Ein verkommener Dichter

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Textdaten
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Autor: X. Y. Z.
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Titel: Ein verkommener Dichter
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 48, S. 764–765
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Johann Senn, österreichischer Dichter
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Ein verkommener Dichter.

Am 4. October wurde in den Mauern des Militairfriedhofes bei Innsbruck der Denkstein für einen unglücklichen Dichter befestigt. Das einfache Denkmal ist von dem Bildhauer Hohennauer aus weißem Schlanderer Marmor verfertigt und besteht aus einer länglichen Tafel, deren obere Seite der Tyroler-Adler, die Lyra in den Fängen, schmückt. Da der Dichter in tiefer Armuth starb und keine Angehörigen hinterließ, denen die Erinnerung an ihn werth sein konnte, so beschlossen einige Freunde der Muse, seinen Manen diesen Stein zu weihen, um so mehr, weil auf dem Grabe von Männern, deren einziges Verdienst in ihrem geistigen Streben liegt, nur zu schnell Gras zu wachsen pflegt.

Der Name dieses Dichters ist außer Tyrol wenig bekannt. Er heißt Johann Senn, und das Leben dieses Mannes ist eine Kette von Unglück, welches, wenn auch nicht völlig unverschuldet, dennoch zumeist aus Verhältnissen entsprang, die noch jetzt in Oesterreich nicht ganz beseitigt sind und von der Journalistik theilweise mit dem Namen der ererbten Uebelstände bezeichnet werden. Eine kurze biographische Skizze dürfte daher auch in weitern Kreisen einiges Interesse erregen.

Johann Senn wurde 1792 zu Pfunds im Oberinnthale geboren. Sein Vater war dort Landrichter und hat sich in der Geschichte Tyrols als einen der wackersten Kämpen von 1809 und als Verfasser der scharfen Denkschrift, welche gegen den unberechtigten Vorzug von Klerus und Adel bei der Ständeversammlung Einsprache thut, einen Namen gemacht. Wegen seiner Verdienste erhielt er eine Rathsstelle zu Wien, wo er bald starb, ohne die Erziehung des Sohnes zu vollenden. Dieser studirte die Rechte und wurde bald mit den trefflichsten Jünglingen bekannt, namentlich Feuchtersleben und Schubert, welcher mehrere Gedichte von ihm componirte, die auf den Schwingen der Musik weithin verbreitet wurden. Hier und da kam der kleine geistreiche Kreis in einem Wirthshause zusammen. Genug um die Aufmerksamkeit der Polizei zu erregen. Ein Denunciant bemühte sich einzudringen, wurde jedoch als nicht zur Gesellschaft gehörig ersucht zu verschwinden und, als er grob erwiderte, zur Thür hinausgeworfen. Aus Rache zeigte er sie wegen hochverrätherischer Umtriebe an. In jener Nacht rasselten die Fiaker mit Polizeisoldaten durch ganz Wien, um die Verschwörer einzuführen. Freilich stellte sich alsbald ihre Unschuld heraus, und sie wurden entlassen. Senn war zufällig nicht dabei gewesen und daher dem Schicksale der Genossen entgangen, um einem noch härteren zu verfallen. Die Polizei hatte sich auch der Schriften der Verhafteten bemächtigt. In dem Tagebuche eines Freundes hieß es nun: „Senn ist der einzige Mensch, den ich fähig halte, für eine Idee zu sterben.“

Eine Idee, für die man stirbt! – das konnte nur die Republik sein, und er ward verhaftet. Trotzig berief er sich beim Verhör auf seine beleidigte Ehre und stellte dort, wo man vielleicht Bitten und Thränen erwartet hatte, das Recht ihn gefangen zu halten in Frage. So zog man ihn anfangs hin und her, kümmerte sich dann nicht mehr und ließ ihn ein Jahr und drei Monate unschuldig im Kerker schmachten. Der Commissar gab als Schlußact der Untersuchung das Gutachten ab: „Er sei ein Genie!“ Man hielt ihn vielleicht gerade deswegen gefährlich und lieferte ihn mit gebundener Route nach Tyrol, obgleich er dringende Vorstellungen machte, daß er sich nur zu Wien durch Lectionen Unterhalt verschaffen könne. Da stand er hülflos ohne Freund, er stand gebrandmarkt in den Bergen der Heimath. Weil er sich jede Zukunft abgeschnitten sah, nahm er Einstandsgeld für ein Muttersöhnchen und wurde Soldat. Bald wurde er Lieutenant. Er machte 1831 den Feldzug in Italien mit und lernte den classischen Boden dieses Landes kennen. Bald jedoch mißfiel ihm der Dienst in der Armee, er nahm und erhielt den Abschied mit einer Pension, zuwenig um zu leben, zu viel um zu sterben. Aus seiner Soldatenzeit stammen mehrere geographische Aufsätze, unter andern über das Wassernetz von Morea, welche in Wiener Blättern abgedruckt wurden.

Die Gartenlaube (1860) b 764.jpg

Sein Loos zu verbessern, trat er bei einem Advocaten als Schreiber in Dienst, schwang sich jedoch durch seine scharfsinnigen und trefflichen Aufsätze zum Concipienten empor. Nach einigen Jahren entzweite er sich mit seinem Brodherrn und ging nach Innsbruck. Als Journalist konnte er auch nichts verdienen, denn das brachte in Tyrol weder Geld noch Ehre. Tief und tiefer senkte sich auf ihn der Schmerz eines verfehlten Lebens, des Erlöschens jeder Hoffnung, je einen Wirkungskreis zu erlangen, der seinem Talent, seinem Ehrgeiz entspräche. Sein Geist verfinsterte sich allmählich, er wurde schroff und unverträglich und suchte bei der Rumflasche Trost, ohne daß man ihn eigentlich je betrunken gesehen hätte. Er verfiel allmählich ganz, wahrhaft dämonischer Hohn und Menschenhaß waltete über seinen Gedanken und prägte sich in den Zügen des fahlen Antlitzes aus. So saß er schweigend beim Glase, ein kleiner breitschulteriger Mann mit großem Kopfe, die hohe Stirn von schwarzem Haar wild umflogen, unter den buschigen Brauen loderten unheimlich die dunklen Augen. Schloß sich um ihn ein Kreis Studenten, deren er viele aus der Bibliothek kannte, wo er gewöhnlich über Hegel brütete, so ließ er sich auch wohl bewegen, ein oder das andere seiner Gedichte, am liebsten „Napoleon“, vorzutragen. Es geschah mit einem eigenthümlich dumpfen Dröhnen der Stimme. Dann versank er leicht in Sinnen, schüttelte den Kopf und rief mit schmerzlichem Lachen: „Glaubt mir, es ist alles nichts, nichts, nichts!“ Im Herbst 1857 erkrankte er und starb am 30. September im Spital.

Seine Gedichte gab er 1838 bei Wagner in Innsbruck gesammelt heraus. Wer wollte sie jedoch? Sie waren verstümmelt von der Censur, und in Tyrol rümpfte man höchstens die Nase, daß ein Mensch seine Zeit so verderbe. Senn gehörte keiner literarischen Coterie an und wurde daher nicht ausposaunt, nur der edle Feuchtersleben schrieb eine eingehende Recension derselben. Der Dichter stand abseits der großen Heerstraße, er machte nicht in Tendenz, war zu ernst für die Sentimentalität, zu streng für die Rhetorik. Die Form ist eng und knapp, kein Wort überflüssig, Reim und Vers nicht immer tadellos. Glätte strebte er nicht an; wir billigen dieses zwar nicht, es ist aber das Zeichen schwächlichen Epigonenthumes, dem ursprünglicher Gehalt verloren ging, darauf unverhältnißmäßigen Werth zu legen. Vorzüglich gelang ihm das Epigramm, und wahrhaft furchtbar sind die Sonette, die er auf einige Dunkelmänner, welche ihm zu nahe traten, schleuderte. Sie fanden handschriftlich weite Verbreitung.

Sein bedeutendstes Werk ist gewiß „Napoleon und das Glück“, ein sonderbarer Cyklus reich an erhabenen Gedanken und doch wieder ermüdend durch seine Länge und den Mangel an Fortschritt. Es gleicht einem Lavastrom, die Oberfläche ist in rauhen Zacken und kantigen Trümmern erstarrt, während sich innerlich noch die

[765] geschmolzene Gluth vorwärts wälzt. Senn’s Werke zeigen überall den tiefen Geist, dem die letzte Läuterung versagt blieb, doch soll man mit scheuer Ehrfurcht an dem Stamme vorbeigehen, dessen blühenden Wipfel der Blitz des Schicksals in den Sumpf geschleudert? Es wäre jetzt vielleicht, wo man ihn besser zu würdigen beginnt, an der Zeit, wenn eine tyrolische Buchhandlung eine Auswahl seiner Gedichte, vermehrt durch die Nachlese aus dem handschriftlichen Nachlaß, veröffentlichen würde.
X. Y. Z.