Evangelien-Postille (Wilhelm Löhe)/Passionskapitel 06

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6. Der Kampf im Garten.
Matth. 26, 30–46.
 DEr Schluß der Passamahlzeit war mit dem Lobgesang gemacht, alle jene herrlichen Reden, die St. Johannes vom 13–17. Capitel aufbewahrt hat, waren gesprochen. Stunden der größten Erhebung hatte der HErr mit den Seinigen verlebt: nun aber wurde es anders. Er gieng mit ihnen, während Jerusalem von der Festfreude ruhte und nur die Bosheit noch thätig war, hinaus an den Oelberg, wohin zu gehen Er − nach St. Lucä Bericht − gewohnt war. Und als Er nun so hingieng durchs Thal über| den Kidron hinüber, da wurde es Ihm anders zu Muth. Er wußte, wohin Er gieng, nemlich zum Orte Seiner Gefangennehmung, wo das Lamm gefangen werden wird, das von Anbeginn ausersehen ist zum Opfer für die Welt. Er wußte, was nun zur Vollendung Seiner großen Aufgabe geschehen mußte. Schon lange vorher (Luc. 12, 50.), war Ihm vor dem nun kommenden letzten Lebensabschnitt bange gewesen. „Ich muß Mich, sagt Er, taufen laßen mit einer Taufe; und wie ist Mir so bange, bis sie vollendet werde.“ Auch am Leidensdienstag, da Er aus dem Tempel nach Bethanien hinausgieng, also unmittelbar nach den majestätischesten Abschiedsreden, hatte Er gesagt: „Jetzt ist Meine Seele betrübt. Und was soll Ich sagen? Vater, hilf Mir aus dieser Stunde. Doch darum bin Ich in diese Stunde gekommen.“ (Joh. 12, 27.) Als Er das sagte, war Ihm die Stunde noch ferner, als jetzt, in der Nacht, da Er verrathen ward; nur Sein sicherer Vorausblick ist es, wodurch Er hineinversetzt wird, als wäre sie schon da. Bei Seinem ganzen Gang von Galiläa nach Judäa, von Schritt zu Schritt, von Augenblick zu Augenblick, unter allen Seinen Reden und Seinen Thaten hatte Er die kommende Stunde Seines Kampfes im Gedächtnis − und das Bangen Seines Todes war bei Ihm. Was Wunder, daß nun, beim Gang nach Gethsemane, unmittelbar vor dem Beginn Seiner großen Arbeit Bangigkeit über Ihn kommt, wie ein gewappneter Mann? „In dieser Nacht, ruft Er, werdet ihr euch alle ärgern an Mir; denn es steht geschrieben: Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe der Heerde werden sich zerstreuen.“ Also wird Er von ihnen verlaßen und ganz vereinsamt werden; alle Jünger, auch Petrus wird Ihn verlaßen und Petrus wird Ihn drei Mal verleugnen. Es wird sein, als hätte Er drei Jahre umsonst gepredigt, als wäre keine Seele zu Ihm gesammelt worden. Schon das bewegt Ihn; Er ist noch niemals der Liebe, des menschlichen Umgangs, der brüderlichen Treue bedürftiger gewesen als jetzt: und jetzt wird Ihm alles, was Liebeserfahrung heißt, abgeschnitten − ganz alleine muß Er in Seinen Kampf hineingehen. Er weiß es und will es nicht anders, aber es ist doch eine traurige Sache, wenn es nun kommt. − Er kommt nach Gethsemane. Oelpresse, Gethsemane heißt der Hof und Garten. Dahinein geht Er − nun ist Er am Ort. Er läßt am Eingang die Jünger und nimmt nur die drei Vertrautesten mit Sich; Er reißt Sich auch von denen los − die Macht der Stunde und der nächsten Zukunft dringt auf Ihn ein. Er hat nicht gesündigt, in Ihm ist keine Schuld, kein Todeskeim, Seine Natur, diese heilige und reine, ist in keiner innern Nothwendigkeit zu sterben. Und doch soll Er sterben − Er, der zweite Adam, deßen Leben nach ewigen Gesetzen unter allen Menschen allein vom Tode ausgenommen und befreit war. Dringt doch schon auf uns, die wir von dem Falle her dem Tode geweiht und an den Tod gewissermaßen gewöhnt sind, der Tod mit Schrecken ein; wie viel mehr auf Den, der mit ihm keine Verwandtschaft hatte! Wir können von unserm Standpunkte aus kaum eine Ahnung haben, was für ein schrecklicher Gedanke für den Heiligen und Reinen der Tod war. Ueberdieß ist ja Sein Tod kein gewöhnlicher Tod. Es kommen nicht bloß Menschen, um Ihn zu fahen, zu verdammen und, so viel sie es können, zu tödten; Gott, Sein Vater, übergibt Ihn in der Menschen Hände, − Gott läßt nun den Bürgen des menschlichen Geschlechts alleine, − Satan bereitet sich, den heiligen Weibessamen in die Ferse zu stechen. Es gilt, als Vertreter der verdammten Menschen eines Todes zu sterben, durch welchen alle Forderungen des göttlichen Gesetzes an diese Menschen befriedigt werden und sie selbst frei und ledig ausgehen sollen in Ewigkeit. Wir stehen, meine Freunde, vor einem Tode, von dem wir gerade so viel wißen, als nöthig ist, zurückzuschaudern und stumm anbetend in den Staub zu fallen. Was wißen wir aber von ihm? − Der Gedanke dieses Todes dringt nun in Gethsemane auf den HErrn ein. Es hat Ihn niemand zittern sehen; Wind, Meer und Teufel, Krankheit, Tod und Verwesung, Menschen und Engel − alles beherrschte Er bisher, Er beherrscht noch alles, − so wie Er nicht von Sich redet, von und zu andern spricht, führt Er dieselbe Sprache, wie im Tempel, wie beim Abendmahle, Er hat noch Seine Majestät nicht ausgezogen und zieht sie nicht aus. Und doch ist Er bis zum Tode betrübt, betäubt, rathlos, − Schrecken kommen über Ihn, die Bäche Belials rauschen heran, es gilt nun von Gott statt der Menschen verdammt und Gottes Lamm zu werden: ha, wie wallt Seine Seele, wie schlägt Sein Herz, − wie flieht Sein Blut vor dem Gedanken, den Opfertod zu sterben, weg vom Herzen, wie dringt es vor unnennbarer| Angst aus dem Leibe, wie fällt es in dicken Tropfen zur Erde! Es ist, wie wenn Er die Last unsrer Sünden hübe, auf Seinen Rücken nähme, wie wenn Er im Gerichte stände und Ihm der Fluch aufgelegt würde. Ich weiß keine Worte, aber Simsons Arbeit − und Stärke, hie werden sie verspottet. Gottes und Marien Sohn liegt, einen Todeskampf kämpfend, bei gesundestem Leibe blutigen Todesschweiß schwitzend im Staube, Er fleht und bebt vor Seiner Aufgabe, sucht Trost bei Gott und Menschen und findet keinen, bis doch ein Engel erbarmungsvoll den Erbarmer aller Seiner Creaturen unbegreiflich stärkt. Ach, wenn nun die heiligen Apostel gewacht, wenn sie sich doch vor Ihm niedergelegt, wenn sie Ihm doch jetzt aus tief erbebten Seelen Hosianna gesungen, wenn sie Ihn doch im Staub gebeten hätten, doch, doch, doch die unermeßliche Last auf Sich zu nehmen und zu sterben. Vielleicht hätte es Ihm wohlgefallen, vielleicht wäre das auch ein Tropfen Trostes gewesen! Aber nein, sie schlafen, es ist, wie wenn ein Schlaf von Gott über sie gefallen wäre; sie hätten alle Ursache gehabt, zu wachen und zu beten, es war ja eine Stunde der größten Anfechtung und des Aergernisses da; aber nein, nein, weder die Liebe zum HErrn, noch die eigene Noth vermag die Banden dieses Schlafes zu zerreißen, von denen sie gebunden sind. Der HErr soll von ihnen keinen Trost haben; für sie leidend, soll Er kein Wort der Liebe mehr von ihnen haben: allein, allein, ganz allein soll Er Sein Werk vollenden. − Meine theuern Brüder, es übersteigt alle unsre Sinnen und Gedanken, was unser HErr in Gethsemane gelitten hat, und wir können nur anbeten. Diese Angst, welche den gewaltigen Immanuel zum Zagen, Beben, Weinen, zum Todeskampf und Blutschweiß bringt: sie zeigt uns, wie groß die Sünde und ihr Fluch ist. Auch den einzigen von Gott erwählten Helfer grauet vor der Ihm aufgetragenen Arbeit. Aber der Verlauf dieses Kampfes läßt uns auch in JEsu Wesen Blicke thun, die uns zur Liebe, zur Verehrung, zur Anbetung entflammen können. Höret mich noch einen Augenblick. Dreimal betet der HErr in Seinem schweren Kampfe. Habt ihr auch bemerkt, daß Er die beiden letzten Male anders betet, als das erste Mal? Das erste Mal ruft Er: „Ists möglich, so gehe dieser Kelch von Mir; doch nicht Mein, sondern Dein Wille geschehe!“ Die andern Male aber betet Er: „Ist es nicht möglich, so geschehe Dein Wille.“ Die Kirche hat eine heilige, tiefgegründete Lehre. Sie behauptet, daß aus den beiden Naturen Christi auch ein gedoppelter Wille folge, ein göttlicher und ein menschlicher, daß aber in Christo JEsu die beiden nie in einen Widerstreit gekommen seien, sondern vielmehr der göttliche immerzu den menschlichen regiert, dieser sich vor dem göttlichen gebeugt habe. Hier habt ihr zu dieser heiligen Lehre den mächtigen Beweis. Der menschliche Wille schaudert vor der ungeheuren Aufgabe: dieser Schauder spricht sich in den Worten aus: „Ists möglich, so gehe dieser Kelch von Mir;“ dennoch, dennoch, auch in der höchsten Noth und Anfechtung neigt sich der menschliche Wille vor dem göttlichen des Vaters und des Sohnes: „nicht Mein, sondern Dein Wille geschehe.“ Und in dieser heiligen Ergebung schreitet die heilige Seele des Erlösers von dem ersten Gebete bis zum zweiten mächtig vorwärts: „Ists nicht möglich, heißt es, so geschehe Dein Wille.“ „Ists nicht möglich“ − also hat Er aufs erste Gebet eine Antwort: die Welt kann nicht erlöst, die Sünde kann nicht vergeben werden, wenn Er nicht unser Opfer wird; es ist nicht möglich − also „geschehe Dein Wille“, sagt Er, − und wiederholt es im dritten Gebete. Sieh hier den Gang des kämpfenden Erlösers: in allen dreien Gebeten neigt Er Sich vor dem göttlichen Willen, aber in dem zweiten tiefer, als im ersten, und im dritten beruhigter, als im zweiten. Als Er das dritte Gebet gesprochen, hatte Er die Last auf Sich genommen. Mächtig, ungebrochen und stark geht Er nun unter ihr her. Er hat Sich Selbst wieder gefunden nach großer Anfechtung: nun sieh Ihn dahingehen, leidend, alles fühlend, keinen Schmerz verleugnend, jede Last und jede Noth wägend und erwägend, ganz leidend, ja leidend; aber ganz ergeben, voller Lieb und Liebesmacht, als einen arbeitenden, bis zum Tode arbeitenden − aber auch siegenden Erlöser. So stark wird Er, nachdem Sein menschlicher Wille im göttlichen Willen auf große Anfechtung tiefe Ruhe gefunden. Noch ist die Angst nicht völlig vorüber; noch einmal werden wir die geistliche Noth auf Ihn einstürmen, die Wellen der Anfechtung sich um Ihn thürmen, auf Ihn stürzen sehen; aber Er ruht im göttlichen Willen und zieht aus demselben die Kraft an, alles zu erdulden − und so wird Er siegen. −
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|  Es ist nicht Zeit, meine Freunde, moralische Anwendungen zu machen. Seid stille! Er ist durch einen Kampf gegangen. Das Lämmlein hat nun unsre Last auf Sich genommen nach des Vaters Willen. Es wird Ihm nun gelingen − und dann ists gut, gut für uns und unsers Gleichen. Hie heißt es: „Hosianna, gelobt sei, der da kommt im Namen des HErrn! Selig macht Er uns in der Höhe!“




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