Eine Pflanze als Enthaarungsmittel

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Textdaten
Autor: Walther Kabel
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Titel: Eine Pflanze als Enthaarungsmittel
Untertitel:
aus: Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Jahrgang 1912, Bd. 4, S. 214–216
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1912
Verlag: Union Deutsche Verlagsgesellschaft
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Erscheinungsort: Stuttgart, Berlin, Leipzig
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Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
Walther Kabel arbeitete diesen Artikel teilweise wörtlich am Ende des Artikels Donnerbart und Tamarinde, zwei bemerkenswerte Pflanzen ein. Erschienen unter dem Pseudonym W. Bekal in: Deutscher Hausschatz, Illustrierte Familienzeitschrift, 37. Jahrgang Oktober 1910 – Oktober 1911, Seite 1031
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[214] Eine Pflanze als Enthaarungsmittel. – Die zur Familie der Leguminosen gehörige wilde Tamarinde, eine strauchähnliche, besonders in Südamerika und auf den Westindischen Inseln vorkommende Pflanze, übt auf Menschen und Tiere bei längerem Genuß eine seltsame Wirkung aus. Die Jambai, wie man den weißblühenden, blätterreichen Strauch mit seinem heimatlichen Namen nennt, wird von dem Vieh sehr gern gefressen, doch hat das leider große Unannehmlichkeiten zur Folge. Pferde verlieren ihren Haarschmuck vollständig und werden kahl bis zur Schwanzspitze. Daß sie dann geradezu abschreckend häßlich wirken und an Wert bedeutend verlieren, ist erklärlich.

[215] Lange Zeit haben die Viehzüchter der dortigen Gegend vergebens nach der Ursache dieser krankhaften Erscheinung gesucht, erst in letzter Zeit ist es gelungen, die merkwürdigen Wirkungen des Jambaigenusses festzustellen. Ein Mittel, die Folgen des Jambaifutters wieder zu beseitigen, gibt es für die Einhufer nicht. Sie bleiben nackt, auch wenn mit der Ernährung gewechselt wird.

Auf den Bahamainseln, wo derartige haarlose Pferde und Esel sehr häufig sind, nennt man diese armen, unschönen Tiere auffallenderweise „Nassauer“. Warum, ist nicht zu ergründen.

Schweine, von denen die Jambai gleichfalls mit Gier vertilgt wird, verlieren ebenso ihre Borsten, doch wachsen ihnen, wenn sie aufhören, Tamarindenlaub zu fressen, gelblichweiße Haare nach, die jedoch zur Verschönerung der Tiere keineswegs beitragen. Solche gelben Schweine heißen in Südamerika allgemein „Mestizen“ nach der ebenfalls gelblichen Hautfarbe dieser Mischlinge. Von Rindern, Schafen und Ziegen wird die Jambai ohne Nachteile genossen. Desgleichen übt sie auf das Allgemeinbefinden der Tiere keine nachteiligen Wirkungen aus und verändert auch nicht das Aussehen und den Geschmack des Fleisches.

Daß die Jambai auch auf den Menschen als Enthaarungsmittel wirkt, ist erst im letzten Jahre bekannt geworden. In den größtenteils noch völlig unerforschten, undurchdringlichen Urwäldern Südamerikas hausen verschiedene Indianerstämme, deren Angehörige nicht den geringsten Haarwuchs aufzuweisen haben. Ihre Schädel ähneln polierten braunen Kugeln, und selbst die Weiber haben auch nicht ein einziges Haar auf dem Kopf. Schon Alexander v. Humboldt erwähnt diese kahlen Indios als eine besondere Merkwürdigkeit, und neuere Forscher sprechen von ihnen als einer völlig degenerierten Rasse, die infolge von andauernden verborgenen Krankheiten den Haarwuchs verloren habe. Daß dem nicht so ist, ist nunmehr festgestellt worden. Jene Indianerstämme genießen nämlich den Samen der Tamarinden in gemahlenem Zustande und mit Wasser vermengt als ständige Zukost zu ihren sonstigen Speisen. [216] Wir haben es also bei den kahlen Indios lediglich mit derselben rätselhaften Wirkung der Jambai zu tun.

W. K.