Ein Stück preußischer Schande und preußischer Ehre

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Textdaten
<<< >>>
Autor: Friedrich Friedrich
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Ein Stück preußischer Schande und preußischer Ehre. Nr. 1. Die Schande
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 51, S. 809-811
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[809]

Ein Stück preußischer Schande und preußischer Ehre.

Nr. 1.
Die Schande.

Blicken wir in die Vergangenheit zurück, so bleibt uns manche That in derselben unbegreiflich. Wir vermögen wohl die Begeisterung und den Todesmuth zu fassen, mit denen so Mancher sein Leben der Ehre und dem Vaterlande zum Opfer gebracht hat, wir sind im Stande, den kühnen Geistesaufschwung, der so Viele zu edlen und kühnen Thaten bewogen hat, nachzufühlen, vergebens bemühen wir uns indeß, in das Innere so manches Mannes zu blicken, der, sei es aus unbegreifbarer Feigheit oder aus niederer Selbstsucht, Ehre und Pflicht mit Füßen getreten und für immer einen Schandfleck auf seinen Namen gehäuft hat.

Und leider nennt uns die Geschichte Deutschlands neben einer Fülle großer und edler Männer auch so manchen Namen und so manche That, von denen wir uns immer mit innerer Erbitterung abwenden und die dennoch durch nichts auszulöschen und durch nichts zu sühnen sind. Namentlich die Geschichte des für Preußen und damit für ganz Deutschland so unheilvollen Jahres 1806 ist reich daran. Während Blücher nach der Schlacht bei Jena sich mit seiner muthigen Schaar bis Lübeck durchschlug, zweimal auf die Aufforderung zu capituliren entschlossen trotzig erwiderte: „Ich capitulire nie!“ und, als er dennoch endlich, durch die höchste Noth gezwungen, bei Ratkau die Waffen strecken mußte, unter den Vertrag schrieb: „Ich capitulire, weil ich kein Brod und keine Munition habe,“ – ergab sich Hohenlohe ohne Schwertstreich bei Prenzlau mit 10,000 Mann und 1,800 Pferden, welche so leicht zu retten gewesen wären. Während in Kolberg der siebenzigjährige Bürger Nettelbeck einen schlaffen Befehlshaber fast mit Gewalt zur Vertheidigung der Festung zwang, bis Oberst Gneisenau zur Hülfe eintraf; während in Graudenz der General Courbière, als man ihm vorspiegelte, Friedrich Wilhelm sei aus seinem Reiche geflüchtet und Preußen habe aufgehört zu sein, entschlossen erwiderte: „Nun gut, so bin ich in Graudenz König,“ – wurden die Festungen Erfurt, Magdeburg, Küstrin, Spandau, Stettin, Hameln etc. alle ohne einen einzigen Schwertstreich, meist durch die kopflose Feigheit oder die schmachvolle Verrätherei ihrer Commandanten, dem Feinde übergeben. In Hameln steckte Schöler an der Spitze von 10,000 Mann, hinter den starken Wällen der Festung geborgen, bei dem Nahen von 6000 Franzosen die weiße Fahne auf; Stettin mit 5000 Mann wurde durch die Feigheit des Generals von Romberg an 800 Husaren übergeben, so daß Napoleon übermüthig an Mürat schreiben konnte: „Es scheint, als ob man die schwere Cavallerie ganz entbehren kann, da die preußischen Festungen jetzt durch Husaren erobert werden.“ Der feige Oberst von Ingersleben, Commandant von Küstrin, rings durch Moräste gegen jeden Angriff geschützt, mit 2,700 Mann Besatzung und 90 Kanonen auf den Wällen, ritt sogar, als eine einzige französische Division Infanterie sich näherte, dem Feinde entgegen, ihm die Uebergabe anzubieten, und er mußte den Feinden erst Kähne senden, um über den Arm der Oder zu gelangen und von der Stadt Besitz zu nehmen; und der Commandant einer andern Festnng übergab dieselbe um den Preis, daß er seine Küchengeräthschaften mit sich nehmen dürfe.[1]

Von größter Bedeutung war die schmachvolle Uebergabe Magdeburgs, der stärksten und wichtigsten Festung des ganzen preußischen Staates, des Hauptstützpunktes an der Elbe. Und der diese Festung übergab, trug den Namen Kleist. Er war ein siebenzigjähriger Greis, aber das Alter kann eine ehrlose That nicht entschuldigen; hart, schonungslos ist seiner Zeit über ihn geurtheilt worden, weil man die Schuld von all dem Unglück, welches seiner That folgte, ihm aufhäufte; die Geschichte pflegt in solchen Fällen ruhiger zu blicken und milder zu urtheilen – es sind über fünfzig Jahre seitdem entschwunden, und dennoch suchen wir vergebens nach einem Grunde, der die Schmach seiner That mildern könnte. Sie muß heute wie damals gleich schonungslos verdammt werden.

Als nach der Schlacht von Jena die ganze preußische Armee zerrissen, zerstreut und ohne einheitliche Leitung nach verschiedenen Gegenden eilte, suchten die meisten Abtheilungen Magdeburg zu erreichen, um sich dort zu sammeln und wieder zu ordnen, denn in der Brust der meisten Soldaten lebte die feste Hoffnung, daß sie auf’s Neue gegen den Feind geführt und Gelegenheit erhalten würden, den Tag von Jena und Auerstädt wieder auszugleichen.

Der König Friedrich Wilhelm war am 17. October in Magdeburg angelangt, verließ indeß die Stadt schon am folgenden Tage, um bei Tangermünde über die Elbe zu gehen, nachdem er den Generälen in Magdeburg aufgetragen, die versprengten Truppen zu reorganisiren. Ueber 100,000 Mann, mit Einschluß des Trains, sammelten sich an den folgenden Tagen in der Festung. Viele von ihnen blieben ohne Quartier. Die breitesten Straßen waren mit Gepäck- und anderen Wagen dicht verfahren. Es fehlte die Hand, welche Ordnung hätte schaffen können. Selbst die zum größten Theile nach Magdeburg gerettete Kriegscasse wurde nicht einmal bewacht und von unwürdiger Hand geplündert. Die Pferde waren zum Theil in den Kirchen (Johannis-, Katharinen-, Petri- und Jacobikirche) untergebracht. Die Disciplin hatte aufgehört, denn es war nur ein wildes Chaos von Soldaten.

Was Fürst Hohenlohe zu sammeln und zu ordnen vermochte, führte er am 21. October, statt an Vertheidigung zu denken, aus der Stadt über die Elbe. In der Festung blieben noch über 23,000 Mann zurück unter dem Oberbefehl des Generals der Infanterie und Gouverneurs Graf von Kleist. Er war ein siebenzigjähriger Greis, kopf- und herzlos, nur auf eigenes Interesse bedacht und nur zum Gamaschendienst brauchbar. Ihm zur Seite standen der General Graf von Wartensleben, von Ingersleben, von Renouard, von Schack, von Tscheppe, der Commandant der Festung Du Trossel und Andere. Auf den Wällen standen mehr denn 800 Kanonen, Munition war in reichster Menge vorhanden, und die Stadt war für ein Jahr verproviantirt.

War durch Hohenlohe’s Abzug mit den gesammelten Regimentern auch nur ein Gemisch der verschiedensten Montirungen zurückgeblieben, befanden sich auch nur 400 Mann Cavallerie in der Stadt, welche einen Ausfall ziemlich unausführbar machten: so waren die Truppen doch leicht zu ordnen und reichten vollständig zur Vertheidigung der Festung, deren Werke und Wälle sich im besten Zustande befanden, aus. Freilich war der Gouverneur von Kleist nicht der Mann dazu, da er schon bei dem Gedanken an eine Belagerung erbitterte, obschon er wissen mußte und auch wußte, daß das französische Heer auf eine Belagerung nicht vorbereitet war, da ihm jegliches Belagerungsgeschütz fehlte.

Auf Napoleon’s Befehl war mit der Einschließung Magdeburgs so lange gezögert, bis sich sämmtliche in der Umgegend zerstreute Truppen des preußischen Heeres in der Stadt versammelt hatten, um mit einem Schlage so viele Gefangene als möglich zu machen. Ney’s, Soult’s und Davoust’s Corps hatten zu dem Zweck sogar die Gegend in einem Umkreise von funfzehn Meilen durchstreifen müssen, um alle preußischen Soldaten nach Magdeburg zusammen zu treiben.

Die Truppen in der Stadt selbst wurden endlich so weit geordnet, daß sie in vier Brigaden getheilt wurden, welche unter den Generälen von Alvensleben, von Schack, von Tscheppe und von Renouard standen und von denen eine jede ihren bestimmten Alarmplatz hatte.

Bereits am 20. October hatte der Feind auf dem linken Elbufer seine Vorposten um die Stadt her aufgestellt, und von Seiten des Gouverneurs war nichts geschehen, dies zu verhindern, so leicht es auch war. Darauf legte sich Marschall Ney mit seinem 7000 Mann starken Corps vor die Festung, während er selbst in dem drei Stunden entfernten Schönebeck sein Hauptquartier aufschlug. Durch die aufeinander folgenden Siege, durch die schmachvollen Capitulationen Erfurts und Hamelns übermüthig gemacht, schickle Ney den Capitain Regnard als Parlamentair in die Stadt, um dieselbe zur Uebergabe aufzufordern. Kleist empfing ihn in Gegenwart seines Stabes, der Generäle und Commandanten. In [810] seiner kopflosen Angst war schon der Gedanke der Kapitulation in ihm aufgetaucht, dennoch schämte er sich ihn auszusprechen und erklärte: „Ich werde die Stadt nicht eher übergeben, als bis mir das Schnupftuch in der Tasche brennt.“

In der Stadt wurde die Antwort des Gouverneurs bekannt, und Bürger und Soldaten wurden von neuem Muthe beseelt. Sahen die ersteren auch nicht ohne Bangen den Schrecknissen einer ernstlichen Belagerung entgegen, so hatten sie eine Eroberung der Stadt doch nicht zu befürchten, und die Mehrzahl war fest entschlossen, tapfer auszuhalten, zumal der Feind seine eigene Schwäche nicht zu verbergen vermochte. Die Soldaten hofften noch immer das Beste, sie hatten Muth und Lust zum Kampfe, es fehlte ihnen nur an Leitung und Einheit.

Die kostbare Buhne am rothen Horne, welche bestimmt war, den Hauptstrom der Elbe längs der Quaimauer der Stadt hinzuleiten, wurde durchstochen, die schönsten Gärten um die Stadt, auch der zu Kloster Bergen wurden demolirt, die naheliegenden Windmühlen in Brand gesteckt, viele Land- und Gartenhäuser wurden abgebrochen – Kleist ließ Alles ruhig geschehen, auch nicht durch einen einzigen Schuß wurden die Belagerer in ihrem Vorhaben gestört. Von der Magdeburger Kriegs- und Domänen-Kammer wurden drei Räthe als Deputirte zu Ney nach Schönebeck gesandt, um ihn zur Milde zu bewegen, und dieser, über die Furcht vor seinem schwachen Corps lächelnd, zwang sich zum Ernste und drohte, er werde, ein zweiter Tilly, die Stadt mit Sturm einnehmen und das Gradirwerk zu Salza zerstören lassen, wenn sich Magdeburg nicht bald ergebe. Und die Räthe ließen sich einschüchtern, des Gouverneurs Verzagtheit vergrößerte ihre Angst, und die Kammer in Magdeburg zahlte 33,000 Thaler an Ney, damit er seine Drohung nicht verwirkliche.

Napoleon war am 24. October in Berlin eingezogen. Ihm konnte es nicht lieb sein, eine so bedeutende Festung wie Magdeburg mit über 20,000 Mann Besatzung in seinem Rücken zu lassen, es war deshalb an Ney der Befehl ergangen, die Belagerung möglichst zu forciren. Dieser vermochte mit seinen 7000 Mann nichts zu unternehmen, rückte indeß so nahe als möglich an die Stadt heran, und am Abend des 1. November sah man von den Wällen der Festung aus die nahen Elbdörfer Krakau und Prester, von den Franzosen angezündet, in hellen Flammen auflodern, ohne irgend etwas dagegen zu thun.

Die Truppen in der Stadt waren immer besser geordnet, und ohne daß der Gouverneur es befohlen hatte, war von den Befehlshabern die Vorkehrung getroffen, daß ein Drittel der dienstthuenden Garnison, welche sich auf ungefähr 16,000 Mann belief, jede Nacht in den Quartieren angezogen und ausgerüstet blieb, um bei einem etwaigen Ueberfall sofort zur Hand zu sein. Ihre Ruhe wurde nicht gestört, weil Ney die Unmöglichkeit einsah, mit seinen 7000 Mann, welche nur durch zwei Haubitzen unterstützt wurden, gegen die festen Wälle einer Festung anzustürmen, welche von mehr als 800 Feuerschlünden und mehr als 20,000 Mann vertheidigt wurde.

Der Gedanke des Verraths und der Capitulation waren währenddem bei dem greisen Gouverneur immer mächtiger angewachsen. Die Generäle und selbst einige Bürger drängten ihn, energische Maßregeln zur Vertheidigung und gegen das weitere Vordringen des Feindes zu ergreifen. Er bebte davor zurück, weil er dadurch den Feind zu erzürnen fürchtete.

Am späten Abend des 1. November, während die Dörfer Krakau und Prester als Kriegsfackeln leuchteten, verließ ein Officier das Sudenburger Thor. Als der wachthabende Officier ihn anhielt, zeigte er ein Schreiben des Gouverneurs vor und passirte ungehindert. Langsam ritt er auf der nach Schönebeck führenden Straße, bis er in die Nähe der feindlichen Vorposten gelangte und angerufen wurde. Auch hier zeigte er ein Schreiben des Gouverneurs von Magdeburg vor und verlangte zum Marschall Ney geführt zu werden. Seine Forderung wurde erfüllt, sobald die Ablösung des Vorpostens erschien.

Der Morgen war bereits hereingebrochen, als er im Hauptquartier in Schönebeck ankam. Er wurde zu Ney geführt. Dieser empfing ihn kalt, weil er seine Botschaft nicht kannte. Bald klärte sich indeß sein Gesicht auf, als der Officier den Auftrag des Gouverneurs meldete. Kleist erklärte sich bereit, die Festung zu übergeben, verlangte aber Geheimhaltung seiner Absicht und Verzögerung um einige Tage, bis Ney durch einige Scheinangriffe auf die Festung die Capitulation einigermaßen motivirt habe und diese öffentlich abgeschlossen werden könne. Für seine Person verlangte Kleist nach der Uebergabe französischen Schutz, der ihm bereitwillig zugesagt wurde.

In der Stadt hatte Niemand eine Ahnung von dem Verrathe des Gouverneurs, selbst seine nächste Umgebung nicht. Ney ließ die Meldung desselben sofort durch eine Estafette an den Kaiser nach Berlin gelangen, und sowohl in seinem Hauptquartier, wie auch zwei Tage später schon in Braunschweig, sprach man mit Bestimmtheit davon, daß Magdeburg in wenigen Tagen capituliren werde.

Zum zweiten Male sandte Ney, der Verabredung gemäß, einen Parlamentair in die Stadt, um sie zur Uebergabe aufzufordern – der Gouverneur wies die Forderung zurück. Gegen Abend dieses Tages suchte der Feind von der Neustadt her, welche der Major von Hollwede mit dem dritten Bataillon des Regiments von Kleist besetzt hielt, sich der Stadt zu nähern, setzte sich in einem großen, verlassenen massiven Cichoriengebäude fest, wurde indeß durch Hollwede durch einen entschlossenen Angriff sofort wieder daraus vertrieben. Hollwede erhielt am folgenden Morgen den Befehl des Gouverneurs, sich zurück zu ziehen. Hollwede’s entschlossener Sinn paßte nicht zu einem Scheingefechte.

Am Abend des dritten November versuchte der Feind zwischen dem Sudenburger und Ulrichs-Thor in Schußweite Wallaufwürfe zu machen, zog sich indeß nach einigen Schüssen von den Wällen zurück. In der Nacht vom 4. auf den 5. November schlich sich der Feind in der Nähe des Kröckenthores an die Stadt heran und warf einige Granaten in dieselbe, von denen indeß nur drei trafen und nur eine einzige Schaden anrichtete, indem sie in das Wohnzimmer des Regierungsraths Guischard in der braunen Hirschstraße flog und diesen an der Schulter verletzte. Sofort wurde die Lärmtrommel gerührt, und die ganze Stadt gerieth in Unruhe. Die Soldaten versammelten sich auf den Alarmplätzen. Der Gouverneur war erschrocken aus dem Bett gesprungen, er fürchtete, daß der Feind wider die geheime Verabredung einen wirklichen Angriff im Sinne habe. Er versammelte die ersten Generale um sich. Einige derselben verlangten, daß eine Abtheilung Soldaten aus der Stadt gesandt werde, um den Feind zu vertreiben; Kleist war dagegen. Die Ruhe wurde ohnehin nicht weiter gestört.

Wieder kamen am folgenden Tage zwei französische Parlamentäre in die Stadt. Die Unterhandlungen mit ihnen wurden geheim gehalten, und der Hauptmann Le Blanc wurde gegen Abend als preußischer Parlamentair zu Ney gesandt, dessen Stab schon bis Buckau vorgeschoben war.

Schon am 7. November verbreitete sich in der Stadt das Gerücht, daß Kleist wegen Uebergabe mir Ney unterhandle. Bürger und Soldaten waren gleich erbittert darüber. Die Soldaten sammelten sich auf der Straße, zogen drohend vor des Gouverneurs Haus, der sich durch starke Wache geschützt hatte, und drohten, die ganze Stadt anzuzünden. Immer weiter wuchs der Aufruhr. Die Polizei erließ den Befehl, daß jeder Hauswirth auf die Treppen gefüllte Wassereimer setzen solle. Gegen die Soldalen selbst, welche nichts von Uebergabe wissen wollten, welche drohend verlangten, zum Ausfall und Kampfe geführt zu werden, wagte Niemand einzuschreiten. Der Gouverneur befand sich in der verzweifeltsten Stimmung und auf’s Neue sandte er einen Vertrauten an Ney, um die Verhandlung zu beschleunigen.

Am 8. November wurden die Verhandlungen beendet, der Capitain Regnard brachte die ausgefertigten und von französischer Seite von dem Brigadegeneral Du Taillis, dem Adjutant Liger-Belair und ihm selbst unterzeichneten Capitulations-Bedingungen, um sie dem Gouverneur vorzulegen. Regnard las sie vor. Mehrere anwesende Generäle waren dagegen, ihr Muth reichte indeß nicht so weit, daß sie entschieden ihre Pflicht und Ehre vertheidigt hätten – sie gaben nach, und eine Stunde später war die Capitulation abgeschlossen und im Auftrage „Sr. Excellenz des Generals der Infanterie von Kleist, Ritter des königlich preußischen schwarzen und rothen Adlerordens und des kaiserlich russischen heiligen Alexander-Newskyordens, Militärgouverneur der Stadt und Festung Magdeburg“, von dem Generalmajor v. Renouard, dem Oberst und Commandant Du Trossel und dem Hauptmann Le Blanc unterzeichnet.

Preußen verlor in dieser Stunde seine stärkste Festung, ein [811] neuer Schandfleck war in die Blätter der deutschen Geschichte durch die Feigheit und Ehrlosigkeit eines einzelnen Mannes eingegraben, schwere unheilvolle Folgen gingen aus diesem einen Schritte hervor. Die Hauptbedingungen der 18 Artikel der schmachvollen Capitulation waren folgende:

Die Stadt und Festung Magdeburg wird den Truppen des sechsten französischen Armeecorps mit sämmtlichen Geschütz-, Munitions- und anderen Vorräthen übergeben.

Die Garnison marschirt am 11. November Morgens 11 Uhr mit allen kriegerischen Ehrenzeichen vor das Ulrichsthor, streckt das Gewehr, und die Cavallerie giebt die Waffen und die Pferde ab. Die Garnison wird zu Kriegsgefangenen. Die Soldaten werden nach Frankreich geführt, die Officiere können auf ihr Ehrenwort, nicht gegen Frankreich zu dienen, gehen, wohin sie wollen.

Die Soldaten behalten nur ihre Tornister und Mantelsäcke, die Officiere ihre Degen, Bagage und Pferde. Verwundete und Kranke können bis zu ihrer Genesung in Magdeburg bleiben; ebenso die dort verheirateten Officiere etc. Und in einem der acht Nachtragsartikel war noch bemerkt, daß der Commandant Du Trossel im Besitz seiner Amtswohnung bleibe und von jeder Einquartierung und anderen militärischen Lasten befreit bleibe.

Es ist unbegreiflich, wie Männer so feig und schmachvoll handeln konnten. An der Spitze von 19 Generälen, welche zusammen 1300 Jahre zählten, übergab Kleist Preußens stärkste Festung.

Die Feinde jubelten über einen so leichten Sieg. Napoleon erließ am 12. November in Berlin den stolzen Tagesbefehl, daß einem französischen Corps von 7000 Mann mit zwei Haubitzen gegenüber 20 Generäle, 800 Officiere, 20,000 Mann Infanterie, 400 Mann Cavallerie und 2000 Mann Artillerie in Magdeburg die Waffen streckten, und daß den Siegern 51 Fahnen, 8 Standarten, 800 Stück Kanonen, ein Train von Pontons, 1 Million Pfund Schießpulver und beträchtliche Magazine in die Hände fielen.

Als die Soldaten am Abend des 8. November die Capitulation erfuhren, entstand ein neuer Aufruhr unter ihnen, aber auch jetzt hatte keiner der angesehenen Officiere den Muth, sich an ihre Spitze zu stellen. Mit Begeisterung würden sie ihm gefolgt sein. Die ganze Nacht hindurch währte der Aufruhr und die Unruhe auf den Straßen. Am folgenden Morgen wurden sämmtlichen Soldaten die scharfen Patronen abgenommen. Nachmittags zwei Uhr am 10. November besetzte eine Compagnie französischer Grenadiere nach der Uebereinkunft das Ulrichsthor und die Außenwerke desselben.

Um elf Uhr des folgenden Tages rückten die einzelnen Regimenter mit Trommelschlag und klingendem Spiel auf das Glacis vor dem Ulrichsthor. Viele der Soldaten weinten vor Erbitterung und Scham. Es war wohl berechnet von dem Gouverneur gewesen, daß er ihnen die scharfen Patronen hatte abnehmen lassen: in diesem letzten Augenblicke würden sie dieselben angewendet haben, denn die Wuth brach bei Vielen so gewaltig hervor, daß sie Fenster und Laternen auf dem Wege zertrümmerten.

Auf dem Glacis hielt der ehrlose Gouverneur zu Pferde zwischen dem Marschall Ney und General Vandamme. Die Regimenter defilirten an ihnen vorüber und mußten darauf im Angesicht weniger gegenüber aufmarschirter französischer Bataillone das Gewehr strecken. Manche bittere Thräne floß, mancher laute, heftige Fluch über den Gouverneur wurde ausgestoßen. Soldaten und Unterofficiere machten darauf rechtsum – und wurden nach Frankreich transportirt. Die Officiere steckten den Degen ein und kehrten in die Stadt zurück, welche sie noch an demselben Tage verlassen mußten.

Erst jetzt rückte der Marschall Ney in die Stadt, neugierig die Festungswerke zu besichtigen, und er war erstaunt, als er sie sämmtlich im besten Zustande fand. Er nahm in der Domdechanei am Neuen Markte Quartier, und sein erstes Werk war, daß er der Stadt, unter Androhung der Plünderung, 150,000 Thaler abpreßte. Vandamme raubte auf eigene Hand, nahm aus Rechnung der Commun die besten Pferde für sich und plünderte selbst Kaufmannsläden. Der Gouverneur Graf von Kleist verließ am 12. November die Stadt, das Grab seiner Ehre, und reiste nach Berlin, wo er bis zu seinem bald nachher erfolgenden Tode unter französischem Schutze lebte.

Der König von Preußen erließ am 1. December 1806 von Königsberg aus die Verordnung, nach welcher die Commandanten von Magdeburg, General Kleist und Oberstlieutenant Du Trossel, sowie sämmtliche in Magdeburg anwesend gewesene Generäle, welche bei dem versammelten Kriegsrathe für die Uebergabe gestimmt hätten, ohne Abschied zu entlassen seien. Kleist’s Familie faßte sogar den Entschluß, ihren so tief geschändeten Familiennamen aufzugeben – das Alles vermochte eine That nicht zu sühnen, für die es keine Sühne und keine Rechtfertigung giebt! Die Geschichte hat darüber zu Gericht gesessen! –

Textdaten
zum vorherigen Teil
<<< >>>
zum Anfang
Autor: Friedrich Friedrich
Titel: Ein Stück preußischer Schande und preußischer Ehre. Nr. 2. Die Ehre
aus: Die Gartenlaube 1861, Heft 52, S. 828-831
[828]
Nr. 2.
Die Ehre.

Drei Jahre später.

Fast ganz Deutschland seufzte unter dem Drucke des französischen Joches. Am schwersten litten die unglücklichen Unterthanen des neugebildeten Königreichs Westphalen, dessen schamloser Tyrann – Jerôme Bonaparte – ebenso sehr gehaßt wie verachtet wurde. Immer mächtiger wuchs der Groll gegen ihn und gegen die ganze französische Herrschaft an. Jeder Deutsche ballte im Stillen die Faust. Das Joch war unerträglich geworden, hier und dort wurde daran gerüttelt, um es abzuschütteln, das Verlangen nach Freiheit trat immer drängender hervor. Durch das ganze Volk hin wehte dies Verlangen, und einzelne Männer setzten Freiheit und Leben daran, um die Freiheit zu erringen, um das Volk aufzurütteln, die verhaßten Fremdlinge zum Lande hinaus zu jagen.

Jene Unternehmungen sind alle mißglückt, sie bleiben indeß trotzdem gleich ehrenvoll und gleich bedeutsam für die folgenden Jahre, wo der Tag der Freiheit endlich erschien. Mehrere von [829] ihnen standen im Zusammenhange, einige traten einzeln als Zeichen der Zeitstimmung hervor.

Außer einzelnen anderen Unternehmungen hatte Eugen v. Hirschfeld, ein preußischer Husaren-Lieutenant, mit mehreren preußischen Offizieren den kühnen Entschluß gefaßt, der König Jerome selbst in seiner Hauptstadt Cassel auszuheben und dann das Land zu befreien. Im Februar 1809 sollte der Plan ausgeführt werden; Graf Chassot verhinderte es, indem er dem allzu kühnen Hirschfeld zu jener Zeit Stadtarrest in Berlin gab, weil er den rechten Augenblick noch nicht gekommen glaubte. Diesem Plane schloß sich der Major von Dörenberg an, der in Hessen das Landvolk zu einem Handstreiche auf Cassel gewonnen hatte. Ehe dieser dazu kam, wirkte der preußische Hauptmann von Katte in der Altmark, gewann viele alte Officiere und Soldaten für sich, um Magdeburg, zu dessen Thor er schon die Schlüssel besaß, zu nehmen und von dort aus die Bewegung weiter zu pflanzen. Wie dieser Plan endigte, erzählen wir unten ausführlich. Auch Dörenberg’s Handstreich auf Cassel am 21. April mißlang. Sieben Tage später zog Ferdinand v. Schill mit seinem Regimente aus Berlin aus, zu einem gleichen Unternehmen, zur Erhebung des Volkes in Westphalen. Sein Unternehmen schien anfangs vom Glück begünstigt zu sein, tragisch endete es, wie er selbst, am 31. Mai zu Stralsund.

Sein Unglück konnte Männer von edlem, entschlossenem Charakter nicht entmuthigen – es galt der Freiheit des ganzen deutschen Vaterlandes. Zwei preußische Officiere, v. Wersebe und v. Hake, hatten eine Volkserhebung von der Weser bis zum Harze vorbereitet. Anfang Juli gingen sie mit Geld, Gewehren und Munition die Weser hinauf. England hielt noch Geld und Waffen bereit. Am 8. Juli sollte von Emden und Hannover bis auf den Harz Alles gleichzeitig in Flammen stehen. In Hannover, Braunschweig und Hildesheim war Alles bereit – da schickte Graf Münster, der in all die Unternehmungen eingeweiht war, den Gegenbefehl, und das Unternehmen unterblieb.

Gleichzeitig war der Herzog Friedrich Wilhelm von Braunschweig-Oels, der bei Nachod in Böhmen ein kleines Heer gesammelt hatte, um damit nach Westphalen zu ziehen und den Aufstand des Volkes zu unterstützen, aufgebrochen. Bekanntlich mußte er sich tapfer kämpfend durchschlagen, bis es ihm gelang, sich mit seiner muthigen schwarzen Schaar nach England einzuschiffen.

Es ist nicht zu leugnen, daß all diese Unternehmungen daran scheiterten, daß sie zu ungenügend vorbereitet und vereinzelt auftraten. Aber sie zeigten, welche Stimmung herrschte, und diese Stimmung war in der That damals eine allgemeine, es war ein fast fieberhaftes Sehnen nach Freiheit. Unter dem Schutze der höchsten Personen, der Königin Louise, des Grafen Münster, Tauentzien’s, von Grabow’s, Blücher’s, Gneisenau’s u. s. w. hatte sich der sogenannte Tugendbund gebildet. In Preußen war ein gegen das Franzosenthum gerichteter Verein entstanden, dessen Comité in Berlin war. Graf Chassot stand an der Spitze desselben. England, dem viel daran gelegen war, in dem nordwestlichen Deutschland einen Aufstand hervorzurufen oder das Land zum wenigsten in fortwährender Aufregung zu erhalten, stand mir dem Comité in Verbindung und unterstützte es durch Geld. Graf Münster’s treuer Freund, Eduard Nicolas, weilte in England und war der fortwährende Vermittler. Unter dem Schutze jener Personen war auch das von Katte gegen Magdeburg gerichtete Unternehmen entstanden und herangereift, und sie blieben bis zum letzten Augenblicke damit in Verbindung.

Karl Friedrich von Katte, Hauptmann a. D., aus dem Hause Zellchow, nach welchem das ganze gegen Magdeburg gerichtete Unternehmen später genannt wurde, war früher Lieutenant in dem lange Zeit in der Altmark stationirten Regimente Tschammer gewesen. Er war nicht der erste Urheber des Unternehmens. Der Plan war von dem Comité in Berlin, namentlich von Tauentzien, Gneisenau und Blücher ausgegangen. Schon im Herbste 1808 hatte der Lieutenant von Lobenthal von demselben Regimente Tschammer Katte in den Plan eingeweiht, und dieser hatte ihn mit glühender Begeisterung erfaßt. Er wohnte in Stendal (beim Zinngießer Bilang in dem Eckhause der Breiten Straße nach dem Alten Dorfe zu, wo jetzt der Kaufmann Köppen wohnt), war in der Altmark und namentlich mit vielen der alten Soldaten genau bekannt.

Die Bauern in der Altmark sollten nämlich nach dem Plane des Comité’s zu einer Erhebung vorbereitet werden. Durch einen Handstreich wollle man sich der Festung Magdeburg bemächtigen, wo der im Ganzen wenig entschlossene Divisionsgeneral Michaud Gouverneur war und des spanischen Krieges wegen nur eine geringe Besatzung lag, welche zum größten Theile aus früheren preußischen Soldaten bestand. Auf die Festung gestützt, wollte man dann den Aufstand weiter nach dem Harz, nach Hessen und Westphalen verpflanzen, wo mehrere frühere preußische Officiere und eine Anzahl geheimer Agenten thätig waren, von dortigen Patrioten unterstützt, das Volk zu einer Erhebung vorzubereiten und dieselbe zu organisiren. Es betheiligten sich vorzugsweise folgende preußische Officiere, die von Anfang an in den Plan eingeweiht waren, an dem Unternehmen: die beiden Lieutenants Eugen und Moritz von Hirschfeld, beide früher in dem preußischen Husarenregiment von Köhler, der Lieutenant von Tempski, der als Agent unter dem Namen Thilau umherreiste und außerordentlich thätig war, Katte’s Schwager, der Lieutenant Karl Adam von Gagern von dem Regimente Tschammer, der in Gardelegen wohnte (Beider Frauen waren geborene von Alvensleben aus Ziethau, eine Stunde von Gardelegen entfernt), und der Lieutenant von Lobenthal von demselben Regimente.

Katte, ein mittelgroßer Mann, untersetzt und zu Strapazen geeignet, war ein entschlossener Soldat, mit einem lustigen, aber zugleich wilden und oft heftigen Sinne. Seine schwarzbraunen Haare, ein starker Backenbart, ein paar graue, scharf fixirende Augen gaben ihm ein finsteres Aussehen. Schon längere Zeit inactiv, von Haß gegen die Franzosen erfüllt, begrüßte er das Unternehmen mit Freude. Wie seine Cameraden war er entschlossen, Blut und Leben an die Freiheit zu setzen. In der Altmark war er genau bekannt und schon gegen Ende des Jahres 1808 unablässig thätig, dort Verbindungen anzuknüpfen und vertraute, patriotisch gesinnte Männer zu gewinnen. Alle früheren Soldaten kamen ihm mit offenen Armen entgegen, und aus dem Bürger- und Bauernstande konnte er auf manchen kräftigen Arm rechnen.

Ebenso thätig war Tempski, der während der ganzen Zeit unterwegs war, um in jedem Orte Männer zu gewinnen, auf die man sich verlassen konnte und welche im Stillen weiter wirkten. In Stendal, Tangermünde, Gardelegen und in der Umgegend knüpfte er mit Verschiedenen Verbindungen an.

Am meisten nützte dem Unternehmen vielleicht Eugen v. Hirschfeld, dessen tollkühner Plan, den König Jerôme inmitten seiner Hauptstadt auszuheben und nach einem alten Schlosse am Harze zu führen, nicht zur Ausführung gekommen war. Ein kleiner, rüstiger, ewig beweglicher Mann von ungefähr dreißtig Jahren, fiel er schon durch sein entschiedenes tollkühnes Aussehen auf, durch seinen trotzigen Blick und durch den weißen Ueberrock, den er immer trug. Trotzdem bewegte er sich in der kühnsten Weise inmitten von Polizeispionen und Gensd’armen, denen er längst verdächtig war, doch mit größter Gewandtheit stets zu entkommen wußte. Bald war er in Cassel, um mit Wilhelm v. Dörenberg sich zu besprechen, bald in Homburg in Hessen, um von Steins Schwester, der Aebtissin des dortigen Klosters Wallerstein, über die dortigen Verhältnisse unterrichtet zu werden, bald auf dem Harze, dort unter den Bergbewohnern das Feuer zu schüren, bald in Halle, um seine Verbindung mit dem Professor Steffens zum Nutzen des Unternehmens auszubeuten, bald wieder in Berlin, um mit Schill und den Mitgliedern des Comité’s und des geheimen Bundes zu berathen. Dann durchstreifte er die Altmark, um mit verwegenem Muthe sich nach Magdeburg zu begeben und dort unter den Bürgern und der Garnison Vertraute zu erwerben. Er liebte das Rastlose und Abenteuerliche, und selten zu Verkleidungen seine Zuflucht nehmend, trat er überall in seinem weißen Ueberrocke auf und war jedesmal verschwunden, wenn die Polizei ihn zu verhaften kam.

Er kannte die Stärke der westphälischen und französischen Truppen in der ganzen Gegend, wußte um ihre Märsche und Bewegungen und kannte die Eigenschaften ihrer Anführer. In Magdeburg wagte er sich sogar wiederholt in die Restauration und Delicatessenhandlung von Moses Decourt in ter Münzstraße, wo die französischen Officiere viel verkehrten. Er knüpfte mit einigen von ihnen, selbst mit dem General-Commissair der Polizei, Moïsez, Bekanntschaft an und bewegte sich in ihrem Kreise auf das Ungenirteste.

Unterstützt wurde er in Magdeburg durch einen früheren Unterofficier beim Regiment von Knobelsdorf, welchem auch Katte früher angehört hatte, mit Namen Johann Wulff aus Lüderitz, [830] einen verwegenen, gewandten Mann. Sie hatten unter den preußischen Officieren, Soldaten und Bürgern, welche die Wachen mit bezogen, viele Bekannte gewonnen und sie in das Unternehmen eingeweiht. Ungefähr 1000 Mann von der frühern preußischen Besatzung, welche in Magdeburg geblieben waren, mehrere Officiere und eine Anzahl Bürger waren für das Unternehmen gewonnen und harrten des Tages, an welchem der Handstreich auf die Stadt ausgeführt werden sollte. Dazu hatte sich Hirschfeld einen genauen Plan der Festung, die Schlüssel zum Krökenhor, zur Thurmschanze und zu mehreren Ausfallthoren zu verschaffen gewußt. Alle Hoffnung zum Gelingen des Unternehmens war vorhanden, wenn nicht ein unglücklicher Zwischenfall eintrat.

In kaum gehoffter Weise war bis dahin Alles geglückt. Katte hatte gleichfalls viele Anhänger gewonnen, die fest an ihm hielten, denn er verstand es, sich bei Allen beliebt zu machen. Für Waffen war hinreichend gesorgt, auch Pferde waren in ziemlicher Anzahl vorhanden. Nur die Zeit der Ausführung war noch nicht bestimmt. Katte, der Ungeduld seiner Vertrauten und seinem eigenen Verlangen zu viel nachgebend, drängte auf baldige Ausführung, das Comité in Berlin, mit dem er in fortwährender Unterhandlung stand, war für Aufschub, weil die Vorkehrungen zum Volksaufstande im Harz und im Westphälischen noch nicht beendet waren. Da faßten Katte und Hirschfeld den übereilten und tollkühnen Entschluß, allein mit den Vertrauten das Werk zu beginnen. Vielleicht mischte sich der Ehrgeiz, die Ersten gewesen zu sein, welche das Zeichen zu Deutschlands Befreiung gegeben, auch noch hinein. War Magdeburg in ihren Händen, dann mußte auch Schill von Berlin aufbrechen und Dörenberg gegen Cassel vorrücken - dann war das Zeichen gegeben, und der lange zurückgehaltene Haß und Groll von Tausenden – ja von Hunderttausenden – mußte zur hellen Flamme auflodern. Daß der Handstreich mißlingen könne, daran dachte keiner von beiden.

Zugleich hatte Katte sich noch eine andere Unbesonnenheit zu Schulden kommen lassen. Er hatte den Rittmeister Baron v. Gayl, dessen Sohn, Ernst v. Gayl, westphälischer Kammerherr in Cassel war, der selbst am Hofe Jerôme’s eine sehr zweideutige Rolle gespielt hatte und für einen geheimen Sendling Jerôme’s galt, in das Unternehmen eingeweiht, und dieser hatte scheinbar das größte Interesse bewiesen. Mit Eugen v. Hirschfeld war er nach Magdeburg geeilt, um dort Alles vorzubereiten und zur rechten Zeit zu leiten. Dieser Baron von Gayl, ein feiger, heruntergekommener Denunciant, sollte zum Verräther des ganzen Unternehmens werden. Auf seinem Namen ruht eine Schmach und Schuld, die sich nicht ermessen läßt. Denn anders würde es gekommen sein, wäre der Handstreich aus Magdeburg gelungen. Tausende würden Vertrauen und Muth daraus geschöpft haben, und vielleicht wäre schon geschehen, was erst vier schwere, qualvolle Jahre später zur Vollendung kam, vielleicht wäre schon damals das große Befreiungswerk gelungen.

Ende März war herangerückt, und Anfang April wollte auch Wilhelm v. Dörenberg sein Unternehmen auf Cassel ausführen. Katte hatte alle Vorkehrungen zu seinem Handstreiche getroffen. Karl v. Gagern befand sich in Gardelegen, Moritz v. Hirschfeld und Tempski waren bei ihm, der verwegene Eugen v. Hirschfeld war schon in Magdeburg, um dort zur Hand zu sein, mit seinen Vertrauten, den früheren preußischen Bauconducteur Butze, der sehr eifrig an dem Unternehmen Theil genommen, hatte er nach Stendal gesandt, um dort Alles zu seiner Ankunft bereit zu halten. Nach Stendal sandte er auch eine Proklamation, welche Alle zur Theilnahme aufforderte. Diese Proklamation lief indeß schmachvoll ab. Ein in Stendal lebender Puppenspieler, Namens Drabant, war erwählt worden, die Aufforderung zum Zuzuge mit Begleitung seiner Trommel, deren Klang sonst nur bei den Ankündigungen seines Kasperltheaters durch die Straßen tönte, auszurufen. Dies machte die ganze Proklamation lächerlich. Ein Haufen Jungen folgte dem Ausrufer, einer possenhaften Figur, mit lautem Halloh und Gelächter, und der Volkswitz sagte: „der Puppenspieler Drabant habe v. Katte ausgetrommelt!“

Am 1. April hatte v. Katte ungefähr 250 Mann um sich versammelt. Es waren meist frühere Soldaten, dann Leute aus dem niederen und Bauernstande, die letzteren in ihrer gewöhnlichen Kleidung. Ein Theil war mit Gewehren bewaffnet, ein Theil nur mit dem Säbel, andere nur mit einer Pistole oder einer Pike. Fast die Hälfte war indeß beritten, und die Pferde waren schöne Thiere aus der Altmark. Ein muthiger, begeisterter Sinn belebte indeß die kleine Schaar, für welche Katte an jedem Orte einen neuen Zuzug erwartete, namentlich von Gardelegen, Tangermünde und Stendal.

Am 1. April brach Katte mit der Schaar auf, setzte in der Nacht auf den 2. April bei Werben über die Elbe und marschirte auf Stendal los. Hier harrte man jede Stunde auf seine Ankunft. Butze hatte Alles vorbereitet. Obgleich er am Abend des 2. April noch nicht in Stendal eingetroffen und nicht einmal Nachricht von ihm angelangt war, erwartete ihn doch eine Schaar treuer Bürger, welche die Nacht im Roder’schen Brauhause beim Bierkruge hinbrachten und sogar schon den alten Stadtmusikus Henning mit seinen Leuten bestellt hatten, um das Katte’sche Corps mit Musik zu empfangen und in die Stadt einzuführen.

Als die Morgendämmerung anbrach, stürzte Butze zu den Bürgern ins Brauhaus, um ihnen zu verkünden, daß Katte sich nahe. Mit Jubel brachen Alle auf, ihm entgegen. Durch das Viehthor, welches Katte, da es verschlossen war, schnell hatte sprengen lassen, ohne von den wenigen westphälischen Soldaten und Douaniers den geringsten Widerstand zu erfahren, zog er ein. Mit lautem Jubel wurde er empfangen, und das Musikcorps des Stadtmusicus voran, zog er durch die Straßen.

Dieser Empfang mochte Kattes Herz und Muth heben. An reichem Zuzug zweifelte er nicht, nur hinreichend Geld mangelte ihm. Durch Butze hatte er bereits erfahren, daß die Cassen in Stendal nicht leer seien, und ohne Zögern bemächte er sich der städtischen und der Accise-Casse. Er selbst rastete darauf im Rasthofe „Zum schwarzen Adler“, wo er auch frühstückte, während seine Leute von den Bürgern versorgt wurden, von denen mehrere sich ihm anschlossen. Nur kurze Zeit hielt er sich indeß in Stendal auf. Seinen Zweck, Verstärkung an Geld und Leuten, hatte er erreicht, und in Magdeburg erwartete ihn Hirschfeld mit den Vertrauten. Gegen Mittag schon sammelte er sein Corps zum Weitermarsche. Fast dreihundert Mann mochte es zählen. Voran ritt ein alter Husarentrompeter in abgetragener Husarenuniform auf einem Schimmel und gab das Signal mit der Trompete. Mancher lächelte zwar über diese kleine Schaar, die sich eine so große Aufgabe gestellt hatte, sie selbst war indeß von dem besten Muthe beseelt. Nach Wolmirstädt richtete Katte seinen Marsch, und als er in der Nähe des Tangermünder Thores den altmärkischen General-Superintendent Jané, den Oberpfarrer des Stendal’schen Domes, erblickte, ritt er an ihn heran und bat ihn, den Segen des Himmels auf seine kleine tapfere Schaar herabzuflehen. Die westphälischen Cassen aus Stendal mußte der Gastwirth Voßköhler nach Wolmirstädt fahren. Hier langte Katte um 9 Uhr Abends des 3. April an und bemächtigte sich sofort der Gelder der Postcasse, welche nach damaligen Angaben 1000 Friedrichsd’or betrugen.

Ungeduldig harrte er im Wirthhause zu Wolmirstädt auf eine Kunde Hirschfeld’s aus Magdeburg, da stürzte athemlos ein vertrauter Bote herein und meldete ihm, daß in Magdeburg Alles verloren sei; der Rittmeister von Gayl habe das Unternehmen verrathen – Hirschfeld, Wulff und Andere seien sofort verhaftet. Erschreckt fuhr Katte empor. Das Werk, welches er so mühsam vorbereitet hatte, sah er mit einem Male kurz vor dem Gelingen durch schmachvollen Verrath vernichtet. An eine Ausführung desselben war nicht mehr zu denken. Jetzt kam Alles darauf an, sich und die Seinigen zu retten, denn zugleich hatte er die Nachricht erhalten, daß westphälische Truppen gegen ihn ausgesandt seien. Es konnte nur die Flucht retten. Man hat Katte’s Flucht eine übereilte genannt, hat behauptet, daß er den Kopf verloren habe, selbst daß seine Schaar nur aus zusammengelaufenem Gesindel bestanden habe – Augenzeugen bestätigen dagegen unsere Angaben. Mit einer kleiner Schaar setzte Katte über die Elbe und bestand am 5. April bei Burg mit ihm nachsetzenden westphälischen Gensd’armen ein Gefecht. Glücklich daraus entkommen, floh er nach Böhmen zum Herzog von Braunschweig, der dort bei Nachod ein kleines Heer sammelte. Auch traf er hier Eugen von Hirschfeld, dem es, von Gayl’s Verrath frühzeitig unterrichtet, gelungen war, aus Magdeburg zu entfliehen. Damit endete ein Unternehmen, auf welches so hohe und große Hoffnungen gebaut waren.

Die französische Polizei strengte nun alle Kräfte an, um die Theilnehmer an dem Unternehmen zu verhaften, und ihre Rache traf meist Solche, die am wenigsten dazu beigetragen hatten. Schon am 8. April wurde folgender Steckbrief hinter v. Katte erlassen:

[831]

„Bei der am 3. April in Stendal geschehenen Beraubung der königl. Cassen hat sich als Anführer der im nachstelhenden Signalement bezeichnete Karl Friedrich von Katte ausgezeichnet. Da nun derselbe sich der Verhaftung durch die Flucht entzogen, so werden alle Civil- und Militärbehörden ersucht, denselben, wo er sich betreten läßt, arretiren zu lassen und dem Unterschriebenen davon, Behufs dessen Abholung, Nachricht zu geben.
Magdeburg, d. 8. April 1809
Der Präfect des Elbdepartements:
Schulenburg.
Signalement. Karl Friedrich von Katte, ehemals königl. preußischer Hauptmann, von mittlerer, untersetzter Statur, schwarz-braunen Haaren, starkem Backenbart und einer angehenden Platte, grauen Augen, spitzer Nase, gewöhnlichem Mund, rundem Kinn und munterer Gesichtsfarbe, trug bei seinem Abgange aus Stendal einen dunkelblauen mit Perongen besetzten Leibpelz, darunter eine dunkelblaue Uniform mit rothen Aufschlägen und Kragen, eine polnische Mütze mit goldener Quaste, eine lange blaue Ueberhose, woran Stiefeletten mit kleinen weißen Knöpfen, und einen mit Messing beschlagenen Husarensäbel. Er ritt einen schwarzen Engländer mit vier weißen Füßen und Blässe.“

Auch hinter Johann Wulff, der gefangen genommen und seinen Wächtern wieder entsprungen war, wurde ein Steckbrief erlassen. Schlimmer erging es dem armen Stadtmusikus von Stendal, Henning, der Katte mit Musik empfangen. Westphälische Gensd’armen nahmen ihn fest und führten ihn nach Magdeburg, wo er im Gefängniß starb. – Futsch, ein Dammsetzer, und Joseph Manns, der Sohn eines Maurers, Beide aus Stendal, hatten sich dem Katte’schen Corps angeschlossen und wurden in Wolmirstädt verhaftet. Der Erstere wurde nach Magdebnrg geschleppt und dort erschossen; Manns führte man nach Stendal. Auf dem Wege dorthin, im Dorfe Burgstall, gaben einige ihm befreundete Soldaten ihm einen Wink, daß er entfliehen möge. Er verschmähte dies, weil er es für feige und unehrlich hielt. Eine Menge Stendaler begleiteten ihn, als er auf den Schützenwall hinausgeführt wurde, um dort erschossen zu werden. Auch seine Mutter war hinausgeeilt, westphälische Soldaten erfaßten die Weinende und schleppten sie in das Wachthaus des Viehthores. Entschlossen, muthig kniete Manns auf dem Schützenwall nieder. Er nahm seinen runden Hut ab – die Augen wurden ihm verbunden – zwölf Schüsse hallten wieder, und er war eine Leiche. Später haben treue Hände Akazien auf sein Grab gepflanzt und 1835 wurde ein eisernes Kreuz darauf gesetzt mit der Inschrift:


Joseph Manns aus Stendal.
Begeisterungsvoll dem alten Vaterlande treu,
Fiel er durch das Geschoß der fremden Tyrannei.
† den 14. April 1809.
Gewidmet von Vaterlandsfreunden, den 3. August 1835.“

Der Schneidermeister Höfer aus Gardelegen und der Fleischermeister Schüler aus Stendal, welche sich Katte angeschlossen, wurden Beide in Wolmirstädt verhaftet. Sie entflohen indeß und entkamen Beide glücklich. Auch der Tuchmacher Rieck aus Stendal wurde in Wolmirstädt gefangen und in Magdeburg erschossen. Er war früher ein stattlicher Regimentstambour beim Tschammerschen Regimente gewesen, als einer der Ersten hatte er sich deshalb seinem früheren Hauptmann angeschlossen und ihn nach Wolmirstädt begleitet. Als er in Magdeburg auf das Glacis geführt wurde, um dort erschossen zu werden, duldete er nicht, daß ihm die Augen verbunden wurden, trotzig und muthig sah er dem Tode entgegen. Mit dem Rufe: „Schießt zu, Hundsfötter!“ commandirte er selbst zum Schießen. Er sank nieder, aber noch nicht todt; noch einmal richtete er sich empor, und erst eine zweite Gewehrsalve machte seinem Leben ein Ende.

Die westphälischen Spione und Denuncianten feierten goldene Tage. Verschiedene Einwohner aus Stendal, Gardelegen und Wolmirstädt wurden verhaftet, meist insgeheim, und nach Cassel geschleppt. Dort schmachteten sie im Gefängnisse, auf das Schlimmste gefaßt. Man schien sie fast vergessen zu haben. Da hörten sie 1813 plötzlich lebhaftes Gewehrfeuer und Kanonendonner. Eine Kanonenkugel schlug durch das Dach ihres Gefängnisses. Bald darauf wurde ihr Kerker von den Preußen, welche in Cassel eingedrungen waren, geöffnet, und sie waren frei. Unter ihnen befand sich der Assessor Lindenberg und der Justiz-Commissar Zarnack, Beide aus Stendal.

Katte’s Unternehmen ist vielfach verkannt und entstellt worden; die meisten Menschen urtheilen ja nur nach dem Erfolge. Er mag in Verschiedenem gefehlt haben, er mag zu voreilig losgebrochen sein, selbst im letzten Augenblicke zu schnell die Hoffnung aufgegeben und sich von vornherein über die Theilnahme des Volkes getäuscht haben – sein Ziel war ein edles: Tod den verhaßten Unterdrückern, den ewigen Feinden Deutschlands, Freiheit für deutsches Land. Als ein Märtyrer, fast wie ein Heiliger steht er jenen Männern gegenüber, die drei Jahre zuvor ehrlos und pflichtvergessen, feige und fluchwürdig Deutschlands beste Festungen den Franzosen verrathen und übergeben, nur um der Freiheit ihres eigenen erbärmlichen Lebens willen.

Fr. Fr.
  1. Die Commandanten der drei glücklich vertheidigen preußischen Festungen Graudenz, Pillau und Cosel waren Bürgerliche, die Befehlshaber der übrigen, so schändlich preisgegebenen Bollwerke Preußens sämmtlich – Adelige. Wie stolz muß sich die Brust der neucreirten preußischen Krönungs-Barone und Freiherren heben, wenn sie den Staub einer Atmosphäre von sich abschütteln, aus der in Zeiten der Noth so tüchtige Patrioten und unerschrockene Kämpfer hervorgingen!
    D. Red.