann aber Gefahr oder den Kindlein, so greife nur getrost in die Saiten, und du bedarfst keines andern Schutzes. Denn die Zither hat für jedes sinnige, stille Gemüth, wie das deinige ist, gefeierte schirmende Kraft.“ Und damit zog der Ritter von dannen. Aber sie pflegte ihrer Kindlein mit Treue. An einem [98] schönen Herbstabende war sie aber mit ihren Kindlein hinausgegangen vor die Burg, und saß da auf der Steinbank unter den Linden, ihren Eheherrn erwartend. Ihre Kindlein aber, beide erst zweijährig, spielten um sie kriechend in dem hohen Grase, und sorglos hatte sie ihrem Spiele die schwarze Zither überlassen, die der Knabe an dem breiten Goldbande, wie einen Wagen, umher zog. Da geschah es, als eben das Knäblein die Zither hinter eine fernstehende Rosenhecke gezogen, daß der Feind des Ritters hinter den Bäumen hervorkam. Und er faßte das spielende Mägdlein, und schwang sich auf sein schwarzes Roß, und ritt mit ihm fliegend von dannen. Aber die Mutter eilte zu spät nach der Zither, und jammerte vergebens ihm nach.

Und selbigen Abend kniete sie betend im einsamsten Winkel des Burghofes bei der Kapelle; da war ihr Gemahl seinen Knappen lange voraus zurückgekommen, und trat vor sie und sprach: „Hast mir meinen Liebling verloren an meinen Feind; – mußt drum hier sterben im grünen Grase.“ Da hieb er ihr mit seinem breiten Schwerte eine tiefe Wunde in den Scheitel bis herein in die Stirne, und sie sank sterbend zu Boden. Als sie aber todt war, begrub er sie an selbiger Stätte neben der Kapellenwand, und schloß den Winkel, da ihr Grab war, mit einer sehr hohen Mauer vom Burghofe ab, noch ehe seine Knappen [99] ihm nachkamen; und die Zither hängte er hoch auf in dem runden Thurme, und vermauerte die Eingänge und verschüttete sie mit den Steinen.

Aber die arme Mutter hat keine Ruhe im Grabe, bis ihr Mägdlein dem finstern Feinde wieder entrissen ist, und der Ritter hat keine Ruhe in seinem Herzen, bis er seinen Liebling wieder sieht, und hat auch dereinst keine Vergebung zu hoffen, bis er auch seinen Knaben für verloren beweint.

Als die Frauengestalt im Grabe diese Mähr geendet hatte, schloß sie ihren Knaben Adelbert an sich, und drückte ihm ihre Lippen auf seinen Mund, und sprach: „Ich weihe dich!“ und als sie Solches gesprochen, versank sie. Aber ihre Lippen waren kalt gewesen, und von ihren Blutnelken war ihm die unterste auf seine Stirne gefallen. Davon erwachte er, und fand sich auf dem Grabhügel. Aber droben im Thurme klangen die Töne noch fort in ihrer seltsamen Weise, und er verstand in ihnen wieder folgende Worte:

Wach, mein Knabe,
Bei dem Grabe:
Klimme zu des Thurmes Gitter,
Nimm die wundervolle Zither!
Knabe mein,
Kannst allein
Dir im Leben,
Mir im Grabe
Süße Gabe,
Kannst allein den ew’gen Frieden geben;

[100]

Kannst allein,
Knabe mein
Von dem Bösen
Deines Vaters Seele lösen.

Da erschrak Adelbert recht in der Tiefe seines Herzens, denn ihm war es klar, daß er in der Mitte des geträumten Mährleins lebe, und daß er allein nur das Mährlein zu Ende zu führen vermöge. Und es fiel ihm schwer auf das Herz, daß er, obgleich unschuldig, durch sein kindisches Spiel Schuld sei, daß seine Mutter schirmlos, sein holdes Zwillingsschwesterlein verloren, und darum den bittern Tod habe erleiden müssen.

Und er stand auf, und versuchte es, an dem äußern Gestein des Thurmes emporzusteigen nach dem Gitterfenster. Aber es gelang ihm ohne Mühe, denn das Gestein war rauh, und bildete sich unter seinen Händen, wie er es faßte, zu völligen Stufen. Und als er die Oeffnung des Gitterfensters erreicht hatte, da sah er an selbem die schwarze Zither hängen an dem Goldbande, und reichte hinein durch die Stäbe. Aber, wehe! – die Stäbe waren zu enge, um den Schrein herdurch zu ziehen. Und er versuchte es, und wandte die Zither aufwärts und wandte sie abwärts, – aber immer vergebens! Da geschah es, daß er mit seinen Fingern die Goldsaiten berührte. Und, siehe! kaum waren sie in hellem Tone erklungen, da öffneten sich die Gitterstäbe, und [101] er zog sie ohne Mühe heraus, und hängte sie an dem Goldbande sich um die Schulter, und kletterte wieder hinab.

Als er aber wieder hinaussteigen wollte über die Mauer nach dem Burghofe, da wandte er sich noch einmal zu dem Grabhügel und sang zu den Tönen der Zither:

Leb’ wohl, du Mütterlein,
Im grünen Hügelein!
Dein Knabe zieht von hinnen,
Dir Ruhe zu gewinnen.
Sollst fürder nicht aus Grabes Ruh
Erwachen, holde Mutter du!
Und bis der Herr die Seinen ruft,
Daß sie ersteh’n aus dunkler Gruft,
Schlaf süß! schlaf süß,
Und träume dich ins Paradies.

Und als er diese Worte gesungen, schwang er sich die hohe Mauer hinauf und hinüber in den Burghof. Dann schlich er sich stille in seine Kammer, und schnallte Sporn und Schwert um. Als er aber hinausgehen wollte, sah er den alten Leuthold in der Vorhalle liegen, und der Mond beschien ihm seine ehrwürdigen Locken, und erleuchtete ihm sein mildes Gesicht. Da gedachte er bei sich: „Der Vater muß dich nun wohl beweinen, als verloren, das ist zu seiner Seele Nutz und Frommen. Aber der alte Mann, der deine zarte Jugend beschützt, und dich getragen und gepflegt mit mehr Liebe, als ein leiblicher Vater thut, der müßte ja trostlos vertrauern, wenn du von hinnen zögest, ohne [102] daß er darum wüßte. Oder wie schön wär es gar, wenn er dich geleitete auf deinen verworrenen Fahrten.“ Darum ließ er sich nieder auf ein Knie vor dem Alten, und rührte die Saiten seiner Zither, und sang dazu:

„Wohlauf, du Alter! die Rößlein gezäumt
Hinab, ungesäumt!
Dein Junkherr ist erwacht,
Will reiten, will reiten zu Nacht!
Will reiten, dein Junkherr, ganz insgeheim,
Und ziehst du nicht mit ihm, er kehrt dir wohl nimmermehr heim.“

Da richtete sich der Alte nachtwandelnd auf, und stieg leise hinab, und schirrte schlafend die beiden Schimmel, und saß mit seinem Junkherr auf, und ritten beide durch die leise geöffnete Burg von dannen in die weite Welt, hinaus aus den engen Thalwindungen. Und als das erwachte Leben sich auf der Finsterburg wieder regte, waren beide schon weit von hinnen gezogen.

Drittes Kapitel.

Wohl saß der finstre Ritter nach etlichen Tagen noch finsterer in der Halle der Finsterburg vor seinem zerschlagenen Steintische, als er endlich durch seine Knappen erfahren, sein Sohn Adelbert sei mit Leuthold verschwunden, und ihre Spur nicht zu finden in den Forsten der Nähe und Ferne. [103] Und von nun an kam noch ein finsterer Geist über ihn, so daß er auch nicht mehr hinaus stürmte in die Nacht des Forstes auf die Jagd der wilden Thiere, wie er doch vorher noch zuweilen gepflegt. Und da saß er in seinen noch kräftigen Mannesjahren schon wie ein sehr schwacher Greis, und kam nicht mehr vor die Burg, und führte ein einsames freud- und thatenleeres trauriges Leben. Da wuchs bald das Gras auf dem Burgwege und unter dem Burgthore, und die Thüren bewegten sich nur schwer in ihren Angeln.


Adelbert und Leuthold saßen aber am dritten Morgen, nachdem sie ausgezogen waren, in dem Schatten eines Buchwaldes, um da zu ruhen. Da sah Leuthold auf einmal aufmerksam seinem Junkherrn ins Gesicht, und sprach: „Ei, Junkherr, was habt Ihr da für einen Fleck auf der Stirne?“ Und Adelbert fuhr sich mit der Hand über die Stirne, vermeinend, er wolle den Fleck wegwischen. Aber Leuthold sprach: „Nein, nein, der Fleck ist nicht weg! Und es ist ja gar ein Blutfleck. Habt Ihr denn Jemanden erschlagen?“ Da ward Adelbert zumal traurig, und sprach: „Ja, es ist fast so. Mein Mütterlein ist meinetwegen gestorben, und ließ mir da auf die Stirne eine Blutnelke fallen aus ihrem Strauß in den Haaren – und den Blutfleck werd’ [104] ich wohl tragen müssen, bis sie ruhig schläft in ihrem Grabe und bis meine Schuld einst völlig gebüßt ist und gesühnt. – Frage mich aber nicht weiter, treuer Leuthold, denn Alles kannst du nicht wissen.“

Da schwieg der alte, treue Diener, und sie saßen bald wieder zu Pferde, und zogen von dannen. Und sie zogen immer nach der Gegend hin, wo die Sonne untergeht. Da geschah es, daß sie eines Tages an einem steilen Felsenhange ankamen, auf dessen Gipfel lag eine große Stadt. Leuthold ging aber auf dem nächsten Fußpfade hinauf, um für seinen Junkherrn eine Herberge zu suchen in der Stadt. Sein Pferd hatte er unten bei Adelbert gelassen am Fuße der Felswand, und Adelbert war auch von seinem müden Rößlein gestiegen, und hatte sich auf der Wiese gelagert im Herbstgrase unweit dem Eingange einer weiten Felsenhöhle, die sich hinter hohem Schilfgrase öffnete. Und wie er gewohnt war, so that er auch jetzt. Er nahm sein süßes Saitenspiel, dem er von Tag zu Tag schönere Lieder und sanftere Töne abzulocken lernte, von dem Rücken, und spielte manch schönes Liedlein im lauen Scheine der Herbstsonne.

Aber er spielte noch nicht lange, da kamen die Rosse schnaubend herbei gelaufen mit gesträubten Mähnen und scheuen Blicken, und bäumten sich, und nur als er ihnen entgegen sang, wurden sie ruhiger und lagerten sich hinter [105] seinem Rücken. Da merkte er wohl, daß ihm ein Ungethüm nahe sein müßte, vor dem die edeln Thiere sich also entsetzten. Und als er umher sah, hörte er es dumpf rauschen in der Felsenhöhle, und sah es sich hervorwälzen in riesengroßer knäuelförmiger Gestalt, und ihm nach wälzten sich noch mehrere kleinere Ungestalten. Als aber der riesengroße Knäuel sich jetzt herausgewälzt hatte an das Tageslicht, da war es ein großer Lindwurm, und die kleinen Ungestalten, so sich ihm nachwälzten, waren die sieben jungen Lindwürmer desselben. Und im Glanze der Abendsonne entwirrte sich ihre ungestalte Bildung. Da gewahrte Adelbert an ihrem ungeheuern Schlangenleibe harte glänzende Schuppen, und ihre Füße waren mit scharfen und langen stahlharten Krallen bewaffnet, und ihr Schwanz endigte in eine pfeilförmige Spitze mit Widerhaken. Aber an des Leibes Seite trugen sie zwei ungeheure Fledermausflügel. Ihre Köpfe waren blau und gelb von Farbe, und glichen von Ansehen einem ungestalten verzerrten Menschengesichte, mit weit vorliegenden Feueraugen. Und wenn sie athmeten, drang aus den weiten Nasenlöchern ein schwarzer Qualm.

Und als sich so die Lindwürmer entwirrt hatten, lagerten sie sich im Halbkreise um Adelbert her, und starrten ihn an mit ihren weit vorliegenden Feueraugen und mit aufgähnenden Rachen voll scharfer spitziger Zähne. Da sah Adelbert, [106] wie die Arbeiter auf den fernen Feldern ihre Geräthe weggeworfen, und in weiten Umkreisen den Felsenhang erstiegen, und den Eingang der Stadt zu erreichen suchten, und wie selbst die Ochsen und Schafe von der Weide liefen, und sich scheu in die Wälder und Ställe flüchteten. Da ward ihm doch auch ein wenig bang um das Herz. Aber er getrauete sich nicht aufzustehen, und von dannen zu fliehen, weil er dann um so gewisser eine Beute der greuelerregenden Brut zu werden befürchtete. Und halb in Angst, halb in Ungewißheit, was er thun solle, spielte er immer noch über die Saiten seiner Zither hin, aber seiner Seele war nicht bewußt, was seine Finger thaten. Da er aber sah, daß die Würmer sich also ruhig um ihn gelagert hatten, und auf die Töne zu horchen schienen, griff er wieder beherzter in die Saiten; und immer aufmerksamer wurden die Würmer. Da faßte Adelbert noch kühneren Muth, und sang zu den Tönen folgendes Lied.

„Saß ein Knab’ am Felsenhange,
Schlug der Saiten Gold;
Kommt aus dunkelm Grottengange
Lindwurm hergerollt.
Hinter ihm die Lindwurmsbrut.
Und dem Knaben sinkt der Muth.
Aber von den gold’nen Saiten
Hört man noch die Töne gleiten,
Und den Zauber ungekannt,
Lockt hervor des Knaben Hand.

[107] Als er so weit in seinem Liede kam, da sah er die Würmer gähnend ihre Rachen aufreißen, und dann schlossen sie noch horchend die Augen. Während dem sang Adelbert aber weiter:

Und der Lindwurm liegt im Kreise,
Um ihn her mit seiner Brut,
Horcht begierig seiner Weise,
Und dem Knaben schwillt der Muth,
Singt sein Lied aus voller Brust. –
Das Gewürm in sel’ger Lust
Schließt der grellen Augen Lieder,
Sinket schnarchend vor ihm nieder –
Zither, klinge fort und fort!
Sei fortan sein Zauberwort!“

Und als er das Lied ausgesungen, da war’s auch so, wie es im Lied heißt. Die Lindwürmer lagen hingesunken in tiefem Schlafe, und schnarchten, und der Giftqualm stieg zuweilen in blauen Flämmchen aus ihren Nasenlöchern empor.

Da kam Leuthold wieder von der Stadt herunter; denn er hatte von den flüchtigen Arbeitern und Hirten gehört, der Lindwurm sei mit seiner Brut aus der Höhle hervorgebrochen, und gewiß habe er schon den fremden Junkherrn mit der Zither verschlungen, der unten ganz nahe an seiner Höhle gesessen. Als aber Leuthold näher herab kam und sah, wie sein Junkherr ruhig und singend in Mitte des giftigen Gewürms saß, und rüstig die Saiten rührte, da rief er ihm in entsetztem Erstaunen zu: „Was, Junkherr? mein [108] Junkherr! was für Gesellen habt Ihr um Euch gesammelt?“ Adelbert aber winkte ihn stille zu sich, und sprach: „Bring Ketten, daß wir die Unholde fesseln im Schlafe!“ Und Leuthold ging hinauf in die Stadt, und brachte der Ketten so viele, als er nur aufzutreiben vermochte. Und während Adelbert von dem Einen der Lindwürmer zum Andern ging, ihm zu seinem tiefen Geschnarche in leisen Tönen ein Schlaflied spielend auf seiner Zither, fesselte Leuthold die Lindwürmer, zuerst den alten Lindwurm, und nach ihm seine Brut.

Und als sie nun alle gefesselt lagen in schweren Eisenketten und noch schwererem Schlafe, sprach Adelbert: „Gehe hinauf zur Stadt, und laß von den Bürgern Holz zusammen bringen, daß wir rings um die Würmer einen Scheiterhaufen bauen, und sie also verbrennen, daß das Land hinfort gesäubert sei von solchem Verderben.“ Und Leuthold ging hinauf in die Stadt. Doch als er Kunde brachte von dem, was er mit seinem Junkherrn gethan, und wie sein Junkherr gedenke, die Würmer nun im Feuer zu tödten, da war ein Jubel unter dem Volke über die Maßen. Denn der Wurm hatte schon vielen Schaden gethan mit seinen Jungen, an Menschen und Heerden, und sie brachten eilig des Holzes eine große Menge zusammen, und bauten einen Scheiterhaufen um die Lindwürmer, und zündeten denselben [109] an, an allen Enden zugleich. Aber die Würmer erwachten erst vom tiefen Schlafe, als die Flammen schon hoch aufschlugen, und über ihnen zusammenflackerten, und versuchten aufzustehen und von dannen zu fliehen. Ehe sie sich aber der Fesseln zu entledigen vermochten, hatten sie schon die Flammen ergriffen, und sie brannten unter heftigem Gebrülle und lautem Schlangengezische, und das Drachenfett schmorete aus ihren Leibern heraus, und floß in einem Strom unter dem Scheiterhaufen hervor.

Da stand Adelbert und sprach: „Nun könnte man ja wohl thun, wie der hörnerne Siegfried, und sich baden in dem Fette, daß man auch hörnern würde, gleich ihm. Ich mag aber kein starker Kriegsheld sein auf Erden, und was ich nicht blos mit dem Saitenspiel und Gesang mir erwerbe, das will ich mit roher Kraft nicht erzwingen!“ Und damit wandte er sich ab zur Stadt, und sein alter Knappe Leuthold mit ihm, daß er ihm die Herberge zeige.

Aber das Volk hatte sich um sie gesammelt, und begleitete sie mit Frohlocken hinauf, und führte sie vor den König des Landes, der in selbiger Stadt seinen Hof hielt. Der König empfing aber den Junkherr mit großen Holden und Ehren, und bot Adelberten mit Leuthold Herberge an in seinem Schlosse, und bat ihn, bei ihm zu bleiben etliche [110] Zeit, daß er ihm für die Wohlthat, die er ihm und dem Lande erwiesen, gebührende Ehre bezeigen möchte.

Solche freundliche, ehrende Ladung nahm Adelbert an, und wohnte fortan in dem Schlosse des Königs.

Viertes Kapitel.

Aber Adelbert und Leuthold waren noch wenige Wochen an dem Hofe des Königs, da waren schon die Blätter von den Bäumen geschüttelt, und die Herbstwinde saußten durch die kahlen Aeste; und noch etliche Wochen, und es war auch schon der Winter da mit seinen kalten Regengüssen, mit Schneegestöber unterbrochen. Da saß Adelbert die trüben Tage mit dem König und seinen Großen und Rathgebern manch schönes Stündlein in der hohen Königshalle mit den Marmorsäulen an dem wärmenden Kamin, und ließ aus seiner Laute einen frühlingshellen Liederstrauß herausblühen, daß Allen, so ihn hörten, das Herz aufschlug, als ob der Frühling mit seinen Blumen und seinen frischen Zweigen und mit seinen Nachtigallen schon hereingekommen wäre in das Land. Und wenn der König sich so recht ergötzt hatte an seinem Saitenspiel, da wandte er sich oft zu Adelbert, und sprach: „O begehrt nur, was Euch auf Erden gefallen mag, Ihr lieblicher Sänger. Ich will es Euch geben, so [111] fern es in meiner Macht steht; aber versprecht mir dagegen bei mir zu bleiben, so lang’ mein schwaches Leben noch währen mag, und erheitert mir mit Euerm Gesange die wenigen übrigen Tage meines Greisenalters.“

So hatte der alte König auch eines Tages zu ihm gesprochen, da antwortete Adelbert: „Wie gerne wollt ich thun, wie Ihr begehret, mein edler königlicher Wirth, sofern es mir nicht eine höhere Pflicht verböte. Von meinem fernern Zuge hängt es ab, meiner Mutter im Grabe Ruhe zu geben, und meines Vaters Seele vom Bösen zu lösen. Darum wäre es Verrath an der Seligkeit der beiden mir so werthen Angehörigen, wenn ich in Eure Forderung willigte. Ja, ich bin daher gesonnen, in nächsten Tagen von hinnen zu ziehen, da die Regen und Schneeschauer des Winters vorüber zu sein scheinen, und die Sonne schon hie und da ein grünes Blättlein aus den Knospen Eurer Gartenbäume hervorlockt.“

Als der König solches vernommen, da drang er nicht ferner mehr in ihn. Aber ihn bei seinem Abschied noch zu ehren, versammelte er alsbald die Ritter seines Landes bei sich an seinem Hofe zu einem feierlichen Waffenspiele. Da war am Eingange des Gartens ein weiter Kampfplatz abgesteckt, an dessen Schranken die Ritter sich versammelten in ihren Waffen. Aber rings an den Stämmen der Lindenbäume, [112] so den Platz umfasseten, hingen die reichen Wappen der Ritter und Kämpfer, das Alter und den edeln Stamm, aus dem sie entsprossen, bezeugend.

Da gedachte der König seinen jungen Sänger zu ehren, und führte ihn hinaus auf den Balkon des Schlosses, der über den Kampfplatz als Schaubühne herüberhing, von den Säulen des Garteneingangs getragen. Und als sie hervortraten, neigten alle die Ritter ihre Lanzen, den König zu begrüßen. Aber der König zeigte auf Adelbert, und sprach zu den Rittern: „Seht hier, Ihr Ritter und Edelknechte! Dieser Jüngling hat Euch alle übertroffen mit all Eurer Ritterherrlichkeit. Er hat allein vollbracht, was Ihr schon zu Hunderten versucht, und doch nicht zu vollbringen vermochtet; er hat den Lindwurm getödtet mit seiner Brut, der dem ganzen Lande verderblich war. Darum ist es billig, daß Ihr ihn auch ehret, als Euern Meister. Und jeder, der solches will, der neige vorüberreitend vor dem Jüngling die Lanze.“

Da ritten Viele vor dem König und vor Adelberten vorüber, und wenn sie vor Adelbert kamen, neigten sie tief ihre Lanzen, und Adelbert erröthete bescheiden bei jedem Gruß der Ritter. Aber Einer kam, das war ein hoher, stattlicher Ritter in schwarzem Harnische, auf schwarzem Schlachtrosse, der ritt vorüber, und sah Adelberten verachtend ins Gesicht, [113] und ritt vorüber ohne zu grüßen. Und der König rief ihm zu: „Ehrest Du so wenig meinen Gast, daß Du ihn nicht Deines Grußes würdigest?“

Aber der Ritter entgegnete trotzig: „Es spreche mein König, ich soll seinen Gast ehren, und wenn’s schon nur ein Knabe, so will ich’s gleich wohl. Doch spricht mein König, ich soll meinen Meister ehren in dem Knaben, so reite ich abermals ohne Grüßen vorüber. Wenn der Knabe ein Mann sein will, und von Männern und Rittern geehrt, so verdiene er das erst im ritterlichen Kampfe, und thu es kund an Männern, was er durch die Kraft seines Saitenspiels vermag gegen die Kraft eines Heldenarms, und nicht an unvernünftigen Bestien, die er in Schlaf singt, und im Schlafe ermordet.“

Da nickte ihm Adelbert freundlich bejahend zu, und die blonden Locken spielten ihm vorn auf der Stirne; und er rief dem trotzigen Ritter hinunter: „Gut, gut! Es geschehe, wie Ihr begehret. Laßt nur das Kampfspiel zu Ende gehn, und mit dem Sieger tret’ ich noch zuletzt in die Schranken.“

Und das Kampfspiel begann, und es ward gehalten mit vieler Pracht in dem Garten des Königs. Und die Helden rannten mit Lanzen und fochten mit Streithämmern, und kämpften mit Schwertern. Aber der trotzige [114] Ritter war immer der Erste in jeder Gattung des Waffenspiels. Und es säumte schon der Abend die Wolken mit röthlichem Scheine und vergoldete die knospenden Zweige der Bäume mit warmem Lichte; da hielt der trotzige Sieger in Mitten der Kampfbahn, und winkte mit der Lanze hinauf und rief: „Nun Junkherrlein, so es dir gefällt, so setze dich auf dein Rößlein, und reite herein in die Schranken. Gib aber hübsch Achtung, daß du vor Angst nicht vom Sattel fallest, ehe ich dich mit der Lanze herabhebe, und über das Geländer hinausschleudere. Aber mich jammert doch dein, ich will den ungleichen Kampf dir meinetwegen erlassen, wenn du es geduldig erträgst, daß ich ohne Grüßen vor dir vorbeireite.“

Darauf sprach Adelbert in seiner Seele: „O, lieb Mütterlein, laß an diesem die Macht deines Saitenspiels kund werden, und meines Gesanges,“ und wollte hinabsteigen. Aber der König sprach zu ihm: „Bleibt hier, lieber Junkherr! bleibt hier. Der trotzige Mann macht mirs selbst ja nicht besser, und ich bin doch sein König. Aber er ist der kundigste und stärkste Fechter meines Landes.“

„Ei,“ sprach Adelbert, „um so eher verdient er, daß ich hinabsteige, und die störrige Kraft zu bezähmen suche, und ihn lehre, daß es noch etwas Höheres gibt, als das rohe Dreinschlagen, vor dem die leibliche Kraft sich in Demuth [115] zu neigen verbunden ist. Wie kann er denn sonst Euer Unterthan sein? Wenn er die Stärke für das Herrlichste hält in dem Menschen, so ist König wer der Stärkste ist, so ist er Euer König, oder dünkt es sich mindestens würdig zu sein.“

Und mit solchen Worten schritt er den Balkon hinab und stieg auf sein Rößlein, und nahm die Zither in seinen Arm, und ritt in die Schranken. Als er aber in die Schranken kam, ritt er auf den trotzigen Ritter zu, und seine Zither mit einigen Griffen versuchend, sprach er zu ihm: „Ihr werdet mir in unserm Kampfe wohl den Vorrang lassen müssen, erst mir den Schlag, und dann ihn selbst erst führen. Denn wenn Ihr mir mein Saitenspiel zerschlagt, so ist’s mit meinem Spiel dahin, und wenn Ihr meinen Leib zerschlagt, so ist’s auch mit meinem Gesange vorbei. So Ihr mich aber beginnen laßt, will ich’s versuchen, ob ich mit meinen Waffen die Euern zu zerbrechen vermag.“

„Ja, ja, singt nur und spielt,“ sagte der Ritter, „für meine Waffen ist mir eben nicht groß bange.“

Und Adelbert hielt ihm gegenüber, und sang erst mit sanfter Stimme ein Gebetlied zu seiner holden Mutter, dann griff er die Saiten Anfangs mit rascher Kraft, und es schien die Begleitung eines Kriegsliedes, das er in Gedanken sang. Aber sein Gegner hielt mit erhöhetem Kriegsmuthe [116] ihm gegenüber, und blickte ihm kampflustig und schlagfertig entgegen. Da bebte der König, und beklagten die Zuschauer den sanften Jüngling. Auch Adelbert griff wieder sanfter und linder in die Saiten, und besänftigte den durch sein voriges Spiel aufgeregten Kriegsmuth in Aller Herzen, selbst in dem Herzen seines trotzigen Gegners. Aber bei seinem Spiel schien er sich nach und nach zu verklären, und seine Locken umwallten ihm im Schimmer der Abendsonne das Haupt rings wie ein goldener Heiligenschein, und ein wunderbares Licht entwallte mit den Tönen den glänzenden Saiten seiner Zither, und umgab ihn mit wunderbarem Glanze, so daß er endlich einer verklärten Engelserscheinung gleich, nur noch über seinem Weißrößlein zu schweben schien. Da sang er zu seinem wunderbaren Spiele endlich folgende einfache Worte:

„Am Quellenrand
Ein Blümlein stand;
Das Blümlein lacht
In Frühlingpracht.
Und groß und schwer
Von Alters her
Ein Felsenstein
Von oben herein
Hoch über die Quelle da hing,
Der achtet das stille Blümlein gering.

Ho, Blümlein, ho!
Was lachst du so?

[117]

Wer achtet dein?
Bist schwach und klein;
Man pflückt dich ab,
Welkst gleich hinab.
Auch ich, auch ich
Zerschmettre wohl dich.
Denn fall ich jetzt auf dich hinab,
Ich tödte dich, schlag dich zumal ins Grab!“

„Du Felsstein, du,
Fall immer zu,
Fall auf mich ab,
Mich schlag ins Grab.
Verweht mein Licht,
Auch dir strahlt’s nicht.
Der Farbe Pracht
An dir drum nicht lacht,
Verderben wohl kannst mich; – doch mein
Bleibt eigen allein der liebliche Schein.“

Adelbert hatte zu diesem unbedeutenden Fabelliede die schönsten Töne hervorgelockt, die in seiner Zither schliefen, und als er geendet hatte, wiederholte er nochmals die ersten Worte des letzten Verses:

„Nun, Felsstein, du!
Fall immer zu!“

Doch der trotzige Ritter gab seinem Pferde die Spornen, und legte seine Lanze ein, und sprengte sein Schwarzroß gegen Adelberten, lenkte aber an ihm vorüber, und seine Lanze splitterte an der Säule des Garteneingangs in Stücke, und die Splitter flogen weit umher. Dann wandte er sich langsam um, [118] und sprach zu Adelberten: „Mein Junkherr, gegen Euch kann ich nicht kämpfen, und vor Euch neigt’ ich gern die Lanze, aber Ihr habt mir sie zersplittert mit Euren Waffen. Nein solch Wunderblümlein, als Ihr seid, will ich großer Fels nicht erdrücken mit meiner rohen Last.“ Und damit sprang er ab von seinem Schlachtroß, und schritt schnell hin, und hielt Adelberten den Bügel, und Adelbert schwang sich fröhlich herab, und die beiden Feinde lagen einander in den Armen.

Da erscholl der lang zurückgehaltene Freudenruf des Königs von dem Balkon, und in tausend Jubelstimmen wiederhallte der Ruf von den Schranken zu dem Könige hinauf. Aber der König kam herab, und führte den Sänger an seiner Rechten, den starken Ritter an seiner Linken hinein, und die übrigen Kampfgenossen folgten ihnen nach in den hohen Saal, wo der festlich geschmückte Abendtisch die Gäste des Königs erwartete.

Fünftes Kapitel.

Als das Mahl aber bald vorüber war, erhob sich Adelbert von seinem Sitze zur Seite des Königs, und ging hinaus in den Garten, und ihm folgte sein vormals trotziger Gegner. Und sie schritten die Gänge von knospenden Bäumen [119] entlang, und setzten sich am Ende des Gartens auf eine steinerne Bank. Der Vollmond leuchtete aber mit klarem Schein auf sie nieder, und der trotzige Ritter sahe Adelberten lange aufmerksam ins Gesicht. Da fragte ihn Adelbert: „Sagt mir lieber Ritter, so ferne es Euch gefällt, vorerst Euern Stamm, und dann auch die Ursache, warum Ihr mich schon etlichemal so genau betrachtet?“

„Mein Name Junkherr,“ antwortete der Ritter, „ist Otto, und um meiner Leibesgröße und Stärke willen, werde ich nur der Groß Ott genannt. Warum ich Euch aber so oft ins Angesicht schauen muß, und meine Augen von Euch kaum abzuwenden vermag, seht! das hat seine eigene Bewandtniß, und daferne Euch eine kurze Mähr, die vielleicht gar ein erdichtetes Mährlein ist, nicht Langeweile macht, so will ich Euch das wohl sagen.“

„Nein mein lieber Groß Ott, erzählt mir immer Eure Mähr,“ sagte Adelbert. „Wo habt Ihr je gehört, daß ein rechter Sänger nicht gerne einer guten Mähr sein Ohr geboten, daferne er nur ein Sänger war recht mit ganzem Gemüthe?“

Da hob Groß Ott an: „Seht man hat bei uns eine Sage von einem starken Ritter, der ein arger Zauberer sein soll, und jetzt tief in Afrika wohnet. Der Zauberer wohnte früher aber hier im Lande, und hatte unter andern wunderbaren [120] Geräthen auch ein gar mächtiges Saitenspiel. Das hatte er auf einem Zuge durch Deutschland mit sich gebracht, und die Leute wollten behaupten, er besitze es auf keine gar rühmliche Weise, indem er es einer edlen Frau dort heimlich entwendet habe, weil er gesehen, welche Wunder sie mit Hülfe der Zither verrichtet, und weil er sich in Besitz dieser Wundermacht zu setzen gedachte. Aber er hatte sich doch betrogen, denn die Zither gewährte ihre Macht nur dann, wenn ihre Saiten von den Fingern eines Menschen berührt wurden, dessen Gemüth sanft und mild, sich keiner vorsetzlichen Uebelthat bewußt war. Daher kam es, daß sie dem bösen Zauberer nie zu Willen war, ja, daß immer sogar das Gegentheil von dem sich ereignete, was er durch sein Spiel und seinen Gesang zu bewirken gehofft. Darum hatte er endlich das Saitenspiel unwillig hingeworfen, und nimmer beachtet. Aber der Sohn der edlen Frau, der er das Kleinod gestohlen, hatte sich aufgemacht, und war ihm nachgezogen, und hatte seine Burg erforscht, und hielt nun vor den hohen Mauern seiner Veste, und forderte ihn auf zum ritterlichen Zweikampf um den Besitz der Wunderzither. Da sandte ihm der Zauberer zuerst allerlei kleine Spuckereien entgegen, und hoffte sie würden den Gegner verschüchtern. Doch der starke Ritter widerstand Allem durch seinen reinen festen Willen, und zerstreute allen Spuck. Da mußte [121] der Ritter endlich selber herauskommen, und zwang ihn die Zither herauszugeben, mit welcher er fröhlich nach Hause zog. Der arge Zauberer suchte noch Rache an ihm zu nehmen, und raubte ihm sein liebstes Kind, das die Mutter nicht sorgsam bewachte, und nahm es mit sich ins Innere von Afrika hinein, wo er nun seine Zaubereien ins Große treibt. Doch, lieber Jungherr, das müßt Ihr wohl wissen, denn Ihr seid ja aus deutschen Landen, und die Geschichte ist von dorther zu uns gekommen. Nur das füge ich noch hinzu, daß der Zauberer nun alle Vollmondsnächte aus seiner fernen Heimath eine Spukgestalt herüber schickt, die die Mutter im Grabe stört und sie verhöhnt. Das, sagt man wenigstens bei uns, sei der schwarze Ritter auf dem Flügelrosse mit der zarten, blassen Jungfrau in dem Arme, der jede Vollmondsnacht auch über unserer Gegend nach Deutschland hinüber zieht. – Nun aber sollt Ihr wissen, edler Junkherr, daß die blasse Jungfrau, die ich selber schon oftmals gesehen, mir so ins Herz geschrieben ist, daß ich ihre liebliche Anmuth gar nicht vergessen kann, und darum entschlossen bin, hinauszuziehen, und sie wo möglich dem schwarzen Zauberritter abzugewinnen, oder in dem Kampfe um sie zu sterben. Denn nur dann hat das Leben noch eine Freude für mich, wenn die blasse Jungfrau meine Hauswirthin ist. Aber warum ich Euch mit solcher Lust und solchem Schmerz schon den [122] ganzen Abend her betrachte, das geschieht darum, weil Ihr ganz das Ebenbild der blassen Jungfrau seid, nur daß Eure Wangen von etwas frischerer Farbe fröhlicher leuchten.“

Adelbert hatte aufmerksam zugehört, und wußte nun wohl, daß Herr Groß Ott ihm die Geschichte seines Vaters und seiner Zither erzählte. Als die Mähr aber zu Ende war, da sprach er: „Ihr habt mir eine theure Kunde gegeben, und ich dank’ Euch herzlich dafür. Ohne Euch wär’ ich vielleicht noch lange zwecklos herumgezogen; nun aber weiß ich, daß ich mich gerade nach Afrika wenden muß, um das Ziel meiner Reise zu erlangen. Denn eben der schwarze Zauberritter mit dem feuerfarbenen Helm ist es, den ich aufsuche, und von dem ich bisher noch keine Spur gefunden.“

„Ja, ja, feuerfarbene Helmfedern trägt er auch in der Spukgestalt auf dem Flügelrosse,“ antwortete Groß Ott. „So kennt Ihr ihn auch schon? so habt Ihr ihn auch schon gesehen?“

„Wohl hab’ ich das!“ erwiderte der Junkherr. „Und die blasse Jungfrau ist mein Zwillingsschwesterlein, die er meiner Mutter geraubt, und meine Zither ist wohl auch die Wunderzither, die mein Vater dem Feinde wieder abgewonnen. Aber ich ziehe jetzt nach ihm, und gedenk ihm auch mein holdes Schwesterlein abzugewinnen, und dann [123] soll sie sofern sie selbst es will, Eure treue Hauswirthin werden, mein edler Kämpfer.“

„O,“ sagte Groß Ott, „da nehmt mich doch mit Euch; wir besiegen den Feind um so eher“ „Es sei so!“ antwortete Adelbert, und schlug seine Hand in Groß Otts dargebotene Rechte.

Sie standen aber noch so, da hörten sie es rauschen durch die Luft, und sagten beide zugleich: „Da kommt das schwarze Flügelroß.“ Und als sie aufschauten, schwebte der Spuk über den Garten daher. Adelbert ergriff aber seine Zither, die noch auf der Steinbank lag, und sang mit lauter Stimme:

     O, traure nicht,
     Du holdes Licht
Mit deiner Wangen blassem Schein!
Ich komme, holdes Schwesterlein,
     Ich löse bald
     Dich aus des schwarzen Zauberers Gewalt.

Und mit noch lauterer Stimme sang er weiter:

     Zieh aus, zieh ein
     Im Mondenschein,
Du schwarzer Zauberritter!
     Zieh heim, zieh hinaus
     Ich find’ dich aus! –
Und hab ich funden dein Zauberschloß.
Ich nehme dir wohl dein Flügelroß.
     Bald läßt in Ruh
     Die Todten du; –
Ich zwinge dich mit der Wunderzither.

[124] Da beflügelte das Flügelroß noch mehr seinen Flug, und zog vollends vorüber. Aber die blasse Jungfrau neigte sich weit herab nach ihnen, und warf vorüberziehend etwas herab. Adelbert neigte sich, und hob einen goldenen Schlüssel auf, und zeigte ihn seinem Freunde, und beide freueten sich des freundlichen siegverheißenden Zeichens.

Sechstes Kapitel.

Als am andern Morgen die Lerchen sich in die Lüfte schwangen, ihr Morgenlied zu singen, hatte Adelbert das seinige schon längst erschallen lassen durch Flur und Wald, und ritt nun schon ferne von der Stadt mit seinem Freunde, Herrn Groß Ott, der Küste des Meeres zu. Dort angelangt, bestiegen sie noch selbigen Tages ein segelfertiges Schiff, das bestimmt war nach Aegypten zu segeln, um eine Ladung Waaren aus jenem Lande zu holen. Ein günstiger Wind blähete die Segel, und man lichtete fröhlich die Anker und stach in die hohe See. Da glitt der Kiel des Schiffs leicht über die Fläche des Wasserspiegels hin, und Adelbert saß mit Herrn Groß Ott auf dem Verdeck, und sah von Tage zu Tage die Küsten des Landes, an denen sie längs hinsegelten, ferner und ferner verschwinden, und bald sahen sie nichts mehr als Wasser und Himmel. Da geschah es eines Morgens, [125] daß sie aufgeweckt wurden von dem lauten Getümmel der Ruderknechte auf dem Verdecke, und als sie hinauftraten, sahen sie den Himmel in Westen von dunkeln Wolken verdeckt, und der Steuermann rief ihnen zu, ein fürchterlicher Sturm sei im Anzuge. Zugleich kräuselten sich auch die Häupter der hohen angeschwollenen Wogen, und fern grollte ein weithin hallender Donner. Da erhob auch der Wind seine Macht und blies in die Wogen, daß sie höher und immer höher heranrauschten mit schäumenden, überschlagenden Häuptern, und an das Schiff anschlugen mit zerstörender Gewalt. Und der Donner rollte näher und näher. Da sank allen den Ruderknechten und Steuerkundigen vollends der Muth. Und als Adelbert sie schmählte um ihrer Ruchlosigkeit willen, da sprach der alte wegkundige Steuermann: „Junkherr, Euer Muth machte mich lachen, wenn man in solcher Lage zu lachen vermöchte. Ich hab’ mein halbes Leben wohl schon auf dem Meere hingebracht, und manchen Sturm schon bestanden, doch hier ist’s heute ein Anderes. Euer Muth kommt von Unkunde der Gefahr, in der wir jeden Augenblick schweben. Denn Ihr wißt wohl nicht, daß wir hier an der Stelle des Meeres sind voller Untiefen und Sandbänke; und so uns nicht Gottes sichtbare Führung leitet, muß unser Schiff zerschellen an irgend einer der Bänke, an welche der Sturm und die Wogen uns schleudern.“

[126] Da antwortete Adelbert: „Ei so muß man denn auch auf Gottes sichtbare Fügung bauen, wenn sie allein nur zu retten vermag. Ohne Vertrauen wird Niemandem geholfen.“

Aber von Minute zu Minute verstärkte sich die Macht des aufgeregten Elementes. Der Himmel war dunkel schwarz umzogen, und die Blitzschlangen fuhren in grellerhellendem Zickzack durch das Dunkel des Gewölbes hernieder auf das durcheinander gerührte brausende Wellenheer. Und der Donner schlug mit fürchterlich lautem Halle nach, von Wolke zu Wolke forthallend durch das weite Gewölbe, und tausendfach gebrochen im dumpfen Wiederhall, fortrollend und in der Ferne nach und nach sich verlierend. Und schneller und immer schneller kehrten die Blitzschläge wieder, und lauter und immer lauter krachte der Donner, und wilder und immer wilder tobte und schäumte die Meeresfluth. Da stieg das Schiff, zur Bergeshöhe von den Wellen gehoben; da sank das Schiff, in Abgrundstiefe von dem Sturme geschleudert, und selbst der Angstruf der Ruderknechte schwieg verstummend in dem gräßlichen Aufruhr. Aber Adelbert hatte sein Saitenspiel gefaßt, und weil er nicht zu stehen vermochte in dem Schwanken, hatte er sich niedergesetzt an dem Hauptmaste des Schiffes, und hatte den Mast mit seinen Füßen umfaßt, und lehnte sich an denselben mit seiner Schulter, ihn mit dem linken Arme umfassend. Und so fing er an in das Krachen [127] des Donners, in das Sturmgebrause, in das Wellengetöse hinauszuspielen auf seiner Zither. Und er rührte die Saiten mit raschen Schlägen, gleich als ob er zürne, und bald lockte er dazwischen beruhigende Töne hervor.

Da schalt ihm der Steuermann von dem Hintertheile des Schiffes herüber, daß er in solchem Sturme sein eiteles Saitenspiel immer noch forttriebe. Aber Adelbert achtete nicht seines Scheltens, und erhob nur kräftiger seine Stimme, aus voller Brust in die Wuth der Elemente wieder hinaus singend:

     Verhall, Verhall,
     Du Donnerschall!
Sanft! Sanft! Ihr wilden Wellen
Mein Schifflein möcht’ zerschellen!
     Ihr Winde, schweigt!
     Ihr Wolken grau,
     Verschwimmt, und zeigt
     Den Himmel blau.
Jetzt in Gefahr
Du hohe Kraft,
Die Alles schafft,
Mach dich uns offenbar.
     Die Gotteshand,
     Die Alles hält,
     Führ’ unzerschellt
     Mein Schifflein zu dem fernen Strand.

Und langsamer und immer langsamer erfolgten die Donnerschläge; und stiller und immer stiller wurde von Augenblick [128] zu Augenblick das Sturmgebrause und das Wellenrauschen; und lichter, und immer lichter wurde das Gewölke; und sanfter und immer sanfter wurde das Schwanken des Schiffes. Und jetzt zerriß das Gewölke und der blaue Himmel lachte hervor, und die Wellen zerrannen und durch die Spiegelfläche gleitete wieder der Kiel, und ferner und immer ferner rollte der Donner, und schon hörte man ihn gar nicht mehr. Da lebte auch der Muth des Steuermanns und der Ruderknechte neu auf, und sie kamen, und dankten ihrem Erretter. Denn sie hatten, trotz Sturmsgesaus und Donnerhall, sein Lied doch vernommen, und nachgebetet in ihren Herzen. Und der Steuermann sprach zu ihm: „Junkherr, jetzt ist’s an Euch, mich der Unwissenheit zu beschuldigen und zu strafen. Denn ich wußte nicht, welch großen Schatz des Vertrauens Ihr in Eurer Seele traget, und daß solch Vertrauen also mächtig wirkt in dem Menschen und aus ihm heraus.“

Da antwortete ihm Adelbert: „Sofern Ihr das nun erkannt habt, so gebet Gott die Ehre, dessen sichtbare Führung uns gerettet hat aus der Gefahr der drohenden Elemente, und laßt uns ein Lied singen, ihm zu Dank und Preis.“ – Und sie stimmten ein Lied an, und das ganze Schiffsvolk sang mit aus voller Kehle zu dem Klange des wunderthätigen Saitenspiels, und das Lied fing an, wie es [129] jetzt noch bei uns ein Lied gibt: Großer Gott, wir loben dich!

Dann segelten sie glücklich um die Pyrenäische Halbinsel herum, durch die Meerenge bei Gibraltar hindurch, an Malta vorüber, gegen die sieben Mündungen des Nilstromes zu. So es ihnen aber auf dieser fernen Fahrt an Lebensmitteln gebrach, warfen sie nur die Netze aus, und wenn Adelbert sein Saitenspiel rührte, kamen die Fische schaarenweise herbeigeschwommen und ließen sich fahen.

Siebentes Kapitel.

So waren sie nach rascher Fahrt gelandet an der vielen Ströme einem, durch die sich der Fluß des fruchtbaren Aegyptens ergießt, und Adelbert und Groß Ott waren mit Adelberts altem Diener Leuthold, der noch immer väterlich für seinen Junkherr besorgt war, und oft mehr als sich gebühren wollte für den herangereiften Jüngling, längs dem Arme des Stromes durch das üppige Nilthal gezogen. Wohl überall hatten sie nach dem fremden Zauberritter gefragt, aber nirgends konnten sie Kunde von ihm bekommen. Da zogen sie denn planlos durch Unter-Aegypten hindurch. Und als sie hinaufkamen an die Stelle, wo der Nil nicht mehr getheilt, sondern in einem breiten Strome fließt, an [130] den schönen Palmenwäldern vorbei, wo hier und da schon auf den kleinen Anhöhen die kleineren Pyramiden sich erheben, da sahen sie zur Rechten hinauf endlich die hohe Cheops-Pyramide stehen, und beschlossen, dahin sich zu wenden. Und sie betraten den langen Damm, der hinauf zur Anhöhe führt, und kamen mit müden Rossen an der Pyramide an. Da standen sie an dem ungeheuern Baue, und staunten daran hinauf, und Groß Ott freute sich höchlich über die Ausführung eines so kühnen Unternehmens.

Indem gewahrte Adelbert im Herumgehen um die Ecke der Pyramide eine Oeffnung in der Mauer, und sprach zu Groß Ott: „O, werther Herr, der Abend dämmert schon im Nilthale, und die Sonne bescheint auch nur noch die Spitze des großen Baues, die Nacht kann nicht fern mehr sein, und bis wir ein wirthliches Dach unter den Fremden fänden, das möchte wohl lange dauern. Auf keinen Fall finden wir ein solch königlich hohes, als das hier. Laßt uns darum die Nacht hier zubringen. Ich gewahre hier einen Eingang, und dafern uns der Nachtthau unter Dach treibet, so können wir ja immer da hineinsteigen.“ Das war recht nach Groß Otts Sinne, und er willigte freudig ein. Da ließen sie ihre Rosse von Leuthold wieder hinabführen in das Thal, damit sie dort ihr Futter fänden; sie selbst aber blieben oben bei der Pyramide. Damit sie aber im Nothfalle [131] Bescheid darin wüßten, stiegen sie gleich hinein. Da führten vier schmälere und ein breiter Gang durch die ungeheuere Steinmasse, und aus den Hallen trat man in geräumige Gemächer.

Sie legten sich aber in dem ersten derselben nieder auf die Erde um da zu ruhen bis an den Tag. Es war aber dunkel um sie, denn die Gemächer hatten kein Licht von außen. Herr Groß Ott war bald eingeschlummert, und lag nun in tiefem, bewußtlosem Schlafe, aber Adelbert war ruhig in seiner Seele, und lag schlaflos auf dem Boden. Da griff er endlich nach seiner Zither, und spielte darauf, und rührte kaum hörbar die Saiten. Und es erhellte sich nach und nach das Gemach, und er sah in den Wänden ringsum hohe Mauernischen, und in diesen standen große Steinsärge. Und er rührte ferner die Saiten, da trat zur Thür herein ein brauner Mensch mit grauem Barte und weitem Mantel, und um den Mantel trug er einen weiten Gürtel mit seltsamen Zeichen. Aber in der Hand hielt er einen Stab, mit welchem er Adelberten winkte, ihm zu folgen. Da führte er ihn hinaus durch die andern Gänge bis an das Ende des geräumigen Ganges. Und hier rührte er mit seinem weißen Stabe eine große Steinplatte. Da bewegte sich selbe, wie eine Thür in ihren Angeln, und öffnete einen verborgenen Gang, der führte eine Strecke gerade aus. Und der [132] Mann winkte Adelberten mit seinem Stabe, ihm weiter zu folgen. Da stiegen sie endlich, wo der Gang sich wendete, viele Stufen weit hinab, und schritten dann wieder auf ebenen Wegen, von Mauergewölben gedeckt, weiter und weiter. Endlich stiegen sie wieder einige Stufen hinauf, und schritten nun durch verworrene Hallen und Gänge in eine kleinere Halle, die war wieder an den Wänden ringsum mit Nischen erbaut, und in den Nischen standen Steinsärge. Aber der Mann mit dem Stabe führte den Jüngling an den größten Steinsarg der mittelsten Nische, und rührte mit seinem Stabe den Deckel desselben. Da hob sich der Deckel, und legte sich zur Seite nieder, und darin lag wunderlich eingehüllt seltsam verziert eine ähnliche Mannsgestalt, die war noch ganz umgeben mit einer braunen Rinde. Und der Braune mit dem grauen Barte rührte die Gestalt mit seinem Stabe, da lös’te sich auch der obere Theil der Rinde mit den seltsamen Verzierungen ab, als die äußere Schale, und darinnen lag ein brauner Mensch. Da sagte der Alte zu Adelberten: „Weck’ ihn! weck’ ihn!“ und deutete auf sein Saitenspiel. Und Adelbert hatte kaum die Saiten gerührt, da richtete sich der Mann aus der braunen Rinde auf, und die beiden Braunen bewillkommten sich herzlich, aber schweigend, und traten in die andere Ecke der Halle, und sprachen insgeheim recht angelegentlich mit einander. Nachdem sie lange Zeit [133] so gesprochen, schieden sie wieder von einander, der eine Braune legte sich nieder in seine braune Hülle und der Deckel mit dem Zeichen legte sich darüber und dann auch der Steindeckel des Sarges. Aber der Alte winkte wieder, und führte Adelberten wieder zurück zu seinem schlafenden Genossen, Herrn Groß Ott. Dann zog er aus seinem weißen Stabe, als aus einer Scheide, einen ähnlichen kleinern Stab, und reichte ihm denselben und sprach: „Zieh stromaufwärts bis dahin, wo er über die Felsen hoch herabstürzt. Dort wirf das Stäblein in den Sand, und folg’ ihm nach; es führt dich.“ Damit schied er nun, und mit ihm verlosch der helle Schein, so bisher ihre Wege erleuchtet hatte. Und Adelbert legte sich auf die Erde neben seinen Genossen. Da sank auch bald der Schlaf auf seine Augen hernieder.

Achtes Kapitel.

Der alte Leuthold war am Morgen schon einigemal um den großen viereckigen Bau herumgewandelt, und freute sich nicht wenig, als sein edler Junkherr aus der Mauer heraustrat. Denn er meinte doch, es müsse ein unheimliches Schlafen sein in solchem ungeheuren Bau, von dem man [134] wohl sehe, daß er zu Nutz der Lebenden nicht gemacht sei; sonst, glaubte er, hätte man den lieben Tageslichte doch auch einen Eingang darein gestattet.

„Wenn gleich das Tageslicht nicht darin leuchtet, lieber Leuthold,“ sprach dagegen Adelbert, „so ist mir doch ein recht erwünschtes Licht in diesem Dunkel aufgegangen, und wo sich Einem das leibliche Auge vor der Dunkelheit schließt, da thut sich das geistige oft desto heller auf.“

„Wie meint Ihr das, mein edler Junkherr?“ fragte Leuthold, und Groß Ott sprach: „Ich versteh Euch selbst nicht, mein trauter Genosse.“

Da erzählte ihnen Adelbert, was ihm diese Nacht begegnet, und daß er nun sicher wisse, wohin er sich zu wenden habe, um den Zauberritter zu finden, und zeigte ihnen sein Stäblein. Da zogen sie fröhlich hinab in das Thal und längs dem Strome hinauf. Die Sonne drückte aber heiß, und Adelbert, noch müde von der gestrigen Fahrt, mehr aber von seiner nächtlichen Wanderung, sank nahe an dem schilfigten Ufer des Nil ermattet nieder in den Schatten einiger Palmen. Groß Ott und Leuthold ruheten bei ihm. Da rauschte es plötzlich durch das Schilf, und hervor schoß eine ungeheuer große Eidechse, die faßte Adelberts Zither am Goldbande, und schleifte sie an demselben fort. Das ersah noch Herr Groß Ott, und schnell hatte er seine Lanze [135] zur Hand, und stieß sie der Eidechse zwischen den spitzigen Zähnen durch den Rachen bis tief in den Schlund, daß sie zuckend und sterbend auf der Erde lag.

Als darauf Adelbert erwachte und das erlegte Ungeheuer näher besah, sprach er: „Nun, fast möcht’ ich solch ein Thier auch einen kleinen Lindwurm nennen, und ich dank’ Euch herzlich, daß Ihr es erlegt habt. Nicht zu gedenken, daß es mich wohl zu verschlingen vermöchte, so ist mir noch mehr, als an meinem Leben, an meinem Saitenspiel gelegen, und um das wär’ ich, ohne Euern Schutz, doch sicher jetzt im Schlafe gekommen.“

„Ei,“ antwortete Groß Ott mit herzlicher Freude: „Die Kraft des Arms ist doch eine gute Gottesgabe, edler Junkherr, wenn sie nicht schon das Höchste im Menschen ist. Und es ist mir lieb, daß solch ein Abenteuer uns aufstieß. Denn bisher war ich an allem meinen Werthe verzweifelt, weil ich sah, wie Ihr Alles mit Euerm Saitenspiele ausrichtet, und viel vollkommener, als ich mirs auszurichten getraute. Ich glaubte endlich ganz, ich sei ein unnützer Gesell, und zieh’ Euch mehr zur Last nach auf Euern Wegen, als zu Nutz und treuer Genossenschaft.“

„Nein, nein, antwortete Adelbert, da seid nur ruhig, mein trauter Genosse, ich werde Eures Armes wohl noch mehr bedürfen, wenn wir einmal zur Stelle sind.“

[136] „Das soll mir lieb sein,“ entgegnete Groß Ott, „denn ich möchte ja gern recht viel dazu thun, die blasse Jungfrau dem argen Zauberritter abzugewinnen.“

Aber sie zogen ferner an der zerfallenen Herrlichkeit manches Palastes, an der untergesunkenen Pracht manches Tempels, mancher vergessenen Stadt vorbei, den Nilstrom hinauf ohne besondern Vorfall. Sie sahen wohl häufig die Krokodile aus dem Schilfe des Stromes hervorschießen, aber Groß Ott erlegte sie jedesmal mit vieler Gewandtheit. Oder wenn auch ein häßliches Nilpferd gegen sie herzu kam, so zog es bald, gezähmt durch Adelberts Saitenspiel, eine Strecke mit ihnen stromaufwärts, oder Groß Otts Lanze bewies auch an ihm seine Kraft.

Da kamen sie endlich an die Stelle, wo der Nil in großer Breite sich eine steile Höhe herabstürzt, daß man in stundenweiter Entfernung schon den Donner der stürzenden Wasser vernimmt. Und als sie den Sturz des mächtigen Stromes lange bewundernd angestaunt hatten, und sich jetzt wieder wegwandten, da warf Adelbert sein weißes Stäblein, das ihm der braune Mann in der Pyramide gegeben, vor sich hin in den Sand. Aber kaum lag das Stäblein auf der Erde, da rührte es sich, und wand sich, und ward zu einer weißen Schlange, die schoß vor ihnen hin, nach der Abendgegend hinüber, und sie folgten ihr. Und die Schlange [137] führte sie einige Tage durch Sand und Steppen, wo sie oft kaum fanden, was sie zu ihrem nothdürftigen Lebensunterhalte brauchten.

Da langten sie endlich aber eines Tages mit ihren Rossen, ermattet und an ihrer letzten Kraft erschöpft, durch Sand und menschenleere Einöden an dem Fuße eines Gebirges an, das sie schon den ganzen Tag vor Augen gehabt und heiß ersehnt hatten, weil sie da frisches Quellwasser zu finden hofften. Allein da zog kein Bach durch frischen Wiesengrund, da plätscherte keine Quelle über die ausgespülten Felsen herunter, wie sie es geträumt hatten, als sie noch fern nur schwach an dem weißglühenden Horizonte die Umrisse des Gebirges vor sich sahen. Denn die Berge waren nicht hoch und unfruchtbarer Sand.

Da warfen sich die Reisenden mißmuthig nieder, wie ihre Rosse, die verschmachtend sich in den heißen Sand gestreckt hatten. Die Schlange ringelte sich aber vor ihnen recht frisch und lebenslustig. Und mit neidischen Augen sah Groß Ott auf sie, und sprach: „Ist es nicht in Wahrheit recht zum Aergern, wenn man selbst der vollen Kraft entbehrt, und verschmachtend am Boden liegt, und sieht ein ander Geschöpflein sich noch lustig regen, und einem zum Hohn ordentlich die überflüssige Kraft spielend verschwenden.“

„Solches kann mich nur erfreuen,“ antwortete Adelbert, [138] und schaute dem Spiele des Schlängleins aufmerksam zu: „Singt noch einmal ein Lied,“ sagte da Leuthold. „Soll ich denn auch noch mit meinem Gesang meine Kraft verschwenden?“ fragte Adelbert. „Gut angewendet ist nicht verschwendet!“ antwortete Leuthold. Und Adelbert faßte seine Zither, und sang:

Du dürres Land!
Hat dich erschaffen Gottes Hand,
So laß uns nicht verderben,
So laß uns nicht hier sterben,
Verschmachtend in dem heißen Sand.

Aber er legte die Zither gleich wieder weg, und sprach: „Die Zunge klebt mir am Gaumen, ich kann nicht singen.“

Da sagte Groß Ott mit schwacher Stimme: „Seht nur das Schlänglein.“ Das Schlänglein hatte sich bei dem Gesange aufgebäumt, und mit klugen Augen zugehört; und nun schoß es pfeilschnell den Sandhügel hinauf. „Es möchte uns vielleicht recht wohl führen,“ antwortete Adelbert. „Wenn wir’s nur vermöchten, ihm zu folgen.“ Aber kaum hatten sie sich noch drein ergeben zu bleiben, so kam auch die Schlange schon wieder herabgeschossen, und brachte, in ihren Zähnen haltend, eine frische saftige Dattelfrucht, und schoß wieder fort. Da theilte Adelbert die Dattelfrucht, und gab einen Theil davon Groß Ott, und einen Theil seinem alten Leuthold. Der wollte die Labung aber nicht annehmen vor [139] seinem Junkherrn. Indem brachte aber die Schlange wieder eine Dattelfrucht, und schoß abermal fort, und trieb dies so lange, bis sie sich alle gelabt hatten, und wieder aufzustehen vermochten. Da sprach Adelbert zu Herrn Groß Ott: „Nun? ist die lebendige Rührigkeit des Geschöpfleins dir noch zum Aerger?“

„O, schweigt! o schweigt!“ antwortete Groß Ott. „Ich weiß wohl, daß ich ein Thor war.“

Nun schritten sie aber ihrem Schlänglein nach, den Hügel hinauf, und als sie oben waren, jauchzten sie freudig, denn unten war ein grünes lachendes Thal mit Dattelbäumen und einem Flüßlein. Und sie eilten hinab, und Groß Ott schöpfte aus dem Flüßlein Wasser in seinen Helm, und trugs wieder hinüber, und erquickte auch ihre Rosse. Dann führten sie die Thiere mit sich, und ließen sie unten weiden, und bald hatten auch sie ihre vorige Freudigkeit wieder erlangt.

Neuntes Kapitel.

Als sie in dem Thale längs dem Flüßlein einige Tage gezogen waren, kamen sie eines Morgens an einen felsigen Berg. Da hielt das Schlänglein mit einemmale vor einer Höhe, die war geschlossen mit einer goldenen Thür. Da [140] fiel Adelberten der goldene Schlüssel ein, den ihm sein Schwesterlein von dem Flügelroß damals heruntergeworfen in des Königs Garten. Und er zog den Schlüssel hervor, und schloß die Thür auf. Aber der Gang durch den Felsen war breit, und jenseits leuchtete schon wieder das Tageslicht herein. Und Adelbert ritt hinein, und ihm folgte Groß Ott und Leuthold. Hinter ihnen schlug aber die Thür wieder mit heftigem Schlage zu. Da fuhr mit einemmale ein ungeheurer Löwe gegen sie, und versperrte ihnen den Ausgang der Höhle. Aber Adelbert griff schnell in die Saiten und sang:

König Leu! König Leu!
Gutem Herrn nur sei getreu.
Laß vom falschen Zauberritter.
Will auch dich von Sklavenketten,
König Löwe dann erretten.
Folge, folge meiner Zither!
     Diene jetzt nur; kehre frei
     Dann in deine Wüstenei.

Aber er hatte noch nicht ausgesungen, da sprang das edle königliche Thier ihm entgegen, mit seinem Schweife wedelnd, und fröhlich an ihm hinauf springend, gleich einem treuen Hunde, der seinen heimkehrenden Herrn begrüßt.

Da rief aber Groß Ott halbzürnend: „Wenn Ihr so friedlich und gütlich Alles abthun wollt, so bin ich ja doch ganz unnütz. Haltet Wort, und laßt mir jetzt auch mein Theil zukommen, wie Ihr versprochen habt.“ Aber indem sie [141] durch die Höhle vollends hinein ritten, antwortete Adelbert: „Ich denke, wir werden hier alle Dreie der Arbeit genug finden, gebt Euch nur zufrieden.“

Als sie aber aus dem Felsengange hinein ritten, fanden sie sich in einem weiten Kreise, der rings umschlossen von senkrecht stehenden Felsen, und mitten im Kreise standen ungeheure Felsmassen, in wunderliche Formen künstlich zusammengestellt. Und das war die Burg des Zauberritters. Aber der Zauberritter hatte auch gehört, wie die goldene Felsenthür zuschlug, und stand oben auf seiner Felsenburg. Da rief er etliche Worte in fremdlautenden Tönen, und ein kleines Stück des Felsen lösete sich vorn ab, und öffnete den Eingang. Und aus demselben hervor sprengten sechs schwarzgeharnischte Ritter auf schwarzen Rossen. Von ihren Helmen aber weheten feuerfarbene Helmbüsche, wie auf dem Helme des Zauberritters. Da schlug Adelbert wohl die Saiten seiner Zither, allein in ihren rasselnden Harnischen schienen die Ritter die Töne nicht zu vernehmen, und sprengten auf Groß Otten zu, den sie für den gefährlichsten Gegner ansahen. Da konnte Groß Otts kräftiger Speerstoß und die Gewalt seines breiten Schwertes sich hinlänglich erproben, und als tüchtig bewähren. Und das that sie auch. Fünf der Ritter, die ihn umringten, fielen von seinen Speerstößen und Schwertschlägen. Aber auch der sechste wäre wohl von seiner [142] Hand noch gefallen; doch der war mit eingelegter Lanze gegen Adelbert gesprengt, und würde diesen wohl durchbohrt haben, da er ohne Harnisch und Schild war. Da hatte aber der alte Leuthold die Worte wahr gemacht, die Adelbert, vor dem Auszuge ihm, da er im Schlafe lag vorgesungen:

„Dein Junkherr reitet ganz insgeheim,
Und ziehst du nicht mit ihm, er kehrt wohl nimmer mehr heim.“

Adelbert wäre wohl nimmer heimgekehrt. Da war aber der alte Leuthold vorgesprengt, und schlug mit seinem Schwerte des Gegners Lanze auf die Seite, und spornte seinen Schimmel, und drang auf den Feind ein, und sein scharfes Schwert hieb er ihm bis tief unter die Halsberge, daß das Blut hervorquoll, und der schwarze Reiter von seinem Rappen herabsank.

Da ergrimmte der Zauberritter, und stampfte mit dem Fuße auf seine Felsburg. Und ein anderes Thor sprang auf, und hervor stürzten zwei Leoparden in weiten Sätzen. Da sang Adelbert ihnen entgegen, und sie wandten sich von ihm und sahen ihn und seine Gefährten von der Seite lauernd an, als wollten sie den Augenblick erwarten, da er schwiege, um sie dann anzufallen mit ihren Tatzen. Da sang Adelbert, da er solches gewahrte, schnell den Ton wechselnd:

[142a]
Grimm Linas Maerchenbuch II 142aa.jpg

Die schwarze Zither
II.

[143]

„König Leu! König Leu!
Diene treu! diene treu.
Packe mir die Riesenkatzen,
Tödte sie mit deinen Tatzen.“

Und der Löwe stürzte hervor, und fiel mit schneller Wuth die Leoparden an. Aber die beiden packten den Löwen, und wären wohl seiner Meister geworden. Doch Groß Ott ritt näher, und spießte den einen derselben; den andern besiegte der Löwe, und zerriß ihn mit seinen Tatzen.

Solches ersehend ergrimmte der Zauberritter noch mehr, und raufte sich von seinen Haaren aus, und warf sie hinab. Und die Haare wurden zu giftigen Schlangen, und die Schlangen ringelten sich, und stellten sich in die Höhe, und sprangen dann plötzlich, wie empor geschnellt, an ihnen hinauf. Da scheuten wohl die Rosse Groß Otts und Leutholds, aber sie selbst hatten ihre Visire herabgezogen, und waren so in ihren Helmen und Harnischen sicher gegen den Biß des giftigen Schlangengewürmes. Aber Adelbert war ihm Preis gegeben. Doch er spielte auf seinem Saitenspiel, und die Schlangen, die ihn berührten, fielen getödtet zu Boden. Und von Leutholds und Groß Otts Klinge getroffen, fiel manche in Stücken wieder herab. Da sah der Zauberritter, daß solche Mittel vergebens wären, und versuchte das letzte, indem er herüber rief: „Ich weiß wohl, was Ihr wollt. Ihr wollt Rosablanka haben, die blasse Jungfrau? Ich [144] will Euch aber den Zugang zu meiner Felsburg schon sperren, daß Euer Keiner es wagen soll, ihr zu nahen. Wozu soll ich länger gegen Euch kämpfen lassen, da ich mich sonst wohl schützen kann.“ Und damit lief er schnell in einem Kreise umher, und hielt einen Stab hinaus, und beschrieb so mit dem Stabe ebenfalls einen weitern Kreis, und riß seine feuerfarbenen Helmfedern herab und streute sie umher. Da schlugen die Flammen um die Burg auf, und bildeten rings einen Flammenhag.

„Ho, ho!“ rief aber Adelbert, „ist das ein Hag, wie der, den Siegfried durchritt? Nun das kann man ja auch einmal versuchen, wie das thut, wenn man schon nicht hörnern ist, wie er war. Muß mir etwas Anderes denn helfen.“ Dann wandte er sich zu Groß Otten, und rief: „Bleib, Geselle mein! Ich hole dir jetzt, wie Siegfried, die Braut.“ Und damit rührte er die Saiten, und gab seinem Weißrößlein die Sporen, und indem er hinsprengte, sang er:

„Ho, stackert, ihr Flammen!
Schlagt rauschend zusammen!
Ho, glühe die Gluth!
Euch höhnet mein Muth.
Ich reite hinein,
Es seufzt ja da drinnen
Mein Schwesterlein;
Das will ich gewinnen
     Aus Zaubers Reich.
     Komm, Jungfrau bleich,

[145]

Die Wangen sollen bald wärmer glühen,
Weiß Rößlein soll bald roth erblühen.
     Sollst nicht mehr reiten im Mondenschein,
     Ho, flackert, ihr Flammen,
     Schlagt um mich zusammen,
          Ich reite doch mitten durch euch hinein.“

Sein Rößlein scheuete sich nicht vor den Flammen, er trieb es mitten hinein, und drinnen hörte man ihn noch die letzten Worte des Liedes singen.

Groß Ott und Leuthold wollten ihm nachreiten, aber ihre Rosse bäumten sich vor dem Flammenhage; und gaben sie ihnen gleichwohl die Sporen, sie scheueten sich doch immer, und warfen die Häupter mit gesträubten Mähnen in die Höhe und bäumten sich zurück.

Da war aber Adelbert ganz durch den Flammenhag gedrungen, und der Zauber war damit auf einmal gelöst.

Die Flammen erloschen alle auf einen Schlag; der Zauberer flog als eine geflügelte Schlange scheu durch die Luft in die unermeßliche Sandwüste Sahara hinüber; die Felsburg zersprang, und Rosablanka saß da unter dem Schatten einer Dattelpalme, bei ihr stand verschüchtert das Flügelpferd. Und Rosablanka stand auf, und ging ihren Rettern entgegegen, und begrüßte ihren Bruder mit Freudenthränen, und begrüßte auch dankend Groß Otten und Leuthold, den alten Diener. Der wußte aber seiner Freuden kein Maaß, und weinte bald und lachte bald laut durch einander.

[146]
Zehntes Kapitel.

Die Heimfahrt war kürzer, als die Ausfahrt. Adelbert gab der holden Schwester Rosablanka sein Weißrößlein, setzte sich, der besorgten Warnung des treuen Leuthold ungeachtet, auf das geflügelte Schwarzroß, das von Tage zu Tage sein voriges spukähnliches Ansehen unter seinem neuen Herrn verlor, und sich immer mehr und mehr in majestätischer Herrlichkeit zeigte, als erhole es sich unter seinen Händen von lang erduldetem Mißbrauch.

Sie waren schon in Groß Otts Vaterland gekommen, und zogen nun in die Stadt ein, da Adelbert mit Leuthold den Lindwurm erlegt hatte mit seiner Brut. Da kam aber das Volk zu Haufen zu Adelbert, und grüßten ihn, als seinen Retter. Und die Aeltesten der Stadt und des Reiches kamen auch, und brachten ihm die Krone ihres Königs, der in der Zeit verstorben war, und sterbend sein Reich in Adelbertens Hand gelegt wissen wollte. Aber Adelbert sprach: „Ziehet mit mir in meine Heimath, dort will ich für Euer Reich sorgen. Jetzt liegt mir erst noch andere Sorge ob.“ Und sie zogen mit ihm in seine Heimath.

[147] Da ertönte eines Tages wieder der Burgweg zur Finsterburg von Rosseshufen, und es klopfte an den Thoren der Burg. Und der finstere Ritter rief freudig bewegt aus seiner Halle: „Ihr Knappen, öffnet die Thore, entweder der Tod will herein, und meinem finstern Leben ein Ende machen, oder ist’s gar noch eine Freudenpost, die meiner wartet.“

Aber die Knappen kamen wieder, und riefen den Ritter hinab in den Burghof. Und der Ritter stieg, unterstützt von ihnen, die Wendeltreppe hinunter, und trat zum Thore hinaus in den Hof. Da hatte aber Adelbert schon hinten einen Eingang brechen lassen durch die hohe Mauer zu der Stelle, da seiner Mutter Grab war. Und die Diener führten den wankenden Vater hinein. Da kniete Rosablanka bei dem Grabe, und Adelbert auf der andern Seite, und beteten. Als aber Vater Arbogast hereintrat, sank er zusammen, und rief: „O, die Stelle meines verborgenen Verbrechens! Hier hab’ ich Eure Mutter erschlagen! Rosablanka! Adelbert! meine Kinder, vergebt mir!“

„Vergeben! Alles!“ riefen da seine beiden Kinder, und lagen in seinen Armen. „Der Himmel hat Alles wieder wohlgemacht!“ sagte Adelbert. „Wie immer!“ setzte Leuthold hinzu: „Und der Blutfleck, mein edler Junkherr, ist auch verloschen auf Eurer Stirn.“

[148] Dann führte Adelbert seinen treuen Genossen, der schweigend fern stand, herzu und sprach: „Vater, wenn Ihr Eure Rosablanka einem edeln Manne zur Hauswirthin geben wollt, so gebt sie diesem.“ Und Arbogast legte Rosablankens Hand in die Hand des edeln Groß Ott, und sprach: „der Himmel segne Euch!“

Adelbert winkte aber nun auch die Aeltesten, so ihm aus der Stadt mit der Königskrone gefolgt waren, herbei, und zeigte auf seinen treuen Genossen und seine Schwester, und sprach: „Sehet hier Euern König und Eure Königin!“ und nahm ihnen die Krone ab, und setzte sie Herrn Groß Ott auf. Da neigten sich die Aeltesten, und sprachen: „Heil unserm König! Heil unsrer Königin! Heil Euch!“

Da sprach Arbogast mit schwacher Stimme: „Wohl hab’ ich’s gewußt, als Ihr an der Thür klopftet, daß der Tod käme, oder eine große Freudenpost. Es ist, glaub’ ich, beides angekommen. Die Freudenpost brachtet Ihr selber. Der Tod aber kommt auch noch. Adelbert, singe mir ein Schlaflied.“

Da spielte Adelbert ganz sanft über die Saiten seiner schwarzen Zither, und sang:

„Es kommt uns einer der bleibt nicht aus,
     Ein gar verschiedner Bote!
Und sicher ist man in keinem Haus
     Vor ihm, vor dem Tode.
          Dort ruft er wild,
          Dort winkt er mild; –
Und wo er ruft, und wo er winkt,
     Ihm Einer in die Arme sinkt.

[149]

     Den führt er in die ewige Pein,
     Und den ins Paradies hinein.
Du hast gebüßt, du bist gesühnt, –
Wohl, dir dein Hoffnungszweig ergrünt:
     Vergebung darfst du hoffen,
     Das Paradies ist offen.“

Und als die letzten Töne verklungen waren, war mit ihnen Arbogasts Seele ins Paradies geflogen. Adelbert und Groß Ott aber begruben ihn neben dem Grabe seiner Gemahlin, Frau Gertrud. Darauf zog Groß Ott mit der blassen Rosablanka, als seiner Hauswirthin, in sein Königreich, und es geschah auch an ihr, wie Adelbert gesungen hatte; die weiße Rose erblühete bald völlig zur rothen. Auf der Finsterburg stiftete Adelbert aber ein Kloster, das von vielen frommen Männern bewohnt wurde, die für das Seelenheil seines Vaters beteten und seiner Mutter. Und bei ihnen blieb der alte Leuthold, und betete mit ihnen bis an sein Ende. Da schwebte keine Spukgestalt mehr über dem Grabe hin, und Frau Gertrud schlief ruhig fortan in ihrem Mooshügel.

Als Adelbert aber so Alles besorgt hatte, setzte er sich auf sein Flügelpferd, und nahm seine Zither, und spielte eine freudige Weise auf den Saiten, und sang dazu folgende Worte:

     „All’ ist das Irdische bestellt,
     Hier unten nichts mich fürder hält.
     So fahre wohl du eitle Welt!
Was kannst, was kannst du geben?
Nach oben geht mein Streben,
Herr, laß hinauf mich schweben,
     Hinauf! hinauf,
     In der Sterne Lauf!
Dort erst beginnt mein Leben.“

[150] Und als er das Lied gesungen, hob sich in Flügelroß mit ihm, und verschwand hoch oben in der unendlichen Höhe.


Es wollen Viele sagen, das Flügelroß sei wieder herabgekommen, und mancher edle Sänger habe sich von ihm durch die Wolken tragen lassen, und es geschehe noch zuweilen. Andere glauben, die schwarze Zither sei wieder gefunden. – Glaub’ es, wer da will. Mag wohl Einer noch ein Flügelroß reiten, mag Einer auf einer schwarzen Zither spielen, – das rechte Flügelpferd und die rechte Zither hat er doch nicht. Die hat der Sänger-Jüngling mit hinauf genommen, und reitet noch auf dem Pferde von Stern zu Stern, und spielt noch auf der Zither. Und wenn ihn denn manchmal in Träumen Einer droben sieht oder hört, so glaubt der Thor dann erwachend, er sei es selber, er habe selber auf dem Flügelpferde die entzückende Fahrt gemacht durch den heiligen Sternhimmel, und der Zither die wundervollen Klänge abgelockt.

Wir wissen es aber besser, denn wir wissen wohl, daß es unser Adelbert war, und sonst kein Anderer, und daß des Träumers Lieder, die er uns denn wohl wachend auch noch nachsingt, nur schwache Nachklänge sind von den Liedern und Tönen, die er in seligen Träumen von droben herabklingen hörte.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: uud