Dr. John Tweddell’s Reisen in Griechenland

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Textdaten
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Autor: Carl Jacob Ludwig Iken
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Titel: Dr. John Tweddell’s Reisen in Griechenland
Untertitel:
aus: Wünschelruthe – Ein Zeitblatt. Nr. 7, S. 26–28.
Herausgeber: Heinrich Straube und Johann Peter von Hornthal
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1818
Verlag: Vandenhoeck und Ruprecht
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Erscheinungsort: Göttingen
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Quelle: Scans auf Commons
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[26]
Dr. John Tweddell’s Reisen in Griechenland.
Von Dr. C. J. L. Iken[1].


Der englische Gelehrte John Tweddell, geb. 1769 zu Threepwood unweit Newcastle in Northumberland, war in seiner Jugend zum Rechtsgelehrten bestimmt. Von dem berühmten engl. Philologen Dr. Parr aber für die Philologie gewonnen, studirte er diese in Cambridge, und reis’te dann über Hamburg in’s übrige Deutschland, wo er besonders an Heyne in Göttingen einen vorzüglichen Freund fand. Dieser, so wie Fellenberg, Wyttenbach und Frau von Stael urtheilten sehr günstig über ihn; in Berlin wurde er dem Könige von Preussen persönlich bekannt, und stand mit Bonaparte, Suwarow u. a. in Verbindung. – Ueber Dresden und München ging er nun nach der Schweiz, dann über Wien durch die Ukraine nach Moskau, Petersburg, Stockholm, und zurück über die Krimm und Ukräne nach Konstantinopel, Skutari in Kleinasien, und endlich durch den Archipelagus nach dem herrlichen Griechenland.

[27] Zu Ende 1798 landete er in Athen, wo er sofort eine große Menge köstlicher Zeichnungen, Prospekte, Grundrisse von antiken Gebäuden und Städten, und mehrere wichtige wissenschaftliche Händschriften an sich kaufte, die fast alle ein neues Licht über diese Gegenstände zu verbreiten versprachen. Aber ein Theil dieser kostbaren Sammlung ging bald nachher bei einem Brande in Constantinopel in Feuer auf; den andern soll Lord Elgin daselbst zu sich genommen haben. Auch hier schon hatte Tweddell einen bedeutenden Schatz von Kunstsachen zusammen gebracht, und zurückgelassen, um sie direkt nach England zu senden; denn er hatte den Plan, ganz Kleinasien zu bereisen, das Schlachtfeld und die Ebnen von Troja zu durchwandern, nach Smyrna, Rhodus und Cypern, und endlich nach Balbeck und zu den Ruinen von Palmyra zu ziehen.

In Athen beschäftigte ihn vorzüglich das Sammeln alter griechischer Inschriften, und er sagt selbst in seinen Briefen in das väterliche Haus, daß in Athen kein Stein wäre, den er nicht umgekehrt und abermals umgekehrt hätte. Wie groß ist daher der frühe Verlust dieses Mannes und der so räthselhafte seiner kostbaren Sammlungen.

Die Briefe eines Reisenden, wenn dieser anders überhaupt glaubwürdig ist, welche unbefangen unterweges, und nicht zum Drucke abgesendet sind, müssen hinsichtlich der Authenticität immer viel wichtiger erscheinen, als alles, was etwa sonst, außer einem Tagebuch, von ihm niedergeschrieben wird. Aber auch von Tweddell’s Briefen sind sehr viele auf dem Wege verloren gegangen.

In Athen brachte der Reisende eine ansehnliche Münzsammlung zu Stande, und die Inschriften füllten allein zwei starke Bände. Die Akropolis mit den pallantidischen Bauwerken, der Theseustempel, jetzt eine griechische Kirche, wurden von ihm besucht; wohl ahndete er nicht, daß er schon nach vier Monaten in eben diesem Tempel seine Ruhe finden sollte. – Im Mai 1799 reisete er ab mit dem Vorsatz, Eleusis, Salamis, Korinth und ganz Morea zu besuchen, dann nach Delphi und dem Parnaß zu wallfahrten, und über Thermopilä, Theben und Marathon nach Athen, und dann nach Hause zurückzukehren. Statt dessen ging er aber über Theben nach Pharsalus und Larissa in Thessalien bis Salonichi, wo er eine Zeitlang rastete, und dann den heiligen Berg Athos bestieg. Auf dieser Reise nach Pharsalus sah er plötzlich zu seinem großen Schrecken 140 Leichname von Ermordeten am Wege liegen, die, schon in Verwesung übergegangen, von Raubvögeln und wilden Bestien verzehrt wurden. Dieser scheußliche Anblick raubte ihm allen Muth zu weiterem Reisen, und sogleich gab er die Wanderung nach Syrien und Palästina auf, wozu ihn ohnehin schon zunehmende Körperschwäche bestimmte. – Bei Tessalonich wurde er nachher von Räubern angefallen, deren Händen er jedoch, wie wol vieler Effecten beraubt, durch das Thal Tempe über den Peneus nach Tessalonich entkam. Hier schiffte er sich mit seinen Bedienten und Pferden ein, um die Rückreise nach Athen durch das Inselmeer anzutreten, und dann noch in möglichster Eile den Peloponnes zu durchstreifen. – Unterweges hatte er immer noch gesammelt, sowol Anticaglien als Litterarien, besonders Notizen zur Sittenschilderung des Orients und vollständige Zeichnungen zu einer Darstellung der orientalischen Tracht, namentlich auch schätzbare Nachrichten über die fanatische Secte der Wechabis in Arabien. Endlich hatte er ein so vollständiges Tagebuch zusammen getragen, daß, wie er seinem Vater Francis Tweddell schreibt, ein halbes Jahr ununterbrochenen Schreibens erforderlich gewesen wäre, um nur eine Abschrift des Hauptheiles zu nehmen. In eben diesem Briefe sagt er, seine Sammlung sei ohne Zweifel die vollständigste, die jemals aus Griechenland gekommen. Seine Mappen enthielten 50 Ansichten von Constantinopel außer den 100, die verloren gegangen; dann 50 aus der Krimm, 40 von Athen, und 150 Abbilder von Ceremonien, Gebräuchen und Kleidungen der Neugriechen und Türken; aber er sei es nun müde, er fühle ein unbezwingliches Heimweh und große Erschöpfung, der erlittene Verlust sei ihm zu herbe, sein Muth zu Ende. „Amen, ruft er aus, so war alles vergeblich, und ich sehe wol, ich bin vermählt mit dem Unglück.“

So kam er Anfangs Juli krank und kümmerlich im Hafen von Athen an. Seine Reizbarkeit nahm zu, und seine Briefe von da sprechen seine trüben Gefühle aus. „Ich hoffe“ schrieb er an seinen Freund Spencer Smythe, Gesandten in Constantinopel, „sie in England wieder zu sehen. Wie freue ich mich auf unsern ottomanischen Club, wo wir uns oft mit süßer Wonne der Tage erinnern wollen, die wir in ängstlicher Erwartung und mit klopfendem Herzen im Schatten schwarzer Cypressen zubrachten, wo die Turteltaube über den Leichensteinen ihr hohles Klaglied girrte. O dumpfes Trauerbild unsers wunderbar verwebten Zustandes, wo der Tod und die Liebe so nah verschwisterte Brüder sind!“ Seiner Freundin Mistreß Ward hatte er geschrieben: „Ich weiß, daß mein Leben für die Meinigen noch nützlich seyn kann, und deswegen bitte ich nicht um meinen Tod, aber ich begehre nichts, denn ich bin inniglich überzeugt von der Eitelkeit alles Irdischen.“ –

Ein anhaltend heftiges Fieber, die Folge der überspannten Ermüdung und gänzlichen Erschöpfung auf der Reise, warf ihn auf das Krankenlager. Vier Tage kämpfte er mit ihm, am fünften, den 25. Jul. 1799, starb er in den Armen [28] seines Freundes, des franz. Künstlers Fauvel, der ihn treu gepflegt hatte. Man vermuthete, er sei durch Zerspringen einiger Blutgefäße seiner entzündeten Brust erstickt. – Seine Sachen wurden in Gegenwart von sieben Zeugen versiegelt, und alsbald zu Schiffe nach Constantinopel gesendet. Das Schiff scheiterte zwar im Mare di Marmora, doch wurde die Ladung gerettet, und nach der Hauptstadt gebracht. Ehe aber diese Sachen an Spencer Smythe gelangten, an den sie geschickt waren, legte Lord Elgin, an Smythe’s Stelle Gesandter in Constantinopel, Beschlag darauf. Dieser Verres, dieser Seeräuber, wie ihn sein Landsmann Lord Byron mit Unrecht nennt, soll nun auch Tweddell’s Kunstschätze unterschlagen und für sich behalten haben. Tw. Bruder, der Theologe Robert Tw. klagt ihn an, er habe in Constantinopel den größten Theil von des Reisenden Effekten, Sammlungen und Papieren unrechtmäßig für sich genommen, nachdem er die Kisten acht Wochen in einem feuchten Keller stehen gelassen, wo sie verschimmelt seyen, bis der italiänische Künstler Tita Luisieri sie untersucht und ihren Werth entdeckt. Dann habe Elgin unter allerlei Vorwand sie zurückgehalten. Ungeachtet Robert Tw. dieß durch viele Briefe und eine Liste aller Sammlungen seines Bruders beweisen will, scheint Elgin doch unschuldig; freilich mag er immerhin große Lüsternheit nach dem Besitz auch dieser Kunstsachen verrathen haben. –

Der Verstorbene wurde feierlich im Theseus-Tempel, der jetzigen Kirche des Ritters St. Georg, begraben; die Leibwache des Gouverneurs von Athen feuerte dreimal auf das Grab. Den Leichenstein darauf, welcher der eindringenden wilden Thiere wegen nöthig war, ließ Lord Byron aus dem nämlichen Marmor hauen, welcher auf Elgin’s Kosten schon damals von der Akropolis abgebrochen war, und so hat Elgin ohne sein Wissen seinem Nebenbuhler das herrlichste Denkmal gesetzt.


  1. Aus dem engl. Werke: Remains of John Tweddell, including his travels in Greece etc. Sec. Edit. London. 1816. 4. M. K. Ich werde davon demnächst eine Uebersetzung herausgeben, die jedoch von dem großen polemischen Theil der Schrift nur das Wichtigste und Anziehendste im Auszug enthalten soll. – Eben so wird von mir bald eine eigene Schrift „über die Neu-Griechen, den gegenwärtigen Zustand ihrer Cultur, und ihre Erscheinung auf der Bildungsstufe von Europa“ erscheinen. Dr. Iken in Bremen.