Eine deutsche Prinzessin

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Autor: Eduard Schmidt-Weißenfels
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Titel: Eine deutsche Prinzessin
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 44, S. 623-626
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Eine deutsche Prinzessin.[1]

Einer unsrer gewiegtesten und conservativsten Diplomaten streitet in vollem Ernst und mit großer Entschiedenheit schon deshalb gegen Aufhebung aller deutschen Kleinstaaten, weil dadurch leicht Mangel an ebenbürtigen Prinzessinnen eintreten und mancher Thron ohne Landesmutter bleiben könnte. Er schildert mit lebhaften Farben die Verlegenheit heirathslustiger Fürsten, die dann umsonst nach einer ihm an Rang gleichstehenden Gemahlin suchen würden. Und in der That, nach welchem Throne Europa’s wir auch schauen mögen, überall erblicken wir auf ihm oder ihm nahe deutsche Fürstentöchter.

[624] Gegen keine dieser Verbindungen deutscher Prinzessinnen scheint aber das Schicksal mehr Protest eingelegt zu haben, als gegen die mit den Fürsten von Frankreich. Die Vermischung deutschen und französischen Blutes gebar immer Verderben, und mit einer merkwürdigen Consequenz folgte ihr stets Unglück, Tod und Trauer. Die drei Herrscherfamilien Frankreichs verloren den Thron, sobald sie deutschen Prinzessinnen sich anvermählten: Marie Antoinette war das Grab der Bourbons, Marie Louise der Sturz Napoleon’s, Helene von Mecklenburg war die Zeugin des orleanistischen Untergangs. Sollte der Himmel wirklich Zeichen des Zornes geben, wenn die menschlichen Handlungen die Natur der Geschlechter zu verfälschen drohen? Fast möchte man es glauben, wenn man der bösen Omina gedenkt, unter denen alle drei jener deutschen Herzoginnen ihre Vermählung mit dem französischen Blute feierten. Als Marie Antoinette sich mit Ludwig XVI. am 16. Mai 1770 im Alter von funfzehn Jahren vermählte, deckte das Firmament ein schwarzer, Alles beverfinsternder Schleier, furchtbare Donnerschläge waren die Festmusik der Natur, leuchtende Blitze die Hochzeitsfackeln, der Regen die Thränen des Himmels. Und als die Stadt Paris einige Tage darauf ein prachtvolles Volksfest gab, kamen durch den Einsturz eines Gerüstes und durch Gedränge 1200 Menschen um. Als zur Verherrlichung der Heirath der Erzherzogin Marie Louise mit Napoleon, im Jahre 1810, der österreichische Gesandte, Fürst Karl Schwarzenberg, eine glänzende Soirée gab, bei der auch der Kaiser mit seiner neuen Gemahlin anwesend war, stand plötzlich der ganze Saal in Flammen, und Hunderte der edelsten Damen und Herren verbrannten oder wurden durch das herabstürzende Gebälk erschlagen oder schwer verletzt. Kaum daß Napoleon selbst dem furchtbaren Geschick entging. Und so wie bei jenen beiden Herrscherhäusern, so kam das Unglück auch beim dritten, das Frankreich erhielt, zu Gaste, als es den Erben des Reiches, den Herzog von Orleans, am 30. Mai 1837 mit Helene Louise Elisabeth von Mecklenburg vermählte: beim Gedränge des Volksfestes auf dem Marsfelde fanden nahe an hundert Menschen ihren Tod.

Dennoch gab es wohl Wenige, welche die Zukunft der Herzogin von Orleans und des Hauses, dem sie sich vermählte, in fatalistischem Sinne vorhersagten. Alles schien sich zu vereinigen, diese Ehe zu einer der glücklichsten, das Schicksal der deutschen Prinzessin zu einem beneidenswerthen zu machen. Die Tochter des Erbgroßherzogs Friedrich Ludwig von Mecklenburg-Schwerin und die Enkelin des braven deutschen Karl August von Sachsen-Weimar besaß in seltener Vollkommenheit alle Vorzüge und Tugenden einer deutschen Frau, um wohl dem Ideal zu entsprechen, welches die Franzosen sich gern von den Prinzessinnen des protestantischen, in Märchendunkel gehülltem Deutschland machen.

Sie stand in der Blüthe einer dreiundzwanzigjährigen Schönheit, ihr reiches blondes Haar umwölbte wie ein goldener Kranz die Stirn, in der Bläue ihrer Augen wiegte Sanftmuth sich mit Stolz, Gefühl mit Klugheit, Edelsinn mit Festigkeit des Charakters; die Größe und Grazie ihrer Gestalt, die Anmuth ihrer Bewegungen, der einfache und bestimmte Charakter harmonirten vollkommen mit der ritterlichen Erscheinung des Herzogs von Orleans, des besten Gatten und Erben des schönsten Thrones. Wer sie damals in einfach weißem Kleide, mit dem schlichten Strohhut auf dem Kopfe, auf den Bergen Jena’s und im Park von Belvedere bei Weimar botanisiren sah, wird die durch und durch hochpoetische Erscheinung nie vergessen können. Wer hätte Unglück und Ungemach voraussehen wollen, da die Wahl des populärsten französischen Prinzen auf eine so würdige Person gefallen war? Selbst die Herzogin von Orleans, deren Wiege vom Geschick zwischen die Gräber ihrer Mutter, ihres Vaters, ihres Bruders gestellt ward, und deren Sinn sich gern dem romantischen Zauber der Melancholie überließ, lächelte sorgenlos ihrer Zukunft, die ihr den Thron von Frankreich bestimmte, entgegen. Der protestantischen und ihren Glauben bewahrenden Herzogin begegnete in ganz Frankreich wohl nur eine Mißgünstige, und das war die katholische Königin Marie Amalie, eine strenge, hartherzige, das droit divin der illegitimen Familie Orleans vertretende Frau, eine Tochter Ferdinand’s I. von Neapel, der erste Minister Louis Philipp’s, Katholikin im Sinne der Ligue, welche in der neuen Thronfolgerin stets eine gefährliche, populäre Hugenottin erblickte.

Man welß, welche officielle Bedeutung der Geburt von Kronprinzen beigelegt wird. Ehe diese Bedingung Seitens der jungen Kronprinzessinen erfüllt ist, haben sie sich keines Einflusses und Ansehens im Staatsleben zu schmeicheln, und schwerer straft das Geschick die weibliche Unfruchtbarkeit nirgends, verzweifelter vernimmt kein Gatte die unaufhörlichen Geburten von Töchtern, als bei diesen Frauen auf der ersten Stufe der Throne. Ihr Unglück beginnt, wenn der Segen des Himmels ausbleibt, und dem Lande der junge Erbprinz und die bekannten 101 Kanonenschüsse fehlen. Aber umgekehrt wird auch nirgends die Stellung der Frau mehr erhöht. Mit dem Beweis, daß die Nachkommenschaft einer glücklichen Natur anvertraut ist, steigt die Autorität der Mutter, und sie wird eine politische Person von höchster Bedeutung. So konnte unter den damaligen Umständen in Frankreich die Herzogin von Orleans der königlichen Familie keinen höheren Dienst leisten, als durch die Geburt des Grafen von Paris, am 24. August 1838, und durch die des Herzogs von Chartres, im Jahre 1840. Seit diesen Ereignissen, welche der glücklichen Ehe die Weihe gaben, war die Herzogin von Orleans eine Autorität der Familie; ihr Gemahl war auf dem Gipfel seiner Wünsche, die Nation verehrte in ihr das Muster der Frau und Mutter, und das stolze Bewußtsein, die Erben Frankreichs zu Kindern zu haben, gab der Herzogin jene Festigkeit und Sicherheit, mit der sie der Königin und oft auch der Prinzessin Clementine entgegentrat.

Diese Tage des Glückes und der Zufriedenheit wurden nur zu schnell durch ein tragisches Ereigniß abgekürzt, welches das memento mori der Julidynastie sein sollte. Am 13. Juli 1842 zerschmetterte sich der Herzog von Orleans, indem er aus dem von den wildgewordenen Pferden fortgerissenen Wagen sprang, auf dem Steinpflaster der Chaussee la Revolte das Haupt. Der Stolz des Landes, der Erbe des Reiches, das Glück und der Genius der Orleans war damit vernichtet, und von nun gab es gegen das immer drohender sich aufthürmende Unwetter am französischen Horizont keinen schützenden Ableiter mehr für die sorglose Königsfamilie. Louis Philipp, der sehr materialistische Grundsätze hatte, hielt es überdies für eine Schwäche, in diesem Unglück eine Warnung des Himmels zu sehen. Er war so sehr überzeugt von seiner Nothwendigkeit für Frankreich, von der Weisheit seiner Politik und der bekannten Rolle der Vorsehung, die er spielte, daß er an einen Sturz seines Reiches nicht im Traume dachte. Die Königin ihrerseits verstand sich besser auf das Verständniß der Himmelszeichen; sie sah in diesem gräßlichen Tode ihres ältesten Sohnes nur eine Art göttlicher Strafe für die Vermählung mit einer Protestantin.

Die Herzogin ihrerseits fiel durch den jähen Tod ihres Gemahls, der das Glück ihres Lebens gewesen war, in eine Melancholie und Resignirtheit, die ihrem Charakter entsprach und der sie düstere, aber auch für sie trostreiche Reize abzugewinnen wußte. Die Standhaftigkeit, mit der sie den großen Schmerz ertrug, die Strenge und Würde, mit der sie der Wittwenschaft und der Erziehung ihrer Söhne sich hingab, verklärte sie in den Augen des Volkes, und umhüllte sie mit jenem Duft der Tugenden, der noch ihr Grab umgab. Sie lebte sehr einzogen im Pavillon Marsan, im Cultus der Trauer um den um den verblichenen Gatten, dessen Andenken sie pflegte, und in dem Eifer für die Erziehung ihrer Söhne, denen sie die ritterlichen Eigenschaften und die Grundsätze ihres Vaters einzuflößen suchte. Ihr Trost bestand darin, das Zimmer des Herzogs unversehrt zu erhalten, tagtäglioh hineinzugehen, sich auf den Sessel zu setzen, der ihm einst gehörte, von ihm zu träumen und um ihn zu weinen. Mit erneutem Schmerze verließ sie dann diese Stätte, um zu den Abendcirkeln der königlichen Familie zu gehen.

Das Familienleben Louis Philipp’s war in seiner Art merkwürdig. Der König sowohl wie die Königin spielten darin Despotenrollen und quälten die Prinzen und Prinzessinnen weidlich mit ihrer philiströsen Anschauung und der von Auerbach gut gezeichneten Lust am „Befehlerlesspielen“. Aber selbst das königliche Blut gefiel sich im Oppositionmachen und suchte dem Herrn Papa und der strengen Mama Nasen zu drehen, besonders was die Politik betraf; denn außer den Eltern war die ganze königliche Familie durchaus revolutionär. Der Herzog von Orleans z. B. hatte in seinem Testamente, in dem er die Erziehung seiner Kinder vorzeichnete, ausdrücklich angeordnet, daß der Graf von Paris „ein leidenschaftlicher Diener Frankreichs und der Revolution“ sein und sich „dem Triumph der neuen socialen Ideen“ widmen solle, um, „wenn nicht der Apostel dieser Sache, so doch ihr Märtyrer zu werden“! Noch schlimmer spielte der Prinz von Joinville mit dem Feuer: er sang nicht allein die Marseillaise, sondern schnitt den Tert davon auch in seinen

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Helene, Herzogin von Orleans.

Tisch. Die Kinder des Königs hatten überdies ein seltsames Lexikon für die Bezeichnung der Herren Minister und Räthe Ihrer Majestät; so nannten sie Herrn Guizot den Schulfuchs, den Ministerconseil die kleinen Thiere, die Deputirtenkammer den Club, den Herzog von Nemours Than, Joinville den Hadji, den König Papa Oliban, und Andere waren mit Einfaltspinsel, Naseweis, Schleicher u. s. w. gekennzeichnet. Waren sie des Abends freilich unter den Augen der Königin, so verstanden Alle kein Wort von Politik und die Prinzessinnen stickten mit erstaunlicher Emsigkeit.

Von dieser Hausregel war nur die Herzogin von Orleans ausgenommen, die des Abends öfters Arm in Arm mit dem Könige den Salon durchschritt und von Politik sprach. Ihr war von Allen ein ganz selbstständiges Leben gestattet und dies verfloß in einer so ruhigen, der Pflichterfüllung gewidmeten Weise, wie keins von denen der übrigen Prinzessinnen.

Plötzlich brach der Sturm, den die königliche Familie in ihrer Sorglosigkeit nicht sah und sehen wollte, los. Ganz Paris stand am 22. Februar 1848 auf und das Volk machte seine Schlüsse aus dem Testamente des Herzogs von Orleans und saug, wie Joinville, allons enfants de la patrie! In den Tuilerien kam man zur Erkenntniß, als die Schüsse des Volkes dicht unter den Fenstern erdröhnten, und noch mehr, als man die Minister in Aengsten, die Generäle kühl, die Polizei betäubt sah, als die Undankbarkeit halb den Stücken wandte und die Feigheit den sonst geschmeichelten König seinem Schicksale überließ. Zwei Tage vergingen in dieser peinlichen Situation. Am 21. Febr. Mittags drangen unbekannte Personen in das Schloß und der Herzog von Moutpensier, Emil Girardin und Crémicux drangen hastig in den alten König, seine Abdankung zu unterschreiben. Man wollte die Herzogin von Orleans zur Regentin für den Grafen von Paris ernennen lassen und Emil Girardin besonders, der sich bereits Minister dünkte, drang in die Herzogin, diese Stellung anzunehmen. In der That zeigte sich diese bereit und vergaß, im Angesicht der Gefahr, für einen Augenblick die testamentarische Verfügung ihres Gatten, welche ihr die Ablehnung einer solchen Stellung zur Pflicht gemacht hatte. [626] Auch war inmitten des Tumultes kein Augenblick günstig zu einer ruhigen Ueberlegung und nach der Flucht der königlichen Familie, von der sie kaum Abschied nehmen konnte, blieb die Herzogin gewissermaßen als der Spielball des Ehrgeizes einzelner Personen allein zurück. Dupin bestürmte sie, nach der Deputirtenkammer zu gehen, und bleich, zitternd vor Aufregung verließ sie das Schloß, gefolgt von mehreren Deputirten, ihren beiden Söhnen und dem Herzoge von Nemours.

Eben hatte sich die Deputirtenkammer in Permanenz erklärt, als die Herzogin in den Saal trat, an der einen Hand den bleichen König einer Stunde, an der anderen den kleinen Herzog von Chartres. Ihre bleichen Züge rötheten sich vor Hoffnung und Freude, als sie die Rufe: „Es lebe die Regentin!“ „Es lebe der Graf von Paris!“ begrüßten. Wie schnell sollte dies schwanke Gebäude königlicher Hoffnungen beim Andrange der revolutionairen Fluthen zerschellen! Kaum schien es, als wenn die Sache der Herzogin gewonnen sei, als mitten in dem Lärme der Debatten die Thüren des Sitzungssaales eingeschlagen wurden und eine aufgeregte Masse von Blousenmännern und Nationalgardisten zwischen die Sitze der Deputirten bis zur Tribüne hinfluthete. Kaum gelang es dem Herzog von Nemours und einigen Deputirten, die Herzogin mit ihren Kindern aus der gefährlichen Umzingelung zu befreien und auf eine Bank der Montagne zu führen.

Der Lärm wuchs; jedes Wort für die Regentschaft ward mit dem wilden Geschrei nach der Republik überdonnert; von der Tribüne herab fielen zwei Schüsse in das große Bild, welches Louis Philipp darstellte, wie er die Charte beschwört; schon fordert man die Einsetzung einer provisorischen Regierung und die Julikrone wankt auf dem schwachen Haupte des Grafen von Paris. Da bestürmen Crémieux und Girardin die Herzogin, auf die Rednerbühne zu steigen; man schreit um Ruhe, die Herzogin selbst erhebt sich und versucht zu sprechen – umsonst, Man vernimmt keins ihrer Worte und der Tumult wird drohender, denn je. Gebrochen mit allen ihren Hoffnungen und umwogt von einer wild erregten Volksmenge wankt endlich die Herzogin aus dem Saale. Im Gedränge verliert sie ihre Kinder und doch darf sie nicht eher nach ihnen fragen, als bis sie im Hotel des Präsidenten in Sicherheit ist. Erst nach angstvoll durchlebten Viertelstunden findet der Herzog von Nemours sie mit dem Grafen von Paris wieder; aber der Herzog von Chartres bleibt verschwunden. Zwei qualvolle Tage vergehen, bis auch dieser Sohn, in schlechten Kleidern, bleich und zitternd, ihr von einem Huissier zugebracht wird, kaum, wie der Graf von Paris, den Händen einer wilden Volksmenge entronnen.

Im Angesichte der Zustände am 26. Februar wäre es Thorheit gewesen, sich noch Hoffnungen auf Wiederherstellung des Thrones hinzugeben. Das Höchste war schnell verloren und noch war das Leben und die Freiheit zu retten. Am Abend des 26l Febr. beschloß man daher, Frankreich zu verlassen. Der Herzog von Nemours, bei seiner Unpopularität mehr als jeder Andere bedroht, übergab die unglückliche Fürstin mit ihren beiden, von Krankheit geschüttelten Kindern dem Herrn von Montesquieu, der sie in der Nacht noch nach Schloß Ligny, einige Meilen von Paris, und in den nächsten Tagen mit aller Vorsicht über Amiens, Lille und Brüssel nach Ems führte, wo die Herzogin zur Wiederherstellung ihrer Gesundheit und der ihrer Kinder mehrere Wochen blieb, um dann das Asyl zu Eisenach zu beziehen, welches ihr der Großherzog von Sachsen-Weimar, ihr Oheim, überließ.

In dieser Einsamkeit des thüringischen Schlosses fuhr die Herzogin mit Eifer fort, die Erziehung ihrer Söhne zu leiten. Es war wohl schwer und heroisch, unter den Schlägen des Unglücks und an Hoffnungen arm das begonnene Werk zu vollenden und dem Erben der orleanischen Ansprüche seine Pflichten zu lehren. Folgte doch das Unglück noch bis in’s Exil! Louis Philipp starb in seinem Schlosse in England; ein neues despotisches Kaiserreich erstand und raubte der orleanischen Familie ihre Güter und ihr Vermögen, aus Dank dafür, daß der Bürgerkönig einst in politischer Unklugheit dem Rebellen von Straßburg und Boulogne das Leben schenkte. Selten ertrug aber eine Fürstin mit mehr Ergebenheit und sittlicher Größe das Unglück, mit dem ihr Leben erfüllt war; sie war die Wohlthäterin aller Armen und wohin sie kam, setzte sie sich Denkmale in die Herzen des Volkes; sie war geliebt, wie Wenige ihres Gleichen, verehrt von allen Parteien als eine Frau und Mutter im Schmuck seltenster Tugenden, geachtet von allen ihren Gegnern als ein edler und großherziger Charakter. Sie gab die Hoffnung auf die Zukunft nicht auf, durfte sie nicht aufgeben und blieb, trotz aller Anstrengungen ihrer Freunde, fest in dem Entschlusse, die Fusion mit den Legitimisten zu verweigern. Was konnte das Haus Orleans auch gewinnen, wenn es sich mit dem überlebten und verhaßten Reste des Bourbonenthums verschmolzen hätte? Die Bourbons haben keine Zukunft und noch heute haben sie Nichts gelernt und Nichts vergessen; aber das Haus Orleans darf sich rühmen, noch Liebe und Sympathien in und außerhalb Frankreich zu besitzen, die es dereinst auf den Thron zurückführen werden; die ganze intelligente Welt Frankreichs steht auf seiner Siete und das französische Volk ist sicherlich schon zu der Erkenntniß gekommen, daß es unter der Herrschaft der Orleans, wie viel politische Sünden sie auch begangen haben, doch am glücklichsten und freiesten gelebt hat.[2]

Früher, als es das Alter der Herzogin erwarten ließ, und schnell, als wollte der Tod das Opfer nicht quälen, verschied die schwergeprüfte Fürstin am 18. Mai dieses Jahres in Camborne-House in Richmond, wohin sie, wie manches Jahr, sich begeben hatte. Welchen Eindruck ihr Tod hervorrief, wissen noch Alle; so viel Schmerz und Klage, so viel Trauer und Thränen folgten sicherlich selten einer Fürstin ohne Thron und Reich, deren Weisheit und Hochsinnigkeit sich noch in dem Testamente documentirte, welches unlängst veröffentlicht wurde. Am 22. Mai wurden ihre sterblichen Ueberreste in der katholischen Capelle zu Weybridge, wo auch Louis Philipp und die Herzogin von Nemours ihre Gräber haben, beigesetzt.

Schmidt-Weißenfels.


  1. Obwohl wir bereits in einer frühern Nummer eine Skizze über die Herzogin von Orleans mittheilten, so glauben wir doch durch unsere heutige, die mehr biographischer Natur ist, und verschiedene neue Thatsachen bringt, unsern Lesern eine willkommene Gabe zu bieten.
    Die Redaction.
  2. Man erzählt, daß bei der Discussion des Gesetzes über die allgemeine Sicherheit der Kaiser nach Durchlesung des Morny’schen Berichtes ausgerufen habe: „Man sieht sehr gut aus diesem Berichte, daß es in Frankreich Legitimisten gibt; man sieht, daß es Orleanisten gibt; man sieht sogar, daß es Republikaner gibt; aber man sieht nicht, daß es einen einzigen Bonapartisten gibt!“ Der Kaiser würde sich vielleicht treffender ausgedrückt haben, wenn er gesagt hätte: „es gibt keinen Bonapartisten mehr!“