Ein Ritter vom Zukunftsgeiste

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Autor: Ludwig Storch
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Titel: Ein Ritter vom Zukunftsgeiste
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 11, S. 171–173
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Eduard Baltzer
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[171]
Ein Ritter vom Zukunftsgeiste.


Wer etwa noch an dem alten Wahne festhält, das staatliche, gesellschaftliche und religiöse Entwickelungsleben der heutigen Menschheit seien verschiedene, für sich bestehende, einander wenig berührende Departements des Menschengeistes, so daß der Theolog nur die Religion, der Diplomat nur den Staat, der Jurist und Cameralist nur die Gesellschaft zu fördern habe, der wird sich in den Fortschrittskampf unserer Tage nicht zu finden wissen und über die rüstigen und muthigen Vorkämpfer in demselben unwillig erstaunt den Kopf schütteln. Denn der gewaltige Drang nach vollständiger Lebenseinheit, nach Neugestaltung und höherer Entwickelung des ganzen Menschheitslebens lebt und webt in all diesen Rittern vom Geist, wenn auch individuell verschieden, so doch im Allgemeinen auf ziemlich gleiche Weise und ein und dasselbe Ziel anstrebend. Wenn z. B. Schulze-Delitzsch auf dem socialen Gebiet zumeist thätig ist und in der Förderung des Interesses des Arbeiterstandes seine glänzenden Triumphe feiert, so wäre es sehr thöricht, anzunehmen, seine Geistesrichtung beschränke sich auf dieses Gebiet, und er dächte und strebte nun in staatlicher Beziehung anders, als der wahre Staatsmann denkt und strebt, oder in religiöser Beziehung anders, als z. B. Wislicenus und Schenkel, oder in Bezug auf das Naturleben anders, als Moleschott. Es wäre derselbe Irrthum, als wenn man annehmen wollte, ein Augenarzt aus der Gräfe’schen Schule sei nicht im Einklang mit den Fortschritten der neuen rationellen Heilkunde überhaupt. Wie hier das Leben des menschlichen Körpers in seinen einzelnen Theilen durchaus als Ganzes erkannt und behandelt werden muß, ganz ebenso das Leben des menschheitlichen Körpers. Der echte Ritter vom Geist, der im Dienste der Zukunft je nach seiner individuellen Begabung oder nach dem sympathischen Zuge seines Genius sich vorzugsweise der Hebung und Förderung des religiösen Lebens zugewandt hat, wird der analogen Hebung und Förderung aller andern Interessen der Menschheit zugethan sein, wie der moderne Augenarzt dem Fortschritte aller übrigen medicinischen Disciplinen.

Was vermögen die Gespenster alten Wahnes und neuer Halbheit gegen die markige Kraft, gegen die schlagfertige Gewandtheit und den jungen Heldengeist der echten Paladine von der modernen Tafelrunde! Diese, auf dem felsenfesten, unerschütterlichen Boden der Wissenschaft stehend, welchen sie sich selbst auf die Grundvesten der Natur mit kühnem Forschergeist, mit bewundernswerthem Eifer und Fleiß und mit glühender Begeisterung gebaut haben, setzen den Hebel an die Welt des bisherigen Scheins, um diese mit archimedischer Wissenschaftskraft aus den Angeln zu heben und an ihre Stelle die aus der Naturerforschung hervorgegangene, aus dem erleuchteten Menschengeiste geborene und mit dem Feuer hochpoetischer Begeisterung getaufte neue Welt des Seins, der Wahrheit zu stellen. Ist die Zahl dieser Tafelrunde auch noch nicht Legion, sie wächst von Tag zu Tag, und was ihr an Quantität fehlt, ersetzt sie an Qualität, und wir dürfen den Anstrengungen der Don Quixote der alten Weltanschauung gegenüber die erhebende Ueberzeugung aussprechen: sie werden die alte Welt des Wahns überwinden! Sie werden die neue Welt der Wahrheit aufbauen, sie werden den Sieg haben, wie das kleine Häuflein der Apostel, oder richtiger der einzige, geistesstarke Paulus auch die römische Welt besiegte und die christliche an ihrer Stelle aufbaute.

Wenn wir die Häupter der Ritter von dieser Tafelrunde des Geistes, die jetzt auf der Lebensbühne thätig sind, diese echten Naturforscher, hier zusammenzählen wollten, es würde sich eine auch numerisch nicht zu verachtende, die Blüthe des heutigen Geistes repräsentirende Sippe herausstellen. Wir bescheiden uns aber heute, nur einen derselben vorzuführen, der durch Vielseitigkeit, Gewandtheit, Unerschrockenheit, Kampftüchtigkeit, Geistesstärke und Milde in gleich hohem Grade, Gerechtigkeits- und Menschenliebe, Gedankentiefe und Klarheit der Darstellung, Idealismus und poetischen Schwung, so wie in allen Tugenden des modernen Geistritterthums so ausgezeichnet ist, daß wir nicht zu weit zu gehen fürchten, wenn wir ihn als Typus der ganzen Genossenschaft betrachten.

Wir meinen den edlen und wackern Vorkämpfer Eduard Baltzer.

Wir wissen recht gut, welche Vorurtheile uns bei Nennung dieses sehr bekannten Namens in einer großen Anzahl der Leser dieses Blattes entgegentreten, aber wissen ebensogut, wie leicht sie sich dem zerstreuen, der unsern Mann in seinem rechten Lichte zu sehen versteht. Man hat gelesen, daß Baltzer, früher protestantischer Prediger wie G. A. Wislicenus, in ähnlicher Weise wie dieser aus der Kirchengemeinschaft getreten, wie dieser eine freie Gemeinde in Halle, so er eine solche in Nordhausen gegründet hat, deren Sprecher und Vorsteher er heute noch ist, und man denkt sogleich an einen Abklatsch von Zinzendorf, Georg Rapp, Proli und dergleichen und zuckt die Achseln mit mitleidigem Lächeln. Es kann keinen größeren Irrthum geben, als diesen; denn Baltzer ist nichts weniger als ein religiöser Schwärmer und Sectenstifter; er ist gerade das Gegentheil eines solchen, ein klarer, vom Hauch des deutschen Idealismus durchwärmter Denker und wissenschaftlich hochgebildeter, vielseitiger Geistpfleger auf allen Gebieten des Geistes und als solcher selbstverständlich ein Feind und Bekämpfer aller Sectirerei. Seine feinen, aber scharfen und meisterhaft geführten Waffen sind ebenso gegen die katholischen Jesuiten und die protestantischen Mucker, wie gegen die modernen Materialisten und Spiritualisten gerichtet. Er ist ein würdiger Nachfolger Kant’s, der in seinem Buche: „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft (1793)“ , sagt: „Der schwärmerische Religionswahn ist der moralische Tod der Vernunft, ohne die doch gar keine Religion, als welche, wie alle Moralität überhaupt, auf Grundsätze gegründet werden muß, stattfinden kann.“ Aber Baltzer ist dabei praktischer Philosoph; ihm genügen die gefundenen Wahrheiten der Vernunftschlüsse nicht; er will, ein moderner Pygmalion, die Schönheit der Idee zur concreten Erscheinung beleben; er will die mangelhaften Formen der Gesellschaft mit der Idee befruchten, damit sie sich in edle und menschheitbeglückende verwandeln; er will alle abgestorbenen und unfruchtbaren Aeste und Zweige am „goldenen Lebensbaum“ entfernt wissen, damit den jungen, gesunden Sprossen und Trieben die nöthige Nahrung aus Erde, Sonne, Wolke und Luft nicht länger entzogen werde. All’ sein frisches, schönes Streben geht darauf aus, nicht etwa gottselige, gläubige Erbprinzen des Himmels, sondern glückselige gottbewußte Bewohner der Erde zu bilden, die im Genuß der holden Spenden ihrer Mutter, wie in dem der sie erfüllenden und tragenden Idee, in deren mannigfacher Ausstrahlung in Wissenschaft, Kunst, Poesie, Lebensschönheit die höchste Befriedigung finden, die dem Sterblichen vergönnt ist. Somit ist Baltzer Reformator in des Wortes höchster, schönster und vielseitigster Bedeutung; denn er will nicht etwa Katholiken, Protestanten, Juden zu christlichen Rationalisten machen, nein, er will sie zu Menschen, zu wahren Gottmenschen, umbilden und sie, ein heutiger Prometheus, mit dem Gluthstrahl des höchsten Geistes beleben. Wahrlich, wenn irgend ein Mann unserer Tage die höchsten und reinsten Ziele verfolgt, Menschenglück oder vielmehr Menschheitglück, das aus dem Weltganzen, aus der Materie, wie aus der Idee, in gleicher Weise hervorgehen muß, so ist es Eduard Baltzer. Man lese doch seine trefflichen Abhandlungen und Vorträge in dem Werke: „Alte und neue Weltanschauung. Vier Bde. Nordhausen. Förstemann 1850 ff.“, um sich von der Wahrheit unseres Ausspruches zu überzeugen.

In diesen wie in seinen übrigen Schriften (das Leben Jesu,[1] Allgem. Religionsgeschichte, Erklärung der vier Evangelien, religiöse Jugend- und Volksbildung etc.) zeigt sich uns Baltzer als ebenso gründlicher Philosoph, wie Naturforscher, und aus der Combination Beider geht nothwendig der Reformator hervor.

Das Resultat der Baltzer’schen Folgerungen ist, daß ohne tiefere Begründung und höhere Entwickelung, ohne Verinnerlichung des sittlich-religiösen Selbstbewußtseins der Menschheit keine wahre, segensreiche Verjüngung des staatlichen und gesellschaftlichen Lebens vollzogen werden könne. Nur durch wahre Religion, d. h. echtes Geistesleben, Verkörperung der Idee, kann ein fester Grund zum Aufbau der Zukunftswelt gelegt werden. Aber diese Religion [172] kann weder aus dem veralteten Spiritualismus, noch aus dem modernen Materialismus hervorgehen. Beide führen, so scharfe Gegensätze sie auch sind, in ihrer Consequenz zu demselben Resultat, sie machen den Menschen zum willenlosen Sclaven oder vielmehr zur Marionette einer ihm außerweltlichen Macht, sie machen ihn zum Fatalisten. Die wahre Religion kann nur das Kind der sittlichen Freiheit sein. Diese wird blos durch den freien Willen gewonnen und der freie Wille ist das Product der ernsten, anhaltenden ethischen Arbeit. Nur wer durch die strenge Schule der sittlichen Thätigkeit gegangen ist, hat freien Willen, sittliches Selbstbewußtsein, wahre Religion. Es ist die Hauptaufgabe der zukünftigen Erziehung, das Volk von Jugend auf zur sittlichen Arbeit anzuhalten, alle Individuen ohne Ausnahme daran zu gewöhnen.

Am klarsten und überzeugendsten hat Baltzer diese Ideen, insbesondere die Aufhebung des bisherigen Gegensatzes von Spiritualismus und Materialismus in seine höhere Einheit, ausgeführt in seinem trefflichen Buche: „Die neuen Fatalisten des

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Eduard Baltzer.

Materialismus“, worin er für die sittliche Freiheit des Willens sowohl gegen die junge Schule des Materialismus, als auch gegen die alte der Orthodoxie kämpft. Die praktische Anwendung der gewonnenen, den Menschen durch die Idee der Freiheit adelnden Ueberzeugung hat er in seinem nicht genug zu lobenden Buche: „Von der Arbeit oder die menschliche Arbeit in persönlicher und volkswirthschaftlicher Beziehung. Nordhausen, Förstemann 1864“ in höchst anziehender Weise gegeben. Dieses Buch ist unserer Meinung nach die Blüthe der Gesammt-Geistesthätigkeit Baltzer’s. Hier tritt er gleich bedeutend als Prediger der wahren Religion, als Philosoph und als Volkswirth auf. Dieses Buch bildet den Schlußstein des ganzen philosophisch-religiösen, praktisch-socialen Zukunftsgebäudes, welches Baltzer in seinen übrigen Schriften seit zwanzig Jahren allmählich aufgebaut hat, und wir, können nun das ganze eben so wissenschaftlich streng construirte, wie anmuthig ausgeführte und mit poetischem Schmuck überkleidete Gebäude überschauen.

Im Buche „Von der Arbeit“ liefert Baltzer den schönen Beweis, daß die Durchgeistung d. h. Beglückung des wirklichen praktischen Lebens das letzte und höchste Ziel der Religion sein soll. Freilich eine spiritualistische Religion kann dieses Ziel nicht erreichen, so wenig wie die extremen Richtungen des Materialismus; die Aufgabe kann nur in einem höhern Stadium des Geistes vollständig gelöst werden, in der Religion der Alleinheit, deren würdiger und begeisterter Priester unser Baltzer ist. Man muß das herrliche Buch lesen, um zu der tröstlichen Ueberzeugung zu kommen, daß der Zukunftsbau des gesellschaftlichen Lebens, wenn er allen Betheiligten Glück und Wohlfahrt gewähren soll, nur auf dem festen Grunde dieser freien Religion errichtet werden darf. Von solchem Grunde führt Baltzer als gewandter und genialer Baumeister das ganze Gebäude der Gesellschaft in soliden Formen mit Geschmack und Verständniß auf. Es ist eine ungemein wohlthuende und versöhnende Klarheit in diesem Buche, das man eine Apotheose der Arbeit nennen möchte.

Baltzer’s Religion ist ein über allen Erscheinungsformen des Spiritualismus und seines Gegensatzes, des Materialismus, erhabenes und diese Gegensätze in ihrer höhern Einheit erfassendes Bewußtsein, Ewiges und Endliches versöhnend und verschönend und durchleuchtet, durchwärmt und überglänzt vom Sonnenstrahle der Poesie. Denn das müssen wir endlich noch aussprechen, daß Baltzer seiner innersten Natur nach Dichter ist, aber ein Dichter der wahren Naturerkenntniß, nicht des „holden Scheins“, sondern des wirklichen Seins, mit Einem Worte, ein Dichter, und Weiser der Zukunft, der im Brennpunkt der Poesie alle Lebensstrahlen vereinigt, so die Geistesflamme entzündend, welche die nach uns kommende Menschenwelt erleuchten, befruchten, beleben wird. Und so schließt er sich auf die würdigste Weise seinen großen Lehrern Giordano Bruno, Schleiermacher, Alexander von Humboldt an.[2]

Die Religion der Zukunft, die Baltzer verkündet und zur Grundlage des socialen Aufbaus der Arbeit gemacht wissen will, jene höhere Religion, zu der sich heute schon alle begabten ehrlichen Menschen, auf welcher Stufe der Gesellschaft sie auch stehen mögen, innerlich bekennen, bezeichnen wir am besten mit seinen eignen Worten:

„Die Ahnung des Ewig-Einen in allem Endlichen ist in des Menschen Brust seine – Religion, sein Glaube, vom ersten Erzittern der Furcht und der Wonne bis hinauf zur Weisheit, in der, wie überm Monde, ein ewig heitrer Himmel glänzt. –

„Ob Stoff, ob Geist das A und O aller Dinge sei, dieser unklare Nachhall alten Glaubens, ist dann keine Frage mehr, welche die Geister verwirren und entzweien könnte. Eine Allwesenheit offenbart sich uns dann in Allem. Wir weihen ihr keine Tempel mehr von Menschenhänden gebaut, ihr tönen keine Lippengebete, und mit keinem Opfer erkauft man ihre Gunst, aber sie lebt und webt in seligen Menschenseelen; das All ist ihr Tempel, das Menschenherz ihr Allerheiligstes, und wo zwei oder drei Herzen schlagen in ihrem Namen, da ist sie in ihnen als Gottseligkeit. Die Geister eilen mit Macht diesem Evangelium entgegen.“

Es ist begreiflich, daß ein so vielseitig gebildeter Theolog, welcher der alten Theologie und dem Kirchenglauben überhaupt so entschieden entgegentritt, wie unser Baltzer, von den Vertretern dieser Wissenschaft und dieses Glaubens, hinter welchen heute noch die Staatsgewalt steht, nicht zum freundlichsten angesehen, nicht collegialisch-brüderlich behandelt wurde und daß deshalb sein Leben ein vielbewegtes sein mußte. Die „streitende Kirche“ ist sich zu allen Zeiten gleich geblieben.

Baltzer ist in dem preußischen Dörfchen Hohenleina, nur wenige Stunden nordöstlich von Leipzig, am 24. October 1814 als der jüngste Sohn des dortigen Pfarrers geboren, hat also sein einundfünfzigstes Jahr überschritten. Sein bewegtes, selbst [173] von blutigen Verfolgungen und von herben Schicksalsschlägen durchzogenes Leben zu schildern, würde hier zu weit führen. Genug, daß sein Herz sich durch nichts hat verbittern lassen. Sechs Jahr war er evangelischer Geistlicher in Delitzsch, seit achtzehn Jahren Sprecher der freien Gemeinde in Nordhausen. Er war Mitglied des Frankfurter Vorparlaments, der preußischen Nationalversammlung und in ihr der Verfassungscommission. Sein Verfassungsbüchlein ist in zweiundzwanzigtausend Exemplaren verbreitet. Er ist, wie schon vor achtzehn Jahren, Vorsitzender der Stadtverordneten-Versammlung und als Mitarbeiter der Nordhäuser Zeitung von weitreichendem Einfluß.

Wie Baltzer Alles, was zur Befreiung des Menschengeistes von den Banden des alten Spiritualismus und des jungen Materialismus beiträgt, mit Begeisterung ergreift, so mußte er auch in den Fröbel’schen Kindergärten einen mächtigen Hebel dieser Freiheit erblicken. Sein Wunsch, einen Kindergarten in Nordhausen zu haben, brachte mich mit ihm in Verbindung. Der dort 1851 gegründete Kindergarten gab zu neuen Schmähungen und zum Verbot der Fröbel’schen Kindergärten in Preußen, womit sich das Cultusministerium Raumer kennzeichnete, Veranlassung. Daher kenne ich Baltzer aus persönlichem Umgange.

Seine Persönlichkeit ist keine imponirende, aber eine gewinnende. Aus seinem trefflich modellirten Kopfe, den wir im Bilde mittheilen, namentlich aus seinem seelenvollen Auge spricht die hohe Intelligenz seines geistigen Wesens, und wenn er auf der Tribüne spricht, sprühen ihm Geist und Liebe aus allen Zügen und Bewegungen. Man muß ihn öffentlich sprechen hören und sehen, um die Ueberzeugung zu gewinnen, daß er ein echter Ritter vom Zukunftsgeist, daß er Denker und Dichter, Lehrer, Redner, Staatsmann, Volkswirth, mit Einem Worte, Prophet und Schöpfer der Zukunft nach allen Geistesrichtungen ist.

Mögen die geistige Tiefe und Frische, die ihn kennzeichnen, ihm für seinen glücklichen Familienkreis, wie für das große öffentliche Leben noch lange Jahre treu bleiben, damit er mit ihnen den Siegestag des freien Geistes erleben könne, den heraufführen zu helfen er sich zur Aufgabe seines Lebens gestellt hat!
Ludwig Storch.




  1. Das „Leben Jesu“ von Baltzer ist im Ganzen wie in den einzelnen Theilen ein weit würdigeres und tiefergreifendes Werk, als das Buch von Renan, das so viel Geschrei auch in Deutschland von sich gemacht hat. Man griff in unserm Vaterlande wieder einmal nach der französischen, aufgeputzten Waare, die man in Deutschland weit solider hatte. Baltzer’s Buch ist die schönste und würdigste Verherrlichung des großen Nazareners und steht auch über Schenkel’s neuerem Werke.
  2. Baltzer’s reiche poetische Begabung hat sich besonders in seinen eben so tief gefühlten wie sprachgewandten Liedern im „Gesangbuch der freien Gemeinde zu Nordhausen“, wie in seiner Schrift „Aus dem Evangelium“ (wegen des milden Geistes und der schönen Form vorzüglich Frauen zu empfehlen!), sowie endlich in der Liedersammlung „Aus der Edda“, dargelegt. Diese Bücher enthalten Perlen der Poesie vom höchsten Werth, und Vieles darunter hat daher bereits seinen Componisten gefunden.