Ein Tag in Moritzburg. Das Damwild

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Textdaten
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Autor: Guido Hammer
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Titel: Ein Tag in Moritzburg. Das Damwild
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 42, S. 601–604
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Damwild in Moritzburg
Wild-, Wald- und Waidmannsbilder Nr. 6
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[601]
Wild-, Wald- und Waidmanns-Bilder.
Von Guido Hammer.
Nr. 6. Ein Tag in Moritzburg. Das Damwild.


Die Gartenlaube (1858) b 601.jpg

Das Damwild.

Obgleich das Damwild ursprünglich nicht einheimisch bei uns ist, sondern aus dem südlichen Europa und der Berberei stammt, so ist doch gerade diese Gattung beim großen Publicum die bekannteste, weil sie meist nur in Wildgärten gehalten wird und sich der Betrachtung leicht darbietet, zumal da sie vor allen in eingeschlossenem Raum ungemein fromm[1] wird. Suchen wir es denn auch in einem solchen auf, und zwar diesmal auf einem bestimmten, wirklichen Schauplatze. Der schöne Wildgarten umgibt ein Schloß, das wohl die meisten Leser, wenn auch nicht aus eigner Anschauung, doch dem Namen nach kennen – ich meine das königliche Jagdschloß Moritzburg bei Dresden. Wer hätte nicht schon von den glänzenden Festen des prachtliebenden Königs von Polen und Kurfürsten von Sachsen, August des Starken, die in diesem Schlosse und seiner Umgebung abgehalten worden sind, gehört oder gelesen? Oder wer hätte nicht von der weltberühmten, in ihrer Art einzigen Hirschgeweihsammlung vernommen, welche die innern, sonst ziemlich schmucklosen Räumlichkeiten ziert? Gibt es doch hier das vielendigste Edelhirschgeweih, was man überhaupt kennt: ein Geweih von 66 Enden! Geschossen wurde dieser Hirsch, der 6 Centner 11 Pfund wog, von Friedrich I. von Preußen im Jahre 1696 und dem Kurfürsten von Sachsen, August dem Starken, zum Geschenk gemacht. Außerdem befindet sich in dem mit vier großen runden Eckthürmen und einem höheren Capellenthurme geschmückten Schlosse noch manche Sehenswürdigkeit aus der Zeit des starken August; unter anderm sein Himmelbett in einem mit den glanz- und farbenreichen Federn tropischer Vögel bekleideten Zimmer, welche Tapete aus Mexico herrührt und Geschenk des Königs von Spanien ist. Andere Zimmer haben gemalte Ledertapeten, auf denen Jagdscenen mit dem Portrait des Königs, der Gräfin Königsmark, der Gräfin Kosel und anderer bekannter Persönlichkeiten veranschaulicht sind. Auch theilweise sehr werthvolle Bilder fehlen nicht, wie z. B. von Lucas Kranach, dann ein prächtiges Bild: ein Wilddieb einen Rehbock aufbrechend, lebensgroße, ganze Figuren von Ch. Paudig. Dieses Gemälde hat noch ein besonderes Interesse dadurch, daß der darauf dargestellte Wildschütz der letzte (in Sachsen) zum Tode verurtheilte sein soll, und zwar zu einer der grausamsten Todesarten, die es gibt. Er wurde nämlich auf einen lebenden Hirsch gebunden, dem man die Freiheit [602] gab. Natürlich stürzte das durch die ungewohnte Last in Angst versetzte Thier in rasendem Lauf durch Dick und Dünn, bis es verendend zusammenbrach. Es geschah dies auf dem Steinbacher Revier im Moritzburger Forstbezirk, wo der Hirsch mit dem noch festgebundenen zerrissenen Leichnam des Unglücklichen gefunden ward. Doch entziehen wir uns dem gräßlichen Bild, und treten wir von Dresden aus unsere Wanderung an, um die bewaldete Gegend, die eine Hochebene ist, friedlich zu durchstreifen.

Schon auf halbem Wege, ein und eine halbe Stunde von der Residenz, nimmt uns eine schnurgerade, ehrwürdige alte Kastanienallee auf, der sich ungefähr drei Viertelstunden vor dem Schloß eine noch ehrwürdigere, prachtvolle Lindenallee anschließt, welche bis vor das Schloß führt. Da liegt die stattliche Moritzburg, umgeben von zwei Weihern, auf deren einem man eine kleine Insel mit einem von italienischen Pappeln umgebenen Pavillon – ein Anblick, wie die Illustration eines Stammbuches – liegen sieht. Beide Weiher sind nur durch einen Damm getrennt, auf dem eine kurze, zopfig verschnittene Kastanienallee geradezu in die mit verschnittenen Taxus- und anderen Bäumen verzierte Umgebung führt, von wo aus die breite Auffahrt nach dem höher gelegenen, charakteristisch mit Hirschgeweihen verzierten Schlosses beginnt. Am Anfang derselben blasen zwei vortrefflich in Stein ausgehauene lebensgroße Jäger im Roccococostüm, mit mächtigen Flügelhörnern versehen, ihr stummes „Hallali“. Auf beiden Seiten der Auffahrt stehen auf steinernen Geländern pausbackige, ebenfalls steinerne, mit Emblemen der Jagd und Fischerei bezeichnete Jungen. Auch die Terrasse des Schlosses ist rings herum von dergleichen Gestalten umgeben, unter denen sich wiederum auf den Ecken lebensgroße Jäger mit Hunden u. s. w. auszeichnen, besonders zwei, welche ihrem Costüm nach einer früheren, der Zeit des Mittelalters, angehören. Rechts und links gehen Freitreppen hinan, während die hintere Seite abermals eine breite Auffahrt bildet, die in den unmittelbar dahinter liegenden Schloßgarten mündet. Dieser führt uns in seinem Zopfstyl mit den sonderbar künstlich geformten Bäumen und Hecken so recht charakteristisch in jene Tage der Vergangenheit. Sechs kleine pavillonartige Häuschen sind am Fuße des Schlosses vertheilt.

Das Ganze nun umgibt der Thiergarten, und zwar ursprünglich der nicht bedeutend umfangreiche sogenannte alte Thiergarten, in dessen Mitte das „Hellhaus“ steht. Es ist dieses ein achteckiges, zweistöckiges, erhöht liegendes Gebäude, von dem aus acht Alleen den Thiergarten durchschneiden, welche dazu bestimmt waren, bei früheren Jagden wahrnehmen zu lassen, wo sich das Jagen hingewendet habe, indem auf jenem Hellhause nach der betreffenden Richtung eine Fahne ausgesteckt wurde, die man von den Alleen aus bequem beobachten konnte. Außerdem liegt östlich vom Schlosse die Fasanerie mit ihrem charakteristischen, in chinesischem Styl erbauten Schlößchen, an dessen vier Ecken lebensgroße, in Stein ausgehauene verendende Hirsche mit mächtigen natürlichen Geweihen liegen. In Verbindung mit diesem Schlößchen steht das sogenannte Garnhaus, ein ebenfalls in chinesischem Styl erbautes, aus lauter dünnen Latten zusammengefügtes, luftiges Gebäude, in welchem unter lebendigen Taxushecken und künstlichen Palmen Fontainen plätschern und buntfarbige Gold- und hellglänzende Silberfasanen nebst prächtig schillernden Pfauen umherwandeln, während das Proletariervolk der Sperlinge in den blechernen Blättern der Palmeninsel sein Wesen treibt. Dicht dahinter liegt der „Großteich“ den bedeutendem Umfange, versehen mit einem Leuchtthurm und einer Insel, auf der unter Pappeln und Trauerweiden ein Pavillon steht, welcher früher, wie jener auf dem Schloßteiche, bei Festlichkeiten zu fröhlichen Schäferstunden benutzt worden sein soll. Ein Seeschiff in verkleinertem Maßstabe, das ebenfalls früher unter Kanonendonner seine hohen Gäste auf dem Teiche umhergetragen hat, ist nicht mehr vorhanden hat, jedoch noch bis in die neuere Zeit existirt.

Zwischen dem Fasanen- und dem Hauptschlosse zieht sich ein breiter Canal hin, der die „weißen Hirschgärten“ durchschneidet, in denen sich bis in die jüngste Vergangenheit das sogenannte „Bläß-“ und weiße Edelwild befand – Varietäten, die leider in Moritzburg ausgestorben sind. Die verwaisten Räume werden jetzt nur von verwilderten Haideschnucken bewohnt, und doch haben gerade diese Gärten mit ihrem zopfigen und doch so respectablen Schmuck einen eigenthümlichen Reiz. Großartige, für Wasserkünste bestimmte Gruppen, Vasen, Statuen und breite Canäle bilden zu den mächtigen Eichen, Buchen, Fichten u. s. w. einen eigenen Contrast, sowie die dabei stehenden, aus glatt verschnittenen, nach oben zu die Höhe mächtiger Bäume erreichenden Fichtenhecken gebildeten kolossalen Buchstaben A. F. A. für die wunderbare Ausdauer unserer Vorfahren zeugen, die so etwas anlegen konnten, ohne hoffen zu können, ihre Schöpfung je in ganzer Vollendung zu sehen.

Dies ist so der eigentliche Complex von Moritzburg; es ist jedoch dem „alten Thiergarten“ noch eine bedeutende Waldung beigefügt worden, der sogenannte „Hinterwald“ und die „Oberecke“, so daß der ganze, ringsherum durch einen hölzernen Wildzaun vermachte Thiergarten nun gegen 4000 Acker umfaßt. An Wild enthält er Sauen, Hochwild und Damwild, nicht gerechnet die Rehe, welche durch den Zaun ein- und ausgehen.[2] Es steht daher zu erwarten, daß wir auf unserer Wanderung auch noch anderes Wild, als das vorzugsweise gesuchte, zu sehen bekommen, und wir werden unsere Unterhaltung nicht beeinträchtigen, wenn wir es nicht gänzlich unbeachtet lassen. Zuvörderst wenden wir uns wieder dem Hauptschlosse zu, in dessen Nähe wir nicht lange zu suchen haben werden, um auf das Gewünschte zu stoßen.

Wir gehen am Schloßteiche vorüber, dessen Damm eine Kastanienallee bildet. Die ehrwürdigen, alten Baume senken ihre Aeste tief hinunter, um mit Zweigen und Blättern das klare, kühle Wasser zu streifen, als zöge sie eine unbewußte Sehnsucht dahin. Säuselnd und flüsternd klingt’s im Schilf, das unter ihnen wächst, und setzt sich fort in den schwankenden, niedergebeugten Aesten der alten Kastanien, bis es in den hohen Wipfeln wie ein voller Accord dahin rauscht. Weiter hin, ein Stück hinter dem Schlosse, ersteigen wir einen sanften Anhang, dessen hügeliges Terrain stellenweise mit einzelnen mächtigen, silberbemoosten Steinblöcken oder mit Gruppen solcher bedeckt, so wie mit alten, zum Theil schon verwitterten Buchen bestanden ist. Wie ladet hier der kurze Rasen unter dem herbstlich gefärbten, goldenen Laubdache ein, sich darauf hinzustrecken und den bezaubernd schönen Anblick zu genießen, der sich nördlich vom Schlosser dem erstaunten Auge darbietet! Befanden wir uns eine kurze Strecke hinter uns noch unter Statuen, Mauern und Thürmen und unter Bäumen, die, durch Menschenhand in bestimmte Formen gebracht, kaum noch an die Natur erinnerten, so schweift jetzt das Auge über eine echte stille Waldlandschaft hin. Unmittelbar vor uns, unter dem Buchenhange, dehnt sich eine weite, hier und da durch eine einzelne mächtige Eiche oder Buche beschattete Waldwiese hin, hinter der ein weiter Wasserspiegel, der sogenannte „Mittelteich“, umschlossen von Nadelholzwald, sich ausbreitet. In herbstlich morgentlichem, ruhigem, silbernem Ton liegt das Ganze vor uns. Eben rührt sich kein Lüftchen, so daß die alten Buchen über uns wie träumerisch schweigen und nur das Klopfen eines Spechtes, gleichsam der Herzschlag dieser stillen und doch so beredten Zeugen eines liebenden Schöpfers, zu hören ist. Sichtbar sind in diesem Augenblicke von lebenden Wesen nur ein über dem schilfbekränzten Weiher kreisender Reiher und ein paar im Sonnenschein weithin leuchtende Möven, die über der spiegelnden Fläche kreischend umherkreuzen, um dann und wann niederzuschießen und dem Gewässer die scharf erspähte Beute zu entreißen.

Nicht satt sieht man sich an dieser melancholischen friedlichen, stillen, feierlichen Waldesnatur. Immer und immer wieder schweifen die Blicke darüber hin, bis sie dort auf dem Bruch an einem Gegenstande haften bleiben, der sich eben bewegt und den man, wenn dies nicht der Fall wäre, wohl für einen aus dem hohes Grase hervorragenden Ast halten könnte. Aufmerksam gemacht, entdeckt man aber, daß es das Geweih eines Damhirsches ist. Jetzt sieht man auch noch mehrere hervorragen, und genau hinüberblickend gewahrt man die Köpfe eines ganzen Trupps. So haben wir denn vor uns, was wir suchten, wenn auch etwas fern und liegend. [603] Schreiten wir deshalb darauf zu, um die Thiere wenigstens flüchtig und flüchtend zu betrachten; denn so leicht sie am Fütterungsplatze oder auch wohl im Stangenholz an sich herankommen lassen, – auf freier Wiese halten sie ungern.[3]

Und richtig, kaum haben wir uns bis auf 3–400 Schritt genähert, so erhebt sich der ganze Trupp, Eines nach dem Andern, Groß, Klein, Weiße und Bunte. Alle wenden uns die Köpfe zu, uns neugierig anäugend. Jetzt wendet ein altes Thier um und schreitet langsam vorwärts; dann geht es in einen unbeholfenen, bocksteif aussehenden Galopp über und alle Uebrigen folgen in dieser drollig aussehenden Gangart nach, die Blumen[4] dazu hoch emporhebend, bis sie sich in’s gewöhnliche Trollen finden. In einiger Entfernung machen sie sämmtlich wieder Halt, um nochmals zurückzuäugen, und verschwinden dann, ruhig weiterziehend, in dem gegenüberliegenden Walde.

Nachdem wir wenigstens einen flüchtigen Gesammteindruck der gesuchten Wildgattung gewonnen, lassen wir uns verleiten, ihnen nachzufolgen, um sie möglicher Weise nochmals und besser zu Gesicht zu bekommen, oder, wenn nicht dieselben, doch andere. Schon ehe wir zum Saume des über die Wiese hinliegenden Waldes gelangen, springen kurz vor uns im Grase mit erschrecktem, grunzendem Tone mehrere Sauen auf, die – es sind unter ihnen zwei Bachen mit einer Schaar von Frischlingen – eilig die Flucht ergreifen. Ein Keiler nur bleibt in kurzer Entfernung stehen und kommt mit aufgehobenem Gebräch[5] schnaubend ein paar Schritte zurück, eilt aber dann ebenfalls mit grunzend auffahrendem Tone dem Rudel nach. In der Hoffnung, auch dieses Wild weniger flüchtig betrachten zu dürfen, setzen wir unseren Waldgang fort. Meist ist es Kiefernwald, der uns jetzt aufnimmt, obgleich gerade dieser Theil des Thiergartens, „der Hinterwald“, manche echt waldige Partie von Fichten, hier und da eine alte, verwetterte Eiche oder Buche aus alter, guter Zeit bergend, in sich schließt.

Von hohem Reiz sind aber die mitten im Walde liegenden Brüche, auf denen öfter einsam eine oder mehrere viele hundert Jahr alte Eichen stehen und mit ihren zackigen, theilweise vom Blitz zerschlagenen Wipfeln in die Luft hineinstarren. Kreischend tummeln sich darin die Nußheher, die dann mit welligem Fluge dem die Wiese begrenzenden Nadelwalde zufliegen, um hier emsig die im Kropfe aufgespeicherten Eicheln zu verstecken, und so unwillkürlich die Beförderer der Laubholzculturen zu werden. Auch Sauen erblickt man, wie sie ruhig, da sie von uns, die wir still am Waldsaum hingehen, keinen Wind bekommen, die Eicheln unter mächtigen Bäumen aufsuchen. Stören wir sie nicht in ihrer Lieblingsäßung und benutzen wir den Vormittag, um den Hinterwald zu durchstreifen. Wieder kommen wie an stille Teiche, die „Alten Teiche“ genannt, und sehen wohl hier und da ein Stück Wild oder auch einen Edelhirsch hinziehen, aber mit der zunehmenden Tageswärme sucht Alles mehr die schattigen Dickichte auf. Stiller wird’s und einförmiger; kein Vogel, kein sonstiger Ton läßt sich hören, über der blühenden Haide sieht man die Luft zittern, und die Sommerfäden ziehen über die Blößen hin; der Mittag naht heran.

Auch wir suchen einen zum Haltmachen geeigneten Ort, doch nach guter Waidmannsart mit Fourage in der Jagdtasche versehen, nicht im Wirthshause, sondern im duftigen, schattigen Walde. Um unsern nächsten Zweck zu erreichen, gehen wir noch ein Weilchen, und ziehen uns am Hinterwalde zurück. So kommen wir wieder an den Mittelteich, aber an sein anderes Ende. Hier erlauben wir uns, in einer Thorwärterwohnung uns durch einen frischen Trank Bier zu erquicken, worauf wir gestärkt weiter ziehen, und zwar den Teichdamm entlang, der noch vor kurzer Zeit einen der malerischsten Punkte der Umgegend von Moritzburg bildete. An tausend Jahr alte, kerngesunde Eichen standen hier, wundervoll gruppirt, als Baumrecken der Vorzeit – sie verfielen der Neuzeit als Opfer, weil in der Forstverwaltung das Princip aufgestellt wurde: auf Dämmen keinen Baum zu dulden. Kein Mächtiger that Einspruch diese lebendigen Denkmäler grauer Vergangenheit zu schützen. – Also mit einem Seufzer schreiten wir auf kahlem Damme dahin und schlagen uns, wie jener grollende Indianer „seitwärts in die Büsche.“ Im Schatten untermischten Holzes von Kiefern und Fichten, prächtigen Buchen und Eichen erreichen wir das schon Eingangs erwähnte „Hellhaus“, um vor der Hand an diesem Platze zu rasten.

Kaum kann man sich ein reizenderes Plätzchen zum Ruhen wählen, als dieses. Vor der heißen Mittagssonne geschützt durch den Schatten des auf einer Erhöhung liegenden Gebäudes, auf kurzem, von wildem Thymian duftendem Rasen hingestreckt zu liegen, umgeben von prächtigen feinnadeligen Weimuthskiefern, alten bemoosten Lärchbäumen, Fichten und Buchen, die theils die acht Alleen bilden, theils die unmittelbare Umgebung dieses stillen Asyls sind, und Alles dies an einem schönen Herbsttage zu genießen, ist von unnennbarem Reize. Stundenlang möchte man sich dem Wohlgefühle überlassen und den dahineilenden, silberscheinigen Wolken zuschauen, die bald in dieser, bald in jener phantastischen Gestalt am blauen Aether dahinziehen, immer und immer die Formen wechselnd, bis sie zergehen und endlich dem Auge ganz verschwinden. Neue kommen, zerrinnen und verschwinden, immer dasselbe Spiel – und doch immer anziehend, nimmer ermüdend! Dazu löst der linde Wind die aromatischen Wohlgerüche des Thymians und des Nadelholzes und streift weiter durch die feinen, langen Nadeln der Weimuthskiefern und all’ die nadel- und blätterreichen Wipfel des Waldes dahin, daß es wie ein sanftes Schlummerlied klingt. Träumerisch schließt man die Lider, die Eindrücke des Tages am inneren Auge nochmals vorüberziehen zu lassen, bis man dabei entschlummert und die Träume in phantasiereicher Geschäftigkeit zauberische Bilder schaffen. Da eilt man flügelbegabt mit den Wolken über die Wipfel des Waldes dahin, sieht liebliche Wildgruppen unter sich oder läßt sich wohl gar zu den nun vollkommen Zutraulichen hernieder, unter ihnen zu wandeln und mit ihnen verständlich zu verkehren. Ein ganzes Leben lebt man mit ihnen, zieht mit in thaufrischen Gräsern umher, über blühende Haide hinaus auf Wiesen und an die Weiher. Jahre sieht man so an sich vorüberstreichen in freier Ungebundenheit und doch brauchte die Phantasie der Seele vielleicht nur Minuten, ja Secunden dazu, all’ diese glücklichen Bilder herbeizuzaubern. Hier erwacht man aus einem schönen Traume wenigstens zu einer schönen Wirklichkeit und gestärkten, heitern Sinnes gibt man sich wieder froh dem Vollgenusse der freien Natur hin.

Verweilen wir noch etwas auf unserem Ruhepunkte und sehen bald da, bald dort über eine der Alleen ein Stück Hochwild, Damwild oder einen borstigen Keiler ziehen, die sich nun nach und nach dem nahen Fütterungsplatze zuwenden und bis dahin entweder in den umliegenden Dickichten und Stangenhölzern verweilen, oder auf der freiliegenden Wiese im hohen Grase liegen oder sich dort äßen. Dies ist auch der Ort, wo wir unsere Burschen, die Damhirsche nebst Familie, näher in Augenschein nehmen werden.

Auf einem von Nadeln glatten Wege gehen wir, oft ausgleitend, die östliche Allee hinab und kommen auf einen freien Bruch, auf dem am Rande des Waldes bereits allerhand Gewild erscheint, um der baldigen Fütterung, die hier auf einer Blöße geschieht, zu harren.

Inzwischen lassen wir uns auf die von rohen Stangen massiv gezimmerte Bank nieder. Die Zeit kann uns nicht lang werden; denn da sieht man den borstigen, dunkeln Kopf eines Keilers aus dem nahen Dickicht gucken, dort eine Bache, hinter sich her die Frischlinge, über die Wiese traben. Auch läßt sich in gemessener Entfernung schon ein Edelhirsch sehen, während das Damwild schon in ganzen Trupps vorhanden ist.

In nicht zu großer Ferne hört man jetzt auf hartem Wege einen Wagen heranfahren und wie ein Zauberton wirkt dieses sonst so gleichgültige Geräusch auf unsere lebendige Umgebung. Wohlbehäbig grunzend kommen auf einmal aus allen Ecken und Enden aus den nahen Dickichten Rudel von Sauen hervor. Groß und Klein, schnaubend und quiekend ziehen sie allesammt eine kleine Strecke dem gehörten Wagen entgegen, der bald, von den Thorwärtern bespannt und gezogen, sichtbar wird. Angekommen auf dem Platze, umgeben die Sauen die Equipage, auf der sich das Futter für sie befindet, so daß die Leute sich mit den Füßen vor ihrer Zudringlichkeit wehren müssen. Bald ist das aus Kartoffeln, Haidekorn, Erbsen, Eicheln etc. bestehende Futter aus den Säcken geschüttet und in langen Streifen ausgestreut. Nun geht es mit geschäftiger Eile an das Heben[6] desselben. Zuerst nehmen sie die Körner und Eicheln auf; Kartoffeln bleiben bis zuletzt liegen. Dabei streiten sie sich um ein einzelnes Korn, das sie bequem wo anders heben könnten, und nicht selten kommt es vor, daß sie sich mit ihren scharfen Gewehren[7] klaffende Wunden schlagen, die zuweilen tödtlich sind.

[604] Unterdessen ist aber auch unser Damwild herangekommen, und zwar nun so nahe, daß man es zehn bis fünfzehn Schritte vor sich hat. Die harmlosen Thiere halten sich an die Kartoffeln, die sie mitten unter dem Schwarzwild als ungeladene Gäste sich aufsuchen; jedoch immer von Zeit zu Zeit die Köpfe emporhebend und sich sichernd. Da gibt es weiße mit ihren rosigen Nasen und graubläulichen Lichtern, deren längliche Pupillen, wie bei den Ziegen, horizontal stehen, was dem Damwild eigen, dem weißen und bunten sowohl, als dem schwarzen. Wir haben deren von allen Sorten vor uns. Bei allen sieht man auf den ersten Blick, um wie viel feister sie gegen das Hochwild sind, welches sich mit elastischem Schritt auch mehr und mehr genähert hat. Der Grund dieses feisteren Aussehens des Damwildes liegt darin, daß es auch die Naschhaftigkeit der Ziegen besitzt und immer das Beste wählt. Dazu kommt, daß sie in den Thiergärten, wo gefüttert wird und werden muß, sich am besten dazuhalten; ja zur Zeit, wenn Heu und Hafer gefüttert wird, gar nicht von den Raufen und Krippen weichen, sondern gleich dabei liegen bleiben und den ganzen Tag daran herumknuspern. Dabei leidet das Edelwild zwiefache Beeinträchtigung, indem es bald nur das Uebriggebliebene, bald wohl auch gar nichts bekommt, weil es aus Abneigung gegen das Damwild die von diesem hartnäckig besetzten Raufen lieber ganz meidet. Trotzdem sehen die Mitglieder der Damwildsippe bei weitem weniger imponirend aus, als das Hochwild, da sie nicht nur viel kleiner und gedrungener, als dieses, sind, sondern auch ihr ganzer Habitus ein mehr ziegenartiger ist. Das bekanntlich schaufelartige Geweih ist wohl ganz respectabel, mit dem Edelhirschgeweih kann es sich jedoch in Beziehung auf Schönheit und würdevollen Schwung durchaus nicht messen. Außerdem fehlt dem Damhirsch die Mähne oder Krause am Halse, die dem Edelhirsch namentlich zur Brunftzeit so vortrefflich steht, gänzlich, so wie er auch, was freilich äußerlich nichts zum Unterschiede beiträgt, keine Haken[8] hat.

Ein charakteristisches Merkmal des Damwildes ist die Blume, und es sieht gar sonderbar aus, wenn ein Trupp beisammensteht, um mit diesem Werkzeuge die Fliegen und Mücken zu vertreiben, indem sie ununterbrochen damit hin- und herwedeln, als wären eben so viele Perpendikel in Bewegung gesetzt. Ihren originellen Galopp, der nur ihnen eigen ist, haben wir gleich Anfangs zu beobachten Gelegenheit gehabt. Der Schrei des Damhirsches zur Brunftzeit, die im November eintritt, ist ebenfalls nicht mächtig, wie beim Edelhirsch, sondern mucksend und kurz abgestoßen. Sonst ist die Lebensweise dieser Thiere ziemlich gleich der des Edelwildes, und wie bei diesem gehen die Schaufler bis zur Brunftzeit meist beisammen, nur die schwachen Hirsche bleiben mit den Thieren, Schmalthieren und Kälbchen das ganze Jahr über, die Brunftzeit abgerechnet, vereint. Um auf die Farbe zurückzukommen, so gibt es, wie schon erwähnt, weiße, bunte, nämlich rothbraune mit regelmäßig vertheilten weißen Flecken, und schwarze, die am seltensten vorkommen; namentlich sind sie in Moritzburg schwach vertreten. Die Schwärze erstreckt sich über den ganzen Körper, und nur Kopf und Läufte gehen in das Aschfarbene über.

Ehe wir uns vom Fütterungsplatze trennen, fesseln unsre Augen unter dem unterdeß ebenfalls herangekommenen Hochwild ein paar Stücken Bläßwild, worunter ein Hirsch, gleichsam die „letzten der Mohikaner“; denn von dem ganzen derartigen Stamme, den es hier gab, sind sie allein übrig geblieben. Das weiße Edelwild ist, wie schon erwähnt, bereits ausgestorben. Beide Arten sind Varietäten und in Bau und Lebensart vollkommen dem Rothwild gleich, nur etwas zärtlicher. Jedenfalls ist das Bläßwild eine Kreuzung des weißen und des rothen. Gewöhnlich hat es auf der Stirn eine weiße Blässe oder auch wohl einen ganz weißen Kopf, und dabei sind meist die untern Theile der Läufte weiß; sonst hat es die Farbe des Rothwildes, aber bläuliche Lichter, mit denen es wie das weiße Wild, welches ebenfalls derartige besitzt, sehr schlecht sieht.

Wir brechen jetzt auf, und bei der ersten Bewegung, die wir zum Aufstehen machen, fährt Alles auseinander, Sauen, Damwild und Hochwild, das letztere am weitesten. Kaum aber hat man die Lücke durchschritten, so schaaren sich die Gescheuchten wieder zusammen und äßen ruhig weiter; nur wiederum das Hochwild kommt nicht gleich zurück.

Der Abend fängt bereits mit seinem vergoldenden Lichte an herabzusinken, und wir beeilen uns, noch den entgegengesetzten Theil des Thiergartens, „die Oberecke“, auf unserm Heimwege zu durchstreifen. Ehe wir dorthin gelangen, kommen wir nochmals bei dem Schlosse vorbei, so wie wir zur andern Hand noch einmal das Fasanenschlößchen liegen sehen; beide strahlen im purpurnen Abendschein, und die Moritzburg spiegelt sich in der ruhigen, klaren Blänke des Schloßweihers. Hier begegnen unserm Blicke noch ganz in der Nähe zwei starke Damhirsche, die am Wasser stehen und die charakteristische Staffage zu diesem Abendbilde am Schlosse bilden. Im Weiterschreiten sehen wir noch manches verspätete Wild der Fütterung zuwandeln, während wir unsern Weg nach den sogenannten „Dardanellen“ einschlagen. Diesen gewichtigen Namen führt eine ruinenartig im Festungsstyl aufgeführte, mit Schießscharten versehene Mauer, die den Großteich vom Thiergarten scheidet. Jedenfalls dachte man sich den Großteich als Bosporus und das früher darauf schwimmende Seeschiff als türkische oder russische Flotte. Bereits auf der „Oberecke“ angekommen, lassen wir eine kleine Fütterung für die Sauen dieses oberen Theiles links liegen, und durchschneiden ihn seiner Länge nach. Auch hier breiten sich stille Teiche aus, die namentlich jetzt, wo sich der sanft leuchtende Abendhimmel mit den in tiefem Ton gefärbten Waldessäumen auf der durch keinen Hauch gekräuselten Fläche wiederspiegelt, einen melancholischen Eindruck machen. Schon neigt sich das Zwielicht zur wirklichen Dunkelheit, da wir den südlichsten Theil des Thiergartens erreichen, in dessen äußerster Ecke eine kolossale Eiche steht. Den Wald mächtig überragend, überschaut sie wie ein Riesenwächter mit malerisch zerwettertem Gipfel das Ganze. Ist dieser Nestor unter den Bäumen doch ziemlich siebenzehn Ellen im Umfange des Stammes stark! Ein Blick nach dem in geringer Entfernung liegenden „Georgenteiche“ läßt uns noch ein paar Edelhirsche erblicken, die eben auf die Blöße herausgezogen sind. Stolzen Schrittes ziehen sie dahin, und bieten dem Beschauer ein reizendes Bild. Die friedliche Stimmung der Natur wird selbst durch die herbstliche Frische, welche der Abend mit sich gebracht hat, so wie durch die gespenstig hinschleichenden Nebel noch erhöht. Es ist dieser Anblick gleichsam der Scheidegruß eines an einem schönen poesievollen Ort verlebten glücklichen Tages.

Bald nehmen uns die außer dem Thiergarten liegenden Felder, von welchen die Kartoffelkräuter ihren herbstlichen, eigenthümlich scharfen Geruch ausströmen lassen, und dann die Dörfer auf, durch die uns unser Weg führt. Indem wir zögernd rückwärts blicken, bietet sich uns eine neue Aussicht dar: noch einmal winkt uns ein stiller, außer dem Thiergarten liegender, waldumsäumter Teich zu, der die letzten goldigen Säume der im Westen aufsteigenden Wolkenmassen in sich spiegelt. Vor uns tönt das melodische Abendläuten im nahen stillen Haidedorfe, das wir durchwandeln, bis uns hinter diesem abermals Wald, die bis unmittelbar an die Residenz heranreichende „Dresdner Haide“ aufnimmt. An ihrem Saume liegt meine Wohnung, und hier rufe ich meinen Begleitern, die mir willig und nachsichtsvoll gefolgt, ein „Waidmanns Heil“ zu.





  1. fromm: zahm.
  2. An dieser Stelle erlaube mir der Leser eine kleine Unterbrechung zur Bemerkung und Berichtigung eines Irrthumes, der, wie er früher selbst unter den bedeutendsten Männern der Wissenschaft allgemein gewesen, neulich von mir ausgesprochen worden. Derselbe ist aber durch die neuesten Untersuchungen, von denen ich mich aus den bezüglichen Schriften seitdem überzeugt habe, aufgeklärt und beseitigt worden. Er betrifft nämlich den Gegenstand der Rehbrunft, von der ich im vorigen Artikel gesagt hatte: „im August sei die falsche Brunft.“ Dem ist nicht so, vielmehr geht in diesem Monate die wirkliche Begattung vor sich und es bietet daher die Gattung Reh den auffallenden Umstand dar, ungefähr 42 Wochen tragend zu gehen und zwar so, daß sich bis Weihnachten nichts oder doch nur gegen Ende dieser Zeit die Entwickelung des Embryo zeigt und dann erst einen regelmäßigen Fortgang nimmt. Wir geben die Notiz, um nicht den Vorwurf zu verdienen, wissentlich einen Irrthum aus bloßem Indifferentismus unberichtigt gelassen zu haben.
    G. H.
  3. So zahm das Damwild überhaupt im eingehegten Raume ist, so scheu und schlau benimmt es sich, wenn es im Freien vorkommt.
  4. Blume: Schwanz.
  5. Gebräch: Schnauze.
  6. Heben: aufsuchen, fressen.
  7. Gewehre: Eckzähne.
  8. Haken: zwei rundliche Eckzähne, die beim Hochwild im Oberkiefer stehen und beim Jäger als Trophäen einen großen Werth haben.