Ein Bier-Musikant

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Textdaten
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Autor: Otto Ruppius
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Titel: Kleine amerikanische Sittenbilder. 3. Ein Bier-Musikant
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 46–48
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Kleine amerikanische Sittenbilder
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Kleine amerikanische Sittenbilder.

3. Ein Bier-Musikant.

In einem der bessern deutschen Bierlocale von Douanestreet in New-York konnte man im Winter 1858 Abend für Abend eine Gestalt am Piano sitzen sehen, welche unwillkürlich die Aufmerksamkeit eines Jeden fesselte, dessen Blick auf sie fiel. Ein bleiches, in seltener Regelmäßigkeit geschnittenes, von einem dunkeln vollen Barte eingerahmtes Gesicht blickte völlig bewegungslos auf das leere Pult vor sich oder die darauf niedergelegten Noten, während die halberloschenen Augen todt für die Vorgänge in ihrem Gesichtskreise schienen; die hochgewachsene, gut bekleidete Gestalt saß steif und regungslos, die Hände auf den Knieen, und nur wenn der Violinspieler zur Seite des seltsamen Menschen die Hand auf dessen Schulter legte und ein paar leise Worte in sein Ohr sagte, hob dieser die Hände nach den Tasten und wandte das Auge dem Anfange der ihm vorgelegten Musikpièce zu; beide Bewegungen aber geschahen in so völlig automatenähnlicher Weise, daß den Zuschauer dabei ein noch unheimlicheres Gefühl als während der [47] früher beobachteten Unbeweglichkeit überschlich. Die Musik begann, und mit der Genauigkeit einer Maschine arbeiteten die Finger des Dasitzenden in den Tasten, nicht die kleinste ausgelassene Note wäre zu entdecken gewesen, aber eben so peinlich ausdruckslos, so maschinenmäßig gleich folgte ein Ton dem andern, während der Charakter dieser leblosen Züge und dieses halb erstorbenen Auges sich während des Spiels auch nicht um einen Schatten änderte. Und war das Stück geendigt, so glitten die Hände von den Tasten wieder auf die Kniee zurück und der Blick starrte auf’s Neue in’s Leere. So oft auch schon einzelne Gäste versucht hatten, durch ein begonnenes Gespräch seine Aufmerksamkeit zu erregen, so hatte es doch stets geschienen, als gelange nicht eins der neben ihm gesprochenen Worte zu seinem Bewußtsein, und jeder Versuch, ihn aus seinem Hinstarren zu wecken, war endlich aufgegeben worden.

Wer nach eigenthümlichen Schicksalswendungen sucht, findet allerdings eine reiche Auswahl davon unter den jungen und älteren Deutschen, die als Piano- und Violinspieler ihr tägliches Brod in den Bierhallen erwerben, und schon so manche Vergangenheit, die seltsam mit der gegenwärtigen Beschäftigung contrastirte, war unter dieser Art von Leuten zu meiner Kenntniß gekommen; demohngeachtet war die eben gezeichnete Erscheinung eine so von allen meinen bisherigen Erfahrungen abweichende, daß mich ein reges Interesse für den Zustand dieses Mannes, auf dessen breiter, schöner Stirn sicher einst die Intelligenz gethront und dessen ganzes Aeußere auf eine frühere glückliche Stellung in der Gesellschaft hinwies, zu einer Erforschung der Umstände antrieb, welche seinen jetzigen Zustand hervorgerufen. Meine Bemühungen blieben indessen so lange ohne Erfolg, bis ich mit dem Wirth, welcher sich auch in Deutschland nicht hatte träumen lassen, daß er einmal als „Kneipier“ seinen Lebensunterhalt verdienen sollte, näher bekannt ward. Bei ihm hatte der Pianospieler seine Wohnung und Kost. Gegen Mittag ward dieser in der Regel erst geweckt, dann kleidete er sich, wie nur mechanisch einer Gewohnheit folgend, an, ohne den Theilen seines Anzugs einen Blick zu schenken, und der Zustand seiner Kleidung würde wohl bald ein völlig verkommener geworden sein, wenn ihm nicht stets am Morgen das Nöthige dafür zurecht gelegt worden wäre. Dann setzte er sich nieder und begann sein Hinstarren und hätte wohl verhungern können, ohne sich der Nothwendigkeit des Essens zu erinnern, wenn nicht immer zur rechten Zeit für ihn gesorgt und er durch den Geruch der Speisen angelockt worden wäre – er war anscheinend völlig stumpfsinnig. Und doch war es kaum sechs Monate her, daß derselbe Mann zu den aufgewecktesten, vielversprechendsten jungen Deutschen von New-York gehörte, der, keiner Ausschweifung ergeben, das volle Vertrauen seines Handlungs-Principals besaß und der Liebling Aller war, die zu seinem Kreise gehörten.

Als ich eines Nachmittags, an welchem das Local gewöhnlich unbesucht stand, die Geschichte des Unglücklichen hören sollte, machte sich meine Phantasie schon im Voraus Bilder von irgend einer Liebe, einer unglücklichen Leidenschaft, welche ein reichgeschmücktes Leben ruinirt, und es war wirklich eine Liebesgeschichte, die ich zu hören bekam – aber eine echte New-Yorker.

Vor ungefähr einem halben Jahre hatte der junge Mann an einem der mannigfachen Sommervergnügungsplätze, wie sie die Umgegend von New-York bezeichnen, ein Mädchen getroffen, welches, in Gesellschaft einer älteren Frau allein an einem Tische sitzend, beim ersten Anblicke einen wunderbaren Reiz auf ihn ausgeübt. Dem Aeußeren nach mußte es zu der besten Classe der Gesellschaft gehören; freudig überrascht aber fing er nach mehrmaligem Vorbeipassiren einige deutsche Worte auf, die ihm alsbald den Muth gaben, sich eines der noch leeren Plätze an dem Tische zu bemächtigen und den Versuch zur Einleitung eines Gesprächs zu machen. Nach einem prüfenden Blicke über sein Aeußeres schien dies Gnade vor den Augen der Schönen gefunden zu haben, er ward angenommen, und als nach einer Stunde, die dem jungen Manne im Fluge verschwunden, die ältere Dame sich für einige Minuten entfernte, waren Beide mit einander bereits so weit gelangt, daß er fragen konnte, wann und wo er sie wohl wiedersehen dürfe. Hier schien aber das Ende seines Glücks zu sein. Wie zu einer plötzlichen Erkenntniß kommend, daß sie in ihrer Vertraulichkeit zu weit gegangen, erklärte sie, er möge ihr die Antwort erlassen, sie müsse wünschen, daß Beide nie wieder zusammenträfen, und erst nach langem Drängen seinerseits versprach sie, wie halb gezwungen, sich nach einigen Tagen wieder an demselben Orte einzufinden. Die ältere Dame kehrte zurück; wenige Minuten nachher aber erschien auf dem Fahrwege unweit von ihnen eine reiche Equipage. Der Kutscher stieg ab und öffnete den Schlag, und zu des jungen Mannes Erstaunen erhoben sich seine Nachbarinnen mit leichtem Gruße, um von dem Wagen Besitz zu nehmen. Sein Glück erschien ihm in diesem Augenblicke so groß, wie er es nie zu hoffen gewagt.

Das Wiedersehen kam; die ältere Dame schien dem ganzen Wesen der jüngeren nach nur eine Duenna vorzustellen und ließ die jungen Leute viel allein; ein drittes, ein viertes Rendezvous an andern Orten, die Gelegenheit zu einsamen Spaziergängen gaben, folgte; er hatte seine Liebe erklärt, aber, obgleich er in ihrem Wesen dasselbe Gefühl zu lesen meinte, noch kein deutliches Gegenwort erhalten; er hatte nach ihrem Namen und Stand geforscht, aber nur die Erklärung war ihm geworden, daß von dem Augenblicke an, wo er sie zwinge, sich ihm zu entschleiern, auch jeder weitere Verkehr zwischen ihnen zu einer Unmöglichkeit werde; und diese Zurückhaltung in Verbindung mit dem Geheimniß, in welches sie sich hüllte, dazu ein sonderbarer Reiz, der in ihrem Lächeln, in der Art, sich ihm hinzugeben und doch zu entziehen lag, fachte seine Liebe zu einer völligen Leidenschaft an.

Er wohnte in einem Hause mit einem jungen Italiener, der nur nothdürftig sein Brod mit Violinspiel und Violinunterricht erwarb, so weit er sich auch über die handwerksmäßigen Siedler der großen Stadt erhob; mit diesem hatte ihn früher schon die Musikliebe zu einer Art Freundschaft verbunden, denn er selbst, wenn auch kein Virtuos auf dem Piano, hatte doch die Gabe, Musik ohne besondere Schwierigkeiten rasch vom Blatte zu spielen; diesem Freunde hatte er sein Glück, das bald für ihn allein zu viel geworden, vertraut und dort auf rege Theilnahme – indessen auch auf eine Anspornung, das Geheimniß zu durchdringen und das Beste für sich selbst daraus zu machen, getroffen; seine eigene Leidenschaft stimmte nur zu sehr mit dem letzteren überein, und vielleicht zwei Monate nach dem ersten Zusammentreffen mit dem Mädchen, das für ihn der Inbegriff all seines irdischen Strebens geworden, errang er von dieser das Versprechen, den Schleier, der über ihren Verhältnissen lag, zu lüften. „Wir werden uns dann aber wohl nie wiedersehen!“ hatte sie ihm gesagt; er aber hatte ihr betheuert, daß, wenn sie ihn nur liebe, er sie selbst allen Mächten der Hölle abtrotzen werde. Als wolle sie das Geheimniß noch bis zur letzten Secunde festhalten, bestimmte sie, daß er für den nächsten Abend zu einem: letzten Rendezvous aus seiner Wohnung abgeholt werden solle; und kaum hatte er sich auch dort zur bestimmten Stunde fertig gemacht, als ein Mann, dem Anscheine nach ein Diener aus einer der reichen, aristokratischen Familien, sich einstellte, ihn nach einem harrenden Wagen mit hinabnahm und nach kurzer Fahrt den Schlag vor einem der massiven, stolzen Gebäude, wie sie die Nähe des obern Broadways bezeichnen, öffnete. Der junge Mann stieg in einer kaum zu ertragenden Spannung aus; er sah die Thür sich aufthun, einen reichgekleideten Portier sich entgegen treten, aber beim Erkennen seines Begleiters sich rasch wieder zurückziehen; er hörte Pianotöne und sah die Thür zu einem glänzenden, feenhaft erleuchteten Gesellschaftszimmer vor sich aufgerissen – er blickte um sich – auf den Divans saßen und lehnten vertrauliche Paare, während in einer Gruppe am Ende des Zimmers soeben ein tolles Lachen losbrach; nach den Tönen des Piano tanzte eine hochaufgeschürzte Schöne eine Redowa, einem ihr gegenübersitzenden Elegant Kußfinger zuwerfend; von einer Gruppe Mädchen in freier Toilette im Hintergründe des Zimmers aber sah er sie, die er gesucht, sich loslösen und mit einem eigenthümlich traurigen Blicke auf ihn zuschreiten – wie ein Blitz, ihn blendend und betäubend, trat plötzlich die Wahrheit vor ihn: er befand sich in einem Hause der Schande, wie sie New-York mitten unter den Palästen seiner reichen Familien zählt.

Erst spät in der Nacht kam er nach Hause zurück, und der Italiener, der, selbst, neugierig, ihn erwartet, meinte beim ersten Empfange ihn betrunken zu sehen, bis in den wirren Erzählungen des Deutschen ihm die Wahrheit offenkundig ward. In Sorge um den sonderbaren Zustand des Heimgekehrten brachte er diesen zur Ruhe und bewachte ihn, bis er ihn entschlafen sah.

Am andern Morgen zehn Uhr sandte der Principal des Deutschen, um anfragen zu lassen, warum der junge Mann nicht nach dem Geschäft gekommen; der Violinspieler machte sich auf, um nach dem Freunde zu sehen, fand aber dessen Zimmer und [48] Bett leer und den größten Theil seiner Garderobe verschwunden. Von einer bestimmten Ahnung getrieben, wandte er sich nach dem ihm von dem Freunde bezeichneten Hause und ließ sich bei der Besitzerin desselben melden. Alles indessen, was dort zu erfahren war, lautete, daß der junge Mann von dem Mädchen nicht lassen könne und sich in dem Etablissement als Pianospieler habe engagiren lassen. – Der Italiener nahm vorläufig die zurückgelassenen Effecten des Freundes an sich, sicher, daß dieser früher oder später noch einmal danach fragen würde.

Sechs Wochen später kam an ihn die Nachricht, daß der junge Deutsche am Nervenfieber darniederliege. Was in dieser Zeit mit ihm vorgegangen, ist nie bekannt geworden. Der Violinspieler vermittelte für ihn die Aufnahme in ein Hospital; als aber der Kranke körperlich wieder genesen, war er genau in demselben Zustande, in welchem ihn später die Gäste des Bierlocals gewohnt waren zu sehen. Nur zwei Einflüsse, die ihn mit der übrigen Welt in Verbindung setzten, gab es noch für ihn: die Stimme seines Freundes und das Piano. Er ward auf das Ansuchen des Italieners diesem überantwortet, und es gelang dem treuen Cameraden, in dem Bierwirthe in Douanestreet einen Beschützer für den Unglücklichen zu gewinnen. –

Ich verließ bald darauf New-York, und als ich es, manches Jahr später, wiedersah, war weder von dem unheimlichen Pianospieler noch von dem Bierlocale selbst mehr eine Spur zu entdecken.

O. R.