Gefunden und Verloren

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: v. Gstz.
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Gefunden und Verloren
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 6, S. 85-88
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[85]
Gefunden und Verloren.
Von einem sächsischen Ausgewanderten.

Es war an einem heißen Junitage des Jahres 18.., als ich mit dem Dampfboote an Fort Snelling (im Staate Minnesota) vorüber den Minnesota-Fluß hinauffuhr. Ich konnte mir damals nicht erklären, was mich so sonderbar ergriff, als die hohen Wälle des Forts im Nebel hinter mir verschwanden. Viele Monate später, und leider zu spät, hatte ich erst den Grund davon erfahren. An einer der letzten Stationen des Flusses, einer sogenannten Stadt, die aus drei oder vier elenden Blockhäusern bestand, von denen das eine ein Hôtel und die anderen Kaufläden waren und die, wenn ich nicht irre, Liverpool oder gar London hieß, stieg ich an’s Land und setzte meine Reise in’s Innere zu Fuß fort. Der Tag war drückend heiß und Reisen ist kein Vergnügen in diesen entlegenen Gegenden, die die Civilisation kaum nur erst leise an der Oberfläche berührt hat. Ich legte mich nach einigen Stunden schon ermüdet in den Schatten eines gewaltigen Zuckerahorns auf den duftenden Blumenteppich, der in tausend reichen Farben rings um mich her in den Strahlen der heißen Junisonne glänzte. Ich dachte vergangener und zukünftiger Zeiten, dachte ein die ferne Heimath, an das trotz alledem und alledem schöne Deutschland, vor Allem dachte ich aber an meinen Bruder, die treue ehrliche Seele. Mit ihm zusammenzustoßen, war ich in diese Wildniß gekommen. Ich sollte ihn auf einer entlegenen Farm in einer der westlichsten Grafschaften des Territoriums antreffen und wir wollten dann vereinigt das schwere Leben amerikanischer Hinterwäldler beginnen, hierorts [86] die einzige Chance für den Unterbemittelten, sich durch Ausdauer und Fleiß eine bessere Zukunft zu gründen. Meine Gedanken gingen indeß bald in Träume über, Müdigkeit und Hitze thaten das Uebrige und endlich mußte ich, trotz des warnenden Summens der Musquitos, fest eingeschlafen sein, denn die Sonne stand bereits im Westen, Als ich plötzlich erwachte

„Hierher, zu Hülfe!“ hatte ich in englischer Sprache rufen hören und war eben noch bemüht, mit mir in’s Klare zu kommen, ob ich dies nicht etwa blos geträumt hätte, als ich denselben Ruf deutlich nochmals aus dem nahen Hochwald vor mir herüberschallen hörte. Im Nu war ich auf den Beinen und mit ein paar Sätzen hatte ich die kurze Prairiestrecke, die mich vom Waldsaume trennte, durchlaufen, als ich auch schon den Urheber des Hülferufes erblickte und zwar unter Umständen, die keinen Zweifel darüber ließen, daß der Lärm in der That kein blinder sei. Es war ein junger Mann von höchstens 34 Jahren, schlank und kräftig gebaut, der einen ziemlich ungleichen Kampf mit zwei Kerlen – Irländern, wie man auf den ersten Blick sehen könnte – zu bestehen hatte, Der Kampf war ungleich, nicht etwa wegen der feindlichen Ueberzahl, denn der junge Mann sah recht wohl danach aus, als ob er es mit beiden Lumpen aufnehmen könne, sondern ungleich vielmehr wegen der äußerst ungünstigen Nebenumstände, die ihn begleiteten. Mit der rechten Hand hatte er eine Revolver-Pistole festzuhalten, die der eine der Strolche ihm aus dem Gürtel gezogen hatte und die derselbe fortwährend bemüht war, ihm gänzlich zu entreißen; mit der freigebliebenen Hand mußte er den zweiten Vagabunden abwehren, der mit einem dicken Stocke auf ihn losschlug, und dabei hatte er auch noch so zu manövriren, daß er beide Kerle von seinem Reitpferde abhielt, das an einem Baume in der Nähe angebunden war und das ihm die Schlingel jedenfalls gestohlen haben würden, wenn es nur irgend möglich gewesen wäre. Mein Erscheinen machte der Sache ein schnelles Ende. Ich war, den Revolver in der Hand, bis auf etwa acht oder zehn Schritt zugesprungen, entschlossen, jedem der beiden Strolche einen Denkzettel zu geben, als sie Beide, sich zur Flucht wendend, vom Wege abwärts in den Hochwald hineinsprangen, dessen dicke Riesenstämme uns jede Chance benahmen, ihnen noch ein paar Kugeln mit nur einiger Aussicht auf Erfolg nachzusenden.

Der junge Mann drückte mir auf’s herzlichste die Hand und bedankte sich mit Wärme für den kleinen Dienst, den ihm mehr der Zufall als ich selbst geleistet hatte. Er sagte mir, er sei auf der Reise zur nächsten Land-Office, habe sich diesen Nachmittag ermüdet unter einen Baum gelegt, sei fest eingeschlafen und glücklicherweise eben noch rechtzeitig erwacht, als der eine der Kerle ihm schon die Pistole zur Hälfte aus dem Gürtel gezogen und der andere eben mit Losbinden seines Pferdes beschäftigt gewesen sei. Das Ende der Geschichte wußte ich und da auch mein Weg mich an der Land-Office vorbeiführte, so setzten wir unsere Wanderung gemeinschaftlich und zwar zu Fuße fort, indem mein Begleiter, wohl aus Artigkeit gegen mich, es verzog, sein Pferd am Zügel zu führen. Da es indeß schon Abend geworden war und die Nacht hier ziemlich schnell hereinbricht, so waren wir sehr erfreut, schon nach einem Marsche von einer kleinen halben Stunde ein leerstehendes Shanty anzutreffen, wie man sie in dieser Gegend so häufig vorfindet. Wir richteten uns, so gut es gehen wollte, für die Nacht darin ein, zündeten ein großes Feuer an, auf welches wir frische Zweige warfen, um uns durch den Rauch gegen die Musquitos zu schützen, und da mein Begleiter unterwegs ein paar wilde Tauben geschossen hatte, ich selbst aber noch eine wohlgefüllte Feldflasche besaß, so erfreuten wir uns eines recht wohlschmeckenden Mahles, nach dessen Beendigung wir unsere Pfeifen ansteckten und uns bald im unterhaltenden Gespräch befanden.

Mein Begleiter hatte viel von der Welt gesehen. Er war der Sohn eines ziemlich wohlhabenden Farmer in Ohio, hatte – sechzehn Jahre alt – das elterliche Haus verlassen, um in einem großen Handlungshause in Philadelphia das kaufmännische Geschäft zu erlernen. Dessen Einförmigkeit hatte ihm jedoch so wenig zugesagt, daß er sich schon nach Verlauf eines Jahres gegen den Willen seiner Eltern, nur mit unbedeutenden Mitteln und weniger mit einem bestimmten Plane, als vielmehr mit unbegrenzter Lust am Abenteuerlichen versehen, nach Peru aufgemacht hatte. Hier hatte ihm die Kenntniß der spanischen Sprache, seine kaufmännische Bildung und seine angenehme persönliche Erscheinung sehr bald eine Officiersstelle in den damaligen inneren Kriegen dieser Republik verschafft und er war wirklich für den Zeitraum von sechs Jahren – der ihm wie eine Ewigkeit erschien – stationär geblieben, als plötzlich die Kunde von der Auffindung fabelhaft reicher Goldminen im westlichen Californien ihn mit unwiderstehlicher Gewalt in das neue Eldorado gelockt hatte. Unter Abenteuern, Gefahren und Strapazen aller Art war es ihm hier wirklich geglückt, in einigen Jahren ein paar tausend Dollars zu erwerben, mit denen er dann nach den fernen Sandwichsinseln hinübergesegelt war und dort sich in Landspeculationen eingelassen hatte. Er hatte es hier abermals beinahe sieben Jahre ausgehalten, als ihm unerwartet eine günstige Gelegenheit wurde, seine Besitzungen an die englische Missionsgesellschaft verlaufen zu können. Durch dieses Geschäft hatte er, wie er meinte, eine ziemlich beträchtliche Summe realisirt, als mit einem Male lange geschlummerte Sehnsucht nach den Seinigen und zwar mit solchem Nachdrucke in ihm erwachte, daß er mit fieberhafter Ungeduld das Schiff erwartete, das ihn der Heimath zuführen sollte.

Achtzehn Jahre waren verflossen, seit er das elterliche Haus verlassen, und in diesem langen Zeitraume war ihm auch nicht eine Kunde von den Seinen zugekommen. Mehrere Briefe, die er in langen Zwischenräumen an sie geschrieben, waren ohne Antwort geblieben, und er wußte nicht, ob das treue Elternpaar, das mit solcher Liebe und Sorgfalt über seine Kindheit gewacht hatte und gegen das er wohl manche Sünde auf dem Herzen haben mochte, noch am Leben sei. Eine lange und gefahrvolle Seereise hatte ihn endlich in den gewünschten Hafen gebracht, mit steigender Ungeduld war er dann Tag und Nacht reisend, dem wohlbekannten Landstädtchen zugefahren, von wo aus ihn nur noch wenige Meilen von der Farm seiner Eltern, dem Schauplatze der glücklichen Tage seiner Kindheit, trennten. Aber ach, das wohlbekannte Landstädtchen war unterdessen zur unbekannten großen Stadt geworden; mit bangen und immer zunehmenden Besorgnissen war er auf neuen Wegen der alten Farm zugeschritten. Der Anblick eines Obstgartens von hochstämmigen Fruchtbäumen brachte Thränen in seine Augen, diesen wenigstens kannte er noch von früher her und sein Herz klopfte gewaltig, als er daran dachte, daß er hinter demselben endlich das väterliche Farmhaus erblicken müsse. Ja, hier stand es wirklich, dasselbe Haus! Er mußte einige Augenblicke anhalten, sich sammeln. Die vorübergehenden Feldarbeiter hatten ihm mit neugierigen Blicken nachgesehen; er suchte seine Aufregung so gut es gehen wollte, niederzukämpfen, er stieg über die Fenz und trat mit schwankenden Schritten in das wohlbekannte Haus.

Ein mächtiger Neufundländer stellte sich ihm drohend und die langen spitzen Zähne weisend entgegen und eine fremde Stimme fragte ihn, was er wolle. Er nannte seinen Namen und fragte nach den Seinigen; der Mann warf ihm, statt aller Antwort, die Thüre vor der Nase zu und noch lange hörte er das heisere Bellen des Hundes, das allmählich in ein leiseres Knurren überging und zuletzt mit einem langen Geheul endigte, verursacht vermuthlich durch ein paar Fußtritte seitens des neuen Besitzers der Farm.

Mein Begleiter schwieg hier und als ich ihn fragend aussah, glänzten ihm ein paar große Tropfen im Auge. hell bestrahlt von dem lodernden Feuer, das vor der Thüre unseres Shanty’s knisterte. – Wir saßen lange Zeit schweigend neben einander. Ich frug ihn endlich ob er erfahren, wodurch die Farm in andere Hände gekommen sei?

„Subhastirt,“ sagte er; „vor sechs Jahren.“

„Und Ihre Eltern?“

„Ich weiß es nicht,“ gab er mir zur Antwort. „Ich erfuhr nur, sie seien gleich nach der öffentlichen Versteigerung mit dem Wenigen, was ihnen geblieben, nach dem Westen gezogen. Seit drei Monaten suche ich sie vergeblich. Ich habe keine Mühe, keine Kosten gescheut, um sie aufzufinden; ich bin endlich ihrer Spur bis hierher nach Minnesota gefolgt; ich habe im ganzen Territorium in jeder Land-Office die Register nachschlagen lassen, die über den Ort ihrer Ansiedlung Auskunft geben könnten; es ist nur noch die einzige in Lessueur übrig, an die ich mich morgen wenden will. Wenn auch diese mir keinen Nachweis geben kann so habe ich jede Hoffnung, sie aufzufinden, veloren.“

Die helle Flamme vor der Thür beschien abermals eine Thräne, die langsam über die gebräunte Wange meines Begleiters rann. – Er hatte ein offenes, ehrliches Gesicht, das beim ersten Blick für ihn einnahm. Das Oberhemd von rother Wolle, das sich eng [87] an seinen Körper schmiegte, hob dessen kräftige und wohlgestaltete Formen anmuthig hervor und die nervigen Fäuste, denen man schwere Arbeit wohl ansah, paßten gut zu der kraftvollen und rüstigen Gestalt. – Ich nahm innigen Antheil an seinem Schmerze, sprach ihm Muth zu und sagte ihm, daß ich jedenfalls morgen in Lessueur den Erfolg seiner Nachforschungen abwarten wolle. Er drückte mir schweigend und sichtlich bewegt die Hand.

Wir brachen am andern Morgen schon sehr früh auf. Die Strecke nach Lessueur war ziemlich beträchtlich und es war zweifelhaft, ob wir unterwegs an bewohnten Farmen vorüberkommen würden. Auf meinem Plane fanden sich zwar Städte genug vor, meist mit stolzen und vielversprechenden Namen, wie Toulouse, Florenz, Genua u. s. w., in denen ein in hiesige Verhältnisse Uneingeweihter leicht erwartet haben würde, wenigstens einen Schluck Brandy und einen soliden Imbiß vorzufinden, indessen wußten wir Beide besseren Bescheid. Ich war erst am gestrigen Tage an einer Stadt vorübergelaufen, die San Francisco hieß und aus einem halbverfallenen Blockhause bestand, aus dem drei große Raubvögel krächzend und erschrocken herausflogen, als sie mich gewahrten. Das Land ist hier meist in den Händen von Speculanten, die – das Vorkaufsrecht für sich ausbeutend – große Strecken in Besitz genommen haben und günstige Gelegenheit, wie projectirte Eisenbahnen oder zuströmende Emigration abwarten, um es zu vortheilhaften Preisen losschlagen zu können. Der Weg, den wir zu verfolgen hatten, war auch nicht von der Beschaffenheit, ein schnelles Zuschreiten zu gestatten. Gewöhnlich mit den, an den Hochstämmen des Urwaldes mit ein paar Arthieben von der Vermessungs-Commission angezeigten Sectionslinien zusammenfallend, sind diese Wege nichts weiter, als aus dem Gröbsten durch den Wald gehauene Schneisen. Hier und da überwuchert sie das nachwachsende Unterholz, die Axteinschnitte an den Stämmen vernarben und es ist häufig, wenn man nicht mit einem Compaß versehen ist, geradezu unmöglich, sich zurecht zu finden, namentlich in den dichteren Stellen des Waldes, in die selten oder niemals ein Strahl der Sonne dringt. Wir wußten dies Alles, und deshalb schritten wir so wacker aus, als möglich; unsere Blicke von Zeit zu Zeit nach den Axtmaalen an den Bäumen – der Linie – richtend.

Das tiefe Schweigen des Waldes wurde nur hier und da durch einen Zug wilder Tauben unterbrochen, die prasselnd durch das dichte Laubwerk schwirrten. Mein Begleiter pfiff jedes Mal, gerade wenn der Zug über unsern Köpfen war; die ganze zahllose Taubenschaar flog wie auf ein Commando ein und setzte sich auf die sich unter ihrer Last biegenden und knarrenden Aeste; er schoß in der Regel eine einzelne Taube mit dem Revolver herunter, so das Signal zum plötzlichen Aufbruch für die übrigen gebend. Ich habe dasselbe Verfahren später noch häufig von Indianern gesehen und es selbst oftmals und nie ohne Erfolg angewendet.

„Haben Sie die Linie?“ fragte mein Reisegefährte, als er eben eine blutende Taube aufhob. Ich hatte, gerade so wie er, auf die Tauben, aber nicht auf die Linie geachtet. Wir gingen eine Strecke zurück und spähten vergebens nach angehauenen Stämmen; sie sahen alle glatt und kerngesund aus, keine Spur von einer Axtwunde. Wir mochten wohl eine Stunde vergeblich gesucht haben, als mein Begleiter plötzlich rief:

„Hier ist sie,“ und weiter ging es nach Westen zu, wie wir wenigstens wähnten.

„Gut, daß wir die paar Tauben haben,“ meinte mein Gefährte, „ich wüßte sonst nicht, wo wir etwas zu essen herbekommen sollten.“

Es sah in der That nicht aus, als ob wir unserem Bestimmungsorte sehr nahe waren; Lessueur liegt auf einer Prairie und wir befanden uns recht eigentlich im Hochwalde, von dem es schwer zu sehen war, wo und wann er ein Ende nehmen würde. Ein selbstbereitetes Jägermahl, das mein Gefährte redlich mir mir theilte und während dessen er sein Pferd für sich und uns nach Wasser suchen ließ, stärkte uns zum Weitermarsch, den wir noch immer mit leidlicher Zuversicht antraten. Erst als es dunkel wurde, der Wald noch immer kein Ende nahm und wir die fragliche Linie aller Augenblicke mit den Fingern, statt mit den Augen suchen mußten, fingen wir an, etwas besorgter zu werden. Es ist kein Spaß, im Urwalde unter ganzen Wolken von Musquito’s, die nur der Rauch spärlich vertreibt, das helle Feuer aber geradezu anlockt, bivouakiren zu müssen, und wir waren entschlossen, so lange als nur irgend möglich unsern Weg fortzusetzen, da der Wald doch endlich einmal aufhören müsse. Wirklich wurde er nach einiger Zeit lichter und noch ehe es völlig dunkel geworden war, sahen wir eine weite Wiesenfläche vor uns. Unser erster Blick, als wir das Freie betraten, war dem Himmel zugerichtet; er war bedeckt, vergebens suchten wir nach Mond und Sternen, wir mußten ohne Wegweiser die eingeschlagene Richtung beizubehalten suchen. Die Wanderung fing an, etwas beschwerlich zu werden. Schon kurz nachdem wir die Prairie erreicht hatten, waren wir bis über die Fußknöchel im Wasser gewatet, ohne jedoch darauf sonderlich zu achten, da die Wiesen- in jenen Gegenden oft bis in den Spätsommer hinein naß sind. Jetzt fing aber das Wasser an, uns fast bis an die Knie zu reichen; dazu wurde der Grund unter unseren Füßen immer weicher und nur mühsam konnten wir uns mit jedem Schritte aus dem Schlamme herausarbeiten. Das Pferd meines Begleiters machte uns dabei die meiste Noth; es zitterte heftig an allen Gliedern und gab durch allerlei Zeichen seinen lebhaften Widerwillen gegen unseren gefährlichen Nachtmarsch zu erkennen. Endlich konnten wir es geradezu nicht mehr von der Stelle bringen, es drängte nach der Seite aus, riß unter ein paar gewaltigen Sprüngen, denen mein Begleiter nicht schnell genug folgen konnte, diesem die Zügel aus den Händen und trat keuchend, dampfend und uns das Sumpfwasser in’s Gesicht spritzend mit wilder Eile den Rückweg an, bald in der Dunkelheit unseren Augen entschwindend.

Da standen wir nun mitten in der Nacht, offenbar wenn nicht schon innerhalb, doch mindestens sehr nahe einem jener Sümpfe, die sich dort häufig meilenweit in die wilde Gegend erstrecken, und schon das Grab manches Wanderers geworden sind. Die Musquitos, die uns in ganzen Schaaren umsausten, und die wir buchstäblich zu Hunderten mit den Händen aufgreifen konnten, fielen mit wahrem Heißhunger über uns her, und trieben uns fast zur Verzweiflung; Tausende von hellleuchtenden Käfern summten uns um die Ohren, die ganze Gegend wie mit einem feurigen Regen überschüttend. Dazu die Musik von Legionen von Fröschen, in deren einförmiges Quaken hier und da die mächtige Stimme eines Brüllfrosches, wie der dumpfe Donner eines Positionsgeschützes in das leichte Geknatter eines Plänklerfeuers, einfiel: – es war eine Nacht, wie man sie nur in diesen Wildnissen durchleben kann; eine Nacht, die man nicht leicht vergißt, die vielleicht in der Erinnerung angenehm sein mag, in der Wirklichkeit es aber keineswegs ist.

Da es nicht minder gefährlich schien, rückwärts wie vorwärts zu gehen, so hatten wir nur ein einziges Mittel, uns vor einem Nachtlager mitten in einem Sumpfe, das uns Beide unfehlbar auf’s Fieberbett geworfen hätte, zu bewahren, und das war einfach genug. Ich zog den Revolver und schoß eine Kugel in die Luft, – die Musik um uns her verstummte wie auf ein Zauberwort; eine zweite, dritte. Dann horchten wir athemlos. Nichts. Wir schossen weiter, zwischen je drei Schüssen jedesmal inne haltend und mit gespannter Aufmerksamkeit horchend. Da endlich knallte eine Antwort. Der scharfe kurze Schlag einer Büchse klang in unsere Ohren. Wir begrüßten ihn mit schwer zu schilderndem Jubel, und mein Begleiter ließ einen solchen schrillen und weitschallenden Pfiff durch seine schwieligen Finger, die er alle zehn an den Mund brachte, ertönen, daß die Frösche, die das Schießen schon anfingen gewohnt zu werden, abermals verstummten und erst wieder ihr Concert begannen, als wir den verwünschten Sumpf schon eine geraume Weile im Rücken hatten.

Wir folgten dem alten Manne, der uns aus dem Sumpfe herausgeloots’t und der auch das Pferd meines Begleiters eingefangen hatte, und nach etwa einer halben Stunde beschwerlichen Marsches durch dorniges Unterholz und dichtes Gestrüpp langten wir endlich durchnäßt, müde, hungrig, von Durst gepeinigt, vom Fieberfrost geschüttelt, in seinem ärmlichen Blockhause an. Ein tüchtiges Feuer, woran wir unsere Kleidungsstücke trocknen und unsere Glieder erwärmen konnten, war das Erste, was mir begehrten, und was uns bereitwillig gewährt ward. Dann verlangten wir etwas zu essen – für Geld natürlich; – Gastfreundschaft ist in diesen Gegenden eine Tugend des Luxus, man kennt sie so wenig wie diesen; die Leute sind meistens zu arm, um sie ausüben zu können, und Unglück und hartes Leben hat sie selbst hart gemacht. Der alte Mann entschuldigte sich mit sichtlicher Verlegenheit. Wir würden mit einem armen Nachtessen vorlieb nehmen müssen, meinte [88] er. Seine Frau sei krank und liege zu Bett, und er selbst habe keine Zeit gehabt, Brod zu backen; eine Kuh habe er seit gestern auch nicht mehr und Alles, was er uns geben könne, sei Mehl und Wasser. Das war freilich ein frugales Mahl nach solchem Marsche und wir bedauerten, unsere Tauben bereits unterwegs verzehrt zu haben. Indeß der Hunger macht zuletzt Alles möglich; – er hat mir später das nämliche Mahl elf Wochen lang gewürzt. Glücklicher Weise hatten wir Taback genug, und der Alte nahm mit Vergnügen den dargebotenen Beutel entgegen. Es schien ein lang ersehnter Genuß für ihn zu sein, denn er schmauchte seine kurze Thonpfeife mit offenbarem Behagen.

„Der mag auch mit dem Elend vertraut sein,“ dachte ich bei mir, als ich die gebeugte Gestalt, das magere Gesicht, die durchfurchte Stirn des alten Mannes betrachtete. Und doch hatte er bessere Tage gesehen. Er meinte, er sei nur erst ein paar Jahre hier, aber da er nur mit wenig Mitteln hergekommen sei und er das Geld zur Bezahlung seines „Claim’s“ in der Land-Office zu hohen Zinsen habe borgen müssen, so sei es immer rückwärts mit seiner Wirthschaft gegangen. Er habe schon vor einem Jahre die zweite Hypothek auf sein Grundstück aufgenommen, und sein Gläubiger – ein irischer Advocat – habe nur erst vor wenig Tagen gedroht, ihm die Farm wegzunehmen, wenn er nicht bezahle. Die Kuh habe er ihm bereits genommen, ohne sich um seine kranke Frau zu kümmern, der der Genuß der Milch gerade jetzt fast unentbehrlich sei.

„Elend und nichts als Elend,“ dachte ich. „Arme, geplagte Menschheit, wann wird deine Erlösungsstunde schlagen!“

Der Alte übertrieb nicht; ich sollte bald noch ganz andere Dinge zu sehen bekommen.

Mein Begleiter war nachdenklich geworden. Die Gesprächigkeit des alten Mannes ließ auch nach, und es ward bald so still in dem einsamen Blockhaus, daß wir deutlich die Athemzüge der alten Frau vernehmen konnten, die in einem mit rohen Bretern abgetheilten Raum des Hauses schlief. – Wir fühlten uns nach kurzer Zeit versucht, ihrem Beispiele zu folgen, streckten uns, in ein paar leichte wollene Decken gewickelt, auf das Lager nieder, das der Alte aus Stroh und Blättern für uns bereitet hatte, und waren bald genug fest eingeschlafen.

Ein lautes Klopfen an der Thür weckte uns erst ziemlich spät am andern Morgen.

„George Parker, George Parker! Aufgemacht!“ hörte ich draußen rufen. Ich rieb mir noch den Schlaf aus den Augen, als mein Begleiter schon aufgesprungen war. Er sah sehr blaß aus und zitterte heftig, große Schweißtropfen perlten ihm von der Stirn.

Der alte Mann öffnete die Thür, und ließ die Männer herein, die uns aus dem Schlafe gepocht hatten, und deren Pferde draußen angebunden waren. Der eine, eine kleine, dürre Gestalt mit gemeinen, abstoßenden Gesichtszügen, war der Gläubiger, von dem der Alte uns gestern erzählt hatte. Er entfaltete ein Papier, und las dessen Inhalt dem alten Manne mit näselnder Stimme und unverkennbar irischem Accente vor. – Die Farm so und so, im Township 112, Range 16, im County Lessueur, Minnesota Territory gelegen, sollte, wie es hieß, am nächsten Mittag öffentlich an den Meistbietenden versteigert werden.

Der alte Mann hatte schweigend zugehört, dann und wann einen Blick nach dem Krankenbette seiner Frau werfend. Als jener mit Lesen zu Ende war, setzte er sich nieder und verhüllte sein gramvolles Gesicht mit beiden Händen.

„Guten Morgen, meine Herren,“ sagte der dürre Mann mit der näselnden Stimme, sich mit seinem Begleiter zum Weiterreiten anschickend.

„Halt!“ rief plötzlich mein Reisegefährte, auf den kleinen Mann zuschreitend, und seine mächtige Hand unsanft auf dessen Schulter legend, „wie viel beträgt die Schuld?“

„Sir?„

„Wie viel die Schuld beträgt, will ich wissen!“

„350 Thaler, Ihnen zu dienen!“ war die Antwort.

„Da sind sie!“

Eine Handvoll achteckiger californischer Funfzigthalerstücke flog mit hellem Klange auf den Tisch.

„Ihr seid der Gläubiger, quittirt den Empfang, gebt die Schuldverschreibung heraus, macht die Subhastation rückgängig; ich werde dafür bezahlen!“

Der alte Mann entblößte das Gesicht. Ich sah zum ersten Male die Frau aus der Kammerthür treten; sie sah sehr bleich aus und ihre Lippen bewegten sich zitternd; ihre Blicke waren gespannt auf die Züge meines Reisegefährten gerichtet.

Das Geschäft war bald zu Ende. Der kleine Mann, der einen solchen Ausgang gewiß am wenigsten erwartet haben mochte, und der anfangs ziemlich verdutzt aussah, kam durch den Anblick des Goldes schnell genug wieder zur Besinnung, Er zählte die Stücke, prüfte sie, schob mit einigem Widerstreben ein paar derselben zurück, die über den Betrag liefen, steckte die andern sieben in seine Tasche, und händigte dem jungen Manne die Schulddocumente mit sammt der verlangten Quittung aus.

„Was verlangt Ihr für die Kuh, die Ihr der kranken Frau weggenommen habt?“ fragte mein Reisefährte weiter, nur mit Mühe seine Aufregung verbergend.

„Die ist in meinem Stalle,“ sagte der andere der beiden Männer; „für 50 Thaler könnt Ihr sie jeden Augenblick haben.“

„Bringt sie her, ich kaufe sie,“ war die Antwort. „Und jetzt macht, daß Ihr fortkommt, oder bei Gott“ – er wies nach der Thüre mit so unzweideutiger Gebehrde, daß die beiden Morgengäste schleunig und ohne Widerrede den Rückzug antraten.

Was weiter geschah? – Ich sah die alte Frau hastig auf meinen Begleiter zuschreiten, dem große Thränen über das braune Gesicht liefen. Sie sah ihn ein paar Augenblicke mit unbeschreiblicher Spannung an, sie streifte dann mit den welken, zitternden Händen das rothe Hemd von seinem linken Arme; – dann fiel sie ihm laut schluchzend um den Hals: „Mein Kind, mein liebes, liebes Kind!“

Das Mutterauge war schärfer gewesen; der alte Mann erkannte erst jetzt seinen Sohn und lange, lange lagen sich die Drei still weinend in den Armen.

Das elende Blockhaus war zum heiligen Tempel der Freude geworden, in dem drei glückliche Menschen weilten.



Ich ging am andern Morgen allein nach Lessueur, da es für meinen Gefährten jetzt dort nichts mehr zu thun gab. Nach einer langen und beschwerlichen Wanderung machte ich die Farm ausfindig, die ich zu suchen hatte, aber meinen Bruder fand ich nicht mehr. Er sei seit einigen Wochen abgereist, hieß es; wohin, konnte ich nicht erfahren. Es fehlte mir damals an Mitteln, seine Spur aufzusuchen, und ein Aufruf in den öffentlichen Blättern des Territoriums, das einzige, was ich zur Zeit thun konnte, blieb ohne Erfolg. Einige Monate später erst, als ich das erworbene Land bereits wieder verkauft hatte, und mich auf dem Rückwege nach Osten befand, las ich in dem Fremdenbuche eines Gasthofes am Minnesota seinen Namen. – „Am 16. Juni nach Fort Snelling gereist“ – hatte der Wirth dazu geschrieben. Im Fort selbst war nur noch eine Invalidenbesatzung anwesend; die Garnison – mein Bruder mit ihr – war schon Ende Juni aufgebrochen und durch Kansas nach dem fernen Utah gegen die aufständischen Mormonen marschirt. –

Ich wußte jetzt, warum ich so seltsam ergriffen war, als ich an jenem heißen Junitage mit dem Dampfboot, an Fort Snelling vorüber, den Minnesotafluß hinauffuhr, und die hohen Wälle des Forts im Nebel hinter mir verschwanden.

v. Gstz.