Eine großartige Zahnanstalt

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: C. Keutgen
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Eine großartige Zahnanstalt
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 20, S. 331
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[331] Eine großartige Zahnanstalt. New-York kann sich mit Recht rühmen, die großartigste Zahnausziehanstalt der Welt zu besitzen. Die Großartigkeit derselben besteht aber nicht in weitläufigen Gebäulichkeiten etc., sondern in der Thätigkeit, welche daselbst an den Tag tritt. Hier wird nämlich nichts Anderes gethan, als Zähne ausgezogen, und zwar – ohne Schmerzen. Die Räumlichkeiten befinden sich im sogenannten Cooper-Institute, welches so ziemlich im Centrum der Stadt liegt.

Mit Bangen und Zagen treten wir, von Zahnschmerzen gepeinigt, in ein geräumiges Vorzimmer. Der Fußboden ist mit kostbarem Sammetteppich belegt, und die soliden Möbel sind mit rothem Sammet überzogen. An den Wanden hängen billige Stahlstiche in kostspielige Rahmen gefaßt. (Wir Amerikaner haben nämlich großen Kunstsinn und schätzen einen Holzschnitt in schönem Rahmen höher, als einen Kupferstich in schlechtem.) Ein matter Lichtschein fällt durch eine über der Thür angebrachte Glasscheibe herein, um Alles in einem feierlichen Halbdunkel erscheinen zu lassen. Die Stühle und Sophas sind von Männern und Frauen aus allen Ständen besetzt, die ungeduldig warten, bis sie an die Reihe kommen.

Alle fünf Minuten öffnet sich eine Seitenthür; der „Doctor“ erscheint in derselben und ruft in geschäftsmäßigem Tone: „Next!“ (der Nächste). Sogleich erhebt sich einer der Zahnpatienten, folgt mit klopfendem Herzen dem Doctor in ein kleines, hellerleuchtetes Gemach und nimmt auf einem hohen, weichen Armstuhle Platz.

„Welche Zähne wollen Sie los sein?“ fragt der Doctor. Nachdem solche bezeichnet sind, erscheint ein hübsches Mädchen, bindet dem Patienten ein Tuch um und ein anderer Assistent befestigt ihm einen Kork zwischen den Zähnen; dann steckt ihm der Doctor das Ende des mit Lachgas gefüllten Schlauches in den Mund. Innerhalb einer Viertelminute hat ihn das Gas vollständig eingeschläfert. Träume, sanfte und anmuthige oder wilde und phantastische, durchziehen sein Gehirn, und zwar weit rascher und mannigfaltiger, als solches im gewöhnlichen Schlafe möglich wäre. Ein zufriedenes Lächeln läßt den Zuschauer angenehme, stierartiges Brüllen aber unangenehme Träume des Betäubten erkennen. Unterdessen zieht der Doctor ganz gemüthlich die bezeichneten Zähne aus und läßt sie in eine aus dem Fußboden hervorragende Röhre fallen, durch welche sie irgendwo in die Unterwelt gleiten.

Das Mädchen streicht jetzt mit einem nassen Schwamme über das Gesicht des Schlafenden; – er erwacht und blickt verwirrt umher. Der Assistent bedeutet ihm, daß die Zähne ausgezogen sein und er jetzt jemand Anders Platz machen möge.

Die ganze Geschichte hat nur drei bis vier Minuten gedauert und der Betreffende nicht die geringsten Schmerzen empfunden. Er bezahlt jetzt seine zwei Dollars für den ersten Zahn und einen Dollar für jeden weiteren, schreibt seinen Namen in ein Fremdenbuch und verabschiedet sich.

Wie viele Zähne hier im Laufe des Jahres ausgezogen werden, weil ich nicht; man kann aber annehmen, daß während des Tages durchschnittlich alle fünf Minuten ein Zahn das Zeitliche segnet. Die meisten Zahnärzte gebrauchen zwar jetzt dieses Gas, allein nicht mit demselben Erfolg, da durch mangelhafte Zubereitung desselben manche Unannehmlichkeiten auftreten.
C. Keutgen.