Fritz Reuter als Schiedsrichter einer Wette

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Textdaten
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Autor: Richard Steche
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Titel: Fritz Reuter als Schiedsrichter einer Wette
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 3, S. 56
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[56] Fritz Reuter als Schiedsrichter einer Wette. Es war im Herbst des Jahres 1868. Wie gewöhnlich saßen wir Freunde am Abend beisammen; diesmal bildete die plattdeutsche Sprache, ihr Charakter und ihre mannigfachen Schattirungen unsere Unterhaltung; einer der Freunde aus dem Hannöver'schen meinte, eine Eigenthümlichkeit wäre dem Plattdeutsch aller Orten gemein; überall wo die plattdeutsche Sprache herrscht, spräche man das „St“ scharf aus und rein wie es geschrieben würde. Ich bestritt dies und betonte, wie ein mehrjähriger Aufenthalt im Mecklenburg-Strelitzischen mich belehrt habe, daß man speciell in diesem Theile der norddeutschen Tiefebene „Schtock“, „Schtein“, nicht „Stock“, „Stein“ sage, daß dort das „St“ stets mit dem Zischlaut verbunden sei. Kurz, es kam zu einer Wette, die zu entscheiden Fritz Reuter, auf meinen Vorschlag, gebeten wurde. Diesen liebenswürdigen Dichter hatte ich in Neu-Brandenburg im Gasthaus „Zur goldenen Kugel“ kennen gelernt, oder im „Goldnen Knopp tau Nigen-Bramborg“, wie Fritz Reuter in seinen Schriften sagt. Es waren herzlich gemüthliche und heitere Abende, welche ich dort mit dem Dichter verlebt, als er von seiner Reise nach Constantinopel zurückgekehrt war. Bis in späte Stunde hatten wir dort seinen lieben Worten gelauscht, als er uns den Anfang seiner „Urgeschichte von Meckelnborg“, damals noch Manuscript, vorgelesen.

Auf seiner damaligen sich zu einem Triumph gestaltenden Reise durch sein mecklenburgisches Vaterland traf ich das letzte Mal mit dem auf der Höhe seiner Erfolge stehenden Dichter zusammen; es war im Frühjahr 1865. Wenige Jahre vorher hatte Reuter in Berlin den Nestor der deutschen Sprachforschung, Jacob Grimm, besucht und schrieb hierüber: „Er hat viel und mancherlei mit mir über Plattdeutsch geredet und Alles so milde besprochen, so freundlich beurtheilt, daß mir das ganze Herz aufging. Ich wollte, Du sähest einmal in diese treuen Augen und fühltest Dich einmal durch dieses ermuthigende Lächeln gekräftigt.“ Ebenso bescheiden und liebenswürdig war die freundliche Antwort, welche mir Reuter bezüglich unserer Wette sendete. Sie liegt vor mir und lautet:

„Sie haben mir da eine Nuß auf die Zähne gepackt, die schwerlich Beelzebub selber wohl knackt. Um Ihnen jedoch nach Kräften gefällig zu sein, und wär's auch nur viel später, als Sie gewiß erwartet haben, will ich Ihnen das, was ich zur Beantwortung der aufgeworfenen Frage beitragen kann, nicht vorenthalten, es ist dies aber, wie Sie sehen werden, durchaus nicht erschöpfend und die fragliche Wette entscheidend. Wo ich in plattdeutschen Landen bekännt (sic!) bin, habe ich mich allerdings auch um die Aussprache bekümmert, also auch um die Aussprache des ‚St‘, und so viel ich weiß, wird in Mecklenburg-Schwerin, Holstein, Hamburg, Hannover und Vorpommern das ‚St‘ stets so gesprochen, wie es geschrieben wird. Von Westphalen weiß ich es nicht, indessen glaube ich es. In Mecklenburg-Strelitz jedoch, mehr nach der preußischen Grenze der Uckermark zu, beginnt der ‚Scht‘-Laut schon überhand zu nehmen und setzt sich dann weiter durch Hinterpommern und die Mark Brandenburg fort. Ueber die Richtigkeit dieser oder jener Aussprache ist indessen außerordentlich viel und nach meiner Ansicht viel Nutzloses geschrieben worden. Dem ersten Anscheine nach und nach meinem Gefühle müßte ‚St‘ das Richtige sein; große Autoritäten jedoch, z. B. die Gebrüder Grimm, haben sich für ‚Scht‘ aus mir nicht gegenwärtigen Gründen entschieden. Sie sehen, ich bin als Schiedsrichter in diesem Punkte durchaus nicht competent. Mit freundlichem Gruße etc. Ihr Fritz Reuter.“

Wir erkannten dankbar diesen liebenswürdigen Schiedsspruch an, und ein fröhliches Hoch bei fröhlichem Mahl auf den liebenswürdigen Dichter bildete den Schluß der Wette.

Dresden
Richard Steche.