Ein Besuch bei Victor Hugo

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Charles Edouard Duboc
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Ein Besuch bei Victor Hugo
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 26, S. 408–410
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Bei Victor Hugo auf Guernsey
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Hauteville House Guernesey Loevy.jpg
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[408]
Ein Besuch bei Victor Hugo.
Von R. Waldmüller (Ed. Duboc).


Verehrer des Dichters Victor Hugo hatten mir’s bei meiner Abreise nach Jersey halb und halb zur Pflicht gemacht, demselben ihre Grüße zu überbringen; mir selbst aber konnte es nur erwünscht sein, für dasjenige, was in seinen Dichtungen mir theils sympathisch, theils antipathisch war, im persönlichen Berühren und Aussprechen eine Ausgleichung zu finden. Einige Wochen nach meiner Ankunft in Jersey erkundigte ich mich deshalb nach seinem Aufenthalt. Mein alter Hauswirth bedeutete mich indessen in ziemlich gereiztem Tone: „Dieser Herr ist nicht mehr hier.“ – „Gott sei Dank!“ fügte seine Schwiegertochter hinzu. Nähere Aufklärung war weder von ihr noch von ihm zu erhalten.

In der Bibliothek von St. Helier fand ich bald darauf Gelegenheit, von einem früheren Gesinnungsgenossen Victor Hugo’s über dessen Verbleiben Auskunft zu erhalten, und jetzt erinnerte ich mich allerdings, vor Jahren schon in den Zeitungen die Ausweisung einer Anzahl französischer Flüchtlinge erwähnt gefunden zu haben. Wie ich glaube, handelte es sich damals um Reclamationen Seitens der französischen Regierung. Es war hinzugekommen, daß einer der in Jersey verweilenden Flüchtlinge, Felix Piat, der Königin Victoria in einem offenen Briefe über ihren Besuch bei Louis Napoleon den Text gelesen, und daß sich eine Anzahl der übrigen Flüchtlinge den Ansichten Felix Piat’s angeschlossen hatte – genug, der englische Gouverneur, im Einverständniß mit einem sogenannten Indignations-meeting, das auf der Place Royale in St. Helier abgehalten wurde, machte von seinem Ausweisungs-Rechte Gebrauch.

Die Schwester-Insel Guernsey ihrerseits beeilte sich, die Ungastlichkeit Jersey’s gut zu machen. Die Etats von Guernsey luden Victor Hugo zur förmlichen Uebersiedelung ein; und da, im Gegensatz zu den Gesetzen Jersey’s, auch den Katholiken die Erwerbung eignen Grundbesitzes auf Guernsey gestattet ist, so folgte Victor Hugo nicht nur dem ehrenden Rufe, sondern kaufte sich sogar auf Guernsey an. Dieses der ungefähre Hergang. Es mögen seitdem etwa zehn Jahre verstrichen sein.

Als ich im vorigen October auf Jersey ankam, hatten bereits die Herbststürme begonnen. Das Meer war sehr unzuverlässig geworden. Die englischen Dampfböte wurden häufig durch Nebel [409] und Orkane am Auslaufen verhindert. Dazu kamen noch widersprechende Nachrichten über Victor Hugo’s zeitweiligen Wohnsitz. Ich verschob meinen Ausflug nach Guernsey und den übrigen Canal-Inseln daher auf den Frühling. Mein Jersey-Aufenthalt ging bereits zu Ende, als ich dem Dichter in den ersten Tagen des April meinen brieflichen Gruß mit der Anfrage entsandte, ob er überhaupt gegenwärtig in Guernsey verweile und ob ihm mein Besuch willkommen sei. Mit dem rückkehrenden Dampfboot traf ein Antwortschreiben ein, das beide Fragen höflich bejahte.

Am 5. April Morgens sieben Uhr machte ich mich demnach auf die Reise. Nach einer anderthalbstündigen Fahrt zeigten sich im Nord-Osten die kecken Umrisse der festungsartigen Insel Serk und gleichzeitig die langgestreckte, mäßig hohe Küstenlinie Guernsey’s. Noch eine halbe Stunde bei ruhiger werdendem Meere, und wir hatten die Hauptstadt Guernsey’s, St. Peter’s Port, erreicht. Diese Insel hat nicht ganz Jersey’s Umfang, und mein Wirth war während des Winters nicht müde geworden, die großen Vorzüge seiner Insel zu rühmen. Aber auch Guernsey verbindet mit einer Fülle großartiger Naturschönheiten den großartigen Charakter, welcher Jersey so anziehend macht, und als sich jetzt die amphitheatralisch um die blaue Meeresbucht gelagerten Häuser von St. Peter’s Port in bunter Mannigfaltigkeit vor mir ausbreiteten, freute ich mich des anmuthigen Panorama’s um des Verbannten willen zwiefach. Gewiß, Ovid aß das Brod der Fremde mit herberen Empfindungen; gewiß, Dante vergrub sich mit unheilbarer verwundetem Gemüthe in seine patriotischen Grübeleien; Camoëns, auf das ferne Macao verwiesen, mochte seinen schattenlosen Kerker mit berechtigterem Zorne hassen; und die Verbannten unter unseren deutschen Dichtern haben zumeist weit trübere Jahre erleben müssen, indem ja die Noth des Daseins sogar die Leier ihren Händen entwand. Doch auch in sorgenfreien Verhältnissen, auch in freiwilliger Selbstverbannung entbehrt die Heimath sich nicht leicht, und so war es mir ein wohlthuendes Gefühl, daß hier die Natur alle ihre Zauber vereinigt hatte, um den heimathflüchtigen Dichter zu trösten.

Wer Syra, Genua oder Amalfi vom Meere aus erblickt hat, kann das dort Gesehene etwa auf St. Peter’s Port übertragen. Eine Straße baut sich über die andre, eine Häuser-Reihe guckt der andern über die Achsel. Was dem Hafen zunächst gelegen ist, erscheint geschäftsmäßig, altmodisch, von dem Betriebe des Schifferverkehres in Anspruch genommen, nur das, was höher liegt, zeigt sich gepflegter, während das zuhöchst Gelegene, theils englische Cottages, theils prächtige Villen, aus dem Grün einer überaus üppigen Vegetation hervorlugt. Dazwischen ragen mancherlei Kirchen, ein stattliches Gymnasium, die mächtigen Bäume eines Volksgartens und ein neugothischer Thurm auf, der zum Ausblicke über die ganze Ausdehnung der Insel dient und als Erinnerungszeichen an einen Besuch der Königin Victoria erbaut wurde; endlich, zur Linken der Stadt, höher als ihre höchsten Straßen, hält eine von grünem Rasen bedeckte Citadelle, mit mächtigen Geschützen wohlversehen, den Blick trotzig gen Süden, nach dem französischen Festlande gerichtet. Der Union Jack, die englische Flagge, flatterte hoch oben fröhlich im Winde.

Es war gegen Mittag, als ich meine Schritte nach demjenigen Theile der Stadt lenkte, auf welchen man mich bei meiner Frage nach Victor Hugo’s Wohnung verwiesen hatte. Hauteville, einer der hohen, weithin sichtbaren, aristokratischen Stadttheile, welche die Küste krönen, enthält unter andern schönen Baulichkeiten ein schon vom Meere aus deutlich erkennbares, zweistöckiges, ansehnliches Haus, das sich vor den übrigen durch sehr wohnliche Dach-Einrichtungen auszeichnet. Längs der Dachrinne ist ein Geländer angebracht; in derselben Weise hat jeder Erker eine Galerie; Treppen verbinden Eins mit dem Andern; endlich erhebt sich auf der rechten Dach-Seite ein blumenumgebenes Glashaus, das einem photographischen Atelier nicht unähnlich sieht. Dieser schwebende Garten bildet die Dichterwerkstatt Victor Hugo’s. Man hatte mir den beneidenswerthen Zufluchtsort schon vom Meere aus gezeigt und mir unter mancherlei Zusätzen, die hier nicht füglich nacherzählt werden können, zu verstehen gegeben, daß der Dichter seit Längerem ohne seine Familie lebe. Als ich jetzt an dem von der Straße gesehen etwas unschön casernenartigen Gebäude schellte, öffnete mir eine blonde französische Magd von gesetzten Jahren.

Von dem Zwecke meines Kommens unterrichtet, fragte sie, ob eine Audienzstunde vorgängig nachgesucht und bewilligt worden sei, und entschloß sich erst nach allerlei Bedenklichkeiten, meine Karte auf’s Dach zu tragen. „Denn,“ sagte sie, „Mr. Victor Hugo arbeitet zwar um diese Zeit nicht mehr, er beginnt schon früh um 6 Uhr – aber er wird jetzt eben mit seiner Toilette beschäftigt sein; dann ist seine Frühstücksstunde; hierauf folgt, bis zur Tischzeit, Excursion im Wagen; genug, er ist gerade heute völlig besetzt.“ Ich versprach der besorgten Dienerin, mich schlimmsten Falls bei der Wahrnehmung, daß es ihm gut gehe, beruhigen zu wollen, und begab mich auf ihren Vorschlag einstweilen durch einen Corridor, dessen Wände von oben bis unten mit bemalten Rococo-Porcellan-Tellern tapezirt waren, in den wohlgepflegten Garten.

Derselbe hatte eine beträchtliche Länge, bot übrigens keinerlei englische Partien, wie man deren auf Jersey und Guernsey sonst in so reizvoller Auswahl sieht, und verlief sich allmählich in einen wohlbestellten und ummauerten Gemüseacker. Hier war ein Gärtner mit allerlei Frühlingsdelicatessen vollauf beschäftigt. Auch eine zweite Magd, wiederum in vorgerückten Jahren, zeigte sich eifrig beflissen, ihre Schürze – vermuthlich für das „Frühstück“ – mit schmackhaften Lenz-Erstlingen zu füllen, wobei sie große irdene Topfglocken aufzuheben und die darunter aufgeschossenen Rhabarber-Stauden behutsam auszuschneiden hatte. Spargelbeete erzählten an anderen Stellen von weiteren Tafelfreuden. Riesen-Erdbeeren standen in voller Blüthe und verhießen binnen Monatsfrist eine hübsche Anzahl aromatischer Nachtische. Auch Pfirsiche blühten. Es war nichts vergessen, was dem Gaumen irgend Labe bieten konnte.

Jenseits eines immergrünen Gebüsches stand ich still, um meinen Betrachtungen einen weiteren Horizont zu gönnen. Zu Füßen dieser paradiesisch gelegenen Häuser und Gärten von Hauteville blinkte das blaue Meer mit seinen großen und kleinen Schiffen; das in’s Meer hinausragende, alt historische Castel Cornel blitzte tief unten mit allen seinen Fenstern im Mittagssonnenschein. Weiter gen Süden zeichnete sich, in bräunlich rothen Felsenmassen vom weißlichen Dunste der Ferne abgehoben, der vielgestaltige Inselarchipel, welcher, in der Richtung nach dem alten Mutterlande Frankreich, die Vorhut Guernsey’s bildet, – Granittrümmer des Festlandes, durch die wilden Strömungen des Canals vor Zeiten zu vereinsamten Klippeneilanden gemacht. Mit ewigem Grün geschmückt und von der Frühlingssonne warm beschienen, sahen sie aber nichts weniger als unwirthlich aus und beschäftigten das Auge immer von neuem durch die malerische Wirkung ihrer kühnen Linien.

Als ich meinen Blick von dem entzückenden Bilde nach dem Hause zurückwandte, aus welchem noch immer keine Rückmeldung zu mir gelangt war, bemerkte ich, daß sich auf dem Dache etwas Menschliches bewegte, und zwar in einem Zustande, der wohl füglich erst auf den Anfang jener gegen mich erwähnten Toilettenstunde hindeuten konnte. Die Gestalt war aus dem Glasbehälter in’s Freie getreten, um, wie ich jetzt erkannte, eine orientalische Waschung zu verrichten und sich dabei eines vollständigen Luftbades zu erfreuen. Der kurze weiße Vollbart und das weiße Haupt des rüstigen Mannes ließen mir keinen Zweifel über die Person, die ihren Freiheitsideen hier in so unbefangener Weise Genüge that. Es war in der That niemand anders als der Dichter der „Orientales“ selbst.

In unserem kleiderreichen Zeitalter verlernt man so sehr den Anblick des Nackten, daß ich einige Zeit brauchte, um mich in das ungewöhnliche Schauspiel zu finden. Und diese wurde mir allerdings. Der glückliche Mansarden-Bürger! Er schien weder durch die etwaigen Vorurtheile der englischen Nachbarschaft, oder die Nähe der Dienerschaft beengt, noch auch durch den Gedanken behelligt, daß Audienz-Wartende, wie es mir geschah, aus den Schattengängen nach der paradiesischen Scene dort oben hinaufblicken möchten. Auch nach seiner Rückkehr in den gläsernen Behälter blieb er noch eine gute Weile in gleicher Ursprünglichkeit sichtbar, und als ich, nach seinem endlichen Verschwinden, meine Uhr befragte, gewahrte ich, daß diese meine erste Audienz volle 20 Minuten gedauert hatte. Immerhin konnte der Zweck meiner Reise nun kein ganz vereitelter sein. Es war mir jedenfalls ein Stück praktischer Lebensphilosophie vorgeführt worden, das seines Gleichen suchte. Ich war nicht nur in Rom gewesen, ich hatte auch den Papst gesehen.

Aber die Besorgnisse der Pförtnerin erwiesen sich überhaupt als übertrieben. Eine munterblickende Zofe, wie Molière deren so fröhliche gezeichnet hat, war mehrfach in den Gängen des Gartens sichtbar geworden. In Begleitung eines chocoladefarbenen Windspiels [410] kam sie nun knixend an mich heran, und lud mich ein, ihr zu folgen. „Nur in den ersten Stock, Monsieur,“ setzte sie hinzu, da ich fragend nach dem Dach hinüberblickte, und führte mich dann jenseits des Porcellan-Corridors an den Fuß einer Treppe, die mit so vielen schweren Stoffen umhängt und beschattet war, daß man schier in eine Wolke hinein zu steigen glaubte. Meine Führerin wußte mir indessen durch dieses künstliche Dunkel hindurch zu helfen, und als sie sich schließlich mit der Bitte um ein kurzes Gedulden empfahl, befand ich mich in einem zweifenstrigen, mäßig großen Zimmer, zu dessen erschöpfender Betrachtung mir abermals eine geraume Muße gelassen werden sollte. Genüge hier die Erwähnung, daß die Auswahl der Rococomeubel eine höchst sorgfältige war, daß über dem Pianino unter einem Baldachin eine aus Verviers datirende Improvisation Victor Hugo’s in goldnem Rahmen angebracht war: „les fleurs sont“ etc. etc. von einem Bewunderer des Dichters ihm in kalligraphischer Verherrlichung zugeeignet; daß ferner über dem breiten Kamine zwei Photographien mit der Unterschrift „Victor Hugo, Guernsey 1858,“ hingen, – angetuschte Federzeichnungen phantastischer Art, Burgen mit wehenden Bäumen und Wolken, genial genug, etwa im Geschmacke Salvator Rosa’s; daß endlich auf einem Tische ein Heft mit der Vignette: „Registre de la Bibliothèque,“ und mit dem Zusatze „contenant 1200 volumes“ ausgelegt war, ein Nachschlagebuch, das sich übrigens auf diesen volltönenden Titel beschränkte und kein Inhaltsverzeichniß enthielt. Neben solchen mehr decorativen Dingen war dem Besucher der Anblick zweier Reliquien intimerer Art gegönnt: das Aquarellportrait einer sehr lieblichen jungen Dame, wie ich vermuthe, das Bild der in der Seine ertrunkenen Tochter des Dichters, und davor, auf einer Rocococommode, – wohl der nämlichen wehmüthigen Erinnerung geweiht – der Gypsabguß eines jugendlichen Armes.

Endlich nahten Schritte, der Thür-Vorhang bewegte sich, und Victor Hugo trat ein.

Er ist bekanntlich 1802 geboren, also fünfundsechszig Jahre alt; aber seine äußere Erscheinung straft alle desfallsigen Angaben Lügen. Die Bewegungen des mittelgroßen Mannes sind rasch, sein Gang ist elastisch, seine Haltung völlig ungebeugt, seine Stimme hat frischen Klang, sein dunkles, nicht vorwiegend seelenvolles Auge blickt scharf drein, man glaubt einem vorzeitig Ergrauten von achtundvierzig bis höchstens fünfzig Jahren gegenüber zu stehen. Was seine Redeweise betrifft, so spricht er mit großer Leichtigkeit, ohne gerade wählerisch in seinen Ausdrücken zu sein, oder durch Gedankenblitze zu überraschen. Auch ist es, als ob der lange Aufenthalt unter den ziemlich derben Canal-Insulanern, vielleicht auch das Zurücktreten anderer Einflüsse, die dem Franzosen sonst so eigenartige Formen-Anmuth abgeschwächt hätte. Dabei gewahrt man allerdings sehr bald, daß der prophetisch positive Ton seiner Schriften aus seiner eigensten Natur entspringt. Was ist und werden wird, liegt fertig vor seinen Augen. So und nicht anders muß sich der Weltenlauf gestalten. Einzig das Wann bleibt das Geheimniß der Götter.

Orakelsprüche dieser Art lassen sich nicht füglich wörtlich nacherzählen. Selbst wenn, wie es hier geschah, auf theilweise bereits Gedrucktes hingewiesen wird, also in dem Weiterberichten keinerlei Indiscretion liegen kann, so verbietet sich’s doch – für mein Gefühl wenigstens – aus dem einfachen Grunde, daß eine derartige Wiedergabe all jenes Zaubers der Unmittelbarkeit entbehrt, welche in der lebendigen Wechselrede auch den gewagtesten Aussprüchen noch häufig eine gewisse nüchterne Verständigkeit verleiht. Als Summe der von Victor Hugo vorausgesagten Dinge – meine Einwendungen gehören nicht hierher – sei denn nur kurz erwähnt, daß er Europa auf dem Wege erblickt, sich zu einer einzigen großen Völkerfamilie zu verschmelzen. Dieser Proceß wird sich, da ihm die Sprachgrenzen für die allein vernünftigen Grenzen gelten, durch das Aufkommen „einer Sprache für Alle“ vorbereiten. Anwartschaft auf diese Rolle haben nur drei der jetzt lebenden Sprachen, die deutsche, die italienische, die französische. Die erstere hält Victor Hugo aber für die Italiener für zu schwierig; die zweite wiederum scheint ihm für die Deutschen allzugroße Anstrengungen zu erfordern; somit bleibt als künftige europäische Universal-Sprache das Französische. In dieser Sprache wird – versteht sich nach Beseitigung der Monarchien – in einem künftigen europäischen Parlamente unser Welttheil seine Angelegenheiten berathen und zum Austrage bringen. Dies etwa die Hauptperspective.

Wie bald nun diese Umgestaltung sich vollziehen wird, ist nicht wohl zu bestimmen. Sollte Napoleon morgen gestürzt werden – Victor Hugo nannte ihn immer nur Monsieur Bonaparte – so würde die französische Demokratie morgen der deutschen mit dem Zurufe Aimons-nous! die Hand entgegenstrecken; die deutsche würde diese Hand ergreifen; man würde Freihandel, vollständige Entwaffnung und gleiche Rechte Aller proclamiren; und binnen Kurzem würde die Sonne der Freiheit den Fruchtkern der neuen Verbrüderung zum stattlichen Baume entwickeln. Unter so veränderten Beziehungen würde natürlich auch das kirchliche Leben dann seine Revolution durchzumachen haben, und zwar in derselben Weise, wie die Herrschaft der Freiheit alle übrigen Einrichtungen ohne staatliche Einmischung naturgemäß umgestalten müßte. Wie man jetzt den Arzt rufen lasse und ihm seine Mühe und Leistung bezahle, eben so dann den Herrn Pfarrer.

Ich hatte mancherlei Zweifel laut werden lassen, wie ich vermuthe nicht grade zur Befriedigung Victor Hugo’s, dem es entschieden nicht darum zu thun war, die Ansichten andrer Kreise über diese Materie zu vernehmen. Aber die Annahme, daß sich Europa früher oder später einfach zum Französischen bekehren werde, schien mir denn doch eine so eigenthümliche Auffassung der sämmtlichen andern lebenden und lebenslustigen Sprachen vorauszusetzen, daß ich zum Schluß die Frage nicht unterdrücken mochte, ob Victor Hugo sich denn mit der englischen oder deutschen Sprache vertraut gemacht habe? – „Weder mit dieser noch mit jener,“ lautete die Antwort; „und zwar, was das Englische betrifft, trotzdem ich bereits achtzehn Jahre lang unter Engländern lebe und mit ihnen verkehre. Beweist aber das nicht besser als alles Andere, wie allgemein das Französisch bereits als Universal-Sprache acceptirt ist? Byron hätte in Frankreich nimmermehr mit bloßem Englisch ausgereicht. In Deutschland, höre ich, weiß man in jedem Hotel in unserer Sprache Bescheid zu geben. Und Sie selber, reden Sie nicht mit mir französisch?“ Meine Wißbegierde war nun im hohen Grade befriedigt – und da unser leidiger Sprachenfleiß uns denn schon halbwegs zu Franzosen gemacht hat, so ist es für die Gartenlaube wohl hohe Zeit, sich auf fremde Lettern einzurichten. –