Genre-Skizzen vom Nordpol

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Textdaten
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Autor: H. B.
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Titel: Genre-Skizzen vom Nordpol
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 17, S. 225–227
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Genre-Skizzen vom Nordpol.
Die Gartenlaube (1856) b 225.jpg

Kampf mit Wallrossen.

Selbst der Tod hat sein Leben, seine Unsterblichkeit. Wir denken uns nichts Todteres, als den in ewigen Eis gebundenen Nordpol, die arktischen Regionen. Allerdings lebt er nicht, wie die Tropen in luxuriöser Blätter-, Blüthen- und Thierentwickelung; aber wie auch die brennendste, keimloseste Wüste Leben, zauberhaftes Wallen und Walten von Naturgesetzen durchzuckt, wie sie Humboldt sah und schilderte, arbeitet und baut und bildet auch der trostloseste Norden in unaufhörlicher Gestaltung und Zerstörung die erhabensten, glänzendsten Paläste und setzt selbst dem ewigen Eise seinen Floh in den Pelz. Die Heimath des Winters, wo er sich von seinen jährlichen Ausflügen nach dem Süden in grimmer Majestät unter ewigen Eispalästen erholt, ist großartiger, erhabener, klassischer in ihren Lebensgebilden als irgend eine andere Gegend der Erde. Der Winter ist ein Magiker, wie kein anderer. Während der Nächte um Weihnachten bemalt er oft alle Fenster eines ganzen Landes mit träumerischen Landschaften unbekannter Gegenden mit zackigen Bäumen und feenhaften Blumen. Die Höhen der Alpen krönt er alle Jahre frisch mit wundervollen Gletschern, wie mit Diademen reinen Silbers, und sonstigen Häuptern von Gebirgszügen hält er die weiße Königsmütze frisch und weiß, ohne sie zu waschen. Ueber Feldern und Wiesen und über jeden Baumzacken reist oft seine Arbeit in einer Nacht, das prächtigste Gewand von krystallenen Edelsteinen reinsten Wassers gewoben. Und wenn’s der Erdhaut bei uns gar zu kalt wird, hüllt er sie [226] oft plötzlich in einen dicken, warmen Schneepelz, unter welchem der Frühling sanft schläft und sich vorbereitet, in stillen Athmungen zur großen frischen Auferstehung jede Jahres.

Aber der große Magiker entfaltet seine wahren Zauberkünste im Norden, in den Regionen des Seehunds und Eisbärs, an den Gestaden des Polarmeercs. Wenn der kurze heiße Polarsommer schwindet und die Sonne immer länger unter dem Horizonte bleibt, bis sie sechs Monate lang gar nicht mehr aufgeht, dann beginnt der Magiker seine Zauberkünste.

Land und Wasser liegen, nicht zu unterscheiden, unter der blendenden schweigenden Decke des Schnees. Ein Weißes Leichentuch mit Todtenstille auf viele Hunderte von Meilen nach allen Richtungen. Nicht ein einziges in, Winde rauschendes Blättchen, kein nackter Strauch, keine Spur des ärmsten Mooses, nicht ein einziges Zeichen von Leben, so weit das Auge dringen, das Ohr horchen kann. Tod und Trostlosigkeit der starrsten Kälte scheinen allein zu herrschen. Aber der Tod ist Leben, ist selbst die energischste Arbeit, Leben zu erzeugen. So wird auch hier absoluter Tod die mächtigste Anstrengung, es leben, leuchten, kämpfen und arbeiten zu lassen. Zuweilen flittert und flickert ein blasscs, gelbes Licht am Horizonte auf und haucht einen magischen Widerschein über den weißen, lautlosen Tod grenzenloser Eisflächen. Es verschwindet, und Mond und Sterne gießen ihr schönstes Licht herab, es schreitet mit silbernen Schritten über die Höhen der Eisberge und gleitet mit schweigenden Küssen über die schlummernden Ebenen.

Und was fängt dort an zu bauen, von Innen und Unten herauf zu bauen? Gletscher thürmen sich auf wie durch vulkanische Kraft und gestalten sich zu Mauern und Wänden und spitzigen Kuppeln. In kühnen, wundervollen Bogen wölben sie sich auf zu der felsigen Küste, und auf der Ebene stellen sie sich zu luftigen Kolonnaden zusammen, wie zu Säulengängen alter egyptischer Riesentempel. Es sind keine todten Steine, es pulsirt Leben in diesen gigantischen Säulen und Wällen. Geisterhaftes, geheimnißvolles Licht von Doppel- und dreifachen, durch ungeheuere Farbenbogen vereinigten Sonnen zuckt und zackt durch die Himmel und blitzt herab auf die Eisbauten, und zahllose glühende Sterne flimmern hindurch. Die Eisberge glühen in azurnen und silbernen Flammen, und der rosig überhauchte Schnee blitzt zuweilen freudig auf, während der Himmel feine elektrischen Telegraphen und Lichtsriften herabspielen läßt. Licht und Leben kämpfen überall mit Finsterniß und Tod. Dann und wann breitet sich ein geisterhafter schweigender Schimmer über den ganzen Gesichtskreis, als wollte Auferstehung durch die Nacht des Todes brechen. Tiefe, starke Schatten ruhen neben glänzenden Höhen, wie der bittere Tod dem Sterbenden süße Hoffnungen eines künftigen Lebens einflößt, um sein Auge ruhig zum letzten Schlummer zu schließen.

Wenn endlich die lange Nacht wirklich zusammen schwindet und sich für den langen Tag zurückzieht, bricht auch diese Zauberei des polarischen Winters mit zusammen und aus. Nun stürzen sich schäumende, donnernde Ströme von den Höhen der Eisberge, und die wild auftriumphirenden Wogen des polarischen Oceans zerbrechen krachend ihre schweren, eisigen Fesseln, von denen sie so lange gebunden waren. Ungeheuere Fluthen, viele Geviertmeilen übertosend, reißen sich los, donnernd und jeden Widerstand niederwälzend nach allen Seiten. Gigantische Eisgebirge, unterminirt von freiheitsdurstigen Wassern, zittern und dröhnen, ehe sie mit furchtbarem Getöse ihre hohen weißen Häupter in den dunkeln Ocean stürzen. Die siegenden Wogen springen auf in triumphirender, weißen Schaum zum Himmel spritzender Freude, so oft sie einen solchen Feind stürzen und sich ersäufen sehen. Die Eisschlösser zerfallen zu den malerischsten Ruinen, die langen Arkaden zerbröckeln zu unförmlichen Haufen, die feenhaften Lichter erlöschen eins nach dem andern, und die ganze brillante Zauberwelt schmilzt zusammen, wie ein Traum beim Erwachen.

Dies sind die oberflächlichen Wunder nordpolarischen Lebens.

Größere bergen sich unter der Oberfläche, wahre Wunder, deren Lösung der forschende Menschengeist seit Jahrhunderten versuchte. Um und durch die Erde wallen fortwährend geheimnißvolle Geisterströme. Sie fallen und steigen wie Ebbe und Fluth des Meeres. Sie dringen in das Herz der Erde und empfangen ihre Pulsschläge daher. Sie wohnen gern in – Eisen und wo sonst noch? Sie schreiten auf unsichtbaren Wegen durch die Lüfte, durchdringen und umschweben jede Pflanze, jedes Leben, zünden die Nordlichter und färben die Finger Aurora’s rosig. Sie sind, wenn nicht Mütter, so doch Träger des Lichts auf Erden und in der Sonne. Was dem Alchemisten früherer Zeiten Liebe und Feindschaft unter den Erdkörpern war, ist uns jetzt Magnetismus, Elektricität, Chemismus. Wenn wir nur genau wüßten, was das nun wieder wäre? Der Geist des Magnetismus hat seine Heimath im unerreichbaren Norden.

Um die Küsten des großen Polar-Oceans strecken sich weit und breit Länder und Inseln, neun Monate oder länger, aber immer mit Schnee und Eis verschlossen. Hier wächst keine Pflanze, kein Baum. Nur in dicht umschützten Thälern wagen sich einige armselige Blüthen und Beeren rasch hervor. Graue Moose und sammetne Cryptogamen nehmen aber die wenigen Sonnentage wahr und bedecken die starrsten Felsen und die Ufer riesiger Ströme mit weichen Teppichen. Ein breiter Gürtel solcher Moosteppiche umschlingt die Taille des Nordpols, besternt mit zackigen Felsen, gemustert durch dunkele Sümpfe und Moräste. Diese Oeden würden lebensunfähig sein, wenn sie nicht durch zahllose Heere und Heerden von Rennthieren schon Leben hätten, und diese die eigentliche Lebensquelle ganzer Menschenracen wären. In den todtesten Wüsten ist die Fülle und Kraft und Energie des Lebens gerade am Wundervollsten. Wenn der Polarwinter am grausamsten und die Stürme am wüthensten, eilen diese graubraunen, hirschartigen Heerden in unabsehbaren Reihen und eisenbahnschuell nach den südlicheren Gegenden immergrüner Fichten, und die Berglappen dazu, welche mit ihren Heerden und Hütten wahrhaft wie die Zugvögel leben. Es ist ein nobles Schauspiel, diese unzähligen Schaaren wohlgestalteter, kräftiger Thiere mit deren graciös gewundenen Geweihen hoch in der Luft, so daß sie in der Ferne wandernden, laublosen Wäldern gleichen, über ungemessene Strecken mit ihren wohlgeschützten Hufen dahin knattern zu sehen und zu hören. Und wie sie sich im lustigsten Uebermuthe einander jagen und wie auf Schwingen über die schneebedeckten Steppen fliegen! Haben sie endlich nach hundertmeiligen Reisen den sichern Schutz des Waldes erreichn, stehen sie oft stundenlang still und bewegungslos, wie Theile des Waldes, dicht an einander gepreßt, um sich zu wärmen. Nach dem Sturme und erwärmt vertheilen sie sich in neuer Lebenslust, und wissen den Baumrinden und den aufgekratzten Moosen Nahrung abzugewinnen. Sie haben die feinste Witterung und wissen genau, wo Moos ist, und sollte es noch so tief verborgen und unzugänglich sein. Mit ihren mächtigen Hufen arbeiten sie sich oft sechs bis acht Fuß in den Schnee hinein und finden immer, was sie suchten und witterten. So leben sie bis der Frühling naht, ihr grimmigster Feind, nicht der nahende, sondern oft plötzlich in Millionen von Bremsen und Stechfliegen über sie herstürzende Frühling. So wie sie nur das fernste Summen eines solchen Feindes hören, fliehen sie in Schaaren zu Tausenden unaufhörlich nach dem Norden zurück. Aber nicht selten werden sie von ganzen, schwarzen Wolken dieser Feinde eingeholt und überfallen. Diese legen ihre Eier in deren Haut, Nasenlöcher, Gaumen, und werden so auf ihrer Flucht zu Hunderten zerstochen und in tedte Beulen und Geburtsstätten neuer Infekten verwandelt. Erst im Norden sind sie wieder sicher und finden neue Felder unabsehbaren Mooses, von dem sie sich zuweilen förmlich mästen. Aber auch die den Insekten entgangenen Eilwanderer erreichen nicht alle ihre Reiseziele. Beim Durchschwimmen der großen, breiten Flüsse werden sie von Tungusen und Samojeden überfallen, durch wildes Geschrei erschreckt und durch einander gehetzt, so daß sie sich mit ihren Geweihen verwickeln und rathlos und verwirrt dem Schlachtmesser verfallen. Gierig stößt der listige Tunguse seinen Fellkahn unter diesen Wirrwarr und durchsticht sie mit den zugespitzten Knochen früher gefallener Collegen zu Hunderten, um alle seine Bedürfnisse daraus zu befriedigen, oder er wirft ihnen Schlingen über’s Geweih, zieht sie an’s Ufer und zähmt sie mit wunderbarer Schnelligkeit, so daß sie seinen Fellschlitten schneller über die Ebenen ziehen, wie bei uns ein Eisenbahuzug läuft. Die Entkommenen werden auf ihren Wanderzügen nicht selten noch von Wölfen und Eisbären überfallen, die ihre Pfade, von denen sie nimmer abweichen, kennen und ihnen dort auflauern. Tungusen und Samojeden, Lappen und Esquimaux treibnn mit Rennthierprodukten und kostbaren Pelzwerken nicht selten Handel bis zu tausend Meilen weit entfernten Grenzen der Civilisation, über welche sie mit ihren Rennthierschlitten hinfliegen, bis sie in Amerika oder [227] Sibirien einen Handelsort erreicht haben. So eine Reise dauert oft sechs Monate auf weglosen Steppen ohne Spur von Leben und Lebensunterhalt. Aber er stirbt so wenig, wie sein Thier. Wie letzteres kratzt er Nahrung aus der Erde, die scheinbar nichts enthält. Er ist in seiner Weise pfiffiger, schärfer, erfinderischer, als unsere größten Genies.

Ganze, zahlreiche Nationen um die Gestade des Polarmeeres herum leben ausschließlich von Rennthieren und Nichts. Ohne das Rennthier wären die nördlichen ungeheuren Länderstrecken von Amerika und Asien für Menschen unbewohnbar. Von diesem Kameele der Nordwüsten leben einige Millionen Menschen. Selbst die Fische sind nur durch das Rennthier zugänglich. Es liefert Köder und zieht den fern vom Meere verkrochenen Lappen und Finnen blitzschnell zu den Gestaden, wo die kurze Sommerperiode ihm Fische für’s ganze Jahr liefert, mit denen beladen er in seinem fliegenden Baumstamme, beschwingt vom Rennthiere, zwischen seine Felsen und zu seiner öligen, gelben Familie zurückkehrt. Sie fahren und reiten auf Rennthieren, sie melken ihre Rennthiere und rufen sie beim Namen, den jedes hat und dem jedes gehorcht, und gebrauchen in ihrer sonst bitterarmen, krächzenden Sprache 76 liebe Namen für ihr geliebtes, unerläßliches Rennthier im Allgemeinen, ohne die individuellen Taufnamen.

Zu den wunderlichsten Bewohnern dieser geheimnißvollen Gegenden gehört ein Thier, das in Wirklichkeit „weder Fisch noch Fleisch“ ist, mit dem selbst die Herren Naturforscher nicht viel anzufangen wissen und dem die Seefahrer und Küstenbewohner die verschiedensten Namen gegeben haben, wie Seekuh, Seepferd, Seelöwe, obgleich es weder mit einer Kuh, noch einem Pferde, noch einem Löwen irgend eine Aehnlichkeit hat. Besser ist der andere Name Seeelephant, am häufigsten aber der Name Wallroß. Das Thier ist zwar ein recht plumpes Geschöpf, von der Größe eines richtigen Ochsen, aber harmlos wie ein guter Bürger; zwar sehr häßlich, aber gesellig, liebenswürdig, heiter und muthwillig; zwar mit einer sehr harten Haut, aber mit einem gar weichen Herzen begabt, das Liebe und Freundschaft in höherem Maße fühlt, als Tausende von Menschenherzen. Wie das vielverbreitete und wohlbekannte „gute Thier“, der Philister, nur dann wüthend wird, wenn man ihm an den Geldbeutel greift oder ihn in seiner Bequemlichkeit stört, so wird das harmlose, liebenswürdige Wallroß nur dann kampflustig, grausam und blutgierig, wenn man sein gutes Herz verletzt, wenn man seine lieben Kleinen anzutasten wagt oder sich an seinen Freunden vergreift. Und seine Freunde sind alle Wallrosse. Die eigenen Leiden erträgt es mit exemplarischer Resignation. Greift das grausamste Geschöpf auf Erden, der Mensch, ein harmloses Wallroß an, so springen die andern aus Ruhe oder Schlaf auf oder unterbrechen ihre Spiele auf dem Eise, um dem Verfolgten zu Hülfe zu eilen. Eine solche Scene zeigt die Abbildung. Die Mannschaft des Schiffes Trent fühlte Langeweile und einige Matrosen erhielten die Erlaubniß, in einem Boote den Versuch zu machen, einige Wallrosse zu fangen, die sie in der Ferne auf dem Eise und in dem Wasser bemerkten. Es gelang ihnen, Eins zu überrumpeln und zu harpuniren. Aber kaum hatte es einen Schmerzenslaut von sich gegeben, so streckten sich überall aus dem Wasser dicke Köpfe mit langen Hauern und von allen Seiten kamen Wallrosse racheschnaubend dem Verunglückten zu Hülfe. Sie drängten nach dem Boote der Feinde, hieben mit den mächtigen Hauern in die Planken desselben, um es zu zertrümmern, oder packten die Schiffer, um sie mit sich in das Meer hinabzuziehen. Dazu brüllten oder tobten sie in schauerlicher Weise. Die Angegriffenen wehrten sich mit Spießen, Beilen oder Gewehren so gut sie konnten; aber an der Stelle eines erschlagenen Wallrosses traten immer wieder neue Kämpfer, und die Männer wurden endlich vom Morden müde und sie würden zuletzt den wüthenden Thieren haben unterliegen müssen, wenn man ihnen nicht von dem Schiffe Hülfe in andern Booten gesandt hätte.

Und ein Kampf mit einem Wallroß ist etwas Fürchterliches. Das Thier ist wegen seiner dicken zähen Haut nicht leicht verwundbar; es besitzt eine ungeheure Kraft; seine spitzen schweren Hauer zerreißen und zermalmen, was sie berühren, und sein Muth ist so groß, daß selbst der fürchterliche Eisbär, mit dem es eine entfernte Aehnlichkeit hat (wie unser Bild mit dem berühmten Eisbärenkampfe von Biard in der Schletter’schen Sammlung in Leipzig) ihm meist unterliegen muß.

Die Wallrosse, die, wie gesagt, sehr gesellig sind, zeigen sich manchmal in Heerden von Hunderten und es sieht possirlich genug aus, wie diese plumpen Geschöpfe auf großen Eisflächen liegen oder mit einander spielen; noch possirlicher, wie eine ängstliche Wallroßmutter ihr kalbsgroßes zartes Kleine vor irgend einer Gefahr bergen will, dasselbe unter den linken Arm (d. h. die linke Vordertatze) nimmt, so mit ihm fortläuft, dann kopfüber mit ihm sich in das Wasser stürzt.

Man jagt die Wallrosse ihres Thranes, namentlich aber ihrer Hauer wegen, die noch härter sind als Elfenbein und zu verschiedenen Arbeiten verwendet werden. Mittelst dieser Hauer klettert das Thier an hohen Eisfelsen hinauf, wie es sich derselben auch als Stütze bedient, um auf glatten Eisflächen sich fortzuhelfen.

Wovon die großen Thiere leben, weiß man eigentlich noch nicht recht genau; sie fressen Seegras, das ist gewiß, sie sollen aber auch, wie die Holländer, eine große Vorliebe für die Häringe haben, und große Mengen dieser überall verfolgten Fische verzehren.

Davon leben und existiren die Wallrosse. Aber jenseits der nördlichsten amerikanischen Küsten, wo der Schnee nie thaut und nie etwas Naturleben sich versucht, leben noch Menschen. Kapitain Roß entdeckte im nördlichsten Theile der Baffins-Bay auch einen Menschenstamm von 200 Seelen, die niemals etwas von noch andern Menschen gehört und gesehen und ihre armselige Höhle zwischen Felsen für die ganze bewohnte Erde hielten, alles Uebrige für eine ewige Masse von Eis. Sie hatten keine Erinnerungen, keine Traditionen, keine Gesetze, kein Mein und Dein, kaum Bewußtsein und nur einige kindische, grunzende Beschwörungsformeln ließen auf einen Keim früheren Glaubens und Ahnens schließen.

Bis zum Nordpol selbst ist’s aber von den äußersten Grenzen, wohin bis jetzt Menschen drangen, noch eine kleine Ewigkeit weit. Wie sieht’da aus? Es ist nicht desto kälter, je näher man dem Pole kommt. Wenn’s nun gar am Pole selbst sehr warm wäre, könnten da noch Menschen wohnen, mehr und glücklichere, als die in ganz Europa. Vielleicht findet man noch eine Chaussee dahin. Einstweilen wollen wir uns mit der bekannten, noch sehr unbekannten Erde begnügen und schließlich unsern alten Schulfreund Friedrich Körner in Halle, der neulich vom Südpole schrieb, grüßen.
H. B.