Erinnerungen aus dem heiligen Kriege/10. Der unheimliche Gerichtsschreiber

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Autor: Georg Horn
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Titel: Erinnerungen aus dem heiligen Kriege/10. Der unheimliche Gerichtsschreiber
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aus: Die Gartenlaube, Heft 50, S. 837–840
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[837]

Erinnerungen aus dem heiligen Kriege.

Nr. 10. Der unheimliche Gerichtsschreiber.

Es war in Sens und es dunkelte schon, als wir in die Stadt einzogen durch stattliche Straßen und wahrhaft großartige Plätze, die von städtischer und ländlicher Bevölkerung außerordentlich belebt waren. Tags zuvor war die Stadt der Schauplatz leidenschaftlicher Excesse gewesen. Die Blaukittel hatten preußische Post- und Telegraphenbeamte, die den Dienst dort einrichten sollten, aus den Wagen und von den Pferden gerissen, mißhandelt und würden sie getödtet haben, hätte nicht der Maire dieselben der Wuth des Pöbels entrissen, indem er sie gefangen setzte; nur dadurch war es ihm gelungen, sie vor den Händen der aufgeregten Volksmasse in Sicherheit zu bringen. Auch jetzt bei unserem Einzuge schauten uns aus jedem Blicke, aus jeder Miene Haß und Drohung entgegen, aber auch aus jedem Fenster, jeder Thür zugleich unsere Pickelhauben, und darum war die Sache nicht so sehr ängstlich, obwohl Gerüchte gingen, daß trotzdem in der Umgegend mehrere von unseren Soldaten verschwunden seien.

Mein Quartierbillet lautete auf einen Gerichtsschreiber So und So. Das kleine einstöckige Haus lag zwar am städtischen Boulevard, aber in einer nichts weniger als freundlichen Umgebung. Hohe, entlaubte Bäume warfen düstere Schatten auf das einstöckige, schmutziggrau angestrichene Haus, und die kahlen, dürren Aeste streckten sich über das Dach desselben wie Dämonen nach einer ihnen verfallenen Menschenseele aus. Das dürre Laub lag vor dem Hause dicht aufgeschüttet, und jeder Schritt verursachte ein eigenthümliches Rauschen und Rasseln. Anmuthig war der Eindruck eben nicht, den ich äußerlich von dem Quartier erhielt, in welchem ich die nächsten achtundvierzig Stunden zubringen sollte, noch weniger aber, als auf mein Schellen sich die Pforte des Hauses wie in scheuer Furcht öffnete und ein paar große schwarze [838] stechende Augen mich anstarrten. Ein Mann von mittlerer Größe stand mir gegenüber, in einen alten Winterpaletot und einen dichten Shawl eingehüllt, mit blauen Lippen und eingefallenen aschgrauen Wangen und am ganzen Körper vor Kälte schlotternd. Auf meine Frage nach dem Herrn des Hauses stellte er sich mir als solchen vor und fügte seinerseits die Frage bei, ob ich allein sei, ob ich keinen Burschen habe. Als ich Ersteres bejahte und Letzteres verneinte, konnte ich bemerken, wie durch seine Züge ein Ausdruck der Befriedigung ging, der mich befremdete. In gleichem Augenblicke hatte er schon die Thüre hinter mir in’s Schloß geworfen und die Riegel vorgeschoben und das Alles in einer so hastigen, vehementen Weise, als wollte er damit ausdrücken. „Nun bist Du in der Falle.“

In unangenehmer, serviler Haltung schritt er mir durch einen engen dunklen Gang voran und öffnete dann eine Thür. Das Zimmer, in das er eintrat, bezeichnete er als das meinige. Es kam mir daraus ein kalter und dumpfer Hauch entgegen. Trotz der vorgeschrittenen Dämmerung konnte ich noch einen vollständigen Ueberblick über die Umgebung des Hauses von der Rückseite gewinnen, denn nach dieser hin war das Zimmer gelegen. Von dem Fenster sah ich auf einen kleinen Hof, von da auf einen Garten, der, ganz abgesehen von der rauhen Jahreszeit, eine wahre Wüstenei war. Hohe Backsteinmauern bildeten von drei Seiten die Einfassung des ganzen Grundstückes und isolirten dasselbe von aller weiteren Umgebung in einer Weise, die den unheimlichen Eindruck, den Haus und Herr auf mich beim ersten Erscheinen gemacht hatten, noch bedeutend vermehrten. Links von meinen Fenstern und von denselben in einen rechten Winkel ausspringend lag eine Art Schuppen mit einem ansteigenden Dache, unter dessen Bodenräumlichkeiten wahrscheinlich Heu und Stroh aufbewahrt wurde. Der Zugang zu demselben geschah von außen durch einen erkerartigen Vorsprung; das sah man an der Leiter, die an diesen angelehnt war. Nachdem ich mich so orientirt hatte, konnte ich nicht umhin, meinem neuen Wirthe scherzend die Bemerkung hinzuwerfen, daß man hier wie in einen Kerker eingeschlossen sei. Treffender, wenigstens für mein Gefühl, wäre die Bezeichnung „Räuberhöhle“ gewesen. Mein Gegenüber, darob betreten, erwiderte:

„O, fürchten Sie nichts, Sie sind hier ganz sicher, es wird Ihnen nichts zustoßen.“

„Wie kommen Sie dazu, mir Das zu sagen?“ war meine Antwort, wobei ich ihn scharf fixirte. „Wenigstens war das nicht die Antwort auf meine Bemerkung, die nur im Scherze gemeint war. Ich bin nicht im Mindesten in Sorge darüber, daß mir etwas zustoßen würde. Ich schlafe bei offenen Thüren, ich habe weder einen Revolver, noch sonst eine Waffe bei mir, aber fünfzigtausend Soldaten sind vor uns, fünfmal so viel folgen uns, und wehe dem, der einem Deutschen auch nur ein Haar krümmte!“

„Wie, mein Herr,“ versetzte der Greffier, wie absichtlich von diesem Gegenstande ablenkend, „Sie wären nur dreihunderttausend Mann? O weh, dann wird es Ihnen schlecht gehen; dann werden Sie Alle dem sichern Untergange geweiht sein.“

„Wie so meinen Sie das?“

„O, unten an der Loire steht ein französisches Heer, eine Million stark, und das wird über Sie herfallen und Sie Alle, Alle vernichten.“

„So, also eine Million? Haben Sie schon eine Million Soldaten gesehen?“

„Das wohl nicht, aber –“

„Nun, ich auch nicht, und bis Sie sie nicht Alle gezählt haben, brauchen Sie sich auch nicht wegen uns zu beunruhigen.“

Die Armee des Prinzen Friedrich Karl war aber damals nicht dreihunderttausend, wie ich vorgab, sondern höchstens fünfzigtausend Mann stark, aber durch die geniale Art ihrer Verwendung, namentlich der Cavallerie als Avantgarde, hatte sie den Anschein der sechsfachen Anzahl, als sei sie ein Heer von Geistern, das Rast und Ruhe, überhaupt alle gewöhnlichen Bedürfnisse des Leibes nicht kenne, das durch die Lüfte angebraust käme, um im entscheidenden Augenblicke in den Gang der Dinge einzugreifen und den Lorbeer des Sieges zu erringen.

Mein Wirth war Greffier en retraite, das heißt, er hatte die Gerichtsschreiberstelle – derartige Aemter sind in Frankreich verkäuflich – ebenfalls erkauft und nach etwa fünfzehnjähriger Thätigkeit mit einem hübschen Profit wieder losgeschlagen, so daß er nun das Ziel französischen Strebens und Lebens erreicht hatte, im Besitze von hunderttausend Franken dreiprocentiger Rente war und nun einen Bruchtheil jener großen Classe in Frankreich bildete, die den größten Theil ihres Lebens in edlem Nichsthun verbringt, und natürlich vollkommen Muße hat, über alle Einrichtungen des Staates, der sie noch füttert, in allen Tonarten frischweg zu raisonniren. So auch mein Wirth; den Greffier hatte er abgegeben, aber die Schreiberseele war geblieben. Voll Neid und Bosheit begeiferte er Alles, was über ihm stand. Er sprach fast nur in Zischlauten, und wenn er durch das Zimmer ging, konnte er keine gerade Linie einhalten, sondern bewegte sich immer in Schlangenwindungen, dabei blitzten seine schwarzen, stechenden Augen und seine Lippen bewegten sich wie von leise gesprochenen Verwünschungen.

Ein würdiges Seitenstück zu dem Haupte der Familie bildeten die übrigen Glieder desselben, die Frau und der einzige Sohn von etwa dreizehn Jahren. Die Frau war klein, gelb und mager und ganz in spitzen Winkeln geschaffen; wenn sie sich bewegte, hatte man das Gefühl der Gefahr, von Stecknadeln gestochen zu werden; den Jungen hätte man als Azteken auf dem Jahrmarkte sehen lassen können. In dieser holden Gesellschaft saß ich nun bei Tische, und um das Maß der Unbehaglichkeit voll zu machen, mußte ich auch noch Kaninchen essen. Von allen französischen Quartieren ist mir keine so unangenehme Erinnerung geblieben, wie von dem eben geschilderten in Sens, und in keinem hatte ich auch eine solche, ich will nicht sagen schreckliche, aber wenigstens keine so unruhige Nacht verlebt, wie die zweite meines dortigen Aufenthaltes.

Bei Tische hatte mir mein Quartiergeber erzählt, daß sein Bruder Geistlicher in einem Dorfe in der Nähe von Sens sei; ich hatte von diesem Dorfe schon früher gehört und wußte, daß es in der Nähe von Sens liege; ich weiß indeß nicht mehr zu sagen, ob ich in dem großen Reisebuche über Frankreich von Joanne, oder in einer andern Quelle darüber gelesen hatte.

„Ah,“ bemerkte ich, „das ist ja dasselbe Dorf, in welchem sich eine berühmte in Holz geschnitzte Kreuzabnahme von einem alten Colmarer Holzschnitzer befindet.

„Woher wissen Sie das?“ frug mich mein Wirth fast erschrocken.

„Woher?“ sagte ich, „aus Büchern.“

„Diese Prussiens kommen hinter Alles,“ sagte er, halb in Schrecken, halb in Verzweiflung zu seiner Frau, wenn auch leise, so doch laut genug, daß ich es, Dank meinem guten Gehör, deutlich vernehmen konnte.

In der ersten Nacht schlief ich ganz gut, in der zweiten aber, die dem weiteren Vormarsche des Hauptquartiers voranging, wurde ich Nachts plötzlich durch ein Geräusch aus dem Schlafe geweckt. Als ich erwachte, war es momentan still, so daß ich glaubte, lebhaft geträumt zu haben, und mich auf die andere Seite legte, um wieder einzuschlafen. Jetzt wiederholte sich das Geräusch und ich konnte ganz klar zwei männliche Stimmen vernehmen; sie kamen vom Hofe her, die Personen konnten nicht weit von meinen Fenstern sein. Ich sprang aus dem Bette, um zu lauschen. Vorher wollte ich nach den Schwefelhölzern greifen, um durch einen Strich und eine momentane Flamme nach der Uhr zu sehen, denn ein Licht wollte ich absichtlich nicht machen; es wäre auch nicht möglich gewesen, es waren keine Schwefelhölzer da. In der vorhergehenden Nacht hatte ich einmal Licht gemacht, da standen sie auf dem Nachttische, jetzt waren sie weg, vielleicht aus Absicht. Draußen schlug die Uhr von der Kathedrale jetzt ein Uhr. Ich ging an das Fenster, um es zu öffnen, und das Zwiegespräch da draußen zu belauschen. Leise öffnete ich es. Vor den Fenstern waren noch Jalousien, so dicht geschlossen, daß der Blick nicht hinaus nach dem Hofe dringen konnte, hören jedoch konnte ich ganz gut, auch die Stimme meines Wirthes ganz deutlich unterscheiden, die andere Stimme war mir fremd.

„Reich’ mir den Helm des Soldaten hinauf! So! und nun liegt noch der Säbel und der Rock unten; gieb mir auch das herauf. Denn wenn diese Preußen auf die Spur kommen, wäre Alles verloren!“

Was war das? Was sollte das bedeuten? Ohne Zweifel versteckten sie Armaturstücke und jedenfalls solche von unseren Soldaten. Warum aber? In welcher Absicht? Darüber sollte ich nun nicht länger im Zweifel bleiben, oder wenigstens glaubte [839] ich es damals in den ersten Momenten der Aufregung. Nach einigen Minuten des Schweigens konnte ich wieder die Stimme meines Wirthes vernehmen:

„So! nun reiche mir auch den Kopf herauf, dann den Rumpf. Es ist gut, daß wir die beiden Beine abgelöst haben, denn so können wir ihn besser verstecken.“

Welche Entdeckung! Entsetzlich! In diesem Augenblick gelang es mir, einen der Schieber der Jalousien loszumachen und einen Ausblick nach außen zu gewinnen. Ich sah meinen Wirth in seinen dicken Paletot gehüllt, mit der weißen Nachtmütze auf dem Kopfe, auf einer Leiter stehend, unmittelbar vor der Oeffnung des ausspringenden Erkers, die nach dem Bodenraum des Schuppens führte; in seiner Hand hielt er ein bleiches menschliches Todtenhaupt, das er in die Oeffnung des Erkers verbarg; unten an der Leiter stand eine zweite männliche Gestalt, deren Umrisse aber zu sehr im Dunkel der Nacht verschwanden, als daß ich sie genau hätte unterscheiden können; aber das sah ich ganz klar und bestimmt, wie diese Gestalt dem auf der Leiter Sitzenden jetzt ein nacktes Menschenbein hinaufreichte, dann ein zweites und zuletzt den Rumpf eines menschliche Körpers. Dann verschwand der Greffier oben in der Oeffnung, um diese Theile des menschlichen Körpers wahrscheinlich zu verstecken; nach zehn Minuten erschien er wieder und sagte, die Leiter herabsteigend, zu dem unten Harrenden:

„So! nun ist’s geschehen, nun sollen sie ihn hinter Heu und Stroh suchen.“

Darauf gingen sie Beide in das Haus zurück. Ich war in der größten Aufregung. Alles, was ich gehört, was ich gesehen hatte, ließ mich auf ein entsetzliches Verbrechen schließen, auf einen Meuchelmord, den man an einem unserer Soldaten begangen hatte, und dessen Spuren man in den einzelnen Körpertheilen, in den Monturstücken zu verbergen bemüht war. Ueber die Richtigkeit dieser meiner Auffassung glaubte ich keinen Augenblick mehr in Zweifel sein zu können. Was sollte ich in dieser Lage thun? Lärm machen und die Sache an betreffender Stelle gleich zur Anzeige bringen? Das wäre unter den gegebenen Verhältnissen eine Unklugheit gewesen. Ich befand mich in einem fremden Hause, das jedenfalls gut verschlossen war und aus dem ich ohne Hülfe meines Wirthes nicht hätte hinauskommen können. Wie leicht hätte dieser meine Absicht wittern können! Was dann geschehen wäre, wer hätte Solches nach den Vorgängen, deren Zeuge ich war, vorausbestimmen können? Der Greffier hatte noch einen Spießgesellen bei sich, von dessen Dasein im Hause ich noch keine Ahnung gehabt, und ich war allein und ohne Waffen. Das Gerathenste war also, alle weiteren Schritte auf den nächsten Morgen zu verschieben, aber daß ich in dieser Nacht der Erquickung durch den Schlaf wenig mehr theilhaftig wurde und daß die kurzen Perioden desselben von den tollsten Träumen durchtobt waren, das wird mir Jedermann gern glauben. Am Morgen stand mein Entschluß fest: ich wollte die Sache beim Obercommmando zur Anzeige bringen. Ehe ich aber diesen Schritt that, wollte ich mich noch einiger Einzelnheiten versichern, namentlich mich in der Localität ganz genau orientiren, vor Allem aber meinen Wirth selbst noch beobachten; dieses konnte aber nur beim Frühstück geschehen, wo ich mit ihm zusammentreffen mußte. Ein günstiger Umstand kam für mich hinzu, daß vor Beginn desselben neue Einquartierung, sechs Mann und dazu ein Unterofficier, im Hause eintrafen. Die Leute frühstückten in einem eignen Zimmer, Letzterer mit dem Herrn des Hauses. Dieser Succurs war mir sehr angenehm.

Ich betrat mit dem Unterofficier das Eßzimmer, natürlich ohne von den Entdeckungen, die ich in dieser Nacht gemacht hatte, vorläufig das Geringste zu erwähnen. Die Anwesenheit eines Landsmannes aber konnte mich dem Wirthe gegenüber nur sicherer und in meinen Nachforschungen rückhaltsloser machen. Im Eßzimmer war zu meiner Ueberraschung außer meinem Quartiergeber noch ein zweiter Herr anwesend, ein Geistlicher, den mir der Greffier als seinen Bruder vorstellte. In ihm erkannte ich den Helfershelfer. Also auch das geistliche Gewand hatte sich mit Blut befleckt und vor mir hatte ich keinen Diener Christi mehr, sondern einen Wahnsinnigen, dem der Fanatismus die Mordwaffe in die Hand gedrückt hatte! Das waren meine Gedanken, als mir das neue Mitglied dieses würdigen Hauses vorgestellt wurde. Es war ein furchtbar peinliches Gefühl für mich, mit Leuten an einem Tische sitzen zu müssen, deren Hand in meiner Phantasie noch vom Blute rauchte, und wenn mein Wirth mit gieriger Hand einen Kaninchenschenkel aus der Platte nahm – Kaninchen gab es immer und die Schenkel schien er sich mit Vorliebe auszusuchen –, so hatte ich immer das Bild vor mir, wie er oben in der weißen Nachtmütze auf der Leiter stand und das Todtenhaupt in der Hand hielt. Diesen Eindruck konnte ich nicht loswerden, dadurch wurde ich wortkarg, und je weniger ich sprach, desto mehr suchte der Greffier die Unterhaltung zu beleben. Er brachte alle möglichen Themata auf’s Tapet und zuletzt kam er auf die nächste und natürlichste Frage, wie ich geschlafen habe?

„O, nicht sehr gut!“ war meine Antwort. „Ich wurde im Schlafe durch Stimmen gestört.“ Bei diesen Worten konnte ich bemerken, wie das blasse Gesicht des Greffiers noch blässer wurde und er mit seinem Bruder einen bedeutungsvollen Blick wechselte. „Ich glaube sogar ganz sicher, Ihre Stimme erkannt zu haben,“ fuhr ich fort.

„Die meine?“ versetzte stotternd mein Wirth und der Bissen, den er sich genommen hatte, blieb ihm im Halse stecken, so daß er laut zu husten anfing, feuerroth wurde und ein paar Minuten hingingen, bis er wieder sprechen konnte. „Verdammt, es ist mir ein Stück Fleisch in den Kehlkopf gekommen. Das Fleisch ist heute so hart; finden Sie es nicht auch? Essen Sie überhaupt die Kaninchen gern?“

Diese malitiöse Frage versetzte mich in eine gelinde Wuth und ich beschloß, ihn dafür zu strafen.

„Ja, Ihre Stimme glaubte ich ganz deutlich erkannt zu haben,“ wiederholte ich, ohne auf die von ihm beabsichtigte Ablenkung vom Gespräche einzugehen. „Ich konnte sogar noch eine zweite unterscheiden, jedenfalls“ – wandte ich mich an den Geistlichen – „wird es die Ihrige gewesen sein, denn nur Sie Beide befanden sich während dieser Nacht in dem Hofe.“

„Sie haben gesehen?“ versetzte mit dem Ausdrucke des Entsetzens der Geistliche.

„Aber die Jalousien waren doch ganz fest verschlossen!“ sagte fast zu gleicher Zeit mein Wirth und dabei konnte ich ihm ansehen, wie sehr er im nächsten Augenblick diese Worte, die ihn verriethen, bereute.

„Ich bin überzeugt,“ fuhr ich fort, „daß Sie alle Ursache hatten, bei dem Werke, was Sie in dieser Nacht vorhatten, keine Zeugen zu haben, und die Persiennes recht fest verschlossen zu halten – aber ich habe das kleine Brett doch losgekriegt.“

Vielleicht wäre ich in meinen Enthüllungen nicht so weit gegangen, ohne die bereits erwähnte Anreizung, ohne den deutschen Vaterlandsvertheidiger, der an meiner Seite saß, sich das Frühstück ganz gut schmecken ließ und jetzt nur über die plötzliche Veränderung in den Mienen der zwei Franzosen etwas befremdet ward. Von dem Inhalte unserer Conversation verstand er nichts, da wir französisch sprachen und er mir vorher erklärt hatte, daß er nur einige Worte Französisch wisse.

„O mein Herr, um des Himmels willen, sagen Sie nichts, verrathen Sie nichts, sonst ist Alles verloren,“ stammelte der Geistliche.

„Wie, mein Herr?“ rief ich entrüstet aus, „Sie können auch noch glauben, daß ich eine so verruchte That mit Schweigen übergehe, daß ich dadurch zu Ihrem Verbrechen auch noch ein zweites begehen würde?“

„Verbrechen?“ wiederholte der Greffier mit langgezogenem Tone und verblüfften Mienen. „Das gerade nicht – die Sache ist in der besten Absicht geschehen.“

Das war denn doch zu viel! Einen Menschen zu tödten, zu zerstückeln, darin wollten diese Menschen noch eine gute Absicht erblicken. Freilich bei der Verwirrung alles gesunden Gefühls, die damals im französischen Volke herrschte, konnte das nicht Wunder nehmen. Ich fand in diesem Augenblicke keine Worte, um meine Entrüstung laut werden zu lassen und es war auch sehr gut, denn dadurch wurde ich abgehalten, mir den Franzosen gegenüber eine Blöße zu geben.

„Wirklich in der besten Absicht, wie mein Bruder sagt,“ nahm der Geistliche das Wort. „Die Sache hängt so zusammen. Mein Bruder benachrichtete mich gestern Morgens, daß unser berühmtes Kunstwerk, das Ziel der Andacht von Tausenden aus der Umgegend, in Gefahr sei.“

„Ja, mein Herr,“ fügte der Greffier bei, indem er sich an [840] mich wandte, „das habe ich mir erlaubt meinem Bruder durch einen Extraboten bekannt werden zu lassen. Sie erwähnten – verzeihen Sie, daß ich das Ihnen so sage – der Kreuzabnahme, dieses berühmten Kunstwerks, in so eigenthümlicher und angelegentlicher Weise, daß ich daraus schloß, die Preußen hätten es auf das Werk abgesehen, und wollten es nach Berlin bringen, weil es wirklich etwas Außerordentliches ist, und Ihre Landsleute so etwas wohl zu würdigen wissen.“

„Schnell war ich entschlossen,“ nahm der Geistliche das Wort auf, „dem Rathe meines Bruders zu folgen und es in Sicherheit zu bringen. Der beste Ort war in Mitte der Preußen, hier in Sens. Ich ließ erst die heilige Mutter, die unten am Kreuze stand, dann die römischen Kriegsknechte mit Helm, Schwert und Waffenröcken und zuletzt den Körper des Heilands selbst auseinandernehmen, was ganz gut ging, die einzelnen Stücke dann in Säcke packen, auf einen Wagen laden, mit Heu und Stroh überdecken und so gestern hierherfahren. Bei Einbruch der Nacht kamen wir hier an und die Nacht selbst benutzten wir, um diese höchste Zierde unseres Dorfes auf dem Boden des Schuppenanbaues zu verbergen. Wenn ich Ihnen, mein Herr, noch hinzufüge, daß dieses Bildwerk das Wahrzeichen, das Heiligthum unseres Ortes ist und einen großen Theil des Jahres über die Erwerbsquelle meiner armen Campagnards bildet, so werden Sie wohl begreifen, warum ich es vor den Ihrigen zu retten suchte, und diese meine That nicht mehr als eine ruchlose That, als ein Verbrechen bezeichnen.“

„Allerdings nicht,“ war meine Antwort, „und ich muß gestehen, daß ich einen zu harten Ausdruck gebraucht habe, das kommt aber davon her, daß ich das Französische nicht gut spreche.“

„O doch – doch, mein Herr,“ versetzte der Geistliche artig, „aber vielleicht haben Sie in der fremden Sprache nicht gleich das richtige Wort gefunden.“

„Das ist’s, mein Herr Pfarrer – ich habe nicht gleich das richtige Wort gefunden.“

„Sie können sich an dem betreffenden Ort,“ bemerkte der Geistliche, „jeden Augenblick von der Wahrheit meiner Angaben überzeugen. Steigen Sie die Leiter hinauf und Sie werden Alles so finden, wie ich gesagt habe.“

„O! das ist durchaus nicht nöthig,“ versetzte ich, „ich glaube Ihnen vollkommen. Ich habe mich in der Nacht ja selbst überzeugt, indem ich sah, wie Sie Ihrem Bruder die einzelnen Holzglieder des heiligen Leibes hinaufreichten.“

„Und Sie werden nichts sagen, Sie werden keine Anzeige machen?“ frug in ängstlicher Bekümmerniß der Bruder des Greffiers.

„Fällt mir nicht ein, mein Herr. Lassen Sie das Werk des alten Elsässer Künstlers so lange in seiner Verborgenheit, als Sie es zu seiner Sicherheit nöthig glauben, und holen Sie es dann wieder heim auf Ihr Dorf, zur Erbauung und Andacht Ihrer Gläubigen, und möge durch die Gefahr, der Ihr Heiligthum ausgesetzt war, der Glaube an dessen Wunderthätigkeit sich erhöhen und den Wohlstand Ihrer Gemeinde vermehren.“

So glaube ich, mich mit guter Manier aus einer Affaire gezogen zu haben, in der mich meine Phantasie zu weit geführt hatte. Mein Wirth in Sens hat wahrscheinlich heute noch keine Ahnung, welchen Grad der Bluterhitzung der unschuldige Vorfall in mir bewirkt hatte. Ich sagte ihm natürlich auch nichts davon; aber froh war ich, als der Befehl zum Abmarsch kam und ich das Haus des unheimlichen Greffiers hinter mir hatte.

Georg Horn.