Etwas gegen die Langeweile in der Sommerfrische

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Titel: Etwas gegen die Langeweile in der Sommerfrische
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 32, S. 547–548
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[547] Etwas gegen die Langeweile in der Sommerfrische. Meine Schwiegermutter stammt aus dem Krähwinkel X Y Z in der norddeutschen Tiefebene. Darum hatten wir im vorigen Sommer beschlossen, dorthin als Sommerfrischler zu gehen. Der Wald sollte sehr nahe sein – aber man mußte in Wirklichkeit eine halbe Stunde laufen, bis man seine grünen Hallen erreichte, sonst war in der nächsten Umgebung nur Acker, Wiese und ein kleines Flüßchen, in dem es vor Jahrzehnten Krebse gegeben haben soll. Ich war nicht „hereingefallen“, wie man meinen möchte, denn ich war in jene Sommerfrische ohne Ansprüche gegangen, und den Regen des Sommers 1888 mußte ich in Kauf nehmen ebenso gut wie die Badegäste an der See und die Touristen in den Bergen.

Hereingefallen war aber nach seiner eigenen Meinung ein Postbeamter, der in seiner Heimath den vierzehntägigen Urlaub verbringen wollte und über die langweiligen Spaziergänge sich beschwerte. „Die Natur bietet hier nichts!“ klagte er. Führt den Blinden in die Berge, dachte ich mir, und er wird auch dort nichts sehen! Der Postbeamte war naturblind und verdanke dies ohne Zweifel seiner gediegenen Gymnasialbildung. Es gelang mir, ihm die Augen zu öffnen.

Am achten Tage seines Aufenthaltes in dem Krähwinkel, als wir gerade ein paar trockene sonnenhelle Tage hatten, führte ich ihn auf die „Wiese“, um ihm ein Naturschauspiel zu zeigen. Dieses Schauspiel hatte ich am vorhergehenden Tage nach der Anleitung eines Altmeisters der Naturforschung beobachtet, und was wir beide nunmehr auf der „langweiligen Wiese“ gesehen haben, das will ich mit den eigenen Worten des Meisters wiedergeben:

„Ein trockener Graben bietet uns zu unserer Beobachtung gute Gelegenheit. Wie Wegelagerer ducken wir uns hinein, und über seinen Wall lugen wir über die Wiesenfläche hin. Kein Lüftchen bewegt die zahllosen Grashalme, über die wir von hier aus wie über ein wallendes Kornfeld hinwegschauen. So brauchen wir’s. Nun aufgeschaut! Richtet das Auge! O, daß die blüthenbeladenen Grasrispen gerade vor jenem gegenüberliegenden Waldesdunkel hell hervortreten! Wäre es nicht eine rohe Beleidigung des stillen lebenzaubernden Vorgangs, so würde ich, was wir erblicken, mit einem Tirailleurfeuer vergleichen. Bald hier, bald dort fahren aus dem Gewimmel der Grasblüthen kleine Rauchwölkchen auf, die ebenso schnell verweht sind, wie sie erscheinen, um immer wieder neuen Platz zu machen, die bald näher, bald ferner, bald rechts, bald links aufsprühen. Was wir sehen, sind wirklich kleine Entladungen, und vergleicht man die Größe der geworfenen Geschosse und die von ihnen durchflogene Strecke mit denen einer Kanone, so ist vielleicht hier wie dort das Kraftverhältniß das gleiche. Die Kanonen sind die Staubbeutel der Gräser, welche ihren Blütenstaub verschießen. – – – Jetzt haben eben Tausende der vor uns an ihren haarfeinen Fädchen aufgehängten reifen Staubbeutel in dem warmen Sonnenschein den letzten Rest der Feuchtigkeit vollends verdunstet, welche in ihren Zelten eingeschlossen war. Erst wenn das geschehen ist, springt die bis dahin ringsum verschlossene Haut der Staubbeutel mit einer gewissen Gewalt auf, welche den Blüthenstaub weit umherschleudert.“

„Das ist wirklich merkwürdig!“ rief mein Postbeamter und konnte sich an der langweiligen Wiese nunmehr nicht satt sehen. Ich aber trat ihm meinen lieben Begleiter auf Wanderungen durch Feld und Flur, „Die vier Jahreszeiten“ von E. A. Roßmäßler, ab.

Seit jenem Tage war die „Natur von Krähwinkel“ für meinen neuen Bekannten voller Wunder und Reize; einmal führte er mich an eine mächtige Fichte im Walde, die auf drei starken Wurzeln wie auf wunderlichen Beinen stand, und sagte erfreut: „Hier habe ich endlich einen Baum gefunden, der in einen Urwald gehörte! Jetzt weiß ich, daß das Samenkorn der Fichte einst auf einen gestürzten Baumriesen fiel, um diesen die Wurzeln trieb, bis sie getrennt das Erdreich erreichten. Die Zeit zerstörte den Baumstamm und nun steht die Fichte, die einst in der ersten Handvoll Moder seines zerfallenden Körpers keimte, als stattlicher Baum mit hohen breiten Füßen auf der leeren Stelle seines Grabes, für den des Baumlebens Kundigen sein Gedächtniß erhaltend. Ist das nicht eine Scene aus dem Urwaldleben?“ schloß mein Postbeamter, frei nach Roßmäßler dozierend.

Mein vorjähriges Erlebniß ist mir aber durch einen anderen erfreulichen Umstand ins Gedächtniß zurückgerufen worden. Unter den Büchern, die mir zur Besprechung eingesandt wurden, fand ich auch „Die vier Jahreszeiten [548] (Stuttgart, Otto Weisert) in einer neuen, der 6. Auflage, die mit großer Sorgfalt von Dr. O. Dammer durchgesehen worden ist. Ich las wieder einmal darin; Winter war es damals und ob auch noch der Schnee draußen lag, es wehte mir aus den Zeilen wie Lenzeshauch und Waldesduft entgegen.

In unserer nervenaufreibenden Zeit suchen wir immer nach Zerstreuung, Erholung, Unterhaltung, geben haufenweise Geld aus, um sie zu erlangen, und kehren oft von dem genossenen Vergnügen noch mehr abgespannt in die vier Wände unserer Arbeitsstube zurück. Alles paßt nicht für jeden … das ist wahr, aber ich glaube, Tausende würden an solchen Spaziergängen, die mit der Beobachtung der Natur vereint sind, Freude finden, wenn sie überhaupt beobachten könnten und in dem grünen Wald mehr als nur eine Menge von Bäumen und Blättern sehen lernten. Diese mögen sich Roßmäßler anvertrauen und sie werden sehen, daß Erholung und Unterhaltung von der allgütigen Mutter Natur selbst in dem ödesten Krähwinkel kostenlos geboten werden. *