Ein Blick in’s freie Italien

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Autor: Adolf Stahr
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Titel: Ein Blick in’s freie Italien
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 6, 12, 23, S. 89–91, 190–192, 366–368
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[89]
Ein Blick in’s freie Ialien.
Tagebuch-Blätter von Adolf Stahr.
Nr. 1.
Der Wechsel von Nord und Süd. – Keine Polizeiwirthschaft. – Die Sache Gottes. – Am Lago Maggiore. – Alte Freunde. – Die Geschichte eines Gemordeten. – Patriotische Kinder.
Baveno am Lago Maggiore, 29. Septbr. 1861.

Hier in diesem lieblichsten Erdenwinkel will ich versuchen, einige meiner italienischen Reiseeindrücke aus meinem Tagebuche für Euch niederzuschreiben, hier, wo das Wort des alten römischen Poeten, jenes:

Ille terrarum mihi praeter omnes
Angulus ridet –
[1]

eine Wahrheit ist – wenn man von der zweiten Wahrheit absieht, daß jetzt kein solcher Erdenwinkel, wo es Einem wohl werden könnte, mehr ohne die Landplage von reisenden englisch snobs zu finden ist, die unser Einem das Leben vertheuern und gelegentlich mit ihren Prätensionen und ihrem von Jahr zu Jahr breiter und zerflossener werdenden Gequäk, das sie Sprechen nennen, den Naturgenuß und den Mittagstisch verstören.

Es ist nun fast einen Monat her, daß ich das freie Italien, die Italia dei Italiani – wie die Italiener sich mit ihrem Könige auszudrücken lieben – betreten habe; aber es ist mir zu Muthe, als wäre es ein halbes Jahr her, daß ich die Alpen überschritten und zum dritten Male meinen Einzug gehalten in das geliebte Land meiner Sehnsucht. Es war ein heller, sternfunkelnder Morgen, als wir von dem einsamen Alpensee von St. Moritz Abschied nahmen, um über den Malojapaß nach Italien zu gehen. Alle die Alpenriesen, welche rings das fünf- und ein halbtausend Fuß hohe Thal von St. Moritz umgeben, starrten bis zum Gürtel weiß von frischgefallenem Schnee, auf den Thalwiesen schimmerten Reif und Eis; und wenige Stunden darauf, als wir die rauhe Klippenhöhe des Maloja überschritten hatten und der Wagen die zahllosen Windungen der groß und kühn angelegten Gebirgsstraße im vollen Laufe der dampfenden Rosse hinabgedonnert war bis zu den untern Thalstufen des über alle Beschreibung romantischen Bregaglia-Thals, durch das die schäumende Maira rauschend dahinbraust – welch ein Abstand! Statt der wetterzerzausten Tannen und graubärtigen Arven – Kastanienwälder und Weinberge in reicher Fruchtfülle, durchglänzt von dem silberleuchtenden Laube des Oelbaumes, lachende Himmelsbläue, warme, südliche Luft, durchduftet von dem Geruch der Vegetation und der Früchte des Südens. Nie erlebte ich einen so plötzlichen Wechsel von Nord und Süd! Aber meine Gedanken waren diesmal doch weniger als sonst der Natur und den Eindrücken zugewendet, die ihre Schönheit uns in so reicher Fülle bot. Ich warf kaum einen Blick auf die romantisch gelegenen Villen, auf die alten Burgtrümmer und verfallenen Zwingherrnschlösser, deren gebrochene Mauern und trotzige Thürme von den Felsenabhängen niederschauen. Ich hatte kaum eine Empfindung bei dem Anblicke des schauerlichen Felsengrabes von Plurs, unter dessen sechzig Fuß hoher Steindecke eine ganze Stadt von dritthalbtausend Einwohnern seit 243 Jahren begraben liegt, beschattet von dem dichten Kastanienwalde, mit dem die „ewig keimende Natur“ die Todesstätte geschmückt hat. Mein Herz und meine Gedanken waren anderswo beschäftigt. Sie weilten bei den Lebenden, bei den aus dem Grabe der Knechtschaft zu neuem Leben Auferstandenen; sie weilten bei der größten aller Schicksalswendungen im Leben der Völker unserer Zeit und unseres Welttheils, bei der Auferstehung Italiens. –

Der Wagen hält. Wir sind auf italienischem Boden. Ueber dem weißen Kreuze im rothen Felde steht: Reame d’Italia!

Ich hatte, als guter Deutscher, den Paß und die Kofferschlüssel in der Hand und wollte eben aus dem Coupé aussteigen, um die bekannten polizeilichen und mauthnerischen Tribulationen eines Reisenden an mir vollziehen zu lassen, ohne die bekanntlich Thron und Staat nicht sicher bestehen können, als ein soldatisches und dabei doch freundlich und höflich blickendes Gesicht durch das Coupéfenster hereinschaute und mich in meinem Vorhaben mit der die Antwort schon in sich schließenden Frage unterbrach: „Die Herrschaften haben ohne Zweifel nichts Steuerbares bei sich?“ Ich zeigte auf die kleine Kiste, welche den grausam geschmolzenen Rest meiner Raucherfreuden enthielt, und die ich vorsichtig schon in St. Moritz aus dem Koffer genommen. Der Officier – seine militairische Haltung und eine tüchtige Stirnnarbe verriethen ihn als solchen – machte lächelnd eine abwehrende Bewegung, rief uns ein buon viaggio! zu, und fort rollte der Wagen in’s Königreich Italien hinein, ohne Paßfrage, ohne Visitation, „ohne Alles“, wie die Berliner sagen. Schauderhaft! Wie kann ein Reich mit solcher „liederlichen Wirthschaft“ bestehen! Denn ich will es nur gleich auf einmal sagen: es war überall dasselbe in diesem heillosen neuen Reiche. Kein Polizist ließ sich blicken. Nirgends in Italien, nicht in Varenna, nicht in Como, nicht in Mailand, nicht in Turin, der provisorischen Hauptstadt des Reichs, hat sich eine sterbliche Seele um uns und unsre Namen und Pässe, um unsren „Charakter,“ unsere Reiseabsichten, um unser Kommen und Gehen, oder um den Inhalt unsrer Koffer gekümmert; nirgends hat man von Reisenden, die ihr Geld in einer Stadt verzehren wollen, eine Steuer unter dem Titel „Aufenthaltskarte“ verlangt; nirgends hat die Polizei die Freunde, die uns unter ihrem gastlichen Dache beherbergten, mit zeitraubenden An- und Abmeldungen belästigt – wie das Alles im lieben deutschen Vaterlande zur höheren Civilisation unerläßlich nothwendig ist und in Italien unter dem Doppeladler ein Dogma war. Freilich giebt es auch in Italien Leute, die mit dieser Kraftersparniß der Polizei unzufrieden sind – nämlich die Spitzbuben, für deren Ueberwachung und Verfolgung jetzt die Polizei alle die Zeit und Kräfte übrig hat, die sie bei uns für die Molestiruug der ehrlichen Leute verschwenden muß. Aber wäre es denn ein so großes Unglück, wenn bei uns, in Berlin z. B., die Herren Spitzbuben etwas mehr und die ehrlichen Leute etwas weniger über die Thätigkeit der Polizei zu klagen hätten? Ich denke nicht.

So viel wenigstens steht fest, und eine sehr genaue Durchmusterung der öffentlichen Blätter, Zeitungen, Ankündigungen, Maueranschläge etc. hat mir das Resultat geliefert, daß in Turin und Mailand unendlich weniger eingebrochen und gestohlen wird, als bei uns, wo die Anschlagsäulen und Zeitungen täglich von den zahlreichen Thaten der Verehrer des alten Diebesgottes Hermes beredtes Zeugniß geben, und wo Sicherheitsketten und Doppelthüren mit Lugauslöchern und ähnliche bürgerliche Festungsgeräthe fast für jede Wohnung nothwendigste Erfordernisse geworden sind, während dergleichen hier in Italien Raritäten sein müssen, da ich deren seit Wochen nirgends gesehen, so viel Häuser ich auch in den zwei großen Hauptstädten Mailand und Turin betreten habe.

Die einzige Art, die Stimmung eines Volkes kennen zu lernen, ist und bleibt für einen Reisenden doch der Verkehr mit Menschen aller Stände und Berufsclassen. Ich habe diese Methode angewendet, von dem Postillon und Handarbeiter, dem kleinen Landbesitzer und Ackerbauer, dem Fischer und Schiffer aufwärts durch die mittleren und wohlhabenderen Classen der Fabrikanten und Kaufleute, der großen „Besitzer“, der Advocaten und sonstigen Studirten, bis zu dem altangesehenen Edelmanne, dessen Stammbaum nach Jahrhunderten zählt, und ich habe keinen gefunden, der sich nicht – jeder nach seiner Art – mit Freude und Genugthuung [90] des außerordentlichen Umschwungs bewußt gewesen wäre, den die ungeheueren Opfer des Jahres 1859 hervorgebracht haben. Selbst unter den Geistlichen des niedern Klerus, die ich gesprochen, war keiner, der nicht ein Herz gehabt hätte für die große Sache des gemeinsamen Vaterlandes. „Die einzige schwierige Sache,“ sagte mir mein alter Freund Balestrini, Geistlicher am Dome von, Mailand, „ist die römische Frage, aber auch sie wird überwunden werden,“ setzte er hinzu, „denn die Einheit Italiens verlangt es, und der Gedanke dieser Einheit ist nicht mehr zu unterdrücken.“ „Ja, so ist es,“ fügte seine alte greise Mutter hinzu, „denn es ist eine Sache Gottes!“ –

Ich hatte es oft bedauert, nicht schon im vorigen Jahre nach Italien gegangen, nicht Zeuge von dem frischen Enthusiasmus gewesen zu sein, mit dem ein siegesfreudiges Volk die blutig erkämpfte Befreiung von einer verhaßten Fremdherrschaft feierte. Aber es ist besser so. Die Begeisterung des Moments und der bei diesem heißblütigen Volke bis zur höchsten Exaltation gesteigerte Jubel des ersten Freudenrausches, sind jetzt vorüber. Man kann ruhiger beobachten unter Ruhigen; und die Ruhe und Besonnenheit der Italiener, welche ich überall wahrgenommen, die Klarheit der Ansichten und Zwecke, das richtige Bewußtsein über die Schwierigkeit und Gefahren der gegenwärtigen Lage, die Mäßigung und Einsicht der Organe der Presse,, welche die öffentliche Meinung ebensowohl bilden als ausdrücken, übersteigt meine Erwartungen. Natürlich rede ich nur von der Lombardei und von Piemont, denn nur diese beiden Theile Italiens habe ich gesehen und beobachtet; aber sie sind dafür auch der Halt und Kern des neuen Regno d'Italia Und endlich ist doch auch nicht zu vergessen, daß Italien das Vaterland der Staatskunst ist, bei der alle modernen Staaten Europa’s in die Schule gegangen sind.

Aber genug für heute. Denn jeder Aufblick vorn Papiere durch das offene Fenster, an das ich meinen Schreibtisch gerückt habe, ladet mich ein, die Feder wegzuwerfen, zumal an einem Tage, wie der heutige, wo der italische Himmel in der ganzen Kraft und Schönheit herbstlichen Sonnenduftes über diesem schönsten aller italischen Seeen lacht und leuchtet. Es ist gar keine Frage mehr für mich, daß der Lago Maggiore an Mannigfaltigkeit und reizender Lieblichkeit meinen bisherigen Liebling, den Lago di Como, übertrifft, und daß nur die Parteilichkeit meiner Mailänder Freunde mir früher das Gegentheil versichern mochte. Baveno aber ist der Lage nach die Perle seiner Ufer. Ein Blick aus dem Fenster zeigt mir die spiegelklare Fläche in einer Ausdehnung, die an den Golf von Neapel, erinnern kann. Gegenüber, am östlichen Ufer des Sees, der hier bei Baveno sich westlich tief einbuchtet, schimmern im Sonnenglanze die reizenden Städte und Städtchen Suno, Pallanza, Cerro Mombello und Leggiuno, umgeben von sanften Hügeln und stattlichen Gebirgshöhen, deren wundervoll gezeichnete Linien sich auf dem klaren Elemente in zauberischer Weise der Contouren abspiegeln, während die Borromeischen Inseln – unter ihnen Isola bella mit ihrer vielgestuften Gartenpyramide und ihrem leuchtenden Grafenschlosse – wie riesige Wasserpflanzen in nächster Nähe auf der Fluth zu schweben scheinen und einzelne weißüberdachte Barken schwanengleich dahinziehn. Dicht am Hause vorbei, eingefaßt von einer hohen Steinmauer mit ihren steinernen Telegraphenpfeilern, schläft die Simplonstraße in schweigender Sonntagsruhe, daß man das leise Plätschern der kleinen Wellen hören kann, welche den Fuß der Mauer und die Stämme der Maulbeer- und Kastanienbäume bespülen, die zum Theil an dem schmalen Erdrande zwischen Mauer und See, zum Theil im Wasser selbst sich stundenweit hinziehen. – Es ist der schönste Tag, der uns seit unserer Ankunft in Italien geleuchtet hat, und wir wollen ihn genießen, so lange er leuchtet. Also auf und hinaus! Die Abende sind ohnehin jetzt schon lang genug zum Schreiben, und da will ich versuchen, mit Hülfe meines Tagebuchs Euch von den weiteren Eindrücken zu berichten, welche mir dieser kurze Blick in das freie Italien gegeben hat. Die Blätter, auf die ich meine Tagesskizzen hingeworfen, liegen so schon lange genug in der Mappe, und es wird Zeit, daß ich sie Euch sende, damit sie nicht mit mir zugleich über die Alpen nach Hause gehen.

Varenna, Anf. Septbr. 1861.

Bei meinem letzten Besuche des Comer-Sees hatte ich meine Villeggiatur am westlichen Ufer, in der Majolica bei Cadenabbia genommen. Aber der gute Signor Rhigini, der vor drei Jahren dieses freundlichste aller Gasthäuser der Tremezzina inne hatte, dessen sich die Leser meiner „Herbstmonate in Oberitalien“ wohl noch erinnern, war, wie man mir auf dem Dampfschiffe berichtete, inzwischen gestorben, und so beschloß ich denn, diesmal auf dem östlichen User in Varenna, gegenüber von Menaggio, Station zu nehmen.

Es war gegen drei Uhr, als wir hier anlandeten. Das Albergo Reale des Signor Marcionni, das einzige Hotel des kleinen Städtchens, das unter dem Burgthurme des alten in Trümmern liegenden Schlosses der stolzen Sfondrati, die sich „Grafen des Seeufers“, conti della riva, nannten, auf steil abfallendem Felsvorsprunge liegt, war uns von einem deutschen Landsmanne als dasjenige empfohlen, das unter allen Gasthäusern des ganzen Ufers die schönste Aussicht aus den See gewähre, und wir hatten während eines sechstägigen Aufenthaltes Gelegenheit genug, uns von der Richtigkeit jener Empfehlung zu überzeugen. Das stattliche Gasthaus liegt hart am See, dessen blaue Wellen an die dreißig Fuß hohe Quadersteinterrasse heranspülen, welche in einer Länge von etwa 80 und einer Breite von 40 Fuß die ganze nach Südwesten blickende Frontseite des Hauses umgiebt und in den reizend terrassirten, mit Weinlaubengängen, Lorbeer-, Orangen-, Citronen- und Mandelbäumen geschmückten Garten ausläuft. Von dieser Terrasse aus, die zu dem Schönsten gehört, was ich in dieser Art gesehen, zeigt sich der See in seiner imposantesten Gestalt und in seiner größten Breite. Denn man blickt hinein in seine beiden Arme, den von Lecco und den von Como, welche der hohe Bergrücken trennt, auf dessen letztem Ausläufer die alte Villa Serbelloni mit ihren thurmhoch terrassirten Felsengärten prangt, und man übersieht zugleich von Menaggio an bis nach Cadenabbia die ganze Reihe von heiteren Landhäusern, prächtigen Villen und einladenden Gasthäusern, welche das westliche Ufer des Sees bis zu den Berghöhen hinauf bedecken.

Doch auch hier waren es diesmal nicht mehr vorzugsweise die Schönheiten dieser reizgeschmückten Seeufer, sondern vielmehr die Menschen, die wir hier vor drei Jahren kennen gelernt und liebgewonnen, welche wiederzusehen und von deren Erlebnissen in den letztvergangenen Zeiten zu hören wir gespannt und begierig waren. Denn es ist eine unumstößliche Wahrheit in dem Lessing’schen Ausspruche, daß im Grunde doch die edelste Beschäftigung und das bleibendste Interesse des Menschen der Mensch ist. In Varenna aber lebte uns eine befreundete einheimische Familie, die erste an Rang und Bildung, Ansehen und Vermögen in dem kleinen weltabgeschiedenen Orte, wohin nur selten sich der Fuß eines Touristen verirrt, wie wir denn auch diesmal einige Tage lang die einzigen Bewohner des Gasthauses von Varenna waren.

Ein paar Zeilen an Signora Luisa, die Gattin des Advocaten Benini, abgesendet, brachten uns in dem deutsch abgefaßten Antwortschreiben – denn die hochgebildete Italienerin ist eine Freundin und Verehrerin der deutschen Litteratur und unserer Sprache in einem für Italien höchst seltenen Grade mächtig – die erfreuliche Kunde, daß die Freunde daheim und wohlauf seien, und Signora Luisa folgte wenige Minuten später ihrem Billete auf dem Fuße, um uns zu begrüßen und in ihre herrlich gelegene Villa am nördlichen Ende des Städtchens abzuholen. Abends kam auch ihr Gatte von seiner Geschäftstour nach dem nahegelegenen Bellano, dem Hauptorte des Districts, zurück und begrüßte mit gleicher Herzlichkeit die unerwarteten Freunde aus der Ferne. Man sah es Beiden an, daß schwere, stürmische Jahre über ihren Häuptern vorübergezogen waren, und die Erzählung ihres Antheils an denselben gab ein Bild von den Wechselfällen, welche in dieser Zeit des Parteienkampfes hier die Familien betroffen. Wir sahen mehrere Räume des Hauses mit einer großen Bibliothek angefüllt, die wir früher nicht dort gesehen, und mit deren Ordnen der eine der beiden Söhne des Hauses noch beschäftigt war, und erfuhren auf unsere Frage, daß sie die Hinterlassenschaft von Signora Luisa’s Oheim, dem gelehrten Professor Ripamonte zu Padua, sei. Er war ein Anhänger der österreichischen Regierung gewesen und als ein Verräther an der Sache seines Vaterlandes dem Dolche eines Patriotischen Fanatikers zum Opfer gefallen! Ein anderer naher Verwandter des Hauses dagegen, der Dr. Ginarni, wurde in Mailand das Opfer einer österreichischen Kugel, der einzigen, welche nach der verlornen Schlacht von Magenta in Mailand abgefeuert worden ist. Sein Schicksal ist wahrhaft tragisch zu nennen. Wir sahen im Jahre 1858 den schönen, jungen, mit allen Vorzügen [91] des Geistes und der Bildung ausgestatteten Mann, der in wünschenswertester Unabhängigkeit wissenschaftlichen und dichterischen Studien lebte, an der Seite seiner ebenfalls durch Geist und Schönheit ausgezeichneten jungen Gattin, in deren Besitz er nach viele Jahre langen Hindernissen, welche die vornehme Familie der Geliebten ihm entgegensetzte, erst vor Kurzem gelangt war. Man kannte kaum ein glücklicheres und schöneres Paar sehen. Ein schönes Kind auf den Armen der jugendlichen Mutter vollendete ihr Glück. Da brach das Jahr 1859 herein. Die Freunde des jungen Mannes eilten zu den Waffen, die meisten heimlich in’s sardinische Lager, denn noch erfüllten und beherrschten Oesterreichs Schaaren die Lombardei. Er wollte nicht zurückbleiben, obschon seine schwächliche Gesundheit ihn kaum zur Ertragung der Strapazen des Krieges befähigte. Die Verzweiflung seines jungen Weibes, deren schwärmerische Liebe zu dem geliebten Gatten ihren Patriotismus überwog, wandte Alles an, ihn zurück zu halten. Es gelang ihr. Er schrieb einem Freunde, daß er seinen Landaufenthalt verlassen und auf Bitten seiner Frau nach Mailand gehen werde. „Erhebt sich Mailand,“ schloß er seinen Brief, „so wird sich das Weitere von selbst finden, und meine geliebte V… wird dann selber einsehen, daß ich dann nicht mehr zurückbleiben darf!“

Es sollte anders kommen! Die Liebe, die ihn sich bewahren wollte, sollte ihn in den Tod stürzen. Die Schlacht von Magenta war geschlagen, die Oesterreicher retirirten nach Mailand. Um das alte Castell der Schanze lagen ihre Heerestrümmer zu kurzer Rast, umstanden von Neugierigen aller Art, von den Unterdrückten, die sich an der Noth und dem Unglück ihrer Dränger weideten. Ginarni war unter ihnen, der Weg zu seinem Hause, zu Weib und Kind hatte ihn über den Platz geführt. An einer Stelle, wo es ihm unmöglich war, durch die dichten Haufen der zuschauenden Massen zu dringen, wollte er seinen Weg quer über einen von Schildwachen besetzten Raum nehmen. Er hatte kaum die ersten Schritte gemacht, als der Anruf des wachestehenden Kroaten sein Ohr traf, dem im nächsten Augenblicke auf zehn Schritte die sichere Kugel folgte, die sein Herz durchbohrte und ihn entseelt zu Boden streckte. So brachte man ihn seiner angstvoll harrenden Gattin! – Wenige Tage darauf kam dieselbe mit ihrem Kinde zur Signora Benini. Zwischen Wahnsinn und Selbstmord gestellt, hatte sie ihren Entschluß gefaßt; sie übergab das Kind der Sorge der Verwandten und – begab sich als dienende Pflegerin in die Spitäler, um in der Pflege für die verwundeten und sterbenden Tausende der Krieger ihres Landes ihr Leben dem Dienste des Vaterlandes zu weihen!

Signora Benini führte uns hinab zu der ersten Terrasse des Gartens, wo in einer lichten, freundlichen, von Lorbeer und Myrthen umgebenen, kapellähnlichen Halle neben mehreren andern ähnlichen Denkmälern der Liebe auch sein Monument sich befand. Es zeigte in einem Marmorrelief die edlen, schönen, geistdurchleuchteten Züge des hingemordeten jungen Mannes, dessen Namen und Schicksal eine einfache Marmortafel berichtet und dessen Leib hier ruht an demselben Platze, wo er so oft und gern geweilt, und wo wir ihn noch vor drei Jahren glücklich und hoffnungsreich verließen. „Sie werden kaum eine Familie unseres Kreises in Mailand finden,“ sagte Signora Luisa, „die nicht mehr oder minder hart von den Ereignissen jener beiden Jahre getroffen wäre und die nicht mit irgend einem herben Verluste ihren Antheil an den Opfern für unseres Vaterlandes Erlösung dargebracht hätte.“ – Ihre beiden eignen Söhne, von denen der ältere jetzt sich zur Universität, der jüngere zum Militärstande vorbereitete, waren noch Knaben von fünfzehn und dreizehn Jahren, als der Kampf des Jahres 1859 begann. Eines Morgens war der jüngere mit einem wenig älteren Cameraden aus dem elterlichen Hause verschwunden. Er hatte sich Nachts in der elterlichen Barke mit seinem Cameraden ein paar Stunden weit den See hinauf gerudert und dort das Dampfschiff bestiegen, das ihn nach Como führte. Von da verlor sich seine Spur. Der geängsteten Mutter gelang es endlich, dieselbe aufzufinden. Sie traf den Flüchtling bereits eingekleidet im Feldlager Garibaldi’s. Der Chef des Stabes, an den sie sich wandte, beeilte sich, ihr den Flüchtling zuzuführen, der nur nach hartem Widerstreben und mit heißen Thränen der Mutter und nur unter der Bedingung zurückfolgte, daß man ihn nicht ferner abhalte, die militärische Laufbahn einzuschlagen. „Sie thun uns einen Dienst damit,“ sagte der Garibaldische Hauptmann zu der Mutter, die auch den Begleiter ihres Sohnes zurückzuholen beauftragt war, „daß Sie uns die Kinder abnehmen. Der General (Garibaldi),“ setzte er hinzu, „will zwar, daß man, um nicht die Begeisterung niederzuschlagen, keinen, der sich zum Kampfe meldet, abweise, sondern selbst Knaben einkleide. Aber nach einigen Märschen haben wir ein Spital voll kranker Kinder! Denn sie sind bei allem feurigen Enthusiasmus doch nicht fähig, die Anstrengungen unserer Züge auszuhalten, und hier der Camerad Ihres Sohnes wird schwerlich jemals dazu im Stande sein!“ – „Nun denn!“ rief der Knabe in zornige Thränen ausbrechend, „so laden Sie mich in ein Geschütz und schießen mich gegen die Oesterreicher, damit ich doch etwas dazu diene, ihnen Schaden zu thun!“ So lächerlich diese Worte ! klangen, so war doch der Schmerz und der flammende Patriotismus des Knaben von der Art, daß der alte Krieger demselben gerührt die Hand reichte, und ihn und seinen Cameraden mit einem: a rivederci fra due o tre anni! (Auf Wiedersehen in zwei oder drei Jahren!) entließ.


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Nr. 2.
Auf der Terrasse – Maestro Gaetano Braga – Girolamo Induno und seine Errettung – Garibaldi und seine Verheirathung – Der Mangel an Straßen und Schulen – Die italienischen Priester – Marchese d’Azeglio.
Varenna, 13. September 1861.

Ich schreibe Dir auf der Terrasse im Schatten des blühenden Oleanders und des Weinstocks, die sich über mir zur Laube wölben. Alles ringsumher ist sanfte sonnenbeglänzte Stille. Nur die Wellen des Sees, der gestern bei starkem Winde hohe weißschäumige Wogen schlug, heute aber wie ein blauer Stahlspiegel, den Himmel mit seinen leichten weißen Wölkchen widerstrahlend, im hellen Sonnenglanze vor uns liegt, murmeln und plätschern ihr eintöniges Liedchen tief unten an den Steinquadern der Terrasse, wie sie es vor fast zweitausend Jahren zur Zeit des alten Plinius Secundus gethan, der auch von hier aus, an diesem „göttergeliebten Ufer“ seines Lacus Larius, so manche seiner Episteln an die Freunde in dem fernen Rom geschrieben hat. An der andern Seite der Terrasse sitzt die junge Gattin unseres Wirthes, eine Freundin der Familie Venini, die Signora Giulia Marcionni, eine der schönsten Italienerinnen, die meine Augen je gesehen, eine wahre „Julia“ an Schönheit, plaudernd neben einem jungen schwarzköpfigen Milanesen, einem überaus feinen, mädchenhaft zierlichen jungen Manne, der in einem nahen Bade seine im Freiheitskampfe empfangenen Wunden ausheilt, und täglich hinabkommt, hier auf der Terrasse zu frühstücken. Er hat unter Garibaldi in Sicilien und Calabrien gefochten und eine furchtbare Narbe, die vom Schädel über die linke Schläfe sich hinabzieht – ein Andenken, das ihm eine gesprungene Kartätschenkugel, die seinen Kopf streifte, zurückgelassen hat, – giebt davon sichtbare Kunde. Er ist ein reicher Kaufmannssohn ans Mailand, und außer einem jungen neapolitanischen Maestro, der sich in diese Einsamkeit zurückgezogen hat, um seine neue Oper für die Scala fertig zu componiren, und der dicht neben uns in einem ziemlich spelunkenhaften Privathause sich und seinen Flügel einquartiert hat, ist er unser einziger Genosse auf der Terrasse der Casa Marcionni.

Der Maestro heißt Gaetano Braga, hat schon zwei Opern in Neapel und Wien und eine andere in Paris ausführen lassen, und gilt für das begabteste musikalische Genie des jungen Italiens. Er ist, wie wir, täglicher Gast in der Familie Venini, die ihn sehr hoch halten, und an sprudelndem Humor und ausgelassener Lebendigkeit des Wesens ein echtes Kind seiner vulcanischen Vaterstadt. Wenn er in seiner rothen Garibaldiblouse mit irgend einer Tisch und Stühle überschwingenden Capriole früh Morgens singend und trällernd auf der Seeterrasse erscheint, während wir noch auf unserm Zimmer sind, so ist es, als wenn mit ihm eine ganze Compagnie lustiger Gesellen eingerückt wäre, denn er macht Lärm für zehn. Bald singt und tremulirt er mit seiner überaus klangreichen, südlich biegsamen Stimme irgend welche heroische Opernarien, während er sich dazu mit wahrhaft orchestermäßigem Spectakel auf dem Pianoforte des an die Terrasse stoßenden Salons begleitet und dazwischen irgend welche Scherzreden mit der ab- und zugehenden Signora Giulia wechselt; bald ruft er, irgend ein Volkslied trällernd, die vorüberfahrenden Schifferbarken an, die mit ihrer Ladung zum Markte nach Menaggio ziehen, bald improvisirt er recitativisch irgend eine Scene mit dem aufwartenden Cameriere – kurz, wenn von irgend einem Menschen, kann man von ihm sagen: qu’il a le diable au corps (daß er den Teufel im Leib’ habe). Das bewies er gestern Abend bei Venini’s, wo sich ganz zufällig durch Besuche aus Mailand und Como eine Gesellschaft von zehn bis zwölf Personen zusammengefunden hatte, was aber die Hausfrau nicht im Mindesten genirte, da die Bewirthung in solchen Fällen hier zu Lande, wo man spät dinirt, die allereinfachste von der Welt ist, und das Hauptvergnügen in der Unterhaltung besteht. Die Sorge für die letztere übernahm diesmal der Maestro in einer Weise, welche den Abend zu einem der interessantesten Musikabende machte, die ich jemals erlebt. Man begriff nicht, woher er die Kraft und Ausdauer der Stimme und die Fülle des Humors hernahm, mit der er in ununterbrochener Folge, singend und spielend uns mit aller erdenklichen, heitern und ernsten Musik, Opernarien und Bravourarien, neapolitanischen Volksliedern, Lazzi’s und Buffonerien der wunderbarsten Art überschüttete, alle Spielweisen der neuesten Virtuosen, alle Gesangs- und Actionsmanieren der Hauptsänger und Sängerinnen der Scala komödirend nachahmte, bald in dieser, bald in jener Manier moderner Componisten carikirend improvisirte und, wenn wir glaubten, daß er mit Kraft der Stimme und Erfindung am Ende sei, uns mit immer neuen, noch unglaublicheren, gleichsam spielend hingeworfenen Leistungen überraschte und aus dem Scherz in den Ernst, aus dem Ernste in den Scherz zurückwarf. Als ich gegen meinen Nachbar, einen jungen einundzwanzigjährigen Officier, einen Verwandten der Familie Venini, der seine Decoration auf dem Schlachtfelde bei Capua erworben – meine Bewunderung darüber ausdrückte, wie solch’ eine fast vierstündige Ausdauer physisch möglich sei, antwortete er mir: „O, er hat heute Nachmittag schon bei uns drüben in Menaggio ganz Aehnliches, noch Wunderbareres geleistet, darum ist er auch heute Abend nicht ganz mehr bei Kräften!“ – Die Lebenskraft dieser Kinder des Südens ist eben stärker als die unsre.

Dabei aber ruht dieses musikalische Sprühteufelwesen auf einem Fundamente sehr solider musikalischer Bildung. Als er etwas müde wurde und ich mich mit ihm in ein Gespräch einließ, fand ich in ihm einen Kenner und begeisterten Verehrer der deutschen Musik und ihrer Heroen, unter denen er für Beethoven und Mozart gleiche Begeisterung zeigte und unter den neueren Mendelssohn als seinen Lieblingsmeister und Lehrer zu verehren bekannte. Auch die Leistungen der Zukunftsmusik, die er vorher auf die allerheiterste Weise praktisch komödirt hatte, beurtheilte er nicht ohne gerechte Anerkennung, die er mit dem geistreichen Epigramme [191] schloß: „Ich fürchte nichts für die Zukunft der Musik von der Musik der Zukunft!“ – Zum Schlusse sang die ganze Gesellschaft noch auf unsern Wunsch die Garibaldihymne, deren Anfang: All’ arme! all’ arme! (Zu den Waffen!)

Als wir spät Nachts nach Hause gingen, ertönte noch von einer Barke her der zweistimmige Gesang heimkehrender Schiffer zu uns herüber. Ich kannte die Melodie; es war dieselbe, die ich vor drei Jahren manche Nacht am andern Ufer auf der Terrasse der Majolica vernommen hatte. Mir ward ganz heimisch dabei zu Muthe!

Den 15. September.

Gestern habe ich eine sehr interessante Bekanntschaft gemacht. Als wir von einem Frühspaziergange nach der Höhe, auf welcher die alte Herrenburg von Varenna liegt, zurückkehrten, fanden wir in dem Frühstückssalon unseres Gasthauses ein hellloderndes Kaminfeuer und an demselben sitzend ein schönes junges Paar, das die Nacht durch mit einem Vetturin von Lecco hergefahren war und sich von der Morgenkälte der Fahrt an dem behaglichen Feuer aufwärmte.

„Es ist nicht für mich, sondern für meine Frau,“ – sagte nach einigen Gesprächsworten, gleichsam entschuldigend, der schöne stattliche junge Mann, den ich an seinem ganzen Aussehen und an dem neben ihm stehenden Malerportefeuille als einen Künstler zu erkennen glaubte, – „denn ich bin der Kälte und Nachtfahrten schon anders gewohnt, sondern für meine Signora hier, die heute zum ersten Male eine solche Nachtfahrt gemacht hat.“ In diesem Augenblicke brachte uns der Barcarol der Signora Venini eine Aufforderung derselben zu einer am Nachmittage zu unternehmenden Fahrt über den See nach Menaggio zu der Villa des ihr befreundeten Marchese d’Azeglio, die wir zu sehen gewünscht hatten. Bei der Nennung des Namens Venini bemerkte der Fremde, daß er gleichfalls die Familie kenne, und daß er gekommen sei, um das Grab eines geliebten Freundes zu besuchen, der in ihrer Villa begraben sei. So gab ein Wort das andere, und es fand sich, daß er der Maler Girolamo Induno aus Mailand, Bruder des Malers Domenico Induno sei, daß ich beider Brüder Arbeiten vor sechs Jahren auf der großen Welt-Kunstausstellung zu Paris gesehen hatte,[2] und ihm den Inhalt derselben angeben konnte. Der Freund aber, zu dessen Grabe er pilgerte, war eben jener unglückliche, von den Oesterreichern in Mailand erschossene Doctor Ginami, von dessen tragischem Geschicke ich vorher erzählt habe. –

Girolamo Induno ist ein Lombarde der besten Art, einer von denjenigen, die in ihrer gesetzten Ruhe und Einfachheit einen Zug deutschen Wesens und Charakters haben. Wir näherten uns einander mit jener Schnelligkeit, wie sie nur die Gunst des Reiselebens und jener Zauber plötzlich entdeckter gegenseitiger Beziehungen möglich macht, der bei solchem durch die Gunst des Zufalls herbeigeführten Begegnen in der Fremde sich doppelt wirksam erweist. Er mochte ungefähr im Anfange der Dreißig stehen. Kräftig gebaut, über Mittelgröße, breitbrüstig, ein Ausdruck milden Ernstes in den Zügen des wohlgeformten, nachdenklichen, von dunkelbraunem Barte eingefaßten Gesichts, von höchster Einfachheit in Sprache und Benehmen, und von einer überaus ansprechenden verläßlichen Treuherzigkeit des ganzen Wesens, die aus seinen dunkelbraunen Augen leuchtete, – der Eindruck des Ganzen halb Künstler, halb Soldat. Und Soldat ist er gewesen, ein Soldat der Freiheit seines Landes, von seinem neunzehnten Jahre an, wo er im Jahre 1848 zu Garibaldi’s Fahnen eilte und in Welschtyrol und 1849 in der ewig denkwürdigen Vertheidigung Roms unter dem großen Volkshelden kämpfte. Im Jahre 1855 machte er den Krimfeldzug als Künstler mit, und malte dann wieder bis zum Jahre 1859, wo der zu seiner Staffelei zurückgekehrte Künstler Pinsel und Palette wieder zur Seite warf und auf’s Neue die Büchse ergriff, um dem Rufe des geliebten Führers zu folgen. Aus dell’ Ungaro’s Buche la difesa di Roma wußte ich, daß der Künstler und wie tapfer er in Rom gekämpft hatte. Von ihm selbst erfuhr ich einiges Nähere über seine wunderbare Errettung bei dem blutigen Strauße, der um die Villa Corsini gegen die Franzosen zu Anfange der Belagerung gestritten ward.

Er war mit einem Cameraden in einem Eckzimmer der weitläufigen Villa postirt gewesen, als die Franzosen die schwachbesetzte Villa überfielen. Sein Camerad ward neben ihm am Fenster feuernd erschossen; er selbst überhörte das Rückzugssignal und sah sich wenige Minuten später abgeschnitten und im Versuche, sich durchzuschlagen, von einem Trupp eindringender Franzosen zurückgeworfen, die ihn, als er sich nicht ergeben wollte, von mehreren Kugeln und von nicht weniger als einundzwanzig Bajonnetstichen an Armen, Brust und Schenkeln verwundet, für todt zurückließen. Als er erwachte, fand er sich im Garten liegend am Fuße der hohen Terrassenmauer, auf der er zuletzt gestanden zu haben sich erinnerte. Ob er herunter gefallen oder von den Feinden herunter geworfen sei, wußte er selbst nicht mehr. Von Blutverlust erschöpft, schleppte er sich in stundenlanger Anstrengung unter dem Schutze der eingebrochenen Dunkelheit, auf allen Vieren kriechend, zu den Seinen zurück, wo seine Wunden untersucht und keine derselben tödtlich erfunden wurde. Nach einigen Wochen konnte er wieder in den Dienst eintreten.

Von Garibaldi sprach er nur in den Ausdrücken der tiefsten Verehrung. Er habe „den Muth eines Löwen und das Herz eines Kindes.“ „Kein Feind kann ihn täuschen, aber er wird leicht die Beute eines Jeden, der ihm unter der Maske der Freundschaft und der Liebe zum Vaterlande naht, und dem er einmal sein Vertrauen geschenkt hat. Seine Affaire mit der Marchese Raimondi ist ein trauriger Beweis davon!“ Ich fragte, ob er mir über diese vielbesprochene Geschichte etwas Näheres mittheilen könne, und erfuhr von ihm, der die Sache in nächster Nähe miterlebt hatte, Folgendes:

Der Besitzer der größten aller Villen am untern Comersee, Marchese Raimondi, hatte eine Tochter von großer Schönheit, die sich durch ihre Exaltation für die italienische Sache im Jahre 1859 und durch ihre zur Schau getragene Begeisterung für den populärsten aller italienischen Volkshelden auszeichnete. Als Garibaldi mit seinen Schaaren beim Beginne des italienischen Feldzuges in den Gebirgen zwischen dem Lago maggiore und dem Comersee operirte, gelang es ihr, demselben persönlich nahe zu kommen, indem sie ihm einige Male, nicht ohne eigene Gefahr, Nachrichten über die Stellungen, die Stärke und die Absichten der gegen ihn ausgesandten österreichischen Abtheilungen selbst überbrachte. Ihre patriotische Hingebung, die Kühnheit, mit der die schöne Amazone den Gefahren Trotz bot, die begeisterte Verehrung, mit der das schöne Weib ihm huldigte, machten Eindruck auf Garibaldi, der ihr um so unbedingter vertraute, als die Kundschaften, die sie ihm brachte, ihm nicht unwesentliche Dienste geleistet und ihn und die Seinen einmal sogar vor einer großen Gefahr bewahrt hatten. Die Donna ihrerseits hatte es gar kein Hehl, daß sie für den Helden von glühender Leidenschaft entbrannt sei, daß sie das Leben nicht ertragen könne, wenn er nicht der Ihrige werde. Sie wußte es dahin zu bringen, daß der General am Ende des Feldzugs eine Zeit lang sein Quartier in dem Schlosse ihres Vaters, der ehemaligen Villa Odescalchi, unweit Como nahm, und hier vollendete sie die Eroberung des Helden. Garibaldi war 52 Jahr, sie weit über die Hälfte jünger; aber der Gedanke, daß ein begeistertes Mädchen, ein Tochter Italiens, kein größeres Glück kenne, als sich ganz dem geliebten Helden ihres Vaterlandes zu weihen, ihm seine letzten Lebensjahre durch ihre Liebe zu verschönern, hatte an sich nichts Unglaubliches oder auch nur Auffallendes. Und Donna Teresa war schön, für den Mann ihres Herzens ebenso wie für die Sache Italiens bis zum Fanatismus begeistert, und Garibaldi’s Herz war jung und glaubensvoll. Seine geliebte Anita war seit zehn Jahren todt, seine Tochter und sein Sohn Menotti waren erwachsen, und Donna Teresa schien ganz dazu geeignet, ihm die Lücke in seinem Dasein auszufüllen, die der Tod seines geliebten Weibes, die alle seine Schicksale und Gefahren bis zum letzten Hauche kühn und treu getheilt hatte, in sein Leben gerissen. Dennoch schwankte er längere Zeit; „es schien ihm eine Untreue gegen das Gedächtniß seiner Anita,“ wie er gegen seine Vertrautesten äußerte, „eine Andere an ihre Stelle treten zu lassen,“ und nur die Ueberzeugung, welche die junge Marchese in ihm zu erregen wußte, daß sie es nicht überleben werde, sich von ihm verschmäht zu sehen, gab endlich bei ihm den Ausschlag. Einige anonyme schriftliche Warnungen, welche er erhielt, die das Betragen der Marchese klug berechnete Verstellung nannten, verschmähte er in der Geradheit seines vertrauenden Sinnes. So ward der unwiderrufliche Bund geschlossen. Kaum eine Stunde nach der Ceremonie der Trauung aber traf ihn der vernichtende Schlag. Ein Cavalier aus Bergamo, der herbeigeeilt war, um ihn vor dieser Verbindung [192] mit einer Unwürdigen zu bewahren, und leider zu spät gekommen war, brachte ihm die überzeugenden Beweise, daß das unselige Weib sein Vertrauen schmählich betrogen, daß sie nicht nur vorher die Geliebte eines piemontesischen Officiers aus Bergamo gewesen sei, sondern das sträfliche Verhältniß mit ihrem Buhlen auch noch nach ihrer Bekanntschaft mit Garibaldi fortgesetzt habe. Garibaldi war tief erschüttert. Er verließ in derselben Stunde die Villa Raimondi und ging ohne alle Begleitung nach Genua, wo er sich sofort nach seiner einsames Felseninsel Caprera einschiffte. Der König entließ den Verräther sofort aus dem Dienste, der, um sein Leben vor den ihm drohenden Kugeln der Waffengefährten Garibaldi’s zu erretten, nach England entfloh und jetzt mit der Verrätherin in irgend einem Winkel der Schweiz versteckt lebt. –

Ich fragte, ob die Sache in Garibaldi einen tieferen Eindruck hinterlassen habe. „Nur im Anfange,“ versetzte der Künstler; „da haben mir Freunde gesagt, daß sie sein Antlitz nie so düster und traurig gesehen hätten. Aber das dauerte nicht lange. Seine Seele ist zu sehr erfüllt von dem Gedanken an sein Vaterland, als daß solche persönliche Eindrücke in ihm haften könnten, und ich bin überzeugt, daß er nach einigen Wochen und Monaten bereits die ganze Sache so rein vergessen hatte, als wenn er sie niemals erlebt hätte!“

Nachmittags fuhren wir mit unserer Freundin hinüber nach Menaggio, das über und über im Festschmuck der italienischen Tricoloren prangte, weil der zur Inspektion von Mailand gesendete Oberst die dortige Nationalgarde musterte, die überall vom 18–36. Jahre als Mobilgarde dient, vom 37–60. zur Aufrechterhaltung der Ordnung verwandt wird. Die Energie und Schnelligkeit, mit der die Regierung diese und andere Einrichtungen betreibt, ist bewundernswerth, obschon natürlich noch Alles sehr in den Anfängen ist.

Vorzüglich ist für das Schul- und Unterrichtswesen noch viel zu thun, das hier ganz unglaublich vernachlässigt ist, und unser Freund, der Neapolitaner de Sanctis, der jetzige Unterrichtsminister des Königreichs Italien, den ich vor fünf Jahren im Exil als Lector der italienischen Sprache an der Universität zu Zürich kennen lernte, wird alle Hände voll zu thun haben, um hier Licht und Luft zu schaffen. „Was uns vor Allem noth thut, sind Schulen und Straßen!“ schrieb neulich ein Freund aus der Provinz Neapel, „die werden uns nachhaltiger helfen, als hunderttausend Mann, gegen die Umtriebe der Priester und Briganten.“ Straßen hat man hier, aber an Schulen fehlt es überall, weil es – an Lehrern fehlt. Die Pfaffen, die dafür desto zahlreicher sind, kann man dazu nicht brauchen, theils weil sie dazu nicht befähigt sind, theils weil man ihnen die Jugend nicht anvertrauen darf und mag. „Aber was thun denn Euere Priester jetzt?“ fragte ich unsere Freundin, mit der ich dies Capitel bei der Ueberfahrt verhandelte. „Was sie thun?“ – war die Antwort – „je nun, sie treiben Seidenbau und mästen Vieh, suchen auf alle Art Geld zu machen, nehmen den armen Landleuten den letzten Soldo aus der Tasche, verleihen Geld zu wucherischen Zinsen, haben Liebschaften mit ihren Dienstmädchen und andern Frauen, spielen, rauchen und gehen auf die Jagd.“ Das Letztere hatte ich selbst gesehen, als ich neulich auf dem Dampfschiffe mit einem Geistlichen, einem schönen, starkgebauten Mann in mittleren Jahren, zusammentraf, der seine zwei Jagdhunde an der Leine, die Doppelflinte über dem priesterlichen Rocke auf dem Rücken hängend, die Jagdtasche an der Seite, eine wunderliche Figur machte.

„Aber,“ fragte ich weiter, „sind denn das nicht eigentlich lauter Dinge, die Euren Priestern verboten sind?“

„Freilich sind sie verboten,“ war die Antwort, „aber es ist eben, wie es ist, und sie thun eben, was ihnen gefällt. Vor allen Dingen aber sind sie hier meist gut österreichisch. Diese jetzige Generation ist nicht mehr zu ändern, man muß sie laufen und allmählich an Auszehrung sterben lassen. Märtyrer aus ihnen zu machen, würde nur schaden. Wir brauchen ein Menschenalter, um das Volk aufzuklären und die alten Schäden gründlich zu bessern. Das arme Volk, das von Preßfreiheit und andern Freiheiten noch nichts versteht, und darum auch noch nichts davon hat, das ebensoviel und noch mehr steuern und zahlen muß, als früher, und dem die Pfaffen für Geburt, Hochzeit, Begräbniß und Seelenmessen den letzten Centesimo aus der Tasche ziehen, – dies arme, seit Jahrhunderten vernachlässigte, unwissende Volk bedarf vor allen Dingen des Unterrichts, der es über seine zu erwartenden Vortheile aufklärt, um patriotisch im Sinne der Gebildeten zu werden. Bis jetzt ist ein solcher Aufschwung von ihm kaum zu verlangen, und das Einzige, was es fühlt und empfindet, ist, daß es nicht mehr von einer fremden Polizei gehudelt und geschoren und nicht mehr von Spionen aus den eignen Landsleuten verrathen wird. Das Aufhören der denuncirenden Spionage ist der einzige Segen, den es bis jetzt von der Befreiung empfindet.“

Das Wichtigste für mich an diesen Mittheilungen war, daß sie ganz laut in Gegenwart der beiden Barkenführer, und in italienischer Sprache, also ihnen verständlich, geschahen, und daß der ältere von beiden mehrmals bei den Herzensergießungen über die Pfaffen beistimmend mit dem Kopfe nickte. Ich habe später noch viele Beobachtungen gemacht, die darauf hinausgehen, daß Italien am Beginn einer religiösen Wandlung steht, gegen welche die politische des Augenblicks an Wichtigkeit für die Welt weit zurücktritt. Es hat sich in den gebildeten Schichten eine Energie des Hasses gegen die Priesterherrschaft aufgesammelt, und ich bin wiederholt einem Freimuthe der Aeußerung in konfessionellen Dingen und Glaubenssachen begegnet, gegen den wir in Deutschland weit zurückstehen.

Die Villa des Marchese d’Azeglio liegt auf der Höhe über Menaggio dicht neben der prachtvollen Villa Mylius, zu welcher eine halbe Stunde weit aufsteigend eine treffliche Kunststraße mit gewaltigen Steinbrücken über Abgründe und Gebirgsbäche hinaufführt, ein Geschenk, wie eine Inschrift auf einem Denkmale am Wege sagt, das der reiche Begründer des genannten großen Mailänder Handelshauses, der verstorbene Banquier Mylius, mit wahrhaft fürstlicher Großmuth den Gemeinden von Menaggio und den umgebenden Ortschaften gemacht hat. Der Marchese d’Azeglio war nicht anwesend. Er lebt jetzt meist auf seiner Villa bei Canero am Lago maggiore, und hat die hiesige Villa seiner Frau, von der er sich getrennt hat, überlassen.

Die Villa des großen Schriftstellers, der zugleich als Staatsmann, Dichter und Künstler sich auszeichnete, ist nur von bescheidenen Verhältnissen, im Vergleiche zu den andern Palästen der Reichen und Großen, welche die Ufer des Sees erfüllen, aber es interessirte mich, die Räume zu sehen, welche der frühere Ministerpräsident selbst mit seiner Hand ausgeschmückt hat. Es sind Illustrationen zu einem seiner beliebtesten historischen Romane „la Sfida di Barletta.“, welche in Freskomalerei die Wände des Salons bedecken, und deren landschaftlicher Theil ein sehr bedeutendes Talent der Naturauffassung verräth. In der That hatte sich der junge Marchese bereits durch langjährige Studien in Rom einen bedeutenden Künstlerruf erworben, von dem mehrere seiner Arbeiten im Louvre zu Paris und im Schlosse zu Turin Zeugniß geben, ehe ihm seine beiden Romandichtungen „Ettore Fieramosca“ und „Nicolo de’ Lapi einen Rang nächst Manzoni erwarben. Als Publicist mit seinen Freunden Gioberti und Balbo wirkend und ihren Ruhm theilend durch seine Schrift „degli ultimi casi di Romagna“ (über die jüngsten Vorfälle in der Romagna) und durch viele andere Werke, wurde er seit 1846 die Seele der Reformen, mit welchen Pius IX., der ihn hoch schätzte und zu sich berief, die italienische Bewegung einleitete. Er vergoß an der Spitze seiner Legion sein Blut bei Vicenza für die Befreiung seines Vaterlandes und ward von Victor Emanuel bei seinem Regierungsantritte an die Spitze des Ministeriums gestellt, eine Stellung, die er nur nach langem Widerstreben annahm. Es ist etwas Antikes in solchen Persönlichkeiten, die den Künstler, Dichter und Schriftsteller mir dem Krieger und Staatsmann vereint aufzeigen; und antik erschien hier in seiner Villa auch die Sinnesart des Mannes, die sich in der allem und jedem Prunk abgewandten Einfachheit seines Wohnsitzes zeigte, dessen Hauptschmuck die herrliche Aussicht ist, die ich ohne Frage als die schönste über den See bezeichne.



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Ein Blick in’s freie Italien.

Tagebuch-Blätter von Adolf Stahr.
Nr. 3.
Jetzige Physiognomie Mailands – Die patriotischen Geheimverbindungen der Lombardei – Aus dem Mailänder Dom – Aus dem Selbstgespräche Pio Nono’s - Das Bild „Friedensschluß von Villafranca“ – Italienisches Urtheil über Louis Napoleon – Turin als „simple“ Stadt - Bei Magenta – Das aufstrebende Turin.
Mailand, im Spätherbst 1861.

Gestern Nachmittags nahmen wir Abschied von den lieben Freunden in Varenna, um über Como nach Mailand zu gehen, wo uns im Albergo Europa, dessen Inhaber ein Verwandter unseres Signor Marcionni, die freundlichste Aufnahme und dasselbe ruhige Zimmer, das wir vor drei Jahren inne gehabt, empfingen.

Es ist kaum zu sagen, wie sich seit jener Zeit die Physiognomie der gewaltigen alten Lombardenstadt verändert hat. Nicht die steinerne der Gebäude und Paläste, wohl aber der geistige Ausdruck. Die Menschen schienen mir anders auszusehen und drein zu schauen als damals. Es war, als sei von ihnen ein Schleier weggenommen. Der in’s Innere gezogene, düstere, feindselige Ausdruck, das Gepräge finstern Hasses, das der dauernde Anblick der ihnen verhaßten Fremdherren ihren Zügen aufgedrückt hatte und das man überall wahrnahm, wenn die österreichischen Patrouillen mit geladenem Gewehre und den aufgesteckten Bajonneten paarweise allstündlich die Straßen der Stadt durchschritten – dieser sinistre, trotzigscheue Ausdruck auf den Gesichtern der Menschen war verschwunden. Sie schienen mir Alle menschlich freier, unbefangener dreinzuschauen, und unser Deutschreden im Kaffeehause und an den öffentlichen Orten zog nicht mehr, wie sonst, verdachtvolle und böswillige Blicke auf uns. Alle Cafés waren mit Offizieren erfüllt; aber es waren nicht mehr schnurrbärtige Ungarn und Kroaten und Deutsche der „Erblande“, die sich in der „verfluchten Stadt“ und in dem „verteufelten Lande“ überaus ungemüthlich, ja geradezu unglücklich fühlten, – sondern Italiener – Sarden und Lombarden, Kinder des eigenen Landes, und sie gingen rauchend und plaudernd Arm in Arm mit jungen Männern in Civilkleidern – ein Anblick, den wir sonst in Mailand niemals gehabt hatten. Auf dem Hofe der Brera stand die riesige Statue des ersten Napoleon’s, die man aus den Kellergewölben, in denen sie fast ein halbes Jahrhundert gelegen, hervorgeholt und in der Mitte der vaterländischen Berühmtheiten aufgestellt hatte; und auch der Bilderschmuck und die Inschrift des gewaltigen marmornen Triumphbogens auf dem Castellplatze hatten allerlei Veränderungen erfahren. Das alte Castell aber sah leer und düster aus, eben so leer und düster wie der ehemalige k. k. Palazzo am Domplatze, vor dem jetzt wohlbeleibte Bürger in der Uniform der Nationalgarde, statt der stattlichen Garden des Vicekönigs, Wache hielten.

Ich ging durch die Säle der Brera-Gallerie, um einige meiner Lieblinge unter den Bildern derselben aufzusuchen. Aber ich hatte doch keine rechte Andacht vor dem Sposalizio Nasael’s und vor den Meisterwerken Luini’s. Meine Seele war zu unruhig, zu sehr in Anspruch genommen von der ungeheuern Wandlung, welche vor sich gegangen, seit ich Mailand zum letzten Male gesehen. Damals, 1858, dachte kein Mensch bei uns an die Möglichkeit solcher Dinge, die in dem kurzen Zeitraume von kaum zwei Jahren zu thatsächlichen Wirklichkeiten geworden sind. Eine Befreiung Italiens von der Fremdherrschaft erschien den meisten als eine Utopie, die Herrschaft des Doppeladlers über die Lombardei und seine Hegemonie und Suprematie in Italien befestigter als jemals. Man lachte über das Wort des kleinen Piemontesenkönigs von dem „Schmerzensschrei Italiens“, der zu ihm dringe und ihn zum Helfen auffordere. Man belächelte die Hartnäckigkeit der Lombarden, die jede Annäherung Oesterreichs verschmähend in ihren Haßempfindungen gegen die Austriachi und in ihren Hoffnungen verharrten. Man glaubte es nicht, daß unter den Augen des österreichischen Regiments und trotz seiner zahllosen wohlbesoldeten Spione entschlossene Männer aus der Jugend der höheren Stände im Geheimen wohlgegliederte patriotische Verbindungen unterhielten, die, sich durch die ganze Lombardei erstreckend, im Cabinete Camillo Cavour’s ausmündeten, der durch sie von allen geheimsten Bewegungen und Maßregeln Oesterreichs in der Lombardei Kenntniß erhielt. F. M. sagte mir, daß kurz vor und während dem Ausbruche des Kriegs ein förmlicher Postdienst zur sichern Ueberbringung mündlicher und schriftlicher Nachrichten mitten durch das österreichische Heer nach Turin hin eingerichtet war, dessen Organisation so geschickt gestaltet war, daß eine Entdeckung geradezu als eine Unmöglichkeit gelten konnte. Die Mitglieder dieser Vereine in Mailand kannten sich unter einander selbst nur in ganz kleinen Gruppen, versammelten sich nie in geschlossenen Räumen, sondern meist unter freiem Himmel auf Jagdpartien und Spaziergängen, am sichersten unter den Kanonen des Castells. Die Häupter schliefen in den letzten Monaten vor Ausbruch des Krieges keine Nacht in ihren Wohnungen, verwahrten nie ein compromittirendes Schriftstück und standen im besten Vernehmen mit jener Classe der Arbeiter, Facchinen und sonstigen Proletarier, welche im Mailänder Jargon mit dem Namen der „Barrabasse“ (i barraba) bezeichnet werden. Daß die Oesterreicher geschlagen werden würden, galt ihnen für absolut sicher, und man trug sich für diesen Fall mit Plänen, die durch Mailand sich zurückziehenden Truppentheile in einem Straßenkampfe zu vernichten – Pläne, deren Ausführung vorzüglich an der Rücksicht auf das Schicksal der Stadt von Seiten der communistisch unterwühlten Proletariermassen scheiterte.

Von der Höhe des Domthurmes überschaute ich die ungeheuere Stadt und die unabsehbare Ebene, in deren Mitte sie sich hinstreckt. Es war zum ersten Male, daß ich diesen wunderbarsten Marmorbau der Welt bestieg; aber Niemand soll versäumen, es zu thun. Denn selbst bei getrübter Aussicht ist es noch überaus lohnend. Nordwestlich über das alte Castell, das Zwing-Mailand der Sforza, hinweg strahlt das Schneegebirge des Simplon und streckt sich weithin im Halbkreise die blaue Pracht der Alpen.

Unter unserm Haupte aber flatterte stolz und freudig im Morgenwinde das dreifarbige Banner des freien Italiens, das auf den Schlachtfeldern im Süden und Osten dieser weiten Ebenen neu errungen ward für den Stolz der alten Lombardenstadt. Im Jahre 1848, in den blutigen Märztagen der Erhebung Mailands, war das Dach des Domes die Stätte, von welcher aus österreichische Jäger, gedeckt hinter den marmornen Pfeilersäulen und statuengeschmückten Nischen, auf die Insurgenten den Tod hinunter schmetterten. Ein einziger Oberjäger rühmte sich später, von hier aus sechsunddreißig Insurgenten, die ihrerseits hinter den Kaminen der benachbarten Häuserdächer hervor ihre Büchsen gegen die Besatzung des Domes richteten, niedergestreckt zu haben! Aber am 20. März wehte dennoch von der Statue des goldenen Engels auf der Spitze des Domthurmes die dreifarbige Fahne der Befreiung. –

Ich habe schon zu Anfang dieser Mittheilungen erwähnt, wie sich selbst ein mir bekannter kunstsinniger Geistlicher über die Nothwendigkeit einer Lösung der römischen Frage zu Gunsten der politischen Einheit Italiens ausdrückte. Noch merkwürdiger aber war mir eine andere Mittheilung über die Haltung des unglücklichen Pio nono. Er sei tief gemüthskrank, hieß es, und leide schwer unter den Verhältnissen. Zuweilen rege sich der italienische Patriot in ihm unter der dreifachen Krone, und man habe ihn im Selbstgespräche aus tiefer Versunkenheit ausrufen hören: Eppure - l’Italia, unita sarebbe una bella cosa![3]

Zwei Tage später.

Heute haben wir fast den ganzen Tag mit unserm Freunde, dem Maler Girolamo Induno, zugebracht, der uns gleich nach seiner Rückkehr von Varenna aufsuchte und uns zu seinem Bruder Domenico führte, in dessen Atelier er interimistisch auch seine Werkstatt aufgeschlagen hat, da das seinige durch einen Umbau verstört war. Die Ereignisse der letzten Jahre haben auch auf die Kunst mächtig eingewirkt. Die Plastik ist überwiegend mit monumentalen Aufgaben beschäftigt, wovon wir, wie unser Freund uns sagte, in Turin, wohin wir morgen zu gehen gedenken, die sprechendsten Belege finden würden. Ebenso hat sich die Malerei Italiens, die, wie die Plastik, hier in Mailand ihren Hauptsitz hat, mit großer Macht auf das Historische gewendet, wovon wir in den Arbeiten der beiden sehr begabten Brüder die Beweise sahen. Leider waren [367] ihre Hauptwerke, sowie die besten Arbeiten anderer mailändischer Künstler, deren Ateliers wir besuchten, gegenwärtig nach Florenz zur Ausstellung gesendet. Doch war noch Manches vorhanden, was unser Interesse lebhaft in Anspruch nahm. Vor allen ein Bild Domenico’s, das schon mehrfach von dem Künstler wiederholt werden mußte. Es heißt „der Friedensschluß von Villafranca.“ Aber es ist keine Staatsaction, sondern ein ergreifendes historisches Genrebild, das den Eindruck darstellt, welchen die soeben eingetroffene Nachricht von dem unerwarteten und für die Italiener so tief schmerzlichen Friedensvertrage auf die in dem Garten einer Osterie versammelten Gäste, Italiener und Franzosen, Bürger und Soldaten, Männer und Frauen allen Alters und aller Stände hervorbringt. Die Ueberraschung und Niedergeschlagenheit, der Schmerz und Zorn, die Wuth und Verzweiflung der Italiener, und die staunende Verwunderung der französischen Soldaten bei dem Lesen der so eben angekommenen Zeitung, der verschiedene Ausdruck in den Physiognomien derer, die bereits Zeit gefunden haben, über die vernommene Kunde zu debattiren, sind in den verschiedenen Gruppen meisterhaft ausgedrückt. Besonders hervortretend aber ist der Gesichtsausdruck eines alten französischen „Troupiers“, der mit zwinkernden Augen einem Italiener tröstend zu sagen scheint, daß darum noch nicht aller Tage Abend, daß „aufgeschoben nicht aufgehoben“, und daß sein empereur ein schlauer Fuchs sei, der die Sachen dennoch schon zu machen wissen werde. Das Bild ist trotz seines genrehaften Charakters von echt historischem Gehalte, denn es ist der treue Ausdruck eines Moments von historischer Bedeutung. Es ist Napoleon übel zu Muthe gewesen, als er ohne seine stolze Verheißung „frei bis zur Adria“ von Villafranca über Mailand zurückkehrte und sein Leben von mehr als einem Orsini bedroht glauben durfte. Aber zum Glück für Italien – der Orsini fand sich nicht, und es ist besser so; besser für die Italiener und vielleicht, ja gewiß auch für unser Vaterland. Denn seit diesem Tage von Villafranca ist der Stern des dritten Napoleon im Niedergänge, und wenn man die Italiener im Vertrauen über ihn reden hört, so ist die Summa immer: „Wir sind ihm dankbar, denn er hat viel für uns gethan – aber wir fürchten ihn noch mehr, als wir ihm dankbar sind, und viele von uns hassen ihn im tiefsten Herzen!“

Die heutige Nummer der neubegründeten Mailänder Zeitung „Il Regno d'Italia“ giebt dieser Empfindung im Hinblick auf die Haltung Napoleon’s.in der Sache des Papstregiments zu Rom einen Ausdruck von solcher Kühnheit, daß man darüber nicht in Zweifel sein kann. Es heißt darin wörtlich: „Die französischen Waffen in Rom, als Schutz des bourbonischen Räuberthums, entehren Frankreich. Sie beflecken das Banner der ersten Nation der Welt. Sie nehmen Napoleon dem Dritten jede Popularität in Italien, sie. setzen ihn in Widerspruch mit sich selbst, sie machen ihn zum „Diener zweier Herren“, sie zwingen ihn zwei entgegengesetzte Wege zu wandeln, sie machen ihn zur Beute einer Partei, vor der Throne, Könige und Kaiser verschwinden müssen. Die Welt weiß, daß und wie dankbar wir Frankreich sind, aber die Dankbarkeit hat ihre Grenzen, und sie hört auf Tugend zu sein, wenn man darüber sein Recht und seine Würde vergessen soll. Möge Napoleon sich erinnern, daß er in Italien glänzende Triumphe erlebte und eine durch ganz Europa gehende Popularität erwarb. Will er, daß Italien das Grab solchen Ruhmes und solcher Popularität werde? Rom gehört uns! Fort mit den Franzosen! Fort mit dem Bourbon! und fort endlich auch mit dem Papste!“ – Man sieht, das ist eine entschlossene Sprache; und sie findet ihren Wiederhall in tausend und aber tausend italienischen Herzen.

Turin, zwei Tage später.

Warum ich nach Turin gegangen bin? Ich wollte die Hauptstadt, die provisorische, versteht sich, des neuen Königreiches Italien kennen lernen; die Stadt sehen, in welcher ein Cavour und ein Victor Emanuel, der kühnste Staatsmann und der tapferste König unserer Zeit, den größten politischen Gedanken des Jahrhunderts geplant haben, und in welcher sich vorläufig das Leben des neuen Reiches zusammendrängt; die Hauptstadt endlich desjenigen Theils von Italien, der den gediegenen Kern des italienischen Lebens, den Grundstein seiner Gegenwart und seiner Zukunft bildet. Es waren nicht Turins Kunstschätze, die mich lockten, denn sie sind minder bedeutend als selbst die von Mailand; nicht die „ägyptischen Alterthümer“, die sein Museum bewahrt, denn wie wenig interessirt mich hier die Geschichte des alten Reichs der einbalsamirten Pharaonen gegenüber dem vollen Leben der lebendigsten Gegenwart! auch nicht seine Architektur und seine Umgebungen, obgleich die erstere durchaus nicht das übliche Prädicat der „Langweiligkeit“ verdient, und die letzteren in der That zu den landschaftlich schönsten gehören, welche eine europäische Stadt besitzt. Ich wollte sehen, wie sich eine italienische Hauptstadt ausnimmt und benimmt, welche die Aussicht vor sich hat, in allernächster Zeit, wenn das Glück gut ist, von einer Königshauptstadt, die sie seit über anderthalb Jahrhunderten gewesen, eine simple „Stadt“ Italiens zu werden; und ich kann schon jetzt meinen Landsleuten sagen, daß das Verhalten Turins und der Turiner bei dieser Aussicht durchaus nichts von jener jämmerlichen Verzagtheit hat, mit welcher die Hauptstädte der Reiche von Flachsensingen und Disteldingen bei uns daheim an die entsetzliche Eventualität denken, daß es ihnen beschieden sein könnte, einmal nicht mehr (wie sich der alte Büsching in seiner deutschen Geographie ausdrückt) „von den Ausflüssen des Hofes zu leben“. Im Gegentheil hantieren und schaffen, bauen und planen diese Turiner mit einer Rüstigkeit und einem freudigen Muthe weiter an ihrer Stadt und ihren Plätzen, an ihren öffentlichen Gebäuden und Gärten, ihren Denkmälern und industriellen Anlagen, als wäre der Satz wirklich eine Wahrheit, daß eine Stadt und ein Gemeinwesen weit mehr auf die eigene Kraft und Rührigkeit, auf ihren eigenen Fleiß und Gemeingeist ihr Gedeihen und ihre Hoffnung zu gründen habe, als darauf, daß sie „der Sitz eines Hofes“ ist.

Der Eisenbahnzug, der uns hierher führte, hielt, ich weiß nicht aus welchem Grunde, fast eine halbe Stunde bei Magenta, und ich hatte also Gelegenheit und Muße, mich auf dieser blutgetränkten Schlachtstätte umzusehen. Nur an dem Thurm der Kirche und an den Mauern eines klosterähnlichen Gebäudes sah ich noch die Spuren, welche der eiserne Hagel des Schlachtgewitters hinterlassen, das sich vor dritthalb Jahren auf dieser fruchtbaren Ebene entladen hatte. Aber sonst auch kein Anzeichen mehr davon, daß hier die Heere der mächtigsten Reiche Europa’s in eiserner Umarmung gerungen hatten, daß diese jetzt im Schmuck der Herbstfrüchte von Oel und Wein prangenden gartengleichen Gefilde das Blut so vieler Tausende getrunken. Wie allgewaltig ist doch der „Balsam der allheilenden Natur“! Das kleine Städtchen lag so friedlich da in dem milden Herbstsonnenscheine! Die Menschen waren so heiter und unbekümmert, schauten so lustig und behaglich in ihrem Sonntagsstaate. Knaben brachten und boten uns „Andenken“ an die gran battaglia zum Kauf: Stücke von Säbelklingen, messingene österreichische Doppeladler von Czako’s und Patrontaschen, die die Inschrift F. L. J. (Feldmarschall-Lieutenant Jellachich) trugen, Kugeln größeren und kleineren Kalibers. Das war Alles! Ja, diese Menschenwelt kann mehr aushalten, viel mehr als die Generation der Aengsterlinge in Deutschland glaubt, welche die Zeiten von Anno 1806 bis 1815 nur von Hörensagen kennt und nicht weiß, wie schnell sich die furchtbarsten materiellen Verluste in dem Leben der Nationen herstellen, während freilich die Schäden des Geistes, die Wunden, welche eine jesuitische Reaction einem Lande und Volke durch ein auf Verdummung und Corruption gerichtetes tyrannisches Regiment schlägt, zu schwer-heilenden fressenden Krebsschäden werden. Was aber bei dem alleinigen Mammonsdienste, bei dem ausschließlichen Trachten nach den Gütern dieser Welt, welche dem „Motten- und Rostfraße“ unterliegen, herauskommt für ein Volk, das kann man in der allerneuesten Geschichte Nordamerika’s mit rabenschwarzer Schrift geschrieben lesen.

Ich bin noch kaum mehr als vierundzwanzig Stunden in Turin, aber das habe ich bereits heraus, daß dies Turin eine der bestverleumdeten Städte Europa’s ist. Die Regelmäßigkeit ihrer Bauart hat man langweilig gescholten und mit Berlin verglichen. Ich finde weder jenen Vorwurf begründet, noch diesen Vergleich zutreffend. Es ist wahr, Turin entbehrt den Schmuck gewaltiger italienischer Kirchen und Dome; es hat keine Monumente älterer Baukunst, außer etwa der Kathedrale und dem durch moderne Anflickung einer zopfigen Prachtfaçade entstellten Palazzo Madama, der alten Herrscherburg, die, einst mit Wall und Graben, starken Ringmauern und gewaltigen Thürmen stark befestigt, noch im 15. Jahrhundert außerhalb der Stadt lag. Es hat auch keine antiken Reste römischer Zeit, denn was von solchen noch bis zum 16. Jahrhundert vorhanden war, wie z. B. das Amphitheater, ist im Jahre 1536 bei der Einäscherung eines großen Theils der [368] Stadt durch die Franzosen zerstört worden. Turin ist mit einem Worte eine durchaus junge Stadt, die jüngste aller Hauptstädte Italiens. Sie ist wesentlich eine Schöpfung der letzten zweihundert Jahre und ihrer Könige. Die Regelmäßigkeit ihrer Anlage und der sich rechtwinklig schneidenden Straßen, deren Häuserquadrate wie in dem alten Rom „Inseln“ (isole) heißen, unterscheidet sie wesentlich von allen andern großen italienischen Städten, und zwar, was Lustigkeit, Licht und Behaglichkeit anlangt, nicht zu ihrem Nachtheil. Es ist ein heiterer Ernst in dem Charakter dieser Stadt der großen, schnurgeraden, menschenerfüllten Palaststraßen mit den räumigen Portiken zu beiden Seilen, in diesen stattlichen Plätzen und lichten Weitungen mit der Aussicht auf die grüne, mit Landhäusern und Gärten besäete, bis zu anderthalbtausend Fuß Höhe aufsteigende nahe Hügelkette der „Collina di Torino“ und westlich auf die schneebedeckten Gipfel der Alpen; ein Charakter der Tüchtigkeit, der dem Wesen der Piemontesen entspricht. Jung, rührig, aufstrebend, solid und energisch unternehmungslustig, den Blick vorwärts gerichtet, scheint sie hoffnungsvoll der Zukunft entgegen zu schreiten. Schon jetzt zählt Turin gegen 200,000 Einwohner, und wo man hinsieht, wird gezimmert und gebaut, gemauert und gepflastert, erstehen neue Straßen und Plätze fast nach allen Richtungen. Es ist, als hätte man hier seit Jahrzehnten keine Kriegsstörung erlebt und nur an der Vergrößerung und Verschönerung der Stadt zu arbeiten gehabt. Durch diese massenhaften Neubauten erhält das Aussehen der Stadt etwas Unfertiges, Provisorisches, was mit der gegenwärtigen Lage und Beschaffenheit des Reiches, dessen Hauptstadt sie jetzt ist, im Einklänge steht. Dazu ist sie jetzt, eben als provisorische Hauptstadt Italiens, mehr als je von fremden Gästen aus allen Theilen Italiens besucht, wie wir in verschiedenen Gasthöfen zu erfahren Gelegenheit hatten, ehe wir in der Pension suisse, die sich auch durch den Ankauf eines anstoßenden alten Palastes um das Doppelte seit einem Jahre vergrößert hat, ein Unterkommen fanden.

Das Leben und Treiben in der breiten, auf beiden Seiten mit hohen, prachtvollen Portiken besetzten Postraße mit den glänzenden Kaffeehäusern und den hellerleuchteten Luxusmagazinen aller Art hat Abends etwas, was an die Pariser Boulevards erinnert. Sie mündet in mäßiger Senkung niederwärts gehend auf die Piazza Vittorio Emmanuele, die ohne Frage zu den schönsten und großartigsten Plätzen europäischer Städte gehört und ihr abschließendes Point de vue in der jenseit der anstoßenden prächtigen Pobrücke nach dem Muster des römischen Pantheon erbauten Kirche der Gran madre di Dio findet.

In Summa aber gefällt mir die Stadt ausnehmend wohl, vielleicht um so mehr, je weniger ich es erwartet hatte. Es pulsirt in ihr ein kräftiges Leben, und das theilt sich unwillkürlich dem Besucher mit. Daß die Hauptsprache hier das Französische sei, habe ich nicht gefunden; im Gegentheil hörte ich überall italienische Rede. Freilich muß man nicht nach den Gasthöfen und Kellnern urtheilen; denn danach wäre selbst in der Schweiz die französische Sprache die herrschende.




  1. Wie dieser lacht kein Winkel der ganzen Welt mich an.
  2. Man sehe: „Nach fünf Jahren“. Pariser Studien auf der großen allgemeinen Kunstausstellung des Jahres 1855 von Ad. Stahr, Rh. I. S. 114.
  3. Und doch - wäre ein einheitliches Italien ein herrliches Ding!