Die stumme Signora

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Textdaten
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Autor: Karl Wartenburg
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Titel: Die stumme Signora
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aus: Die Gartenlaube, Heft 29–30, S. 481–484, 497–500
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[481]
Die stumme Signora.
Erinnerungsblatt aus der Mappe eines ehemaligen Leipziger Studenten.
Von Karl Wartenburg.
1.

Eine der interessantesten Straßen Leipzigs ist der Brühl mit seinen zahllosen Gasthöfen zweiten und dritten Ranges, seinen Trödlerläden und polnischen Juden, und zu den interessantesten Häusern in diesem alten Brühl gehörte im Anfang der fünfziger Jahre dieses Jahrhunderts der blaue Karpfen oder die Rauchwaarenhalle, ein großes weitläufiges Gebäude mit einem tiefen düsteren Hof. Das Haus liegt fast unmittelbar neben der altbekannten jüdischen Garküche „zum Tiger“ und war zu jener Zeit eine Art Karawanserai, in welchem Leute aus aller Herrn Länder Unterkommen suchten und fanden. Besonders beliebt war die Rauchwaarenhalle als Absteigequartier der polnischen Israeliten. Doch nicht nur Bekenner des alten Testamentes, auch Christen aller Glaubensbekenntnisse logirten in dem Hause, dessen erste vordere Etage mit dem linken Seitenflügel im Hofe ein Restaurateur gepachtet hatte, der die Menge der kleinen Zimmer an Fremde vermiethete. Aber ich muß gestehen, daß abgesehen von der Religion auch noch ein anderer großer Unterschied zwischen den jüdischen und christlichen Miethswohnern, die in der Rauchwaarenhalle hausten, bestand. Die polnischen Juden, die dort einkehrten, waren zwar alle in ihrer äußeren Erscheinung nicht sehr elegant, aber sonst wohlgestellte Leute mit vollen Geldkatzen, während meine christlichen Glaubensgenossen oft nicht viel properer in ihrem äußeren Menschen, aber in der Regel bedeutend zahlungsunfähiger waren. Die Mehrzahl waren höhere Vagabonden, überfirnißte Bummler, verkommene Künstler, engagementslose, verlüderte Schauspieler dritten und vierten Ranges, Spieler von Profession, oft noch zweifelhaftere Existenzen. Alle diese Herrschaften machten keine Ansprüche auf großen Comfort, sondern sahen vielmehr auf eine wohlfeile Miethe und eine gewisse Verborgenheit, die sie hier auch genossen. Die Leipziger Polizei, die damals von dem Hofrath Stengel geleitet wurde, schien die Rauchwaarenhalle als eine Art Freihafen zu betrachten, in welchem sie den schiffbrüchigen Passagieren des Lebens das Einlaufen und ruhigen Aufenthalt gestattete – vielleicht aus höheren polizeilichen Rücksichten. Giebt es ja auch in anderen Großstädten solche Sammelpunkte der verlorenen Kinder, welche von den Sicherheitsbehörden genau gekannt sind, aber geduldet werden, weil sie unter Umständen sehr nützlich für criminalpolizeiliche Zwecke sind.

Die respectabelsten Hausgenossen in diesem Flügel der Rauchwaarenhalle waren unstreitig wir Drei: mein Stubenbursche Georg Alt aus Coburg, Student der Medicin, ich und mein [482] Tiras, ein schöner, großer, starker englischer Wasserhund. Tiras war ein prächtiges Thier, klug, discret, tapfer und von einer rührenden Treue, die nur einmal nicht Stand hielt, als ihn die Liebe zu einer schönen Hündin im Besitze des Fürsten L.-E. fesselte, der zu Gefallen er sich von mir trennte. Dicht neben uns, die wir am Ende eines langen, düsteren Corridors wohnten, logirte ein alter, eisgrauer Jude, der den sonderbaren Namen Katzenellenbogen führte. Er war aus Lemberg in Galizien, ein kleines, vertrocknetes Männchen, in schwarzseidenem glänzendem Talar, der immer nach Zwiebeln roch, und trieb einen Handel mit Juwelen und feinem Pelzwerk. Er hatte seinen Wohnsitz im blauen Karpfen, (so hieß früher die Rauchwaarenhalle) genommen und schien viel Geld zu verdienen, lebte aber dabei äußerst sparsam. Wenn ich noch erwähne, daß dieses interessante Gebäude einen immer trunkenen Hausmann hatte und daß die Rauchwaarenhalle insofern dem Meere ähnelte, als sie Ebbe und Fluth hatte, so habe ich Alles erwähnt, was zu seiner Charakterisirung nöthig ist. Die Ebbe trat nach den Messen ein, zu welcher Zeit immer einige der Zimmer leer standen; während der Messe aber war Hochfluth und die Rauchwaarenhalle von Passagieren überfüllt wie ein portugiesisches Sclavenschiff …

Auf derselben Seite des Brühls, nur am obersten Ende, unweit des alten Stadttheaters, lag ein anderes in seiner Art auch eigenthümliches Local: das Café chinois. Es existirt heute ebensowenig mehr als die Rauchwaarenhalle in ihrer früheren Gestalt, und wir können daher von dem Local mit jener objectiven Unbefangenheit sprechen, die der Geschichtserzähler nicht entbehren kann, wenn er treu schildern will. Das Café chinois war damals ein Ort, der in gewisser Beziehung an den Eingang der Hölle in Dante’s „Göttlicher Komödie“ erinnerte. Jedem der hier arglos Eintretenden hätte man zurufen mögen: „Die Ihr hier eintretet, lasset Eure Portemonnaies draußen!“ Außer einigen Studenten, die sich abgeschlossen von der übrigen Gesellschaft hielten, verkehrten in dem Café meistens Männer mit feinem Rock und durchlöchertem Gewissen, Spieler, Wüstlinge, reiche Müßiggänger, zu welchen sich einige wenige Schauspieler gesellten. Wehe dem Unerfahrenen, der in die Hände der Spieler dieses Cafés fiel, die hier in mitternächtiger Stunde Bank hielten! Er konnte sicher sein, beim Nachhausegehen den Groschen nicht mehr zu haben, den er seinem Portier für das Aufschließen der Thür geben mußte! Glücklich, wenn er dann einen Hausmann besaß wie der durstige Flickschuster in der Rauchwaarenhalle war, der sich in der Regel Abends gegen acht Uhr in Branntwein betrank und das Zuschließen vergaß …

Es war also im November 185* zur Zeit der Ebbe in der Rauchwaarenhalle. Leer und öde standen die Zimmer in unserm langen, düstern Corridor; Tiras hatte Platz für die Rattenjagd, die er öfters in diesem Gange trieb. Wir und der kleine alte Katzenellenbogen, der Juwelen- und Pelzhändler mit den eisgrauen Löckchen, die unter der runden schwarzen Sammetkappe hervorquollen, waren jetzt die einzigen Miethsleute. Ich brachte die langen Abende meistens allein zu Hause zu, Pandekten studirend, während Freund Georg entweder auf die Kneipe oder in’s Theater und von da in’s Café chinois ging, wo sich, wie schon oben bemerkt, ein kleiner studentischer Kreis, den literarische Zwecke verbanden – sie nannten sich die Pleißenbündner – mehrmals in der Woche versammelte. So saß ich auch eines Abends allein bei der Lampe, von der Pfordten’s Pandektenheft vor mir, das ich in jenem schönen Sommercollegium nachgeschrieben, in welchem der spätere königlich bairische Premierminister noch ein bescheidener Professor in Leipzig war. Tiras saß in der Nähe des Ofens, den großen, dicken, braunen Kopf auf den Teppich gestreckt, den er nur erhob, wenn eine nachzüglerische Fliege, die dem Herbst noch nicht zum Opfer gefallen, zudringlich seine Ohren umsummte. Es war ein schöner, ruhiger Abend, kalt und neblig, aber trocken, der Himmel leicht bewölkt und vom Neumond schwach beleuchtet. Von den Berlin-Magdeburger und Dresdener Bahnhöfen schrillte das Pfeifen der ankommenden Dampfzüge herüber. Das war aber auch das einzige Zeichen des Lebens, welches ich hörte. Sonst war Alles still und öde um mich her. Diese Ruhe, die Wärme des Zimmers, vielleicht auch das Studium der Servitutenlehre übten schließlich eine einschläfernde Wirkung aus. Ich hörte noch, daß es elf Uhr schlug, ich vernahm noch das Pfeifen der Locomotive, die den letzten Dresdener Zug brachte, und dann schlief ich mit Tiras um die Wette. Ich weiß nicht, wie lange ich geschlafen habe, aber plötzlich weckte mich ein wüthendes Gebell; ich fahre empor, meine Lampe brennt düster glimmend und vor mir steht ein großer Mann mit blassem Gesicht, schwarzem Haar und Locken, den bloßen, weißen, kräftigen Nacken von einem rothen Hemde umschlossen, über welches er einen Pelz geworfen hatte, eine Kerze in der Linken, während er sich mit der Rechten mühsam des Hundes erwehrte, der seine Tatzen auf seine Schultern gelegt und ihn gestellt hatte. Sobald der Hund mich wieder sah, verstummte sein Gebell und seine großen braunen Augen richteten sich wie fragend auf mich: „Soll ich dem Menschen da die Gurgel zerreißen?“ Auch der Fremde war über die Attaque in zorniger Aufregung, seine Augen schossen einen zornigen Wuthblick auf den Hund. Ich rief Tiras zurück; knurrend legte er sich zu meinen Füßen.

Der Fremde entschuldigte sich wegen seines nächtlichen Eindringens in das Zimmer in fremd klingendem, aber ganz gut verständlichem Deutsch. Er sei in der Nacht angekommen mit seiner Frau. Die Signora – er gebrauchte dann immer diesen Ausdruck, wenn er von ihr sprach – sei krank geworden; er habe den Wirth herausgeklingelt, der habe ihm gesagt, daß nebenan in Nr. 14 ein Doctor wohne, und nun komme er und bitte um Beistand. Die letzten Worte sprach er zögernd und mit einem zweifelnden Blick. Er hatte sich jedenfalls einen weniger jugendlichen Arzt vorgestellt und zum Ueberfluß hatte er sich in mir geirrt; der Wirth, welcher jeden bei ihm länger als ein halbes Jahr wohnenden Studenten zum Doctor avanciren ließ, hatte Georg gemeint, der immer noch nicht zu Hause war. Da hörte ich Schritte auf dem Gange und Herrn von Mühler’s, des Cultusministers, lustiges Lied; „Grad’ aus dem Wirthshaus komm’ ich heraus, Straße, wie wunderlich siehst du mir aus.“ Das war Georg.

„Das ist der Doctor …,“ sagte ich lächelnd zu dem Fremden, den Georg überrascht anblickte. Ein paar Worte erklärten meinem Freunde die Sache.

„Ach,“ lachte er, „was wird es weiter sein? Ihre Frau Gemahlin wird sich erkältet haben in den luftigen, ungeheizten Coupés. Hier haben Sie etwas Rum und meine Kaffeemaschine, da ist Zucker, brauen Sie der Patientin ein Glas Grog, und ich versichere Ihnen, sie wird morgen gesund wie ein Fisch sein.“

Der Fremde nahm die sonderbare Arznei, bedankte sich höflichst und ging.

„Ein eigenthümlicher Kauz,“ sagte Georg, als sich die Thür hinter dem Fremden geschlossen hatte, und durchschritt dabei lebhaft das Zimmer, mit einem Mensurschläger Lufthiebe austheilend, „er hat ein Gesicht, das zum Aufbrummen förmlich einladet. Diese giftigen schwarzen Augen, dieser höhnische Zug um den Mund, und doch liegt auch eine gewisse Schönheit in dem blassen Gesicht …“

„Aber diese niedrige Stirn und das hervortretende Kinn,“ fiel ich ein; „er sieht aus wie ein verkörperter berühmter Criminalfall, eine cause célèbre.

„Wahrhaftig, Du hast Recht,“ lachte mein Freund, „aber neugierig bin ich doch auf Deine Signora; wenn die Herrschaften morgen noch da sind, so mache ich ihr einen Besuch und frage, wie ihr mein Grog-Recept bekommen ist. … Aber jetzt wollen wir schlafen, Du weißt doch, daß morgen Specht mit den Meißner Corpsburschen die Säbelpaukerei in Schleußig hat, und daß ich Specht secundire.“

Am andern Morgen hatten wir über der Paukerei, die in einem Gasthofssaale des Dorfes Schleußig vor sich ging und bei welcher der Corpsbursche gründlich abgeführt wurde mit einem sehr unangenehmen Schmiß quer über das Gesicht, den Fremden sammt seiner Signora vergessen und keiner von uns Beiden dachte wieder an den nächtlichen Besuch, zumal da wir auch von den Fremden weder etwas sahen noch hörten. Vielleicht drei Tage später kam Georg eines Abends in lebhafter Erregung nach Hause.

„Weißt Du, wen ich im Café chinois getroffen habe?“ rief er. „Den Fremden mit seiner Signora. Aber welch ein Weib! Doch nein, Weib kann ich sie nicht nennen, das giebt ein falsches Bild. Eine Madonna dolorosa, eine schmerzensreiche Jungfrau …“

„Genug, genug,“ unterbrach ich ihn, „ich kenne diese Uebertreibungen der Verliebten. Hast Du mit ihr gesprochen?“

„Nein, sie sah so traurig, so tieftraurig aus, daß ich sie nicht anzureden wagte. Auch mit keinem Anderen habe ich sie sprechen sehen.“ [483] „Auch nicht mit ihrem Manne?“

„Nenne den Menschen nicht so,“ fuhr Georg auf; „wie der Kerl so neben ihr saß mit dem blassen Gesichte, dem schwarzen Barte und den heftig funkelnden dunklen Augen, deren Blicke scharf wie Dolchspitzen sind, kam er mir vor wie ein Vampyr, der sich ein Opfer gefangen hat, dem er das Herzblut aussaugt, oder wie Satan, der eine verlorene Engelseele mit sich herumschleppt.“

Ich zuckte die Achseln.

„Dummes Zeug; wurde heute Abend nicht ‚Robert der Teufel‘ im Stadttheater gegeben? Nun siehst Du, Du hast Bertram und Alice in den Beiden gesehen.“

„Nein, nein, mach’ keine schlechten Witze, er macht ganz den Eindruck, wie ich ihn Dir schilderte. Was der Mensch im Café chinois wollte? Er schien Niemand dort zu kennen.“

„Wo das Aas ist, da sammeln sich die Adler, oder auch die Raben. Er wird dort bald genug Bekannte finden.“

„Thue mir den Gefallen und gehe morgen Abend mit mir in’s Café,“ bat Georg, „die Fremden werden gewiß dort sein.“

Spät Abends am anderen Tage kam ich in das Café chinois. Georg war schon da, und an dem runden Spieltische im Hintergrunde sah ich auch den Fremden und neben ihm in einen weißen Ueberwurf gehüllt, still, stumm und unbeweglich ein Frauenbild von einer wunderbar schwermüthigen Schönheit. Die Formen ihrer Gestalt ließen sich wegen des Ueberwurfs nur undeutlich erkennen. Doch konnte man sehen, daß sie von mittlerer Größe war. Der Kopf erinnerte an eine Antike. Er war von dichten Flechten wie von glänzenden, schwarzen Schlangen umwunden. Die dunklen Augen mit den langen Wimpern blickten traurig und klagend in’s Weite. Der Mund war festgeschlossen, das marmorblasse Gesicht mit der sanften Stirn regungslos wie das einer Statue. Ihr Begleiter spielte, wie mir schien, nicht mit glücklichem Erfolg. Der Bankhalter war ein alter, in Leipzig wohlbekannter pensionirter Schauspieler, der nebenbei, wie man sich erzählte, ein Gelddarlehnsgeschäft trieb, ein geriebener Fuchs, der hinter seiner goldenen Brille mit mephistophelischem Blicke die Spieler musterte. Ich sah, wie der Fremde wiederholt verlor, wie er seine Brieftasche herausnahm und eine Anzahl österreichischer Banknoten auf den Tisch legte, die aber bald verschwunden waren. Seine Zähne, die weiß und scharf wie die eines Wolfes waren, nagten an seiner Unterlippe, und wenn der Bankhalter gewann und den Einsatz einstrich, was häufig vorkam, flog ein Blick wie ein scharfes Messer hinüber zu dem glücklichen Spieler.

Indessen hatte sich Georg dem Platze der Signora genähert. Seine Augen ruhten leidenschaftlich auf dem schönen jungen Wesen. Er beugte sich vor, ich sah, wie er einige Worte, die ich aber nicht verstehen konnte, an sie richtete. Sie schwieg und verharrte in ihrer unbeweglichen Stellung, nicht einmal den Kopf wandte sie seitwärts. Georg wurde lebhafter, dringender. Diese stumme Kälte schreckte ihn nicht ab, sie entflammte ihn nur noch mehr. Doch auch auf seine neuen Versuche, eine Unterhaltung anzuknüpfen, antwortete ihm dasselbe hartnäckige Schweigen. Aber ich bemerkte, wie ihre Augen und Züge einen Ausdruck der Furcht und Angst annahmen und wie ein scheuer flüchtiger Blick den Mann an ihrer Seite streifte. Der Fremde war aber so mit dem Spiel beschäftigt, daß er für das schöne junge Weib an seiner Seite nicht einen Gedanken zu haben schien – und doch war es mir wieder, als lausche er auf jedes Wort, das Georg der Dame zuraunte. Plötzlich brach der Fremde auf, so rasch und ungestüm, daß es seinen Mitspielern auffiel. Er reichte seiner Frau – sie mußte es wohl sein – den Arm und verließ, ohne uns weiter zu beachten, das Café. Georg wollte ihm folgen. Ich hielt ihn zurück.

„Es ist nicht möglich, daß sie seine Frau ist,“ sagte er, „eine Taube kann sich nicht mit einem Geier paaren. Ich weiß nicht, in welchem Verhältniß sie zu ihm steht, aber sein Weib ist sie nicht.“

Ich gab Georg den Rath, sich vor dem Fremden in Acht zu nehmen.

„Ach was,“ rief er, „ich fürchte mich nicht und wenn er ein zehnfacher Othello ist, ich hasse ihn, obwohl er mir nichts zu Leide gethan, ich könnte mich mit ihm über’s Taschentuch schießen.“

Ich zuckte die Achseln und nahm mir vor, Georg zu überwachen.

Am andern Abend waren wir wieder im Café chinois, und wie wir es vermuthet, auf dem nämlichen Platze, neben sich die Signora, saß unser Nachbar vom Corridor in der Rauchwaarenhalle. Heute versuchte Georg es ernstlich, die Signora zum Reden zu bringen. Er erinnerte sie an die Nacht ihrer Ankunft, an ihr Unwohlsein, an das studentische Recept, das er ihr verordnet, er frug wie es ihr bekommen sei, er entschuldigte sich, daß er nicht des andern Tages seine Patientin besucht und sich nach ihrem Befinden erkundigt habe, er frug, warum man sie nicht sehe, warum immer die Thür verschlossen sei – – aber Alles war vergebens. Sie blieb so stumm, als spreche er zu einer Marmorstatue, und nur der Ausdruck ihres Gesichts verrieth die innere Unruhe und Angst, die sie bei den Worten meines Freundes empfand.

Da wandte sich plötzlich der Fremde, der bis dahin ganz in das Spiel vertieft zu sein schien, nach Georg um und mit einem Blicke, den ich nicht beschreiben kann, der mir aber unvergeßlich ist, so giftig, drohend und grausam war er, sagte er zu Georg:

„Bemühen Sie sich nicht, mein Herr die Signora ist stumm und zuweilen ist das eine Krankheit, die ansteckt, hüten Sie sich, daß Sie nicht auch stumm werden.“

Ich fürchtete einen leidenschaftlichen Ausbruch meines Freundes und trat einen Schritt näher. Aber Georg blieb ruhig und antwortete nur mit einem verächtlichen Lächeln, das aber noch beleidigender war, als ein zorniges Aufwallen:

„Verstehen Sie vielleicht die Kunst, die Leute stumm zu machen?“

Der Fremde fuhr zusammen, er wurde noch bleicher, als er ohnehin schon war; der Signora stockte der Athem, ihre Augen hafteten auf dem Boden. Aber die Erregung des Fremden dauerte nur einen Moment. Mit einem nachlässigen Achselzucken wandte er sich wieder dem Spiele zu. Doch nicht lange. Er warf die Karten weg, schützte gegen seine Mitspieler ein plötzliches Unwohlsein vor und verließ mit der stummen Signora, wie wir die Dame von nun an unter uns nannten, das Café.

Georg war in heftiger Erregung. Er blieb dabei, daß die Signora nicht die Frau des Mannes sein könne, daß hier ein Geheimniß obwalte, welches die Unglückliche an den Fremden fessele. Mißmuthig und verdrießlich verließen wir das Café.

Am Spätnachmittag des andern Tages saßen wir zusammen arbeitend auf unserm Zimmer, als der Briefträger hereintrat und ein an meinen Freund adressirtes Briefchen brachte. Das kleine schmale Couvert, die zierliche Aufschrift verriethen sofort, daß er von einer Dame kam. Hastig erbrach er das Billet und las:

„Bei Allem, was ihnen heilig und theuer ist, bitte ich Sie nicht wieder zu versuchen, mich anzusprechen. Er ist voller Groll gegen Sie, er hat geschworen Sie umzubringen, wenn Sie noch einmal sich mir nahen sollten. Machen Sie eine Unglückliche nicht noch unglücklicher.“

Leider haben derartige Bitten und Mahnungen immer den entgegengesetzten Erfolg. Georg erklärte mir, das nächste Mal, komme auch was da wolle, die Signora zum Reden zu bringen. Daß sie nicht die Frau des Fremden sei, glaube er nun um so gewisser. „Er“ nannte sie ihn – sie hatte nicht geschrieben „mein Mann“ oder „mein Gatte“. Unerträglich langsam verstrich ihm die Zeit bis zu der Stunde, zu der er gewöhnlich den Fremden mit seiner Begleiterin im Café chinois traf. Aber wir warteten heute vergebens. Sie kamen nicht. Dagegen begegneten wir am andern Tage zu unserer Ueberraschung dem Fremden im Brühl mit dem kleinen eisgrauen Juden Katzenellenbogen, und zwar in eifrigem vertraulichen Gespräch. Wie mochte er zu dem gekommen sein? Georg frug unsern Wirth. Der zuckte als vorsichtiger Geschäftsmann mit den Schultern.

„Bedaure sehr,“ Herr Doctor, Ihnen nicht dienen zu können. Weiß gar nicht, in welchen Connexionen er zu Katzenellenbogen steht. Er hat sich als Ignaz Matuscheck, Privatmann mit Gemahlin aus Wien, in mein Fremdenbuch geschrieben, übrigens bezahlt er alle drei Tage seine Rechnung.“

Wir waren so klug wie zuvor. Im Café chinois sahen wir die Fremden nicht wieder, dagegen begegneten wir öfters Herrn Ignaz Matuscheck im Gespräch mit dem alten Katzenellenbogen, einmal sah ich ihn sogar aus des Juden Stube herauskommen.

So vergingen vielleicht acht Tage. Georg, der nicht die Hoffnung aufgegeben hatte, doch wieder einmal im Café seine stumme Unbekannte, die ihn tiefer, als ich es vermuthet, interessirte, zu treffen, ging allabendlich dahin, zuweilen begleitet von Tiras, der ein Feinschmecker war und leidenschaftlich gern die kleinen französischen Pastetchen aß, die im Café chinois trefflich bereitet wurden [484] und mit welchen einige hundefreundliche Gäste öfters den gebildeten Tiras bewirtheten.

So war Georg auch heute mit Tiras fortgegangen und ich saß wieder allein zu Hause. Es war Anfangs December. Schnee war gefallen und der Mondschein fiel hell und voll auf die weißen Dächer. Ich saß in der Nähe des Fensters, den Schreibtisch vor mir, gerade gegenüber der auf den Corridor hinausführenden Stubenthür, zu deren Linken sich Georg’s Pult befand, neben welchen ein paar Mensurschläger hingen. Ich las Zeitungen. Zu den wenigen freisinnigen Blättern, die dem damaligen Reactionssystem noch nicht zum Opfer gefallen waren, gehörte der in Berlin erscheinende „Urwähler“, ein damals unter der liberalen studentischen Jugend Leipzigs viel gelesenes Blatt. In einer Nummer dieses Blattes las ich nun an jenem Abende folgende mich sofort höchlichst interessirende Correspondenz aus London: „London im November. Seit einiger Zeit ist, wie uns berichtet wird, in einigen größeren Städten Norddeutschlands jener Procop Makovetzky wieder aufgetaucht, der den Mitgliedern der ehemaligen Wiener akademischen Legion und den ungarischen Honved-Officieren der Armee Bem’s als gefährlichster Spion des Fürsten Windischgrätz und Feldzeugmeisters Haynau aus den Jahren 1848 und 1849 bekannt ist. Fürst Schwarzenberg verabschiedete ihn, da man ihn nicht mehr brauchte, und er treibt sich jetzt unter den verschiedensten Masken umher. In seiner Begleitung befindet sich ein junges, schönes Mädchen, von dem man nicht recht weiß, in welchem Verhältniß sie zu dem Makovetzky steht. Vielleicht bedient er sich ihrer, um Arglose in sein Netz zu locken. Makovetzky ist in Ungarn wegen Meuchelmords und Raubs, an einem Stabsofficier der Honved-Armee begangen, in contumaciam zum Tode verurtheilt worden. Haynau cassirte nach der Katastrophe von Vilagos das Urtheil, weil es von einer revolutionairen Behörde gefällt sei und weil man Feinde des Kaisers auf jede Weise tödten könne. Wir warnen vor diesem gefährlichen Menschen.“ Darauf folgte in der Correspondenz, die jedenfalls aus Londoner deutschen oder ungarischen Flüchtlingskreisen stammte, eine Personalbeschreibung, die mich keine Minute in Zweifel ließ, daß Procop Makovetzky und Ignaz Matuscheck ein und dieselbe Person sei! Die Nachricht regte mich lebhaft auf. Ein Spion und Meuchler war der Mensch! Darum war er neulich bei den Worten Georg’s über die Kunst, die Menschen stumm zu machen, erschrocken zusammengezuckt. Und die Signora war, nach der Correspondenz, nicht seine Frau. Aber was war sie dann? Zuneigung, Liebe, Achtung konnten sie unmöglich an den Menschen fesseln. Ich grübelte über diese Räthsel nach, ich hörte nicht, wie es elf vom Nicolaithurm schlug und wie vom niedern Park herüber das Horn der Nachtwächter klang. Da öffnete sich plötzlich rasch die Thür und herein stürzte auf mich zueilend und dicht vor meinem Sitz in die Kniee fallend die Signora.

„Hülfe … Rettung! Er will ihn ermorden!“ stammelte sie athemlos und die Hände flehend emporstreckend mit dem Ausdruck der Verzweiflung in den todtblassen Zügen. Sie war im Nachtgewand, das lange Haar fiel aufgelöst über ihre Schultern. Und dabei deutete sie nach dem Zimmer, das sie bewohnte.

„Ermorden? Wen? Georg?“

Sie schüttelte in wahnsinniger Angst das Haupt.

„Nein, nicht Ihren Freund, den alten Mann, den Juden, der neben uns wohnt. Er ist reich, er hat Edelsteine, Geld, und heute Nacht will er mit ihm ausgehen und ihn umbringen.“

Eine furchtbare Ahnung dämmerte in mir auf.

„Katzenellenbogen will er ermorden?“

„So heißt der alte Mann, glaube ich,“ fuhr sie athemlos fort, „dann will er fort, fort mit mir nach Amerika, aber ich gehe nicht mit … mir schaudert vor ihm … ich sterbe eher… Jetzt schläft er, um sich zu stärken für den Mord. Wenn er wüßte, daß ich hier wäre, ich müßte sterben …“

„Ja, verdammte Verrätherin, Du sollst sterben und der dort mit Dir,“ sprach eine vor Wuth heisere Stimme, bei deren Klang die Signora einen Schrei entsetzlicher Angst ausstieß und dann ohnmächtig zusammenbrach. Auf der Schwelle stand der Fremde, gerade so, wie ich ihn in jener ersten Nacht gesehen, den Pelz über das rothe wollene Hemd geworfen, aber statt des Leuchters ein scharfes, blinkendes Handbeil in der Rechten. Er musterte mich mit einem finsteren, stechenden, unheilvollen Blick.

„Ach, es ist nicht der Doctor,“ grinste er höhnisch, „es ist schade, ich wollte, er wäre es, aber es ist einerlei, wer mein Geheimniß kennt, muß sterben,“ und er that einen Schritt auf mich zu, ohne jedoch die hinter ihm offene Thür zu schließen.

[497] Man braucht nicht zu den Furchtsamen zu gehören, um in einer solchen Lage etwas Herzklopfen zu bekommen. Zwischen mir und dem Mordgesellen befand sich nur der Schreibtisch, ich hatte nicht die kleinste Waffe zur Hand. O, was hätte ich darum gegeben, wenn ich einen der Schläger gehabt hätte, deren Klingen dort an der Wand glänzten!

Indessen beschloß ich doch mein Leben so theuer als möglich zu verkaufen. Der Gedanke nach Hülfe zu rufen kam mir nicht in den Sinn, auch würde der Ruf in dem abgelegenen Hofe und dem öden Corridor zu später Nachtzeit ganz vergeblich gewesen sein.

„Ihr müßt alle Beide sterben,“ wiederholte mein Angreifer noch einmal und seine Augen waren wie mit Blut unterlaufen.

Ich heuchelte eine Kälte und Ruhe, die ich eigentlich nicht besaß. „Man stirbt nicht so leicht, Procop Makovetzky, zumal wenn man mit einem feigen Spion zu thun hat.“ Ich wußte, daß ich ihn mit diesen Worten auf’s Blutigste reizte und ihn schon deshalb erbarmungslos machte, weil er daraus erkannte, daß er entlarvt sei. Aber ich verband damit einen Plan, ich wollte ihn aufhalten, seine Neugierde anstacheln, Zeit gewinnen.

Sowie ich den Namen Makovetzky nannte, fuhr er zurück und starrte mich an wie ein Gespenst, seine weißen scharfen Zähne, die wie das Gebiß eines Raubthiers schimmerten, nagten an seiner Unterlippe und sein Blick wich dem meinigen aus.

„Procop Makovetzky,“ zischelte er endlich; „hat Dir das die Schlange da auch erzählt?“ und er deutete auf die Ohnmächtige; „haha,“ er lachte heiser, „Du und sie, Ihr werdet es Niemandem wieder erzählen. Die stumme Signora wird einen stummen Signor zum Gesellschafter erhalten.“

Ich warf ihm statt der Antwort den „Urwähler“ zu.

„Sie sind im Irrthum, guter Freund,“ sagte ich so ruhig, wie möglich, „Ihr Signalement steht schon in den Zeitungen.“

Er haschte begierig nach dem Blatt, sein Auge überflog die Correspondenz aus London, mit einer höhnischen Geberde ballte er das Papier zusammen. „Ihnen nützt die Warnung vor dem gefährlichen Menschen nichts,“ lachte er heiser und seine Hand faßte das Beil fester, „ein Stummer kann die Geschichte von Procop Makovetzky nicht weiter erzählen …“

„Noch bin ich nicht stumm,“ antwortete ich, den Arm erhebend, um den ersten Angriff zu pariren.

„Das wird gleich der Fall sein,“ sagte er mit dumpfer Stimme und seine Mordwaffe erhebend drang er auf mich ein, der ich ihm den Tisch entgegenstemmte, als plötzlich ein keuchender Ton auf dem Corridor laut wurde und sich zwischen der angelehnten Thür hindurchdrängend Tiras in’s Zimmer sprang.

„Tiras! zu mir!“ rief ich hochaufathmend und im Nu war das treue, muthige und starke Thier an meiner Seite, ein Wink und es stürzte sich auf den Mörder.

Aber Procop Makovetzky war wirklich ein feiger Meuchler. Er wartete den Angriff des Hundes nicht ab. Mit Blitzesschnelle sprang er zurück, zur Thür hinaus, diese hinter sich in’s Schloß werfend und den Schlüssel herumdrehend. Wir waren gefangen und der Meuchler hatte Zeit zur Flucht gewonnen. Doch das beschäftigte mich nicht, mochte Procop Makovetzky auch jetzt entkommen, er läuft doch, sagte ich mir, dem Zuchthaus oder Galgen in die Hände. Die ohnmächtige Signora, die noch immer bewußtlos auf der Diele lag, nahm jetzt meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch.

Ich rieb ihre Schläfe mit Salmiakspiritus und spritzte ihr kaltes Wasser in’s Gesicht. Lange waren meine Bemühungen erfolglos. Endlich gab sie Zeichen des wiederkehrenden Bewußtseins, sie schlug die Augen auf und versuchte sich emporzurichten. Sie sank auf einen Stuhl, strich sich das lange schwarze, dichte Haar aus Stirn und Gesicht und starrte schweigend vor sich hin. Zuweilen flog ein Schauder über ihre Gestalt.

„Wo ist er?“ frug sie endlich leise und vor Entsetzen zusammenbebend.

„Fort, entflohen, aber sagen Sie mir … War er wirklich Ihr Gatte?“ …

Sie nickte, sich das Gesicht mit den Händen bedeckend, und brach in ein krampfhaftes Weinen aus. Ich schwieg und zerbrach mir den Kopf, wie dieses liebliche Wesen das Weib eines solchen Menschen werden konnte. Tiras lag stumm zu den Füßen der Unglücklichen und starrte die leise Weinende aufmerksam mit seinen glänzenden braunen Augen an. Mit einem Male spitzte er die Ohren und schlug laut an. Er hatte Georg’s Tritt erkannt. Mein Freund war nicht wenig erstaunt, die Thür verschlossen zu finden, verdutzt aber prallte er zurück, als er beim Eintritt die Signora erblickte.

In fliegender Eile theilte ich ihm mit, was sich in seiner [498] Abwesenheit ereignet hatte. Mit athemloser Spannung lauschte er meinen Worten. Tiras war der Retter gewesen – und mit ihm unser wackerer Hausmann, der durstige Flickschuster, der sich heute Abend wieder so betrunken hatte, daß er das Zuschließen des Thorwegs vergessen. War dieser nicht offen, so hätte der Hund nicht in’s Haus gekonnt. Die Signora war indessen wieder sehr unwohl geworden, so daß wir unsere Wirthin wecken mußten, denn in das Zimmer, das sie mit ihrem Manne bewohnt, wollte sie um keinen Preis der Welt zurückkehren. Ich untersuchte dieses Zimmer. Es war leer, in Unordnung herumgeworfene Kleidungsstücke und andere Sachen verriethen die Hast, mit welcher der Elende die Flucht ergriffen hatte.

Indessen waren unsere Wirthsleute gekommen. Sie schlugen die Hände voll Verwunderung über den Bösewicht zusammen. Sie hielten es nicht für möglich, daß in einem anständigen Hause der guten Stadt Leipzig solche Geschichten sich ereignen konnten. Das Schrecklichste aber war dabei dem braven Wirth, daß der furchtbare Mensch, der Procop Makovetzky, die Rechnung der letzten drei Tage nicht bezahlt hatte.

Doch waren sie gutmüthig genug, die kranke junge Frau in ihr eigenes Wohnzimmer aufzunehmen und nach einem Arzt zu schicken. Die Signora hatte Fieber und phantasirte.

Wenige Tage der Ruhe genügten indessen sie wieder herzustellen. Sie schrieb während dieser Zeit eifrig und zeigte sich gefaßt und ergeben. Weder Georg noch ich hatten sie während dieser Tage gesehen, wir wollten nicht gleich die Erinnerung an jene Nacht in ihr auffrischen.

Als sie indessen wiederhergestellt war, bat sie selbst um unsern Besuch. Sie saß am Fenster, als wir eintraten, und sah hinaus auf den schneebedeckten Brühl, auf welchem sich die dunklen Gestalten der polnischen Juden in ihren langen, schwarzen Talaren in lebhaften Gruppen bewegten. Eine feine Blässe überflog, als sie uns sah, ihr blasses Gesicht. Sie reichte uns die Hand und dankte in tiefster Bewegung, daß sie durch uns von dem entsetzlichen Menschen befreit worden sei, an welchen sie ein trauriges Verhängniß gefesselt hätte.

„Sie haben mir das Leben gerettet, mehr als das Leben, denn das Dasein an seiner Seite war mir zur Höllenpein geworden. Hier in diesen Papieren werden Sie Aufschluß darüber finden, welche schreckliche Verkettung von Umständen mich in die Gewalt dieses Menschen brachte.“

Sie war bei diesen Worten auf’s Tiefste erschüttert. Georg, dessen Leidenschaft für die Unglückliche bei der Mittheilung, daß sie wirklich Makovetzky’s Gattin, sich in die herzlichste Theilnahme verwandelt hatte, versicherte ihr, daß er Alles, was in seinen Kräften stehe, thun würde, um ihr trauriges Loos zu mildern. Sie dankte mit einem unbeschreiblich sanften, traurigen Lächeln.

„Auf Wiedersehen … auf baldiges Wiedersehen!“ sagte Georg beim Abschied ihr die Hand drückend. Sie antwortete mit einem stummen, eigenthümlichen Blick.

Wir haben sie nie wiedergesehen. Am anderen Tag erfuhren wir von unseren Wirthsleuten, daß die Signora mit dem ersten Frühzug nach Dresden abgereist sei, noch tausend Grüße und Danksagungen für uns zurücklassend. Wir waren dadurch nicht überrascht. Nach dem, was wir in den Papieren der Signora gefunden, war uns diese Abreise ohne nochmaliges Wiedersehen sogar sehr erklärlich. Es würde nur eine schmerzliche, peinliche Scene geworden sein.

Ich will nach den Papieren der Signora kurz ihre traurige Geschichte hier erzählen.

Der Vater Laura’s von Petrino, so war ihr Familienname, war Italiener, hatte aber eine Deutsche, eine Wienerin, zur Frau. Er wohnte in Mailand, hatte sich mit seinem Sohne Giuseppe, dem einzigen Bruder Laura’s, an dem Aufstande gegen die österreichische Herrschaft betheiligt. Beide wurden gefangen und kriegsgerichtlich zum Tode durch Pulver und Blei verurtheilt. Dem Sohne gelang es, in der Nacht vor der Hinrichtung zu entfliehen, der Vater wurde in Mantua erschossen. Giuseppe war erst siebenzehn Jahre alt, ein Jüngling, schön wie Adonis, von einer fast mädchenhaften Zartheit in seiner äußern Erscheinung, aber muthig und tapfer wie Achilles. Die Militärbehörden schickten Steckbriefe hinter ihm her und setzten einen Preis von tausend Gulden auf seine Einlieferung aus, aber alle Nachforschungen waren vergeblich. Laura’s Mutter, Frau von Petrino, war indessen mit ihrer Tochter nach Wien gezogen, wo sie wohlhabende Verwandte hatte. Aber die Wiener Anverwandten, sogenannte Schwarz-Gelbe, wie man damals die österreichisch-habsburgisch Gesinnten nannte, wollten nichts von der Familie des Rebellen wissen. Frau von Petrino kam in sehr bedrängte Verhältnisse, da das wenige Geld, das sie mitgebracht, bald aufgezehrt, das Vermögen ihres Mannes aber confiscirt war. Trotz ihrer bedrängten Verhältnisse theilte sie das Wenige, was sie und ihre Tochter besaßen, mit einer Anverwandten, einem großen, schlanken blassen Mädchen, die in Folge eines unglücklichen Falles in ihrer Kindheit etwas hinkte. Sie war bald nach der Ankunft der Frau von Petrino in Wien angekommen, blaß, krank, zum Tode erschöpft, mit Mühe den Gefahren des Kriegs, der in Italien tobte und in welchem sie den Vater verloren, der ihre einzige Stütze gewesen, entronnen. So erzählte wenigstens Frau von Petrino den wenigen Leuten, mit denen sie in Berührung kam, da Isabella, so hieß die Anverwandte, sich wenig sehen ließ. Auch Procop Makovetzky, der sich damals in der österreichischen Hauptstadt aufhielt und in dem vordern Gebäude des Hauses wohnte, in dessen hinterstem Hof Frau von Petrino zwei kleine Zimmer inne hatte, erzählte sie es und sie wurde sehr verlegen, als Makovetzky die Bemerkung machte, es sei merkwürdig, daß ein Mädchen von so zarten Gesichtsformen wie Isabella einen so kräftigen Wuchs habe.

Um diese Zeit hielt Makovetzky, der vorgab, eine Stellung im Ministerium des Auswärtigen zu haben und ein Günstling des Fürsten Felix Schwarzenberg zu sein, um die Hand Laura’s an. Aber trotz ihrer bedrängten Lage und der ungewissen Zukunft wies das junge Mädchen die Hand des Mannes, gegen welchen sie einen unaussprechlichen Widerwillen hegte, zurück, und ihre Mutter stimmte ihr bei. Von da an stellte Makovetzky seine Besuche bei der Familie ein, er zog sogar wenige Tage später aus dem Hause fort, aber Laura und Isabella wollten bemerkt haben, daß er auf ihren Spaziergängen sie umschleiche. Diese Spaziergänge waren in der letzten Zeit häufiger geworden, während Isabella, wie schon erwähnt, früher sehr selten ausging. Aber der alte Doctor Giovanni Barletta, ein Italiener aus Modena, der jedoch schon seit fast vierzig Jahren in Wien lebte und welchen Frau von Petrino als Hausarzt angenommen, hatte verordnet, daß Isabella, bei welcher sich auch ein verdächtiger Husten eingestellt hatte, täglich ein paar Stunden frische Luft schöpfen solle.

Eines Tages, es war im März 1850, an einem wundervollen Frühlingstage, deren es in jenem Jahre, in welchem die Reaction in Europa ihre schönsten Triumphe feierte, so viele gab, kam Doctor Barletta athemlos, in höchster Aufregung zu Frau von Petrino. Sie hatten ein langes Zwiegespräch miteinander, an welchem später auch die von einem Spaziergange heimkehrenden Mädchen Isabella und Laura Theil nahmen. Als Doctor Barletta fortging, hatten Frau von Petrino und ihre Tochter rothgeweinte Augen, und nur Isabella saß, mit düsterem Blick, thränenlos und die Zähne fest auf die Unterlippe gepreßt, am Fenster und sah stumm hinunter auf den Hof. Selbst der alte Doctor wischte sich die Augen und schon unter der Thür kehrte er plötzlich noch einmal um, ging auf Isabella zu und umarmte und küßte sie, so zärtlich und innig, wie ein Liebhaber die Geliebte, oder auch wie ein Vater die Tochter.

Am Abend des andern Tages fuhr ein Fiaker an dem Hause vor, in welchem Frau von Petrino wohnte, und Laura stieg mit ihrer Verwandten Isabella ein. Frau von Petrino stand am Kutschenschlag und nahm noch einmal Abschied von den beiden Mädchen, die Reisekleider trugen und einen großen Mantelsack bei sich führten. Der Abschied von ihrer jungen Anverwandten schien ihr noch näher zu gehen, als der von der eigenen Tochter, denn immer und immer wieder umschlang sie Isabella’s Nacken und küßte sie. Endlich rollte der Fiaker fort. Todtenblaß, einer Ohnmacht nahe, wankte Frau von Petrino in’s Haus zurück, nachdem ihre Blicke dem Wagen, so lange sie denselben sehen konnte, gefolgt waren.

Der Fiaker rollte nach dem Nordbahnhof. Zu jener Zeit widmete die kaiserlich königliche Polizei den Bahnhöfen eine ganz besondere Aufmerksamkeit; es war nicht nur eine zahlreiche Polizeimannschaft, sondern auch Militärposten auf den Bahnhöfen. Man spionirte nach Hochverräthern, nach Rebellen gegen des Kaisers Majestät. Hing doch noch der Belagerungszustand drohend über der Donauhauptstadt. Und Welden, der kaiserlich königliche Feldzeugmeister [499] und Gouverneur von Wien, verstand keinen Spaß. Indessen, welches Interesse konnte die kaiserlich königliche Polizei an ein paar jungen Mädchen haben, die vielleicht in ein Bad oder sonstwohin reisen wollten? Laura schritt deshalb auch so unbefangen wie möglich durch die Menge der an den Eingängen stehenden Polizisten hindurch, der Billetcasse zu, während Isabella in den Wartesalon trat.

„Zwei Billets zweiter Classe nach Prag,“ sagte Laura zu dem Billeteur.

In dem Augenblick legte sich eine Hand leicht auf Laura’s Schulter. Das junge Mädchen sah sich unwillig nach Dem, der sich diese Vertraulichkeit erlaubte, um. Aber leichenblaß fährt sie zurück, sie starrt in des verhaßten Procop Makovetzky Gesicht, der mit einem lauernden Lächeln vor ihr steht.

„Wo wollen Sie hinreisen, Fräulein von Petrino?“ frug er mit leiser Stimme und seine stechenden Augen fest auf das junge Mädchen gerichtet und sie etwas bei Seite ziehend.

„Nach Prag und von da nach … Teplitz, in’s Bad …“ stotterte sie.

„Allein?“

„Ja, allein …“ flüsterte sie kaum hörbar.

„Aber Sie verlangten doch zwei Billets …“ fuhr er mit demselben Lächeln fort.

Laura wankte. „Meine Cousine Isabella … wollte mich … bis nach Brünn … begleiten.“

„Ah so … bis nach Brünn?“ … Aber wissen Sie, Fräulein von Petrino, daß mir soeben ein Polizeibeamter sagte, daß ihm Ihre Cousine Isabella, die dort in den Wartesalon getreten ist, verdächtig erscheine, verbotene Waaren bei sich zu führen. Sie wissen, wir leben unter dem Belagerungszustand und die Polizei ist sehr streng. Der Agent besteht darauf, Ihre Cousine in dem Zimmer dort visitiren zu lassen.“

Vor den Augen Laura’s dunkelte es. „Sie wissen Alles …“ stammelte sie.

Makovetzky senkte bejahend das Haupt.

„Gnade … Erbarmen …“ weinte sie, „es ist mein einziger Bruder … meine Mutter würde sterben …“

Makovetzky lächelte. „Ich bin nicht blutdürstig, und am wenigsten kann mir daran gelegen sein, meinen zukünftigen Schwager als Hochverräther am Galgen baumeln zu sehen. Laura, willigen Sie heute ein, die Meinige zu werden?“

Das junge Mädchen senkte wie ein Opferlamm das Haupt.

„Wollen Sie,“ wiederholte er noch einmal, „oder soll ich der Polizei sagen, daß die Signora Isabella Angelini, welche sich seit sechs Monaten bei Ihnen aufhält, der als Hochverräter steckbrieflich verfolgte Giuseppe von Petrino, Ihr Bruder ist, auf dessen Kopf eine Belohnung von tausend Gulden gesetzt ist?“

„Ich bin die Ihrige …“ flüsterte sie tonlos.

„Gut,“ antwortete Makovetzky in triumphirendem Tone, „so kehren wir sammt Isabella zu Ihrer Frau Mutter zurück, und an unserem Hochzeitstage wird die Signora Angelini mit einem guten Paß hinreisen können, wohin es ihr beliebt. Sie kann dann ruhig ihre Schußwunde am Fuß, sowie den Bajonnetstich in der Brust, der wieder aufgebrochen ist und ihr den garstigen Husten verursacht, heilen lassen, wo sie will.“

Makovetzky hielt Wort. Kannte doch Niemand von der Polizei, als er, der gewandte Spion, das Geheimniß des unglücklichen Jünglings, der sich unter tausend Gefahren, von Allem entblößt, nach seiner Flucht aus dem Gefängniß zu Mantua bis nach Wien zu seiner Mutter durchgeschlagen und hier ein Asyl gefunden hatte. Durch einen anonymen Brief hatte er den Doctor Barletta, der natürlich wußte, wer die vermeintliche Isabella war, gewarnt und die Flucht Isabellens, deren Geschlecht und Name verrathen sei, als einzige Rettung bezeichnet. Sein Plan gelang ihm vortrefflich. Die Geschwister liefen in seine Hände, und Laura wurde sein Weib. Mit cynischer Offenherzigkeit hatte er ihr später seinen Schelmenstreich gestanden. Aber damit war das grausame Schicksal, das sie verfolgte, noch nicht befriedigt. Von der Regierung, die seiner Dienste nicht mehr bedurfte, entlassen, ohne andere Mittel zum Unterhalt, wurde Makovetzky Spieler, um sich einen Erwerb zu schaffen.

Er reiste mit der armen jungen Frau, die er durch eine entsetzliche Eifersucht quälte, von Großstadt zu Großstadt, überall mit großer Geschicklichkeit die Spielerkreise auskundschaftend und sich in sie einführend. Eine Zeitlang trieb er diesen Industriezweig mit Erfolg. Aber dann verließ ihn das Glück. Als er nach Leipzig kam, bestand seine Baarschaft noch aus wenigen hundert Gulden. Der grüne Tisch im Café chinois raubte ihm auch diese. Er besaß noch einen Brillantring, den er einem standrechtlich erschossenen ungarischen Honvedofficier abgenommen hatte. Der Ring war einige hundert Thaler werth, und Makovetzky bot denselben dem alten Katzenellenbogen an, der ihm von einem der Spieler im Café chinois als Juwelenhändler bezeichnet worden war. So wurde er mit dem Juden bekannt. Mit der List, die ihm eigen, und die ihn auch zum Spion so außerordentlich befähigt hatte, wußte er sich bald über die Vermögensverhältnisse des Alten Auskunft zu verschaffen, ja sogar die Kenntniß davon, wo derselbe in seiner Wohnung seine Werthsachen verwahrt hatte. Nun reifte allmählich der Raub- und Mordplan in seiner Brust, den er seiner Frau nicht verbergen konnte, vielleicht auch, um sie durch ihre Mitwissenschaft mit desto stärkeren Ketten an sich zu fesseln, nicht verbergen wollte.

Das war die Geschichte der stummen Signora, eine Geschichte, wie sie nur die Einbildungskraft des Romandichters zu erfinden glaubt, und doch wahr, voll aus dem Leben herausgegriffen.




2.

Jahre waren seit jenen Ereignissen vergangen. Der Besitzer des Café chinois und der Restaurateur aus der Rauchwaarenhalle waren indessen längst zu ihren Vätern versammelt. Es war Ende Juli 186*. Ich befand mich mit meinem Freunde A. T., einem bekannten Dichter, auf einer Reise nach Frankreich in Straßburg. Wir hatten alle Merkwürdigkeiten der alten ehemaligen freien deutschen Reichsstadt, die nun wieder durch unser tapferes Heer unserem Vaterlande zurückerobert worden ist, in Augenschein genommen. Mit dem üblichen Respect hatten wir den Münster besucht und die Orte, an welchen Meister Wolfgang Goethe gehaust hatte … ein Straßburger Cicerone wollte uns sogar ein Gasthaus zeigen, in welchem Goethe, wie er behauptete, allabendlich im Sommer junge Hühner mit Spargel gegessen habe – wir hatten die Statue des berühmten republikanischen Generals Kleber auf dem gleichnamigen Platze bewundert und im Hôtel zum Rebstock gegessen und schlenderten ziellos in der Stadt herum. So kamen wir zufällig in die Nähe des Justizpalais, in dessen Thor wir einige Männer in der mittelalterlichen Amtstracht der französischen Advocaten eintreten sahen. Eine Menge Leute folgten ihnen. Wir schlossen uns dem Strome an und gelangten so in den Sitzungssaal, in welchem die Geschworenen des Departements des Niederrheins eine sogenannte cause célèbre, eine Anklagesache verhandelten, die damals großes Aufsehen erregte. Auf der Bahnlinie Paris-Marseille waren in dem letzten Jahre mehrere äußerst verwegene Raubmordanfälle auf Reisende der ersten Classe der Courierzüge, die allein in einem Coupé fuhren, vorgekommen. Eine alte russische Gräfin, die nach Nizza reisen wollte, war ermordet und beraubt worden, ohne daß die im nebenan befindlichen Coupé sitzende Kammerfrau nur das Geringste gehörte hatte; ein kränklicher französischer Kaufmann war halb strangulirt, geplündert und nur durch einen Zufall gerettet worden, ohne daß man eine Spur von dem Thäter entdecken konnte. Der Coupémörder, wie man den geheimnißvollen Verbrecher nannte, wurde der Schrecken aller Passagiere erster Classe.

Da ereignete sich vielleicht ein halbes Jahr vor der Zeit, in welcher wir nach Straßburg kamen, im Januar 186* ein dritter Raubanfall auf einen englischen Arzt, der von Paris nach Marseille fuhr. Aber der Engländer, obwohl im Schlafe überfallen, wehrte sich, und wenn ihm auch der Raubmörder mit seinem Todtschläger furchtbare Hiebe versetzte, so gelang es dem Arzt doch, die Hand des Verbrechers zu fassen und ihn in die Finger zu beißen. Trotzdem würde ihn der Räuber vielleicht getödtet haben, wenn nicht das plötzliche Anhalten des Zuges, an dessen Maschine etwas zerbrach, ihn gerettet und den Verbrecher zur Flucht genöthigt hätte. Einige Tage später arretirte man auf dem Bahnhof zu Zabern (Saverne) einen Mann von vielleicht achtundfünfzig bis sechszig Jahren, von großem, starkem Körperbau, auf welchen die Personalbeschreibung paßte, die der Ueberfallene von dem Mörder gegeben hatte und die man an alle Gensd’armerieposten an den Eisenbahnstationen telegraphirt hatte. Was den Verdacht gegen den Arrestanten noch mehr vermehrte, [500] das war eine tiefe Bißwunde, die der Verhaftete an dem mittleren Finger der rechten Hand hatte. Er behauptete zwar beim ersten Verhör und blieb sich auch später in seiner Aussage darin gleich, daß ihn ein Hund gebissen habe, indessen die Aerzte, die als Sachverständige herbeigezogen wurden, behaupteten, daß die Wunden von einem menschlichen Biß herrührten.

Weiter erklärte der Verhaftete, Matteo de Gustiani zu heißen und ein Römer zu sein. Sein Vaterland habe er aber wegen politischer Vergehen schon seit Jahren verlassen müssen. Sein Paß, der mit seinem Aeußern ziemlich übereinstimmte und der von dem englischen Gesandten in Bern visirt war, lautete auch auf diesen Namen. Zudem sprach er das Italienische mit dem römischen Accent geläufig, wie Jemand seine Muttersprache redet. Trotzdem waren die Verdachtsgründe gegen den Verhafteten, der mit dem Coupémörder identisch sein sollte, so groß, daß der kaiserliche Procurator die Fortsetzung der Untersuchung beantragte, deren Ergebniß die Verweisung vor die Assisen des Niederrheins war.

Betroffen sah ich in das blasse, durchfurchte, mit einem ungewöhnlich starken grauen Bart umrahmte Gesicht des Angeklagten, dessen dunkle Augen giftige Drohblicke nach dem kaiserlichen Gerichtsschreiber schossen, welcher mit jenem Pathos, das den französischen Gerichtspersonen bei den officiellen Reden eigen ist, die Anklageacte gegen Matteo de Gustiani verlas.

Matteo de Gustiani! Ich hatte den Namen nie gehört, nie eine Person dieses Namens gekannt, und doch waren mir die Züge des Mannes, der dort auf der Anklagebank zwischen den beiden Gensd’armen saß, nicht fremd. Aber wo hatte ich ihn gesehen? Ich zerbrach mir vergebens den Kopf, durchstöberte jeden Winkel meines Gedächtnisses und konnte mich doch nicht besinnen, wo ich mit dem Menschen zusammengetroffen. Das Zeugenverhör begann und als Hauptentlastungszeuge erschien jener englische Arzt. Der Angeklagte erklärte mit voller Entschiedenheit, den Zeugen nie gesehen zu haben, wodurch er denselben so verblüffte, daß dieser in der That schwankend wurde, zumal da der Ueberfall bei Nacht stattgefunden und das Coupé nachlässiger Weise nicht erleuchtet gewesen, so daß der Arzt die Gestalt des Raubmörders nur bei dem Mondenschein, der in den Waggon fiel, gesehen hatte. Da stellte der Generalprocurator bei dem Präsidenten des Gerichtshofes den Antrag, dem Angeklagten einen Todtschläger zu geben und diesen gegen den Zeugen erheben zu lassen.

Ueber das Gesicht des Matteo de Gustiani zuckte es, ein Schauer schüttelte seine Gestalt. Man konnte deutlich wahrnehmen, wie peinlich ihm der Antrag des Generalprocurators war. Der Todtschläger wurde gebracht, der Angeklagte mußte ihn ergreifen und die Geberde des Zuschlagens gegen den Zeugen machen.

„Ja, ja … er ist es … ich erkenne ihn … ich kann es mit tausend Eiden beschwören,“ rief der Arzt im Tone der tiefsten Ueberzeugung, während meinen Lippen unwillkürlich der Ruf „Procop Makovetzky!“ entfloh. Procop Makovetzky! So hatte er vor uns gestanden, mit dem Beil in der Hand in jener Decembernacht, in der Rauchwaarenhalle zu Leipzig. „Procop Makovetzky!“ wiederholte ich noch einmal, die Scene um mich vergessend. Ich glaube nicht, daß Jemand Anders als der Angeklagte, in dessen Nähe ich stand, den Namen gehört oder meinem Ausruf eine Bedeutung beigelegt hat; aber die Wirkung, die dieser Name auf den Angeklagten hervorbrachte, war unbeschreiblich.

„Ja, ich bin der Mörder … ich habe auch die Anderen ermordet … ich will Alles gestehen.“

Die Sitzung wurde sodann auf Antrag des Procurators aufgehoben und der Angeklagte in’s Untersuchungsgefängniß zurückgeführt. Eine neue Untersuchung über die früheren Eisenbahnmorde begann.

Vielleicht ein paar Monate später erhielt ich aus Straßburg den „Courier des Niederrheins“ zugeschickt. Das Blatt enthielt einen Artikel über den Coupémörder. Die letzten Sätze desselben lauteten ungefähr so:

„Procop Makovetzky hatte ein so unumwundenes Geständniß abgelegt, daß für die Vertheidigung auch nicht der geringste Spielraum mehr gelassen war. Er hat auch gestanden, daß der auf den Namen Matteo de Gustiani lautende Paß, den er führte, ein gestohlener war, daß er die beiden Raubmorde an der alten russischen Gräfin und dem Kaufmann aus Lyon verübt und daß er früher zur Zeit der ungarischen Revolution Spion im Solde Haynau’s, des berüchtigten Schlächters von Brescia, gewesen sei. Die Geschworenen erklärten ihn einstimmig für schuldig und verwarfen die Zulassung mildernder Umstände. Heute früh wurde er im Hofraume des Gefängnisses durch die Guillotine vom Leben zum Tode gebracht.“

So endete Procop Makovetzky, der Spion und Gatte der stummen Signora.