Friedrich Hecker in Leipzig

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Titel: Friedrich Hecker in Leipzig
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aus: Die Gartenlaube, Heft 32, S. 526
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[526] Friedrich Hecker in Leipzig. Roth angestrichen im Erinnerungsbuche des Hauses „Zur Gartenlaube“ werden die drei Julitage des Jahres 1873 bleiben, wo Friedrich Hecker in Leipzig gewesen und als ein willkommener und herzlich begrüßter Gast unter dem Dache dieses Hauses geweilt hat. Außer den Bewohnern hatte sich hier um den alten Freiheitskämpfer, seinem Wunsche gemäß, nur ein kleiner Kreis von Befreundeten zu engerem Beisammensein geschaart. Der Kreis bestand aus Männern, die jetzt den verschiedensten Parteirichtungen des deutschen Liberalismus angehören. Sämmtlich aber empfanden sie in der Nähe des Gastes die volle Macht des fesselnden Zaubers, den nur ein ganzer Mann, ein harmonisch in sich gefesteter Charakter auf seine Umgebung zu üben vermag. Hecker’s Bedeutung liegt wohl zum großen Theile in diesem besonderen Eindrucke seiner Persönlichkeit, in dem überreichen Gemüths- und Geistesglanze, der aus der anspruchslosen Schlichtheit seiner Manier und seines Wesens strahlt. Man weiß, wie fortreißend einst schon seine äußere Erscheinung auf große Massen gewirkt hat. Begegnet man ihm freilich jetzt auf der Straße, ohne ihn zu kennen, so wird man ihn mit seinem ergrauten Schnurr- und Knebelbart bei flüchtigem Vorübergehen für einen hübschen alten Landwirth halten, der ehemals Officier gewesen ist.

Ganz anders jedoch bei längerem Gegenüber in traulichem Gespräch. Hier erst zeigt sich in der schönen Mischung von edler Ruhe und freier Beweglichkeit, in dem warmen Blicke des Auges, in den kraftvollen und doch feinen und geistdurchschimmerten Zügen dieses classisch geformten, noch immer von zartem Roth überhauchten Antlitzes, daß man es mit einem weit über das gewöhnliche Mittelmaß hinausragenden Menschenbilde zu thun hat. Wo Hecker sich wohl fühlt, da kann er unaufhörlich sprechen, ohne daß die Andern müde werden, ihn anzuhören. Niemals lehrhaft, sondern in meistens drastisch biderber, von anmuthigstem Scherz belebter Wendung verbreitet sich seine Rede mit überraschender Beschlagenheit und erstaunlicher Schärfe und Gedächtnißkraft über die verschiedensten Gebiete menschlichen Wissens und Forschens, unübertrefflich, wo er Erlebtes und Erfahrenes schildert, blitzartig in die Tiefe der Materie hineinleuchtend, wo er demonstrirt und erklärt. Man glaubt es ihm, wenn er erzählt, daß er niemals im Leben seine gelehrten und classischen Studien unterbrochen, daß er sie selbst noch fortgesetzt hat, als er ermüdet auf den Baumstämmen gesessen, die er zur Gründung seines Heim mit eigenen Händen im Walde ausgerodet, ja als er bei den Sauheerden gerastet, die er zur Erhaltung seines Hauses Hunderte von Meilen weit selber auf die Weideplätze treiben mußte. Diese Stürme und Strapazen des amerikanischen Waldlebens, sowie des späteren Bürgerkrieges, in dem er als tapferer Officier sich Wunden geholt, sind nicht spurlos an der Gestalt des Mannes vorübergegangen, aber es ist erquickend, zu sehen, daß sie die frisch quellende Ursprünglichkeit seines innersten Kerns nicht trüben, die unverwüstlich auf das Hohe gerichtete Idealität seines Wesens nicht brechen konnten.

Ob Hecker auch als ein ganzer Deutscher zu uns zurückgekehrt ist? Diese Frage wurde in der letzten Zeit sehr häufig aufgeworfen, und es ist das sehr erklärlich. Eine Nation fühlt in dieser Hinsicht nicht anders als eine Familie. Sie wünscht, daß ein theures, lange von ihr getrennt lebendes Glied ihr auch in der Ferne jenes unbedingte Zusammenhangsgefühl und mitempfindende Verständniß bewahrt haben möge, aus dem der Familiengeist seine Nahrung schöpft. Wir glauben aber, daß dieser berechtigte Wunsch nur in den selteneren Fällen und nur unter ganz besonderen Umständen sich erfüllen wird. Hecker hat beim Hereinbruche schwerer vaterländischer Verhängnisse als ein Verstimmter uns verlassen müssen. Was wir in den fünfundzwanzig Jahren seiner Abwesenheit durchlebt und erlitten und was wir seitdem in heißem Arbeiten und in schwerem Ringen erstritten haben, davon hat er in weiter Ferne wohl mit herzlicher Theilnahme gehört und gelesen, aber er hat es in allen Einzelheiten nicht selber mit uns erduldet, nicht selber mit uns durchlebt und erstrebt. Darin liegt ein großer Unterschied, den bei ohnedies starker Lockerung der äußeren Bande selbst die aufmerksamste Notiznahme nicht auszugleichen vermag. In jeder Faser seines Wesens, ja fast in jeder Wendung seiner Rede ist Hecker ein Deutscher geblieben, unverwischt trägt er in seiner Erscheinung das Gepräge unseres nationalen Geistesadels, er kann und will die Milch nicht verleugnen, mit der er genährt ist, nicht Fremdheit gegen das Blut affectiren, das in seinen eigenen Adern fließt. Aber eine so ganze Natur, wie er, läßt sich von außen her nicht einflößen, was sie nicht in ihrem Innersten erfahren, woran sie nicht mit ihrem Herzblut sich betheiligt, was sie nicht selber ergriffen und durchschüttelt hat. In seinem politischen Familiengefühle ist der einstmalige deutsche Volksmann ein Amerikaner geworden, nicht blos weil er vom Hause aus begeisterter Republikaner ist, sondern auch, weil seinem eigensten Erfahren und Erleben ein so gewaltig Stück deutscher Geschichte fehlt, wie es gerade das letzte Vierteljahrhundert mit seinen nichtswürdigen Zertretungen und glorreichen Wiedererhebungen unseres Volksgeistes gewesen ist. Darum kann er doch nicht so ganz die Größe des Umschwungs ermessen, der sich bei uns vollzogen hat, und darum kann er auch wohl nicht mit der vollen Wärme des Herzens die Größe des Weges bewundern, auf dem bisher dieser Umschwung durch Thaten des Geistes wie des Schwertes errungen wurde. Es mag uns das immerhin schmerzen, aber wir werden die Letzten sein, Hecker einen Vorwurf daraus zu machen, daß er nicht so lebendig mit uns empfindet, was er nicht gemeinsam mit uns erlebt und erarbeitet hat.

Was Hecker’s beredte, aus so reinem, so überzeugungstreuem und thatkräftigem Herzen strömende Mahnungen in Bezug auf die noch vorhandenen Mängel unserer politischen und bürgerlichen Freiheit betrifft, so kommen sie gerade im rechten Augenblicke und werden in Deutschland nicht spurlos verhallen. Nicht in jedem speciellen Punkte braucht man die auf anderem Boden erwachsenen Anschauungen des alten Volkstribunen zu theilen. Fest aber steht bei Allen, die ihn hier gesehen, daß Jeder von diesem Menschen Erfrischung und anregendste Erhebung empfangen, Jeder ihn bewundern und lieben muß, der einmal ein paar Stunden in seiner Nähe gewesen ist.