Erinnerungen an Schulpforte

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Autor: Alfred Annaburger
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Titel: Erinnerungen an Schulpforte
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aus: Die Gartenlaube, Heft 40, S. 646–649
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Erinnerungen an Schulpforte.
Von Alfred Annaburger.


Es ist eine fast wunderbar erscheinende Erfahrungsthatsache, daß akademisch gebildete Männer, wenn sie bei einem guten Trunk in gemüthlichen Wechselreden auf vergangene alte Tage zu sprechen kommen, die Studentenzeit übergehend, mit dem lebhaftesten Interesse in der Erinnerung ihrer Gymnasialjahre schwelgen. Da hat denn Jeder etwas zu berichten von thörichten und übermüthigen Streichen, von lieben und verhaßten Lehrern, von Lust und Leid.

Fast wunderbar, sage ich, kann das erscheinen, da doch allgemein angenommen wird, daß die Studentenzeit die schönste sei im Leben eines Mannes. Das hat etwas für sich, doch mag ich meinerseits jene Annahme nicht bedingungslos unterschreiben.

Unermeßlich reich freilich ist der Student durch die fast unbegrenzte Freiheit seiner ganzen Lebenseinrichtung. Er geht in’s Colleg oder nicht, er studirt oder nicht, er verreist mitten im Semester, ohne einen Menschen zu fragen, er sitzt zu Hause oder geht in die Kneipe, er trägt eine farbige Mütze oder einen schwarzen Hut, er schläft des Nachts oder am Tage – Alles steht ihm frei. Dafür paßt aber auch hier das paulinische Wort: „Ich habe es zwar Alles Macht; aber es frommt nicht Alles.“ Zur Freiheit gehört Reife, körperliche, geistige, vor Allem moralische. Diese Reife fehlt den Studenten vielfach. Manche ruiniren auf der Universität ihre Gesundheit, nicht wenige ihren Charakter; die Meisten stürzen sich, der lästigen Schulfesseln entbunden, mitten in die Wogen dieser göttlichen Ungebundenheit, verbummeln ein gutes Theil der schönen Zeit, lernen nicht nur nichts, sondern vergessen von dem Mitgebrachten. Später geht das „Pauken“ und „Ochsen“ los; denn das Examen soll gemacht werden. Es wird auch gemacht; „aber fragt mich nur nicht, wie?“ Dann kommt eine bescheidene Anstellung in der verhöhnten Provinz, die ehedem zu nichts gut war, als zeitweilig böotische „Wollonkel“ nach Athen zu schicken – und der Bierphilister ist fertig. Das ist nicht Aller Lebenslauf, aber Vieler. Lächerlich erscheinen dann die Renommirtugenden des bebänderten Burschen und unverständlich die feierliche Rührung, mit welcher der krasse Fuchs den ersten Landesvater sticht.

Andere benutzen nun wohl die Zeit zum Studiren, werden aber über ihrem Wissensdrang und Lerneifer Bücherwürmer; das sind die späteren Lichter in der Gelehrtenwelt oder Streber in der Beamtencarrière. Es ist ein Glück, daß diese Species existirt, aber vom specifischen Studentenleben erfahren sie nichts.

Die goldene Mitte ist auch hier schwer zu treffen, und Wenige sind ihrer, die darauf wandeln.

Die Erinnerung an die Studentenzeit stößt also gar zu oft auf sinnlosen Ulk, auf renommistische Bravaden, leere Collegienhefte, Katerfrühstücke, Nachtwächterkrawalle, aber nichts Absonderliches. Das klingt hart, Manchem vielleicht übertrieben oder gar unwahr. Ich kann mir aber nicht helfen; mir hat die Universität das nicht erfüllt, was ich gehofft. Mag es an mir liegen, aber ich weiß, daß ich nicht vereinzelt in dieser Meinung dastehe.

Lieber, freundlicher, ich möchte sagen reueloser ist mir die Erinnerung an die Schule. Nicht als ob ich hier nur Licht sähe, wie dort nur Schatten – aber doch viel Licht; und das mancherlei Herbe und Harte, was auch auf der Schule erfahren wurde – denn wo wird es nicht erfahren? – wird durch das Gedächtniß des Angenehmen gemildert, um nicht zu sagen vergessen.

Wie lieblich sie daliegt, die in ganz Deutschland hochberühmte Fürstenschule, die alte alma mater Portensis, gewöhnlich Schulpforta genannt, im grünen Winkel buchenbewaldeter Höhen des Saalthals! Blaugrau ragt der mit Schiefer gedeckte spitze Kirchthurm über die Gebäude. Der Eindruck des Ganzen von außen ist entschieden bis heute noch ein durchaus klösterlicher; aber das Leben hinter der ansehnlich hohen Mauer ist es um so weniger. Der im Allgemeinen herrschende Ton ist Frohsinn. Zwar hat der Ankömmling, der – als Nachklang aus der Cistercienserzeit – Novitius genannt wird, einige nicht gerade zarte Pennalwitze zu überstehen, bei denen es zuweilen bis zu schwimmenden Augen kommt; indessen ist das auch nicht so roh, wie es hin und wieder selbst von „Pförtnern“ in unüberlegter Mundvollnehmerei geschildert wird; es ist kein Fall bekannt, daß Krankheit oder gar Tod dadurch verursacht wäre, und der durch diesen Empfang Hindurchgegangene kommt sich sozusagen nun erst als ein in der neuen Gemeinschaft zu Recht Bestehender vor. Es dauert nicht lange, so findet der auch völlig unbekannt Eintretende Cameraden und Freunde. Nicht selten sind gerade diese erstgeschlossenen Freundschaften [647] von Dauer nicht nur während der Schulzeit, sondern für’s Leben.

Sollte einer von Euch, die wir im Herbst 1853 dorthin kamen, diese Zeilen lesen, der wird meine Worte bestätigen. Wir sind zum größern Theile gleich fortschreitend resp. zurückbleibend bei einander geblieben bis zum Ende; und als wir von einander gingen zu Naumburg auf dem Bahnhofe, war es nicht nöthig, ewige Freundschaft zu schwören, sondern wir wußten, daß wir trotz mancherlei Trennendem im Leben uns gehören würden in der Erinnerung an gemeinsames Streben, Hoffen, Fühlen, Lieben, Leiden. Und das Leben hat es bewahrheitet.

Fast möchte ich glauben, daß keine Freundschaftsbündnisse idealeren Gehaltes sind als die auf der Schule geschlossenen. Das Herz hat noch keine tiefgreifenden Täuschungen erfahren, ist frei von Mißtrauen, giebt sich ganz hin ohne jegliche Berechnung. Vermögens- und gesellschaftliche Verhältnisse bleiben unberücksichtigt, politische oder religiöse Gegensätze sind noch nicht hervorgetreten; die später etwa sich entwickelnden werden von der älteren Freundschaft überbrückt. Einen Adel giebt es nur auf der Schule, aber einen vollwichtigen, eigenserworbenen, von Allen anerkannten: das Wissen und Können.

Die nicht durch eigentliche Freundschaft verbundenen Schüler einer Classe werden doch schon dadurch, daß sie fortwährend durch den gemeinsamen Unterricht auf gleiche Ziele hingewiesen, in Folge dessen in gleichem Interesse erhalten werden, durch eine solche Art von Gleichgestimmtheit der Seelen zusammengehalten, die am besten mit dem Namen Corpsgeist bezeichnet wird. Dieser Corpsgeist hat seine guten und bösen Seiten, aber er bewirkt doch eine gewisse Selbstlosigkeit und Hingabe des Einzelnen an das Ganze, das dadurch besonders den Lehrern gegenübern zu einer undurchdringlichen Phalanx wird.

„Einer für Alle, Alle für Einen“ war bei uns keine Phrase. Ich habe Studentenkrawalle miterlebt, bei deren „Abfassung“ jeder sich zu drücken und aus der Affaire zu ziehen suchte, die Anderen ihrem Schicksale überlassend. Wir Schüler offenbarten uns entweder gemeinsam, oder wir leugneten gemeinsam. Das Letztere zu vertheidigen fällt mir nicht ein, doch möchte ich sagen wie Ovid: – – facto pius et sceleratus eodem (durch dieselbe That ein Frommer und ein Verbrecher). Was war denn aber zu leugnen? Meistens dumme Streiche, Versäumnisse, Verstöße gegen die Hausordnung, die allerdings nichts weniger als mild war.

Wir sollten im Sommer Punkt fünf, im Winter Punkt sechs Uhr aufstehen; wir sollten den ganzen Tag über immer nach der Minute hier oder da sein; wir sollten nach Commando im Freien oder in der Stube sein, ohne Rücksicht auf Baro- und Thermometer; wir sollten auch in der Freizeit nicht außerhalb der Mauern spazieren gehen, nur Sonntags von Drei bis Fünf und die Primaner auch an diesem oder jenem Wochentage auf zwei knappe Stunden; wir sollten nicht rauchen und waren doch achtzehn-, neunzehn-, zwanzigjährige Burschen; wir sollten nicht Karten spielen; Gott weiß, was wir Alles sollten und nicht sollten. Diese strenge Ordnung hatte ja ihren Segen; aber es war doch für Viele nicht leicht sich in dieselbe hineinzufinden. Zumal das Spazierengehen und Rauchen wurde eine Klippe, an der so manches Schifflein sich ein Leck holte, etliche ganz scheiterten. Ein Primaner mit dem Spitznamen „Hatten“, eine Folge seiner etwas stotternden Zunge, hatte angegeben, von einem durchreisenden Onkel nach Naumburg eingeladen worden zu sein. Man geb ihm die Erlaubniß; die Schwindelei wurde entdeckt; er wurde „geschaßt“ (fortgeschickt). Ein Freund schrieb ihm, dem Scheidenden, in’s Stammbuch:

„Hättest Du, edeler Hatten, Dich nicht verheddert, so hätten
Nicht Dich die Kerls[1] gefaßt; und wir hätten dich noch.“

Mit unwiderstehlicher Anziehungskraft lockte der grüne dichte Buchenwald des Knabenberges; wie prächtig und ungestört ließ sich dort im schattigen Versteck eine Cigarre rauchen! Andere konnten nicht Herr werden ihrer Lust, in Almrich eine Partie Billard zu spielen. Almrich! Eisentraut! nimmer verklingende Namen seligen Angedenkens! Dort wurde der erste Pump angelegt, nicht der letzte, die anderen kamen auch wohl ohne unser Gebet.

(Für „Nicht-Pförtner“ sei bemerkt, daß Almrich, eigentlich Altenburg, ein zwischen Pforte und Naumburg liegendes Dorf ist, wo die Primaner ihre selbst von den gestrengen Herren so halb und halb gestattete Stammkneipe hatten und wohl noch haben. Der nun selige Wirth selbiger Kneipe hörte auf den Namen Eisentraut.)

Die Mauer war kein Hinderniß, in’s Freie zu gelangen; wozu hatten wir Turnen gelernt? Außerdem existirte zu unserer Zeit ein Erbschlüssel zu der kleinen Hinterpforte, die aus dem Schulgarten auf den Fußweg nach Almrich führte. Mit Hülfe dieses Schlüssels waren wir, eine ganze Rotte, eines schönen Tages ohne absonderliche Erlaubniß ausgeflogen. Wir nannten dieses unerlaubte Ausgehen „prellen“. Mit Hülfe dieses Schlüssels waren wir eben im Begriff, wieder einzufliegen, als wir dicht vor uns verdächtige Stimmen von Lehrern vernahmen; jedenfalls waren sie jenseit der Thür so nah daran, wie wir, und wollten heraus, wie wir herein. Was nun? Ausreißen war zu spät; sie brauchten nur von innen aufzuschließen und sahen uns laufen.

G., der den Schlüssel führte, steckte schnell wie der Blitz von außen den Schlüssel in’s Schloß und drehte ihn um eine halbe Wendung um, so daß er nicht von dem entgegenkommenden hinausgestoßen werden konnte. Und nun vorwärts, fort, wie flüchtiges Wild die Mauer entlang bis zu einem günstigen und verstecktliegenden Uebersteigungspunkt. Es ist höchste Zeit zur Visitation zurechtzukommen; doch wir kommen zurecht. Inzwischen arbeiten die lieben Herren im Schweiße ihres Angesichtes an dem Schlosse herum; Einer nach dem Anderen probirt, bis denn endlich der Bart los war. Da mußten sie sich bequemen, den weiten Umweg durchs Vorderthor zu machen. G. aber holte sich alsbald nach der Visitation seinen Schlüssel wieder.

Officielle Feste waren des Königs Geburtstag, der 15. October, die beiden sogenannten Bergtage, das Schulfest am 21. Mai. Am letztgenannten Tage fiel die sonst tägliche Morgenandacht aus und die Feier des Tages begann gleich mit dem um acht Uhr stattfindenden Gottesdienste. Es war im Jahre 1859, als am Vorabend des Schulfestes von einem Primaner die illuminirte Idee vorgetragen wurde, die schöne Zeit des kommenden Morgens bis acht Uhr zu einem Ausfluge zu benutzen. Nur wenige schlossen sich aus. Das Gros stand anderen Tages Punkt vier Uhr marschfertig vor dem großen Portal. Einer von uns, der Verführer selbst, ein passionirter Hornbläser, der außer in der Schule selten ohne sein Horn zu treffen war, hatte den Uebermuth, vor dem Portale das militärische Signal des Aufbruches zu blasen.

„Meine Herren,“ redete er uns dann mit komischem Pathos an, „wenn es Ihnen, wie vorauszusetzen, interessant sein sollte zu wissen, wohin im Rathe der Olympier diese Reise zu machen beschlossen ist, so habe ich die Ehre Ihnen zu eröffnen, daß die befragten Eingeweide des Opfertieres zweifellos auf einen Rudelsburger Frühschoppen deuten. Die Vorzeichen sind günstig. Quin, ascendamus equos!“ (Wohlan, besteigen wir die Pferde!)

Sprach’s und blies in das Horn zum andern Male, und „Hurrah“ scholl’s antwortend zurück. Fort ging’s in rüstigem Eilschritt. Es war ein wonniger Morgen, dichter Nebel im Saaltal. Während unseres Marsches wurde es Tag. Nach fünfviertelstündigem Marsche lag im rosigsten Glanze des Frührothscheines unser Ziel, die alte, liebe Rudelsburg, vor uns. Unser jovialer Mundschenk, der alte Samiel, eine vielgekannte Persönlichkeit, mußte geahnt haben, daß an solchem Morgen auf sehr frühe Gäste zu rechnen sei. Er kam uns grüßend entgegen.

„Guten Morgen, meine Herren!“

„Morgen, Samiel – vierzig Kannen Bock, desgleichen Butterbrod und Schinken!“

Schnell stand der Imbiß vor uns; noch schneller verschwand er durch die hungrigen und durstigen Kehlen.

„Samiel, das Fremdenbuch!“

Es wurde gebracht.

„Sechs Uhr Morgens, am einundzwanzigsten Mai, im Jahre des Heiles neunundfünfzig im neunzehnten Jahrhundert. Es grüßt vierzigstimmiger Gruß dich, Rudelsburg, altes Gemäuer. ‚Vierzig?‘ fragst du; ‚woher kommt ihr Gesellen so früh?‘ Höre, doch schweige! Wir sind – nun? – strebsame Kinder der Pforte. Mütterchen schläft noch; sie hat dessen begründetes Recht, denn sie ist nicht mehr jung; heute feiert sie ihren Geburtstag, den dreihundertsechszehnten; da schien’s heilige Pflicht uns zu sein, daß wir nicht stören den Schlaf der Mutter, unserm Drange, laut zu jubeln, [648] fern ab Raum zu geben von ihr. Mögen die Himmlischen ihr, der guten, noch viele der Jahre schenken und Söhne, die uns gleich kommen an Pietät.“

So schrieb Einer hinein, die Anderen stimmten bei, und nachdem der Bläser das Signal des Aufbruches gegeben hatte, wanderten wir, an Fröhlichkeit und Singsang mit den Lerchen wetteifernd, heim. Unbemerkt langten wir an und hörten bald darauf mit Andacht auf des wortreichen Nisus Predigt über den uralten Schulfesttext: „Hier ist nichts Anderes denn Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.“

Am nächstfolgenden Sonntage waren etliche unserer Lehrer auf der Rudelsburg; sie lasen unsern Uebermuth und – lachten. Wie sehr ein Theil unserer Lehrer, ohne sich etwas zu vergeben, Verständniß hatte für Schülerthorheiten, wenn sie nur nach Witz schmeckten, das zeigte sich auch bei der feierlichen Bestattung des sogenannten Examenmannes. Damit verhielt es sich also:

Nach Schluß jedes halbjährlichen Examens wurde eine Strohpuppe mit ausrangirten Kleidungsstücken ausstaffirt. Diese Puppe hieß Examenmann. Dieselbe wurde, von einem Obersecundaner getragen, durch alle uns zugänglichen Räume der Anstalt geführt. Es folgten alle Schüler mit Ausnahme der Primaner, die in vornehmer Entfernung dem tollen Spiele zuschauten. Toll war das Spiel. Ein zufällig hinzukommender Fremdling hätte ohne Erklärung des Vorganges uns Alle miteinander für Tollhäusler gehalten; denn es wurde dieses Umhertragen des Examenmannes mit einem so wüsten, ohrenfellzerreißenden Lärme und Geschrei begleitet, davon auch, wie Sanct Paulus schreiben würde, die Heiden nicht zu sagen wissen. Die Untertertianer machten die Obersten der Teufel. Weiße Hemden übergezogen, mit allen möglichen, nur erdenkbaren Lärminstrumenten versehen, und sollten es nur große Papiertüten sein, ließen sie ihre Wuth über das Examen – denn das war des kindischen Spieles tiefer Sinn – in so mark- und beinerschütternder Weise aus, daß sie andern Tages mehr oder minder wegen Heiserkeit sprachlos waren.

Eine Pause in dem Lärme bildete die von einem Primaner gehaltene Rede, bei welcher – das wußten wir genau – die Lehrer selbst das gewichtigste Auditorium bildeten. Darin lag die Pointe der Rede; denn in harmloser und in den natürlichen Grenzen sich haltender Situation wurde nun das Verhalten der Lehrer in dieser oder jener famos gewordenen Classenangelegenheit des verflossenen Semesters gegeißelt. Das Ganze war eingerahmt in eine Klage über die Quälereien des Examens, gewöhnlich in Versen. Uebel genommen wurde nichts. Nach Schluß der Rede ging das Brüllen wieder los, und der durch, Gott sei Dank! nicht gefühlte Stockschläge arg mitgenommene Examenmann wurde in die Fluthen des Mühlteiches geschleudert, aus welchem ihn die Müllerknechte um seiner Hosen willen herausfischten. Das war das Ende des Spectakels.

Nicht viel besser erging es den Herren Professoren zu Fastnachten, dessen Feier für uns außer in den köstlichen Pfannkuchen im Theaterspielen gipfelte.

An einem Abende spielten die Obersecundaner irgend ein modernes Lustspiel, am andern die Primaner ein classisches Stück, letztere unter der Aegide des nun heimgegangenen Professors Koberstein, des bekannten Literarhistorikers. Auf jenen weltbedeutenden Brettern im Turnsaale hat auch dessen Sohn, der nun als Schauspieler wie als Schauspieldichter ebenfalls wohlbekannte Karl Koberstein, seine ersten Stipendien im Dienste des Thespis verdient. Ich sehe ihn noch als Antonius im „Cäsar“ uns entzücken.

Was nun das Spiel der Obersecundaner betrifft, so wurde das ähnlich wie beim Examenmann gewürzt durch hineingetragene allgemein verständliche Localwitze, mehr noch dadurch, daß dieser oder jener Schauspieler aus seiner ganzen Rolle die carrikirende Nachahmung eines Lehrers in Haltung, Geberde und Sprache machte. Das war gerade dort nicht allzuschwer, da wir das Glück hatten, uns einiger Lehrer mit ausgeprägten Eigenthümlichkeiten zu erfreuen, welche fast täuschend nachzuahmen den vorhandenen mimischen Talenten zu allgemeiner Lust köstlich gelang. Auch hier war die Regel: „Uebelgenommen wird Nichts“. Indessen keine Regel bekanntlich ohne Ausnahme. So ist auch manchmal einem auf der Bühne bejubelten Schauspieler, wenn er nach abgelegter Maske auf der Schulbank seinem Original gegenüber saß, übel genug zu Muthe gewesen.

Der in Pforte aus natürlichen Gründen mehr als auf anderen Schulen sich bildende Verkehr zwischen Lehrern und Schülern hatte aber außer dem Angenehmen und Fördernden dieses Umganges doch das Unangenehme, daß dadurch Gunst oder Ungunst gegen Einzelne nicht wenig cultivirt wurde; wir nannten das „Fuchs oder Disfuchs haben“. Und gar Mancher hat unter diesem, wenn auch nicht immer ganz unmotivirten „Disfuchs“ nicht wenig geseufzt. Doch das ist überstanden.

Professor K. war Ordinarius von Unterprima; sein Steckenpferd war lateinische Poesie. Jeden Sonnabend gab er das Thema zu einem von uns zu fertigenden Epigramme, das er selten oder vielleicht nie uncorrigirt gelassen hat. Eines Sonnabends legte er die mitgebrachten corrigirten Hefte auf eine Bank in die Nähe meines schon oben erwähnten Freundes G. Dieser, welcher diesmal über die Weisheit des Herrn Professors zu triumphiren hoffte – denn er hatte aus einem alten Schmöker ein classisches Epigramm auf Homer von Heinsius abgeschrieben – suchte etwas neugierig, während K. Anderen ihre Arbeiten mit den nöthigen Bemerkungen zurückgab, in dem neben ihm liegenden Stoß von Heften das seinige. K. bemerke dieses Manöver. „Na, G., was sein Sie vor en neijierijer Pursche“ (er sprach das reinste Weißenfelser Deutsch), „ich wärde Ihnen jleich Ihres vorneweg jeben.“ Er hatte darunter geschrieben:

„Heinsius egregie laudes descripsit Homeri.
     Götzius illius cor sua verba facit!“

was in freier Uebersetzung etwa lauten würde:

Heinsius ehrte vordem den Homer mit gewaltigem Lobe.
Seine Worte, warum eignete Goetz’ sie sich an?

„Ich wärde Ihnen en neies Thema jeben, extra, und das können Sie uf’m Carcer machen.“

Und so geschah’s.

Das war kurz vor den Sommerferien; in den letzten Tagen vor denselben pflegten wir unsere Stubenthüren mit Laub zu bekränzen und mit Plakaten zu behängen, Bogen voll Bilder und Schrift mit Beziehung auf die Geschichte der Bewohner der Stube. K. hatte die Aufsichtswoche und las eifrigst alle ausgehängten guten und schlechten Witze. An irgend einer Thür hing mit einem Male ein Bogen weißes Papier, auf dem nichts geschrieben stand als ganz unten mit keiner Schrift: verte! Pflichtschuldigst drehte der gute Professor um und las: „Neijierijer Pursche“. Er sagte nichts; aber G. mußte von nun an mindestens doppelt so firm sein wie wir.

Daß aber bei alledem unsere gestrengen Herren dafür sorgten, daß die Bäume nicht in den Himmel wuchsen, davon zeugt das schwarze Buch. Als pädagogische Hausmittelchen wurden angewandt: Dispensation, Carene, Carcer. Unter Dispens versteht man sonst gewöhnlich die Entbindung von einer Pflicht; hier war es die von einem Rechte, nämlich des Spazierganges. So kurz auch die Zeit des erlaubten Spazierganges an sich bemessen war, so war ein solcher freiheitsloser Sonntag doch eine herbe Strafe, herber fast als die in den Augen der Lehrer strengere Strafe der Carene. Der Carirende bekam nicht nur kein Mittagsbrod, sondern er mußte, während die Anderen dinirten, an einem in der Mitte des Speisesaales befindlichen Tische stehen. Diese Strafe war für Secundaner schon etwas ehrenrührig; doch kam sie vor, wenn auch selten. Primaner habe ich während meiner Zeit nur einmal cariren sehen; für einen solchen war die Carene ein Unerhörtes. Es herrschte übrigens die rücksichtsvolle Sitte, daß, wenn ein Fremder während des Essens in den Speisesaal kam – was besonders im Sommer häufig der Fall war –, der Carirende ohne zu fragen auf seinen Platz gehen durfte, allerdings ohne zu essen; aber das war auch die Nebensache. Für die Schüler der beiden oberen Classen war die gewöhnliche Strafe Carcer, aber nicht nur für die Dauer von einer oder zwei Stunden, sondern eines ganzen Tages, auch zweier, nur nicht des Nachts.

Auf dem Carcer habe ich vergeblich bei meinem jeweiligen Aufenthalte das famose Klopstock’sche Wort gesucht: „Mich wird die Nachwelt einst in ihre Tafeln graben.“ Dagegen fand ich ein Buch, ein köstliches Carcerbuch, in welches jeder Besucher dieses freundlichen Locales nicht nur seinen Namen eintrug, sondern auch mehr oder weniger ausführlich den Grund [649] seines dortigen Aufenthaltes in allen möglichen todten und lebenden Sprachen, in Prosa und Poesie, verherrlichte. Dieses Buch enthielt viele Körner attischen Salzes; ich hätte es gern ausgeführt, aber die Pietät verhinderte es.

Das ist der Humor von der Sache; aber hinter demselben barg sich doch ein tiefer, ich möchte sagen, ein heiliger Ernst. Dank unsern Lehrern, ging ein Zug idealen Strebens durch einen großen Theil der heranwachsenden Jünglinge. Namen wie Peter, Steinhardt, Keil, Corssen, Koberstein, Jacobi, der Umarbeiter des ausgezeichneten Werkes von van Swinden, bürgen dafür, daß ihre Schüler eingeführt wurden in die Schätze des classischen Alterthums. Die sprachlichen Schönheiten der Alten und ihre Gedankenfülle wurden uns von den alterthumskundigen Führern gezeigt und zur Nachahmung empfohlen. So wenig Pforte darin einzigartig sein mag, so hat es doch in dem Quell des classischen Studiums, seinen Traditionen treu, bisher einen begründeten und von anderen Bildungsanstalten neidlos anerkannten Ruf behauptet. Eine Specialität in diesem Punkte hat Pforte in der ungewöhnlichen Pflege lateinischer und griechischer Metrik und vielfacher Anwendung derselben. Schon in Unter-Tertia begann das „Versemachen“. In den oberen Classen genügte es uns nicht, prosodisch richtig zusammengeleimte Verse zu schmieden, sondern wir hielten auf Eleganz, allerlei Wortspiele, Assonanzen, Alliterationen und dergleichen. Ich erinnere mich, daß wir in Ober-Secunda den ersten Gesang von „Hermann und Dorothea“ in lateinischen Versen wiederzugeben hatten, eine Aufgabe, die mir heute fast gewaltiger vorkommt als damals. Es giebt nun zwar Philologen, welche von diesem Versemachen nichts halten, andere dagegen erkennen – und mir scheint mit Recht – an, daß in dieser Uebung eine vortreffliche Gymnastik des Geistes enthalten sei. Ein bedeutender Philologe sagte mir einmal, daß man die Fertigkeit, in einer fremden Zunge zu reden, am besten beurtheilen könne daran, ob man in derselben zu rechnen verstehe. In den Geist einer Sprache, respective eines Volkes, aber dringe man am tiefsten durch das Verständniß seiner Dichter und durch deren Nachahmung.

Soviel ist gewiß, wir haben, mit wenigen Ausnahmen, mit Lust und Liebe und mit einigem Geschick der lateinischen Poesie obgelegen und entschiedene Förderung dadurch gemerkt. Aber nicht nur die Alten wurden bei uns cultivirt in ihrer Sprache, Geschichte und Geographie, auch unseres eigenen deutschen Volkes Sprache war Gegenstand liebevoller und eingehender Behandlung. Der gründliche Kenner des Alt- und Mittelhochdeutschen, Professor Koberstein, führte uns ein in die alt- und mitteldeutsche Grammatik und in die literarischen Schätze deutscher Vorzeit.

Häufig wird es von den der Verhältnisse Unkundigen der Pforte zum Vorwurf gemacht, daß sie über dem Sprachencultus der Realien vergesse. Aber man sehe nur die Programme an! Geschichte, Geographie, Mathematik, Physik galten als durchaus vollwiegende Unterrichtsgegenstände, und das Wissen in denselben war in Bezug auf Censuren und Versetzungen so wesentlich wie die vorigen. Ja, Pforte ging weiter als andere Schulen; es cultivirte das Können. Zeichnen, Singen, Turnen, Fechten, Tanzen, Schwimmen beförderten die Gymnastik des Leibes, Anstand in Haltung und Bewegung, Gesundheit, fröhliches Herz, persönlichen Muth.

Und welches sind nun die Belege dieser Worte? Die Liebe, Anhänglichkeit und Dankbarkeit der „Pförtner“ an ihre geistige Mutter. Diese Schüler sind nun zwar nicht alle Lichter geworden – wo wäre eine Anstalt, die solche Resultate zu erzielen vermöchte? – aber manche unter ihnen sind ihren Lehrern ebenbürtig geworden an Gelehrsamkeit und Ruf; etliche haben sie übertroffen.

Außer den als „Pförtnern“ überall bekannten Klopstock und Fichte nenne ich nur unsern Professor Keil, einst selbst Schüler in Pforte, den berühmten Lepsius, den Naturforscher Ehrenberg, den weiland Ministerpräsidenten Manteuffel und den trotz seiner Jugend in seiner Wissenschaft rühmlichst bekannten Astronomen Auwers, der sich übrigens nicht nur Wissenschaft in Pforte geholt hat, sondern auch seine Frau.

Noch Mancherlei, besonders Pförtnern als Erinnerung Liebes, könnte ich berichten. Doch genug für heute, ein andermal mehr.

  1. Kerls war der respectwidrige Gemeintitel unserer Herren Lehrer.