Ein Besuch bei Garibaldi auf Caprera

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Moritz Wiggers
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Ein Besuch bei Garibaldi auf Caprera
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 15, S. 233–235;249–252
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[233]
Ein Besuch bei Garibaldi auf Caprera.
Von Moritz Wiggers.[1]

Schon in Frankfurt a. M. hatte ich gewichtige Empfehlungen an Garibaldi erhalten. Andere empfing ich in Turin durch die Güte der Marchesa Pallavicino Trivulzio, der Gemahlin des Marchese Pallavicino, des alten Patrioten und Leidensgefährten Silvio Pellico’s, der unter Garibaldi Prodictator von Neapel und später Präfect von Sicilien war, und so konnte ich hoffen, mir den Zutritt zu dem Helden von Italien zu bahnen. Es war nicht die Neugierde, die mich zu ihm zog. Ich wollte ihm die Zustände [234] in Deutschland und die Ueberzeugung von der Nothwendigkeit einer engeren Vereinigung des deutschen und italienischen Volkes darlegen.

Wer von Genua nach Caprera geht, spart Kosten, wenn er in ersterer Stadt ein Billet direct nach Maddalena nimmt, mit welcher nur eine Stunde von Caprera entfernten kleinen Insel die italienische Dampfschifffahrtsgesellschaft Robattini eine Verbindung unterhält. So that auch ich, als ich mich am 10. October Morgens 8 Uhr auf das Dampfschiff l’Italia begab, das um 101/2 Uhr die Anker zur Weiterfahrt lichtete.

Das Wetter war prachtvoll. Tiefe Windstille und ein blauer italienischer Himmel über uns. Nach Osten zu das italienische Ufer mit den Wellenlinien seiner bläulichen Berge. Bald erhob die Insel Gorgona ihre steilen Klippen aus dem grünen Meere. Dann kam die Insel Capraja mit ihren gewaltigen Felsenmassen, an denen wir dicht vorbei schifften. Weiter erschien Corsica.

Nach einem einstündigen Aufenthalt auf der Rhede von Bastia, von wo wir die weißen Häuser der Stadt und auf dem Marktplatze die kolossale Statue Napoleon’s I. erblicken konnten, welche in neuerer Zeit die Bewohner von Bastia ihrem ehrgeizigen Mitbürger gesetzt haben, fuhren wir weiter nach Süden und sahen noch in der Ferne die durch Alexander Dumas berühmt gewordene Insel Monte Christo. Dann aber ward’s dunkel. Die Luft blieb warm wie am Tage, und die vom Schiffe durchschnittenen Wellen sprühten elektrische Funken. Bis gegen Mitternacht weilte ich noch auf dem Deck im einfachen Oberrock.

Es waren noch drei andere Personen, die mit mir nach Maddalena und Caprera sich einschiffen wollten. Zwei Brüder, Alpinolo und Teodoro Sgaralino aus Livorno, Söhne des Major Sgaralino, welcher unter Garibaldi als Officier der freiwilligen Cavallerie alle Feldzüge desselben mitgemacht hatte. Ich sah ihn, als er seine Söhne nach dem Dampfschiffe begleitet hatte. Er trug noch die Uniform der freiwilligen Reiterei mit dem kurzen dunklen Halbrock. Er hinkte: ein Schuß war ihm durch die Hüfte gegangen. Nach der Lebhaftigkeit seiner Bewegung zu schließen, war dies indeß kein Hinderniß für ihn, noch einmal der Fahne Garibaldi’s als Freiwilliger sich anzuschließen. Sein ausdrucksvolles und kühnes Gesicht schien diesen Augenblick herbeizusehnen. Die Söhne waren ein Paar liebenswürdige junge Leure. Der Eine derselben, welcher erst kürzlich aus Californien zurückgekehrt war, wo er mehrere Jahre in einem kaufmännischen Geschäfte gearbeitet hatte, sagte mir: „Ich werde auch noch einmal Soldat. Aber ich diene nur unter Garibaldi,“ setzte er, sich stolz aufrichtend und augenfunkelnd, hinzu. Der Dritte, welcher nach Caprera wollte, hieß Edoardo Magherini. Er diente mit dem Grade eines Lieutenants auf der königlich italienischen Kriegscorvette Magenta als erster Maschinist und war ein aufgeweckter munterer Mann von dreißig Jahren, begabt mit gesundem Verstande, der mit großer Gewandtheit und Energie die „natürlichen Menschenrechte“ zu vertheidigen wußte. Er stammte aus Livorno und hatte jetzt einen kurzen Urlaub erhalten. In vier Wochen wollte er mit seinem Schiffe nach Amerika gehen. Sein Vater war früh gestorben, und er nun die männliche Stütze seiner Mutter und seiner Geschwister.

Bereits in der Nacht waren wir in der Nähe der Insel Maddalena, welche sich dicht am nördlichsten Theile der Insel Sardinien aus dem Meere erhebt. Die Einfahrt nach dem auf derselben belegenen Städtchen gleichen Namens windet sich zwischen Klippen durch eine enge Straße und ist bei Nacht nicht zu passiren. Deshalb kreuzten wir bis Tagesanbruch auf hoher See, und dann erst fuhren wir in die von felsigen Inseln umgebene Meerenge. Die Insel Caprera ist von der Insel Maddalena durch einen schmalen Meeresarm getrennt, welcher einen vortrefflichen Hafen bildet. In demselben hat einst die ganze Nelson’sche Flotte Zuflucht gefunden. Nicht weit von dem Städtchen Maddalena eröffnet sich die Aussicht auf Caprera, welches ganz aus Felsen und Klippen besteht und zu einer Höhe von vielleicht 2000 Fuß emporsteigt. Im Vordergründe auf einem Hügel von einigen 100 Fuß erhebt sich ein kleines Häuschen mitten in unwirthbarer Gegend, wo alles vegetabile Leben ersterben zu sein scheint, umgeben von gigantischen Felstrümmern und Felsmassen. Es ist die Wohnung Garibaldi’s.

Um 7 Uhr ankerten wir in Maddalena. Es giebt dort nur ein Wirthshaus, und in diesem ist nur ein geräumiges Fremdenschlafzimmer mit zwei Betten, welches von mir und Signor Edoardo, dem Maschinisten, occupirt ward. Dem Wirth, Raffo Lorenzo, steht aber noch ein anderes ihm gehöriges, von seinem verheiratheten Sohne bewohntes Haus zu Gebote, in welches die überzähligen Fremden placirt werden konnten. Es lebte sich übrigens bei der Raffo’schen Familie sehr angenehm. Das Essen war nicht schlecht, der Wein von Maddalena und Sardinien nicht übel, die Seefische waren gut und die sardinischen Trauben ganz vortrefflich.

Jedesmal nicht lange nach der Ankunft des Dampfschiffes kommt Menotti Garibaldi mit seinem Boot von Caprera herüber, um die angemeldeten Freunde, die Post und die angekommenen Sachen in Empfang zu nehmen. Natürlich ist für die einsamen Bewohner von Caprera die Ankunft des Dampfschiffes ein Gegenstand von hoher Bedeutung. Auch diesmal war der junge Mann nicht ausgeblieben. Er stand nicht weit von der Thür meines Wirthshauses zusammen mit seinem jüngeren Bruder Ricciotto, als ich mich ihm vorstellte und meine Empfehlungen an seinen Vater vorzeigte. Er hat eine hohe, markige und breitschulterige Gestalt, die zusammen mit dem stolzen und trotzigen Gesicht seinen Muth und seine Riesenkraft verräth. „Er ist ein wahrer battiferro (wörtlich: Eisenschlager), wie wir Italiener sprechen,“ sagte mir mein Freund, der Maschinist. Dem Ansehen nach hat er die Mitte der Zwanziger nicht überschritten. Ricciotto, der kaum zwanzig Jahre alt sein mag, sieht nicht weniger kräftig aus, aber er macht nicht den Eindruck eines kühnen Soldaten, wie sein Bruder. Er hat sich bisher nur mit den Wissenschaften, namentlich mit der Mathematik, beschäftigt, und den größten Theil seiner Jugend in England, wo er erzogen ward, zugebracht, weshalb er noch jetzt das Italienische mit englischem Accent spricht. Dort hat er einen unglücklichen Sturz vom Pferde gethan und hinkt daher ein wenig. Er sah mir aber nicht so aus, als würde dies ihn zurückhalten, seinem Vater zu folgen, wenn dieser wieder zum Schwerte greift. Menotti blickte mich erst etwas barsch und forschend an, als ich ihn anredete. Als ich aber mit meinen Empfehlungen hervorrückte, wurde seine Miene freundlicher und er sagte mir, daß sein Vater mich gewiß jederzeit gern annehmen würde. Die Empfehlungsbriefe rieth er mir persönlich zu übergeben.

Ich miethete mir nun mit Signor Edoardo ein Boot, welches von Giuseppe Raffo und einem rothhaarigen Vetter desselben geführt ward. Der Wind war ziemlich stark und conträr. Wir mußten daher kreuzen und brauchten anderthalb Stunden, um nach Caprera zu gelangen. Vornan liegt das Haus einer amerikanischen Lady, Namens Hull, welche dort schon länger als dreißig Jahre gewohnt und ihrem Manne, der auf der Insel verstorben ist, in der Nachbarschaft ihrer Wohnung ein Denkmal gesetzt hat. Von ihr hat, nach Giuseppe’s Erzählung, Garibaldi sein Besitzthum auf Caprera im Jahre 1848 gekauft. In der Nähe unseres Landungsplatzes fuhr sie in einem kleinen, von einem Schiffer geruderten Boote an uns vorüber.

Es war halb zwölf Uhr, als wir über die am Landungsplatze verstreuten Felsblöcke mühsam hinwegkletterten. Menotti war dicht hinter uns mit seinem Boot, aber er schlug einen weiteren Weg ein, der zu einer bequemeren und für den Transport von Sachen benutzten Landungsstelle führte. Ein steiniger Fußweg schlängelte sich zu dem hinteren Theile der Wohnung Garibaldi’s hinauf. Wir hatten verschiedene Einfriedigungen zu passiren, welche zur Absperrung des Viehes dienten. Die Kühe und Kälber, denen wir begegneten, hatten mit Schweizer Kühen nur eine sehr entfernte Aehnlichkeit; ihr Ansehen entsprach vielmehr den dürftigen Futterkräutern, welche innerhalb dieser Einfriedigungen wuchsen. Durch ein Thor traten wir in den Hof und schritten über denselben zu einem kleinen hölzernen Quergebäude, worin sich ein kleines Zimmer mit einem Schreibtisch befand, zu welchem die Thür offen stand. Es war aber Niemand darin. Wir gingen darauf in die Seitenthür des Hauses, wo wir endlich einen Bedienten im rothen Garibaldihemd trafen. Die Marchesa Pallavicino hatte die Güte gehabt, mir, außer an Garibaldi, auch an dessen Secretair, den Major Basso, durch den alle Anmeldungen gemacht werden und der daher auf die Zulassung zu Ersterem einen großen Einfluß hat, einen Empfehlungsbrief mitzugeben. Ich erkundigte mich bei dem Diener nach dem Major Basso. Zuvorkommend erwiderte der Mann, der Major sei auf den Fischfang gegangen, werde aber bald zurückkehren, und dann solle ich sofort gemeldet werden.

Wir hatten nun Zeit, uns etwas umzusehen. Der Hof ist geräumig und von einer hohen Mauer umgrenzt. Zu denselben führen an den Ecken vier Eingänge. In der Mitte des Hofes [235] sind kleine Einfriedigungen, in welchen sich zahlreiches Federvieh befand. Ein mit Laub bedeckter Gang führt zum mittleren Theile des Hauses. Dieses besteht aus zwei Etagen mit kleinen Fenstern und sieht in seiner hellen Farbe recht freundlich und einladend aus. Dicht an den hintern Theil des Hauses lehnt sich ein Hügel, der eine kleine Mühle trägt. Von dem Hügel hatten wir eine imponirende Aussicht rechts über’s Meer, geradeaus auf Maddalena, und links auf die Bucht, welche man dort den See nennt. Rundum Klippen, Felsmassen und Wasser. Wir stiegen eben den Hügel wieder herab, als ich plötzlich einen Mann auf Krücken und in der Garibaldiuniform in der Entfernung von etwa zwanzig Schritt von uns gewahrte. „Garibaldi!“ flüsterte ich zu meinem hinter mir gehenden Begleiter. Wer anders konnte das sein, als Garibaldi selbst? Wir blieben stehen, nahmen ehrfurchtsvoll unsere Hüte ab und verbeugten uns. Mit großer Leichtigkeit bewegte er sich auf seinen Krücken und ging noch einige Schritte auf uns zu. Dann blieb er stehen. „De l’autre côté, Messieurs, s’il vous plaît; après je vous attends,“ rief er uns mit kräftiger und volltönender Stimme und mit dem feinsten französischen Accent freundlich zu, indem er auf den ersten Eingang zum Hofe zeigte.

Bald darauf kam der Major Basso, der treue Freund des Generals, den er schon nach Amerika begleitet hat. Das erwähnte Zimmer im Quergebäude war sein Studirzimmer. Er führte uns in’s Haus, wo wir über die Diele, durch die Küche und einen Gang in ein kleines Gemach gelangten. Es war Sitte, daß man im ganzen Hause die Kopfbedeckung aufbehielt, der Major erinnerte mich wiederholt daran. Er öffnete den an ihn gerichteten Brief, fand darin einen zweiten Brief an Garibaldi und ging mit diesem und dem andern Empfehlungsschreiben, das mir die Marchesa Pallavicino eingehändigt hatte, in das nebenan befindliche Zimmer des Generals. In der Stube, in der wir uns befanden, stand das Bett Garibaldi’s, das, in Heidelberg angefertigt, ihm zum Geschenk gemacht wurde. Er hat sich desselben so lange bedient, als seine Wunde noch nicht geheilt war. Ich erkannte es sofort nach der Abbildung, welche davon in der „Gartenlaube“ gegeben worden ist. Nachdem wir eine kurze Zeit gewartet hatten, erschien Garibaldi. Er wandte sich an mich und fragte: „Parlez-vous français ou italien?

Italiano, un poco, signor Generale.

Ah, è meglio“ (das ist besser), erwiderte der General mit dem ihm eigenthümlichen, gewinnenden Lächeln und nöthigte uns zum Sitzen. Basso blieb hinter uns stehen. Zuerst erkundigte sich Garibaldi angelegentlich nach dem Marchese Pallavicino und der Marchesa. Ich überbrachte ihm die mir mündlich aufgetragenen Grüße. Dann händigte ich ihm die noch in meinem Besitz befindlichen Empfehlungsbriefe ein, auch ein Gedicht und ein Briefchen der Enkel des verstorbenen Patrioten Wirth, zweier Kinder, von denen der Knabe Corporal bei der Bürgerwehrjugend in Frankfurt ist. Er zog sein Augenglas hervor und las die ihm von mir übergebenen Schreiben aufmerksam durch, dann und wann beifällig lächelnd. Besonders schien er sich über einen mir in Frankfurt eingehändigten Brief des Generals Haug zu freuen, der im Jahre 1849 in Rom unter ihm gefochten hatte. Als er an eine Stelle kam, worin dieser ihm von meiner fünfjährigen Gefangenschaft geschrieben, drückte er mir lebhaft die Hand und sagte herzlich: „Tenetemi per un vostro amico!“ („zählt mich zu Euren Freunden!“) Ich konnte ihn inzwischen aufmerksam betrachten. Ohne die Krücken hätte man ihn für einen völlig Hergestellten gehalten. Sein Aussehen war kräftig, frisch und gesund und entsprach den Bildern, die vor seiner Gefangenschaft aufgenommen sind.

Demnächst ging er über auf die Politik und fragte mich nach meinen Ansichten und Hoffnungen in Bezug auf Deutschland. Ich setzte ihm die dortigen Verhältnisse in Kurzem auseinander, die Sympathien, welche in einem großen Theile von Deutschland für ihn und das italienische Volk vorhanden wären, und das gemeinsame Interesse, welches beide Völker mit einander verbände. Er erwiderte darauf mit großer Gewandtheit im Ausdruck, mit tiefem und heiligem Ernst und mit seinem stolzen, volltönenden und zum Herzen dringenden Organ. Ich füge hier die Antwort, welche ich bald darauf notirte, in wörtlicher Uebersetzung bei, weil sie, von Garibaldi kommend, für Deutschland nicht ohne Bedeutung ist. Natürlich kann ich nicht für jedes einzelne Wort einstehen, aber im Wesentlichen gebe ich seine Worte richtig wieder: „Wir Italiener,“ sprach er, „sind in derselben Lage, wie Ihr Deutschen Euch befindet, indem Ihr für Eure Unabhängigkeit kämpft. Wie Ihr ein einziges Deutschland gründen wollt, so wollen auch wir ein einziges Italien haben. Deshalb ist zwischen Deutschen und Italienern eine Verständigung nöthig, um sich als Brüder zu vereinigen, damit wir es moralisch verständlich machen, daß wir frei sein wollen, und um uns von dem Joche zu erheben, in welchem wir uns befinden. Sodann ist beiden Nationen gemeinsam der niedrigste Feind, Louis Napoleon, der Verräther aller Nationen, schädlich für die Welt, der nicht existiren sollte. Mir, der ich in Nizza geboren bin, mir hat er mein Vaterland geraubt! Wäre er nicht mehr auf dem Throne, so würden die Völker ruhig, zufrieden und frei sein und ihre Regierungen nach ihren, Willen wählen.“ Garibaldi sprach dies mit großer Ruhe und Würde. Als er aber auf Louis Napoleon und sein geraubtes Vaterland kam, da drängten sich ihm die Worte in der Hast des Eifers über die Lippen, und Feuer des Zornes sprühte aus seinen wunderbar schönen Augen. Hierauf fügte er noch hinzu: „Die deutsche Nation ist eine edle Nation, welche, freilich langsam und bedächtig, aber immer vorwärts geschritten ist. Die Franzosen dagegen haben viele Revolutionen gemacht, aber sie sind eher rückwärts als vorwärts gegangen.“

Große Freude machte es Garibaldi, als ich ihm erzählte, daß meine Vaterstadt die erste Stadt in Deutschland gewesen sei, in welcher eine Geldsammlung für seine denkwürdige Expedition in Sicilien und Neapel veranstaltet worden wäre. Ich zeigte ihm die Nummer des damaligen officiellen Blattes von Palermo, in welcher mir über den Empfang von 107 Thlr. Pr. Crt. als Geschenk für die Nationalcasse quittirt ward, um ihm zu beweisen, daß meine Sympathien für ihn und die italienische Sache nicht erst jetzt entstanden wären. Das Concept eines Briefes, den ich am 22. Juli 1860 an ihn gerichtet hatte, der aber nicht an seine Adresse gelangt war, las ich ihm vor, und er gab zu der folgenden Stelle seine lebhafte Zustimmung zu erkennen: „Auch im Norden Deutschlands ist die Zahl derer groß, welche Ihren Waffen den besten Erfolg und dem italienischen Volke die Freiheit und die Unabhängigkeit wünschen. Vergessen Sie niemals, daß die Völker sich immer lieben und daß nur die Regierungen aus egoistischen Absichten den Haß und die Zwietracht unter die verschiedenen Völker säen.“

Wir kamen auch auf die venetianische Frage zu sprechen. Der General fragte mich, wie man über dieselbe in Deutschland denke. Ich erwiderte ihm, daß allerdings eine Partei in Deutschland existire, welche Venedig nicht aufgeben wolle; daß aber die liberalen Fractionen im übrigen Deutschland zum bei weitem größten Theil sehr wohl einsehen, daß Venedig eine italienische Stadt sei und deshalb Italien gehöre, und daß sie mit sich in Widerspruch geriethen, wenn sie das ganze deutsche Volk als ein einheitliches Ganzes constituiren und Italien, nehme es das Gleiche für das italienische Volk in Anspruch, dies Recht bestreiten wollten. Ueberdies sei Venedig für Oesterreich nur eine Quelle von Verlegenheiten, deren Ende nicht abzusehen wäre, so lange es einen Theil des Kaiserstaates bilde. Wir hätten daher überall kein Interesse, Venedig den Italienern vorzuenthalten. Aber wir müßten auch die Garantie haben, daß Venedig den Italienern und nicht unserem gemeinschaftlichen Feinde, Louis Napoleon, zu Gute komme. Aus diesem Grunde glaubte ich versichern zu dürfen, daß unter den deutschen Patrioten Niemand wäre, der wünschte, daß Venedig im gegenwärtigen Augenblick, wo Louis Napoleon mit seiner bewaffneten Macht noch Rom im Schach halte und folglich das italienische Volk nicht Herr seiner selbst wäre, an Italien abgetreten würde. Erst wenn die Zeit gekommen, wo kein französischer Soldat mehr auf italienischem Grund und Boden stände und Rom die Hauptstadt Italiens sei, hätten wir die Garantie, daß Italien sich selbst gehöre, und dann würde ein Krieg Oesterreichs für die Erhaltung Venedigs den Kern der liberalen Partei in Deutschland zum Gegner haben. Deshalb aber erscheine es mir wichtig, daß Italien in erster Linie Rom zu gewinnen suche. Der General hörte meine Auseinandersetzung aufmerksam an und ließ der Folgerichtigkeit dieser Politik alle Gerechtigkeit widerfahren.

Nachdem Garibaldi noch einige Worte mit meinem Begleiter gewechselt, sagte er zu uns: „Passeremo al pranzo e poi parleremo di più“ („gehen wir zum Mittagsessen und dann sprechen wir weiter“).

[249] Auf dem Wege zum Eßzimmer hatten wir wieder die Küche zu passiren. Hier hatte sich die Gesellschaft des Hauses aufgestellt, um den General zu erwarten. Unter derselben befanden sich auch die beiden jungen Sgaralinos, welche ihm dort vorgestellt wurden. Wir gingen darauf zusammen in’s Eßzimmer, wo ein Tisch für etwa sechszehn Personen gedeckt stand. Der General setzte sich an das eine Ende desselben. Rechts von ihm nahmen seine beiden Söhne Platz, links von ihm der Dr. Giuseppe Guerzoni, ich und mein Freund, der Maschinist. Zu den eingeladenen Fremden gehörten noch die beiden Sgaralinos. Außerdem bestanden die Tischgenossen aus dem Major Basso, einem Calabreser, Namens Aquilo Barsani, und einigen Anderen, deren Namen ich nicht kannte.

Die tiefe Ehrfurcht, welche dem General von allen Seiten [250] bezeigt ward, drückte sich bei Tische auch darin aus, daß Niemand von selbst zu einem neuen Gegenstände des Gespräches die Veranlassung gab. Garibaldi leitete vielmehr die Unterhaltung durch eine Frage oder Bemerkung ein, und erst dann betheiligten sich die übrigen Tafelgenossen an dem von ihm angeregten Gegenstande.

Er gab, wenn ich mich so ausdrücken darf, die Disposition zu dem Tischgespräche. Dies machte übrigens nicht den Eindruck des Künstlichen und Steifen, es hatte auch nicht die entfernteste Aehnlichkeit mit der an den Höfen obwaltenden Etiquette. Der Vorrang, den man dem General ließ, war das Ergebniß einer heiligen Ehrerbietung, welche man für die Größe des Mannes im Herzen trug. Auch Garibaldi selbst war keineswegs steif in seinem Wesen oder in seiner Unterhaltung, im Gegentheil sprach sich darin eine Natürlichkeit und Ungezwungenheit aus, welche Aller Herzen gewann. Er knüpfte manches ernste Gespräch an, unterbrach es aber oft durch allerhand scherzhafte und humoristische Bemerkungen.

Das Essen war auf das Einfachste bestellt. Den Anfang machte eine Suppe mit verschiedenen Gemüsen darin, welche man, wenn ich nicht irre, in Italien zuppa romana nennt. Dann kam ein Gemisch von mehreren Arten gebratener Seefische, ohne jede weitere Zuthat. Der Diener mußte mir davon, auf Befehl des Generals, eine zweite Portion auffüllen. Hierauf ward ein mächtiger Käse aufgetragen, zu welchem ich von Garibaldi mit dem Bemerken genöthigt ward, daß er in Caprera fabricirt sei. Der Wein war auf Maddalena gewachsen. Nachdem die Tafel schon beendigt schien, trat der Diener noch mit einer großen Schüssel gekochter Quittenäpfel ein, präsentirte sie dem General und sagte zu demselben mit frohlockender Miene: „Hier sind einige Aepfel für den General.“ Garibaldi war über diesen unerwarteten Luxus ganz überrascht und erfreut und erwiderte: „Ah, bravo, wie gefallen mir diese Aepfel!“ Mit trinmphirendem Blick reichte er dann die Aepfel weiter. Diese Einfachheit der Lebensweise machte einen tiefen Eindruck auf mich.

Wenn ich den Vorhang ein wenig lüfte, der die Häuslichkeit Garibaldi’s umgiebt, so geschieht es nicht, um die Neugierde der Leser zu befriedigen, sondern um auch in Deutschland die Kunde von der erhabenen Uneigennützigkeit dieses Mannes zu verbreiten. Er, der Alles für sein Vaterland eingesetzt hat und über Millionen hätte gebieten können, ist arm und lebt so einfach wie ein Arbeitcr. Vergleichen wir damit den Luxus, welchen sein Feind an der Seine auf Kosten des französischen Volkes entfaltet. Wie schneidend contrastirt diese cäsarische Pracht Napoleon’s mit der republikanischen Einfachheit Garibaldi’s! Der große Haufe mag sich durch jene imponiren lassen; aber diese erfüllt den wahren Patrioten mit unaussprechlicher Ehrfurcht. Kein Wunder, wenn der Vertreter des modernen Cäsarenthums in Paris vor der antiken Uneigennützigkeit und Unbestechlichkeit des Helden auf Caprera erzittert!

Der General erkundigte sich auch nach dem Ausfall der am Morgen auf Caprera veranstalteten Jagd. Einer der Tischgenossen erzählte ihm, daß die Jagdgesellschaft zwei kleine Vögel geschossen hätte. „Ei, so viele?“ erwiderte er herzlich lachend.

Er fragte mich, wie viele Fürsten wir denn eigentlich in Deutschland hätten. „Ich glaube 31,“ antwortete ich, wobei ich in Anschlag brachte, daß Bernburg kürzlich zu existiren aufgehört hatte. Eine allgemeine Sensation entstand in der Gesellschaft. Ebenso erkundigte er sich, wie man in Deutschland über die polnische Frage dächte. Ich antwortete, daß die Meinungen darüber sehr getheilt wären und daß eine Lösung wegen der polnisch-preußischen Provinzen für uns sehr schwierig sei, daß aber die von den Russen verübten Barbareien den Polen in Deutschland allgemeine Sympathien erworben hätten.

Der General forschte auch speciell nach den Zuständen in Preußen und was man in Bezug auf den Ausfall der Wahlen für Hoffnungen hätte. Ich erwiderte, daß es wohl nicht zu bezweifeln stände, daß die früheren Elemente zum größten Theil wieder gewählt und durch einzelne radicale Abgeordnete noch verstärkt würden. Darauf erörterte ich die Bedeutung des gegenwärtigen Kampfes in Preußen. Es sei der letzte Kampf des Bürgerthums und der feudalen Aristokratie, die in dem Ministerium Bismarck gipfelte. Diese kämpfe um ihre Existenz als solche. Die Junker hätten die meisten Officier- und hohen Beamtenstellen in Händen. Der vierte Theil des Adels bezöge allein aus dem Militairetat eine Summe von jährlich mehr als acht Millionen Thaler. Würde dem Adel diese Einnahme fehlen und er nicht mehr im fast ausschließlichen Besitz der Officierstellen sein, so würde er nicht allein den wesentlichsten Theil seiner Macht verlieren, sondern er müßte auch, um existiren zu können, in’s bürgerliche Leben eintreten. Das Junkerthum in Preußen kämpfe für seine Privilegien, wie die Pflanzer des amerikanischen Südens für die Aufrechterhaltung der Sklaverei. Es wisse sehr wohl, daß, wenn es unterliege, seine Macht für immer gebrochen sei. Daraus erkläre sich die Hartnäckigkeit, mit welcher die Junkerpartei dem ganzen Volke Widerstand leiste. Demnächst sprach ich meine Ansicht aus, daß zwischen der nobilità italiana, und der aristocrazia prussiana ein großer Unterschied existire. Diese sondere sich vom Volke und von dem bürgerlichen Leben ab und bekämpfe die Einheit und Freiheit der deutschen Nation aus Rücksicht auf ihre Privilegien. Jene aber habe mit dem Volke für die Einheit Italiens gekämpft, stehe mit im bürgerlichen Leben und pflege Wissenschaften und Künste. Garibaldi wollte dies nicht zugeben, namentlich bestritt er, daß der italienische Adel den Wissenschaften obliege; es seien nur einzelne Ausnahmen da, wie z. B. Pallavicino Trivulzio. Als ich ihm indeß entgegnete, daß der italienische Adel doch die feudalen Vorrechte nicht mehr habe, wie der Adel im Norden Deutschlands, gab er dies mit der Bemerkung zu, daß allerdings die feudale canaglia in Italien schon lange vernichtet sei. Aber die moderirte Partei, welche alle Stellen für sich besitze und alle andern ausschließen wolle, wäre jetzt an die Stelle der aristocrazia feodale getreten.

Die Zahl der Bevölkerung auf Caprera gab mir der General auf 56 Personen an, worunter 34 Arbeiter. Menotti corrigirte und sagte, daß augenblicklich die Zahl 60 betrüge, wozu Ersterer die scherzhafte Bemerkung machte: „Ich hätte nicht geglaubt, daß die Bevölkerung in so kurzer Zeit so bedeutend gestiegen wäre.“

Beim Aufstehen von der Tafel wandte sich Garibaldi an mich und sagte: „Schließlich übergebe ich Sie meinem Doctor, der mit Ihnen über unsere politischen Angelegenheiten sprechen wird. Ich will auf mein Zimmer gehen und bitte Sie später noch einmal zu mir zu kommen.“ Der General entfernte sich darauf, und ich machte mit dem Doctor Guerzoni einen längeren Spaziergang, wobei mir mein Begleiter sehr interessante Aufschlüsse über die politischen Parteien in Italien und die gegenwärtige politische Situation gab. Nachher ließ ich mich bei dem General melden, um Abschied von ihm zu nehmen. Ich ward in sein Wohnzimmer geführt, das zugleich Arbeits- und Schlafzimmer und auf das Einfachste möblirt ist. Ich wollte nur einen Augenblick verweilen, um den General, dessen Zeit durch die Ankunft der Post, welche ihm eine Menge Briefe und Zeitungen gebracht hatte, sehr in Anspruch genommen war, nicht länger zu stören. Aber ich mußte mich setzen, eine Cigarre bei ihm rauchen und ihm eine Menge von Fragen beantworten, die er für mich noch in Bereitschaft hatte. Bei dieser Zusammenkunft war nur noch Guerzoni gegenwärtig. Eine Einladung Garibaldi’s, am andern Tage wiederzukommen, schlug ich seinetwegen aus: lange genug schon hatte ich seine Gastfreundschaft genossen. Wir schieden auf das Herzlichste von einander. Aus meinem tiefsten Innern that ich ihm die Sympathien kund, die ich für ihn hegte, und sagte ihm, daß diese lang ersehnte persönliche Bekanntschaft mir stets unvergeßlich sein werde. Auf meinem Gesichte mochte er es wohl lesen, daß ich keine leeren Worte machte. Er drückte mir warm die Hand und sprach die Hoffnung aus, daß wir uns nicht zum letzten Male gesehen hätten.

Guerzoni und Basso begleiteten mich noch eine Strecke, worauf ich mich auch von diesen verabschiedete und mit Magherini nach Maddalena zurückfuhr, wo wir spät am Nachmittage wieder anlangten. Ich machte noch einen längern einsamen Spaziergang an den klippenreichen Ufern von Maddalena und sah dort noch den röthlichen Schein der untergehenden Sonne. Der Eindruck, den die Persönlichkeit Garibaldi’s auf mich gemacht hatte, war ein gewaltiger gewesen, und ich verstand es jetzt, wenn Moritz Hartmann in einem in den Walesrode’schen Studien und Kritiken veröffentlichten Aufsatze über Italien von dem unwiderstehlichen Zauber spricht, den jener Mann auf Alles ausübt, was in seine Nähe kommt. Aber wodurch übt er diese Anziehungskraft? Ich glaube, die Natürlichkeit, Einfachheit, Biederkeit und Geradheit, welche aus seinem ganzen Wesen, aus jedem Zuge seines Gesichts hervorleuchten, die Liebe zu seinen Mitmenschen, die in ihm gleichsam verkörpert ist und in seinen klaren, liebreichen Augen sich abspiegelt, die durchaus wahre Natur dieses Helden, dies Alles macht ihn so unwiderstehlich.

Den größten Theil des andern Tages war ich mit einer Arbeit [251] für Garibaldi beschäftigt. Derselbe hatte mir nämlich verschiedene in deutscher Sprache an ihn gerichtete Briefe mit dem Ersuchen übergeben, ihm den wesentlichen Inhalt derselben in italienischer Sprache auszüglich mitzutheilen. Natürlich ergriff ich mit Freuden diese Gelegenheit, Garibaldi den kleinen Dienst zu erzeigen. Ich theile dieses Factum nur mit, um meinen Landsleuten zu empfehlen, daß sie in ihren etwaigen Schreiben an ihn sich der italienischen, französischen oder englischen Sprache bedienen mögen; denn mit Ausnahme des Kochs im Garibaldischen Hause, eines Südtyrolers, der mir auf meinen Wunsch aus dem Küchenfenster etwas Feuer zum Anzünden meiner Cigarre hinausreichte und bei dieser Gelegenheit zu unserer beiderseitigen Freude und Ueberraschuug eine längere deutsche Unterhaltung mit mir anknüpfte, versteht Niemand auf ganz Caprera die deutsche Sprache. Zu gleicher Zeit möchte ich aber auch dringend rathen, mit gleichgültigen Briefen dem General nicht beschwerlich zu fallen. Derselbe erhält mit jeder Post einen Stoß von Briefen, und seine Zeit ist kostbar. Man würde daher gut thun, ihn mit Bitten um Uebersendung seines Bildnisses, mit Zustellung von Photographien seiner unbekannten Pathen in Deutschland, die mit langen Beschreibungen des Aeußern derselben und Erklärungen begleitet sind, warum das Bildchen nicht ganz naturgetreu geworden sei, mit Ersuchen um Mittheilung über sein Befinden und dergleichen Dingen zu verschonen, wie ich sie unter den mir eingehändigten Briefen gefunden habe.

Am 18. begab ich mich wieder auf die Italia, um nach Livorno zurückzukehren. Zuvor traf ich im Raffo’schen Wirthshause Menotti und händigte ihm die für seinen Vater übersetzten Briefe ein. Auf dem Schiffe, wo ich in Begleitung Barsani’s, der beiden Sgaralinos und Mangherini’s anlangte, sah ich Jenen noch ein letztes Mal. Ich fragte ihn, ob es nicht etwas einsam für ihn in Caprera wäre. –„O, nein,“ erwiderte er, „Maddalena ist ja so nahe.“ – „Aber in Maddalena leben auch nicht viele Leute.“ – „Gewiß, aber mein Vater ist so gern in Caprera.“

Auf dem Dampfschiffe ward ich von den Officieren und Passagieren auf das Zuvorkommendste behandelt, nur weil man wußte, daß ich auf Caprera gewesen war. „Wie geht es dem General?“ fragte man mich von allen Seiten. Der erste Lieutenant nöthigte mich in seine Cajüte zum Kaffee, die beiden Maschinisten zeigten mir die Maschine und führten mich nachher zu ihren Cajüten, um eine Flasche Bordeaux mit ihnen zu leeren. Ich mußte ihnen von Garibaldi und allen Erlebnissen auf Caprera erzählen. Unterwegs machte ich noch die interessante Bekanntschaft eines Maurers, der bei Garibaldi in Diensten stand und zu einem kurzen Besuche bei Frau, Kindern und Mutter nach Livorno reiste. Er arbeitete das ganze Jahr auf Caprera und machte nur von Zeit zu Zeit einen Ausflug zu den Seinigen nach Livorno. Er heißt Pasquale Manueli und ist einer der Tausend, welche am Zuge Garibaldi’s nach Marsala Theil genommen haben. Außerdem hatte er in den Jahren 1859 und 1862 unter Garibaldi gedient. Ich unterhielt mich stundenlang mit diesem muntern Burschen, der seine Feldzüge mit einer Lebendigkeit und Anschaulichkeit schilderte, die mich in Erstaunen setzten. Mit Mund und Gesticulationen wußte er alle kriegerischen Situationen zu copiren. Wenn er von Garibaldi und seinen Kriegsthaten sprach, dann leuchteten ihm ordentlich die Augen. Wie einen Gott verehrte er ihn, und Thränen standen ihm in den Augen, als er von dem Heldenmuth von Garibaldi’s Frau und deren tragischem Ende erzählte. Bekanntlich war dieser nach Beendigung des Kampfes in Rom mit seiner im Sterben liegenden Gattin geflohen, die er vor sich auf’s Pferd gesetzt hatte. In der Nähe von Bologna hatte er sich in eine einsame Hütte geflüchtet. Dort sah er, wie Pasquale erzählte, einen Bauern auf der Diele liegen, anscheinend im Schlafe. Er weckte diesen und fragte ihn, wer er wäre. „Ich bin ein armer unschuldiger Bauer, Herr, Ihr werdet mir doch Nichts zu Leide thun?“ erwiderte dieser. „Schlafe ruhig weiter, mein Freund, Dir wird Nichts geschehen,“ sagte Garibaldi und legte seine sterbende Frau auf einen Strohsack in der an die Diele stoßenden Kammer. Während er über sie gebeugt ist, sieht er zurück und bemerkt durch eine Spalte in der Thür, daß der Bauer eine brennende Laterne aus dem obern Fenster hält. Es war ein Spion, der Garibaldi erkannt hatte und die Oesterreicher herbeirufen wollte. Der General stürzt aus dem Zimmer. „Verräther,“ ruft er, feuert sein Pistol auf den Bauer ab und streckt denselben todt nieder. In dem nämlichen Augenblick haucht die Kranke ihren Geist aus. Garibaldi rettet sich mit dem Leichnam seiner Frau im Arm durch’s Fenster vor seinen Verfolgern. – Mit gleicher Lebendigkeit wußte Pasquale von der Tapferkeit Menotti’s und seiner Schwester zu erzählen, die ihrem Vater nach Sicilien gefolgt war und ihn während des ganzen Feldzuges zu Pferde begleitet hatte. Sie ist jetzt in Genua verheirathet. Pasquale ist drei Male schwer verwundet worden. Er brannte vor Begierde, noch einmal unter Garibaldi zu fechten und mit ihm in Rom einzuziehen. „Ein schlechter Kerl, welcher sein Leben nicht für sein Vaterland freudig hingiebt,“ sagte er. Wenn tausend Leute von solchem Schlage unter einem Garibaldi vereinigt sind, dann kann man sich vorstellen, daß mit ihnen Etwas auszurichten ist! Als einer der Tausend erhält Pasquale, wie er mir erzählte, vom Staate eine Pension von täglich 1 Franc und 40 Centimes (etwa 11 Sgr.). „Nicht zuviel, wenn man zwei Königreiche erobert hat,“ bemerkte ich. Von jenen Tausend sind nur noch 400 am Leben.


In einem Buche, welches die medicinische Geschichte der Verwundung Garibaldi’s enthält, hat der Doctor Bipari ein interessantes Bild von diesem entworfen. Einen Auszug davon las ich kürzlich in der in Mailand erscheinenden politisch-literarischen Zeitschrift l’Alleanza. Das Bild von Garibaldi ist darin so treu wiedergegeben, daß ich mit nachstehender Uebersetzung desselben meinen Artikel schließen will.

„Der General Garibaldi ist von Körper mehr proportionirt als groß. Er hat breite Schultern, einen schönen Hals, eine schöne Brust, schöne Arme, und seine schöne Gestalt ist wie aus Marmor gemeißelt. Seine Muskulatur ist fest und prononcirt, seine Sehnen sind stark; sein Knochenbau enthält keine hervorstehende Ecke, welche die allgemeine Harmonie seiner Glieder stören könnte, wodurch er so wunderbar geeignet ist, jede Art von körperlichen Strapazen zu ertragen, – seine Hüften und Beinröhren sind geschmeidig, was ihn zu einem so unermüdlichen Fußgänger macht. Sein Kopf wäre vielleicht ein wenig zu stark, wenn nicht die Breite seiner Schultern dies verdeckte. Seine Stirn ist hoch und breit; seine Augen sind lebhaft und nehmen einen beredten Ausdruck an, wenn sie nach den Regungen seiner Seele verschieden reflectiren, sein Gesicht ist sehr scharf – es ist eine Eigenthümlichkeit an ihm, daß, wenn er den Blick horizontal auf den Raum heftet, wie wenn er nach irgend einem Gedanken hascht, der Augapfel sich zusammenzieht und ein Flämmchen zum Vorschein kommt, welches aus dem Centrum der Hornhaut hervorleuchtet. Es lebt kein menschliches Wesen, welches dann die Tiefe seines Gedankens zu durchdringen vermöchte. Menotti ähnelt hierin seinem Vater. Garibaldi’s Gesicht erinnert an Christus, wie wenigstens das Bild uns diesen vorstellt. – Seine Haut ist weiß und wird durch die Sonne nicht braun, sondern rosenfarben.

Er hat das glücklichste Temperament, welches die Natur einem Sterblichen schenken kann, denn es besteht aus dem nervösen, dem sanguinischen und dem kaltblütigen (linfatico) zusammen. Auf diese Weise sind so zu sagen drei verschiedene Menschen in ihm – der Mann des Gedankens, der Mann der Handlung und der Mann der ruhigen und sicheren Festigkeit in der Ausführung seiner Pläne. Das nervöse Temperament setzt ihn in den Stand, jeden Gedanken zu begreifen und die Tragweite desselben in einem Augenblick zu verstehen: vermittelst einer Art von Divinationsgabe faßt er sofort den Kern jeder Frage. Er ist ein wahrhaftes Genie, denn obgleich in seiner Jugend nicht zu tiefen Studien angehalten, hat er von Natur Gedanken, durch welche die alten Weisen groß wurden. Begabt mit einem großen Gedächtniß, kann er weise sein, wie und wie sehr er will, wenn, wie Tullius sagt, die Weisheit im Gedächtniß besteht.

Wenn er entschlossen ist, eine Sache auszuführen, dann wiegt das sanguinische Temperament vor. Seine Befehle sind Blitze, wie ein Blitz folgt die That dem Gedanken. Ihn hält nicht auf und nicht zurück die Ermüdung, sei er zu Fuß oder zu Pferde, nicht Sonne oder Regen, nicht Hunger oder Durst, bis daß er seinen Entschluß zur Ausführung gebracht hat. Deswegen verabscheut er im Kriege die Hindernisse Cäsar’s (impedimenti di Cesare), und operirt so rasch wie möglich. In der Schlacht ist Niemand ruhiger als er. Dann wiegt offenbar in ihm das kaltblütige Temperament vor. Ich habe gekannt und kenne sehr tapfere Soldaten, aber die feierliche Ruhe Garibaldi’s, den höchsten Grad der Unerschrockenheit, habe ich bei Niemandem gesehen.

Er zieht die Krempe seines Hutes über die Augen, um besser [252] den Blick concentriren zu können. Ganz unbeweglich auf seinem Pferde, beobachtet er Alles und trifft Vorsorge für Alles in der Nähe. Bomben, Kugeln, Raketen, Blei hüllen ihn bisweilen wie in eine Wolke, und er scheint es nicht zu gewahren, indem er die Haltung und das Ansehen Jemandes hat, der ein vorzügliches Kunstwerk in aller Seelenruhe betrachtet. Wankt aber eine Compagnie im Bataillon, dann sieht man ihn vorwärts stürzen und, sein Kriegsgeschrei erhebend, die weichenden Soldaten zum Angriff zurückführen. – Das Gefühl, welches in ihm vorherrscht und in dem alle anderen Gefühle wie die Strahlen im Centrum sich zusammenfassen, ist die Liebe. Er liebt den Menschen, als Einzelnen und als Ganzes, die ganze Menschheit wie sie ist, er liebt das Geschaffene – die Natur, erfreuet sich an der Schöpfung, an dem Wiehern des Pferdes, an dem Fluge der Vögel, an dem Fortschießen der Fische, an dem Duft der Blumen, am Grün der Pflanzen, an der Klarheit der Gewässer und an der Majestät des Meeres. Seine ganze Seele athmet Liebe. Die Schlechten beklagt er, indem er sagt, man müsse ihnen die Wege bahnen, um gute Menschen zu werden. Mit Zorn redet er nur von den Mächtigen, welche, anstatt die Völker glücklich zu machen, sie aus Niederträchtigkeit, aus Genußsucht oder Herrschsucht beständig in Angst und Schmerz erhalten.“


  1. Die vorstehende Schilderung ward uns schon im Laufe des verflossenen Herbstes zur Veröffentlichung mitgetheilt. Da aber damals bereits alle Blicke sich ausschließlich der Entwickelung der Dinge auf dem Kriegsschauplatze in Schleswig zuzuwenden begannen, fanden wir immer keinen Raum, den Artikel zum Abdruck zu bringen. Jetzt hingegen, wo Garibaldi’s plötzliche Abreise nach England darauf hindeutet, daß derselbe vielleicht schon in der nächsten Zukunft wieder eine bedeutende Rolle in der Zeitgeschichte spielen werde, glaubten wir unsern Lesern den interessanten Einblick in die Häuslichkeit des großen Parteigängers nicht länger vorenthalten zu dürfen.
    D. Red.