Ein Kleinod aus deutscher Vergangenheit

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Autor: Friedrich Hofmann
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Titel: Ein Kleinod aus deutscher Vergangenheit
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aus: Die Gartenlaube, Heft 47, S. 748–751
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Ein Kleinod aus deutscher Vergangenheit.

„War denn dieses Thal durch Jahrhunderte verzaubert? Oder ist der Kyffhäuser in diesen verborgenen Winkel versetzt und streckt nun die wiedererstandenen Thürme seiner Kaiserburg auf dem Berge dort zum alten deutschen Himmel empor?“

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Das Topplerschlößchen.

So hat wohl Mancher schon gedacht, den sein Weg zum ersten Mal in den Taubergrund führte und vor dessen Blicken sich dann in der Thalwindung hinter Detwang die alte Berg- und Thürmestadt Rothenburg ob der Tauber erhob. Man glaubt sich einer der großartigsten Fürstenburgen der Ritterzeit zu nähern und täuscht sich zu seiner freudigsten Ueberraschung, denn wir betreten, wenn wir Graben, Wall und Thor, Alles Zeugen einer hohen Vergangenheit, hinter uns haben, eine so, rein und vollkommen mittelalterliche Stadt, wir wandeln in Gauen, denen so gar nichts von neuer Zeit anklebt, in welchen der steinerne Hintergrund des mittelalterlichen Bürgerlebens sich so stattlich darstellt und so gut erhalten hat, daß wir unwillkürlich an den Fenstern die Köpfe unter großen Halskrausen suchen und beim Rathhause nach der Schaarwache spähen, die wir von Rechtswegen dort zu sehen erwarten mit blanken Harnischen und langen Spießen. Wie gern wir auch in das Lob Nürnbergs einstimmen, wenn es alte deutsche Städtepracht zu preisen gilt, so verdient doch diese weit kleinere fränkische Stadt in Bezug auf Reinheit mittelalterlichen Charakters ihrer äußeren und inneren Erscheinung den Vorzug selbst vor der alten Reichszierde des Frankenlandes.

Je unverantwortlicher fast überall und noch bis diesen Tag mit unzähligen Baudenkmalen der deutschen Vorzeit umgegangen worden ist, um so mehr Achtung sind wir dem Geist einer Bürgerschaft schuldig, welcher offenbar seit Jahrhunderten stets die Schonung der Werke der Väter eine Pflicht der Ehre war, denn ohne ein solches Pietätsgefühl würde auch die Art und Weise der Erhaltung des Alten, wie der Rothenburger Mauergürtel sie zeigt, ganz unmöglich gewesen sein.

Wir haben nämlich für die Geschichte des Burgen- und Festungsbaues von den Zeiten der Hohenstaufen bis zum dreißigjährigen Kriege in ganz Deutschland schwerlich noch ein zweites so vollkommen alle Uebergänge bewahrendes Stadt-Muster, wie dieses Rothenburg. Während die ältesten Umfassungsmauern noch aus Kaiser Rudolf’s Tagen herrühren, seit welchen der Umfang der Stadt sich nicht mehr verändert hat, setzte jeder Fortschritt in der Befestigungskunst dem Mauerkrauze neue Blätter an, Thurm um Thurm wuchs, bis endlich vierzig Thürme die Mauer krönten, und als vor dem schweren Geschütz der Städte das Burgen- und Raub-Ritterthum in den Staub sank, prangte auch Rothenburg mit seinen Rundbasteien und vorgeschobenen, durch ihre Stärke den Feindeskugeln trotzenden Mauerfäusten. Und so steht die Stadt, ein Bild der Bürger -Ritterlichkeit, auf ihrem Berge, von welchem sie etwas über dreizehnhundert Fuß hoch auf das zwar liebliche, aber eng gewundene Thal hinab und auf eine mehr als tausendjährige Geschichte zurückblickt.

Schon im sechsten Jahrhundert rühmte sich der Berg einer „Burgstraße“, und auf das Wappen einer Dynastie war zuerst der Name Rothenburg geschrieben: ein Grafengeschlecht saß in der Burg auf dem Felsenrücken, welcher die Stadt überragt. Erst nach dem Aussterben desselben und nachdem von den Hohenstaufenkaisern namentlich Friedrich der Rothbart zu der Einsicht gelangt war, daß nur durch die Macht eines freien Bürgerthums der

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Die Gartenlaube (1868) b 749.jpg

Rothenburg ob der Tauber.

[750] Uebermuth des Reichsfürsten gebändigt werden könne, begann das selbstständige Leben von Rothenburg. Zur gleicher Zeit mit Regensburg, Reutlingen, Speier, Nürnberg und vielen anderen schwäbischen, fränkischen und rheinischen Städten erhob es der Kaiser zur freien Reichsstadt, und die Schlagfertigkeit der Bürger sorgte dafür, daß die Stadt Herrin eines ansehnlichen Gebiets wurde.

Letzterer Umstand allein macht es uns erklärlich, wie diese an sich so kleine Stadt, welche in ihren besten Tagen nie über sechstausend Einwohner zählte, die Mittel erschwingen konnte zu den noch heute bewunderungswürden Kirchen- und Rathhausbauten, die wir außerdem in Deutschland nur in den durch ihre eigene Größe mächtigen, oder in fürstlichen und bischöflichen Sitzen wieder finden. Wie der jetzt so öde Marktplatz von da an nicht selten Enthaltung kaiserlicher Herrlichkeit sah, so erinnern uns noch zwei Baudenkmale an die höchstes Glanzzeit der Stadt und leider auch an den Undank der regierenden Geschlechter: das alte Rathhaus, welches sich hinter den Prachtbau des neuen versteckt, und die thurmartiges kleine Burg, welche wir in besonderer Abbildung (S. 748) beifügen.

Als nämlich gegen das Ende des vierzehnten Jahrhunderts in Südwestdeutschland der große Freiheitskampf der Städte gegen die Fürsten ausbrach, der in den Siegen der Schweizer über Oesterreich – Sempach! – seinen höchsten Triumph feierte, besaß Rothenburg in seinem Bürgermeister Heinrich Toppler einen der tüchtigsten und kühnsten Feldhauptleute, jener Zeit. Er führte den Kampf gegen den umwohnenden Adel und selbst gegen den Bischofs von Würzburg mit solchem Glück, daß er das Stadtgebiet über fast sieben Quadratmeilen mit einhundertdreiundsechszig Dörfern und vierzig Burgen ausdehnte. Auf zwanzig Stunden weit war dieses Gebiet mit Gräben umzogen und mit Thürmen zur Verteidigung versehen, und Toppler herrschte außerhalb der Stadt noch über achtzehntausend Landesunterthanen. So hoch angesehen war der Mann, daß die schwäbischen Städte ihn zu ihrem Feldobersten ernannten, als welchen er dem Herzog Ulrich von Würtemberg die siegreiches Schlacht bei Reutlingen lieferte. Den Raubadel vertilgte er, soweit sein Arm reichte. Die Chronik von damals erzählt, daß „1399 Raban von Ernbebg, Fritz Pfaffenangst und der junge gleißende Wolf“ gefangen, und auf dem Markt zu Rothenburg enthauptet worden. Selbst dem Kaiser bot er Trotz. Wenzel forderte viertausend Gulden von der Stadt und als diese ihm verweigert wurden, schrieb er die seine gemeine Natur gar deutlich kennzeichnenden unkaiserlichen Zeilen zurück: „Buser vngetrewen zu Rotenburg, die dem Reiche ungehorsam seyn. Der Teufel hub an zu scheren ein Saw, vnd Sprach also vil gescheyes und wenig wolle. Rex.“ Später ließ dieser Kaiser sich nicht nur mit eilfhundert Gulden versöhnen, sondern war oftmals des Bürgermeisters Gast, weshalb der Volkswitz das Thurmschlößchen Toppler’s, wo Wenzel seine Tage und Nächte in Faulheit und Schlemmerei verbrachte, den Kaiserstuhl und das Faullenzen „Wenzeln“ nannte, wie es dort noch heute heißt.

Es liegt im menschlichen Wesen, daß ein Mann, der mit dem Befehlswort des Feldherrn so Großes vollbracht, auch in städtischen Angelegenheiten daheim den Commandoton annahm; und wenn wohl auch die Bürger, im Stolz auf die Macht ihrer Stadt, die sie ihm verdankten, von ihrem Bürgermeister eine etwaige hochfahrende Art duldeten, so muß er doch in den Reihen der Patricier um so schärfere Feindschaft gegen sich erregt haben. Seine Rathsgenossen griffen zu dem oft bewährten Mittel, einen gewaltthätig Hochstrebenden zu verderben: sie erklärten die Freiheit durch ihn gefährdet, ja, man beschuldigte ihn sogar, mit dem Burggrafen von Nürnberg um die Herrschaft über Rothenburg gewürfelt zu haben. Offenbar war es aber kein Rechts-, sondern ein Racheact, daß man den Helden so vieler Siege und den Träger des Ruhms und des Glanzes seiner Vaterstadt in einem geheimen Gesängniß des alten Rathhauses lebendige einmauern und verhungern ließ. Das geschah im Jahre 1408.

Die Strafe folgte der Unthat auf dem Fuße, denn nur dieselbe Zeit wurde die Stadt von jenem Nürnberger Burggrafen, Friedrich dem Hohenzoller, gestürmt und erobert. Ihrer Selbstständigkeit gewiß nicht ohne schwere Opfer zurückgegeben, wurde sie in die endlosen Kämpfe der Städte gegen Fürsten und Adel verwickelt, welche unter Kaiser Friedrich dem Dritten das Reich verwüsteten, und nur eine geringe Entschädigung für all’ das Elend war das glänzende Schauspiel, als dieser Kaiser auf dem Markte zu Rothenburg den König Christian von Dänemark mit Holsteins Starmarn und Dithmarsen belehnte und selbst ein türkischer Prinz, Bajazet, zu den Zuschauern dieses Staatsacts gehörte.

Auch der innere Friede Rothenburgs war dahin; die Zwietracht zwischen der Bürgerschaft und den sogenannten Geschlechtern kam“ endlich zum Ausbruch, und ein Wollenweber, Namens Spieß, war es, der im Jahre 1450 sich an die Spitze der Zünfte schwang und die Geschlechter aus der Stadt vertrieb. Und wie im Ausgang des Mittelalters tritt auch an der Pforte der neueren Zeit Rothenburg sofort in den ersten großen Kampf ein: es war einer der Krater der verheerenden Lavaströme des Bauernkriegs.

Wie an vielen anderen Orten, und namentlich in Reichsstädten, hielt auch hier der aristokratische Rath noch an den alten Kirhe fest, während das Volk bereits den „Prädicanten“ lauschte und muthige Priester ihr Gotteshaus der neuen Lehre öffneten. In Rothenburg wurden der Prediger Dr. Johann Deutschlin und ein blinder Barfüßermönch, Hans Schmid, genannt der Fuchs, die ersten Verbreiter der Reformation. Zu ihnen gesellte sich der aus Sachsen vertriebene Bilderstürmer Karlstadt, der zuerst Bürgern und Bauern predigte, daß Luther die neue Lehre, die dem Volke die Freiheit bringen solle, zu einer Fürstensache erniedrige und daß man ohne Luther das Ziel verfolgen müsse, und Henselin, genannt der Pauker, ein Prädicant von Nicklashausen, trat hier mit seinem socialistischen Evangelium auf. An ihrem Feuereifer entzündete sich rasch genug die Flamme, die bald „die hellen Haufen“ ergriff und in einen jammervollen Vernichtungskampf führte. Der „Rothenburger Haufen“ eines Menzinger und Anderer, und die „Rothenburger Landwehr“ werden in der Geschichte dieses Krieges viel genannt, ebenso das „Rothenburger Geschütz“, mit welchem der größte und edelste Held der Bauern, Florian Geyer, noch tapfer focht, nachdem der Sieg der Fürsten bereits bei Königshofen in fürchterlicher Mordschlacht errungen war. „Dem Erzbischof von Trier, dem Pfalzgrafen und den anderen Fürsten dünkte es ergötzlich, gleichwie eine Schweinhatz“ – so erzählt ein zeitgenössischer Geschichtschreiber in pfälzischen Diensten. Mehrere Tausende der dem Gemetzel entronnenen Bauern flohen den Taubergrund hinauf bis Rothenburg. Von einem Wald gedeckt wehrte sich die Mehrzahl bis zum letzten Mann; noch viele Jahre später fand man Massen von Todtengebeinen zwischen Bäumen und Büschen. Die Gefangenen, darunter Menzinger, wurden auf dem Markte zu Rothenburg hingerichtet. Karlstadt, der Miturheber des großen Unheils, hatte sich heimlich in der Stadt zu halten gewußt bis zum Ende des Kriegs; als die Rächer nahten, ließ ein Fräulein ihn des Nachts über die Mauer hinab in’s Freie.

Durch eine Kaisererinnerung geweiht wurde auch das neue Rathhaus. Als Karl der Fünfte den Schmalkaldischen Krieg siegreich beendigt hatte, öffnete Rothenburg ihm gehorsam die Thore. Der hohe Herr litt schwer am Zipperlein und mußte zwölf Tage hier Stand halten. Im ersten Erker sitzend mochte er grimmig genug darein schauen, als er von da die Huldigung der ketzerischen Bürgerschaft entgegennahm. – Und wer sich durch das Klingerthor hinausbegiebt, wo jetzt eine breite Landstraße nach Mergentheim führt, kann sich auch den steilen Weg betrachten, auf welchem Karl’s des Fünften Nachfolger, Kaiser Ferdinand der Erste, einst mit seinem stattlichen Gefolge zu Thal geritten ist.

Wenn zu irgend einer Zeit, so war während des dreißigjährigen Krieges der Zinnengürtel Rothenburgs gefährlichster Schmuck: er zog Freund und Feind an, um dort Schutz oder Kampf, Hülfe oder Beute zu suchen. Kaiserliche und Schweden berannten häufig und erstürmten mehrmals die Stadt; am tapfersten vertheidigle sie sich gegen Tilly, „den alten Teufel“, wie Gustav Adolf ihn nannte. Dreißig Stunden ohne einen Ausblick der Ruhe kämpften die Bürger und die geringe schwedische Besatzung auf den Wällen, so daß nach der Uebergabe nur wenige der Männer sich noch aufrecht halten konnten. Jedermann sah für die Stadt Magdeburg’s Schicksal entgegen. Da warfen die schwangeren Frauen sich Tilly zu Füßen, und umfaßten die Hufe seines Rosses, und er ließ Gnade ergehen, indem er den Seinen zuherrschte: „Laßt die Hunde leben!

Die Chronik fügt ein freundlicheres Bild hinzu. Nach ihrem Berichte hatte Tilly sämmtliche Rathsherren zum Tode verurtheilt und dem Bürgermeister Bezold geboten, in eigener Person den [751] Scharfrichter herbeizuholen. Während aber letzterer sich hartnäckig weigerte, dem Bürgermeister zu folgen, benutzten die Verurtheilten klug die dadurch gewonnene Frist. Sie credenzten dem Sieger den großen Rathspocal mit ihrem Besten, und diese Aufmerksamkeit soll Tilly so menschlich gestimmt haben, daß er Allen Begnadigung verhieß, wenn Einer unter ihnen den Pocal auf einmal zu leeren vermöge. Der Altbürgermeister Nusch war der Mann, welcher sich den gewaltigen Trunk zutraute, er setzte das Gefäß tapfer an und trank es mit „Gottes Hülfe“ leer bis zur Nagelprobe. Dieser Pocal wird noch heute aufbewahrt, er hält zwölf Schoppen bairisch gut, aber „es schadete dem Altbürgermeister nichts“, sagt die Chronik. Die Freudenbotschaft traf den Bürgermeister Bezold unterwegs, und die Gasse, wo dies geschah, heißt seitdem bis diesen Tag das Freudengäßchen. Eine leidliche Brandschatzung war Alles, was die Stadt nach dem schweren Schrecken zu tragen hatte. – Nahe am Ende des Krieges, 1645, eroberten auch noch die Franzosen den nach all den Drangsalen endlich arm und hinfällig gewordenen „festen Platz“.

Wie das gesammte Volksthum in Deutschland lag insbesondere das reichsstädtische Leben nach jenem Kriege eines ganzen Menschenalters zum Erbarmen darnieder und sank immer tiefer in eine für uns kaum noch faßbare politische Erbärmlichkeit. Rothenburg machte davon keine Ausnahme, und die Grade seines Sinkens bezeichnen zwei kriegerische Vorfälle: im spanischen Erbfolgekriege wurde es sogar von der Reichsarmee erobert, und im siebenjährigen Krieg genügte die Keckheit eines preußischen Husarencornets, um an der Spitze von fünfundzwanzig Mann und einem Trompeter und mit dem alleinigen Aufwand einiger Pistolenschüsse dieser alten Heldenstadt eine Brandschatzung von vierzigtausend Gulden abzuängstigen! – Dennoch dürfen wir nicht verschweigen, daß diese Versunkenheit weniger in den bürgerlichen und unteren Volks schichten, als in den oberen Kreisen und den aus ihnen hervor- gegangenen Behörden grassirte; auch dafür lieferte Rothenburg noch im letzten Jahre des vorigen Jahrhunderts den Beweis. Als des französischen Generals Moreau flinke Schaaren damals über den Oberrhein brachen, von Sieg zu Sieg zogen und selbst das unbezwingliche Hohenwiel von seinem Commandanten ohne Schuß übergeben wurde, erschien auch vor Rothenburg ein französisches Streifcorps. Schon war der Rath abermals bereit zu capituliren und Brandschatzung zu bezahlen, als die Bürger sich mannhaft dazwischen legten und den Feind mit Mistgabeln von den Thoren verjagten.

Wenige Jahre später und noch vor dem Untergange des alten deutschen Reichs ging Rothenburg’s Selbstständigkeit unter, Stadt und Gebiet wurden 1808 Baiern einverleiht. Seitdem verscholl ihr einst so ehrenvoller Ruf, sie ging auch in der Bevölkerung mehr zurück als vorwärts, und da keine Eisenbahn sie in ihrem Tauberthal aufsuchte, so war es nicht zu verwundern, daß die norddeutschen Soldaten, welchen der Donner der Kanonen von den Gefechten des Jahres 1866 an der Tauberlinie voraus ging, dort das herrlichste Stuck deutschen Mittelalters für alle deutschen Alterthumsfreunde und Jünger der architektonischen Kunst gleichsam neu entdeckten. Bereits hat ihre Wallfahrt dorthin begonnen, und wir können nur wünschen, daß dieselbe sich fort und fort mehre, daß aber auch die Bewohner von Rothenburg den Schatz ihrer alten Bauwerke als ein deutsches Kleinod vor jedem Eingriff der Zerstörungs- und Modernisirungssucht hüten mögen. Die Befestigungs- und Prachtbauwerke Rothenburg’s verdienten unter nationalen Schutz gestellt zu werden.

Um unseren Abbildungen einige Bemerkungen beizufügen, kehren wir noch einmal in die Stadt zurück. Dem Wink der beiden höchsten Thürme folgend gelangen wir zur St. Jacobskirche, einem Prachtbau im reinsten gothischen Style. Die Entstehungszeit desselben fällt in die Jahre von 1373 bis 1443. Im Innern wird der Kunstfreund ganz besonders auf die meisterhaften Holzschnitzereien, die Glasmalereien und die Gemälde von Dürer, Wohlgemuth und Herrlein aufmerksam gemacht. Diese Kirche ist neuerdings durch Heideloff in allen beschädigt gewesenen Theilen wiederhergestellt worden. Auch die St. Wolfgangskirche und die zu St. Johann bieten Sehenswerthes. Ehedem besaß die Stadt zehn Kirchen; davon sind jedoch nur sieben, fünf für den protestantischen und zwei für den katholischen Gottesdienst, erhalten. Von den weltlichen Gebäuden zeichnet das neue Rathhaus sich durch Reichthum und Geschmack der Architektonik aus. Bürgerwohnungen, die durch ihren reinen mittelalterlichen Charakter den Blick des Sachverständigen fesseln, bietet jede Straße und jedes Gässchen. Auch der hundert Fuß hohe Wasserthurm ist der Beachtung werth; ein Mönch legte im fünfzehnten Jahrhundert die Wasserkunst an, die durch Druckwerke aus der Tauber verschiedene Brunnen die Stadt speist.

Rothenburg gehört zu den Orten unseres Vaterlands, die schwer darunter leiden, daß sie vom großen Weltverkehr ausgeschlossen sind. Die etwa fünftausend Bewohner der Stadt sind aus örtlichen Erwerb angewiesen, während ihnen Capital und Kunst- und Gewerbfleiß genug zu Gebote steht, um eine höhere Industriestufe einzunehmen und den alten rührigen Kampfgeist auf lohnenderem Felde zu bewähren.

Fr. Hfm.