Meine Hyacinthen

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Textdaten
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Autor: Julius Stinde
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Titel: Meine Hyacinthen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 525
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1894
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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[525]
Meine Hyacinthen.
Von Julius Stinde.

Sie gehören alle sechs dem Mittelstande an; der Gärtner verkaufte sie ohne Stammbaum und hochtrabende Namen durcheinander, wie sie da waren. Er nannte das „im Rommel“ und gab sie zu ermäßigtem Preise weg. „Sie sind dritter Klasse,“ sagte er, „aber es sind auch ausgezeichnete Zwiebeln darunter, bloß fehlt ihnen der Name.“ – „Es geht manchem so, der sein Leben über dritter Klasse fährt,“ erwiderte ich, „ausgezeichnet von Charakter, befähigt, tüchtig, und doch nicht von solchen geschätzt, denen ein wenig äußerer Glanz die Augen blendet, daß sie nur ihn sehen und nichts weiter. Es giebt unglaublich viele geistig Augenschwache.“

„Merkwürdig,“ sagte er, „heutzutage kommen Krankheiten auf, von denen man früher nie etwas hörte. Die Wissenschaft schreitet eben zu mächtig vor. – Nehmen Sie diese weiße Zwiebel, die ist fest und rund, die wird großartig blühen.“

„Das wäre nichts Besonderes,“ entgegnete ich, „denn was ist gegenwärtig nicht ‚großartig‘? Das dritte Wort in der Unterhaltung heißt ‚großartig‘. Sogar einen Zwerg von ungewöhnlicher Kleinheit, der neulich in einem Radschlag-Theater auftrat, fand das Publikum ‚großartig‘.“

„Und war er denn nicht großartig?“

„Nein, er war klein geartet. Mir persönlich ist freilich dies Wort eben so widerlich wie der Moschusgestank, mit dem sich Vertreterinnen des schönen Geschlechtes verpesten, nur zu beweisen, daß ihnen ein Sinn fehlt, nämlich der Geruchsinn, aber es hat doch wiederum viel für sich, denn ein Volk, das jeden Quark großartig findet, das ist leichtlich zufrieden gestellt und nimmt kritiklos hin, was ihm geboten wird. Das ist das rechte Volk für König Schund, unter dessen Scepter sich das Ende des Jahrhunderts willig beugt. Ich sage ihnen, nicht nur der Schund ist großartig, sondern daß er auch noch großartig gefunden wird, das ist das Großartige.“

Der Mann machte ein Gesicht, als wenn er mir einen Arzt wünschte, und er hatte auch recht. Er handelte mit Blumenzwiebeln und ich hielt ihm eine Vorlesung über ein Zeichen der Zeit, das weder seine Zwiebeln, noch seine Anschauung über die Welt und was damit zusammenhängt, berührte. Er war glücklich, ebenso zu empfinden, ebenso zu urteilen, sich derselben Ausdrucksweise zu bedienen wie alle Menschen, die er kannte. War es recht, dies Glück zu stören, sein seelisches Gleichgewicht durch das Hinzuthun von Zweifel ins Schwanken zu bringen, zumal in einer Zeit, in der das Evangelium der Gleichheit als die Erlösung von allem Uebel gepredigt wird? Diese wird gekommen sein, wenn alle Menschen gleich empfinden. Gleiches Empfinden erzeugt gleiches Begehren, gleiches Wünschen, gleiches Entsagen. Dann ist die goldene Zeit angebrochen, die großartige Zeit.

Und solches Wunder bewirken die Naturgesetze. Wie sie das anstellen, ist noch nicht ganz klar und deshalb ist es geboten, die [526] Natur zu studieren, damit das Dunkel erhellt werde, in dem die Naturgesetze ihr Wesen treiben. Einige studieren die Naturgesetze an den Himmelskörpern, andere durchforschen die unsichtbare Welt mit Hilfe des Mikroskopes, wieder andere messen Schädel und Knochen, etliche vertiefen sich in die Geheimnisse der Elektricität und des Magnetismus, noch andere durchwühlen den Grund der Erde nach Urkunden der Vorzeit ... ich hatte diesmal sechs Hyacinthenzwiebeln dritter Klasse zu demselben Zwecke.

Welche Verschiedenheit bot schon allein das Aeußere der Zwiebeln! Einige hatten weiße Schale, einige waren blaßrot, einige dunkelrot. Hiernach waren helle und dunkel gefärbte Blüten zu erwarten, vermutlich weiße, rötliche und dunkelrote oder blaue, mehr aber verrieten sie nicht.

Während ihres sommerlichen Wachstums hatten die Zwiebeln alles in sich aufgenommen, was zur späteren Ausbildung der Blätter und Blüten erforderlich ist, so ward jede ein Speicher von Baustoffen für die kommende Entfaltung der blühenden Pflanze. Außer diesen Baustoffen jedoch barg jede Zwiebel noch etwas ganz Geheimnisvolles: nämlich die Gesetzmäßigkeit, mit der die Stoffe sich aufbauen, daß gerade diese Art zustande kommt und keine andere. Die eine Art hat kleine Blütenglocken, die andere große, diese krümmt ihre fein geschnittenen Spitzen der Röhre zu, jene breitet ihre derben Zipfel flach aus, und große Mannigfaltigkeit giebt sich nicht nur in der Form, sondern auch in Farbe und Duft kund. So erkennen wir schon ohne viele Beobachtungskunst, daß in der Hyacinthenfamilie keine Gleichheit herrscht, und nur der Oberflächliche kann behaupten, eine Hyacinthe sei wie die andere, da doch das bißchen Form und Farbe nicht in Betracht komme. So wie dieser denken auch Theoretiker über Menschen. Sie denken sich Menschen zurecht: gute, böse, rechtspolitische, linkspolitische, und sind der Meinung, wenn man ihnen gleichmäßige Erziehung zuteil werden ließe, das Gute, Böse, Rechte und Linke auf einen Durchschnitt abrunde, dann wären die Gleichheitsmenschen nur eine Frage der Zeit. Ich schließe nach meinen Hyacinthen anders.

Diese hatten alle die gleiche Erziehung genossen; derselbe Gärtner hatte sie von klein auf gehegt und gepflegt, dasselbe Erdreich gewährte ihnen Nahrung, gleiches Maß an Sonnenschein, Schatten und Feuchtigkeit war ihnen geworden. Außerdem stammten sie von den Rummelsburger Hyacinthenfeldern und wurden als richtige Berliner Kinder der Heimat nicht entfremdet, als ich sie nach den Regeln der Kunst auf Gläser setzte, die mit Spreewasser gefüllt waren. Wie es sich gehört, blieben sie in dunkler Kühle, bis Bewurzelung und Blattbildung ihre Versetzung an das Licht zwischen Doppelfenstern gestattete. Alles dies geschah nach den Erfahrungssätzen, denn nicht allein über die Erziehung der Menschen sind viele Bücher geschrieben, sondern auch über die Pflege der Pflanzen, die sich von der sogenannten „Krone der Schöpfung“ meist durch Dankbarkeit unterscheiden.

Man hätte nun erwarten sollen, daß die Zwiebeln ihre Wurzeln alle in gleichem Zeitmaß herausgebracht hätten, etwa wie eine gut gedrillte Kompagnie die Füße vorstreckt; aber schon bei der ersten Entwicklung zeigte es sich, daß jede ihre eigene Gangart hatte, wenn man die Ausbreitung der Wurzeln so nennen darf. Es ist ein Gehen in die Tiefe, ein langsames Vorwärtsdringen.

Bei einer Zwiebel bildeten sich wenige, aber derbe Wurzeln, bei einer zweiten viele kräftige derbe. Daraus schloß ich, daß die erste einen starken Stengel mit wenigen Blüten, die andere einen solchen mit vielen Glocken hervorbringen würde. Ob diese Meinung richtig war, das mußte sich später ausweisen und so gewannen die Zwiebeln vermehrtes Interesse, wie ja auch ein Mensch uns um so näher rückt, je mehr wir imstande sind, die Entwicklung seiner Anlagen zu verfolgen, und die Erfüllung oder Nichterfüllung der auf ihn gesetzten Hoffnungen erleben.

Eine dritte Zwiebel sandte sehr viele feine Wurzeln aus, ich schätzte ihre kommende Blüte auf eine krausköpfige. Die vierte brachte beides: derbe lange Wurzeln und feine dichtgebuschte. Die fünfte glich der vierten, nur kamen ihre dünnen Wurzeln langsamer vorwärts. Nummer sechs aber rührte sich nicht. Das Wasser reizte sie nicht, Wurzeln auszusenden. Vielleicht war ihr ganzes Wesen auf Erdreich zugeschnitten, und im Topfe hätte sie mutmaßlich lustig getrieben. Mir fiel dies erst ein, als es zu spät war, und ich habe sie nie ohne Gewissensbisse betrachtet. „Du hast sie in Verhältnisse gebracht,“ sagte ich mir, „die ihrer Natur nicht zusagen. Sie ist eine Erd-Hyacinthe, und Du wolltest sie zwingen, gegen ihre Natur auf dem Wasser zu erblühen. Denk’ daran, wie manches Menschenkind elend vergeht, weil es in Verhältnisse gesetzt wird, die seinen Gaben, seinen Anlagen widerstreben. Einer, der ein tüchtiger Bauer geworden wäre, wird auf die Gelehrtenschule gethan, ein anderer, in dem die Gabe der Sprache schlummert, kommt in die Kesselschmiede, manch frisches Mädchen martern die Musikstunden bleichsüchtig und im Gerassel der Spinnmaschinen ertäubt vielleicht ein Mozart, und manches Menschenherz, das überselig in Liebe erblüht wäre, vergeht blütenlos, weil es nicht fand, wo es Wurzel schlagen konnte, obgleich ihm gegeben ward, was begehrenswert erscheint und ausieht wie irdisches Glück.“

Wenn die Hyacinthe wirklich fühlte, wie ich ihr zumutete? Daß sie überhaupt fühlte, war zweifellos, denn sie mochte das Wasser nicht, sie wollte Erde.

Nach und nach kamen die grünen Blätter und darin erschien der knospenreiche Stengel. Nur die sechste blieb zurück.

Eines Abends, es war um die Frostzeit, geschah es, da die Gläser nicht rechtzeitig weggenommen waren, daß sich Eis in dem Wasser bildete. Vor gänzlichem Erfrieren wurden sie gerettet, und als das Eis aufgetaut war, schienen sie nicht gelitten zu haben. Erst nach zwei Wochen ließ sich erkennen, daß die fünfte Zwiebel krank war. Bei den andern – mit Ausnahme von Nummer sechs – wuchsen die Wurzeln und blieb das Wasser klar, die fünfte jedoch hielt mit dem Wachstum der Wurzeln und Blätter inne und das Wasser wurde trübe und übelriechend. Ein Tropfen davon, unter das Mikroskop gebracht, wimmelte derart von Bacillen und gröberen Lebewesen, daß Verseuchung dafür ein viel zu gelinder Ausdruck gewesen wäre. Milliarden und aber Milliarden von Tierchen waren vorhanden, und die alle nährten sich von den Wurzeln der Hyacinthe. In den andern Gläsern waren auch Keime und Sippen derselben Tierchen, aber sie konnten den gesunden Wurzeln nichts anhaben: die Lebenskraft der Wurzeln war mächtiger als die Raubkraft der Lebewesen. Jene hielt alle Zellen mit ihrem Inhalte zusammen. Wo aber etwas abstirbt, wo das Leben nicht mehr bindet, da ist das Feld der Bakterien, da nähren sie sich, da mehren sie sich.

Die fünfte Zwiebel zeigte schon in dem feinen langsamen, gewissermaßen schwächlichen Wurzelwuchs, daß sie zart veranlagt war. Die anderen waren härter, die vertrugen den Frost, sie allein war angegriffen worden. Der Frost hatte in ihren Wurzeln Veränderungen bewirkt, die dem Stoffwechsel Hindernisse in den Weg legten, die Zellen waren erkrankt und auf die erkrankten stürzten sich nun die Tierchen.

Doch wozu ist die Wissenschaft, wenn sie nicht helfend und fördernd eingreift? Leben wir doch in dem Zeitalter der Antiseptica, unter dem Banner des heiligen Karbols und seiner Verwandten, sind doch Bacillenentdecken und Desinfizieren die Hauptpunkte, zwischen denen die Hygieine pendelt! Es ist nicht schwer, Baeillen zu töten, wohl aber macht es Schwierigkeiten, das richtige Gift zu wählen, wenn man mit den Schmarotzern nicht gleich den Wirt vernichten will, auf dessen Befreiung vom Uebel es doch ankommt. Karbol würde die Pflanze gemordet haben, desgleichen Salicylsäure. Quecksilbersalze waren von vornherein ausgeschlossen, da sie pflanzliches Leben leicht vernichten. Chinin ist aber auch ein Bakteriengift, es tötet die Fiebermikroben und ist fertig gebildet in dem Cinchonabaum. Daher dachte ich: was für den Fieberbaum kein Gift ist, wird der Hyacinthe auch nicht schaden, wohl aber die Horden der Lebewesen töten, die sich an ihren widerstandsschwachen Wurzeln vollfressen. Ich wusch die Wurzeln sorgsam, reinigte das Glas, goß frisches Wasser hinein, fügte ein wenig Chinin hinzu und senkte die Zwiebel wieder ein. Der Erfolg war der vorausgesehene. Das Wasser blieb klar, die Wurzeln blieben sauber, die Tierchen waren tot, sämtlich.

Die Wurzeln und das Wasser waren allerdings wunderschön, wenn man sich mit ihrem äußeren Anscheine zufrieden gab; wer aber den Teil der Zwiebel beobachtete, wo ihr Leben sich entfalten sollte, der merkte bald, daß sie totkrank war bis ins Innerste hinein ... vergiftet.

Während die gesunden Zwiebeln Blütenschaft und Blätter fröhlich heraustrieben, hielt die mit Chinin behandelte im Wachstum inne und ward jener Zwiebel ähnlich, die auf dem Wasser [527] nicht gedeihen mochte. Beide glichen sie Krüppeln. Die grünen Blätter waren klein und schwach und die Knospentraube schwoll an, ohne daß der Blütenschaft an Länge zunahm. Sie erinnerten an jene kranken Kinder mit großen Köpfen und überzarten Gliedern, die so kluge Augen haben und auch so klug sind und nie heranwachsen.

Die Gesunden fingen bald an, zu blühen. Die erste Zwiebel mit den spärlichen derben Wurzeln trug wenige große, herrlich ausgebildete Blüten an einem kräftigen Schaft; die zweite wartete noch; die dritte vergeudete ihre Kräfte auf drei Blütenschäfte, von denen jeder unter dem Mittelmaße blieb, die vierte zeitigte eine große dunkelblaue und eine kleinere Blütentraube, zwei Geschwister, denen man dieselbe Abstammung ansah und die doch in Kraft, Größe und Wuchs auffallend voneinander abwichen. Dies überraschte mich bei den Hyacinthen. Ungleiche Geschwister bei den Menschen zu finden, fällt nicht schwer, in Körperart und in Sinnesart giebt es der ungleichen Brüder überall seit aller Zeit, wie die Ueberlieferung in dem Beispiel von Kain und Abel kund thut. Daß aber hier aus einer Zwiebel ein starkes und ein schwaches, ein reich und ein arm begabtes Wesen an den Tag kam, das war eine Widerlegung der Gleichheit in der Natur, wie sie eindringlicher gar nicht hätte sein können.

Kann man aber die eine blühende Hyacinthe reich, die andere arm begabt nennen? Ich denke ja, wenn es uns überhaupt gestattet ist, die Außenwelt mit unseren menschlichen Empfindungen zu beleben. So belebt das Kind sein Spielzeug, so entstanden Märchen, Sagen, Mythen und Götter, so ward der wilde Wind zum Wotan und der blütenerweckende Hauch des Frühlings zur Freia, die Sonne zum göttlichen Baldur, Frost und Wintersturm zu ungetümen Riesen. Und solange es Dichter giebt, wird des Menschen höchste Macht nicht ersterben, die stumme Natur zum holden Echo menschlichen Empfindens zu machen. Da wird er zum Schöpfer, der Totes mit seinem Hauche belebt, wird durch ihn doch erst die Rose mit ihrem Duft zum Liede der Liebe!

Wenn die Hyacinthen blühen, senden sie ihre Düfte aus. Was sie damit sagen wollen, das ist ihr Geheimnis, von dem jedoch die Forscher den Schleier gezogen haben. Sie blühen und duften für die Frucht, daß sie Nachkommen haben, die ihre Art, ihre Schönheit, ihre Wesenheit erhalten. Jede Glocke ist eine Begabung, je herrlicher sie sich entwickeln, um so harmonischer wird die Gesamtblüte, sie ragt hervor vor den anderen wie ein Mensch, dessen Können und Wissen, dessen Begabungen ihn Unzähligen voranstellen.

Allmählich begann auch die zweite Zwiebel zu blühen. Fest und derbe wie ihre Wurzeln waren die Blätter und der mit Knospen dicht besetzte Schaft. Nur noch wenige Tage, und das Ideal einer Hyacinthe stand in ganzer Schönheit da. So war ich zu vermuten berechtigt. Es kam aber anders. Eine einzelne der oberen Knospen färbte sich bläulich und wuchs denen ihrer nächsten Umgebung sichtlich voraus, und als sie sich bereits entfaltet hatte, waren jene noch grün und gering. Diese eine Blüte ward größer als alle übrigen der ausgeblüten Glocken, ja sie zeigte sogar Neigung zum Gefülltwerden und lenkte die Aufmerksamkeit alsobald aus sich. Wer sie sah, erfreute sich ihrer und lobte sie. Als jedoch ihre Mitknospen in ihrer unmittelbaren Nähe nicht nur nicht erblüten, sondern gilbten und abstarben, da machte sie keine ungetrübte Freude mehr, denn sie war groß und hervorragend auf deren Kosten geworden und hatte an sich gerissen, was jenen bestimmt war. Neben ihrer Pracht hingen gelb und welk die im Mangel zu Grunde gegangenen: neben dem Schwellen des Ueberflusses die magere Not.

So entwickelt sich oft auf Kosten mehrerer Fähigkeiten eine besondere Begabung, hier die Begabung für Mathematik, dort für Malerei, für Rechtswissenschaft, für Medizin, für Musik, für Bauen und Zimmern, und häufig genug unter Verkümmerung dieser oder jener wünschenswerten Eigenschaften. Der Künstler ist nicht immer ein gut rechnender Haushalter, dem Mediziner bleibt zuweilen das Gebiet der Künste verschlossen. Der Sprachforscher geht oft blind für die Natur durch das Leben und dem Ingenieur sind die Dichter der Griechen Ballast der Erkenntnis. Und jeder, der sich selbst prüft, wird finden, daß auch bei ihm nicht alle Begabungen gleichwertig entwickelt sind, daß die eine oder die andere wie die Glocke der blauen Hyacinthe Vorsprung nahm und sich zu besonderer Geltung ausprägte. Wer also prüft und nachdenkt, der wird das laute Geschrei von den Gesetzen der Gleichheit, denen die Menschen in Zukunft ihre Glückseligkeit verdanken sollen, gar bald als das erkennen, was es ist: ein Hohngeschrei auf die Gesetze der Natur, das nur Bethörte für erlösende frohe Botschaft halten können.

Die Chininzwiebel ward immer kränker. Zwar drängten sich purpurrote Blüten in dichter stengelloser Traube vor, aber sie trockneten dürr aus und die Spitzen der grünen Blätter färbten sich gelbbraun. Unten an der Zwiebel wucherte bläulicher Schimmel, der zehrte sie aus, ihm konnte die erkrankte, vergiftete Zwiebel keinen Widerstand leisten, und so sah hier das Auge frei, was im Tierkörper verborgen vor sich geht. Den geschwächten Organismus überfallen Bacillen, diese tötet das Arzneigift, gleichzeitig aber ist der Organismus so heruntergebracht, daß ein Pilz, dem das Arzneigift nichts anhat, ihn als Wirt erkiest und ihn gänzlich vernichtet.

Die sechste Hyacinthe aber machte zuletzt den Versuch, vom Lichte so viel zu erhaschen, als die verfehlten Umstände gestatteten. Die Sehnsucht nach dem Licht, das Begehren, auch zu leben und zu blühen, machte sich mit der Gewalt des Naturtriebes geltend. Sie hatte jedoch keine Wurzeln und mußte so nahe dem Wasser verschmachten. Wohl sah ihre Blüte das Licht, aber es waren nur wenige, winzige, weiße Glockchen, die aus der Zwiebel hervorschauten: eine Blüte, alt vor der Zeit, wie verfehltes Leben.

So waren meine Hyacinthen, nur sechs an der Zahl; für mich aber waren sie ebensoviel Blätter aus dem Buche der Natur, darin auch die Gesetze für den sogenannten „Herrn der Schöpfung“, für den Menschen, geschrieben stehen.