Ein Besuch auf der Insel Robinson Crusoe’s

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Eduard Pechuel-Loesche
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Ein Besuch auf der Insel Robinson Crusoe’s
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 48, S. 801–803
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[801]

Ein Besuch auf der Insel Robinson Crusoe’s.
Von M. E. Plankenau.


An der Küste von Chili kreuzend, waren wir mit einem anderen Walfänger zusammengetroffen, welcher von einem Freunde unseres Capitains befehligt wurde. Denselben begleitete, ein keineswegs seltener Fall, seine junge Frau auf der mehrere Jahre dauernden Reise, und die Anwesenheit der liebenswürdigen Amerikanerin hatte einen ungewöhnlich regen Verkehr zwischen beiden Schiffen zur Folge. Es wurde endlich beschlossen, für einige Zeit in Gesellschaft zu segeln und zunächst Juan Fernandez anzulaufen, um von dem bekannten Fischreichthum der Insel unsere Speisekammer neu zu versorgen.

So wendeten wir uns denn nach Westen und steuerten bei überaus günstigem Wetter gemächlich entlang, bis nach mehrtägiger Fahrt eines Nachts der erwartete langgedehnte Ruf erscholl: „Land voraus!“

Die Gartenlaube (1871) b 801.jpg

Juan Fernandez, die Insel des Robinson.
Nach der Natur aufgenommen von M. E. Plankenau.

Vor uns am Horizonte hing eine dunkle Masse in ungewissem Licht verschwimmend wie eine Wolkenbank, aber mit jeder Stunde höher und deutlicher hervortretend. Dort hatte der Schotte Alexander Selkirk, der Held unserer Robinsonaden, gelebt. Er war Matrose auf dem Schiffe „Cingue Ports“ und wurde, in Folge eines Streites, von seinem Capitain Stradling im September 1704 auf dieser Insel ausgesetzt, wo er einsam hauste bis zum Februar 1709, in welchem Jahre Capitain Wood Rogers ihn auffand und nach England zurückbrachte. Die Erzählungen von Selkirk’s Abenteuern veranlaßen den Engländer Daniel Defoe seinen berühmten Roman „Robinson Crusoe“ zu schreiben, welcher durch seinen großen Erfolg im Laufe der Zeit so zahlreiche Nachahmungen hervorgerufen hat.

Juan Fernandez, von den Chilenen auch Masatierra genannt, liegt im Stillen Ocean, unter dreiunddreißig Grad südlicher Breite und neunundsiebzig Grad westlicher Länge, ungefähr neunzig deutsche Meilen vom Festlande entfernt; die Insel ist über eine Meile breit und vier Meilen lang, sich in ihrer größten Ausdehnung von Osten nach Westen erstreckend. Ganz nahe dabei, im Süden, liegt das Eiland Santa Clara und zwanzig Meilen westlich die von einigen Chilenen bewohnte Insel Masafuera. Für uns hat Juan Fernandez neuerdings noch ein ganz besonderes Interesse gewonnen, da die Insel von einer Gesellschaft unserer Landsleute, unter Leitung des Ingenieurs Wehrhan, der Republik Chili zu Ende des Jahres 1868 abgekauft und besiedelt wurde[1] und von nun an ein neues Stückchen Deutschland im fernen Weltmeere repräsentirt.

Ein kurzer geschichtlicher Rückblick wird deswegen den Lesern der Gartenlaube nicht überflüssig erscheinen, um so weniger, als Selkirk weder der erste Europäer war, der diese Insel betrat, noch der erste Robinson, welcher sie bewohnte.

Die Insel Juan Fernandez wurde nach ihrem Entdecker benannt, einem Spanier, welcher, auf einer Fahrt von Lima nach Valdivia begriffen, im Jahre 1563 dort landete. Er fand sie unbewohnt und, von ihrer Schönheit angezogen, faßte er den Entschluß, sich auf ihr niederzulassen. Jedenfalls war er es, welcher die Ziegen aussetzte, die noch heute zahllos und scheu wie die Gemsen sich vorfinden. Die Flibustier, welche ihr Unwesen sehr bald auch an der Westküste Südamerika’s trieben, besuchten späterhin zuweilen diese Insel, erholten sich von ihren Strapazen und unternahmen von dort aus neue Raubzüge.

William Dampier, ein Engländer und der kühnste Seefahrer des siebzehnten Jahrhunderts, welcher selbst eine Zeit lang unter den Flibustiern lebte, erzählt, daß ein Mann von seinem Schiffe, ein Mosquito-Indianer, im Jahre, 1681 auf Juan Fernandez zurückgelassen wurde und daselbst blieb bis 1684, in welchem Jahre [802] ihn Dampier selbst wieder mit sich hinwegnahm. Dieser Mosquito-Indianer war also der erste Robinson, welcher auf der Insel lebte und sich gleich Selkirk von den wildlaufenden Ziegen ernährte.

Da die Letzteren sich ungemein vermehrt hatten und den Flibustiern jederzeit Fleisch in Menge lieferten, so gedachten die Spanier ihren kühnen und gefürchteten Feinden durch Ausrottung der Ziegen in erfolgreichster Weise zu schaden, indem sie mächtige Bluthunde hinüberführten und dort freiließen. Letztere scheinen aber ihre Aufgabe nur unvollkommen erfüllt zu haben, denn als ein anderer berühmter Seefahrer, Lord George Anson, der spätere britische Admiral, im Jahre 1741 daselbst landete, fand er zwar viele Hunde, aber auch noch sehr viele Ziegen vor.

Von seiner während der Umsegelung des Cap Horn durch einen Sturm getrennten Flotte hatten sich nur drei Schiffe, Centurion, Trial und Gloucester in jämmerlichem Zustande wieder zusammengefunden. Die Mannschaften litten am Scorbut und anderen bösen Krankheiten und Lord Anson blieb mit ihnen nothgedrungen auf der schönen Insel, wo sie sich überraschend schnell von ihren Leiden erholten. Nichts war natürlicher, als daß die genesenen Seeleute nach ihrer Ankunft in England diesen Aufenthalt in den verlockendsten Farben schilderten. Die Spanier, welche davon hörten und nicht mit Unrecht fürchteten, die immer auf Landerwerb bedachten Engländer würden die Insel in Besitz nehmen, beeilten sich nun auf ihr im Jahre 1751 eine Niederlassung zu gründen. Bald darauf wurde dieselbe aber durch ein Erdbeben heimgesucht und in Folge dessen aufgegeben. Juan Fernandez blieb nun wieder unbewohnt bis 1819, in welchem Jahre Chili eine Strafcolonie dort anlegte; diese bestand bis 1835, dann wurde die Insel abermals verlassen.

Zwei Jahre später ließ sich ein Chilene von Valparaiso freiwillig dort nieder, ihm folgten bald noch mehrere Männer und Frauen, und diese und ihre Nachkommenschaft lebten zur Zeit unseres Besuches, im Februar 1866, auf der Insel. Die kleine Gemeinde zählte damals fünfzehn Köpfe, mehrere junge Leute waren auf Walfängern abwesend. –

Wir näherten uns mit einer leichten Brise von Südosten und bei Sonnenaufgang lag die Insel in ihrer ganzen Schönheit vor uns. Von entschieden vulcanischem Charakter trug sie jenes wilde bizarre Gepräge, welches ein gewaltsames Schaffen der Naturkräfte immer verleiht; die starren Formen waren jedoch mit freundlichem Grün geschmückt und gewährten so von Weitem einen überaus lieblichen Anblick. Im Westen von uns tauchte das kleine Eiland Santa Clara aus dem Meere auf; es erschien uns kahl und öde.

Juan Fernandez selbst besteht aus einem einzigen Gebirgsstock. In der Mitte desselben erhebt sich bis zu dreitausend Fuß die höchste Kuppe, ihrer seltsamen Gestalt wegen „der Ambos“ genannt; westlich von derselben drängt sich Berg an Berg. Die meisten derselben sind vom Fuß bis zum Gipfel mit Vegetation bedeckt, dunkle Schluchten ziehen sich zwischen ihnen nieder und bilden kleine lauschige Thäler, welche sich nach der See zu öffnen.

Oestlich vom Ambos dagegen dehnt sich ein großes Plateau, welches mit geringen Unebenheiten nach Süden, Osten und Norden geneigt ist, aber in einer Höhe von vielleicht zweitausend Fuß an diesen drei Seiten plötzlich und senkrecht nach dem Meere zu abstürzt. Es ist mit Gras und Gebüsch bewachsen. Schon von Weitem sahen wir es sich dort oben bewegen wie Ameisen, und mit Hülfe des Fernrohrs erkannten wir die berühmten wilden Ziegen. Wenn wir die Zahl der gleichzeitig gesehenen auf einige hundert schätzten, so machten wir uns sicherlich keiner Uebertreibung schuldig. Das Plateau schien ihr Lieblingsaufenthalt zu sein, an keinem andern Punkte der Insel bemerkten wir so viele dieser Thiere beisammen. Sie stiegen an den grünen Hängen auf und nieder, oder zogen in geschlossenen Rudeln umher, während einzelne von ihnen unmittelbar am äußersten Rande des Abgrundes standen und niederschauten. Mit einem Sprunge hätten sich diese von der schwindelnden Höhe in das Meer hinabwerfen können.

In sicherer Entfernung fuhren wir an den ungeheuren Felsenwänden entlang und blickten mit Staunen an ihnen hinauf; wir konnten uns des Gefühls nicht erwehren, daß sie niederstürzen müßten und uns zermalmen, so drohend war ihr Aussehen. Niemals sah ich gewaltigere Formen. Unten schäumten und tosten die Wogen des Oceans und brachen sich mit dumpfem Donnern; rastlos nagten sie am Grunde der Felsenmauern, sie unterhöhlend, bis die freischwebenden Massen sich lösten und in die Tiefe hinabschmetterten. An verschiedenen Stellen zeigte das Gestein frische Spuren solcher Niederbrüche.

In Folge dieser Einwirkung des Wassers hat die ganze Ostseite der Insel die Gestalt einer riesigen Bastion erhalten. Die mächtigen Wälle derselben wurden eben von der Morgensonne beschienen und alle Vorsprünge traten im Wechsel von Licht und Schatten auf das Schärfste hervor. Die horizontalen Schichtungen waren von klaffenden Spalten durchsetzt, von welchen dünne Wasserfäden niederflatterten und sich in Millionen Tropfen zertheilten, ehe sie das Meer erreichten. Ein Wasserstrahl namentlich gewährte einen prachtvollen Anblick, indem er in einer Höhe von vielleicht tausend Fuß kühn aus dem Gestein heraussprang und in weitem Bogen herabsinkend und zerstäubend wie ein duftiger Schleier vor dem dunkeln Felsengrunde hing. Als einer unserer Officiere im Jahre vorher hier passirte, war von diesem „Brautschleier“, wie die schöne Frau des Capitains in der Erinnerung an eine süße Stunde erröthend ihn nannte, noch nichts zu sehen gewesen; ein Beweis, in wie kurzer Zeit bemerkenswerthe Veränderungen hier vorgingen.

Den nördlichen Punkt der Bastion umfahrend erblickten wir Cumberland-Bai. Der Uebergang vom Ernsten, Gewaltigen zum Anmuthigen konnte nicht überraschender sein. Vor uns lag eine nur wenig ausgerundete Bucht mit flachem Strande, von welchem ein liebliches Thal, sich in mehrere kleine Seitenthäler verzweigend, landeinwärts zog. Im Hintergrunde desselben thronte der Ambos; von ihm zweigte sich rechts ein hoher und steiler Bergzug ab, bis in die See hinaustretend und Bucht und Thal nach Westen zu abschließend. Links wurde dasselbe in gleicher Weise von dem oben erwähnten Plateau begrenzt, an welches sich ganz im Vordergrunde ein nackter Felsen wie ein Strebepfeiler lehnte, dem zwei glatte sich verjüngende Seiten genau das Aussehen einer halbverschütteten Pyramide gaben. An seinem Fuße schlängelte sich ein rauher Pfad aufwärts nach der Höhe der Klippen. Mit Ausnahme dieses sofort in die Augen springenden Felsens waren die zurückliegenden Berge theilweise mit Wald und Buschwerk bedeckt. Das auf diese Weise umschlossene Thal ist nach Norden, also hier nach der Sonnenseite zu, offen; es ist das günstigst gelegene und geräumigste der Insel, dennoch aber wohl kaum tausend Schritte lang und breit. In ihm auf der rechten Seite und nicht weit vom Meere befand sich die kleine Ansiedlung.

Während die Schiffe in sicherer Entfernung vom Lande kreuzten und verschiedene Boote mit Angelleinen zum Fischfang ausgesandt wurden, segelten wir nach dem Innern der Bai. Der flache Strand erlaubte unser leichtes Fahrzeug auf das Trockne zu ziehen, bei welcher Arbeit uns einige herbeigeeilte Inselbewohner halfen. Ihr Aeußeres ließ erkennen, daß sie nicht in zu häufige Berührung kamen mit den Segnungen der Civilisation. Weiber und Kinder hatten ein recht ungewaschenes Aussehen und machten keinen übermäßig günstigen Eindruck auf uns. Desto größer aber war ihre Bewunderung für die schöne Dame, welche mit uns gekommen war und welche mit ihrem rosigen Gesicht und schneeigen Kleidern der jüngeren Generation wie eine gute Fee erscheinen mußte, wenigstens folgten ihr die Kinder auf Schritt und Tritt.

Die Gebäude der Ansiedlung sahen sehr altersschwach aus und waren einer durchgreifenden Reparatur bedürftig; es gab Hände genug, diese Arbeit vorzunehmen, aber Niemand schien es nothwendig zu finden, obgleich der nächste Sturm Dach und Wänden offenbar gefährlich werden mußte. Für die vorhandenen Boote war schon besser gesorgt, indem für dieselben eine Art Hafen hergestellt war.

Nicht weit von demselben reckten sich einige italienische Pappeln einsam und steif in der Nähe eines dichten Myrthengebüsches, schöne Kirsch- und Pfirsichbäume wuchsen allenthalben. Aus den Früchten der ersteren wußten die Ansiedler einen recht schmackhaften Wein zu bereiten. Nur wenig Land war urbar gemacht; Kartoffeln, Kraut, Rüben, Mais, Melonen wuchsen in großer Ueppigkeit auf demselben. Der Besuch eines Blumengartens zeigte, daß auch diese Menschen das Bedürfniß hatten, ihre Umgebung und ihr Leben zu verschönern.

Die Felder waren sorgsam eingefenzt, wahrscheinlich um sie gegen die Uebergriffe einiger grunzenden Vierfüßler zu schützen [803] welche mit den Kindern und einigen Hunden sehr vertraut zu sein schienen. Einige Hühner gackerten irgendwo in der Nähe und mehrere eingepferchte Ziegen begrüßten uns meckernd. Rinder sah ich nicht, vergaß auch zu fragen, ob dieselben überhaupt auf der Insel gehalten würden. Abseits weideten halbwilde Pferde und Esel; die letzteren namentlich waren so flink und schlau, daß jeder Vergleich mit unseren einheimischen Langohren für sie eine Beleidigung sein würde. Auf den Höhen zeigten sich hier und da wilde Ziegen; gleich den Gemsen schienen sie sehr wachsam zu sein, denn einige standen auf kahlen Graten und äugten in das Thal herab. Hoch über ihnen im Aetherblau kreisten mehrere Raubvögel, wilde Tauben schwärmten in Menge umher, ebenso gab es Strandvögel mancherlei Art und Größe.

Das Thal war mit hohem Grase und Kräutern bedeckt und wurde von mehreren winzigen Wasserläufen durchzogen, deren Ufer hier und da mit Gebüsch bestanden waren. Das letztere zog sich auch in dichten Massen an den Berglehnen aufwärts und ließ nur an einzelnen Stellen das nackte graue Gestein durchblicken. An einem Hügel hinter der Ansiedlung entdeckten wir die Reste einer Fortification, deren Geschütze die Bai vollständig beherrscht haben mußten; ebenso fanden sich in der Mitte der Bucht noch Spuren eines kleineren Erdwerkes, einer ehemaligen Wasserbatterie. Mehrere sehr alte und gänzlich verrostete Geschützrohre lagen halb vergraben umher; sie und einige Gräber und die ehemaligen Zellen der Deportierten waren die einzigen historischen Ueberreste im Thale.

Es geht eine Sage unter den Walfängern, daß auf dem Grunde der Bai große Reichthümer verborgen liegen, und wie die meisten derartigen Ueberlieferungen entbehrt sie nicht ganz der Begründung. Das englische Kriegsschiff „Speedwell“ nämlich hatte im Anfange des Jahres 1720 während einer Kreuzfahrt an den damals noch spanischen Küsten Südamerikas große Beute gemacht und ankerte Ende Mai in dieser Bai, um frisches Trinkwasser einzunehmen, wurde aber plötzlich von einem Sturme überfallen und ging mit allen seinen Schätzen zu Grunde. Die Mannschaft rettete sich größtentheils an das Land und baute mit den Trümmern ihres Schiffes und dem Holze, welches auf der Insel wuchs, unter Leitung ihres Capitains Shelviocke, ein neues Fahrzeug, und als dieses durch einen unglücklichen Zufall zerstört wurde, nochmals ein zweites kleineres Schiff. In diesem verließen die kühnen Männer im October die Insel und eroberten mit dem Muthe der Verzweiflung wenige Tage später eine große spanische Bark, mit welcher sie endlich nach vielen wunderbaren Leiden und Abenteuern einen sichern Hafen erreichten.

Schon ehe wir landeten, hatten wir in der Böschung eines kleinen Hügels die dunkeln Oeffnungen mehrerer Erdlöcher bemerkt und sie natürlich für die einstige Residenz Selkirk’s gehalten; doch hatten wir uns arg getäuscht, da es nur die sehr einfachen Keller der Ansiedler waren. Diese erzählten uns dagegen, daß es zwei Höhlen gebe, in welchen Robinson gelebt habe; die eine liege auf der Südseite der Insel gegenüber dem Eiland Santa Clara, die andere westwärts von Cumberland-Bai in einem kleinen Thale und an einer Bucht, „Englische Bai“ genannt. Die Entfernung letzterer sollte zu Wasser nicht groß sein und wir beschlossen, den bezeichneten Punkt mit unserem Boote aufzusuchen.

Nach einer angenehmen Fahrt im Schatten dunkler Klippen entlang und an grünen Schluchten vorüber, erreichten wir ein niedliches Thal, welches eng und traulich zwischen den Bergen lag. Wir landeten und eilten nach der nicht fern liegenden Höhle. Sie erschien trocken und wohnlich, in ihrer Form an einen Backofen erinnernd, ungefähr zwölf Fuß hoch, fünfzehn Fuß tief und zwanzig Fuß weit am Eingang. An den Wänden, welche mit Inschriften von früheren Besuchern versehen waren, hingen Spinneweben; von Robinson’s Aufenthalt aber fanden wir keine Spur.

Die Umgebung war wunderschön. Gras, Kräuter, bunte Blumen und dichtes Gebüsch wuchsen überall, ein kleiner geschwätziger Bach kam von einer bewaldeten Schlucht und durchrieselte das Thal der Länge nach. Vor uns lag das blaue Meer, hinter uns traten die Berge zusammen und die steilen Felsenwände mit ihrem grünen Schmuck gaben dem Ganzen eine reizende Abgeschlossenheit. Das Brausen des Oceans, welches nur dumpf und verworren zu uns drang, vermischte sich mit dem Murmeln des Baches, sonst störte nichts die feierliche Stille. Schweigend standen die altersgrauen Klippen, kein Echo hallte von ihnen wieder und nicht einmal der Schrei eines Vogels war zu hören. Und hier in dieser Einsamkeit hatte sich ein armer Verlassener lange Monate und Jahre hindurch nach dem süßen Laut einer Menschenstimme gesehnt, hier vielleicht war er verzweifelnd zusammengebrochen, wenn ein nahendes Schiff ihm Rettung zu bringen schien und diese Hoffnung ihn wieder und wieder betrog! Der Ort war wohl geeignet, die Phantasie anzuregen und auch Seeleute ernst zu stimmen; wir fühlten uns bald seltsam bang und beklommen und suchten schweigend unser Boot wieder auf. Die ziemlich weite Fahrt um die Insel zu vollenden und die auf der Südseite liegende Höhle zu besuchen gestattete leider die vorgerückte Zeit nicht.

Das Klima der Insel ist angenehm und gesund, Wasser ist überall vorhanden und fast jeden Morgen fallen Regenschauer. Die Myrthe wächst mit beispielloser Ueppigkeit und bildet ganze Wälder und undurchdringliches Gebüsch; viele Obstarten gedeihen vortrefflich und köstliche Erdbeeren giebt es im Ueberfluß. Schlangen und giftiges Gewürm kennt man nicht und nur eine Art Raubthiere, verwilderte Katzen, sollen sich in den Bergen aufhalten; der Beschreibung nach müßten sie fast so groß wie Panther sein. Einen Schädel oder ein Fell derselben konnte man uns leider nicht zeigen.

Cumberland-Bai bietet Schiffen guten Ankergrund, doch ist sie zu wenig geschlossen, darum hohem Seegang und allen nördlichen Winden ausgesetzt; daß diese nicht ohne Gefahr sind, beweist das Schicksal des „Speedwell“ und bewies uns ferner das Wrack eines Schooners, dessen Rippen am Strande faulten. Walfänger laufen die Insel gern an, zumal in der Nähe derselben sich häufig Wale zeigen. Den neuen Ansiedlern wird die Jagd dieser wertvollen Thiere einen vielleicht unerwarteten und bedeutenden Gewinn abwerfen. Der Reichthum des Meeres scheint überhaupt fast unerschöpflich zu sein, Robben sonnen sich am Gestade, Seekrebse hausen in Menge zwischen dem Gestein und Fische aller Art, von allen Größen und Farben drängen sich auf den Untiefen zusammen. Die von uns ausgesandten Boote waren in wenigen Stunden fast zur Hälfte mit den Bewohnern der Tiefe gefüllt. Eins derselben hatte im Nordosten der Insel Kabeljaus gefunden; bei dem bedeutenden Werthe, welchen diese als Stockfische für den Weltmarkt haben, dürfte den Deutschen, für welche Juan Fernandez jetzt eine Heimath geworden ist, sich leicht noch eine neue Quelle des Reichthums eröffnen. Ob die Chilenen um das Vorhandensein der Kabeljaus wußten, konnten wir nicht mehr erfahren, da wir schon wieder zu unserem Schiffe zurückgekehrt waren.

Bei anbrechendem Abend standen wir unter vollen Segeln nordwärts und verloren bald Cumberland-Bai aus dem Gesicht, während die Strahlen der Sonne noch die Gipfel der Berge beleuchteten, von welchen in Zukunft wohl kein Robinson mehr nach einem rettenden Fahrzeuge ausschauen wird.



  1. S. Gartenl., Jahrg. 1869.