Ein Abenteuer Lord Byron’s

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Titel: Ein Abenteuer Lord Byron’s
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aus: Die Gartenlaube, Heft 39, S. 530,531
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Ein Abenteuer Lord Byron's


Der Aufenthalt Lord Byron’s in Venedig ist bekannt, sammt den mancherlei Extravaganzen, deren Grund in seiner Eigenthümlichkeit lag. Die nachfolgende Begebenheit ist wohl im Allgemeinen weniger bekannt.

Lord Byron war, als guter Sohn Albions, ein Freund der See, und wenn er sich eine Zeit lang in Gallerien, Sammlungen, Bibliotheken, Palästen und auf der Piazzetta herumgetrieben, war ihm die Fahrt auf den stagnirenden Kanälen Venedigs so zuwider, daß er ein wahres Heimweh nach der See und ihrem belebenden, frischen Athem oder einem Bade in ihren Wellen hatte.

Alle Seeleute Venedigs kannten ihn so gut, wie die Gondoliere, und wenn er nach einem Boote rief, waren zehn zu seiner Verfügung. Seine Freigebigkeit hatte ihm bei dieser Sorte von Leuten einen so klangvollen Namen gemacht, wie seine Poesie in höhern Kreisen.

Die kleine Insel Sabioncello, nahe bei Ragusa, war sein Lieblingsplätzchen, wohin er sich, begleitet von der Gräfin Luiccolli und einigen Freunden, gar oft in einer Barke begab, geführt von einigen bewährten Seeleuten. Die Gräfin zeichnete dann, jeder der andern Begleiter that, was ihm beliebte, und Lord Byron setzte sich im Schatten eines Baumes nieder und schrieb, was ihm sein Genius eingab. Das war aber nicht der ausschließliche Zweck solcher Fahrten. Im Bereiche der dalmatinischen Küsten, näher oder entfernter dem Lande, liegen kleine, grüne, mitunter bewaldete Inselchen. Auch diese waren häufig das Ziel der Lustfahrten Lord Byron’s und seiner Freunde, um dort zu jagen und zu angeln.

Die Insel Grossa minore ist fast nur eine Klippe, gar nicht bewaldet, an einigen kleinen Stellen nur mit Büschen bewachsen und spärlich mit Grün bedeckt, die etwa eine halbe englische Meile lang, und auch nicht breiter ist. In der Mitte der Insel befindet sich eine schöne klare Quelle, um die herum einige Büsche so hoch aufgeschossen sind, daß sie dürftigen Schatten gegen die glühenden Sonnenstrahlen bieten können. Die kleine Gesellschaft beschloß einst hier Mittag zu halten, vorher aber die Fische zum Mahle selbst zu fangen. Das Meer ist bei Grossa minore sehr fischreich. Es währte daher nicht lange, so hatten sie eine hinlängliche Anzahl gefangen. Die Schiffer waren beschäftigt gewesen, dürres Holz zu lesen, mit dem sie nun ein Feuer anfachten, damit die köstlichen Fische zum Mahle bereitet werden konnten. Nie hatte es der Gesellschaft besser gemundet, als hier in der frischen Morgen- und Seeluft, und nach mehreren froh verlebten [531] Stunden brach sie auf, um nach dem Fahrzeuge zu gehen, und Venedig wieder zu erreichen.

Wer aber beschreibt die Verlegenheit Aller, als sie eben kaum noch ihr Boot in der Ferne schwimmen sahen? – Die Schiffer hatten es leichtfertig nur auf den Strand gezogen, aber nicht weit genug, und die Flut hatte es losgespült und davon getragen. – Wäre es näher gewesen, man hätte es noch schwimmend erreichen können, allein daran war unter diesen Umständen nicht zu denken. Es war zu weit entfernt. Das Schlimmste aber war, daß die Klippe Grossa minore etwa zwanzig englische Meilen von Sabioncello entfernt, und keine der umliegenden Inseln bewohnt ist, daß die Mundvorräthe nicht mehr zu einem Mahle ausreichten, daß für die Nacht kein Schutz vorhanden war und – daß die Küstenstriche selten befahren werden. Nun hätte freilich die See ihre Reichthümer an Lebendigem geboten, sie vor dem Hungertods, zu schützen, aber es fehlte an Brennmaterial, sie genießbar zu machen. Sie hatten Wohl auch Pulver und Gewehre, aber auf der Barke lagen die Vorräthe für eine ganze Woche, die die Gesellschaft hatte auf den Inseln hin und wieder verleben wollen; da lagen die Wolldecken, die Hängematten, die Mäntel u. s. w. – und das Alles war weg und für immer und sie saßen auf der Klippe, ohne Schutz gegen Sonne und Nachtkälte und ohne Aussicht, bald erlöst zu werden. Das war in der That nicht sehr lustig, am allerwenigsten für die Gräfin Luiccolli, welche mit zur Gesellschaft gehörte. Natürlich gab es lange und bleiche Gesichter – nur der Lord lachte aus Herzensgrunde, denn das war ja doch einmal ein Abenteuer, welches ihm als Würze der alltäglichen Gewöhnlichkeit diente, und einmal ein Bischen innerlich und äußerlich aufregte. Jetzt erwachte erst in ihm eine volle Thätigkeit.

Ein langes Ruder aus dem desertirten Boote wurde aufgerichtet, und der feine Shawl der Gräfin als Nothflagge daran befestigt, obwohl der Lord nicht ohne innerliche Lust voraussah, daß die erste beste Brise das feine Gewebe in taufend Fetzen reißen würde. Aus zwei Manteln, welche glücklicher Weise zwei etwas feine Kavaliere mit an’s Land genommen, den noblen Leichnam gegen kühle Lüftlein zu schützen, bildete er ein Zelt für die Gräfin, indem er die Herren davon unterhielt, wie ungemein erquickend nach einem heißen Tage eine eisig kalte Nacht und starker Thau sei, wie es doch gastronomisch ungemein interessant sein müsse, zum unverfälschten Naturleben zurückzukehren, und nicht nur Muscheln, sondern auch Fische roh zu verspeisen, und dergleichen mehr. „Ein Tod,“ fuhr er fort, „wie ihn jeder gemeine Venetianer dahin stirbt, ist auch durch sein Ordinäres wenig interessant; aber der Hungertod auf einer schattenlosen Klippe, begleitet von Halbgebratenwerden in der Sonne und Halberfrieren in der Nacht, ist denn doch in jeder Beziehung etwas, das nicht Jedem begegnet.“ Mit solchen Gesprächen jagte er eine Gänsehaut über die andere den edeln Kavalieren, den tapfern Nachkommen heldenkühner Vorfahren über den feinen Leib, und brachte ihr von feiner Pomade duftendes Haar zum Sträuben. Ein Glück, daß die von dem Schrecken erschütterte Gräfin unter dem Mantelzelte schlief, und also der Tortur entging, in welche der Lord seine Gefährten spannte. Sie baten ihn endlich inständigst, nachzulassen, und er erbarmte sich der Helden des jungen Italiens, die, wie er sarkastisch bemerkte, mehr von Atalanta gelernt, als von irgend einem Helden der mythischen Zeit, einer spätern zu geschweigen.

Von Zeit zu Zeit wurden Schüsse abgefeuert, um Fahrzeuge auf die Verlassenen aufmerksam zu machen. Dies erhielt den Muth der Italiener aufrecht, zumal die Vorräthe an geistigen Getränken, die sie noch hatten, innerlich nachhalfen; als aber zwei Tage und zwei Nächte trost-, hoffnungs- und rettungslos hingegangen waren, und auch nicht die entfernteste Aussicht war, gerettet zu werden – da kamen Lord Byron’s Bilder vom Hungertode allmälig zur Geltung und Kavaliere wie Bootsleute überließen sich ihrer Verzweiflung. Nur die Gräfin richtete sich an dem Muthe Lord Byron’s auf, der sich indessen im Geheimen seiner Seele nicht verhehlen konnte, trotz aller humoristischen Auffassung, trotz aller Sarkasmen, mit denen er seine Leidensgenossen überschüttete, sei ihre Lage eine keineswegs im rosigen Lichte erglänzende. Was sollte bei längerer Dauer aus ihnen werden? Der Hungertod rückte mit grausigem Grinzen an sie heran, und es war Noth, daß irgendwie auf Rettung gedacht wurde, da kein Segel in den Bereich ihres Signals kam, das dem Gesetze der Vergänglichkeit jeden Tag ein Fragment seines Leibes zum Opfer gab, wenn die Brise wehte. Was würde daraus, wenn eine scharfe Bora ihr Spiel damit beginnen sollte? – Auf die Dauer vermochte die Gesundheit der Männer selbst dem wechselnden Einfluß von glühender Tageshitze und scharfer Nachtkälte nicht zu widerstehen, da sie, wie die Wilden ferner Länder unter Gottes Sternen sommerlich gekleidet, übernachten’ mußten, und vor Frost oft Zähneklappern zum Besten gaben, daß es eine Art hatte und als musikalisches Intermezzo selbst Lord Byron keine Handhabe zu Scherzen mehr bot, um so weniger, als er selbst als mitagirender Musiker thätig im Chore war.

Die allerernstesten Berathungen traten an die Stelle der Scherze, der Beschluß, ein Floß zu bauen, scheiterte am gänzlichen Mangel alles Materials zu diesem Zwecke. Bon einer Insel, schwimmend, die andere zu erreichen, war völlig unmöglich und würde auch, da sie alle unbewohnt sind, eine Handlung gewesen sein, die nur unheilvoll für den werden mußte, der eine solche Excursion unternommen haben würde, ohne daß sie die Lage der Andern hätte verbessern können. Rathlos saßen sie im Rathe. Selbst Lord Byron zeigte deutlich, daß seine gute Laune an ihrer äußersten Grenze angekommen sei, wo sie, wie Alles, in ihr Gegentheil, umzuschlagen im Begriffe stand.

Da erhob sich ein Venetianer, der, weil er einäugig war, bei der heitern Genossenschaft seiner Freunde der Cyclope hieß, und machte einen Vorschlag, den er auch selbst auszuführen den heldenmüthigen Entschluß erklärte. Er schlug nämlich vor (er war Seemann und gehörte zur Mannschaft des verlorenen Bootes) auf ganz eigenthümliche Weise eine Seefahrt zur Rettung Aller zu wagen. Da es nämlich eigentlich der Zweck der Gesellschaft gewesen war, nach Sabioncello zu gehen und man nur, der Laune Byron’s folgend, auf Grossa minore gelandet hatte, so hatten die Schiffer in ihr Boot ein Faß aufgenommen, um in Sabioncello, wo das köstlichste Trinkwasser sich fand, dieses Faß zu füllen und nach Venedig mit zurückzunehmen. Da nun auch Grossa minore eine berühmte Quelle hat, so war von den Schiffern dieses Faß an’s Land gebracht worden, um es an dieser Quelle zu füllen, da sie nicht wußten, wann sie nach Sabioncello kommen und wie lange sie sich dort würden aushalten können. Sie kannten alle die bizarren Launen Lord Byron’s und dachten, das Gewisse für das Ungewisse zu nehmen.

Der Cyclope schlug nun vor, diese Tonne der Länge nach durchzuschneiden, die Eisenreife stehen zu lassen und so eine Art Boot zu bilden, in das er sich setzen und die abenteuerliche Fahrt unternehmen wolle, um Hülfe zu holen.

So abenteuerlich der Vorschlag, so zweifelhaft sein Erfolg war, augenblicklich hatte er das Meiste für sich, und der ungewöhnliche Muth, die seemännische Tüchtigkeit des Cyklopen lieh ihm noch ein besonderes Gewicht. Es war Lord Byron, der sogleich in den seltsamen Gedanken und Vorschlag mit großem Eifer einging. Dadurch kam er zur möglichst raschen Ausführung. Mit großer Kraft und Ausdauer begannen nun die Seeleute daran zu arbeiten und nach der größten und mühevollsten Anstrengung brachten sie ihr Werk fertig, das die allerseltsamste Form hatte, doch die größte Aehnlichkeit mit einer Muschel. Es wurde in die See gebracht und der muthige Cyclope setzte sich hinein. Gegen Erwarten hielt es durch des Insassen Fürsorge und Kunst im Balanciren das Gleichgewicht. Anfänglich drehte es sich wie ein Kreisel im Kreise herum, allein als der Cyclope seine beiden Ruder in Bewegung setzte, hörte dieses Sichimkreisedrehen auf, und er brachte es in eine Strömung, die es schnell den Blicken entzog. Ihre Gebete und Wünsche begleiteten das waghalsige Unternehmen und sie blieben, zwischen lähmender Angst und schwacher Hoffnung schwebend, auf dem trostlosen Felsen von Grossa minore zurück, wo jeder Augenblick längeren Verweilens peinlicher und – gefährlicher wurde. Der Tag verging; der Abend kam und der Schlaf lullte sie in süße Hoffnungsträume ein.

Der Cyclope ruderte indeß getrost, von der Strömung fortgetragen, an Sabioncello vorbei. Zu landen wurde ihm unmöglich, weil er der Strömung keinen Widerstand leisten konnte. Das war sein Hoffnungsanker gewesen, daß er hier würde landen können. Jetzt sank fein Muth. Von der Insel aus bemerkte ihn Niemand und immer reißender wurde die Strömung. Er flog mit seinem absonderlichen Fahrzeuge in reißender Eile dahin. [532] Daß die Strömung landwärts ging, gab ihm neuen Muth. Immer rascher wurde das Fahrzeug fortgetrieben. Jetzt[WS 1] erblickte er Ragusa und das Herz hüpfte vor Freude; aber an Ragusa führte ihn die Strömung vorbei und Niemand entdeckte ihn. Endlich warf eine Welle das seltsame Boot an den Strand. Er war nicht weit von der Stadt Ragusa. Er hatte in seinem Fahrzeuge in einer unglaublich schnellen Zeit eine Entfernung von nahezu hundert englischen Meilen gemacht.

Von der Freude, Rettung zu bringen, erfüllt, eilte er nach Ragusa und machte der Behörde Anzeige von der Lage der Verlassenen. Noch an dem Abende wurde ein seetüchtiges, großes Boot segelfertig gemacht, mit allen erdenklichen Vorräthen beladen, mit tüchtigen Matrosen bemannt und dann stach es mit gutem Winde in See.

Der Morgen graute eben im Osten, als Lord Byron, vom heftigsten Froste geschüttelt, aufsprang, sich durch Bewegung zu erwärmen. Seine und seiner Begleiter von ihm hervorgerufene bedenkliche Lage ergriff ihn gewaltig. Er blickte auf die wie Leichen Daliegenden; gedachte vorzüglich der bedauernswürdigen jungen Gräfin und war durch die Lage der Dinge tief bewegt.

Die Sonne vergoldete eben das spiegelglatte Meer – da – war’s Wahrheit? – erblickte er ein Segelboot, dessen Kiel lustig die Salzfluth durchschnitt, dessen Schnabel auf die Insel Grossa minore hielt. Mit Aufbietung aller Kraft begann er zu rufen. Die Gefährten fuhren aus dem Schlafe auf. Sie eilten zu den Flinten und verknallten das letzte Pulver. Bald sahen sie das Wehen der Tücher, das Zeichen, daß das Boot zu ihrer Rettung herbeieile. – Wer beschreibt den Eindruck?

Das Boot landete; der Cyclope sprang heraus. Lord Byron umarmte ihn, wie einen Bruder, als er ihnen seine Fahrt und deren Erfolg berichtete.

Die Hungrigen wurden durch die Vorräthe des Bootes wunderbar erquickt und traten dann die Rückreise an. Sie legten in Ragusa an, brachten der Behörde ihren Dank und segelten dann nach Venedig, welches sie wohlbehalten erreichten. Der Cyclope wurde reichlich belohnt. Außerdem ließ ihm der Lord Byron eine prächtige Barke bauen, die den Namen „die Muschel“ erhielt, zur Erinnerung an das muschelartige, improvisirte Fahrzeug, worinnen der Cyclope zu ihrer Rettung von Grossa minore abgefahren war.



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Jetzte