Für Die im Trink- und Speisehause

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Autor: Bock
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Titel: Für Die im Trink- und Speisehause
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 52, S. 814–816
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Benimmregeln
Strafpredigt gegen rücksichtslose Leute Nr. 1
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[814]
Strafpredigt gegen rücksichtslose Leute.
1. Für Die im Trink- und Speisehause.


Was Du nicht willst, daß man Dir thu,
Das füg’ auch keinem Andern zu.


Das ist die Quintessenz der Humanität, also der Haupttugend eines Menschen, und Jeder sollte beim Umgange mit seinen Mitmenschen fortwährend dieses Humanitätsgesetzes eingedenk sein. Leider leisten nun aber die meisten Menschen im Zufügen von dem, was Andere nicht wollen, ganz Enormes, während sie selbst nichts Unangenehmes zugefügt zu haben wünschen und für sich die zartesten Rücksichten beanspruchen. An Andern bemerken die meisten Menschen fortwährend Rücksichtslosigkeiten, sich selbst halten sie aber für äußerst rücksichtsvoll, zumal wenn sie mit ihren hohlen Redensarten keinen Verstoß gegen die Höflichkeit machen. Am ärgsten treibt es im rücksichtslosen Rücksichten-Fordern das weibliche Geschlecht, und zwar ganz besonders dem Manne gegenüber. Ja, sehr oft sind gerade diejenigen Frauen, die das wenigste Recht dazu hätten, am rücksichtslosesten, unduldsamsten und anspruchsvollsten, am liebsten aber gegen ihres Gleichen.

Nur in einem Falle scheint dieses Humanitätsgesetz eine Ausnahme zu gestatten, nämlich beim sogenannten „Jemandem die Wahrheit sagen“. Allein dies scheint auch nur so und zwar deshalb, weil es den allermeisten (natürlich vorzugsweise den eingebildeten und arroganten) Menschen sehr unangenehm und ärgerlich ist, die Wahrheit, würde sie auch in der zartesten Form gesagt, zu hören. Das sollte aber nicht so sein und eigentlich ist jeder gebildete Mensch geradezu verpflichtet, auch wenn’s ihn noch so unangenehm berührt, im Interesse des allgemeinen Besten, sowie zu seinem eigenen und Anderer Wohle, die Wahrheit ebenso unverblümt zu hören wie zu sagen. Es stände sicherlich um die Menschheit weit besser, wenn Diejenigen stets die Wahrheit zu hören bekämen, welche sie am wenigsten gern hören wollen.

Ganz etwas Anderes ist es, wenn man unaufgefordert Jemandem unangenehme Wahrheiten, ohne allen Zweck oder um ihn zu ärgern oder gar ihm wehe zu thun, zu hören giebt. Bei solchem rein persönlichen Wahrheitsagen, das wohl gar körperliche Gebrechen betrifft, da denke man freilich stets daran, wie uns selbst eine solche Wahrheit thun würde. Auch wundere man sich dann nicht, wenn man sich dadurch den Titel eines Grobians erwirbt. – Wie würde Dir’s z. B., kahlköpfiger Leser, thun, wenn man Deine Perrücke, die Du doch für echtes Haar gehalten zu haben wünschest, in Damengesellschaft zum Stoffe der Unterhaltung wählen wollte? – Oder sollte es etwa nicht Denen unangenehm sein, die noch gar nicht an’s Altern denken, wenn man sie fortwährend an ihre Jahre erinnert, oder sie auf ihre Runzeln, grauen Haare, dünnen Stellen auf dem Kopfe und dergleichen Altersveränderungen mehr aufmerksam macht? – Wie ungern hört man nicht: „Du siehst ja recht elend aus, bist Du unwohl? Fehlt Dir’s wo? Was ist Dir passirt?“ – So fühlt sich der Verfasser auch nicht gerade angenehm berührt, wenn er auf der Straße von Hinzen und Kunzen auf den (allerdings corpulenten) Bauch geklopft wird und hören muß: „Nein, werden Sie dick!“ oder wenn ihn die Müllers und Schulzes mit den Redensarten verfolgen: „Sie müssen nach Carlsbad“; „Wollen Sie denn nicht die Banting’sche [815] Entfettungscur vornehmen?“ – Solches ganz zwecklose und ungern gehörte Wahrheitsagen lasse man also sein.

Dagegen halte man das nicht für eine ausgesuchte Grobheit, wenn man Jemanden, natürlich nicht in verletzender Weise, auf Angewohnheiten und leicht zu beseitigende Uebel aufmerksam macht, die ihn bei seiner Umgebung widerwärtig machen können. Ich sagte es z. B. früher Jedem, wenn er aus dem Munde roch und deshalb ein Kuß von Ihm oder Ihr nicht gerade wünschenswerth sei, setzte dann aber auch hinzu, daß sich der üble Mundgeruch durch richtige Pflege der Zähne, besonders durch öfteres Putzen mit Zahnspiritus (auf eine Unze Spiritus eine Drachme Essigäther) beseitigen läßt. Trotz dieser Mundkußlichermachung hat mir mein Rath doch stets nur Undank eingebracht. – Macht man einen Bekannten über sein die Nerven der Tischgenossen in Aufruhr versetzendes Schlürfen, Schmatzen und Matschen beim Essen, oder über das gleich nach der Suppe schon beginnende und bis zum Kaffee fortgesetzte Zähneausstochern, oft mit ohrbeleidigenden Geräuschen, oder auch über sein fortwährendes Pfeifen, Singen und Beingezittere sanfte Vorwürfe, dann ist’s gewöhnlich aus mit der Bekanntschaft. – Nimmt man sich eines Kellners, der doch den Gästen das Essen und Trinken nicht anders bringen kann, als wie er’s aus dem Keller oder der Küche bekommt, aus Humanität an und vertheidigt denselben wegen ungerechter (eigentlich doch nur dem Wirthe zu machender) Vorwürfe, so hat man die unfreundliche Redensart zu gewärtigen: „Das geht Dich nichts an,“ obschon man wegen des fortwährenden Nörgelns entweder über einen zu kleinen Schnitt, oder über schales Bier, über zu wenig Fleisch am Gänseknoche oder zu viel Fett am Schweinscarré, über zu wenig Butter und zu viel Käse oder umgekehrt aus der Haut fahren könnte.–Sprudelt uns unser Vis-à-vis beim ungenirten Niesen oder Husten etwas in die Mockturtlesuppe und setzt man diese mit einigen ärgerlichen, auf Lebensart bezüglichen Redensarten bei Seite, so fühlt sich das sprudelnde Gegenüber auch noch gekränkt. – Rümpft man mit einem „Pfui“ die Nase (so wie es etwa die prüden Leser ob dieser Zeilen thun werden), wenn der Herr Tischnachbar die seinige in unappetitlicher und ostensibler Weise reinigt oder wohl gar vor unsern Augen ihren Inhalt als Massa pilularis verarbeitet, dann ist man ein roher Patron. – Wird man nicht – um auch ein anderes Gebiet zu berühren – für den gröbsten der Grobiane gehalten, wenn man das Gebahren von Männern, die sich in jeder Volksversammlung als sogenannte Liberale oder Demokraten (angeblich vom reinsten Wasser), oder gar als anilinrothe Republikaner aufspielen, in ihrem bürgerlichen Leben aber höchst illiberal und undemokratisch, ja sogar lumpig handeln, die in- und ausländische Fürsten andichten, ansingen, mit Lobhudeleien aller Art, schön eingebundenen Büchern und Dedicationen um einen Ring, eine Dose, einen Titel, einen Orden u. dgl. anbetteln, wenn man dieses Gebahren öffentlich für charakterlos und verächtlich erklärt?

Dies sind vorläufig einige wenige Thatsachen, welche zeigen sollen, wie unangenehm sich der macht, welcher das unangenehme und widerwärtige Benehmen seiner Mitmenschen rügt. Wer in seinen Handlungen rücksichtslos verfährt, sieht in der Regel den, der ihn auf diese Handlungen aufmerksam macht, für rücksichtslos an, während er selbst, naiver Weise, gar nicht fühlt, daß er Tadel verdient. Wollten die Menschen doch nur einmal eine Zeit lang recht genau auf ihr eigenes Thun und Treiben achten und mehr sich als Andere in die Scheere nehmen, dann würden sie sicherlich, vorausgesetzt, daß sie in Eitelkeit und Arroganz nicht geradezu verdummt sind, die Entdeckung machen, daß sie nicht zu den rücksichtsvollsten und humansten Personnagen gehören und daß Ihnen ein zur Seite stehender oder sitzender wahrheitsagender Grobian ganz dienlich wäre.

Beleuchten wir nun zunächst das Anderen nichts weniger als angenehme Gebahren der Menschheit im Trink- und Speisehause, und zwar ganz besonders im Winter. Welche Rücksichtslosigkeiten treten da nicht schon beim Kommen und Gehen der Gäste zu Tage! So werfen Manche die Thür mit einer so rohen Kraft zu, daß die Gläser auf den benachbarten Tischen tanzen und die umsitzenden Damen sich Gänsehaut anschrecken. – Andere reißen die Thür so heftig und weit auf, daß, wer zufällig dahinter steht, dem Zerquetschen ausgesetzt ist. – Noch Andere lassen die Thür hinter sich so weit aufstehen, daß alle in kalte Luft gesetzte Trinker ihrem Zorn im grimmen Aufschreie „Thür zu!“ Luft machen und Der mit den kältesten Beinen aufspringt, um ein Exempel, aber nicht an dem Missethäter, sondern an der armen Thüre in so zuschlagender Weise zu statuiren, daß der Thüransitzende eine halbe Elle vom Stuhl auffliegt. – Es giebt Leute, die beim Kommen und Gehen die Thür ganz zart behandeln, dieselbe aber stets nur anlehnen und so die in der Zuglinie Sitzenden, zumal die mit Glatze oder Rheuma Behafteten, in Verzweiflung bringen. – Auch die artigen Leute, von denen keiner zuerst zur längst geöffneten Thüre hinaus- oder herein will, sowie die Schwätzer, welche selbst inmitten der offenen Thüre noch lange Reden halten, gehören zu den rücksichtslosen Mitgästen. – Und die Moral? Man zeige Humanität auch beim Auf- und Zumachen der Thüren und nehme dabei Rücksicht auf seine Mitmenschen.

Werfen wir jetzt forschende Blicke auf die sich setzende oder sitzende, speisende oder trinkende, rauchende oder schnupfende Menschheit um uns herum und sehen wir, wie’s da zugeht. – Ein so eben erst in Besitz eines Stuhles Gelangter geberdet sich wie ein Verhungernder oder Verdurstender, weil der Marqueur nicht gleich mit einem Töpfchen Bier und der Speisekarte angeflogen kommt. Er trommelt entweder mit dem Stocke auf den rings mit Gästen besetzten Tisch oder schlägt mit dem Deckel auf ein leeres Bierglas so los, daß es dem ruhigen Bürger kalt über den Buckel läuft. Und wenn beim Fortgehen eines solch’ ungestümen, rücksichtslosen Burschen der Zahlkellner nicht sofort bei der Hand ist, dann wiederholt sich die Trommelei. Erwarten, bis der Kellner mit Andern, die auch fort wollen, abgerechnet hat, das können die Meisten nicht, sie meinen, nur für sie sei der Kellner da. –Bringt der Marqueur einem andern Neuangekommenen sofort ein Glas vom frischen Fasse, dann kann’s ihm passiren, daß er für seinen Diensteifer noch die schönsten Grobheiten vor allen Gästen bekommt, denn der gnädige Herr wollen vorher essen und erst nachher trinken, und das soll ihm der Kellner an der Nase ansehen. – Der Eine lamentirt, wenn nicht gleich nach Vertilgung seines Bierrestes ein frischgefülltes Seidel vor ihm steht, der Andere lamentirt, wenn ihm sein geleertes Töpfchen zu schnell gefüllt wiedergebracht wird, denn er argwöhnt dann schales, abgestandenes Bier; ein noch Anderer wehklagt fortwährend darüber, daß er den ganzen Abend immer nur das Letzte vom Fasse bekommt, während sich andere Biernörgler über Bitterkeit, Süßigkeit, Kälte, Wärme, Farbe, Glanz des Bieres nicht zufrieden geben können. Daß zwischen solchen Lamentos rechts und links Einem, der mit Gemüthsruhe seinen Schlaftrunk zu sich nehmen will, das an und für sich schon bittere Bier noch mehr verbittert wird, ist kein Wunder. Und die Moral? Auch die Biernörgelei muß ihre Grenzen haben.

Wenden wir uns nun zur Geißelung der Speisenden; denn auch diese haben Angewohnheiten, die gegen die Nächstenrücksicht oft arg verstoßen. So werden viele durch das nervösmachende Matschen, Schlürfen, quitschende Zähneausstochern u. s. f. den Ohren ihrer Umgebung recht unangenehm. – Andere versündigen sich gegen die Zunge ihrer Mitesser gar nicht selten dadurch, daß sie sich mit demselben Messer, das sie eben erst zum Bearbeiten von Käse, Hering oder Pökling benutzten, Brod oder Butter abschneiden, welche doch auch für die andern Gäste und mit eigenen Messern versehen da sind, daß sie vom Brode wohl gar nur die Rinde ringsum ablösen. Das abwechselnde Hin- und Herfahren mit dem Messer aus dem Munde in das Senfbüchschen oder Salznäpfchen dürfte ebenfalls nicht zur Nachahmung empfohlen werden. Auch ist es nichts weniger als erfreulich, wenn unser Tischnachbar die Citrone über seinem Caviar so ausdrückt (ohne die Hand darüber zu halten), daß ihr Saft rings umher spritzt und unsere oder unser Damen Kleider befleckt. – Wenn der Gourmand oben an der Tafel sich die meisten Bruststücken vom Fasan aneignet und fast alle Austern aus dem Sauerkraute herausfischt, so daß Denen am untern Tafelende nur noch Geknöcheltes mit nacktem Kraute verbleibt, so wundert man sich heutzutage über solch’ eingreifendes Verfahren gar nicht mehr, ebensowenig wie über andere ähnliche Annexionen in Compot und Dessert, denn das Verschen:

„Bescheidenheit, Bescheidenheit, verlaß mich nicht bei Tische
Und gieb, daß ich zu jeder Zeit das beste Stück erwische“,

ist ja zum Wahlspruche für die Table d’hôte geworden. – Daß ein Gesättigter das Geschirr mit seinen Speiseresten von sich hinweg und seinem Nächsten unter die Nase schiebt, das ist ein gar nicht seltenes Tischmanöver. Diesem folgt dann zuweilen die [816] reinigende Scheuerung des Speisefeldes mit dem nächstliegenden, selbst neuesten Zeitungsblatte, was auf diese Weise den Lesern höchst unappetitlich gemacht ist. Und die Moral? Beim Essen muß man nicht blos Rücksicht auf seinen Magen, sondern auch auf seine Mitmenschen nehmen.

Was die Zeitungsleser in Restaurationen betrifft, so dürfte unter ihnen wohl die raffinirteste Rücksichtslosigkeit angetroffen werden. Da giebt es z. B. die bekannten Zeitungstiger, welche dem Kellner, trotz alles Protestirens, jede eben angekommene Zeitung aus den Händen reißen und sich schleunigst darauf setzen, um im sichern Besitze derselben zu bleiben, während sie sich noch mit dem Lesern eines andern Blattes, ja wohl sogar mit Essen und Trinken beschäftigen. – Dort sitzt Einer, der die neuesten politischen Nachrichten neben sich auf dem Tische liegen hat, von Zeit zu Zeit abwechselnd einige Zeilen darin liest, dann wieder mit der langsamsten Behaglichkeit einige Bissen Kaltes verzehrt und darauf einen Schluck aus dem Glase thut, dann wohl auch zwischendurch ein Gespräch mit dem Nachbar anknüpft, worin er sich auch nicht stören läßt, wenn ihm zu wiederholten Malen und immer eindringlicher: „ich bitte mir nach Ihnen die Zeitung aus,“ zugeraunt wird. Ein solcher Kunde raisonnirt gewöhnlich am meisten, wenn er nicht schnell genug in den Besitz der gewünschten Zeitung gelangt. – Ist endlich ein solcher rücksichtsloser Patron mit Lesen, sogar der Verkaufs-, Entbindungs- und Vermählungsanzeigen, fertig, so fällt’s ihm gar nicht ein, die Bitte seines Nach-Ihm zu erfüllen, er wirft das Blatt auf den ersten besten Stuhl oder Tisch und überläßt dasselbe seinem Geschicke. – Manche sind von der Sucht befallen, nicht nur ihrer Nachbarschaft, ganz gegen ihren Willen und ihr Wohlbehagen, lange Artikel aus den Zeitungen vorzulesen, sondern auch noch ihre superklugen Bemerkungen dazu zu machen. Und wehe dem, der sich über dieses Gelangweile moquirt! – Ein gesuchtes Blatt entweder eines interessanten Artikels oder eines Bildes wegen mitgehen zu heißen (vulgo klemmen), oder zu diesem oder jenem Zwecke zu mißbrauchen, das halten Viele, weil sie es thun, durchaus nicht für unverschämt, bei Andern ist’s das. – Oft wird nach einer Zeitung in allen Winkeln herumgesucht und schließlich findet sie sich als Spielzeug in schönen oder unschönen Händen oder als Schutz vor Fettflecken unter den Aermeln eines Sonntagsrockes. – Für diesen Abend leiste man nur gleich Verzicht auf ein Zeitungsblatt, wenn man’s in den Händen eines bebrillten alten Herrn sieht, der es entweder mit halblauter Stimme oder mit entsprechendem Mundgewackele Zeile für Zeile durchbuchstabirt und sehr böse wird, wenn er sich etwas beeilen soll. – Und die Moral? Spute Dich beim Lesen der neuesten Zeitung und laß sie baldigst Deinem Nächsten zukommen.

Betrachten wir nun auch die Rücksichtslosigkeiten der Raucher und Schnupfer. Von den ersteren machen gewöhnlich diejenigen den unausstehlichsten Qualm, die das schlechteste Kraut rauchen. Sie versetzen ihre Umgebung in Wolken, in denen auch der gesündesten Lunge zu athmen sauer wird. Manche von ihnen können es sich auch nicht versagen, ihren Rauch nicht in die Luft, sondern ihren Nachbarn in’s Gesicht zu blasen. – Der gebildete Raucher, der die Spitze seiner Cigarre nie abbeißt, sondern abschneidet, thut dies gar nicht selten mit dem Messer des noch reinen Couverts an seiner Seite und legt ganz ungebildeter Weise dasselbe Messer ruhig zu weiterem Gebrauche beim Essen wieder hin. – Noch glimmende Cigarrenstummel, sogar noch brennende Zündhölzchen, cavaliérement unter die Gesellschaft zu werfen, den Damen damit die Kleider zu verbrennen, das genirt den noblen Raucher nicht. – Die Asche der Cigarre am oder wohl gar in das Pfeffer- oder Salznäpfchen abzustreichen, kommt nicht selten auch bei nichtkurzsichtigen Rauchern vor. – In Bezug auf die Schnupfer läßt sich vorzüglich darüber klagen, daß dieselben ihre Schnupftabaksnase nicht immer so präsentiren, wie es das Organ, welches auch als Ausläufer des Gehirns bezeichnet wird, verlangt. Auch geschieht der Act des Schnupfens und des Priseanbietens gar nicht selten in einer für die Nachbarn nicht eben angenehmen Weise. Immer sind aber die Unarten der Schnupfer eher als die der Raucher zu ertragen.

Schließlich soll nun noch Derer, aber nicht mit Liebe gedacht werden, die mit ausgehungerten gefräßigen Hunden und unartigen Kindern kneipen gehen. Sie bringen durch ihre ungezogenen Lieblinge oft dahin, daß man vor Aerger Essen und Trinken stehen läßt und macht, daß man fortkommt. – Das wäre denn solches, aber noch lange nicht alles Thun mancher unserer Mitmenschen im Bier- und Weinhause, was Andere nicht zugefügt zu haben wünschen und was auch die Thäter selbst nicht zugefügt haben wollen. Schlimmer wird es in dieser Hinsicht aber noch im Concert und Theater, auf dem Balle und im Salon, im Waggon und Hôtel getrieben, und darum folgen diesem ersten Artikel über Nächstenrücksicht noch einige andere.
Bock.