Eine ungewöhnliche Frau

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Schmidt-Weißenfels
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Eine ungewöhnliche Frau
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 15, S. 232–233
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Portrait der Dora d'Istria
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[232]
Eine ungewöhnliche Frau.
Von Schmidt-Weißenfels.

In Sanssouci war eins der kleinen Sommerfeste, die Friedrich Wilhelm IV. in der ersten glänzenden Zeit seiner Regierung zu veranstalten liebte und zu denen, außer den Mitgliedern der königlichen Familie, stets eine Anzahl von Personen eingeladen war, die sich durch Rhm, Talent oder Geist auszeichneten.

Der kunstliebende Monarch hatte erst kurz zuvor eine Sendung antiker Sculpturen und Kunstwerke erhalten, die noch in einem Zimmer des reizenden Landhauses Charlottenhof aufgestellt waren. Ein Theil der Gesellschaft besichtigte dieselben; sie umstand den ehrwürdigen Alexander von Humboldt, welcher in der heitersten Laune über einzelne der Antiken plauderte. Der alte Bildhauer Rauch kam mit einem der Sculpturstücke, um Humboldt eine darauf befindliche griechische Inschrift zu zeigen. In dem nämlichen Augenblicke trat der König herein, gefolgt von einem stattlichen Herrn, der an jedem Arm ein schönes Mädchen führte.

Der König besichtigte mit seiner Lorgnette das von Humboldt gehaltene Sculpturstück. „Was ist dies für eine Inschrift?“ rief er neugierig und sichtlich erfreut. „Was heißt das?“

„Majestät, wir haben hier eine der besten Kennerinnen des Griechischen“ – und indem Humboldt sich an die ältere jener beiden jungen Damen wendete und auf die Inschrift deutete, fuhr er in seiner liebenswürdigen Weise fort: „Durchlaucht, deuten Sie uns dies Orakel?“

Die junge schöne Dame erröthete, aber sie gab die Übersetzung der Inschrift schnell in französischer Sprache, hinzufügend, daß Herr von Humboldt so galant gewesen sei, sich unwissend zu stellen.

Der Alte lächelte; der König sagte der Uebersetzerin eines seiner liebenswürdigsten Complimente; dann verließ er mit dem Herrn und dessen beiden Damen wieder das Zimmer.

„Wer ist diese junge Dame?“ fragte Rauch den Nestor der Wissenschaft. „Sie ist eine Schönheit.“

„Sie kennen sie noch nicht?“ erwiderte Humboldt und ging dabei mit dem greisen Künstler hinaus in die dufterfüllten Rosengänge. „Sie ist eine Fürstin Ghika, die Tochter des Herrn, der sie und ihre Schwester führte, des Fürsten Michael Ghika, Banus von Krajowa. Die Familie ist, wie Sie wissen werden, die erste der Donaufürstenthümer und lieferte seit zweihundert Jahren die meisten Hospodaren und Minister der Moldau und Walachei, ein uraltes rumänisches Geschlecht, welches bis vor einigen Jahrzehnten noch stolz war, von der abendländischen Cultur nicht beleckt zu sein. Aber die Eltern der Prinzeß Helene, deren Schönheit Ihnen mit Recht auffiel, überhaupt die letzte Generation der Ghika, hat die orientalische Bojarennatur abgelegt und ist als die gebildetste Familie in unserem Sinne unter dem türkischen Scepter anzusehen. Eine eigenthümlich literarische Neigung herrscht in ihr. Die Mutter schrieb zum ersten Male in rumänischer Sprache die Übersetzung eines Werkes von Madame Campan; der Vater ist eine Art Gelehrter, Archäolog, und reist, seitdem er seinen Ministerposten 1841 niedergelegt hat, in Europa mit seinen Töchtern umher, ‚Studien halber‘, wie man auf ihre Pässe setzen mußte, um sie unserer Polizei nicht verdächtig zu machen.“

Der greise Humboldt lächelte dabei schalkhaft zu Rauch hinüber. „So halten sie sich wohl auch hier in Berlin ‚Studien halber‘ auf?“ fragte dieser.

„Ja, ’s ist so etwas,“ entgegnete Humboldt. „Sie lebte eine Zeit lang in Wien, dann in Venedig, in Dresden und nun hier. Ueberall sorgt der Fürst Michael dafür, daß seine Töchter die besten Gelegenheiten finden, ihr Wissen und ihre Bildung zu bereichern. Ich versichere Sie, die älteste namentlich, die Prinzeß Helene, besitzt ein bei ihren einigen zwanzig Jahren überraschendes Wissen; man kann mit ihr discutiren, wie mit einem Gelehrten, und so oft ich auch schon das Vergnügen hatte, mich mit ihr zu unterhalten, stets entdecke ich neue glänzende Seiten ihres reichen Geistes. Denn sie hat etwas Ursprüngliches; es ist mir oft, als schlummere eine Mission in ihr, und wäre sie kein Weib, ich sagte ihr eine große Laufbahn voraus. Man möchte es bedauern, daß so viel Bildung und Anlage nur bestimmt sein soll, an einen Mann gegeben zu werden, der es vielleicht gar nicht zu würdigen weiß. Sie haben, lieber Rauch, als Künstler ihre Schönheit sogleich in’s Auge gefaßt, und in der That, sie ist griechischer Art; man könnte das Modell zu einer Statue nicht vollkommener finden. Diese Stirn, dies Auge, die Nase, alle Linien ihres Gesichts, die ganze Büste, sie sind alle nicht gewöhnlicher Art. Aber ich meinerseits hebe noch mehr die überraschenden Eigenschaften ihres Geistes hervor. Ihre Sprachkenntnisse sind ein wahrer Schatz. Und dabei ist sie nichts von dem, was man eine Gelehrte, einen Blaustrumpf nennt, sie ist weiblich in Allem, und anderseits doch auch mit einer männlichen Energie und Charakterstärke begabt. Sie schießt vorzüglich mit der Pistole, und obgleich ich leider noch keine Probe ihrer Schwimmkunst mit ansehen konnte, so rühmt man dieselbe doch, und sie soll einmal in Gegenwart des ganzen Ghika’schen Hospodarenhofes der Walachei ein wahres Forcestück im Schwimmen geleistet haben. Auch malt sie. Ja, ja, lieber Rauch – sie gehört Ihrer Sphäre nicht minder an, wie der meinigen, und Sie werden ihre Bekanntschaft mit Vergnügen machen. –“

Der Fürst Michael Ghika kehrte mit seiner Familie erst Ende des Jahres 1848 nach der Walachei zurück. Die Revolution in der Hälfte des abendländischen Europa wurde von seiner Tochter, der Fürstin Helene, sonach geistig mit durchgemacht. Sie konnte den Athem dieser Zeit fühlen; sie mußte den Ruf der Völker nach Freiheit hören; sie hatte Gelegenheit, zu sehen, wie der Westen Europa’s sich gewaltsam aus der Schale mittelalterlicher Einrichtungen riß.

Bald nach ihrer Heimkehr verheirathete man sie mit dem Prinzen Alexander Koltzoff-Massalsky, einem Sproß der ältesten echt russischen Geschlechter. Der Gemahl der Prinzeß Ghika war aber eben nur ein Mann, ein Russe, der in den Anschauungen des Großrussenthums und der griechischen Pietisterei lebte. Seine Gemahlin war aber mehr als eine Frau; sie fühlte sich weder glücklich, daß sie eine der ersten russischen Aristokratinnen geworden, noch daß sie am Hofe Nikolaus des Ersten einen ausgezeichneten Empfang und einen der bedeutendsten Ehrenposten bei der Großfürstin Olga erhielt.

Etliche Jahre vergingen. In der Fürstin Helene Koltzoff-Massalsky war, was längst als Keim in ihr gelegen, aufgegangen, und der große russische Kerker des Czaren Nikolaus ward ihr zu enge. Die im Westen Europa’s eingesogenen Ideen entfalteten sich in ihrem Kopfe unter dem halborientalischen Himmel Moskau’s; der Gegensatz der Bestrebungen der civilisirten Menschheit und des in Sclaventhum und Barbarei versunkenen Orients, den sie gerade deshalb am besten zu würdigen wußte, weil in ihrer Heimath an der Donau die Ströme abendländischer Cultur und morgenländischen Lebens aufeinander stoßen, versetzte ihr innerstes Wesen in eine Disharmonie, unter welcher Geist und Körper gleichmäßig litten. Sie verstand ihr Unglück als Frau, indem sie die Gewalt begriff, mit welcher ein wahrhaft männlicher Geist sie fortriß, eine Mission zu übernehmen. Die Idee der Civilisation wollte sie in die Völker des Orients tragen, mit dem sie sich durch ihre alte Familie verwandt fühlte; der Geist der Freiheit, der in dem Westen nach Herrschaft rang, sollte Bresche auch in die verdumpfte Welt des Orients legen und aufrütteln zum Leben, was hier noch lebensfähig war. Sie hielt sich für fähig, eine solche Mission zu übernehmen; es war eine Art leidenschaftlicher Patriotismus in ihr, als Rumänin, als eine Tochter des Volks, welches zwischen dem Europa der Fortschrittsbestrebungen und dem in Auflösung begriffenen Morgenlande steht, der Civilisation und der Freiheitsidee der Völker eine Gasse nach dem noch schlummernden Osten Europa’s zu brechen. Ihre Erfahrungen in Rußland belehrten sie gerade, daß auch hier die Ideen der Zeit einen fruchtbaren Boden finden konnten.

Der Kaiser Nikolaus hatte Manches von der Fürstin Koltzoff vernommen, was sie ihm des verhaßten Liberalismus verdächtig machte. Der Fürst Koltzoff selbst mußte manches ungnädige Wort des despotischen Czaren hören, so daß er, in soldatischer Ergebenheit gegen seinen Herrn, seine Gemahlin mit einem gewissen Unbehagen betrachtete. Diese selbst konnte ihre Lage nicht länger ertragen. Man verständigte sich sonach beiderseits, und der Fürst verschaffte selber seiner Gemahlin einen Paß und gab ihr die Freiheit als Frau zurück. Nichts fesselte Eines an das Andere, weder Liebe, noch Kinder, noch Geistesverwandtschaft.

Am 26. April 1855 reiste Prinzeß Helene Koltzoff, geborne Ghika, aus Rußland. Sechs Wochen zuvor war Nikolaus gestorben, und sie konnte noch bemerken, daß unter seinem Nachfolger Alexander II. eine liberale Bewegung in dem geknechteten Rußland [233] begann. Sie reiste, wie heißhungrig nach der Luft der Freiheit, nach der Schweiz. „Zum ersten Mal seit langer Zeit,“ schrieb sie über ihre Gefühle, als sie den Boden Helvetiens betrat, „fand ich mich angesichts meiner selbst, ohne mich von den Gewichten der Langeweile und Erschlaffung bedrückt zu fühlen. Die Luft ist hier so rein! Die Stimme der Natur; die uns in ihrem Schooße wiegt wie eine Mutter in ihren schützenden Armen, ist hier so tröstend! Alles was mich umgiebt ist so friedlich wie mein Gemüth. Ich fühle, daß mein wohlthätiger Genius mich in diese gewaltigen Berge geführt hat. Werde ich hier andere Leiden oder einen gesegneten Boden finden? Was thut’s – diese Sonne, welche in goldenen Nebeln untergeht, kann nicht der Verkünder eines traurigen Morgens sein. Das Glück muß hier sein, wo es so schön strahlt.“

Die Frucht ihrer Reise nach der Schweiz und ihres Aufenthalts daselbst war das später erschienene Werk: „Die deutsche Schweiz und die Besteigung des Mönches“. Sie hatte diesen selten erklommenen Berg, einen der Trabanten der Jungfrau, mit einer ihre Führer in Erstaunen setzenden Energie erstiegen und auf dem Gipfel desselben die Fahne der Walachei wie ein Siegeszeichen ihres Volkes aufgepflanzt. Ihr Werk über die Schweiz machte den Namen Dora d’Istria, welchen sie als Schriftstellerin angenommen hatte, sogleich berühmt; es war überraschend, ein Weib mit solcher Gründlichkeit und mit so philosophischem Geist gelehrte und historische Stoffe behandeln zu sehen, wie es von Dora d’Istria geschah. Besonders reich an Gedanken ist das Capitel über das Concil zu Constanz und die Märtyrer der Freiheit im 15. Jahrhundert, eine Apotheose von Huß, „dessen Scheiterhaufenflamme über den Häuptern der Generationen gestrahlt hat, gleich einem heiligen Lichte, glänzender als die Sonne. Seine Asche, in alle Winde verstreut, hat den Boden des alten Europa befruchtet und Lefèvre, Zwingli und Luther darauf hervorgebracht.“ Auch die Geschichte des Sonderbundes athmet diesen Geist der Freiheit und des Fortschritts, als deren Apostel sie seitdem sich bei Gelehrten wie bei Völkern einen Ruhm seltener Art erworben hat.

Ein paar Jahre Aufenthalt in der Schweiz gaben ihr Muße zu großen Studien und zur Sammlung ihrer eigenen Erfahrungen über die Sitten und Einrichtungen des Orients. Die Resultate derselben liegen in starken Bänden vor, Zeugnissen eines erstaunlichen Fleißes und eines überreichen Geistes. Im Jahre 1858 erschien ihr gediegenes und Aufsehen erregendes Werk über das Klosterleben in der orientalischen Kirche, in dem sie als eine energische Widersacherin der Klöster auftrat und durch zahllose Beispiele diese längst überlebte Einrichtung in ihrer Schädlichkeit und Nutzlosigkeit darstellte. Nach einem geschichtlichen Abriß der Entstehung des orientalischen Mönchthums, seiner Fortschritte, Leistungen und seines Verfalls, werden die Klosterregeln und Gebräuche der einzelnen Länder aufgeführt. Am interessantesten ist das Capitel über Griechenland. Dies an sich arme Land wird durch zahllose Klöster ausgesogen; ein einziges besitzt 2 Mill. Franken Revenüen und hat in seinem Keller 50.000 Flaschen Wein. Auf dem Berge Athos in Macedonien befinden sich 23 Klöster mit 6000 Mönchen, die Nichts thun als ihr Leben in Essen, Trinken und Beten, man weiß nicht weßhalb und wofür, verbringen.

Berühmter noch als dieses Werk machte den Namen Dora d’Istria das 1860 veröffentlichte: „Die Frauen im Orient“. „Der Westen,“ schreibt sie darin, „erinnert sich heut nicht Alles dessen mehr, was der Orient für ihn gethan hat; er vergißt gern die Erinnerungen alter Zeiten und die Wunder der Renaissance. Es existirt sogar eine Schule, welche sich systematisch auf die Erniedrigung der Orientalen und ihrer religiösen Einrichtungen, ihrer Traditionen, Ideen und Gesetze legt. Die Frauen sind dabei nicht geschont. Ich versuche in meinem Werke diesen übelwollenden Stimmen zu antworten, wie ich anderwärts versucht habe, die Freiheiten unserer (griechischen) Kirche zu vertheidigen.“ Nation um Nation wird nun in den Verhältnissen, in denen sich ihre Frauen befinden, mit geistreichen Parallelen auf abendländische Verhältnisse beschrieben, die Griechen, die Albanesen, die Russen, Armenier, Polen, Slaven, Kosaken, Samojeden, Mandschuren, fast alle Völker Ost-Europas und Asiens. Das Werk mit ungemeinem Reichthum an Wissen ist aber nichts weniger als eine Apotheose des Orients und der dortigen Frauenwelt. Aus seinen Endfolgerungen kann man erkennen, in welcher Idee Dora d’Istria ihr Buch geschrieben hat. Sie resumirt, daß in den Gesellschaften, in denen die Religion die Rechte des Herzens, die Bedürfnisse des Geistes und das heilsame Princip der bürgerlichen Gleichheit von Mann und Frau nicht heiligt, weder Achtung noch Liebe für das schwache Geschlecht existiren kann. Die Frau wird dort Sclavin und sinkt zum Thier herab; sie bleibt ein Werkzeug der Lust, ein Gegenstand des Handels, nichts weiter. Die Frau ihrerseits entschädigt sich dadurch, daß sie nur ihre Eitelkeit befriedigt. Bei den Völkern, wo die Frau dem Manne gleichsteht, aber die Sklaverei noch existirt, bringt dieselbe ähnliche Wirkungen hervor wie die Polygamie der Asiaten. Religion und politische Einrichtungen tragen also die Schuld am Loose der Frauen. Der Islam behandelt die Frau als Dirne, das Christenthum hat sie auf eine höhere Stufe gestellt. Aber der Katholicismus seinerseits behandelt sie mit Mißtrauen und sucht sie niedrig zu halten; die Concilien hielten das Weib mit der Bezeichnung der Griechen stets für etwas Schwaches, für nichts Ehrenvolles. Erst die moderne Philosophie hat die Frau dem Manne völlig gleichgestellt, ihr Rede, Freiheit, Würde und Vertrauen gegeben; der Protestantismus ist vom Geist dieser Philosophie am meisten erfüllt. In die uncultivirten Völkerstämme des Ostens eine aufgeklärtere Religion zu tragen, das sieht Dora d’Istria deshalb als eine dem Westen zustehende Mission an. –

Nach Erscheinen dieses Werkes reiste sie nach Griechenland, wo sie einen enthusiastischen Empfang fand und sogar zum Mitglied der Akademie von Athen, ernannt wurde. Ihre Studienreise dehnte sich dann über ganz Rumelien aus, dessen Sitten und Verhältnisse sie erst neuerdings in zwei starken Bänden beschrieben hat. Ihr ständiges Domicil nahm sie seitdem im nördlichen Italien.

Dora d’Istria ist, wie aus dem kurzen Abriß der Gedanken in ihren Hauptwerken wohl ersichtlich geworden sein wird, eine Frau, wie es zu allen Zeiten nur wenige gegeben hat. Sie hat für das gelehrte, und gebildete Europa die Welt des Orients wie nie zuvor offengelegt; sie hat den lebensfähigen Orient auf die reformatorischen Ideen Europas hingewiesen, damit jener sich aufraffe; ja sie weiß, wo diese Ideen ihre Wurzeln haben: in der Revolution von 1789, die das feudale Gebäude des Mittelalters zusammenriß, auf dessen Ruinen die Freiheit der Nationen und die Freiheit des Einzelnen trotz Unkrauts und trotz aller Stürme und Angriffe immer kräftiger emporstreben. Noch hat die Idee der Freiheit, welche die Revolution entfesselte, in Europa mit ihren Feinden zu kämpfen, und fußbreit muß sie sich ihr Terrain und, was mehr werth ist, ihr Verständniß erobern; noch langsam und schwer richtet sich die europäische Gesellschaft in die neue Ordnung ein, welche die Folge der Ideen von 1789 sein wird. Aber sie schreitet fort; ihren Marsch hält der Egoismus einzelner Menschen nicht auf… Schon sehen wir, wie sie in dem weiten Rußland die Schläfer erweckt und die Ketten der Leibeigenschaft löst, und ein Weib ist es, welches ihr die Thüren zu der bisher geistig abgesperrten Welt des europäischen Morgenlandes einschlägt.