Ein anderer Nettelbeck

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Autor: Karl Nauwerck
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Titel: Ein anderer Nettelbeck
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aus: Die Gartenlaube, Heft 19, S. 298–300
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Mettlerkamp, ein Held aus der Hamburger Franzosenzeit
Erinnerungen aus der Zeit der schweren Noth
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Ein anderer Nettelbeck.
Erinnerung aus der Zeit der schweren Noth.


Die schönsten, ehrenreichsten Epochen, welche seit Jahrhunderten das deutsche Volk erlebt hat, sind und bleiben die Jahre dreizehn bis fünfzehn und das Jahr achtundvierzig. Auf beide folgten zwar Erschlaffung und Niederlage, aber ihre innere Triebkraft hat sich bewährt und vollberechtigt ist die Erwartung, daß eine dritte entscheidende Epoche unsere Entwickelungsnoth krönen und uns endlich im Innern und nach Außen gesund und kräftig machen wird.

Inmitten der weitverbreiteten Gleichgültigkeit des heutigen Geschlechts versenkt sich das patriotische Gemüth gern in den Schwung und die Erhebung jener großen Zeit, da unsere Väter die fremden Ketten brachen. Für die Kämpfe des Tages schöpft es neue Kraft aus unserm größten Freiheitskampf, wie Antäus aus der mütterlichen Erde. Mit nationalem Stolz schaut es auf die Gestalten und Thaten der damaligen Führer und Streiter; doch hat es Liebe und Bewunderung nicht blos für jene Alles überstrahlenden Namen, die Jedermann kennt, sondern auch für die Männer zweiter und dritter Ordnung, welche bescheidentlich in engeren Kreisen bei Erfüllung ihrer Bürger- und Soldatenpflicht sich hervorthaten.

Ein solcher Mann war David Christian Mettlerkamp. 1774 in Hamburg geboren, führte er seit 1808, nach verschiedenen Reisen, das Geschäft seines Vaters, eines Bleideckers, mit Fleiß und Tüchtigkeit, hatte aber zugleich offene Augen für das Wohl und Wehe des engeren und weiteren Vaterlandes.

Von einem bewußten Vaterlandssinn, von einem Schmerze über den Fall der Unabhängigkeit Deutschlands war in Hamburg fast noch weniger die Rede als anderswo. Als Franz die deutsche Kaiserkrone niederlegte, ordnete ein Senatsbeschluß an, unter alle Ausfertigungen statt „kaiserliche freie Reichsstadt“ zu setzen „freie Hansestadt Hamburg“. Nach der Schlacht bei Jena erließ der Senat ein revidirtes Mandat in Betreff nöthiger Vorsicht und Bescheidenheit in Reden und Schreiben über die Weltereignisse und die Kriegsangelegenheiten. Dies war die Hamburgische Uebersetzung des unsterblichen Wortes: „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht.“ Man wiegte sich in eitlen Träumen ewiger Neutralität mitten im europäischen Kriegsgetümmel und schmeichelte sich mit ungestörter Fortdauer hanseatischer Handelsblüthe, sogar dann noch, als 1806 die Franzosen eingerückt waren. Die Unsicherheit alles im Unglück der Nation erlangten Sonderglücks trat sofort in furchtbarer Klarheit vor Augen. Die Millionen Mark, welche man schon vorher für den Unterhalt französischer Truppen in Hannover und als „Douceurs“ an Generäle und Diplomaten bezahlt hatte, konnten den Sturz der alten Hansestadt nicht aufhalten. Schon zwei Tage nach der Ankunft der Franzosen erschien das berüchtigte Decret von Berlin, in Folge dessen der Verkehr mit England bei Todesstrafe verboten und alle englischen Waaren confiscirt wurden. Diese confiscirten Waaren durften dann mit sechszehn Millionen ausgelöst werden, deren Bezahlung aus öffentlichen Mitteln die Bürgerschaft beschloß. Trotzdem wurden diese Waaren mit einer schweren Steuer belegt. Und zu guter Letzt befahl ein neues Decret aus Fontainebleau die Verbrennung sämmtlicher englischen Waaren in allen von Frankreich beherrschten Ländern. Die Kaufleute selbst wurden eingeladen, der feierlichen Verbrennung ihres zweimal bezahlten Eigenthums beizuwohnen, und sahen, daß meist werthlose Gegenstände und mit Stroh gefüllte Ballen verbrannt wurden; die confiscirten Waaren waren als Beute in den Händen der französischen Beamten geblieben! Truppenzüge und Erpressungen bildeten die Geschichte Hamburgs in den folgenden Jahren. Vor der Einverleibung in das Kaiserreich rief Napoleon einer Hamburger Deputation zu: „Ihr werdet ruinirt sein, sagt ihr? Desto besser! Dann könnt ihr nicht mehr Englands Geschäfte besorgen.“

Unter den Männern von Kopf und Herz, welche in Hamburg während der tiefsten Finsterniß des Despotismus das heilige Feuer der Vaterlandsliebe hüteten, stand Mettlerkamp in erster Reihe. „Daß durch die Waffen zuerst die fremde Macht gebrochen werden mußte, war mir klar,“ sagte er. Mettlerkamp widmete von da an seine Muße dem Studium der Kriegswissenschaft. Im Winter 1812 suchte er kräftige Leute, besonders Handwerker, auf den Tag der Befreiung vorzubereiten. Am letzten Februar 1813 erfolgte der vorläufige Ausbruch des Volkszornes, am 12. März der Abzug der Franzosen, am 18. März der Einzug der ersten Freischaaren der Verbündeten unter Tettenborn. Sie wurden empfangen von einem Erlösungsjubel des Volkes, dessen Gleichen nie dagewesen. Aber schon am 30. Mai begannen mit dem Einzuge Davoust’s und Vandamme’s die Schrecken der neuen französischen Herrschaft. Darüber, wer die Schuld an diesem namenlosen Elend trug, ist bekanntlich eine ganze Bibliothek geschrieben worden. Gewiß ist, daß die Herren vom Senat sich überaus fürsichtig und muthlos benahmen, dieselben, welche doch 1811 den Muth gehabt hatten, durch eine Deputation nach Paris die Taufe des Königs von Rom mitzumachen und für gnädigste Einverleibung in das Kaiserreich den Dank Hamburgs abzustatten. Ein Mitglied der damaligen Regierung hob später rühmend hervor, „daß sie die Gemüther nicht noch mehr exaltiren wollte, als sie es ohnehin schon waren!“ Tettenborn hatte saure Mühe, seine Vorschläge wegen Errichtung eines hanseatischen Corps von Freiwilligen und wegen Ausrüstung einer Bürgergarde von sechs Bataillonen zur Vertheidigung der Stadt durchzusetzen. Hätten die Herren des Raths und die Matadore der Börse mit der vollen Kraft und Aufopferung gerüstet, wie Preußen, so würde Hamburg sicherlich nicht noch einmal französisch geworden sein. Die Energie und Erfindungsgabe, mit welcher man vorher und nachher den unersättlichen Schlund des Feindes zu füllen suchte, wäre besser am Platz gewesen, als es denselben zu bekämpfen galt. Freilich auch auf Tettenborn und viele seiner Officiere, da sie im üppigen Hamburger Leben erschlafften, fällt ein Theil der Schuld. Als dritter Schuldiger erscheint von Heß, der Befehlshaber der Bürgergarde; seine Unfähigkeit und Unentschlossenheit war einer solchen Zeit nicht gewachsen. Das Volk selbst war begeistert und thatkräftig genug; es bewies namentlich während des Frühjahrs 1814 in wiederholtem Zusammenstoß mit den Franzosen, was mit ihm zu leisten war[,] wäre es besser regiert und geführt gewesen.

Der Wackerste der wackern Hamburger war Mettlerkamp. So wie ihm nur gestattet worden, sich aus ungeordneten Haufen ein Bataillon zu bilden, lebte er ganz der Vertheidigung der Vaterstadt mit allen seinen Kräften, allen seinen Mitteln. Zwei kaum dem Knabenalter entwachsene Söhne führten neben ihm die Waffen. Nach Tettenborn’s und von Heß’s stillem Abzug vom kampfbegierigen Volke laut zum obersten Befehlshaber verlangt, war es Mettlerkamp, der das Wort Saragossa aussprach und an den Senator Bartels schrieb: „Man möge doch die Wichtigkeit [299] des Augenblicks nicht verkennen und wie viel auf dem Spiel stehe; die Lage sei nicht so schwierig, wie sie scheine, die Feinde nicht im Stande, die Stadt mit Gewalt zu nehmen; er bitte um Vertheidigungsbefehle und stehe mit seinem Kopf dafür, die Stadt noch vierzehn Tage zu halten, während welcher Zeit Hülfe kommen werde.“ Umsonst! Der Senat, lau und schwachmüthig, erließ den Auflösungsbefehl. Die Wehrmänner der Bürgergarde, zähneknirschend und fäusteballend, waren nur mit der größten Mühe zu bewegen, die Waffen abzugeben. Mettlerkamp eilte zu Pferde dorthin, wo noch gekämpft wurde; am 31. Mai fand er sich bei den Schweden ein.

Von da an beginnt sein dornenreichstes Werk: die Bildung der hanseatischen Bürgergarde zur Befreiung der Hansestädte. Diese That hat ein besonderes Interesse für die Gegenwart, in welcher die Ersetzung des stehenden Heeres durch Miliz eine brennende Frage ist. Ein schlichter Handwerker bildet mit strenger, sogar eigensinniger Fernhaltung sowohl alles eigentlichen Soldatenthums wie aller gewöhnlichen Freischaarenelemente aus dem Waffenhandwerk fremden Bürgersleuten einen selbstständigen Truppenkörper zur Wiedereroberung der Vaterstadt und macht die Schaar Vertriebener inmitten aller Nothstände, Beschwerden und Hindernisse so feldtüchtig, daß die hanseatische Bürgergarde an dem Feldzug an der Niederelbe und der Belagerung Hamburgs rühmlich thätigen Antheil nimmt und Mettlerkamp den Feldherren der großen Heere Achtung und Anerkennung seiner selbstständigen Stellung abnöthigt.

Versprengte und verbannte Hamburger fanden sich zunächst bei Mettlerkamp ein, und auf mecklenburgischem Boden erließ er im Juni seine „Proclamation an die Bürger von Hamburg, Lübeck und Bremen“, aus welcher wir nur das kerngesunde Wort anführen: „es ist des freien Mannes Sache, zu kämpfen, so lange er lebt“. Der Kronprinz von Schweden versprach Mettlerkamp seine eifrige Unterstützung; beiläufig gesagt, machte der schlaue Bernadotte auf den ehrlichen Hamburger den Eindruck, als speculire er auf deutsches Land. Ein wohlausgesonnener Plan Mettlerkamp’s, Hamburg und Lübeck durch Ueberfall zu gewinnen, scheiterte an Wallmoden’s Bedenklichkeit. Die hanseatische Bürgergarde wurde der combinirten Nordarmee eingereiht und schwur den Fahneneid am 21. August zu Güstrow, wo das Directorium der hanseatischen Angelegenheiten (Gries, Curtius, Sieveking und Mettlerkamp) seinen Sitz hatte. Sie wurde übrigens vorläufig nicht zum Kampfe zugelassen, sondern mußte in Rostock und Wismar Garnisondienste thun und wurde am 30. October der hanseatischen Legion einverleibt, gegen den Wunsch und Willen des von Bürgerstolz erfüllten Anführers. Nach verschiedenen strapazenreichen Märschen und dem scharfen Gefecht bei Mölln gelangte man nach Lübeck, und von hier durfte Mettlerkamp endlich mit seinen wackern Bürgerwehrmännern auf die heißersehnte Vaterstadt losrücken, wo er inzwischen von den Franzosen zum Tode verurtheilt und seine Habe eingezogen war. In und bei Bergedorf hatte das abgerissene, oft hungernde Corps Tag und Nacht den strengsten Wachtdienst, nur durch einzelne Vorpostengefechte erheitert. Durch Einübung von Recruten, welche aus den Hansestädten entkommen waren, wurde das hanseatische Bürgercorps ansehnlich verstärkt und zeichnete sich in den blutigen Kämpfen gegen die Franzosen vor Hamburg aus, namentlich in den Angriffen auf Wilhelmsburg und die Elbbrücke. Unter den Officieren befand sich ein Sohn Mettlerkamp’s als Lieutenant und der achtzehnjährige Henckel als Hauptmann der zweiten Compagnie. Mettlerkamp erhielt den Oberbefehl über die russische Division Tolstoi, deren Vorhut seine Bürgergarde bildete, um am 17. Februar 1814 die Elbbrücke zu zerstören. Das Werk war bereits so gut wie gethan und Mettlerkamp auf dem besten Wege, im Einverständniß mit Tolstoi, die Stadt selbst zu nehmen, als zu seinem tiefsten Verdrusse Gegenordre aus dem Hauptquartier des Generals Benningsen eintraf.

Die Leiden Hamburgs, besonders während der Belagerung, waren unbeschreiblich. Mit Mord und körperlicher Mißhandlung, mit Raub und Erpressung, mit Brand und Seuchen, mit Hunger und Ausjagung von vierzigtausend Menschen mitten im Winter, mit allen Scheußlichkeiten des Standrechts wurden die armen Bewohner von den gefühllosen Franzosen unter dem Scheusal Davoust erdrückt. So ungeheures Elend wäre abgewendet worden, wenn tüchtige Köpfe und feste Herzen an der Spitze gestanden hätten. Wenn nach einer halbamtlichen Schätzung (ganz abgesehen von dem viel größern Verlust durch Stockung alles Handels und Erwerbes, aber mit Einschluß der aus der Bank geraubten dreizehn Millionen und des an fünfunddreißig Millionen reichenden Schätzungswerthes der abgebrannten Häuser) der Schaden, den die Franzosen 1813 Hamburg zufügten, fünfundachtzig Millionen Francs beträgt, so wäre aller Wahrscheinlichkeit nach mit dem achten Theil dieser Summe, nämlich den zehn Millionen Franken von der großen Contribution, die sogleich nach dem Einzuge der Feind einzutreiben vermochte, die Stadt gerettet worden, wenn diese Millionen zur Rüstung des kräftigen, kampflustigen Volkes und zur Herbeiziehung der schwedischen und anderer Kriegsvölker angewandt wären, statt daß man gegen die geldbedürftigen schwedischen Officiere, welche die Mittel der Stadt zur Verpflegung der Truppen erforschen und auskundschaften wollten, immer die vollständigste Erschöpfung und Mittellosigkeit betonte und nur „Beruhigung über die baldige Befreiung von den gegenwärtigen Kriegsdrangsalen“ erflehte.

Endlich nahm die Schreckenszeit ein Ende. Am 31. Mai 1814 zogen die letzten Franzosen ab und die Verbündeten unter Benningsen in die festlich geschmückte Stadt ein, Allen voran Mettlerkamp mit seiner Bürgergarde von eintausendzweihundertundzweiundsechszig Mann aller Waffen.

Wie überall in Deutschland, so wucherte auch in Hamburg das Giftkraut der Restauration empor; auf die Befreiung folgte die Knechtung. Der König Friedrich Wilhelm der Dritte hatte eine förmliche Wasserscheu vor aller Volksbewaffnung und hat es dem Volk in Ostpreußen niemals verziehen, daß es sich aus eigenem Entschluß in Waffen erhoben hatte. Der Senat von Hamburg hatte nichts Eiligeres zu thun, als sich so bald wie möglich der wohlbewährten Bürgergarde zu entledigen, so daß Freiherr v. Stein ihm sein ernstes Mißfallen darüber ausdrücken mußte. In Preußen wurden die Patrioten bald verfolgt und eingesperrt. In Hamburg blühte ihr Weizen auch nicht. Mettlerkamp soll beim Einzuge in die Vaterstadt ernst und fast traurig ausgesehen haben. Er meinte selbst, es habe der Anblick der Trümmer, durch die er von Altona nach Hamburg ritt, ihn ergriffen und mit Entrüstung und Verachtung erfüllt gegen die, deren Kleinmuth solches Unglück verschuldet. Mit welchem Ekel mußte er diese Menschen, die in der Republik wie in der Monarchie immer obenauf schwimmen, immer die Früchte jedes Kampfes an sich reißen und an dem Triumphe über jeden Feind, dem sie selbst gedient oder vor dem sie das Feld geräumt, voran Theil nehmen, schon am Befreiungstage sich wieder vordrängen sehen!

Mettlerkamp ist weder Befehlshaber der Bürgerwehr, noch Stadtcommandant geworden; diese Aemter gab der hochedle Magistrat an Leute, die einem Mettlerkamp nicht an das Schienbein reichten. „Ade, du falsche Welt!“ rief der treue Hofer an seinem Todestage. Unser treuer Mettlerkamp sollte, nachdem er die Falschheit der Welt zu erkennen anfing, den bittern Becher in sechsunddreißig Jahren noch oft trinken. Sogar die Rückzahlung der kleinen Summe, welche er zur Ausrüstung seines Corps aufgenommen und auf das befreite Hamburg angewiesen hatte, stieß auf Schwierigkeiten.

Durch Undank ungebeugt, erfüllte Mettlerkamp seine Bürgerpflicht in den Kämpfen gegen Unverstand, Schlechtigkeit und Mißbräuche. Endlich aber ging ihm doch die Geduld aus. Im Jahre 1825, einundfünfzig Jahre alt, mit einer zahlreichen Familie, entschloß er sich zur Auswanderung nach den deutschen Colonien in Bessarabien, wo sein ältester Sohn auf einem Gute lebte, während der zweite russischer Rittmeister war. In einer nicht veröffentlichten Begründung seines Schrittes schreibt er: „Ich wähle Selbstverbannung aus einer Republik, wo die Tugenden der Vorfahren Platz gemacht haben dem gemeinen Egoismus, der hochmüthigsten Geldliebe, dem unerträglichsten Nepotismus, der Niedertracht und der Verachtung aller Wissenschaften, wenn sie nicht Geld einbringen. Lange stand ich an, mich über dasjenige öffentlich zu äußern, was mich Unwürdiges persönlich traf, und duldete zehn Jahre lang alle Mißhandlungen, welche Geringschätzung, Undank, Neid und Bosheit mich erfahren ließen.“

Bald enttäuscht von den halbasiatischen Zuständen Rußlands und auf inständiges Drängen seiner Freunde kehrte Mettlerkamp schon zwei Jahre später nach Hamburg zurück, dessen Bürgerschaft ihm eine Entschädigung von eintausend Friedrichsd’or für seine vielfachen Opfer zuerkannt hatte. Eine von ihm gegründete Eisengießerei [300] brachte ihn wieder dem Ruin nahe, zuletzt aber überwand er alle wirthschaftlichen Hindernisse.

Praktische Wirksamkeit wurde diesem tüchtigsten Manne nicht verstattet; man hat ihn nicht einmal zum Mitglied bürgerlicher Collegien oder Verwaltungsdeputationen berufen. Das hinderte ihn jedoch nicht, den vaterstädtischen Angelegenheiten unausgesetzte Aufmerksamkeit zu widmen und überall mit seiner gemeinnützigen Feder einzugreifen. So z. B. stöberte er ein rechtes Wespennest auf, als er das völlig im Argen liegende Bauwesen einer strengen Prüfung unterwarf, zum großen Schaden seiner eigenen Privatinteressen; die Behörden verfolgten ihn dafür mit grimmigem Hasse und entzogen ihm alle Staatsarbeiten. Das war der Dank von oben für einen verdienten Patrioten. In der Liebe Tausender fand er aber reiche Entschädigung; das Volk versagte ihm die Bürgerkrone nicht. Was ihm die Engherzigkeit und Feindseligkeit der Behörden vorenthielt, wurde bei verschiedenen Gelegenheiten durch Dank- und Ehrenbezeigungen seiner Freunde und des Volkes gutgemacht.

Die verrottete Verfassung und altersschwache Verwaltung Hamburgs fiel sogar nicht durch das ungeheure Brandunglück von 1842; die anfänglichen Reformversprechungen der moralisch bankerotten Behörden wurden bald wieder in den Wind geschlagen und die alten Perrücken stiegen wirklich als gepuderte Phönixe neu aus der Asche Hamburgs empor. Das Jahr 1848 war natürlich nicht geeignet, die Unfähigkeit und Verkommenheit der alten Behörden in ein besseres Licht zu setzen. Der greise Mettlerkamp gehörte zu der Fünfzehner-Deputation, welche die Sturmpetition aus der großen Volksversammlung in die Senatssitzung trug. Er war dann Alterspräsident der verfassunggebenden Versammlung und ein thätiges Mitglied des Wehrausschusses. Obgleich nicht ganz einverstanden mit der Verfassung von 1849, vertheidigte er sie doch standhaft gegen den widerwilligen Senat und die alten Stadtzöpfe. Sie ist nie eingeführt worden; die deutsche Reaction verschlang auch diese Achtundvierziger Frucht.

In solchen trüben Tagen war es am 25. Juli 1850, als Mettlerkamp, mit Sorgen im patriotischen Herzen, aus dem Leben schied.

Mettlerkamp war ein ganzer Mann, ein tadelloser Ehrenmann, gesund an Leib und Seele, Demokrat im besten Sinne und in allen kirchlichen Dingen durchaus freisinnig. Möge Hamburg und auch Deutschland ihn in treuem Gedächtniß bewahren! Wir verehren in ihm insbesondere einen der Vorläufer der allgemeinen Einführung des Milizsystems, vor dem die stehenden Heere doch einmal fallen müssen, so gut wie die Menschheit mit Inquisition, Hexenprocessen, Sclaverei und dergleichen fertig geworden ist. Mettlerkamp berief sich mit gerechtem Stolze auf die Thatsache, daß die ganze Organisation der hanseatischen Bürgergarde, die ein Jahr im Felde diente, nur 36,580 Mark 14 Schillinge kostete. Das Hauptwerk, welches Mettlerkamp verfaßte, war sein „Neues Landwehrsystem“ von 1832, welches 1848 in neuer Auflage erschien. Das gehaltvolle Buch fand bei Kennern, wie z. B. General Valentini, die gerechteste Anerkennung. Wir wünschen von Herzen, daß unser Vaterland recht bald von der praktischen Durchführung solcher Bestrebungen beglückt werde. Ohne sie keine gesunde Zukunft![1]
Karl Nauwerck.




  1. Wer sich über Mettlerkamp und sein patriotisches Wirken näher unterrichten will, den verweisen wir auf die unlängst bei Meißner in Hamburg erschienene Schrift des jetzt in Mariafeld am Züricher See lebenden Hamburger und deutschen Patrioten Dr. F. Wille: „Mettlerkamp, der Führer einer am deutschen Freiheitskriege theilnehmenden Bürgerwehr. Mit Benützung des handschriftlichen Nachlasses Mettlerkamp’s.“ Dies Werkchen hat dem obigen Artikel als Grundlage gedient.
    D. R.