Ein neuer Todtentanz

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Textdaten
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Autor: K. A. Dp–ff.
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Titel: Ein neuer Todtentanz
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 26, S. 405, 407–408
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Erstes Bild aus Kaulbach’s Todtentanz
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[405]
Die Gartenlaube (1867) b 405.jpg

Der Kaiser und der Schnitter.
Erstes Bild aus Kaulbach’s Todtentanz.

[407]
Ein neuer Todtentanz.
Mit Abbildung.


Es war am 6. März dieses Jahres, einem dieser abscheulichen, stürmischen Tage, deren uns das heurige Frühjahr in Menge gebracht, als ich in einer geschäftlichen Angelegenheit das Kaulbach’sche Atelier aufsuchen mußte.

Durch die langen Corridore des ehemaligen Jesuitenklosters, in dem jetzt die fröhliche Künstlerjugend der Akademie haust, pfiff und tobte der Wind und als ich über den Hof gehen mußte, längs des kleinen Gartens, in dem früher die ehrwürdigen Patres S. societatis Jesu lustwandelten, hätte mir der Sturm fast den Regenschirm aus der Hand gerissen, so daß ich im Atelier des großen Meisters wie in einem rettenden Hafen anlangte.

Auf mein Klopfen tönte das „Herein“ nicht so kräftig wie gewöhnlich. Kaulbach saß nicht wie sonst immer an der Staffelei, die Kohle lag müßig auf dem großen, runden Tisch und der Meister lehnte nachdenklich an einem Stuhl und starrte auf ein Blatt Papier.

Statt der sonst immer so warmen Hand streckte er mir das Blatt entgegen; es war ein Telegramm:

„Heute früh zehn Uhr ist Cornelius gestorben.“

„Cornelius todt?!“ sagte ich bestürzt.

„Auch er hinüber, der von den Guten der Beste, von den Großen der Größte war; es will Abend werden, die Blätter fallen ab,“ klagte der Meister, einst der Schüler des Mannes, den heute der Tod von einem großen und segensreichen Wirken abberufen hatte.

„Er hatte das Ziel seines Lebens erreicht und war hoch an Jahren.“ –

„Sie kannten Cornelius nicht persönlich,“ sagte Kaulbach eifrig, „sein Körper war allerdings ein schwächliches Gehäuse für die große Seele, aber diese Seele war eine so mächtige, daß sie gleichsam für den Körper mit garantirte. Mir war’s immer, als könnte der Mann nicht sterben, wenn er nicht selbst wolle, und nun ist er doch hinüber. Es will Abend werden, memento mori!

„Wie kommen Sie nur zu dieser Stimmung, Herr Director? Sie, der Sie sich wie Ninon de L’enclos einer ewigen Jugend erfreuen!“

„O meine ewige Jugend! Lieber Freund, ich bin ein alter Mann, zweimal so alt als Sie; es wird Zeit, daß ich mich auch zur großen Reise rüste. Lange hat mich nichts so ergriffen wie diese Nachricht! Wenn wir auch nicht persönlich mit einander verkehrten, wenn unsere beiderseitigen ‚jungen Freunde‘ sich immerhin mit Erfolg bemühten Zwietracht zwischen uns zu säen und es ihnen sogar bei Cornelius gelang ihn gegen mich zu erbittern, – in meinem Herzen hat er immer gelebt und jetzt, wo er dahin ist, fühle ich erst so recht tief und schmerzlich, was wir alle an ihm verloren. Mir persönlich aber ist sein Tod ein memento mori gewesen, das mit furchtbarem Ernst an mein Ohr geklungen. Es wird Zeit, ich will abschließen, aber drei Aufgaben möchte ich noch vollenden, ehe mir die Kohle für immer aus der Hand fällt.“ –

„Die eine ist der Nero, da steht schon die Zeichnung auf der Leinewand; die zweite kenne ich auch, das ist der Gipfelpunkt Ihres Schaffens, die Sündfluth, von der ich leider jetzt erst einige Skizzen gesehen habe.“

„Es ist auch nicht mehr davon vorhanden und Jahre werden dazu gehören, um den furchtbaren Stoff zu bewältigen, wie ich ihn mir gedacht – lange Jahre und momento mori! Cornelius hat auch noch viel unvollendet zurücklassen müssen und nicht geglaubt so plötzlich von dem kräftigsten Wirken abberufen zu werden.“

„Wenn Sie nach dem Alter von Cornelius rechnen, so haben Sie mindestens noch zwei Decennien, Herr Director!“

„Garantiren Sie mir die Hälfte Zeit gesunden Schaffens, so will ich zufrieden sein und Alles vollenden.“

„Hoffen wir das Beste, und ich meine, es sei wahrhaftig kein thörichtes Hoffen. Aber Sie sprechen von drei Werken, was ist denn das dritte?“

„Mein Todtentanz; habe ich Ihnen noch nichts davon gezeigt? Kommen Sie mit mir, mir ist ohnedem das Arbeiten verleidet, und wir sind beide in der rechten Stimmung, einen Todtentanz zu betrachten; er ist im oberen Atelier.“

Stumm gingen wir neben einander die Treppen hinauf und traten in die obere Werkstatt, in welcher der Meister nur im Sommer zu arbeiten pflegt, während er im Winter im Koloßsaal (so genannt von der darin stehenden Koloßstatue) malt. Ich hatte das obere Atelier lange nicht betreten, es war noch Alles drin wie sonst und doch muthete mich Alles anders an.

Wie sonst grüßte das riesengroße Bild der Schlacht von Salamis wie ein alter Freund mir entgegen, aber die in tiefen, hellen, glühenden Farben prangenden Weiber, an deren üppiger Schönheitsfülle sich so oft mein durstiges Auge erquickt, schienen zu frieren auf der kalten Leinewand. In der Ecke lehnte wie sonst das lebensgroße Bild von Franz Liszt, aber die bleichen, scharfen Züge, um welche die langen Haare wild flatterten, kamen mir noch gespenstischer vor als früher. War’s mir doch, als schaute schon der Abbé Franz Liszt, der den heiß ersehnten Frieden im Clerus der alleinseligmachenden Kirche jetzt endlich gefunden, mit müden, matten Augen aus den genialen, blasirten Zügen des einst so lebensfrohen, so hastig genießenden Virtuosen heraus. Und da mein alter Freund, der Vampyr-Hamlet, wie ich’s getauft hatte, das lebensgroße Portrait eines jungen ungarischen Baron von Bronay, das Kaulbach vor langen Jahren als Hamletstudie gemalt. Wie stimmte das Bild mit den tiefen grübelnden Augen so vortrefflich zum Ganzen! Ward doch, als sollte er heraustreten aus seinem Rahmen, der ungarische Hamlet, und sein berühmtes Gespräch mit Horatio auf dem Kirchhof beginnen und [408] über Todtenschädel philosophiren und fragen: „Glaubst Du, Horatio, daß Alexander nach seinem Tode auch so aussah?“ Dabei prasselte der Regen an die großen Atelierfenster, der Sturm heulte und rüttelte draußen an den Läden, ein kalter, unheimlicher Hauch ging durch die hohen Räume und durchfröstelte mich bis in’s Mark.

Kaulbach schien ähnliche Eindrücke zu haben: „Ist’s nicht da drinnen, als sei ich schon gestorben?“

„Wenn schon, das und das und das,“ dabei deutete ich auf die einzelnen Gemälde, „bleibt, das stirbt nicht.“

„So kalt, so öde, so moderduftig, das ist die rechte Stimmung für einen Todtentanz. Da ist das erste Blatt,“ sagte der Meister und stellte den Carton auf die Staffelei.

Es ist ein eigenthümlicher Zug, der durch unsere germanische Natur wie ein rother Faden geht, diese Sehnsucht zum Tode, dieser Hang über die letzten Geheimnisse des Lebens nachzubrüten. Ist doch die Chorea Machabaeorum der immer und immer wiederkehrende Vorwurf gewesen, den unsere Künstler seit dem vierzehnten Jahrhundert sich mit Vorliebe aneigneten und in den verschiedensten Weisen ausführten.

Wie war ich gespannt, als ich von Kaulbach zum ersten Mal das Wort „Todtentanz“ hörte. Daß er, der eine Geschichte der Menschheit mit glühendem Pinsel geschrieben, das größte Geschichtswerk aller Zeiten, den Todtentanz nur in der erhabensten und großartigsten Weise bringen konnte, versteht sich wohl von selbst.

Aber wie??

Da war nun des Räthsels volle Lösung, so unendlich einfach, so still erhaben, so überwältigend tragisch!

Napoleon der Große sitzt vor einer Weltkugel, einen Cirkel in der Hand. Zu seinen Füßen sind die Karten der seinem Schwerte unterworfenen Länder ausgestreut, sein gedankenschwerer Blick starrt finster hinaus in’s Unendliche: „Ihm ist die Erde zu klein, er suchet nach neuen Welten“. Sein Adjutant, der geflügelte Tod, schiebt der einen Spitze des Cirkels als „neue Welt“ einen schauerlichen Globus unter, einen Todtenschädel. Von den mit den Emblemen des Napoleonismus bedeckten Wänden hebt sich als düsteres „mene, mene tekel upharsin“ in scharfen Umrissen das Bild des starren Felseneilandes St. Helena. In dem Ganzen die tiefe, stille Ruhe des Grabes, die ernste Majestät des Todes! Das Bild Napoleon’s, die schönen, stillen Züge, die marmorne Stirn, unter der die welterschütternden Gedanken wohnten, weckt alle die Erinnerungen von einstens; der ganze Groll und Haß unserer Väter, der so oft an dieser ehernen Ruhe machtlos zerschellte, bis er endlich doch den Koloß zerschmetterte, wird lebendig; wieder herauf tauchen die Erinnerungen an die Erzählungen unserer Mütter, denen wir mit kleinen, ängstlich klopfenden Kinderherzen in langen Winterabenden lauschten, jene Erzählungen von den wilden Völkerwanderungen, die im Anfange unseres Jahrhunderts durch Europa rasten und alles Bestehende über den Haufen warfen, von den bärtigen, fremden Männern, die, von der Gluth der ägyptischen Sonne gebräunt, ihrem Adler folgten von den heißen, sonneverbrannten Wüsteneien in Spanien bis in die öden, eisigen Steppen Rußlands, von all’ dem unsäglichen Jammer, von all’ der gräßlichen Noth, die ihren Fußtritten folgten.

Und dieser Adler, dem Alle zujauchzten, als er seinen freudigen Siegesflug über die Welt begann, war dieser Mann; auf sein Geheiß begannen die Völker in Waffen zu wandern von den Pyramiden bis zum Kreml, auf sein Gebot flammten Dörfer und Städte in die Höhe, auf seinen Befehl gingen Millionen in den Tod, durch seinen Willen stiegen Könige von ihren Thronen und Reiche, die für ewig gegründet schienen, verschwanden von der Erde.

Und diesem Mann, der sich allmächtig dünken mußte in der Fülle seiner Kraft und Stärke, diesem Manne, den schon nach wenigen Decennien die Sage mit ihren nebelhaften Schleiern umhüllte und ihn im Volksmunde zum Halbgott machte, nahte doch endlich die ewige Allmacht, mit ihrem ernsten, gewaltigen: „Bis hierher und nicht weiter!“

Der stumme Träger dieser Botschaft, wie ist er gewaltig gezeichnet, der gewaltige Tod! Das ist nicht der Tod,

          „der da lauert am Krankenpfühl
Und das wimmernde Kind auf die Bahre legt;
Nein, der Schlachtenlenker im Kampfgewühl,
Der den Mann und den trotzigen Jüngling erschlägt.“

Am Brande der lodernden Städte hat er sich seine Schwingen versengt, die Kugeln der von ihm zum Morden geführten Schaaren haben seine Gewänder zerfetzt: so bietet der würdige Adjutant des großen Schlachtenlenkers dem Herrscher die neue Welt – den grinsenden Todtenschädel.

Es liegt eine welterschütternde Ironie in diesem Bilde, eine furchtbar ernste Mahnung in ernster, schwerer Zeit.

Wird sie verstanden werden?! –

Dies Blatt steht nicht allein da, es ist nur der Anfang einer Reihe von erschütternden Bildern, auf denen die Großen und Mächtigen dieser Erde mit dem Tode den letzten Reigen tanzen.

Und weil es die sind, die der jüngsten Vergangenheit angehören, die, welche wir zum Theil selbst noch gekannt oder deren abgeschlossenes Leben uns, der Gegenwart, klar genug daliegt, um schon historisch richtig beurtheilt werden zu können, und doch wieder nahe genug, daß wir ein lebhaftes persönliches Interesse daran gewinnen müssen, so wird dieser „Todtentanz“ des großen Meisters jedenfalls eines seiner Werke werden, das in der langen Kette derselben auf das höchste Interesse und die schwerwiegendste Bedeutung Anspruch machen muß und kann.
K. A. Dp–ff.