Das Opfer eines wilden Tages

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Paul Bürde
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Das Opfer eines wilden Tages
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 40–42, S. 642–646, 667–669, 680–683
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[642]
Das Opfer eines wilden Tages.
Vor fünfundzwanzig Jahren in Frankfurt a. M.


Es war in Berlin im Monat Mai des Jahres 1848, als eines Tages ein Kunsthändler in mein Atelier trat und mir den Antrag stellte, nach Frankfurt am Main zu gehen, um für ihn ein Bild von dem ersten deutschen Parlamente anzufertigen. Die Hauptbedingung war die treue Portraitähnlichkeit in der Darstellung der Berühmtheiten auf dem Gebiete der Politik und der Wissenschaft, die damals auf den Bänken der Paulskirche saßen.

Ich war frei, konnte den Auftrag annehmen und nahm ihn dankbar an, denn aus dem immer noch in Aufregung kochenden Berlin fortzukommen, war eine wahre Befreiung.

Mit gespannten Erwartungen, die sich später leider als Illusionen erwiesen, blickte ganz Deutschland damals auf das in Frankfurt tagende Parlament, und an großem Streben, Intelligenz und hohem Wissen hat es demselben wahrlich nicht gefehlt. Aber leider stand nicht die Macht hinter ihm, und so hat es das bekannte Ende nur zu schnell gefunden. Doch noch jetzt, nach fünfundzwanzig Jahren, müssen wir freudig bekennen, daß seine weltbewegenden Ideen dauerhafter waren als seine Existenz. Empfehlungsbriefe brachte ich nicht mit; nur einen schriftlichen Contract mit meinen Verlegern hatte ich in der Tasche. Da war es denn für mich nicht so leicht, mein Unternehmen glücklich einzuleiten. Ich setzte meine ganze Hoffnung auf den mir von früher bekannten und wohlgeneigten Fürsten Lichnowsky. „Das ist der Mann, der dir rathen und helfen kann; also hin zu ihm – Haus Mozart auf der Zeil!“

Es war noch früh am Morgen; das genirte aber nicht. Der Kammerdiener Anton meldete mich beim Fürsten an, und sofort wurde ich von demselben mit dem ihm eigenen Ungestüm und nicht ohne Lärm empfangen.

„Grüß’ Gott! Was zum Teufel führt Sie denn hierher?“ (Vergnügungsreisen machte man allerdings in der Zeit noch nicht.)

„Durchlaucht, Aufträge! Ich soll von der Paulskirche ein großes Bild zeichnen mit den Portraits der hervorragendsten Persönlichkeiten.“

„O, sehr schön, sehr gut! Dann werden Sie auch mich zeichnen müssen. Eine famose Idee! In England hat man schon solche Parlamentsbilder; in Deutschland wird es das erste sein. Aber für wen wollen Sie es machen?“

„Für einen Kunsthändler, der das Bild vervielfältigen lassen wird.“

„O, das ist ja charmant! Dann werde ich Ihnen gleich sagen, wen Sie zeichnen müssen. Setzen Sie sich – hier ist Papier – schreiben Sie! Ich werde Ihnen die Liste dictiren.“

Und nun warf ich ohne alle Widerrede eine Menge Namen auf’s Papier, aber doch mit dem Hintergedanken, sie mir später von einem ruhigeren Manne prüfen und mustern zu lassen.

„So, die müssen Alle auf Ihr Bild. Ich nehme Sie heute gleich mit in’s Parlament. Sie bekommen den Platz meines Secretärs in der Journalistenloge, und dort werde ich Sie schon mit den Matadoren der Versammlung[1] bekannt machen. Schade, daß Sie nicht hier waren, als ich neulich wegen des Mainzer Scandals gesprochen habe. Ich trat entschieden dagegen auf, und die Galerien haben in der Paulskirche wie wahnsinnig getobt. Ich aber habe so (er kreuzte die Arme auf der Brust und nahm eine höchst herausfordernde Stellung und Miene an) auf der Rednerbühne ruhig dagestanden und blos hinaufgerufen: ‚Ist das die Stimme des Volkes, meine Herren? Nein, es ist die des Pöbels!‘ Da war denn rein der Teufel los. Am liebsten würden die Herren mich gleich gehängt haben. Ich aber habe sie ausgelacht. Der Präsident mußte das Haus räumen lassen. Wissen Sie, Sie werden mich in der Stellung auf der Rednerbühne zeichnen; ich lasse das Bild dann lithographiren. Das Blatt wird bedeutenden Effect machen. Anton!“ rief er plötzlich mit durchdringender Stimme, und der Gerufene, eine untersetzte, wohlgenährte, durchaus phlegmatische, in sich verschlossene Persönlichkeit, erschien in sehr gemäßigter Eile.

„Durchlaucht befehlen?“

„Zieh mich an! Es ist gleich zehn Uhr.“ Zu mir gewandt: „Sie bleiben hier und erzählen mir das Neueste aus Berlin!“

Während ich mit dem Fürsten über alles Mögliche schwatzte, besorgte Anton die Toilette an ihm mit einer Ruhe und einem Phlegma, die zu der ewigen Beweglichkeit und der unverwüstlichen Lebendigkeit seines Herrn einen sonderbaren Contrast bildete. Der Fürst adonisirte sich aber sichtlich unter seinen Händen. Das Ueberreichen von Hut, Handschuhen und einem Taschentuche, das noch höchst eigenhändig parfümirt wurde, war der letzte Moment in dieser ersten Tagesarbeit. Ich habe das nachher noch oft mit angesehen, denn der Fürst empfing während des Anziehens gern Besuche. Die gewöhnlichste Gêne war ihm fremd, Rücksichten kannte er nicht, und eine beständige Unterhaltung war ihm Lebensbedürfniß.

„Nun vorwärts nach der Paulskirche!“ So kam ich an seiner Seite an das eigentliche Ziel meiner Reise, und gleich am Eingange, wo uns einige der Herren begegneten, stellte er mich diesen in seiner absonderlichen Weise vor:

„Hier ist der Professor B. aus Berlin. Wird ein Bild von unserm Parlament machen mit lauter Portraits. Er trifft außerordentlich, und wenn Sie sich gut aufführen, sollen Sie auch mit d’rauf kommen. – Weiter!“

„Als ich ihm bemerkbar machte, daß ich nicht Professor sei, erwiderte er mir kurz:

„Ach, Dummheit, das weiß ich ja! Aber seien Sie doch still! – Sie, he! Soiron! Dicker! Sie werden sich hier vom Professor B. malen lassen; er kommt deshalb expreß von Berlin.“

Und so ging es fort ohne Aufenthalt, von Einem zum Andern. Hier theilte der Fürst einen Witz, dort eine Grobheit aus, so daß er nur Lachende oder verblüfft Dreinschauende hinter sich ließ. Ich eilte auf meinen Platz, denn große Freude konnte ich an dieser Art der Einführung nicht haben. Die Sitzung hatte begonnen; den ersten Eindruck dieser großen Versammlung wollte ich so recht in mich aufnehmen, doch da kam der Fürst schon wieder auf mich losgeschossen – denn er blieb nie auf

[643]
Die Gartenlaube (1873) b 643.jpg

Caplan Ketteler segnet die Leiche des Fürsten Lichnowsky ein. Originalzeichnung von P. Bürde.

[644] seinem Platze, sondern ewig beweglich, tauchte er halb hier, bald dort auf – und rief mir halblaut zu:

„Sie zeichnen ja aber nicht! Zeichnen Sie doch!“

Als ob man so gar keiner Vorbereitungen, keines Nachdenkens zu einem künstlerischen Werke bedürfe! Ich würde ganz der Mann nach seinem Geschmacke gewesen sein, hätte ich ihm einige seiner Gegner in schlagenden Carricaturen auf’s Papier werfen können, die er dann zu seinem größten Amüsement sofort herumgezeigt haben würde.

Ich weiß nicht mehr, was an jenem Tage verhandelt wurde, denn das Sehen war mir, dem jungen Maler, wichtiger und interessanter als das Hören, und da mein Nachbar, Dr. B., mir in liebenswürdiger Weise die am meisten hervorragenden Persönlichkeiten zeigte und geschickt charakterisirte, so hatte ich hinlänglich Gelegenheit, Sehstudien zu machen. Da hörte man gute, längst bekannte und berühmte Namen. Oft allerdings wollte die äußere Erscheinung, die man vor sich hatte, nicht den Vorstellungen entsprechen, die man sich von verehrten und bewunderten Männern zu Hause gemacht hatte. Vor Allen möchte ich in dieser Beziehung Uhland erwähnen. „Ist es möglich,“ fragte ich mich, „daß dieser unansehnliche, uninteressante, unschöne Mann eine so reine, edle Dichterseele in sich trägt und so viel Unsterbliches geschaffen hat?“ Ich hatte später Gelegenheit, mich ungestört in seine Physiognomie vertiefen zu können, aber es ist mir doch nicht geglückt, auch nur einen leisen Abglanz seines reich begabten Innern, aus dem so viel herrliche Poesie in die deutsche Welt gezogen ist, auf seinem Antlitz oder in seinem Wesen wiederzufinden.

Da machte der kleine alte Vater Arndt einen andern Eindruck! Ein munteres, schnelles und bestimmtes Wesen. Wie freundlich der Ausdruck seines Gesichts! Wie lebendig und im tiefsten Grunde ehrlich sein Blick! Wie herzlich sein Händedruck und wie warm, wie belebend das, was er sprach! Stets war er sehr sauber gekleidet: weiße Halsbinde und dunkelblauen altdeutschen Rock mit Stehkragen, auf dem Kopfe ein schwarzes Sammetbarret, aber immer ohne Handschuhe auf den Händen. Er war ein recht angenehmes Bild eines echt deutschen Mannes und Gelehrten.

Aber der Alte mit dem langen weißen Barte, dem schwarzen Käppchen auf dem Kopfe, der in so gerader fester Haltung dort an der Linken vorüberschreitet, wer ist denn der? –Es war eine imposante Erscheinung, wie sein Monument uns zeigt, und sein hoher Körperbau hatte wirklich etwas Monumentales, denn er war wie aus Stahl und Eisen gefügt; dazu verlieh ihm der kühne durchdringende Blick über einer scharfen Adlernase etwas Außergewöhnliches. Es hat oft unser Staunen erregt, wenn der alte zweiundsiebenzigjährige Mann wie ein siebenzehnjähriger Jüngling über den gedeckten Tisch sprang und dabei nur die eine Hand in der Mitte des Tisches aufsetzte. Er hatte viel humoristische Begabung und wußte die gesellige Heiterkeit oft auf recht liebenswürdige Weise anzuregen, konnte aber auch von einer kolossalen Grobheit sein, die Lichnowsky zuweilen in seinem Uebermuthe und seiner Rücksichtslosigkeit an ihm herausforderte, doch stets zu seinem Nachtheil, denn der Alte blieb ihm nichts schuldig, sondern zahlte mit doppelter Münze, so daß die Lacher stets auf seiner Seite waren, die fürstliche Durchlaucht aber ziemlich verdutzt dreinschaute und das Empfangene sehr unverdaulich fand. Der Vater Jahn dutzte natürlich Jedermann.

Da sehe ich wieder den Fürsten drüben auf der äußersten Linken mit einem jungen Manne auf- und abspazieren. Er hat ihn untergefaßt und redet lebhaft in ihn hinein. Der junge Mann, von sehr kräftiger Körperconstitution, mit einem auffallend bedeutenden Kopfe auf den breiten Schultern – etwas Muthiges, Löwenartiges liegt in diesen Gesichtszügen – hört den Fürsten mit ziemlich überlegenem Lächeln an und scheint das Gehörte mehr amüsant als überzeugend zu finden. Dieser junge Mann ist Karl Vogt, der berühmte Professor aus Gießen, ein Mann von der außergewöhnlichsten Begabung, mit einem der gewaltigsten Rednertalente, der von der Natur geschaffene Führer einer Revolutionspartei.

Obgleich die beiden Männer die entschiedensten Gegner waren, wie zwei Pole sich in der Politik gegenüber standen und Einer die Grundsätze des Andern verachtete, ja, mit Entrüstung von sich stieß, übte doch das Bedeutende in Vogt’s Auftreten eine unverkennbare Anziehung auf den Fürsten. Ich glaube, Vogt, dem nichts unter der Sonne zu imponiren vermochte, war einer von den Wenigen, die dem Fürsten imponirten. Vogt durchschaute die Schwächen und Vorurtheile Lichnowsky’s vollständig. Er fand ihn aber amüsant, spaßhaft, wie das der Beiname, den er ihm gab: Fürst Snaphansky, bezeichnet. „Meinen Freund Vogt dürfen Sie mir nicht auf Ihrem Bilde vergessen; dem verteufelten Kerl müssen Sie einen Hauptplatz einräumen,“ äußerte der Fürst zu mir.

Ich will nun versuchen, einen leichten Umriß von der persönlichen Erscheinung des Fürsten zu geben.

Lichnowsky galt für einen schönen Mann, und man würde das mitleidige Lächeln der meisten Damen erregt haben, hätte man das Gegentheil behaupten wollen. Das soll auch nicht geschehen; aber ich glaube, das Fesselnde lag bei ihm weniger in der Regelmäßigkeit der Züge, als in der Lebhaftigkeit und der großen Elasticität seines ganzen Wesens. Er war ziemlich hoch gewachsen und hatte namentlich gut gebaute Schultern. Die Taille hatte bereits etwas von ihrer jugendlichen Feinheit verloren, und er würde offenbar in späteren Jahren stark zugenommen haben, zumal er auch im Essen und Trinken von Mäßigkeit nichts wußte. Aber im vierunddreißigsten, seinem letzten Lebensjahre, trat die ursprüngliche Harmonie und das Ebenmaß seines Körperbaues noch angenehm hervor.

Seine Gesichtszüge konnten eigentlich nicht auffallend edel genannt werden. Die Augen waren dunkel und ausdrucksvoll, doch nicht allzu groß, und da er kurzsichtig war, kniff er sie noch mehr zusammen. Seine Nase war fein, nicht lang und die Spitze ein klein wenig heraufgestellt. Seine Wangen waren voll, die Farben derb und gesund; der Mund war gut geformt; die Lippen waren voll und sinnlich; die Stirn, wie überhaupt der ganze Schädel war schön und in breiten Flächen angelegt, und ich glaube, der Phrenolog würde mit Leichtigkeit die bedeutenden Fähigkeiten an ihm haben entdecken können. Seine Füße waren echt aristokratisch und wirklich schön. Seine Hand war keine weichliche, fette Frauenhand, sondern bei aller Feinheit und Schönheit trat an ihr das Männliche entschieden hervor. Man glaubte ihr, daß sie befähigt sei, das Pistol und den Degen zu führen. Sein Organ dagegen war abscheulich. Die sonoren, männlichen Klänge, sowie die weithinschallende Kraft, wie sie Vogt und Moritz Hartmann in wunderbarer Weise besaßen, fehlten ihm ganz. Und doch hatte sein heiseres, immer in die Höhe getriebenes Organ etwas Ehernes, was ihm einen durchdringenden Klang gab und ihn befähigte, wo Mehrere sprachen, doch immer durchzuschneiden.

Obgleich sein Vater ein gelehrter und wissenschaftlich durchgebildeter Mann gewesen ist (eine der besseren Geschichten des Hauses Habsburg ist von ihm; sie wird von Gelehrten anerkannt und citirt), hat der Sohn doch wohl nie dasselbe Ziel erreicht, oder ihm auch nur nachgestrebt. Verschiedenen Hofmeistern soll er in seiner Jugend das Leben recht schwer gemacht haben. Der Fürst wußte offenbar Vielerlei – von Allem etwas – und immer das Pikante von der Sache. Er konnte in mehreren lebenden Sprachen sich unterhalten, wie man das von einem so hohen Aristokraten vorauszusetzen pflegt; ja er soll sogar während eines Feldzuges in Spanien, den er natürlich auf Seiten des Don Carlos mitgemacht hat, in sechs Wochen das Spanische erlernt haben.

Schon als Knabe hatte er die höchste Passion für interessante Lectüre, und er wußte seine Umgebung so zu täuschen, daß er heimlich manche Nacht mit Lesen verbringen konnte. Leider kamen ihm damals schon viele französische und nicht immer gute Romane in die Hände, deren begieriges Insichaufnehmen dem kindlichen Gemüthe nicht dienlich sein konnte. Ein Romanheld zu werden, bildete schon früh das Ideal seines Lebens. Dieser Anschauung ist er eigentlich auch bis an’s Ende seines Lebens treu geblieben. Als einst in einer Gesellschaft beim Grafen X. über die Vorbilder oder Ideale des Lebens gesprochen und er, der neunzehnjährige Jüngling, von der schönen Wirthin aufgefordert wurde, ihr doch auch das seinige zu enthüllen, antwortete er schnell: „Haben Sie, gnädigste Gräfin, ‚La vigie de Koat-Ven‘ von Eugen Sue gelesen?“

„Ja wohl, die Geschichte von dem kalten, egoistischen, glatten Grafen, der verdient hätte, unglücklich und elend zu werden, und doch stets, wie ein Hohn der göttlichen Gerechtigkeit, glücklich in [645] seiner Selbstliebe bleibt, die er wie eine unübersteigliche Mauer um sein ganzes Dasein zu bauen weiß. Nun, die Geschichte kenne ich, und was weiter?“

„Nichts weiter, als daß dieser Graf mein Ideal ist. Ein solcher Kerl will ich auch werden; es steckt doch noch einige Vernunft dahinter!“

Daß es dem jungen Fürsten damals Ernst mit seiner Meinung war, beeilte er sich der Gräfin durch die That, das heißt durch eine scandalöse Verführung, die er bald darauf in dem gräflichen Hause in Scene setzte und die ihm einen tüchtigen Säbelhieb über den Kopf, von kräftiger Hand im Zweikampf geführt, einbrachte, zu beweisen. Sein späteres Leben ist reich an solchen, eben nicht rühmlichen Liebesaffairen, die ihm dennoch in seinen Kreisen großen Ruf gebracht haben. Vor irgend welchen Folgen zurückzuschrecken, lag nicht in seiner Art, sondern immer war er bereit, seine oft frivolen Handlungen mit der Pistole oder dem Degen zu vertheidigen und so nicht nur sein eigenes, sondern auch das Leben Anderer leichtsinnig zu gefährden und daranzusetzen. Ein Wunder, daß er nicht schon früher sein Ende gefunden hat. Recht bezeichnend ist eine Aeußerung seines Anton’s, der mir auf die Theilnahme, die ich ihm tief ergriffen am Morgen nach der Ermordung seines Herrn äußerte, in aller Ruhe antwortete: „Seien Sie doch ruhig! Ich hab immer in Czresanowitz (einem fürstlichen Schlosse in Oberschlesien) gesagt: Ihr sollt sehn, ich komm’ noch einmal ohne den Fürsten nach Hause! Nun trifft’s ein!“ In Betreff des Fürsten konnte ihn nichts mehr überraschen. Er war in jedem Momente gefaßt, etwas Außergewöhnliches mit ihm zu erleben. Schon in Spanien hatte er es mit angesehen, wie der Fürst nahe daran war, von einem wüthenden Volkshaufen erschlagen zu werden, und nur dadurch, daß sich die Polizei seiner bemächtigte und ihn in’s Gefängniß sperrte, gerettet wurde.

In seinem Verkehr mit Frauen lagen große Fehler und Schwächen, und ich muß bekennen, daß, wo sich mir die Gelegenheit bot, ihn in solchen Augenblicken zu beobachten, meine Werthschätzung für ihn stets sehr abgekühlt wurde. Denn etwas Gezierteres, Affectirteres, Unnatürlicheres und doch wieder Rücksichtsloseres habe ich nie wieder an einem jungen Manne, der sich liebenswürdigen und gebildeten Frauen gegenüber befindet, beobachtet. Ihm war Alles erlaubt, und selbst das Unverzeihlichste wurde ihm verziehen. In Sagan wußte man ganz kolossale Dinge in dieser Beziehung zu erzählen, und die Herzogin hat manches Unangenehme durch ihn erlebt. Ich will aus dem Privatverkehr nur eines ihn charakterisirenden Momentes hier noch Erwähnung thun.

Ich war an einem Sonntag Nachmittag mit einem Freunde nach Homburg herübergefahren. Bald bemerkte ich auch den Fürsten dort, hielt mich aber sehr zurückgezogen, da er einen großen Train hinter sich hatte und ungewöhnlich laut war. Die Hitze des Tages war vorüber, und vor dem Curhause hatte sich ein sehr zahlreiches und elegantes Publicum von Herren und Damen aller Länder und Nationen eingefunden. Da sehe ich, wie der Fürst vier Stühle mitten auf den nicht zu betretenden Rasenplatz, der sich in herrlicher Frische vor der Terrasse ausbreitet, bringen läßt. Auf den einen setzt er sich, die beiden anderen läßt er sich rechts und links als Stützen für seine Arme stellen und auf den vierten legt er die Füße. Den Hut hat er in’s Gras geworfen und in einer schönen, wie für einen Maler bestimmten Stellung, raucht er seine echte Havanna ruhig weiter und seine Blicke sagen: „Seht mich, den schönen weltberühmten Felix, Ihr Frauen Homburgs! Bewundert mich, und verliebt Euch im mich!“ Es glückte ihm auch, denn Aller Augen richteten sich nach dem in der Mitte des Rasenplatzes so allein und absonderlich Dasitzenden. Die Urtheile aber mögen wohl sehr verschieden gewesen sein.

Unter Männern war er ein ganz Anderer, und erst da trat seine Bedeutung hervor. Für die Rednerbühne hatte er eine hervorragende Begabung. Ein außergewöhnlich gutes und zuverlässiges Gedächtniß, eine schnelle und sichere Fassungsgabe und eine blitzartige Schlag- und Trefffähigkeit bildeten die festen Grundlagen für sein oratorisches Talent; dazu kam noch die unerschütterlichste persönliche Zuversicht. Immer und überall drang seine angeborene Begabung durch, und so war es oft ein wahres Vergnügen, nach langen, sehr gelehrten und durchdachten, aber doch ermüdenden Reden Anderer ihn auf die Rednerbühne stürzen und in seiner sprudelnden, kecken, herausfordernden, stets treffenden Weise die abgespannte Gesellschaft neu beleben und feurig anregen zu sehen. An witzigen Bemerkungen ließ er es niemals fehlen, ebensowenig an solchen, die seine Gegner tief verletzten und ihm ihren bittersten Haß zuziehen mußten. Nur einmal hat man ihn in einer Art von Verlegenheit auf der Tribüne gesehen. Er sprach für das historische Recht der Aristokraten und wandte sich mit seiner ganzen Sicherheit an die Linke, indem er rief: „Das historische Recht, meine Herren, hat kein Datum nicht!“ Schallendes Gelächter. Er wiederholte es noch einmal mit größerer und gedehnterer Betonung: „Ich sage, das historische Recht hat kein Datum nicht!“ Wiederholtes und allgemeines Gelächter. Selbst die äußerste Rechte lacht mit. Dieses allgemeine Gelächter war Seiner Durchlaucht durchaus unbegreiflich, und trotzig mit untergeschlagenen Armen blieb er stehen, als ob er die Absicht habe, der ganzen ungezogenen Versammlung eine Herausforderung an den Kopf zu schleudern, bis ihn denn seine Freunde auf den so drastisch wirkenden Sprachfehler aufmerksam machten.

Seine Tournüre war höchst elegant, so wie seine Kleidung. Seine Eitelkeit natürlich auch hier sehr ausgebildet. „Was meinen Sie,“ sagte er einmal zu mir, „macht sich auf der Rednerbühne, – ich werde nämlich heute sprechen – ein weißes oder ein buntes Taschentuch besser?“

Bei seiner Launenhaftigkeit und Heftigkeit war es schwer, mit ihm umzugehen, und selbst der nachgiebigste Mensch kam irgend einmal mit ihm zusammen, doch war ihm eine gewisse Noblesse nicht abzusprechen. Poesie und poetische Gefühle lagen ihm wohl eigentlich fern, denn im Grunde war er ein prosaischer Verstandesmensch, der nur das Reale und durchaus nicht das Ideale suchte.

Um zu beweisen, wie reizbar der Fürst war, will ich hier eines Streites erwähnen, den ich mit ihm hatte. Ich wollte den bekannten Dichter Moritz Hartmann auch in mein Bild mit aufnehmen. Das erboste aber den Fürsten ganz ungemein. Hartmann spielte allerdings keine große politische Rolle, war aber doch ein bekannter Name, ein sehr schöner Mann, bei den Frankfurter Damen sehr beliebt und stand mit mir in freundlichem Verkehre. Daß er schön und auch bei den Frauen beliebt war, das konnte ihm eben der Fürst nicht vergeben. – Wir kamen heftig aneinander, und ich will die Ehrentitel, die er dem Dichter anhing, hier nicht wiederholen. Da ich fest blieb, ging er barsch und mit allen möglichen unangenehmen Zusicherungen von mir. Ein liebenswürdiges Billet, das ich einige Tage später von ihm erhielt, glich Alles wieder aus. –

In fünfundzwanzig Jahren schwindet Vieles aus dem Gedächtniß, und so wird es den Lesern nicht unwillkommen sein, wenn ich des Fürsten und seines Schicksalsgenossen, des Generals von Auerswald, gemeinsames, furchtbares Ende ausführlicher und nach Quellen erzähle, die nach dem anfänglichen Durcheinander ein ziemlich klares Bild des Todesrittes und Todesganges der Beiden geben.

Der Sommer war vorüber und hatte auch manchen schwülen, stürmischen Tag in die Paulskirche gebracht. Die Nachrichten aus Berlin, Wien und Paris beunruhigten und regten Jedermann auf. Ueberall Sturm und erregte Leidenschaften. Obgleich man es in Frankfurt bis zu einem Reichsverweser gebracht hatte, erschienen doch auch dort alle Zustände sehr fraglich und ungesichert. Was konnte auch der gute Johann, der mit vielem Pomp in Frankfurt eingezogen war, viel an den großen ungelösten Fragen ändern? Ohne Geld und ohne Soldaten! – Das Bischen österreichische Gemüthlichkeit nebst Dialect und herzigem Familienleben (die Gräfin von Meran und Sohn waren auch angekommen) reichte mit seinem Einfluß nicht über die Frankfurter Stadtmauer. – Dagegen wuchs in Folge der Annahme des Malmoer Waffenstillstandes die Unzufriedenheit und Aufregung namentlich in den benachbarten kleinstaatlichen Gebieten. Frankfurt war stets angefüllt von jungen, leidenschaftlich aufgeregten Männern, die aus den benachbarten Städten und umliegenden Dörfern zu den wichtigsten Parlamentssitzungen herangezogen kamen, und was während der Sitzungen nicht Platz auf den Galerien fand, nahm Stellung vor der Paulskirche, um auch dort Beifall oder Mißfallen an den vorübergehenden Deputierten [646] laut zu äußern. Lichnowsky wurde nicht geschont, und manches drohende unangenehme Wort konnte er, seiner erregten Natur gemäß, leider nicht unerwidert lassen. Dem schwachen Frankfurter Linienbataillon und der schwachen Polizei machte es Mühe, überall und immer die Ordnung aufrecht zu erhalten, denn auf den Volksversammlungen auf der Pfingstweide gingen die revolutionären Wogen bereits sehr hoch. Man fühlte es, ein Ereigniß, eine Katastrophe lag in der Luft. – Sie kam schnell.

Schon am 17. September war es ziemlich kunterbunt in Frankfurt zugegangen, und für den nächsten Tag fürchtete man noch Aergeres. Deshalb hatte die hohe Reichsverweserschaft wohlweislich heimlich in der Nacht zwei Bataillone Oesterreicher und Preußen aus der damaligen Bundesfestung Mainz herüberkommen lassen, und als in frühster Stunde die Turner (so wurden die Aufständischen damals genannt, an der Paulskirche sich aufstellen wollten, fanden sie zum größten Erstaunen ihre Plätze bereits sehr unangenehm besetzt und überall blitzten ihnen Bajonnete entgegen. Sie zogen mit Schreien und Schimpfen in Haufen, die immer mehr anwuchsen, durch die Straßen, begingen Insulten und Unordnungen jeder Art und fingen hier und da an, Barrikaden zu bauen. Das Militär sah leider ruhig zu, anstatt den Aufruhr im Keime zu ersticken. Dann eine Zeit lang fürchterlicher Tumult, ein wahrer Hexensabbath. Die guten und furchtsamen Bürger flüchten und fliehen in ihre Häuser; die jungen Helden nehmen Stellung und einen guten Trunk. Die Soldaten haben schweigend und geschlossen dasselbe gethan. Alles ist in äußerster Spannung. Eine gewisse Stille ist nach dem ersten Toben eingetreten, bis dann plötzlich irgendwo ein Gewehr (wohl zufällig, wie gewöhnlich) losgeht und mit ihm der wilde, höllische Lärm des blutigen Kampfes. Ungefähr um drei Uhr fielen die ersten Schüsse, zwölf Stunden später wurde es wieder still. Auch meine Straße war durch einige Kartätschenladungen gesäubert worden, und ein gemüthlicher Oesterreicher hatte mir freundlichst in’s Fenster geschossen, als er bemerkte, daß ich es öffnen wollte. Denn nachdem es still geworden, war ich neugierig zu sehen, was aus den Barrikaden und ihren Vertheidigern geworden war.

Um zehn Uhr Abends bekam ich durch unsern Hausdiener, der wie eine Katze in den Straßen herumgekrochen war und uns Neuigkeiten brachte, die erste Nachricht, daß Fürst Lichnowsky und General von Auerswald erschlagen worden seien. Ich war starr vor Schrecken, und kaum fing der Tag an zu grauen, so machte ich mich heraus, um etwas Näheres zu erfahren.

Vorgestern noch war der Fürst bei mir und in bester Stimmung gewesen. Es war seine Absicht, am Abend jenes Tages auf kurze Zeit nach Sagan und Oberschlesien zu reisen, die Aufregung und Gespanntheit in der Stadt interessirten ihn aber so, daß er befahl, die Koffer wieder auszupacken, und als ihm Anton ernstlich zuredete, doch lieber bei seinem ersten Vorsatze zu bleiben und zu reisen, fuhr er ihn an: „Dummer Kerl, wie kannst Du denken, daß ich jetzt reisen werde, wo es erst anfängt, hier interessant zu werden!“ Er blieb. Am 18. hatte Lichnowsky noch am Vormittag der Sitzung der Nationalversammlung angewohnt und war bei seinem Heraustreten aus der Paulskirche von dem dort versammelten Volke mit Zischen empfangen und verfolgt worden, so daß er, in Begleitung des Zeugen dieses Vorfalles, des Fürsten Felix von Hohenlohe, es für gerathen fand, auf der „Zeil“ eine Droschke zu nehmen, um den Wirkungen der Demonstration zu entkommen.

[667] Die Veranlassung zu dem letzten Ausritte Lichnowsky’s und Auerswald’s und der Lauf desselben wird sehr verschieden erzählt. Nach einer Angabe soll der General die Weisung erhalten haben, der von Darmstadt her erwarteten Artillerie entgegenzureiten, um dieselbe durch den einzig noch freien Weg in die Stadt zu führen. Auf diesem Ritte habe der Fürst ihn freiwillig begleitet.

Eine andere Variante erzählt, Lichnowsky sei dem General in der Gegend der Hauptwache begegnet und habe ihn zu einem Spazierritte aufgefordert, wozu indeß dieser keine Lust bezeigte. Da habe der Fürst sich auf die Hauptwache begeben und dort den österreichischen Oberst von Meyern um ein Pferd gebeten, um den an der Bockenheimer Chaussée wohnenden Reichsverweser von einer Sturmpetition zu benachrichtigen, die von der Linken der Nationalversammlung beabsichtigt sei. Er erhielt ein Pferd (einen Braunen, nicht Schimmel, wie anderweit gesagt ist) und ritt dem Eschenheimer Thore zu. Bald fand sich jetzt noch Auerswald zu ihm, denn Beide wurden bald nachher auf der Promenade vom Eschenheimer zum Friedberger Thore hin gesehen.

Die eingehendste Darstellung, nach Acten und anderweiter Nachforschung, vom ganzen Verlaufe des Ausrittes bis zum Ende geben des Rechtsmannes Georg Pflüger „Enthüllungen des gerühmten Processes, die Tödtung des Generals von Auerswald und des Fürsten Lichnowsky betreffend“, und wenn Pflüger auch, als „Vertheidiger zweier Angeklagter“, einen Parteistandpunkt einnimmt, so bezieht sich dies doch nur auf den Proceß gegen die Angeklagten und wirkt nicht störend auf seine Erzählung des Thatsächlichen ein, für die er gewissenhaft stets die Quelle angiebt.

Nach den protokollarischen Aussagen des kaiserlich königlichen Obersten von Meyern kam Lichnowsky gegen drei Uhr zu ihm auf die Hauptwache und bat ihn um ein Pferd zu dem angegebenen Zwecke; der Oberst gab es ihm, sagte ihm aber zugleich, daß er eben selbst vom Erzherzoge komme und wegen der vielen Bewaffneten, die er auf der Straße gefunden, einen Seitenweg eingeschlagen und auf diesem dem Erzherzoge eine halbe Compagnie Oesterreicher zugeschickt habe, die er noch einholen könne. Kaum war der Fürst abgeritten, so kam Auerswald und bat ebenfalls um ein Pferd, um Lichnowsky zu begleiten, und da der Oberst ihm keines geben konnte, so erklärte der General, sich mit dieser Bitte an Peucker (den Reichskriegsminister) wenden zu wollen.

Die Untersuchung ergab nicht, ob Lichnowsky beim Erzherzoge war. Sein Zweck konnte nur sein, den Reichsverweser gegen die sogenannte „Sturmpetition“ der Linken zu stimmen. Dieser Zweck wurde erreicht so wie so. Allerdings kam eine einfache Deputation, dabei auch Karl Vogt und Robert Blum, zum Erzherzoge, um ihn zu bitten, all’ seinen Einfluß aufzuwenden, um dem Blutvergießen in der Stadt Einhalt zu thun. Mit Thränen in den Augen schrieb in diesem Sinne Johann an Peucker, aber der Waffenstillstandspartei war solch ein Barricadenkampf für den Augenblick politisches Capital – und so ging in der Stadt das Schießen weiter, während von allen Seiten die Landstraßen von bewaffnetem und furchtbar erbittertem Zuzuge lebendig wurden. So war die allgemeine Lage und Stimmung, welcher zum Trotz die beiden Reiter ihren „sogenannten“ Spazierritt fortsetzten. Denn daß es mehr als ein Spazierritt war, hat später der todeswunde Fürst selbst gestanden, indem er auf die Frage, warum er die Stadt verlassen habe, äußerte: „Er habe einen Auftrag an die preußischen Truppen gehabt.“ Dazu giebt Folgendes einige Aufklärung.

Wo Lichnowsky zwischen Drei und Vier herumgeritten ist, konnte zwar nicht erforscht werden, aber nach vier Uhr sprengte er die Eschenheimer Straße daher und ritt durch das erste Thor nach der Wohnung des Kriegsministers von Peucker, dem Senkenberg’schen Museum gegenüber und an der Ecke der Bleichstraße, in deren Mitte eben preußische Soldaten gegen eine Barricade kämpften. Während er noch in so auffälliger Weise seine Freude darüber äußerte, daß es den Unwillen aller Umstehenden erregte, kam Auerswald zu Fuß von der Eschenheimer Straße her und bestieg hier ein ihm vorgeführtes Pferd. Der Widerstand jener Barricade zeigte sich stärker, als wohl Lichnowsky geglaubt hatte, und nachdem er sich davon überzeugt, ließ er das zweite Thor öffnen und ritt mit Auerswald sofort rechts auf der Chaussée nach dem Friedberger Thore hin.

Es steht also fest, daß der Fürst noch vor vier Uhr in der für ihn sicheren Stadt war; hier hat ihn auch Prinz Felix von Hohenlohe um dieselbe Zeit noch gesprochen; hier forderte er einen Herrn von Leiningen zum Mitritt auf, der ihm entgegnete: „Ob er (der Fürst) zwei Köpfe habe? Anders möge er den Kopf allein verlieren.“ Und selbst Auerswald folgte ihm nicht willig, denn diesem soll er noch zugerufen haben: „Sie, General, fürchten sich vor einer Handvoll Lumpenbuben?“

Kurz nachdem beide Reiter das Eschenheimer Thor verlassen hatten, kamen auch etwa zwei Compagnien Preußen im Sturmschritte die Eschenheimer Straße daher und verfolgten denselben Weg. Lichnowsky band auf seinem Ritte mit einem bewaffneten Turner an, den er entwaffnet wissen wollte, bis Auerswald ihn ermahnte, von solchen „Nebensachen“ abzulassen. Folglich gab es für Beide eine Hauptsache, die offenbar mit jenen preußischen Compagnien zusammenhing.

Als sie bei dem Hessendenkmale vor dem Friedberger Thore ankamen, fanden sie den freien Platz voll harrender und zum großen Theile bewaffneter Volkshaufen, und hier beging Lichnowsky die Unbesonnenheit – oder vermuthete er die preußischen Compagnien hart hinter sich? –, dieselben zum Niederlegen der Waffen aufzufordern. Mußten zwei Spazierreiter aus der Stadt, in welcher der Kampf tobte, jetzt und hier an sich eine auffällige Erscheinung sein, so sah man sie sich nach solch einer Aufforderung genauer an, und plötzlich rief’s aus der Menge: „Das ist ja der Lichnowsky!“ Und mit „Spion! Hund! Volksverräther!“ [668] flogen von allen Seiten Steine nach ihm und seinem Begleiter; auch ein Schuß fiel und schien das Pferd des Fürsten leicht berührt zu haben. Beide Reiter flogen dem etwa hundert Schritte entfernten Thore zu. Obwohl unverfolgt, denn die Bewaffneten scheuten offenbar das von Soldaten besetzte Thor, zog dennoch Lichnowsky eine Pistole aus der Brusttasche und feuerte sie rückwärts auf den Haufen ab. Schon ist er in der Nähe des Thors, da, vor dem Gitterwerke, reißt er plötzlich sein Pferd herum, ruft dem ihm nachjagenden Auerswald zu: „Blum est là! Tournons! Tournons!“ und wie willenlos folgt ihm auch jetzt der General.

Wirklich stand Robert Blum hinter dem Gitter; aber was in aller Welt konnte beide Reiter bewegen, die Begegnung mit diesem Manne so zu scheuen, daß sie die sichere Rettung – denn das Thor war offen – aufgaben? War etwa der Fürst dennoch beim Erzherzog gewesen und gedachte er jetzt der Dienste, die er gegen Blum und seine Deputation und für das Blutvergießen geleistet? Vergaß er, daß das Thor von Preußen besetzt war, die schwerlich Blum’s Commando gegen ihn befolgt hätten? Hier ist ein ungelöstes Räthsel, aber zugleich die Wendung des Schicksals der beiden Reiter. Beide trennten sich jetzt auf der Flucht; der Fürst jagte rechts ab nach dem Allerheiligenthore zu, der General links nach dem Eschenheimer Thore, von wo Beide hergekommen waren. Steine und Schüsse flogen ihnen nach. Auerswald kehrte vor einem Trupp Bewaffneter um, rannte noch einmal bis zum Hessendenkmale, scheint aber auch hier umgekehrt zu sein, denn auf dem Hermesweg, der rechts am Bethmann’schen Hause vorüber nach der Bornheimer Haide hinführt, traf er wieder mit Lichnowsky zusammen, der folglich von seiner Straße ebenfalls zurückgehetzt war und der hier den Bethmann’schen Kunstgärtner Sester fragte, ob er keine preußischen Truppen gesehen habe. Dieser versicherte, daß eben erst Preußen an der Chaussee nach dem Allerheiligenthor vorübermarschirt seien, und Auerswald schlug sofort diese Richtung ein. Lichnowsky aber rief zornig Jenem nach: „So reiten Sie, wohin Sie wollen! Ich reite meines Wegs!“ und ritt auf dem Hermeswege weiter. Und abermals wandte nun auch der General sein Pferd, und so gelangten Beide bis an die Bornheimer Haide, dann links dem Landwehrgraben entlang bis an das Brückchen vor dem Schmidt’schen Garten und Hause, wo sie später ihr Ende ereilte. Jetzt jagten sie dort vorüber. Hinter dem Schmidt’schen Garten liegt das Haus des Herrn Daniel, und hier winkte ihnen abermals die Rettung. Daniel rief Beiden, bot ihnen seinen Schutz an, eilte ihnen sogar nach; aber sie ritten dahin, immer tiefer in ihr Verderben. Noch immer waren sie unverfolgt, die Aufmerksamkeit der überall auf den Straßen stehenden Gruppen Bewaffneter war den Kämpfen in der Stadt zugewandt, der Vorfall am Hessendenkmal schwerlich schon weiter verbreitet und vielleicht dort selbst schon halb und halb vergessen. Aber erneut durfte derselbe nicht werden, und das gerade geschah nun. Denn anstatt die Friedberger Chaussee, auf die sie wieder gelangten, zu benutzen, um rechts hin reitend nach Friedberg hinaus zu kommen, scheuten sie vor einem Trupp Bewaffneter zurück, der zur Rechten stand, und ritten links hin, gerade wieder auf das Friedberger Thor zu. Und nicht genug damit, trug Lichnowsky in der Rechten die blanke Klinge seines Stockdegens, eine Waffe, die ihm gar nichts nützen konnte und ihn um so auffälliger machte. Kaum am Bethmann’schen Hause (am Hessendenkmalplatze) angekommen, braust ihm das Geschrei entgegen: „Halt! Halt! Da sind sie wieder! Spione! Lichnowsky! Volksverräther!“ und jetzt lief dieser Schrei die ganze Chaussee entlang bis zu allen übrigen Menschenhaufen. Abermals Steinhagel und Schießen und Flucht auf dem verhängnißvollen Wege zurück.

Diese Friedberger Chaussee läuft vom Hessendenkmal vor dem Friedbergerthor von Frankfurt an, zwischen Gärten, Villen und Gartenhäusern hin, in ziemlich gerader Richtung bis zu der Stelle, wo links her der „Weg an der eisernen Hand“ mündet und rechts hin ein sogenanntes „stumpfes Gäßchen“, bekannt als das „grüne Gäßchen“, zu Gärten führt, aber in ziemlich gerader Richtung nach dem Schmidt’schen Haus und Garten hin. Von der Chaussee selbst zweigt sich dann nach einer kurzen Krümmung rechts die Fahrstraße nach Bornheim ab. Ungefähr in der Mitte dieser Chausseestrecke öffnen sich nach rechts drei Gäßchen, zwischen Gartenmauern und Hecken, die alle auf den sogenannten Bornheimer Fußpfad oder Haideweg und am Schmidt’schen Grundstück vorüber in eine Pappelallee führen. Durch das dritte dieser Gäßchen (vom Thore aus gezählt) waren die Reiter vom Haideweg her auf die Chaussee gekommen, hatten rechts oben an „der eisernen Hand“ Bewaffnete (die Zuzüge von Gienheim und Bockenheim) gesehen, sich deshalb links zum Thor hingewendet und sprengten nun die Chaussee wieder herauf und waren bereits an dem dritten Gäßchen vorbei, als Auerswald sein Pferd wendete, um durch dasselbe den Haideweg wieder zu gewinnen. Zwar rief ihm Lichnowsky mit geschwungenem Stockdegen zu: „Courage! Courage! Voran! Vorwärts!“ – doch diesmal folgte ihm der General nicht und gelangte unangefochten wieder an das Brückchen vor dem Schmidt’schen Garten. Da er auch die hier vor ihm liegende Bornheimer Haide von bewaffneten Gruppen belebt sah, so wandte er sein Pferd rasch, ritt ein paar Schritte des Wegs zurück und stieß hier wieder auf Lichnowsky.

Dieser war auf der Friedberger Chaussee vorwärts, an den bewaffneten Haufen, welche der seltsamen Erscheinung des Reiters mit dem Degen verdutzt nachsahen, vorbei gesprengt und bis nahe an die Chausseetheilung gekommen, machte aber hier plötzlich Kehrt und ritt in das „grüne Gäßchen“ hinein. Jetzt hatten ihn die Zuzügler „an der eisernen Hand“ wohl erkannt. Geschrei verfolgte ihn, und auch Schüsse sollen gefallen sein. Plötzlich war das Gäßchen zu Ende, der Fürst sah, daß er in eine Sackgasse gerathen sei; an Rückkehr war nicht mehr zu denken, und so setzte er über die Gärten hinüber und jenseits, an dem neben dem Schmidt’schen Garten gelegenen und von diesem durch einen Weg, welcher zu dem oftgenannten Brückchen führt, getrennten Lohmer’schen Garten über eine Gartenplanke, an welcher das Pferd hängen blieb und diese niederriß. Dort war ein Maurer beschäftigt, den er „um Gotteswillen“ bat, ihm das Pferd abzunehmen, während er aus diesem Garten dem eben augenblicklich zurückreitenden General auf dem Wege vor dem Schmidt’schen Hause entgegenschritt. Beide waren von diesem Wiedersehen überrascht und sprachen heftig und hastig mit einander, so daß der im Schmidt’schen Hause wohnende Lehrer Schnepf dadurch erst auf die Anwesenheit Beider aufmerksam wurde. Er hörte noch, als der General ihn bemerkt hatte und sein Pferd zu ihm hinlenkte, Lichnowsky wiederholt in die Worte ausbrechen: „Jetzt wollen Sie mich verlassen?“ Auerswald erwiderte hastig: „Nein! nein! nein!“ und wandte sich dann an Schnepf mit der Bitte: „Retten Sie uns, mein Herr!“, und als dieser erst die Mittheilung der Namen beider Herren verlangte, sagte er: „Fragen Sie nicht, wer wir sind, mein Herr! Retten Sie uns – wir sind verfolgt!“ Darauf öffnete Schnepf die Gartenthür nach dem Brückchen hin, Auerswald ritt in den Garten, Lichnowsky folgte zu Fuß.

Während nun Herr Schnepf die Unmöglichkeit jedes Versteckens in diesem Hause darzuthun suchte und sich erbot, die Herren zu Fuß einen Weg zu führen, auf welchem sie sicher entkommen könnten, trat auch der Hausbesitzer, Kunstgärtner Schmidt, herzu. Ihm übergab der General sein Pferd mit der Bitte, es in einem Stalle unterzubringen; er selbst ging in’s Haus. Lichnowsky ließ auch sein Pferd herbeiführen und schien geneigt, die Rettungsflucht zu Fuß zu versuchen; als aber Auerswald plötzlich verschwunden war, versicherte er, „daß er ohne seinen Freund nicht gehen könne, daß er ihn nicht verlassen werde.“ Herr Schnepf übergab das Pferd des Fürsten einem Knaben, um es hinweg zu führen. Er bemerkte bereits die Annäherung von Verfolgern.

Beide Männer hatten sich selbst verloren, ja, sie konnten noch offenbarer ihren Verfolgern sich nicht ausliefern, und sie hörten auf keinen Rath mehr. Das Schmidt’sche Haus war als Kunstgärtnerwohnung so völlig versteckwinkelfrei wie eine Laterne. Bei eifriger Ersparung und Benutzung des Raumes greift im ganzen Hause, insbesondere was Gänge, Vorplätze, Stiegen, Flur und Winkel betrifft, Alles eng in einander ein und darum fällt auch Alles rasch in die Augen. An zwei Seiten sind Gewächshäuser an das Haus angebaut, deren größtes Fenster nach einer Terrasse hin dort sogar zum Ein- und Ausgang dient. Zum sogenannten „Keller“ führt von der Hausflur des Haupteinganges aus eine Treppe von nur drei Stufen. Zwei große Souterrainfenster verschaffen ihm genügende Hellung. Wohnräume, Küche, Waschhaus, Kammern, nichts bietet ein Versteck. Und zum Boden [669] (Speicher) führt eine Treppe wie eine Hühnerleiter, und dort sind zu beiden Seiten eines sehr schmalen Gängchens enge Dachkämmerchen für die Hausbewohner; offen war nur eines mit den zwei Betten der Gärtnerburschen, gleich am Treppenaufgang. So ist das Zufluchtshaus, und vor dem Haus im Garten steht noch ein Pferd – und die umgerittene Gartenplanke ist ein Verräther mehr! Und da versteckt Lichnowsky sich in einen Obstverschlag dieses Kellers und der greise Auerswald klettert die Stiege zu der offenen Dachkammer hinauf – und beide glauben sich geborgen – wenn die Schlüssel dazu versteckt sind! –

An den Hausbewohnern lag es nicht, daß es so kam. Von dem Augenblick an, wo Auerswald Schmidt’s Stube betrat und Lichnowsky mit schwer vorwurfsvollem Tone fragte: „Na – was nun?“ – und dessen Antwort lautete: „Verkleiden! Verstecken!“ – von diesem Augenblick suchten alle Hausbewohner, Schmidt, seine Gattin, die ebensoviel Muth als Geistesgegenwart zeigte, der Lehrer Schnepf, ein bejahrtes Fräulein Pfalz und der eine der beiden Gärtnerburschen (der andere kam erst später hinzu), Beide vor Allem vom Verstecken abzumahnen und ihnen das ganz und gar Nutzlose desselben zu beweisen. Und abermals bot der Zufall fast wunderbar eine Rettungshand. Fast zugleich mit den Verfolgten hatte das Dienstmädchen Marie Adam aus dem ganz nahen Hause desselben Daniel, der kurz vorher Beiden seine Hülfe, aber ungehört, angeboten, den Garten betreten, um Milch zu holen. Frau Schmidt übersah rasch die Gefahr der Lage. Hatte auch auf Schmidt’s Geheiß der Gärtnerbursche Rettenbacher Auerswald’s Pferd im Kuhstall untergebracht, so stand doch das Lichnowsky’s noch bei der niedergetretenen Planke, und vergeblich drang sie darauf, es zu entfernen. Sie mußte, auch um der eigenen Sicherheit willen, an die Entfernung der Verfolgten selbst denken. Zuerst drang sie in den General deshalb. Denn nachdem Lichnowsky an der Schmidt’schen Stubenthür auf Auerswald’s „Na – was nun?“ die Antwort „Verkleiden! Verstecken!“ gegeben und sofort wieder verschwunden war, hatte dieser sich an Frau Schmidt mit der Bitte gewandt: „Was können Sie für mich thun? Ich will mich verkleiden.“ Diese rieth ihm, in den Schlafrock und eine Gartenmütze ihres Mannes gehüllt, wie ein Hausgenosse mit dem Dienstmädchen hinüber zu Herrn Daniel zu gehen. Nur seinen Schnurrbart solle er sich rasch abschneiden. Obgleich zögernd, nahm er doch die Scheere in die Hand; aber kaum hatte er vor dem Spiegel einen Blick durch’s Fenster daneben gethan, so legte er die Scheere auf den Tisch und sagte: „Es ist zu spät – verstecken Sie mich!“ Und wieder warnte die Frau ihn vor dem unnützen Verstecken. Da sein linker Arm von einem Steinwurf gelähmt war, so half Marie Adam ihm seines Rocks sich entledigen und einen solchen Schmidt’s anziehen. Weil aber auch jetzt Auerswald nicht mit ihr gehen wollte, so entfernte sie sich mit ihrem Milchtopf und kam, von Niemandem gesehen und gestört, in Daniel’s Haus an. Dem aus der Thür eilenden Mädchen nachblickend, mochte er durch die Vorplatzfenster wieder Volksgruppen gesehen haben, denn er sagte nun bittend zu Frau Schmidt: „Ach, da sind jetzt meine Kleider hier! Wenn sie meine Kleider finden, dann wissen sie ja, daß ich hier bin. Verstecken Sie sie doch und lassen Sie mich auf den Speicher!“ Und abermals warnte sie vor dem Verstecken und bat ihn, sich auf das Canapee zu setzen und eines ihrer Kinder auf den Schooß zu nehmen, wie als der Großvater desselben. Aber während sie des Generals Rock die Treppe hinab zum Kleiderschrank trug, mußte Fräulein Pfalz, die mit in der Stube war, ihm die Stiege zum Speicher zeigen. Er klomm hinauf und rief von droben dem Fräulein zu: „Schließen Sie zu und werfen Sie den Schlüssel weg!“ – Droben in der Dachkammer verkroch er sich in eines der beiden Betten. Da er aber die Sporenstiefeln anbehielt, so konnte er nicht fühlen, daß ein solcher unter der Decke hervorragte, – und der ward sein Verräther.

Aus dem Allen ersehen wir, daß bei dem alten, verwundeten Manne alle Ueberlegung und Beherrschung aufgehört hatte. Aber wir finden den jüngern, lebenskräftigen Fürsten in nicht besserem geistigem Zustande. Er war nach seinem Verschwinden vor Schmidt’s Stubenthür in das daneben liegende Zimmer des Fräulein Pfalz gekommen, die erstaunt sah, wie er, den weißen Hut auf dem Kopfe, mit der Lorgnette zum Fenster hinaus sah und sich umschaute. „Um Gotteswillen!“ – rief sie, „man sieht Sie ja von allen Seiten!“ Und rasch eilte er vom Fenster hinweg, zur Thür wieder hinaus. Der unheimliche Eindruck trieb nun Fräulein Pfalz in Schmidt’s Stube hinüber. Der Fürst war die Treppe hinab und im Garten zu dem Burschen gegangen, der noch sein Pferd hielt, und hatte ihm Geld in die Hand gedrückt, um das Pferd zu verbergen; dann hatte er jedenfalls nach dem Keller gesucht; er ist, da die Keller- und Treibhausthüren meist offen standen, vielleicht sogar darin gewesen, ohne in dem nur etwa dritthalb Fuß tiefen Raume neben dem Hausflur einen Keller erkannt zu haben. Als jetzt Frau Schmidt mit dem Rock des Generals die Treppe herab kam, stand er am Fuße derselben und fragte sie sogleich – ohne sich nach Auerswald’s Verbleib, dessen Rock er doch vor sich sah, zu erkundigen – nach dem Keller. Die kluge Frau warnte auch ihn vor dem Verstecken hier und schlug ihm vor, einen vom Gärtnerburschen Rettenbacher dahängenden Rock anzuziehen und mit einer Gießkanne hinüber in das erste beste Nachbarhaus zu gehen. Wenn er sich noch dazu den Schnurr- und Knebelbart abschneide, sei kaum zu zweifeln, daß die Flucht gelinge. Aber Lichnowsky erwiderte hastig: „Lassen Sie das! Lassen Sie das – es ist zu spät – verstecken Sie mich im Keller!“ Dennoch führte sie ihn von der Hausflur in das südliche Treibhaus, und um ihm zu zeigen, wie leicht er nach dieser Richtung über die Planken kommen und in die Gärten verschwinden könne, ging sie einige Schritte vor. Als sie sich aber umsah, war der Fürst verschwunden; sie fand ihn im Vorplatz wieder, nach der Kellerthür suchend, und rief ihm, nunmehr nothgedrungen auf seinen Wunsch eingehend, zu: „Hierher, hierher – der Keller ist hier!“ – Sie führte ihn in den Kellergang. Nur ein einziger der fünf Verschläge desselben, und zwar der engste, war unverschlossen. Da hinein schob sie ihn und rieth ihm, als er klagte: „Ach, ich kann nicht weiter!“ sich zu bücken, so werde er ein Versteck zur Noth finden. Er kam auf ein sogenanntes Apfelbett, das mit ihm durchbrach, und so sank er auf einen zweiten Boden desselben hinab, wo er flüchtigen Blicken wohl verborgen war. Auch er bat die Frau, den Schlüssel mitzunehmen und sich zu verstecken. Wie aber beim General der Sporenstiefel, so war beim Fürsten ein über das sonst gute Versteck heraushängender Rockzipfel schließlich der Verräther für die Verfolger, die nun nicht mehr auf sich warten ließen, denn als Frau Schmidt aus der Kellerthür heraustrat, standen bereits die ersten vor ihr.

„Wir suchen den Hund, den Volksverräther, den Spitzbub – den Lichnowsky!“ – „Wie wäre es, Madamchen, wenn ich Ihnen hernach an einem Spieß eine Cotelette von dem Fleisch des Hundes Lichnowsky überreichte? Das lassen Sie sich wohl köstlich schmecken!“ – „Ja, Madamchen, wir sind gediente Leute, wir werden sie schon finden.“ – Das sind die ersten Anreden der Verfolger an die Frau; sie kennzeichnen die Art derselben, die unmenschliche Wuth, in welche diese zum Theil angetrunkenen Rotten durch das fortwährende Schießen in der Stadt versetzt waren, und den nicht mehr zu bezähmenden Ingrimm über den Einen, von dem sie überzeugt waren, daß er allein die Schuld trage an dem Kampfe und Blutvergießen in Frankfurt. Die Hausbewohner, so klar sie auch die Nutzlosigkeit des Versteckens vorher erkannt, waren doch jetzt schreckensstarr – sie mußten geschehen lassen, was geschah, – und die Verfolgten? Jedes Wort hörten sie auf ihren gräßlichen Lagern, der im Keller, wie der auf dem Speicher, – und so furchtbar muß die Marter ihrer Todesangst gewesen sein, daß ihr Tod nur als eine Erlösung erscheint.

Auch darin war, wie der Schuldlosere, auch der Glücklichere der alte General. Ihn fanden sie zuerst, und er fand zuerst den Tod.

[680] Dennoch würde an Auerswald dieser erste Sturm schadlos vorüber gegangen sein, wenn er als Großvater mit dem Kindchen auf dem Schooß auf dem Kanapee gesessen hätte, wo noch außerdem unter diesem und dem Schlafrock die verrätherischen Sporen zu verbergen gewesen wären. Denn aller Haß suchte nur Lichnowsky, und selbst unter diesen Verfolgern waren noch Leute von Besinnung, denn als der Schlüssel zum Speicher nicht gleich zur Hand war, rief ein baumstarker Kerl den Seinen zu: „Man braucht nicht so schnell die Axt, um Thüren einzuschlagen, wir sind ja keine Soldaten!“ und zu Schmidt gewendet: „Suchen Sie nur den Schlüssel, er wird sich schon finden.“

Und er fand sich; Fräulein Pfalz hatte ihn unter das Kanapee geworfen. In demselben Augenblick durchfuhr Frau Schmidt wie ein Blitz der Gedanke an die Möglichkeit der Rettung ihres Schützlings im Keller. Sie eilte hinab. Unter dem Wasserfaß im Waschhaus war ein Wasserloch; es war jetzt leer. Dort war ein Mensch geborgen. Aber als sie den Raum betrat, hatte eine Schaar der Verfolger schon das Faß entfernt und suchte im Wasserloch. Da ging die verzweifelnde Frau zurück, durch den Keller, und an dem Verschlage sprach sie fast tonlos, aber für Lichnowsky hörbar genug: „Ach, jetzt ist Alles verloren!“

In demselben Augenblick mußten Beide den Jubel einer rauhen Stimme vom Speicher herab hören: „M’r hawwe A’n!“ (Wir haben Einen.)

Man hatte ihn! Der alte Mann wurde die Hühnerstiege hinab gezerrt und geworfen, er blutete aus Stirn und Nase, man stieß ihn die Treppen hinab und zum Hause hinaus auf die Terrasse. „Ihr habt nach uns geschossen!“ – „Ihr habt nach uns gestochen!“ – „Der Hund muß sterben – er muß standrechtlich behandelt werden, wie unsere Brüder in Frankfurt!“ So brüllte es durcheinander unter Stößen und Schlägen auf den Unglücklichen, der an einen der Verfolger sich anklammerte und laut jammerte: „Schont mich! Ich bin Familienvater, ich [681] habe fünf Kinder, die vor Kurzem die Mutter verloren haben, und ich bin ja unschuldig an Allem, was geschehen ist!

Hier ist’s wohl am Ort, nicht einem Todten noch einen Makel anzuhängen, aber eine Frage zu thun, welche die Möglichkeit der Rettung des alten Generals und vielleicht selbst die des Fürsten angeht. Hätte der Fürst, von dessen Lebenshoffnung nunmehr doch, nach Allem, was er gehört haben mußte, nicht das kleinste Fünkchen mehr glimmen konnte, es über sich vermocht, sein leichtes Versteck zu durchbrechen und herauszutreten in den Kreis der Wüthenden, oder hätte er aus dem Keller nur gerufen: „Laßt diesen gehen – Ihr irrt! – Ich bin es, den Ihr sucht!“ – es hätte Auerswald sicher in diesem Augenblick noch gerettet. – Ja, die Größe des Muthes, die Größe der Selbstaufopferung, das Erhabene einer solchen That – wer hat alle Tiefen des Menschenherzens ermessen! – es war möglich, daß sie selbst der wüthendsten Masse Bewunderung eingeflößt, daß sie dem furchtbaren Drama ein anderes Ende bereitet hätte. Der Fürst aber blieb stumm liegen bei dem lauten Jammer des greisen Vaters um seine armen Kinder, des Freundes, den er zu diesem Todesritte verleitet! – Welche Qualen er da gelitten, wie alle grimmigsten Seelenschmerzen in ihm genagt und gebissen, wer wagt das noch zu fragen? Und all das Entsetzliche litt er, weil er den großen Entschluß nicht zu fassen vermochte, ohne dadurch seinem noch qualvolleren, weil langsameren Schicksal zu entgehen.

Der General wurde weiter gestoßen, ein Kerl legt auf ihn an, er bricht bei einem Hyacinthenbusch in die Kniee zusammen, wird wieder aufgerissen und fortgestoßen, zum Pförtchen hinaus, über die Brücke und an den Graben gezerrt. Hier fällt auch ein Weib ihn an, die Gattin eines Lithographen Zobel. Sie schrie: „Ihr habt auch auf mich geschossen!“, schlug den blutenden Greis mit dem Regenschirm, warf einen großen Stein auf ihn und forderte seinen Tod. Die fortdauernd herüberschallenden Salven aus Frankfurt und der Ruf: „Bluthunde! Verräther! Ihr habt auch kein Mitleid mit uns!“ führten rasch zum Ende. Ein Stoß auf die Brust, ein Schlag und ein Schuß – er wankt rückwärts, kauert sich am Graben zusammen; noch ein Schuß – mit ihm fiel er in den Graben, ein dritter, dicht am Graben hinabgefeuert, macht seinem Leiden ein Ende.

Dies Alles war das Werk weniger Minuten.

Wieder begann das Suchen, und erst jetzt ergab es sich, daß man nicht gewußt, wen man getödtet hatte. Man fand in der Speicherkammer unter herausgeworfenen Betten des Generals Rock und Hut, nach denen man verlangte. Daß man Beides dort finden konnte, beweist, daß Frau Schmidt ihre Geistesgegenwart wiedergefunden und die kurze Zeit, wo das Haus leer war, benutzt hatte, um aus ihrem Kleiderschrank und ihrem Wohnzimmer (dort war der Hut liegen geblieben) die gefährlichsten Zeugen ihrer Sorge für den Todten wegzuschaffen. Einer, der den Namen im Hute las, rief: „Das ist ja der Unrechte!“ – ein Anderer: „Das ist sein Adjutant gewesen,“ – ein eben herzutretender Dritter, der Dr. Hodes aus Fulda, damals in Bornheim wohnend, klagte: „Ach, was habt Ihr gemacht! Ihr habt den General von Auerswald getödtet, einen unserer tüchtigsten Generale!“ Aber diese Worte erregten einen Sturm gegen ihn und schärften die Gefahr gegen „den Andern“, denn nun lief’s von Mund zu Mund: „Es ist nicht der Rechte, wir haben den Unrechten!“ – Und nun wurde abermals das ganze Haus durchwühlt, aber, seltsamer Weise, der Keller zuletzt. Wir übergehen die Wühlerei hier. Verschlag um Verschlag ward durchforscht, aber nirgends fand man den Gesuchten, und schon war die Mehrzahl der Verfolger gelangweilt davongegangen, als ein halbwüchsiger Bursche rief: „Da liegt was Graues und was Schwarzes!“ Sofort sprangen auch Andere wieder herzu, ein Beilschlag sprengte die Thür, das Graue und Schwarze war der Rockzipfel des Fürsten, der sich nun von seinem gepreßten Lager erhob und hervorsprang. Hier soll er, nach den Zeugenaussagen, um sein Leben gebeten und etwa Folgendes gesprochen haben: „Ich will Alles für Euch thun. Ich weiß, daß Ihr Ursache habt, unzufrieden zu sein, allein ich trage die Schuld nicht! Ihr haltet mich für Euern Feind – Ihr habt größere Feinde, als ich bin. Aber wenn Ihr mich gehen laßt, wenn Ihr mir nur mein Leben schenkt, dann will ich von nun an für das Volk arbeiten und nur für das Volk …“ Und wirklich schien seine Beredsamkeit noch einmal zu siegen. Man kam ihm nicht, wie fälschlich verbreitet worden ist, mit Schimpfen und Drohen von Mord und Todtschlag entgegen. Die Rachsucht war abgekühlt durch den Tod des Generals, und ob es jetzt auch dem ärgsten Feind galt, so trat doch schon so viel Besonnenheit ein, daß man sich seiner lieber als Geisel versichern, ihn nach Hanau oder Offenbach abführen wollte. Wenn jetzt, wo man fast bis zu friedlicher Verhandlung gekommen war, nicht neue Verhetzungen begannen, nicht ungeschickte Helfer kamen und der Fürst selbst besonnen blieb, so war immer noch die Erhaltung seines Lebens möglich. Aber alle drei Bedingungen blieben unerfüllt. Bis jetzt hatte Lichnowsky noch keine Mißhandlung erfahren, und dennoch setzte er der beruhigenden Aufforderung der Anwesenden: „Es solle ihm nichts geschehen, er möge nur ruhig mit ihnen gehen“ – Widerstand entgegen. Er wollte an Ort und Stelle freigelassen sein. In diesem Augenblick drängte sich ein junger Frankfurter Kaufmann Louis Pillot, vom Bethmann’schen Hause kommend und wohl dem Fürsten bekannt, vor und rief: „Schämt Euch! Sucht Ihr hier die Republik? Ist das Eure Republik?“ Das war böses Oel in’s aufglimmende Feuer. „Hundsfott, Du bist auch ein Freund von ihm!“ fuhr man ihn an und eiligst schlich er hinweg, offenbar um, wie der Fürst klug herausfand, Militär zu holen. Mit dem Widerstand begannen auch die Mißhandlungen des Fürsten. Er wurde gestoßen, fortgeschoben und die Treppe hinaufgezerrt. Da mußte er wohl plötzlich an Auerswald’s Schicksal denken, denn er rief nun laut: „Laßt mir mein Leben! Ich will für das Volk und sein Wohl Alles thun. Ich gebe Euch die Versicherung. Ihr wollt die Republik, – ich verschaffe sie Euch. Ich verschaffe sie Euch! – Ich kann es!“ und mit hoch erhobenem Arme schrie er dreimal hintereinander: „Hoch lebe die Republik!!“ Aber jetzt lautete schon die Erwiderung darauf: „Es ist zu spät – das hättest Du früher thun sollen!“ – und als er um seinen Hut bat, rief man: „Du brauchst keinen mehr!“ – Dennoch gestattete man, daß der Hut aus dem Verschlag hervorgelangt wurde.

In diesem Augenblicke trat Dr. Hodes wieder heran. Auch er vergaß sich zu einem: „Schändlich! Das ist schändlich, was Ihr macht!“ Aber ein Schlag in’s Gesicht und der Ruf: „Du bist auch einer von dene’ – auch so’n Schuft!“ verscheuchte ihn erst, brachte ihn aber zur Besinnung, und als er kurz nachher wieder kam, um sich auf die Seite Derer zu schlagen, welche den Fürsten als Geisel nach Hanau führen wollten, wußte er durch kluge Reden, Erzählung aus seinem Leben als politischer Kämpfer und Dulder und den guten Rath, gegen etwa nahendes Militär Lauerposten aufzustellen, die Mehrzahl so für sich zu gewinnen, daß sie aussprachen: „Das ist unser Mann, – der meint es gut mit uns.“ Von diesem Augenblick an durfte er der Begleiter des Fürsten bleiben, dessen Rettung seine einzige Sorge war. Der Fürst verstand aber auch diesen Mann nicht und machte ihm das Rettungswerk selbst mit unmöglich.

Bald wechselt zwischen den Haufen wie ein Parteiruf das Geschrei: „Der Hund muß todtgeschossen werden!“ und „Nein, er kommt nach Hanau!“ Damit zogen sie auch über das verhängnißvolle Brückchen und zerrten ihn jenseits an den Graben vor Auerswald’s Leiche. Und als er sich von diesem blutigen Bilde abwenden und gehen wollte, rief man ihm zu: „Was erschräckst D’? Bist ja ach in … nit erschrocke!“ (den Ort hat der Zeuge nicht genau gehört, ob Spanien oder Frankfurt?) Es war der furchtbarste dieser letzten Augenblicke des hier moralisch Gefolterten.

Indem der Haufen mit dem Fürsten die vom Brückchen nach Bornheim hinführende Pappelallee einschlug, kam ein abgesetzter und halb verrückter Judenschulmeister von Rödelheim, Namens Buchsweiler, aus der Stadt dahergerannt, schrie wie besessen: „Jetzt ist Deutschland gerettet! Juchhe! Juchhe!“ erhitzte von Neuem die Menge mit Erzählungen von den Kämpfen in der Stadt und brachte das Geschrei „Er muß sterben!“ wieder in gefährlichsten Fluß. Trotzdem bildeten die Friedlicheren, die „den Gefangenen“ nach Hanau bringen wollten, noch die Mehrzahl, an die Dr. Hodes sich halten konnte. Bei jeder Ausfechtung solchen Parteihaders ballten sich die Haufen zum Knäuel um den Fürsten und Hodes, und dann kam es auch zu Mißhandlungen des Ersteren. Man schlug ihm den Hut bald vom Kopf, bald über den Kopf, man stieß ihn und spuckte ihm sogar in’s Gesicht. [682] Leider wurde des Doctors Kriegslist, vor den Preußen zu warnen und die wildesten Schreier an die gefährlichsten Wachtposten zu empfehlen, von Lichnowsky nicht verstanden, der gerade von diesen Preußen seine Rettung erwartete und eben deshalb gegen seinen Transport nach Hanau protestirte. Hodes, selbst mißtrauisch beobachtet und der äußersten Gefahr ausgesetzt, durfte ihm durch kein Wort, keinen Wink seine wahre Meinung verrathen, ja, er mußte ihn mitunter hart anfahren (wie „Sie sind ganz ruhig! Sie sind Gefangener! Sie haben gar nichts zu opponiren!“) um den Tumultuanten nicht verdächtig zu werden. Diese blieben mehr und mehr der Hanauer Richtung des Zuges zugethan, und schon war man beim achtzehnten Baum (vom Schmidt’schen Garten her links gezählt) angekommen, als plötzlich eine Stimme schrie. „Wann dann d’r Spion doch fortgeführt wäre soll, s’ will ich a’ch ’n Andenke’ von ’m hawwe!“ und eine kräftige Faust fuhr über Lichnowsky’s Schulter, packte ihn fest an der Brust und fuhr mit gewaltigem Ruck zurück, und wie auf Commando riß es nun von allen Seiten an ihm herum, um Stücke von seinen Kleidern zu erhalten. Mit derselben Blitzesschnelle, wie dies geschah, riß der Fürst sich los, floh zum neunzehnten Baum und kehrte da sich trotzig gegen seine Quäler. Plötzlich sprang er mitten in den Haufen, packte das Gewehr eines Freischärlers und rang ihn nieder. Das ward sein Tod. „Zurück! zurück!“ rief’s, der Knäuel wand sich auseinander, drei bis fünf Schüsse fielen, und mit dem Schrei „Herr Jesus“ brach Lichnowsky zusammen. Da kam die wilde Meute wieder herangestürzt, und Jeder suchte dem bereits auf den Tod Verwundeten noch einen Schmerz zu bereiten. Mit Kolben, Knütteln, Säbeln und blanken Fäusten schlugen sie von allen Seiten auf ihn ein. Mit dem rechten Arme versuchte der Fürst noch seinen aus mehreren Wunden blutenden Kopf, nach dem besonders Jeder schlug, zu decken, bis der Arm zerfleischt und zerhackt an ihm niedersank.

Es war geschehen. Die That eines furchtbaren Augenblicks, die ihre Schatten Jahrhunderte weit wirft. Die Wuth des Augenblicks hatte Menschen in Bestien verwandelt, – aber noch menschenunwürdiger war es, daß ein Trupp Bewaffneter auch nach der That sich etwa zwanzig Schritte von dem Todeswunden aufstellte und jede Hülfsleistung für den Verschmachtenden mit dem Tode bedrohte. „Zurück von dem Hund – es ist Lichnowsky – kein’ Hand an ihn gelegt!“ – „Der Verräther, der Spion soll kein Wasser haben!“ – Ein Unmensch hielt dem Unglücklichen noch eine höhnende Strafpredigt. Zwar wurden Solche, die den Daliegenden noch weiter mißhandeln wollten, zurückgehalten, eifriger aber mehrere Hülfebereite vertrieben, bis endlich Dr. Hodes und der Bornheimer Schützenlieutenant Mechanicus Helfrich durch ihren Mannesmuth über die empörende Nichtswürdigkeit siegten. Zugleich riefen mehrere Jungen: „Da kommen Soldaten!“ – „Soldaten! Soldaten!“ wiederholt es, und im nächsten Augenblick flieht Alles auseinander, und so zerstiebt die ganze Rotte nach allen Richtungen.

Zu spät nahte die Rettung – nur um einige Minuten zu spät; denn es kam wirklich im eiligsten Schritt von der Stadt her ein Trupp Soldaten, geführt vom Major Detz, offenbar in Folge einer Benachrichtigung aus dem Bethmann’schen Hause. Ohnmächtig in seinem Blute schwimmend und besonders am Kopf und an beiden Armen schauderhaft verletzt, fanden sie jetzt den, den sie suchten.

Man trug ihn zurück nach dem Schmidt’schen Hause; hier legte Dr. Hodes ihm den ersten nothdürftigen Verband an. Er kam bald wieder zu sich und schon jetzt traf er Bestimmungen über sein Testament und sprach die Worte: „Ich verzeihe meinen Beleidigern und wünsche einen Geistlichen, welcher es sei.“ Auch eine hessische Chevauxlegersabtheilung kam zu seinem Schutze an, mit ihr der Prinz zu Hohenlohe. Als er diesen erkannte, jammerte er: „Ach, Felix!“ Dem Prinzen wurden alle Werthsachen, welche der Fürst trug, eingehändigt, ebenso die des Generals, dessen Leiche über eine Stunde im Graben gelegen hatte und nun ebenfalls in das Schmidt’sche Treibhaus getragen wurde. Zwar soll bei dem wüsten Angriff auf die Kleider Lichnowsky’s ihm die Uhr weggekommen sein. Möglich, daß sie in der wilden Hand geblieben, die den ersten Griff nach der Brust des Verfolgten gethan. Die übrigen bei ihm, wie die bei Auerswald unberührt gefundenen Gegenstände zeugen aber doch ebenso klar gegen die (untersuchungsbehördliche) Annahme, daß es hier auf einen Raubmord abgesehen gewesen, wie der ganze Verlauf der Unthat dagegen spricht, daß sie beplant und von einem Complot begangen worden sei.

Da hier in dem Unglückshause Alles fehlte, was ein so schwer Verwundeter brauchte, vor Allem Lichnowsky selbst noch jetzt fürchtete, noch einmal in die Hände „dieser Cannibalen“ zu fallen, so beeilte man sich, der Einladung des Herrn von Bethmann zu folgen, der eine Blumenbahre und Matratzen zum Transport des Todeswunden hatte herbeischaffen lassen. Die Chevauxlegers deckten den Zug und kehrten dann zur Stadt zurück, während die preußische Infanterie in und bei den Bethmann’schen Gebäuden und Garten postirt worden sein soll.

Es war Abend geworden. In dem schönen Treibhaussaale, in welchem der heitere, von der Gesellschaft verwöhnte und auf Händen getragene Fürst so manche glückliche Stunde verlebt hatte, wurde ihm jetzt am Boden aus Matratzen sein Schmerzenslager zubereitet. Trotz des heftigen Straßenkampfes in der Stadt glückte es doch, einige Aerzte zu erlangen. Eisumschläge wurden ununterbrochen aufgelegt und jede nur mögliche Erleichterung und Erquickung verschafft. Auch Anton hatte von dem Unglücke, das seinem Herrn zugestoßen war, Nachricht erhalten und war mitten durch den Kampf glücklich herzugekommen. Das war dem Fürsten eine große Beruhigung, denn er hatte schon mehrmals nach Anton gefragt. Nun stand er weinend an seinem Lager, denn es ging zu Ende mit seinem Herrn.

Noch war ihm das klare Bewußtsein nicht entschwunden, er änderte sogar insofern seinen letzten Willen, als er die Ernennung seines Bruders zum Universalerben zurücknahm: „Nicht meinen Bruder Karl, sondern die Herzogin Dorothea von Sagan ernenne ich zu meiner Universalerbin, und ich bitte Sie, Herr von Bethmann, sorgen Sie dafür, daß meinem treuen Diener Anton eine lebenslängliche Pension von vierhundert Thalern aus meinem Nachlasse gesichert werde.“

Die Gründe dieser Testamentsänderung waren sehr durchdacht und triftig.

Im weiten hohen Saale brannten nur einige schwache Lichter; man vermied Alles, was die Aufmerksamkeit nach außen hätte erregen können. Die wenigen traurig schweigenden Freunde, die noch das Lager umstanden, im Hintergrunde die leise ab- und zugehenden dunklen Gestalten einiger Hausdiener, dazu einzelne abgerissene Worte und wimmernde Schmerzensseufzer des schon Hinsterbenden und dazu das ferne Donnern und Toben des wilden Straßenkampfes, das war eine furchtbar düstere Scene.

Es war ungefähr zehn Uhr geworden, und nach den allerdings übertriebenen Nachrichten aus der Stadt erschien es den Anwesenden, als ob auch hier nicht mehr genug Sicherheit für den Verwundeten sei, und man kam zu dem Entschlusse, den Fürsten nach dem Hospital zum heiligen Geist bringen zu lassen. Und so geschah es. Der Sterbende wurde noch einmal auf die Trage gelegt und nach jenem Hospital getragen, aber nur um dort in einem kleinen einsamen Zimmer gegen Mitternacht ruhig und ohne Todeskampf zu verscheiden. Alle hatten sie ihn verlassen, nur Anton begleitete ihn auch bis zu diesem Sterbewinkel, und hier war es, wo er im letzten Aufdämmern des Bewußtseins dem treuen Gefährten und Diener seines ruhelosen Lebens die Worte zuflüsterte: „Ach, Anton, Anton, hätte ich Dir gefolgt!“ – „Und vergieb mir meine Schuld …“ waren die letzten noch verständlichen Worte des Fürsten, obgleich die Lippen sich noch oft wie zum Sprechen bewegten, bis der Tod sie für immer schloß.

Beim ersten Grauen des Tages trat, unheimlich und unerwartet, eine lange dunkle Gestalt in das Todtenzimmer, kniete sichtlich tief ergriffen an der Leiche nieder, lange in stummem Hinbrüten verharrend. Dann erhob sie sich und ertheilte dem Todten nach den katholischen Gebräuchen den Segen seiner Kirche. Das war Ketteler, jetzt Bischof, damals Kaplan in Mainz, der herbeigeeilt war in der Hoffnung, den Fürsten noch lebend zu finden und ihm den letzten Trost reichen zu können. Er kam zu spät. Es hatte schon geendet, dieses stürmische, stets übersprudelnde, wildbewegte Leben! Nachdem es so vielen Wechselfällen und mannigfachen Gefahren immer glücklich und unversehrt entronnen war, mußte es enden auf so elende, jammervolle Weise.

Eine Scheinbeerdigung beider Gefallenen wurde einige [683] Tage später mit vielem Pompe und unter einer außergewöhnlichen Theilnahme auf dem Kirchhofe bei Frankfurt in Scene gesetzt. In Wirklichkeit aber sind die irdischen Ueberreste des Fürsten getheilt worden. Sein Herz wurde in eine reiche silberne Kapsel verschlossen und kam nach Sagan, wo es noch jetzt neben dem Sarkophag der Herzogin Dorothea in der dortigen Parkkirche aufbewahrt wird. Sein Körper ruht in einer kleinen Dorfkirche bei Schloß Grätz in Mähren neben seinen Vorfahren in der fürstlichen Familiengruft. Eine Ausbesserung des Sarges machte es vor einigen Jahren nothwendig, denselben zu öffnen, und es erregte ein erschütterndes Erstaunen bei allen Anwesenden, als man die Züge des Fürsten noch vollständig kenntlich und wenig verändert fand.

Wir wollen es unterlassen, auch von dem über die Theilnehmer an dem Verbrechen verhängten Processe und ihrer Bestrafung zu erzählen. Es ist ein Vierteljahrhundert darüber hingegangen, und große versöhnende Ereignisse liegen zwischen damals und heute. Aber ein Dichterwort aus jenen wilden Tagen hat noch bis heute seine versöhnende Kraft bewahrt; es spricht das gerechte Gefühl jener Zeit aus und soll – auch dem todten Dichter Richard Georg Spiller von Hauenschild, genannt Max Waldau, zu Ehren – diese Erinnerungen schließen:


Ein Cypressenreis für Felix Lichnowsky.
Ratibor 1848.

In meiner Feinde Reihen stand sein Leben,
Und seine Bahn war mir ein feindlich Gleis;
Den Heldenlorbeer kann ich ihm nicht geben,
Doch seinem Sarge ein Cypressenreis. –

Es ist ein alt Gesetz, aus grauen Zeiten:
– Die Freiheit trägt ein blutumsäumt Gewand, –
Sie taucht empor, ein Stern, aus wildem Streiten,
Blut tüncht ihr Kleid, – doch rein ist ihre Hand.

Ich sagt’ es oft und muß beim Wort beharren:
So lang’ brutale Kraft der Freiheit wehrt
Und tausend Schlünde ihr entgegenstarren,
So lang’ ist alles Heil im Kampf, im Schwert.

Doch offner Kampf, die Brust dem Feind geboten,
Ein ehrlich Würfeln und ein ehrlich Feld,
Wo Ehre bleibt den Siegern und den Todten,
Ein ernster Kampf, ein Kampf um eine Welt.

Weh’ aber, wenn entmenschte Mörderrotten
In’s heil’ge Antlitz schlagen die Natur!
Das Thier giebt Tod, – doch seines Opfers spotten
Das kann es nie –, so freveln Teufel nur!

Und doppelt Weh’, wenn in der Freiheit Namen
Ruchloser Mord sein scheußlich Haupt erhebt,
Und wenn mit ihrem dreimal heil’gen Rahmen
Schandbubenthat sich zu umgehen strebt!

Ich liebt’ ihn nicht … und muß ihn doch beklagen,
Den Mann von scharfem Geist und gold’nem Mund;
Sie haben einen selt’nen Mann erschlagen,
Und wie? Bei Gott, bei Gott! wie einen Hund!

An solchem Grab muß alle Feindschaft enden,
Und an der Grube schmilzt des Hasses Eis;
Den Heldenlorbeer kann ich ihm nicht spenden,
Doch seinem Sarge ein Cypressenreis.

  1. Vorlage: „Versamlung“