Erinnerungen an Heinrich Heine (Die Gartenlaube 1867/42)

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Textdaten
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Autor: Arnold Ruge
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Titel: Erinnerungen an Heinrich Heine
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 42, S. 671–672
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Blätter und Blüthen
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[671] Erinnerungen im Heinrich Heine. Heinrich Heine hat mich den Trommelschläger der Hegel’schen Philosophie genannt; ich habe deswegen geglaubt, im vierten Bande meiner Erinnerungen aus früherer Zeit Reveille für die Philosophie schlagen zu müssen, und trage es Heine nicht nach, daß er mir noch zum Abschiede eins versetzt hat. Ich hatte es reichlich verdient durch meine unbarmherzige Kritik im Anfang der Jahrbücher, die Heine lange genug geduldig ertragen hat. Ja, ich war überrascht von seiner Freundlichkeit, als ich 1843 nach Paris kam. Im Palais royal ging ich eines Abends mit einem jungen israelitischen Freunde an den Springbrunnen entlang. „Heinrich sitzt in der Rotunde,“ sagte er mir, „er wünscht Ihre Bekanntschaft zu machen; erlauben Sie mir, daß ich Sie vorstelle.“

„I, der alte Fuchs! Das ist ja recht menschlich von ihm!“

„Denken Sie nicht, daß er Ihnen Ihre Kritik nachträgt.“

„Was sagt er denn?“

„Er meinte, wenn man ordentlich gekreuzigt würde, stände man auch ordentlich wieder auf.“

„Nun, so lassen Sie uns hingehen.“

Heine war ein kleines, etwas corpulentes Männchen, unbefangen und eine freundliche Erscheinung. Mit kleinen schlauen Augen, erregte er keinen Argwohn, als lauerte er Einem auf. Man war sofort mit ihm vertraut.

„Wie geht’s in Deutschland? Sind die Gefängnisse bald voll? Ich höre, Jeder will sich sein Zimmer zum Gefängniß einrichten, um der Regierung unter die Arme zu greifen,“ begann er.

„Ihre Nachricht bezieht sich wohl zunächst nur auf Preußen,“ erwiderte ich.

„O nein, im Gegentheil, die Preußen sind es schon gewohnt, Staatsgefangene zu sein; die Anderen aber streben ihnen jetzt nach!“

„Sehen Sie dort, da sitzt ein preußischer Spion –“ fiel mein junger Israelit ein.

„Es giebt keine preußischen Spione,“ unterbrach ich ihn, „die Preußen bezahlen sie nicht.“

„Die unbezahlten,“ erwiderte Heine, „sind die schlimmsten: die hoffen erst was zu kriegen.“

So verlief die Unterredung weiter, wie zwischen alten Bekannten, ja, in Kurzem kamen wir sogar auf Privatangelegenheiten, und Heine erzählte, in Paris könne man immer Geld brauchen, wäre es auch nur, um bei Béfour zu essen, und ordentlich zu essen, das sei doch Jeder sich selbst schuldig. So brauche er jetzt gerade zweihundert Franken.

Ein dritter Israelit, der nicht zu unserer Gesellschaft gehörte, im Gegentheil für eine Art Pariah der Zeitungsliteratur galt und mit Recht so angesehen wurde, hatte sich immer in nicht großer Entfernung mit auf- und abgeschwungen, wie wir durch den Garten gegangen waren. Sowie er von den zweihundert Franken hörte, schoß er zu Heine heran und rief aus: „Ich will sie Ihnen leihen.“

Heine trat wie betroffen zurück, sah ihn einen Augenblick prüfend an und erwiderte dann: „Sie sind mir nicht sicher!“ womit der Andere ganz verdutzt abzog.

Wir lachten laut auf. „Gut,“ sagte Heine, „die zweihundert Franken minus sollen uns nicht abhalten, bei Béfour zu essen. Da, die Glasthür steht offen, treten wir ein. Die Mysterien von Eleusis sind hier zu haben.“

Der „Unsichere“ wagte uns nicht zu folgen, und die Aristokratie aß allein. Das Essen war so gut, daß Heine bemerkte, es verdiene knieend eingenommen zu werden, und als er fertig war, rief er aus: „Nun fühle ich mich besser!“

„Ueber Tisch fragte er: „Nun die Jahrbücher, mein Pranger, eingegangen, was wird denn in Deutschland an die Stelle treten?“

Ich theilte ihm mit, Schwegler, ein Schwabe, wolle Jahrbücher der Gegenwart herausgeben, um Alles wiederherzustellen, was wir demolirt hätten.

„Also auch mich, das hab’ ich gehofft. Aber Jahrbücher der Gegenwart? Da sind sie ja schon Maculatur, wenn man sie in die Hand nimmt.“

Nach Tische gingen wir in’s Lesecabinet. Heine gerieth in einer Revue auf einen Aufsatz über die neueste deutsche Literatur. Als ich bemerkte, er sei nicht des Lesens werth, legte er ihn weg mit den Worten: „Ich wollte auch nur sehen wo ich ausgelassen wäre!“

Während des Lesens der Zeitungen wurde ein alter Herr lästig, der sich fortdauernd mit lautem Geräusch räusperte. Heine rief: „Hsch! hsch!“ Dies nahm der Räusperer übel, trat heran und fand sich beleidigt. „Oh! c’était vous, Monsieur!“ sagte Heine entschuldigend, „pardon! Je croyais que c’était un chien!“ (Oh! Sie waren ‘s, mein Herr; Verzeihung, ich glaubte, es wäre ein Hund!) Der alte Herr verneigte sich und gab sich mit der Erklärung zufrieden.

[672] Zu den deutsch-französischen Jahrbüchern, zu denen wir vergeblich französische Beiträge suchten, da jeder erklärte, wir wären nicht von seiner Partei, gab Heine ein paar Gedichte her gegen König Ludwig von Baiern. Diese versalzten uns gleich anfangs den ganzen Kram. Nicht nur, daß sie dem gekrönten Dichter arg mitspielten, an der bairisch-französischen Grenze wurde auch vornehmlich um ihretwillen der größte Theil der Auflage weggenommen. Preßfreiheit hatten wir wohl in dem damaligen Paris, aber es fehlte an der Vertriebsfreiheit, die Heine’s Satiren nun vollends unmöglich gemacht hatten.

Ueber seine Dichtungsart hatte ich verschiedene interessante Unterredungen mit ihm, und er gab zu, daß er die politische Satire besser in Schwung setzen sollte, da er es besser könnte, als die übrigen „sogenannten“ politischen Dichter. Er gab auch wirklich bald darauf sein „Deutschland, ein Wintermärchen“, heraus, mit dem er ein verdientes Glück machte. Ich war natürlich sehr davon erbaut.

„Wollen Sie es kritisiren, da Sie doch damit zufrieden sind? Gut, dann will ich Ihnen einen Abdruck verehren,“ sagte er.

Ich nahm es mit Dank an, hatte aber so viel Gefallen an dem Gedicht, daß ich das Geschenk nicht erwarten konnte, sondern mir das Buch gleich aus der Buchhandlung holte und auch sogleich eine äußerst günstige Kritik niederschrieb, – sie ist in meinen gesammelten Schriften abgedruckt.

Als ich den Brief mit der Recension eben fertig hatte und absenden wollte, trat Heine herein, legte das Buch auf den Tisch und wiederholte seinen Wunsch.

„Ei, so lang’ hab’ ich nicht warten können und gute Bücher muß man sich kaufen. Sehen Sie her! Hier ist es und hier ist die Kritik!“ erwiderte ich.

„Wollen Sie sie mir anvertrauen? Ich schreibe gerade an Campe.“

Der Brief war schon versiegelt; er drehte ihn hin und her. Als ich sagte: „O, Sie können das Siegel erbrechen und Alles lesen,“ freute er sich und schlug vor, wir wollten zusammen auf den Boulevard gehen und ein Glas Eis zusammen essen.

Wir wanderten höchst vergnügt und offenbar gründlich versöhnt mit einander diese civilisirte Straße der alten Hauptstadt des Continents entlang, und Heine rief höchst befriedigt aus: „Es ist doch was werth, daß wir hier so zu sagen zu Hause sind und auf dieser Hauptader der Geschichte zusammen umhergehen können!“

So wußte er einen günstigen Augenblick zu schätzen und festzuhalten. Ich fand einen höchst gemüthlichen Gesellschafter an ihm und blieb fortdauernd mit ihm in dem besten Vernehmen.

Dies zeigt auch folgender höchst merkwürdiger Vorfall.

Freunde von Jacoby aus Königsberg waren bei uns zum Besuch. Sie brachten ‚Das Königliche Wort Friedrich Wilhelm des Dritten‘ mit, das Jacoby, trotz Macchiavelli’s Recept, immer noch erfüllt haben wollte und das ich glücklicher als die französisch-deutschen Jahrbücher wieder über die Grenze in seine Heimath zurückbeförderte. Als wir lebhaft mit der Zukunft des störrischen Vaterlandes beschäftigt waren, wurde uns plötzlich Heine angemeldet. Ich meinte, er käme uns gerade recht, und ließ ihn bitten, hereinzukommen. Er blieb aber in meinem Arbeitszimmer und ließ sagen, er habe dringend mit mir allein zu sprechen.

Ich war auf eine solche Geschäftsmiene von seiner Seite gar nicht gefaßt und wurde neugierig, was er mit mir vorhabe.

Kaum hatten wir uns begrüßt, so rief er mir zu: „Sie müssen mir secundiren, ich will mich mit Armand Marrast schlagen.“

Ich erwiderte, das Secundiren schlüge gar nicht in mein Fach, und das Duelliren, dächte ich, sei ein Aberglaube, dem er entwachsen wäre.

„Das verstehen Sie nicht. Ich muß mich schlagen. Sie kennen Paris nicht. Sehen Sie her, was der National da von mir sagt.“

Der National hatte einen kurzen Paragraphen, worin es ungefähr so hieß: „Heine habe ein Gedicht ‚Deutschland, ein Wintermärchen‘, publicirt, der freien Partei könne Heine aber nicht dienen, er, der Lamennais einen prêtre abominable genannt habe.“

„Nun,“ fragte ich ganz verwundert, „und darüber wollen Sie sich schlagen? wenn Lamennais auch nicht gerade abominable ist, so ist es doch wahr genug, daß er ein prêtre ist; und wie kann Marrast über den Nutzen Ihrer Satiren für unsere Partei urtheilen? Es hat ihm irgend Jemand etwas weis gemacht.“

„Das ist es ja eben, diese verfluchten Juden!“ fuhr Heine heraus.

„Also ein Familienzwist?“ fragte ich.

„Ich bin kein Jude und bin nie einer gewesen,“ sagte Heine pikirt. Ich weiß nicht mehr, in welcher Generation sein Geschlecht schon getauft worden war, auch sah er wirklich nicht jüdisch aus, wie sich jeder durch seine Photographien überzeugen kann. Daß er mich aber ganz ernsthaft, auf’s Kamin gestützt, wie ich ihn noch vor mir sehe, überreden wollte, er sei kein Jude, machte einen komischen Eindruck auf mich. Strauß, der Freund Börne’s, hatte mich gründlich über diesen Punkt aufgeklärt. Die Börnianer waren aber auch an dem Artikel im National schuld, und das war es, was Heine daran ärgerte. Er kam immer wieder auf das Duell zurück und daß ich ihm secundiren müsse.

„Wenn Sie Sich durchaus durch ein Duell blamiren wollen, so müssen wir irgend einen polnischen General zum Secundanten auftreiben. Für mich schickt sich die Metzelei nicht, auch stehe ich mich mit Marrast so freundschaftlich, daß ich ihm unmöglich als kriegführende Partei entgegentreten kann. Wenn Sie aber meine Vermittlung und den Versuch, ihn aufzuklären, annehmen wollen, so, glaube ich, ließe sich die Sache wohl ausgleichen.“

„Es ist wahr, Marrast ist nur irre geführt; wollen Sie das thun? Da bin ich Ihnen sehr verbunden.“

Er ging in dieser Stimmung weg und wollte die Königsberger, zu denen ich ihn nun nochmals einlud, nicht sehen. Sogar meine Versicherung, daß hübsche Mädchen mit dabei wären, half nichts. Als ich zu Marrast kam, war dieser sehr ärgerlich und fuhr heraus, an die dreißig Frankfurter Juden hätten ihn überlaufen und nicht eher geruht, als bis sie ihn bewogen, den Paragraphen in den National zu setzen. Ob denn die Geschichte mit Lamennais nicht wahr und ob Heine nicht ein mauvais sujet wäre?

„Nichtsdestoweniger,“ erwiderte ich, „hat er sich jetzt mit ganz vortrefflichen Satiren gegen das deutsche Unwesen nützlich gemacht. Ich selbst habe sie gelobt und warm empfohlen.“

„Gut,“ sagte Marrast, „wir wollen also sagen, daß er ein gutes Gedicht gemacht habe, mit dem die Opposition vollkommen zufrieden sei, was er auch sonst gesündigt haben möge.“

So ungefähr fiel die Berichtigung aus, mit der dann Heine ganz zufrieden gestellt war. Und wirklich waren die Börnianer zu weit gegangen, indem sie es versuchten, das Wintermärchen für ein schlechtes Gedicht auszugeben. Heine hatte sich Freunde unter den Franzosen gemacht. Denn seine witzige Behandlung politischer und religiöser Gegenstände sagte ihnen zu. Einmal sagte ein Franzose zu ihm: „Je comprends le rationalisme, mais je ne comprends pas l’athéisme.“ (Mit dem Rationalismus kann ich mich befreunden, aber den Atheismus begreife ich nicht.)

„Il est facile à comprende,“ erwiderte Heine, „l’athéisme est le dernier mot du théisme.“ (Er ist leicht zu verstehen; der Atheismus ist das letzte Wort des Theismus.) Das „letzte Wort“ hat einen Anklang von „letztem Willen“.

Solche klare und doch zweideutige Wendungen sind eine Feinheit, die man bei Heine häufig findet.

Arnold Ruge.