George Sand und ihre Kinder

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Autor: unbekannt
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Titel: George Sand und ihre Kinder
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aus: Die Gartenlaube, Heft 46, S. 736
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: George Sand und ihre Familie
Blätter und Blüthen
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[736] George Sand und ihre Kinder. In neuester Zeit ist die Aufmerksamkeit der Welt auf die Kinder von Frau Sand gelenkt worden, deren sie zwei aus ihrer unglücklichen Ehe mit Herrn Dudevant besitzt. Es sind dies Maurice Sand, auch ein Schriftsteller, der vom Kaiser Napoleon in Anbetracht des Ruhmes seiner Mutter decorirt wurde, weil man nicht das Herz hatte, das Weib Sand mit dem Orden zu zieren, – und die Tochter der Sand, Frau Clesinger, die von ihrem Gatten geschiedene Frau des bekannten Bildhauers. Die beiden Geschwister haben kürzlich einen Proceß gegen ihren Vater, Herrn Dudevant, geführt, der sein Vermögen und das Erbe seiner Kinder vergeudet. George Sand besitzt bekanntlich das kleine Schloß Nohant, welches sie seit Jahren bewohnt, und ihr Sohn, Maurice Sand, lebte mit seiner Frau bei ihr. George Sand verließ ihre Heimath jedoch vor einigen Jahren in Folge eines Conflictes mit ihrem Sohne und bezog eine Wohnung in den Pariser Vorstädten; mit ihr zog ein ältlicher Mann, der einst als Gast nach Nohant gekommen und zehn Jahre dort geblieben war, die letzte Liebe der George Sand. Die Dichterin, welche das Geschick der Sappho oft erlebt, sich jedoch immer nur in erhöhte Thätigkeit gestürzt hatte, besitzt eben noch so sehr die Gabe zu fesseln, daß der Freund ihr sein Leben weihte und sie, von so viel Anhänglichkeit gerührt, sich für ihn entschied, als Maurice Sand, Rücksichten auf die Familie seiner Frau vorgebend, der Mutter Vorstellungen machte. Sie trennte sich von ihrem geliebten Besitze, vom Sohne und dessen Familie, zog in die Nähe von Paris und wohnte da mit dem alten Freunde, den sie in langer Kränklichkeit aufopfernd verpflegte, bis dieser starb. Jetzt lebt sie wieder in Nohant.

Das Leben hat der genialen Frau wenig Glück gebracht und Alfred Meißner hat nur zu Recht, wenn er in seinem Gedichte an George Sand sagt:

„Viel Kronen giebt es, dunkle, dornenvolle,
Die Gott den Kindern seiner Erde lieh;
Die schwerste doch, mit der der Herr im Grolle
Ein Weibeshaupt bekränzt, ist – das Genie!“

Auch ihre Tochter erbte dies Verhängniß. George Sand übergab dieselbe als Kind der Vorsteherin eines Instituts mit den Worten: „Lehren Sie dieselbe Alles, was man im Leben braucht, aber verschonen Sie das Mädchen mit allen Dummheiten, die man gewöhnlichen Kindern einprägt.“

Nach diesen, wahrscheinlich noch deutlicher kundgegebenen Grundsätzen wurde das Kind erzogen und trat so, viel wissend, aber ohne sicheren Halt, in das Leben. Sie heirathete den Bildhauer Clesinger und das Resultat war eine unglückliche Ehe; man sagt, der Mann sei unerträglich gewesen. Frau Clesinger wurde von demselben getrennt und bezog mit ihrem Kinde ein Hotel garni; dort lernte sie eine Dame kennen, die öfter in das Haus kam, da ein alter Verwandter von ihr in demselben wohnte. Diese alte Dame stellte der jungen Frau das Unpassende ihres Aufenthalts in einem Hause vor, wo fast nur Männer lebten, und die Tochter von George Sand faßte eine innige Freundschaft für die mahnende Rathgeberin, bezog eine eigene Wohnung und gab ihr Kind in ein nahegelegenes Institut.

Die Freundin bot Alles auf, um der einsam lebenden Frau einen Halt zu geben, und sondirte auch die Seite der Religion; man kann denken, wie die fromme Dame erschrak, als sie bemerkte, daß Frau Clesinger nie von Religion reden gehört. Nun bemühte sich die Dame auf’s Aeußerste, die junge Frau zu bekehren, und es gelang ihr, dieselbe zu dem Entschlusse zu bewegen, zum Abendmahl zu gehen. Nur bat Frau Clesinger, die Erlaubniß ihrer Mutter zu diesem Schritte einholen zu dürfen. Schon bangte die fromme Freundin, da erhielt sie einen Brief von der George Sand, der zu dem Schönsten gehört, was diese Frau geschrieben, und worin dieselbe, ihre eigenen Ansichten wahrend, ihrer Tochter völlige Freiheit ertheilte. Fände diese im Glauben ihr Glück, so wäre George Sand die Letzte, sich nicht darüber zu freuen; sie suche die Welt aufzuklären, zu belehren, sei aber weit entfernt, Jemand ein Glück zu rauben, für welches sie keinen Ersatz zu bieten vermöchte.

Frau Clesinger suchte Trost und Stütze bei der Kirche, sie lebte zufrieden und rein; da brachte man ihr eines Abends um zehn Uhr die Leiche ihres Kindes, das plötzlich im Institut gestorben war, und zwar brachte es der mit dieser Mission betraute Mann unter dem Arm wie ein Paket und übergab es der trostlosen Mutter. Man wollte das Kind, das einer Epidemie erlegen war, nicht eine Minute länger in der Erziehungsanstalt behalten. Nach der Beerdigung ihres Lieblings schrieb Frau Clesinger einen Brief an die Freundin, in welchem sie diese bat, sich nicht mehr mit ihr zu beschäftigen; sie sehe jetzt, daß es auf dieser Welt keine Gerechtigkeit gebe, und fürchte, fortan nicht mehr der Freundin würdig zu sein.

Sie hatte eben nur die Aeußerlichkeiten der Religion begriffen; das innere Wesen derselben, die Kraft einer gesunden keuschen Moral war ihr fremd geblieben, und so kam die Verzweiflung über sie.