Ein Stillleben in der Havel

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Autor: Georg Horn
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Titel: Ein Stillleben in der Havel
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1 und 2, S. 6–9 und 27–29
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Ein Stillleben in der Havel.


Von Georg Horn.


Die Havel ist einer der anmuthigsten deutschen Flüsse. Man darf von einem Gewässer, das die Fluren der viel verleumdeten Mark Brandenburg durchfließt, nicht die pittoresken Ufer des Rheins oder der Donau verlangen, nicht einen Reichthum der Sage, die sich dort um jeden Ort, um jeden Stein schlingt; nein, die Havel ist eine echte Märkerin, frisch, klar und hell wie die Töchter des Landes, das sie durchgleitet, und von starkem Unabhängigkeitsgefühl wie die Einwohner desselben. Sie hat sich nicht in enge Thäler eindämmen, keine Städte und Burgen an ihre Ufer setzen lassen, sie hat überhaupt keine Lust und Anlage zur Romantik, sie macht lustig und keck ihren Lauf durch das flache Land, einen Lauf, der eigentlich eine recht ruhige gelassene Gangart ist. Sie beeilt sich nicht allzu sehr; nur wo es ihr zu behagen scheint, da legt sie sich nach allen Seiten recht breit und bequem aus, da bildet sie tiefe heimliche Buchten, weite Seen, da gefällt sie sich in den wunderlichsten Windungen, Formen und Gestaltungen, voll heitern krausigen Sinnes, voll Lust der Selbstbestimmung, kurz ein echtes Kind der Mark.

Zum Lieblingsorte hat sie sich eine Stelle des Landes erwählt, welche die Menschen mit dem prosaisch klingenden Namen Potsdam bezeichneten; doch das thut nichts, Name ist nur Klang und thut dem Wesen der Schönheit keinen Abbruch, dachte die Havel und hat jenen Fleck Erde wie ein liebes Pathenkind von allem Zusammenhange losgelöst, es mit ihren weiten, vollen, glänzenden Wasserarmen umfangen, um es ganz für sich allein zu haben, um es mit allen Gaben und Reizen der Natur zu beschenken und zu schmücken. Und damit das Lieblingskind nicht allein sei und eine kleinere Gespielin habe, so hat sie in ihrer Nähe noch eine Gefährtin erstehen lassen, die sie ebenso wie die ältere in ihren Armen liebend umschlossen hält und mit nicht weniger lieblichem Reize umgürtet hat, wenn diese auch das Schicksal hat, von den Menschen weniger gesehen und gekannt zu sein, vielleicht darum aber eine um so höhere Anziehungskraft besitzt.

Es ist da manches Interessante zu erzählen von allerlei Menschen, hohen und berühmten, die sich bei derselben wohl und angeheimelt fühlten, von Königen und Königinnen, von Zauberern und Künstlerinnen, von Palmen und Rosen und Mutter Friedrichen. – Soll ich erzählen? Nun wohl denn! Zum Zwecke näherer Bekanntschaft wird es aber nöthig sein, daß wir die Naturphantasie zu Ende führen, uns auf den Boden der wirklichen Welt begeben und unseren Lesern dieses anmuthige Flußeiland vor Allem mit dem Namen nennen, der ihm nach dem Gange der Weltverhältnisse beigelegt worden ist: „die Pfaueninsel.“

Vor zweihundert Jahren war der Pfauenwerder noch kein Lustaufenthalt, wie er es heutzutage ist für die königliche Familie von Preußen sowohl wie für jeden andern Sterblichen, der in der Tasche das nöthige Geld hat, um hinüberzufahren. Damals stand noch kein Schloß da, kein Palmenhaus, keine Meierei, keine Hofgärtnerwohnungen, kein Maschinenhaus; damals war der landschaftliche Blick noch nicht aufgewacht, die geniale Hand noch nicht geschaffen, welche großartige Parks mit weiten saftgrünen Rasenflächen, mit schimmernden duftenden Blumenstücken, mit entzückenden Fernsichten emporzauberte. Damals war der Pfauenwerder noch ein unwohnlicher, unwirthlicher, ganz mit Holz bestandener Ort. Nur an der Stelle, wo sich heutzutage das Schlößchen befindet, war eine sogenannte Garenne errichtet, das heißt, ein Kaninchenhegehaus. [7] Denn die Lust an der Kaninchenjagd hatte sich damals aus Frankreich auch nach Deutschland herüber verbreitet, und so wird denn auch wohl der große Kurfürst zu diesem Zwecke manchmal die Insel benutzt haben.

Mit dem Frühjahre des Jahres 1686 konnten die Schiffer, die mit ihren Kähnen auf der Havel fuhren, mitten aus dem niedrigen Bestande des Hochholzes heraus in geringer Entfernung von einander Mauergiebel und Dächer mit Schornsteinen entstehen sehen, die so hoch waren, wie man sie in der Stadt bisher nie erschaut hatte. Diese Schornsteine waren wieder von eisenblechernen Mänteln in wundersamen Formen überbaut. Bald qualmte Tag und Nacht dichter Rauch aus denselben hervor, und wenn über und um die Insel und um die einsamen, schwarzbewaldeten, eng zusammenrückenden düsteren Ufer sich die Schatten der Nacht lagerten, dann fuhren auch Feuerblitze aus den Essen auf und gaben weithin in dem schwarzen Wasser einen blutrothen Widerschein.

Die Schiffer, diese einfachen Naturmenschen, die von Welt und Dingen nichts als das Wasser der Havel und ihren Herd kannten, auf welchem sie unter dem Strohdache ihre Kartoffeln und Fische brieten, überkam beim Vorüberfahren an der Insel Grauen und Entsetzen, und nicht die wenigsten mögen beim Vorüberfahren ein Vaterunser gebetet haben. Die abenteuerlichsten Gedanken und Vermuthungen bemächtigten sich ihres furchtsamen Sinnes, und oft genug mag der Kurfürst, das kräftige Unterkinn bewegend, in ein volles Lachen ausgebrochen sein, wenn er so hörte, welcher argen Dinge man seinen Geheimen Kammerdiener Kunkel bezieh, denn der vermeinte Zauberer und Schwarzkünstler war kein Anderer als der eben Genannte, ein geborener Holsteiner, seines Zeichens ein Apotheker und früher als Alchymist in Diensten des Kurfürsten Johann Georg des Zweiten von Sachsen. Ursprünglich hatte ihn der Brandenburger Kurfürst denn auch wirklich berufen, an Gold und Goldmacherei seine Kunst zu versuchen; bald aber erkannte der nüchterne, klare, praktische Blick des Brandenburgers, daß ihm der Mann nach ganz anderer Richtung nützlich werden konnte, nämlich für die Industrie seines Landes und auch selbst für die Wissenschaft. Er schenkte ihm ein Haus in Berlin, er stellte ihm mehrere Glashütten zur Verfügung, aber das Haupt-Etablissement erbaute er ihm auf dem sogenannten Pfauenwerder. Aus dem Alchymisten schälte sich ein Erfinder und ein Fabrikant heraus. Kunkel legte sich vornehmlich auf die Bereitung des Krystallinglases. Er erfand neue, prächtige Glasflüsse für Perlen und bei der Erwähnung derselben taucht die Erinnerung an ein großartiges Project der damaligen Zeit auf, an die brandenburg-guineische Compagnie, welche in der Vorahnung der Entwicklung Preußens die Absicht verfolgte, im fernen Afrika Colonien zu errichten. Für diese Compagnie lieferte Kunkel die Glasperlen, gegen welche von den Wilden Elfenbein, Specereien und Ebenholz eingetauscht wurden. Später erfand er auch das Rubinglas, etwas bis damals noch nicht Dagewesenes; die Arbeiten, welche er in diesem Zweige machte, als Pokale, Schalen, Schüsseln, Tassen, Flaschen, von denen sich noch zahlreiche Exemplare auf der Kunstkammer in Berlin befinden, zeigen, was Material, Form und Schliff anbelangt, eine merkwürdige Vollendung.

Nach dem Tode des großen Kurfürsten schnürte Kunkel sein Bündel, um in Schweden wiederum ein glänzendes Unterkommen zu finden; aber lange, vielleicht hundert Jahre noch, schlang sich um die Insel die dunkle Sage, daß dort ein Zauberer sein Wesen getrieben habe und daß es dort Nachts nicht ganz geheuer sei. Alles wurde von der Insel gesagt und geglaubt, was die Gänsehaut auftreibt und leichter aus den Köpfen von alten Pferden, als aus der Phantasie der Menschen hinwegzubringen ist. Gerade ein Jahrhundert lagen die Nebel eines düstern Volksglaubens über dem stillen, einsamen Eilande, um welches nur das Wasser mit gleicher Liebe seine blauen Fluthen schlang; da wurde der Bann gelöst, da gingen über seinen hohen Eichenwipfeln ein paar milde strahlende Sterne auf, in den Augen einer Frau, hoch von Geburt, hoch von Gestalt, von Herz und Geist; diese Augen hafteten mit innigem Wohlgefallen auf dem von allem Drange und Geräusch des Lebens losgelösten kleinen Insellande. „Hier ist Grün, Wasser, Himmel, hier ist Ruhe, Stille, Friede und Glück für unsere junge Ehe, hier ist Alles, was ich außer Deinem Herzen und Deiner Liebe vom Leben ersehne, hier ist gut sein, hier lass’ uns Hütten bauen.“

So mag die damalige Kronprinzessin, die spätere Königin Luise von Preußen, zu ihrem Eheherrn, dem Kronprinzen, nachmaligen König Friedrich Wilhelm III., gesprochen haben. Und nun ertönten durch den dichten Holzbestand die Schläge der Axt; die hohen, hundertjährigen Stämme brachen, von ihren Wurzeln abgelöst, krachend zusammen; es wurde licht nach allen Seiten hin und der feine Natursinn des glücklichen Paares fand mit richtigem Gefühl die Stellen heraus, wo die lieblichsten Durchblicke auf das Wasser und die anliegenden Ufer zu gewinnen waren. Wie aus der Fluth emporgehoben, breiteten sich an den Stellen, wo einst der Hochwald stand, weite, lichte Rasenflächen aus, umschattet von den Wipfeln der alten Bäume, unterbrochen von Blumenbeeten, von Fliederbosquets und hier und da von einer hochragenden Eiche, Rüster oder Buche. Durch und um die ganze Insel wurden Wege angelegt, an besonders schönen Punkten Ruhesitze errichtet und an der östlichen Seite, da, wo die dunkeln Waldufer enger zusammenrücken, wo nur Wasser, Bäume und Himmel sichtbar werden, wo die Färbung der Landschaft düsterer, die Umgebung einsamer wird, wo die wunderbare Naturstille nur durch das Auffliegen eines Geiers aus einem Baumgipfel oder einer Wasserente aus dem Röhricht unterbrochen wird: hier legte die Kronprinzessin Luise eine kleine Meierei an. Wie oft landete der Nachen, der den Kronprinzen mit seinem ganzen Glücke, mit Weib und Kind, trug; wie oft wiederhallte die grüne Einsamkeit ringsum von dem Gejauchze der sich unter den Augen der Eltern tummelnden Kinder! Mit jedem Jahre wurde dieses lauter und voller, denn mit jedem Jahre wuchs die Zahl der Sprößlinge dieses fürstlichen Eheglückes, und schon mochte sich der Fährmann mit der Zeit Gedanken machen, wie er sie Alle hinüberbringen, und daß mit der Zeit doch ein zweiter Nachen nothwendig werden möchte.

Mit jedem Jahre wuchs aber auch die Vorliebe der Eltern für diesen Ort, an welchem sie in ihrem Glücke von Niemandem beobachtet, von keinem Anspruch ihrer hohen Stellung gestört, von allen Fesseln der Etiquette erlöst waren. So entstand das Schlößchen an dem westlichen Ende der Insel, in derselben Gestalt, wie es dem heutzutage von Potsdam Kommenden in seiner Form einer gothischen Ruine, mit seinen beiden runden Thürmen und zwischen diesen mit seiner eisernen Schwibbogenbrücke aus den schlanken hochragenden Bäumen heute noch sichtbar ist. Wie klein, wie einfach, ja wie schmucklos ist dieses Buen-Retiro eines jungen Königspaares! In jetziger Zeit hat es jeder Privatmann von nur mäßigen Vermögensverhältnissen schöner und bequemer. Freilich war es in einer Zeit gebaut, aus der der Sturm der Revolution alle Ueberwucherung von Pracht und Ueppigkeit hinweggefegt hatte, wo das Königthum seines Zusammenhanges mit dem Bürgerthum wieder bewußt werden mußte, und am Ende sollte es auch kein Schloß eines Königs sein, deren standen genug in und um Potsdam, sondern das ländliche Familienhaus eines zärtlich liebenden Gatten. Abwechselnd in Paretz und hier verbrachte das Königspaar die Sommermonde. Hier erblühten diesen für die Einfachheit und Stille des Lebens so harmonisch gestimmten Naturen in der völligen Hingabe an sich und die theuren Pfänder ihrer Herzen die glücklichsten Tage ihres Lebens.

Auch nach dem Tode der Königin blieb Friedrich Wilhelm der Dritte dem Eilande seines Liebesglückes treu; bis zu seinem Tode wohnte er jeden Sommer in dem kleinen Schlosse, auch mit seiner zweiten Gemahlin, der Fürstin von Liegnitz. Nach allen Seiten durchstreifte er die Insel, deren Umfang etwa nur eine Meile beträgt, gewöhnlich mit einem Buche in der Hand; am liebsten richtete er seine Schritte nach dem östlichen Ende: dort, wo die Färbung der ganzen Gegend einen schwermüthigen Charakter annimmt, hatte er dem Andenken seiner geliebten Luise eine offene Halle und in dieser ihre Büste aufrichten lassen.

Trotz seiner Sparsamkeit verwandte er namhafte Summen auf die Verschönerung der Insel. Wohnungen für den Hofgärtner und das Gartenpersonal waren schon früher entstanden; er ließ dort ausländische Thiere hegen, die aber später nach Berlin an den neuentstehenden zoologischen Garten abgegeben wurden. Mit der Berufung Lenné’s und nach dessen ersten großartigen Schöpfungen, der Umgestaltung des neuen Gartens bei Potsdam, reifte in ihm der Plan, auch die Anlagen der Pfaueninsel in einer dem modernen englischen Geschmacke, das heißt dem wiedererwachten, veredelten Naturgefühl, entsprechenden Weise umzugestalten. Er ließ neue Anlagen [8] schaffen, er legte eine großartige Rosenplantage an, er erbaute das große, ganz aus Glas bestehende Palmenhaus, das in seiner Form wie in seinem Inhalte damals etwas ganz Neues und Großartiges war, und nun allerdings fingen wieder aus hochragender Esse schwarze Rauchwolken an über der Insel aufzusteigen; nun aber hatte die Zeit in den Köpfen der Menschen aufgeräumt, daß sie nicht mehr an den Schwarzkünstler und an übernatürliche Dinge dabei dachten, sondern an den Maschinenmeister, Vater Friedrich, der in dem kleinen Hause am Wasser laborirte und die englische Maschine zur Bewässerung der neuen Anlagen überwachte.

Nach dem Tode des Königs vereinsamte die Insel, wenn sie auch nicht verödete. Die Anlagen wurden zwar mit großer Sorgfalt unterhalten, aber einem in so großartigen Schaffungsplänen sich bewegenden Geiste, wie Friedrich Wilhelm dem Vierten, der die Krone als etwas so Erhabenes ansah, daß er sie mit aller Größe und aller Pracht umgeben zu müssen glaubte, wie hätte diesem, wie überhaupt einer modernen Hofhaltung das enge Schlößchen mit seinen nüchternen Formen, mit seiner mißverstandenen Gothik genügen können! Um dies ganz zu begreifen, wollen wir einen Augenblick in dasselbe treten. Im Erdgeschosse: ein Empfangszimmer; ein Gesellschaftssalon, ein Thee- und ein Vortragszimmer; auch eine kleine Wohnung für die Gräfin Voß. Heutzutage würde jede Kammerjungfer die Nase rümpfen, wenn man ihr die Wohnung zumuthete, welche Ihre Excellenz, die Oberhofmeisterin der Königin von Preußen, also die vornehmste Dame des Königreiches, inne hatte. Wie eng, wie beschränkt sind aber auch die anderen Räume, wie einfach, wie bescheiden möblirt; nichts von Gold, Sammet, Damast oder Marmor, die Wände mit Papiertapeten beklebt, die Vorhänge von Pers, die gradbeinigen und gradlehnigen Stühle und Sophas mit schwarzem Roßhaarstoff überzogen; nur die auf dem Kamin aufgestellten Porcellangegenstände deuten an, daß hier Leute wohnen, die es weit schöner und besser haben könnten, denen aber die Einfachheit der Sitte in Herz und Gemüth lag. Stattlicher sieht es schon in den Gemächern über eine Treppe aus. Durch die ganze Länge des Gebäudes geht ein Speisesaal von schönen architektonischen Verhältnissen. Die Boisserie und das Parquet sind Kunstwerke, an den Fenstern steht das alte Spinet, auf dem die Königin Luise gespielt hatte. Rückwärts an den Saal stoßen die Privatgemächer des königlichen Paares; an der Stelle, wo das Lager der Königin gestanden, hängt eine Zeichnung ihres Marmorbildes aus der Grabcapelle von Charlottenburg. In dem Schlafzimmer des Königs steht die eiserne Bettstelle, deren er sich während der Campagne 1813 und 1814 bediente; dabei liegt noch eine Militärmütze und ein Uniformsfrack, Gegenstände, die er während seines Aufenthaltes auf der Insel getragen hatte. Diese Gemächer liegen nach der Parkseite hin, und die Laubwände desselben verhängen die Fenster wie mit dichten grünen Schleiern. Nach der entgegengesetzten Seite stößt an den Speisesaal noch ein kleines Thurmgemach – eine Stätte reicher, wehmüthiger Erinnerungen an jene Frau, die so königlich, und jene Königin, die so weiblich war und deren Leben, Leiden und Sterben man dem deutschen Volke vor die Seele zu führen niemals müde werden sollte. Hier stehen wir auf dem Boden, den ihr Fuß so oft berührt, vor dem Tische, an dem sie täglich gesessen und ihren Gefühlen und Gedanken in Briefen Ausdruck und Flügel gegeben hatte, um fernen geliebten Menschen zu sagen, wie glücklich sie an der Seite des geliebtesten Gatten war, und später, wie ihr Herz durch das Unglück des Vaterlandes gebrochen wurde.

Auf dem Schreibtische der Königin ist Alles in derselben Ordnung erhalten, wie es zu ihren Lebzeiten gewesen war: das Schreibzeug, die Nippes etc. In einer Schublade zeigt man noch die Taschentücher mit einer eingestickten Krone und ihrem Namenszuge, die sie benützt; unter Anderem befindet sich auch ein einfacher Zettel von ihrer Hand, mit den Worten: „Vergessen und Vergeben!!!! den 15. Juni 1804.“ Wir kennen die Geschichte dieses Zettels nicht, aber das ist auch gar nicht nöthig, es ist genug, daß er uns einen Einblick in ein weibliches Herz thun läßt, dessen Lebensathem Milde und Liebe war. Hieher auf diesen Tisch, in dieses Zimmer legte und trug der König Alles, was auf jene Zeit Bezug hatte, was von der Hand seiner Kinder und seiner Enkel kam. In Bezug auf Ersteres finden wir einen kleinen illuminirten Kupferstich von sehr geringem künstlerischen Werthe, die Bedeutung liegt aber in der Ueberschrift: „Toast zum 3. August 1812.“ Das Blatt war dem Könige zu seinem Geburtstage geschenkt worden, und zeigte einen Bauern, einen Landwehrmann und einen Soldaten, die über einem Tische die vollen Gläser anstoßen; auf dem Tische liegt: Die Gesetzsammlung für den preußischen Staat 1812.

Wenn auch das Schloß auf der Pfaueninsel von der königlichen Familie nicht mehr bewohnt wurde, so behielt doch der Ort für die einzelnen Glieder derselben die Weihe einer Heimathstätte und bildete, wenn die auswärtigen Mitglieder, namentlich die russische Kaiserfamilie, zum Besuch anwesend waren, einen Vereinigungspunkt für dieselbe. Das Dampfschiff „Alexandra“, welches in einer Havelbucht am Neuen Garten ankert, führte die Familiengäste nach der Insel hinab und gewöhnlich wurde der Platz vor dem Schlosse gewählt, um die Anstalten zur Bewirthung derselben zu etabliren. Alsdann konnte man dort die heiterste, von jedem Etiquettenzwang und Anspruch befreite Gesellschaft sich bewegen sehen, die auf Spaziergängen durch die Insel oder beim Besuche des Schlosses alten, lieben Erinnerungen nachging; bei Lampenlicht und unter freiem Himmel wurde das Mahl eingenommen und gewöhnlich waren schon die Sterne aufgezogen, wenn das Dampfschiff seinen Weg nach Potsdam zurücknahm. Vor Allen liebte der verstorbene Nicolaus von Rußland die Pfaueninsel. Am 13. Juli 1852 gab ihm sein Schwager König Friedrich Wilhelm IV. hier ein Fest, das, wie alle derartigen Veranstaltungen des Königs durch einen geistigen oder künstlerischen Inhalt ausgezeichnet waren, durch die Mitwirkung einer der genialsten Künstlerinnen dieses Jahrhunderts, durch die französische Tragödin Mademoiselle Rachel, verherrlicht wurde. Der Kaiser Nicolaus hatte die Künstlerin nie spielen sehen; er war zu ihrer Zeit nicht in Paris und die Rachel nicht in Petersburg gewesen; es waren oft Unterhandlungen wegen eines Gastspieles der Künstlerin auf dem dortigen kaiserlichen Theater im Gange, diese hatten aber zu keinem Resultate geführt. Da kam die achtundvierziger Revolution, und dann wollte sie der Kaiser nicht mehr sehen. Die Rachel hatte nämlich damals auf dem Théatre français mit der Tricolore zur Seite die Marseillaise gesungen, und er, den Alles, was nach Revolution roch, mit dem Hasse des Principes erfüllte, hatte in Folge dessen einen tiefen Widerwillen gegen die Künstlerin gefaßt, und so kam es, daß ihr Genie ihm fremd geblieben war. Rußland war ihr natürlich von nun an auch verschlossen – zu ihrem großen Leidwesen; denn ein Gastspiel in Petersburg mit allen kaiserlichen Geschenken und den entsprechenden Juwelen am Benefizabende repräsentirte beiläufig eine Summe von fünfhunderttausend Francs, und für Zahlen, namentlich für so hohe Zahlen, war Mademoiselle Rachel nicht unempfänglich.

Sie war während der Anwesenheit des Kaisers Nicolaus im Sommer 1852 mit ihrer Truppe ebenfalls in Berlin, und hochwillkommen mußte ihr der durch Vermittelung des Vorlesers des Königs, des Hofrathes Schneider, ihr übermittelte Wunsch Friedrich Wilhelm’s IV. sein, auf der Pfaueninsel vor dem königlichen Hof und seinen russischen Gästen einige Scenen von ihren berühmten Rollen vorzutragen. Am Abend des 13. Juli sollte die Vorstellung stattfinden. Hofrath Schneider war beauftragt, die Künstlerin vom Bahnhof in Potsdam abzuholen und nach der Pfaueninsel zu geleiten. Unterwegs fragte sie ihren Begleiter, welche Arrangements er hinsichlich der Scenerie getroffen habe.

„Scenerie?“ wiederholte der Hofrath in staunender Frage. „O ja, doch; der weite Parkgrund und hundertjährige Bäume werden die Coulissen, der blaue Himmel die Soffiten und der grüne Rasen Ihr Podium sein.“

„Wie?“ rief die Rachel entrüstet aus, „ich soll auf keiner Bühne spielen, Phädra soll ihre Todesseufzer auf grünem Rasen aushauchen? Man hält es nicht einmal der Mühe werth, für mich eine Scene zu errichten? Nein, ich werde nicht spielen, mein Herr, niemals!“

Nun war es an dem Hofrath, seine ganze Ueberredungskunst aufzubieten, die Künstlerin von ihrem mit aller dramatischen Energie ausgesprochenen Entschlusse abzubringen. Er machte ihr nach der Oertlichkeit und nach dem Charakter, den ihr Auftreten vor dem Hofe haben sollte, begreiflich, daß das Aufschlagen eines Podiums vollkommen unthunlich sei, daß sie es als eine viel höhere Würdigung ihrer Person betrachten könne, wenn sie gewissermaßen auf einem und demselben gesellschaftlichen Boden mit den Herrschaften [9] stehe, und daß es ein um so größerer Triumph ihrer Kunst sei, wenn sie ohne Lampen und gemalte Leinwand, blos unterstützt von einer herrlichen Naturscenerie, ihre Wirkungen hervorbringe. „Und dann,“ schloß der beredte Vermittler, „dann, Madame, müssen Sie Eins im Auge behalten, daß sich an diesem Abend die Pforten des kaiserlichen Theaters in St. Petersburg vor Ihnen aufthun werden.“ Letzteres war entscheidend.

„Gut,“ sagte die Rachel, „ich werde auf dem Rasen spielen.“

Leicht hob sich bei dieser Erklärung die Brust ihres Begleiters. Der ganze Hof war versammelt und in Erwartung der Künstlerin. Welche Verlegenheit für den König und seinen Beauftragten wäre entstanden, wenn sie auf ihrem Beschlusse beharrt und nicht gespielt hätte! Aber noch waren alle Hindernisse nicht überwunden. Mit einem leisen Schreck wurde Hofrath Schneider gewahr, daß die Künstlerin ganz schwarz, in schwarze Spitzen und schwarze Seide, gekleidet war. Er machte sie darauf aufmerksam, daß es gegen die Hofsitte verstoße, in Zeiten, wo nicht Hoftrauer vorgeschrieben sei, vor den Herrschaften in Schwarz zu erscheinen; wenigstens müßten in das Schwarz einige bunte Variationen angebracht werden, damit die Kleidung den Charakter der Trauer verliere.

„Aber woher nehmen?“ frug die Künstlerin mit verlegner Miene. „Ich habe nichts Anderes bei mir, ich war darauf nicht vorgesehen, ich habe nicht einmal eine Kammerjungfer bei mir.“

Der vielgewandte Vermittler wußte auch hier Rath. Er befahl dem Kutscher, nach dem Schlosse von Glinicke zu fahren, dem Sommersitze der Prinzessin Karl von Preußen. Dort suchte er eine Hofdame auf, der er seine Verlegenheit schilderte und sein Anliegen in der Bitte vortrug, daß man Europas größter Tragödin mit einigen Toilette-Gegenständen aushelfen mochte. Das geschah; Mademoiselle Rachel wurde in das Schloß geholt und mit Hülfe dienstfertiger Kammerfrauen in kurzer Zeit in eine hoffähige Erscheinung umgewandelt. So erschien sie vor den Herrschaften und spielte Scenen aus „Phädra“, den „Horatiern“ und anderen ihrer berühmten Rollen. Kaiser Nicolaus war von der Macht ihres Genius so hingerissen, daß er am Schlusse der Vorstellung aufstand und ihr als Dank und Huldigung die Hand küßte. Zum Andenken an diesen Abend ließ der kunstsinnige König von dem Bildhauer Affinger eine Statuette der Künstlerin in antikem Gewande meißeln und auf einem marmornen Postamente mit Angabe des Tages und der Jahreszahl an dem Orte aufstellen, wo die Musik ihrer Verse zu den grünen Baumkronen aufgerauscht war und wo die Kunst einem von dem Bewußtsein seiner gewaltigen Macht fast zu Marmor gewordenen Charakter diese Huldigung abgerungen hatte.

[27] Bevor wir den eben geschilderten Theil der Pfaueninsel verlassen, um uns nach einem noch schlichteren und einfacheren Hause an ihrem östlichen Ende zu wenden, werfen wir einen letzten Blick auf das durch die Königin Luise für immer geweihte Schlößchen und werden noch einer erhebenden Erinnerung gerecht, nicht nur darum, weil sie sich als die neueste und jüngste an diese Stätte knüpft, sondern mehr noch, weil sie mit den bedeutungsvollen Ereignissen des vorigen Jahres im Zusammenhange steht.

Es war am 23. Juni 1871, sieben Tage nach dem Siegeseinzug der Truppen in Berlin, nach dem Rausche und Klange jener Feste, die sich als eine persönliche Huldigung für den neuerstandenen deutschen Kaiser gestalteten, da zog es den Sohn Friedrich Wilhelm’s und Luisens mitten aus dem Siegesrausch und Volkesjubel hinaus in die grüne Einsamkeit der Pfaueninsel. Nur von seiner engern Familie, von seinen Kindern, dem Kronprinzen und der Großherzogin von Baden und seinen Enkelkindern umgeben, nahm er zuletzt seinen Weg nach dem Schlößchen und stieg die Treppe hinauf nach den Zimmern seiner Eltern, nach dem Thurmgemache, wo er vielleicht oft die Thränen seiner Mutter über die Erniedrigung Preußens hatte fließen sehen, nach dem Saale, wo das altmodische Spinet stand, aus dessen Tönen sich die Königin oftmals Trost und Stärke für ihre gebeugte Seele geholt haben mag, und nun setzte sich die Urenkelin, die siebenjährige Prinzeß Victoria von Baden, an das Spinet, auf den Stuhl der Urgroßmutter und stimmte vor dem aufmerksam lauschenden, auf’s Höchste überraschten Großvater das „Heil Dir im Siegerkranz“ an.

Halten wir noch unser Auge auf das prachtvolle Bild vor uns gerichtet, auf die spiegelklare Havelfluth, über die sich in kühnen Bogen die Brücke von Glinicke wölbt; jener rechts aus dunklen Kiefern emporschauende Campanile ist der Glockenturm der Heilandskirche am Port, weiterhin nach links ragen Thorzinnen des Parks von Glinicke aus dem Baumdickicht auf; jenseit der Brücke, auf waldiger Höhe wird ein Thurm des Schlosses von Babelsberg sichtbar, der Schöpfung und dem Lieblingsaufenthalt des Kaisers; die hochwehende Fahne zeigt an, daß derselbe augenblicklich dort weilt, jene imposante Kuppel, die den Horizont begrenzt, ist die Kuppel der Nicolai-Kirche in Potsdam, der schlanke Thurm rechts derselben gehört zur dortigen Garnisonkirche, der Ruhestätte Friedrich’s des Großen; die beiden durchbrochenen Thürme mit den sie verbindenden offenen Galerien rechts im Vordergrunde, dem Babelsberg gegenüber, auf grüner, waldiger Höhe, dem Pfingstberge gelegen, sind der äußerste vorgeschobene Posten der Gärten von Sanssouci. Das dunkle Grün der märkischen Fichten vermischt sich mit den lichten Tönen des Laubholzes und löst sich, in die Ferne sich verlierend, in Nebelblau und Sonnenduft auf – es ist ein Bild voll idyllischer Ruhe, voll stillen Reizes und bewegten Lebens – aber trennen wir uns davon und nehmen wir unseren Weg landeinwärts nach dem östlichen Ende der Insel. Derselbe geht erst durch Blumenanlagen, dann durch einen Parkwald von jungen Eichen auf einer sanftansteigenden Höhe der Insel immer am Wasser entlang, nach einer Weile thalwärts, an das Ufer derselben.

Ein bescheidenes Haus taucht vor unseren Blicken auf, es besteht aus Parterre und einem Giebelgeschoß, es ist von der Havel nur durch einen kleinen Vorgarten getrennt und rings von Reben eingehegt, so daß die Trauben einem fast die durstigen Lippen berühren – eine gute Vorbedeutung. Das Haus gemahnt uns, als stände darüber geschrieben: „Tritt nur frischen Muthes ein, hier grüßt dich eine gastliche Pforte“. Wir sind bei Mutter Friedrich. Die Genannte ist die Frau des Maschinenmeisters Friedrich. Dieser ist auch sonst Meister in eingelegten kunstvollen Arbeiten aus Schildpatt, Elfenbein, Perlmutter, Gold und Silber; er hat darin prachtvolle Sachen gearbeitet, er hat sich das Prädicat [28] eines akademischen Künstlers erworben und sein Bruder ist der bekannte Dombildhauer Friedrich in Straßburg. Frau Friedrich, oder wie sie im Volksmunde genannt wird, „Motter Friedrichen“, wohnt mit ihrem Manne seit siebenundvierzig Jahren in diesem kleinen Hause, und auf der Pfaueninsel gewesen sein und Mutter Friedrich nicht begrüßt zu haben, das wäre eine mißglückte Partie und ein beschämendes Eingeständniß.

Mutter Friedrich gehört zur Pfaueninsel, wie die Farbe zu einem Bilde, wie der Trumpf zu einem Stiche, wie das Wunder zum Märchen, wie die vergangene Stunde zur jetzigen. Das Geräusch der Schritte auf dem Kiese hat sie aufmerksam gemacht, daß wieder ein Besuch, wie so viele des Tages, ihrem Hause nahet; sie erscheint in der Thür, eine untersetzte, corpulente Frau, mit einem milden, gutmüthigen Gesicht, in dessen Falten vierundachtzig Jahre eingeschrieben stehen. Sie trägt ein graues Wollenkleid, eine recht vollkommene Schürze mit weiten großen Taschen und eine Haube mit einer dicken Garnirung. Sie sieht uns mit forschenden, vielleicht etwas mißtrauischen Blicken an und nimmt sich einige Zeit, unsern freundlichen Gruß zu erwidern. Wir bitten ganz demüthig um eine Tasse Kaffee oder ein Glas Bier.

„Wenn Jette noch was hat, na meinetwegen,“ ist die Antwort.

Jette ist das Factotum und schon fünfzehn Jahre im Hause. Jette hätte nach der Versicherung ihrer Herrin schon oft Partien machen können, aber sie will von den beiden alten Leuten nicht eher weg, als bis diese selbst weg sind. Es wird von Mutter Friedrich immer im Zweifel gelassen, ob Jette noch etwas zu trinken und zu essen hat, aber Jette hat immer noch etwas. In Bezug auf ihre Gäste weiß Mutter Friedrich feine Unterschiede zu machen. Sie theilt sie in solche, die ein Trinkgeld an Jette geben, und in solche, die keins geben. Jene werden als Hausfreunde behandelt, von denen sie als Zeche nur die Auslage nimmt, Diese als Fremde nach dem Tarif großer Restaurationen. Wehe Dem, der mit dem Anspruch eines Rechtes, getränkt und gespeist zu werden, hierher kommt, wer nicht honigsüße Worte zu geben weiß, wenn auch der Magen knurrt und die Lippen verschmachten! Namentlich hat Mutter Friedrich die Berliner auf dem Zug, wenn die so ankommen: „Heda! Wirthschaft, Kellnér!“ dann stellt sie sich in Positur:

„Hier ist keene Wirthschaft, hier ist och keen Kellner, sondern nur ne Jette, ick habe für Sie nischt zu essen und zu trinken.“

„Aber erloben Sie, mein Madameken, da unten sitzen ja Gäste.“

„Ick bin nicht Ihr Madameken, die Gäste gehn Ihnen jar nischt an, ick kann mir in die Laube setzen, wenn ick will, und wenn Sie wieder nach der Pfaueninsel kommen, denn bringen Sie nur Ihre Schinkenstullen mit. Wenn ick will, brauch’ ick jar Keenen hier einzulassen.“

Dann ist auch alles Bitten umsonst; dann wird Mutter Friedrich, die sonst so gut und bieder ist, geradezu feindlich und treibt mit dem Schwerte ihrer Worte die Sünder aus dem Paradiese, das ihnen da unten in einem stillen Plätzchen in der lauschigen Laube erschienen war. So mußte eines Tages selbst Herr von Bismarck in Begleitung zweier Freunde abziehen. Mutter Friedrich ist eine wohlsituirte Frau; sie hat es nicht nöthig, mit Gästen sich abzumühen, es ist eine Gefälligkeit von ihr, und um dieser theilhaftig zu werden, muß man bei ihr in aller Form vorgestellt und eingeführt sein, ihr aus der Stadt etwas Neues erzählen, ober, womit man sich ihre besondere Gunst erringt, einen Sahnentopf in ihre Küche spenden. Dann hat man bei ihr gewonnen, dann kann man ihr auch ein Billet schreiben und sich für den nächsten Tag zu einem kleinen Mittagsessen ansagen. Die Küche in dem kleinen Maschinenhause ist ein Unicum an Reinlichkeit und Originalität; das Messing an dem Herde und an den Gefäßen glänzt, als ob es aus purem Golde wäre; an den weißlackirten Küchenbrettern hängen etwa dreihundert Sahnentöpfe in allen Formen und Farben aus Porcellan, Glas oder Metall; es sind lauter Geschenke, die Mutter Friedrich erhalten hat, und wenn sie die Namen der Geber nennt, so macht man gleichsam einen Cursus aller Persönlichkeiten durch, die in den letzten vierzig Jahren am Hofe, in der Regierung oder in dem öffentlichen Leben des preußischen Staates irgend eine Rolle gespielt haben. Im Staatsleben, Kunst oder Wissenschaft haben sie sich durch ihre Thätigkeit, bei Mutter Friedrich durch ihre Sahnentöpfe verewigt. In einem Glasschranke sind die raren Sachen aufbewahrt, die Geschenke von Fürstlichkeiten oder gekrönten Häuptern.

Nachdem einmal ein hoher Herr die scherzhafte Aeußerung gemacht hatte, daß die Sammlerin Alles aufhinge, ließ sie die Geschenke, die von dieser Seite kamen, aufstellen. Mit Stolz zeigt sie auf ein weißes vergoldetes Chocoladenservice, das nur noch einmal im Besitze des Kaisers existirt und dessen Form in der königlichen Porcellan-Manufactur in Berlin nach Herstellung der beiden Exemplare zerstört wurde. Es ist ein Geschenk des Königs nach dem Kriege von 1866; auf dem einen steht verzeichnet: „7. Juni 1866“, auf dem andern: „23. September 1866“. Das erstere Datum bedeutet den Tag, an welchem der König zum letzten Male vor dem Kriege, das letztere den Tag, wo derselbe zum ersten Male nach dem Kriege wieder auf der Pfaueninsel bei Mutter Friedrich erschienen war. Die sogenannte „Vonderheydtlaube“ am Wasser ist der Ort, wo in Bezug auf die Ereignisse jenes Jahres entscheidende Entschlüsse gefaßt wurden, und heute noch behauptet Mutter Friedrich zu allererst damals gewußt zu haben, daß Krieg würde; denn an diesem Tage wurden ihr Haus und Gärtchen nicht leer von Ministern und Generalen, die zum Könige gingen, und die Depeschen kamen „wie die Schloßen vom Himmel“, und damals habe ihr gleich so was geschwant.

Es herrscht im preußischen Königshause von je her eine patriarchalische Familiarität zwischen den einzelnen Mitgliedern und alten, treuen, bewährten Dienern desselben. Ein solches Verhältniß ist es auch, das die Herrschaften mit Mutter Friedrich verbindet; es vergeht kaum eine Woche, wo nicht die eine oder die andere prinzliche, die kronprinzliche Familie oder der Kaiser selbst auf der Pfaueninsel erscheint und bei ihr zu Mittag ißt oder das Abendbrod einnimmt. Dann darf Mutter Friedrich ganz ungenirt in die Laube kommen und in ihrer gewohnten Weise mit den Herrschaften das Gespräch unterhalten; sie hat das Vorrecht, zu sagen, was einem Anderen und Vornehmeren nicht erlaubt wäre, sie nimmt sich aber auch gar kein Blatt vor den Mund und erzählt alles, was sie so hört und erlebt hat, in ihrer ungeschminkten treuherzigen Weise, nimmt auch wohl gar keinen Anstand, dazwischen einmal in die Küche zu rufen, daß Jette nicht vergißt, den Braten zu begießen und den Auflauf einzurühren. Mit großer Liebe hängt die jüngste Generation des Königshauses an ihr, obgleich sie sich gar nicht scheut, den Prinzchen und Prinzeßchen manchmal derbe Wahrheit zu sagen, und als neulich der jüngsten Einer, dem sie einen Kuchen zu schenken pflegte, was sie aber damals übersah, ihr damit drohte, daß er nicht wieder kommen würde, war ihre Antwort:

„Na, denn kommen Sie eben nicht wieder, denn ist ooch nischt dran gelegen.“

Sie wird von allen Gliedern der königlichen Familie hoch geehrt und durch Aufmerksamkeiten und Geschenke ausgezeichnet. Vor einigen Jahren feierte sie mit ihrem Eheherrn ihre goldene Hochzeit. Das war ein Fest für die Insel und die Umgegend! Es kanten die Adjutanten und Hofdamen im Auftrage ihrer Herrschaften mit Glückwünschen und mit Sträußen und Geschenken, es kamen aus Potsdam die Ersten und Vornehmsten, „ihr das Compliment zu machen“, so daß sie, nach ihrer Aeußerung, gar nicht mehr wußte, wer sie war, und wirklich glauben konnte, sie sei über Nacht etwas Besonderes geworden, so hätten sich die Leute „mit ihr gehabt“, und Sachen habe sie bekommen, so fein und kostbar, daß sie sie im Leben nicht brauchen könne. Aber auch sonst, wenn „bei Kronprinzens“ etwas Kleines ankommt, ist Mutter Friedrich die Erste, die es außer der Umgebung sehen darf; sie ist auch immer bei der Taufe zugegen, und als sie einst ein großer berühmter General, der alle Welt duzt, da sah, redete er sie an:

„He, Mutter Friedrich, wo kommst denn Du her?“

„Na, gerade so wie Sie, Excellenz – zu Wagen,“ war ihre Antwort.

Ihr glücklichster Tag jedoch war, nach ihrer Erzählung, als „nach dem neuen schrecklichen Franzosenkriege“ eines Mittags eine Barke auf ihr Haus zukam und ihr königlicher, nunmehr kaiserlicher Herr ausstieg, und sie ihm entgegenging, vor Freude und Ehrfurcht fast in die Kniee sinkend, und wie er ihr entgegenkam, [29] so frisch und rüstig wie ein Junger, und ihr die Hand gab und dabei sagte, daß sie zu ihm nicht Kaiser sagen dürfe, daß es zwischen ihnen Beiden beim Alten bliebe, und wie er sich da in der stillen abgeschlossenen Laube am Wasser so behaglich gefühlt und sich ihr Mahl so gut habe schmecken lassen und ihr dann mit freundlichem Lächeln gesagt:

„Ja, Mutter Friedrich, am schönsten und besten ist es doch auf der Pfaueninsel.“