Ein Stimmungsbild aus Bayreuth

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Autor: Ida Bon-Ed
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Titel: Ein Stimmungsbild aus Bayreuth
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 517
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1894
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Dirigenten und hervorragende Mitspieler bei den Bayreuther Bühnenfestspielen.

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Ein Stimmungsbild aus Bayreuth.
Von Ida Bon-Ed.

Die Stätte, die ein guter Mensch betrat, ist eingeweiht! Das ist ein Ausspruch Goethes, der leider zu den wunderschönen Dichterworten gehört, die sich in der Wirklichkeit selten erfüllen. Das aber erfüllt sich allemal, daß die Stätte, die ein berühmter Mensch betrat, geweiht bleibt insbesondere der Ausnutzung durch Fremdenführer, den Reisehandbüchern und der Bewunderung naiver Reisender. Es giebt so viele Menschen, die sich das Wohnhaus oder den Lieblingsaufenthalt eines berühmten Mannes mit ehrfürchtigem Staunen ansehen, und wissen doch meist von dem Manne nichts als seinen Namen. All denen, die hier in Bayreuth im Wirtshaus „Zum Rollwenzel“ einkehren und sich das Zimmer zeigen lassen, wo Jean Paul gedichtet hat, möchte ich immer die Gewissensfrage stellen, wie viel sie denn von diesem wenigst gelesenen Klassiker kennen. Mir selbst ist es trotz heißen Bemühens nie gelungen, ihn würdigen zu können, die Aufgabe, im Spreuhaufen seines Stils nach den goldenen Weizenkörnern seiner Lebensweisheit zu suchen, ist mir zu mühevoll. Und so gehe ich denn kühl an seinen Spuren vorüber.

Die Markgräfin Wilhelmine, des Großen Friedrichs kluge Schwester, fesselt mich weit mehr. Sie hat die Art ihres Geistes, in dem sich das Fridericianische geebnet zeigt zu spielender Grazie und schlagfertiger Bosheit, hier in manchem anmutigen Architekturgebilde eingeschrieben. Aber neben diesen blassen Schatten erhebt sich der gigantische Geist eines Riesen so gegenwärtig, daß man zu spüren meint, er wirke noch persönlich, er selbst sei noch die Seele der ungeheuren Arbeit, die hier gethan wird. Und doch ist Richard Wagner tot und er ließ ein Weib als Hüterin seines Werkes zurück! Aber diese Frau heißt Cosima Wagner!

Wahrlich, selten konnte man mit mehr Recht von einer Persönlichkeit sagen: „Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt, schwankt ihr Charakterbild“ - noch nicht in der Geschichte, doch in der Vorstellung der Zeitgenossen. Ich sage es frei heraus, ich beneide den Biographen, der einst das Charakterbild dieser merkwürdigen Frau für die Kunstgeschichte festlegen darf. Aber ich wünsche ihm zu der Aufgabe die Fähigkeiten eines Jakob Burckhardt, der die Renaissancemenschen verstand und zu schildern wußte wie keiner vor ihm.

Frau Cosima und ihr Sohn Siegfried Wagner sind in einer ähnlichen Lage wie Thronerben, die den Herrschersessel eines Welteroberers einnehmen. Dessen Thaten werden gegen seine Erben ausgespielt. Sicher ist es, daß die Erbschaft eines Weltruhmes eine Last voll psychologischer Fährlichkeiten darstellt, unter deren Druck auch kluge und starke Geister dazu kommen können, ihre Verwalterpflichten mit Schöpferherrlichkeit zu verwechseln. Dies ist der Vorwurf, den Feinde von Bayreuth der Frau Cosima machen, und diese Feinde sollten eines thun: sie sollten kommen und gleich mir, fast wie aus dem Versteck heraus, die Arbeit dieser Frau beobachten. Schon auf dem Wege der Anempfindung hätte die Tochter Liszts, deren Gatte Richard Wagner hieß, sich in einem langen, beispiellos reichen Leben die Fähigkeiten erwerben müssen, das Werk des Meisters weiterzuführen. Aber die Natur hat ihr selbst ganz außergewöhnliche künstlerische Gaben verliehen. Sie ist ein Regisseur, wie wir in Deutschland keinen zweiten haben. Und daß sie auch Wagners musikalische Vertraute war, wissen Eingeweihte. Sie z. B. war es, die das Quintett in den „Meistersingern“, jenes keuscheste, zärtlichste Hohelied noch zagender Liebesseligkeit, rettete, da Wagner es unterdrücken wollte. Der kleinliche Preßkrieg, der immer beim Herannahen einer Festspielperiode gegen Cosima eröffnet wird und der den Eindruck macht, als sei ein stechender Mückenschwarm entfesselt, beirrt sie nicht im mindesten. Auch Siegfried Wagner hat diese so übelwollende Voreingenommenheit an sich schon erfahren müssen. Es ist, als wollte eine ganze Partei, die vor den gewaltigen Erfolgen des Meisters endlich verstummen mußte, sich nun durch Taktlosigkeiten gegen Mutter und Sohn schadlos halten. Er, der Sohn des großen Mannes, wird die Welt an sein starkes Dirigententalent, welches nach Aussage urteilsfähiger Personen an das des Meisters erinnern soll, schwerer glauben machen als irgend welche beliebige Anfänger Namens Lehmann oder Schulz an das ihre. Der Sohn wächst unter der Führung der Mutter mählich zu der hohen Aufgabe empor, einst die Festspiele zu leiten. Auf der Bühne ist er immer neben der Mutter, und zum zweitenmal nennt ihn in diesem Jahr das Verzeichnis der Mitwirkenden. Gerade in diesen Probetagen ereignete sich ein bedeutsamer kleiner Vorfall, der in Künstlerkreisen lebhaft besprochen ward: nachdem Siegfried Wagner einen Akt „Lohengrin“ dirigiert hatte, brachte das Orchester ihm aus eigenem Antrieb eine Huldigung dar, gewiß ein Beweis, daß es sich von ihm beherrscht fühlte.

Es ist ein eigenes Bild, solch eine Probe. Die weite Bühne ist von modern gekleideten Menschen erfüllt; sie bewegen sich zwischen den wunderbarsten Dekorationen, die zu „Lohengrin“ hergestellt worden sind. Elektrisches Licht verbreitet Tageshelle, der Zuschauerraum liegt in mystischem Dunkel. Schon läßt sich die überwältigende Massenwirkung der Chöre erkennen, schon entwickelt sich ein Volksleben von hinreißender Gewalt. Und rastlos dazwischen bewegt sich, scheinbar unempfindlich gegen alle Strapazen, die schlanke schwarz gekleidete Frau, das kluge Auge hinter grauer Brille geborgen, ganz gesammelte Aufmerksamkeit, mit den feinen, langen Händen bald hierhin, bald dorthin deutend. Alles folgt voll Ehrerbietung ihren Anweisungen und ganz selbständige Künstler haben mir gestanden, daß sie eine Art Suggestion ausübe und ihren Willen und ihre Erkenntnis auf andere übertrage.

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Richard und Cosima Wagner mit Liszt und Hans v. Wolzogen in ihrem Heim „Wahnfried“ 1880.
Nach dem Gemälde von W. Beckmann.

[524] Von den beigefügten Bildern giebt insbesondere das untenstehende den vollen geistigen Ausdruck der Frau Wagner wieder. Lenbach soll es bei seinem Porträt von ihr benutzt haben, der Oeffentlichkeit ist es bislang nicht bekannt geworden. Ebenso ist das kleine Gruppenbild auf Seite 525 eine Seltenheit, mit welcher die „Gartenlaube“ ihren Lesern eine Freude zu bereiten hofft. Es stammt aus dem letzten Lebensjahr des Meisters und stellt diesen im traulichen Verein mit der Gattin und zwei nahen Freunden des Hauses dar. Der frühverstorbene Heinrich von Stein (neben Frau Cosima) war ein großer Wagnerenthusiast und auch litterarisch für des Meisters Sache thätig. Der russische Maler Paul von Jannkowsky, der die Dekorationsentwürfe zu Parsifal gemalt hat, lebt zu Petersburg in hoher Stellung. Jannkowsky ist künstlerisch mit Böcklin verwandt, und als der letztere abgelehnt hatte, für den Parsifal thätig zu sein, wandte sich Wagner an Jannkowsky. Diese Dekorationsentwürfe findet der Leser S. 521 auf dem größeren Gruppenbild, dem bekannten Gemälde von W. Beckmann, wo man Liszt die eben fertig vorliegende Parsifalpartitur besprechen sieht, während Wagner, Frau Cosima und Hans von Wolzogen den Worten des Greises lauschen.

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Cosima Wagner

Jetzt ist sie, die damals Zuhörerin und Beraterin war, zur Leiterin geworden.

Vom Morgen bis zum Abend gehen die Proben, unermüdlich ist Frau Wagner am Platz. Ich möchte hier einige Tage aus den Probezetteln abschreiben dürfen, um die Unsumme von vorbereitender Arbeit begreiflich machen zu können. Bei dieser ist es besonders die eiserne Kraft des Musikdirektors Kniese, des Chordirigenten der Festspiele und des Leiters der Bayreuther Bühnenschule, die sich in stauneuswerter Weise entfaltet.

Um die Mittagszeit öffnen sich die Thüren des Festspielhauses. Eine bunte Gesellschaft strömt heraus, Hunderte von Damen und Herren, die ersteren meist jung, hübsch, elegant, die letzteren meist mit jenen charakteristischen glattrasierten Gesichtern der Bühnenangehörigen, viele im Havelock und Schlapphut, alle nach ihrem Beruf erkennbar, wenn auch die früher übliche Künstlerlocke gefallen ist.

Der weiche Juniwind weht kühlend um die erhitzten Stirnen. Von fern blauen die Tannenberge des Fichtelgebirgs herüber. Die fröhlichen Scharen ziehen durch die Escheallee hinab zur Stadt, in die kleine Stadt, zwischen deren Häusergedränge sich die Zahl der alten Prachtbauten wunderlich ausnimmt, die aber einen großen Vorzug hat: eine herrliche, gesunde, kräftigende Luft.

Wohl alle Bühnen Deutschlands haben Mitglieder hierher gesandt und die Mehrzahl der Bayreuther „Choristen“ sind Solokräfte größerer Stadttheater: strebsame junge Künstler, die hier auf diese Weise viel lernen und im Winter nachzuahmen suchen was sie am Quell der wahren Auffassung erspähten und die daneben noch eine für ihre Verhältnisse recht ansehnliche Gage bekommen.

Das Budget ist ungeheuer. Wo von Zahlen die Rede ist, setzt mein Verstand im allgemeinen seine Thätigkeit aus, und wenn ich etwas ausrechnen soll, so erfüllt eine immer neue Dankbarkeit gegen den lieben Gott mein Herz, der mir zehn Finger gab. Deshalb will ich auch meinen Lesern selber überlassen, sich eine Vorstellung von Einnahme und Ausgabe in Bayreuth zu bilden, und nur erzählen, daß mehr als vierhundert Mitwirkende Gagen bekommen, die bei vierhundert Mark beginnen und, wie es heißt, bei zehntausend enden, je nach der künstlerischen Stellung der Empfänger. Kein Theater in der Welt kann ausgeben, was in Bayreuth für Dekorationen und Kostüme aufgewendet wird. Und so mag es schon sein, daß selbst bei zwanzig ausverkauften Festspielhäusern – in das Haus gehen 1640 Personen und der Platz kostet zwanzig Mark – ein finanzieller Ueberschuß nicht oder doch nur in geringem Grad erzielt wird.

Dies ist und soll auch völlig Nebensache bleiben. Es gilt den idealen Zweck, die Gedanken des Meisters lebendig und treu zum Ausdruck zu bringen, vorbildlich für alle anderen Bühnen. Der Zug, sich von Bayreuth unabhängig zu machen, nicht mehr in allen Wagnerfragen die künstlerische Losung von hier zu empfangen, macht sich neuerdings geltend. Fast alle großen deutschen Bühnen veranstalten „Musteraufführrungen“, voran München, welches sogar in diesem Jahre den „Lohengrin“ vorweg nahm und ihm in Ausstattung und Kostüm die Kulturprägung des zehnten Jahrhunderts gab, wie man es in Bayreuth vorher plante und nun auch ausführt. Hitzige Bayreuther sind ungehalten darüber. Ich möchte lieber „Bravo!“ dazu sagen. Denn bringt München Gleichwertiges mit Bayreuth, füllen sich an beiden Stätten die Häuser mit treuer Gemeinde, so erwächst dem Werk des Meisters nur Gewinn. Und neigt das Urteil sich zu gunsten der einen oder andern Stadt, so wird noch heißeres Bemühen die Folge sein. Und dann abermals: Gewinn für des Meisters deutschestes Werk! Ich schreibe „vor den Festen“ und kann nur andeuten, daß Außerordentliches wohl zu erwarten steht, auch liegt es ja in den Verhältnissen, daß die orchestrale Leistung, die Klangschönheit der Chöre und die scenische Einrichtnug nirgends ähnlich zu erreichen sind.

Das „deutscheste Werk“ sagte ich und brauche dies wohl nicht zu begründen; außer im Schluß der „Meistersinger“ gab Wagner nirgend seinen patriotischen Empfindungen so ehernen Ausdruck wie gerade im „Lohengrin“. Und wenn man sich das vergegen wärtigt, so kann man sich einer eigentümlichen Beobachtung nicht erwehren: die Liste der Mitwirkenden weist dieses Jahr eine ganze Reihe ausländischer Künstler auf.

Gewiß ist, daß das verfügbare „künstlerische Material“, wenn ich mich so ausdrücken darf, sich in einem Uebergangsstadium befindet. Die meisten von den großen Sängern und Sängerinnen, welche in dem ersten Jahrzehnt der Festspiele für des Meisters Werke ihr Können einsetzten, sind von der Glanzhöhe ihrer Kunst schon herniedergestiegen. Und viele von ihnen haben selbst in ihren besten Leistungen nach des Meisters eigener Aussage immer nur die eine oder andere Seite der zu verkörpernden Gestalten erfaßt. Die neue Kunst forderte ein neues Künstlergeschlecht. Es bedurfte naturgemäß eines langen Zeitraumes, dieses heranwachsen zu lassen.

Man hat längst erkannt, daß die schöne Stimme, welche vielleicht zuvor am Schemel des Handwerkers oder auf dem Kutscherbock sang, keine ausreichende Mitgift ist, um künstlerische Aufgaben zu bewältigen, sondern daß auch die Grundlage einer allgemeinen Bildung nötig sei zu großen Leistungen in der darstellenden Kunst. Durch die höchsten und umfassendsten Anforderungen, die Wagner an die Operntragöden stellte, hob er zugleich den ganzen Stand.

Und wenn nun auch in dem letzten Jahrzehnt Einzelpersönlichkeiten wie Rosa Sucher, Fritz Plank, Pauline Mailhac in ihrer vollkommenen Künstlerschaft das Wagnersche Ideal erreichten, so blieb bei vielen anderen desto mehr zu wünschen übrig, und Frau Cosima Wagner that klug und wohl daran, mit neuen Kräften neue Versuche zu machen.

Aber hierfür so viele aus dem Auslande zu berufen, halte ich für eine Gefahr, die hell beleuchtet werden muß, wenn auch diesmal allem Anschein nach der Versuch günstig ausfällt.

Was ist Volksseele? Die Summe aller hervorstechenden Eigenschaften von so und soviel Millionen Individuen. Und da in einem künstlerisch beanlagten Individuum diese Durchschnittseigenschaften in verstärktem und verschärftem Maß auftreten, könnte man vielleicht so sagen: der künstlerische Mensch ist ein Beispiel, aus dessen Art man auf die Art der Volksseele folgern kann.

Wenn nun Bayreuth die heilige Stätte deutscher Kunst bleiben soll, als welche Wagner sie gedacht hat, so wäre es ein Fehler, dem Ausländertum dauernd das Recht der Mitwirkung einzuräumen. Und nicht nur ein künstlerischer, sondern ganz einfach auch ein ökonomischer Fehler. Die Engländer, Amerikaner und Franzosen kommen hierher, um deutsche Kunst von deutschen [525] Künstlern zu sehen. Es ist kein Zufall, daß New York und London sich aus Deutschland die Künstler kommen lassen, die ihnen Wagner vorsingen und vorspielen sollen, und daß gerade in New York eine Wagnersaison mit amerikanischen Künstlern keinen Erfolg hatte!

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Richard Wagner mit seiner Frau und seinen Freunden Heinrich v. Stein und Paul v. Jannkowsky.

Man muß gestehen, daß z. B. eine Lohengrinvorstellung, in welcher ein Belgier den Lohengrin, eine Amerikanerin die Elsa, eine Engländerin die Ortrud, ein Rumäne den Telramund singt, etwas sehr Eigentümliches ist. Man braucht auch noch kein Kirchthurmspolitiker zu sein um gerade für Bayreuth einem Theaterzettel mit deutschen Namen den Vorzug zu geben vor einem von kosmopolitischem Grundton.

Ernest van Dyck, G. Kaschmann, D. Popovici, M. Takàts, Zoltan Doeme – nebenbei ein Name von befremdender Unbekanntheit – Lillian Nordica, Maria Brema, das ist eine ganze Reihe von Ausländern. Ernest van Dyck zwar möchte beinahe als naturalisierter Deutscher gelten, wenigstens ist er dem Geheimnis der deutschen Seele so nahe gekommen als möglich.

Sehr bezeichnend ist es auch, daß Madame Nordica die guten Bayreuther zum erstenmal mit Primadonnenallüren bekannt macht, wenigstens ist die Stadt voll von ihrer großartigen Lebensweise und ihren Toiletten, während unsere große Rosa Sucher mit einer bürgerlichen Einfachheit auftritt, die bestrickend wirkt.

Die Leser finden von den Genannten nur die hervorragendsten auf der beigegebenen Bildertafel S. 517. Da es unmöglich war, die Porträts aller Mitwirkenden zu bringen, so war für die Auswahl entweder der künstlerische Ruf der Persönlichkeiten maßgebend, wie bei Madame Nordica, der großen Künstlerin Maria Brema, Popovici und Kaschmann; oder die Stellung der Betreffenden zu Bayreuth, eine ganze Reihe von Künstlerindividualitäten fühlt sich mit Bayreuth durch inneren Beruf, Bildungsgang und Ergebenheit aufs engste verbunden. Der einzige Novize für Bayreuth ist, außer den schon genannten ausländischen Künstlern, Willy Birrenkoven, der stimmbegabte, rühmlich bekannte Hamburger Tenorist. Die Wiener Hofoper stellt vier Namen allerersten Ranges: Hans Richter, der neben Levi am längsten bei den Festspielen dirigiert, dann van Dyck, Theodor Reichmann und Karl Grengg. Das Karlsruher Hoftheater, von dem ich nicht ohne eine gewisse künstlerische Andacht reden kann, hat auch vier Mitglieder geschickt: den Dirigenten Felix Mottl, der mit seinem starken feurigen großzügigen Wesen wohl als der treueste Träger Wagnerscher Ueberlieferung anzusehen ist und in Bayreuth neben Frau Wagner selbst stets den Mittelpunkt der Arbeit bildet, dann Fritz Plank, den Unvergleichlichen, Pauline Mailhac sowie Emil Gerhäuser, eine der verheißungsvollsten jüngeren Kräfte der deutschen Bühne. Aus Weimar ist ein Brautpaar gekommen: Richard Strauß, der junge Kapellmeister mit dem genialen, schöpferischen Kompositionstalent, und die vornehme, gemütvolle Sängerin Pauline de Ahna. Von Dresden ist diesmal nur Therese Malten erschienen und von München nur der Generaldirektor Hermann Levi. Als alleiniger Darsteller des Tannhäuser ist Wilhelm Grüning genannt, wenngleich man gestehen muß, daß es einen vollkommenen Tannhäuser zur Zeit in Deutschland nicht giebt, darf man doch hinzufügen, daß der Heldentenor der Hannöverschen Oper für die gewaltige Gestalt wenigstens die mächtige Kraft des Organs mitbringt.

Und so ist denn alles versammelt, und in emsiger, geheimnisvoller Arbeit bereitet sich die Künstlerschar vor, dem Unsterblichen von Bayreuth so gerecht zu werden, als es ihrem heißen Bemühen nur irgend gelingen kann. Seine frühen Werke, „Lohengrin“ und „Tannhäuser“, werden verkörpert werden und sein letztes, der „Parsifal“. So werden wir im Geist den ganzen Weg wandern, den jede Menschenseele geht, die kleine sterbliche mit zagenden halb unbewußten Schritten, die große Künstlerseele mit kühnem Stolz: den Weg von romantischen Träumen zu wildem Lebensdrang und von da durch reinigende Kämpfe zum religiösen Erlebnis, das von der Tragik des Daseins befreit!

Ihm, der still hinter seinem Hause Wahnfried schläft, unter der dunklen Marmorplatte, die von tiefstem Grün umschattet ist, ihm ist geworden, was wenigen Unsterblichen ward, dahinzugehen, als er sein letztes, sein reifstes, sein erlösendes Wort gesprochen.